#149 Ein Pint Guinness auf der Autobahn

20. Februar 2020


Dienstag, 18. Februar 2020

So viel Umbruch im Café Riptide, so viele Gerüchte im Umlauf, so viele offene Fragen! Sicher ist: Der jetzige Standort ist nicht zu halten, das Café muss nach über zwölf Jahren aus dem Handelsweg wegziehen. Leider. Doch es gibt eine Zukunft, das stellen Chris und André in Aussicht, nur über den neuen Ort schweigen sie sich noch beharrlich aus, auch den Medien gegenüber, die etwas vom Magniviertel spekulieren. Ob das überhaupt stimmt und wenn ja, wo genau, also in welcher Nachbarschaft, spoilert indes niemand.

Was das für die gegenwärtige Nachbarschaft bedeutet, also den Handelsweg, wer also Nachmieter vom Riptide wird, ist ebenfalls offen. Konzerte zumindest richtet nun auch Stecky aus, der ja seit Sommer das Tante Puttchen betreibt und sich im Herbst auch das leerstehende Café Drei gegenüber sicherte, um es als „Kleiner Onkel“ für private Feiern zu vermieten oder eben Konzerte dort auszurichten. Von Iggy weiß ich zum Beispiel, dass er Gaea, einen befreundeten Hiphoper aus Portugal, bei Stecky unterbrachte; vergangene Woche trat der dort mit JPen aus Braunschweig auf. Das läuft also weiter.

Ich jetzt auch, und zwar ins Riptide, nicht, um möglicherweise Fragen beantwortet zu bekommen, sondern um Schepper zu treffen. Den sehe ich dort aber noch nicht, dafür laufe ich an der Theke Robert in die Arme. Der lässt sich von André über eine gesuchte Schallplatte beraten und hat dort außerdem seinen Kistenfund abgelegt, die „Sensation EP“ von Slut als 10“. Von denen hat Robert bislang nur eine CD, „Songs aus der Dreigroschenoper“ aus dem Jahr 2006: „Die spielen sie anders als Kurt Weill, in ihrer Instrumentierung“, erklärt Robert, und davon sei er so begeistert, dass er sich eben zehn Jahre später „nebenbei“ einfach mal diese Schallplatte mitnehmen möchte. Beide wissen wir, dass die Band aus Ingolstadt kommt, aber nicht, ob es sie heute noch gibt. Robert dreht die 10“ um und entziffert das Kleingedruckte: „1997 aufgenommen in Weilheim, von Console“, stellt er fest. „Aha, die stecken alle unter einer Decke!“

Jetzt hat André nach Blick in den Computer Auskünfte zu Roberts Vinylwunsch. Dabei handelt es sich um Fugazi, „etwas aus der Vergangenheit“, erzählt Robert: „Ich habe etwas gesucht und im Keller alte Kassetten entdeckt.“ Die schleppte er in seine Küche, denn dort hat er noch einen Kassettenrekorder stehen: „Also höre ich sie“, er druckst etwas, „beim Abwaschen.“ Darunter eben die „Repeater“ von Fugazi, außerdem NoMeansNo und Primus. Gutes Zeug, und gerade heute las ich, dass Primus mit einem Tribute-Programm für Rush auf Tour gehen, vermutlich anlässlich Neil Pearts Tod. Das passt gut, weil Primus‘ Debüt mit einem Rush-Zitat beginnt: Das Intro von „YYZ“ eröffnet „John The Fisherman“ auf der „Suck On This“.

Bei so viel altem Zeug kommt Robert jedenfalls gar nicht hinterher, das ganze Neue aufzuarbeiten: „Ich habe für ein Jahr Bücher und Musik liegen“, winkt er ab. Und erklärt, dass er sich gern quasi an etwas festbeißt, das ihn begeistert, und es „dauernd“ immer wieder hört, auch ältere Wiederentdeckungen. Außerdem ist er seit einigem Monaten Teil einer sechs-, siebenköpfigen Gruppe von Leuten, die sich einmal im Monat ihre Lieblingsmusik vorspielen: Jeder bringt eine viertelstündige Auswahl mit und erläutert, was ihm daran so wichtig ist, und das Ganze im Rahmen eines Essens. Noch mehr Material zum Hören also: „Das gab einen großen Haufen neuen Input“, strahlt Robert, „das bereichert mich.“ Wie der ganze soziale Austausch dieser Abende überhaupt: „Statt Spielen oder sich sinnlos betrinken.“ Die Stilpalette der Runde sei sehr breit, erzählt er: „Eine kommt aus dem Bereich Doom-Metal, das ist eigentlich nicht meins.“ Doch habe sie immer etwas dabei, das ihn begeistere.

Dabei ist Robert selbst ein Musiker, der begeistert: Zuletzt sah und hörte ich ihn im Oktober beim von Amy-Baker-Schlagzeuger Paul organisierten Open Arsch (Closed) im Wolfsburger Hallenbad, als er mit Lump auftrat. Robert erlebe ich als Antithese zum Hybriden, sozusagen als Weder-Noch: Er spielt weder Rhythmen noch Melodien auf seiner Gitarre, sondern – beides, und auch beides nicht, aber einem beim Jazz geschulten Noiserock entlehnt, lückenhaft, dezidiert, eigenwillig, unvorhersehbar, einnehmend, groovend.

Auch Robert bewegt die Frage nach dem Weitergehen im Riptide, von André möchte er wissen, ob es eine Lücke zwischen Schließung und Neueröffnung geben wird. „Vielleicht eine Woche“, sagt André. Ab Anfang März wird das alte Riptide „für eine gewisse Zeit“ geschlossen, weil dann der Umzug beginnen soll, und das Neue soll „Anfang, Mitte April“ an den Start gehen. „Hier wird auch aufgemacht“, sagt André, für eine Art „Abrissparty“, aber: „Die Platten sind dann schon rübergebracht.“ Noch mehr Details dazu habe Chris, der das Projekt parallel voranbringt und deshalb nicht hier vor Ort ist.

Für mich bedeutet das zumindest, dass ein riesiger Wunsch noch in Erfüllung geht: Ich lege einmal im Rahmen von Sound On Screen im alten Riptide auf. Mit keiner Einrichtung war ich jemals so eng verbunden wie mit dem Café Riptide, da stand ich am allerersten Tag an der Theke, damals, 16. September 2007, mit Micha, den ich da erst kennenlernte. Einen Monat später begann ich diese Chronik, ich hatte bald danach eine Fotoausstellung mit einem Auftritt von Schepper, Toddn veröffentlichte Auszüge aus dieser Chronik als Buch und ich las im Riptide daraus vor, abermals mit Schepper sowie mit Sibylle als Moderatorin, einmal legten Uwe und ich im Café auf – und überhaupt erlebte ich ausufernd viel in diesem Riptide, das für mich und mein Leben eine erhebliche Bereicherung ist. Ich bin André und Chris unendlich dankbar für all diese Erlebnisse, und die Aftermovie-Party von Sound On Screen bestreiten zu dürfen, ist eine riesengroße Ehre für mich. Am 19. März läuft im Universum-Kino „Mystify“, die Dokumentation über INXS-Sänger Michael Hutchence, und ich darf anschließend meine liebsten Achtziger-Hits spielen.

Die darauf folgenden beiden Filme der Reihe sind „Elektrokohle (von wegen)“ über die Einstürzenden Neubauten am 17. April, an dem wir dumerweise parallel mit Rille Elf den 23. Ball im Bierhaus ausrichten, und die Dokumentation „Cairo Jazzman“ am 28. Mai. Unter beiden Filmen steht auf dem Flyer explizit, dass das Folgeprogramm im Riptide stattfindet; im April eine themengemäße DJ-Party und im Mai ein exklusives Konzert mit dem Laokoon Trio. Das regt natürlich zu Spekulationen an: Wenn der Mietvertrag erst Ende August ausläuft, sind damit dann noch die alten Räume gemeint – oder übernehmen Chris und André den vertrauten Namen für den neuen Ort und die Shows laufen dort? Sicher ist: Es geht weiter, und das beruhigt.

Und noch ist von einem Ende im Riptide auch nichts wahrzunehmen, sieht man einmal von den leeren Wänden ab, an denen zurzeit keine Kunst hängt, aber das war auch früher schon immer mal so, zwischen zwei Ausstellungen sind die Wände eben kahl. Ansonsten ist alles wie immer. Die Weihnachts-CD von The Twang liegt neben der Muffin-Vitrine, der Stapel Riptide-Aufkleber auf der Theke will dezimiert werden, alle Tische sind belegt, Gäste lümmeln sich auf dem Sofa, die Glitzerkugel strahlt, die Spiele stapeln sich am Fenster, neue Platten stapeln sich in den Fächern. Alles ist so vertraut.

Auch eine rote Kerze brennt noch auf der Theke. Daneben steht das Bild von Dirk, der einen Tag vor Silvester verstarb und der für viele Menschen, nicht nur aus dem Riptide, ein wichtiger Freund war. Aktiv war Dirk im Nexus, und dort fand im Januar auch die Trauerfeier für ihn statt – so warmherzig, so emotional, so berührend. „Für immer mit uns“, steht auf dem Foto im Riptide, und „Rest in Power“ schrieb das Nexus auf ein großes Transparent. Das hing auch am zurückliegenden Wochenende noch dort, als das Nexus den 15. Geburtstag feierte und immer wieder an Dirk erinnerte. Der Filmabend am Donnerstag etwa war ihm gewidmet. Ich lernte Dirk in meinem Auto kennen, als wir 2016 mit Nils nach Wolfsburg ins Ost fuhren, um dort Der Weg einer Freiheit zu sehen, wobei die beiden eher wegen der Band Fäulnis dort waren. Nicht nur bei den Indie-Ü30-Partys und im Nexus-Plenum traf ich Dirk danach immer mal wieder. Es rührt mein Herz, wie man allerorts seiner gedenkt.

Schon merkwürdig: Vor fünf Jahren bereits wurde mir bewusst, dass die Indie-Ü30-Party nur zwei Jahre jünger ist als das Nexus, und je älter beides wird, desto geringer scheint dieser Abstand in der Relation zu sein. Irgendwann empfinde ich beides womöglich als gleichalt, dabei war das Nexus für mich bereits etabliert, als Henrik und ich dort 2007 wegen der Party vorsprachen. So ähnlich ging es wohl auch der Tochter eines Bekannten, die bei der Geburtstagsfeier am Samstag meinte, das Nexus gab es schon, als sie begann, wegzugehen: „Es muss also älter sein als ich!“ Vielleicht stimmt es also, was Plautzenotto Nils als Sänger von E-Egal kurz darauf behauptete, dass das Nexus nämlich bereits 750 Jahre alt ist.

Ganz abgesehen davon, dass E-Egal vortrefflich mitreißenden Skapunk auf das rappelvolle Nexus niedergehen ließen – wie allein der Bass groovte! –, zeichnete sich Nils ohnehin durch humorige Ansagen aus. Der Bruder des Kackschlacht-Musikers Thomas, bei E-Egal an der Gitarre, sei nach Essen gezogen, brüllte Nils in die Menge: „Und wisst ihr, wer da herkommt?“ Erwartungsvoll blickte er in die Gesichter der verwirrten Leute, die eigentlich tanzen und feiern wollten, und löste dann selbst: „Juliane Werding!“ Nun, der offenbar erwartete Effekt blieb etwas aus, aber wenigstens Thomas murmelte: „Was du alles weißt!“ Nils setzte fort: „Und für welches Lied ist sie bekannt?“ Thomas riet: „Ein bisschen Frieden.“ Entnervt sah ihn Nils an: „Das war doch Michelle!“

Das kunterbunte Familientreffen endete mit einem Pleasure Park, Chris‘ früherer Partyreihe im Nexus. Henrik und ich wiederum legen am 28. März wieder im Nexus auf, bei der 26. Indie-Ü30-Party. „Wir wechseln zum zweiten Mal das Jahrzehnt“, stellte Henrik kürzlich fest. Und das mit einer lustigen Idee, die wir mal eben im Auto von Celle nach Hohnhorst hatten. Ein Geschenk!

Plötzlich steht Schepper neben mir. „Ich hab dich schon von gegenüber gesehen“, erzählt er. Da trieb er sich also herum, in der Rip-Lounge! Bei Melissa gibt er seine Bestellung auf: eine Fritz ohne Zucker und eine ganze Kanne Ingwertee. Ich schließe mich mit einer Karamellfritz an und folge ihm in die Rip-Lounge. Dort blättert er am großen Fenster sitzend in seinem Musiker-Magazin und sinniert wehmütig über diesen fabelhaften Ort. Es ist schön, dass es mit dem Riptide weitergeht, und es ist schade, dass es nicht hier ist, da sind wir uns einig. „Das Riptide ist wie ein Raumschiff, das hier gelandet ist“, versucht sich Schepper an einem Bild.

Die Wand neben Schepper ist blank: Dort hing bislang noch der „Tat-O-Mat“, der Kunstautomat der Künstlerinnengruppe Tatendrang. Für uns liegt die Vermutung nahe, dass das auch schon mit dem Umzug zusammenhängt. Wir betrachten den Sound-On-Screen-Flyer mit dem Programm von März bis Mai, der in dem Speisekartenhalter vor uns klemmt, und freuen uns, dass diese Reihe offensichtlich fortbestehen wird. Die Filme an sich sind zwar sicherlich auch ohne Aftershow zeigbar, aber mit dem Riptide hat Sound On Screen einfach einen viel größeren kulturellen Wert. Oder, wie Schepper es ausdrückt: „Das Riptide ist für Sound On Screen die Sahne mit Kirsche auf der …“ Er überlegt kurz und ruft dann: „Pizza!“ Kopfschüttelnd stellt er fest: „Ich hab Wortstörungsfindung.“

Durch zwei Scheiben erblickt Schepper gegenüber im Café Jörg, seinen Physiotherapeuten. Und Jörg kommt noch kurz zu uns herüber, bevor er nach Hause geht. Schepper und er plaudern über Musik, und dabei lässt Schepper durchblicken, dass auch Jörg einmal Bassist war. Kann man denn irgendwann nicht mehr Bassist sein? Das ist wie mein Lieblingsdialog aus dem in Italien spielenden Film „Rosannas letzter Wille“, als Rosanna ihren Mann im Flugzeug fragt, ob der Bürgermeister von New York eigentlich immer noch Italiener sei, und ihr Mann, gespielt vom marokkanischstämmigen Franzosen Jean Reno, perplex antwortet: „Wie kann jemand aufhören, Italiener zu sein?“ Jörg war aktiv und ist es nicht mehr, sagt er, beispielsweise war er „Aushilfe“ bei den Giraffe Men, mit denen er vor zehn Jahren durch Italien tourte. Andere Bandnamen mag Jörg nicht verraten: „Ich hab meine Interessen verlegt.“ Und den Bass an die Tochter einer Freundin weitergereicht, die in einer Punkband spielt.

Immerhin erwähnt Jörg, dass er mal mit einer Band für die UK Subs in Berlin das Vorprogramm bestritt. Und erzählt, dass er im Dezember im Melkweg in Amsterdam New Model Army sah, und da auf einem im WC-Bereich hängenden Plakat erfuhr, dass die UK Subs immer noch auf Tour sind. Das stimmt, ich sah sie im Januar mit Hoax in Schweimke im Schützenhaus. Ein Dienstagabend und 500 Leute strömten in dieses abgelegene Heidenest. Charlie Harper mit 75 am Mikrofon zu sehen, machte zudem Hoffnung fürs eigene Altwerden.

Interessant für einen Physiotherapeuten finde ich Jörgs Selbsteinschätzung, er habe „zwei linke Hände“, wie er in Bezug auf seine Inaktivitäten im Internet bemerkt. Sobald er einen Computer einschalte und online gehen wolle, stürze alles zusammen. Deshalb ist er auch nicht bei Facebook und solchen Plattformen registriert. Nicht schlimm, findet er: „Ich bin ausgefüllt – was mich erreichen soll, das erreicht mich auch.“ Und sei es über Tourplakate in niederländischen Clubtoiletten.

Da Jörg Scheppers Physiotherapeut ist, freut sich jener, dass er überall an wichtigen Positionen seines Lebens von Bassisten umgeben ist. À propos, was wird denn aus dem Bassstammtisch, wenn das Riptide umzieht? Daran dachte Schepper noch gar nicht: „Der bleibt im Riptide!“, ist seine impulsive Reaktion. Das wolle er Chris und André noch mitteilen, da sei er konservativ: „Manche Sachen müssen einfach bleiben, es gibt keinen Bassexit!“

Jörg und Schepper sind nun unterwegs nach Hause, ich schließe mich gleich an. Imke nimmt nach Andrés Feierabend dessen Platz an der Theke ein und unterstützt damit Melissa, die in der Küche arbeitet. „Ich geh mit“, sagt Imke, als ich sie frage, ob sie dem Riptide auch nach dem Umzug treu bleibt, „und Melissa auch“, deutet sie in die Küche. „Das ist der Plan.“ Die beiden sind dem Riptide verbunden: „Ich habe keine Gründe, zu gehen“, strahlt Imke. Nicht sehen werde ich die beiden indes morgen beim Quiz: „Dieses Mal nicht“, sagt Melissa, „ich war bei sonst fast jedem dabei.“ Und ich bin gespannt, wie sich die Denksportgruppe Nowak bei Quizmaster Sven bewährt.

Mittwoch, 19. Februar 2020

„Das wird die letzte Quiznight in diesem Riptide“, kündigt Chris mir nachmittags an, bevor er das Café öffnet. Alle meine Fragen kann auch er nicht beantworten, etwa die nach der neuen Adresse, aus rechtlichen Gründen: „In etwa 14 Tagen können wir bekanntgeben, wohin es geht“, erklärt er. Sicher ist schon jetzt, dass der Name Riptide bleiben wird, und damit auch die Webseite. Und in der neuen Heimat findet dann auch das nächste Quiz statt: „Es ist dort geplant für April, es soll dort weitergehen“, sagt Chris. Im März also fällt der Quiz-Termin aus: „Der März ist für uns der Übergangsmonat, wir laufen zwischen den Läden, der eine kann noch nicht betrieben werden, der andere wird nach und nach verschwinden.“

Wann genau es unter der neuen Adresse weitergeht, ist heute noch offen, so Chris: „Geplant ist, im April zu öffnen – genauer geht es nicht.“ Das hängt vom baulichen Vorankommen und von weiteren Unabwägbarkeiten ab. Sowohl für André und ihn als auch für die Gäste soll in den neuen Räumen indes das Wiedererkennen des alten Riptide gewährleistet sein: „Alles bleibt, wie es ist“, sagt Chris und weiß natürlich, dass das nicht in jedem Einzelfall zu ermöglichen ist. „Fast alles“, grinst er daher: „Alles bleibt gleich, außer die Sachen, die sich ändern.“ Ob sich daher die berühmten Farben, also das Orange-Pink-Grün auf braunem Grund, oder die Mustertapete auch wirklich am neuen Ort so wiederfinden, bleibt jedenfalls noch unplanbar: „Das kann ich nicht versprechen“, sagt Chris, und seufzt: „Wir wollen am liebsten alles eins zu eins übernehmen, aber es muss sich an Ort und Umgebung anpassen.“ Modern werden soll das Riptide jedenfalls, daher nutzen André und er den Umzug als „überfällige Zäsur“, um es in Details mit der Zeit gehen zu lassen.

Anders als Schepper und ich dachten, ist die Reihe Sound On Screen doch nicht so einfach ohne das Riptide weiterführbar, weil dafür noch einige Fragen zwischen Riptide und Universum zu beantworten sind. „Die laufende Staffel findet statt am alten Ort“, versichert Chris zumindest, „wie gehabt.“ Da die bis in den Mai hineinreicht, existieren also für eine gewisse Zeit tatsächlich zwei Riptides parallel. „Der Mietvertrag läuft weiter“, zuckt Chris mit den Schultern. „Jeden Tag wandert ein Möbelstück rüber, der eine Laden wird leer, der andere voll – und dann werden die Würfel neu gemischt.“ Sound On Screen geht danach ohnehin in die Sommerpause, da ist genug Zeit, mit dem Universum ein neues Konzept auszuarbeiten.

Nun lebt das Riptide nicht nur vom Café, sondern eben auch von Konzerten, der „Songs And Whispers“-Reihe, Partys, Lesungen und mehr. „Wir wollen Veranstaltungen machen“, sagt Chris. „Aber wir müssen abwarten, was die neuen Nachbarn sagen, wir müssen unser Programm anpassen.“ Und das Anpassen im laufenden Betrieb ist etwas, das Chris und André von Anfang an vornahmen: So öffnete das Riptide zu Beginn bereits um 8 Uhr, um die Schüler des Martino-Katharineums bedienen zu können, was sich jedoch bald als unhaltbar erwies. Chris und André planen daher zwar grob fürs neue Riptide, behalten sich aber für die laufende Praxis Korrekturen vor. „Kultur, Konzerte und den Plattenladen wollen wir mitnehmen“, betont Chris, „aber wir probieren erstmal.“

Der Zeitplan hängt momentan sehr von den laufenden Bauarbeiten ab, April ist ja auch schon bald. Bis dahin ist noch viel zu tun, für Chris sogar nicht nur das Riptide betreffend: Am Freitag startet er seine neue Reihe „Butch Cassidy im Garten“ im Veranstaltungsraum Aquarium im Kleinen Haus des Staatstheaters, „wo früher oben die Bauhausparty war“. Chris lehnt diese neue Reihe an seine frühere Party im Pantone an, „weil ich die vermisse und die Leute auch“. Die Dekoration im Aquarium besteht dann aus allerlei Gartendevotionalien, bis hin zu Werkzeugen und Gartenzwergen: „Das ist eine skurrile Kulisse, da lege ich mein Zeug auf.“

Vertraut war ihm indes die Kulisse am Samstag im Nexus, als er zum 15. Geburtstag seine dortige Partyreihe reaktivierte: „Es war schön, einen Pleasure Park wie früher zu machen“, schwärmt er. Bis viertel vor sieben ging es, und nach nur zehn Minuten Umbaupause nach der letzten Band „haben die Leute vom Fleck weg getanzt“. Rund drei Monate nach Eröffnung des Nexus‘ ging der Pleasure Park seinerzeit an den Start; kein Wunder, Chris gehörte mit zu den Akteuren, die das Nexus aufbauten: „Ich war im Verein aktiv seit 1995.“ Und auch für den Namen zeichnet er mitverantwortlich, als einer von drei Beteiligten, die aus einem Pool von diversen Vorschlägen auszuwählen hatten. Leider findet Chris den Zettel mit den fünf letzten Kandidaten nicht mehr wieder, er erinnert sich nur noch an die Alternativen „Krachpalast“ und „Zappelbude“. „Nexus ist es wegen der Übersetzung geworden“, erzählt Chris: „Verbinden, Knotenpunkt, sich verknüpfen.“

Mit zu diesem Namenskomitee gehörte laut Chris, der sich nun um die ersten Gäste kümmert, auch Hardy, und mit dem bin ich zufällig verabredet, hier im Riptide, abends, kurz vor dem Quiz. Er bringt mir sein neues Buch mit, „Schlachthaus“, das einen etwas anderen Stil hat als seine anderen Geschichten und auf das ich mächtig gespannt bin. Leider kann auch er sich nicht an die anderen Nexus-Namensvorschläge erinnern.

Arni ist schon da, Kristin, Harald und Bastian Till trudeln soeben ein, Sven greift das Mikro und Hardy setzt sich als stiller Zuschauer mit an unseren Denksportgruppentisch, auf dem ein Schild mit der Aufschrift „5x Arni“ liegt. Sven liest nach und nach die ersten zehn Fragen vor, lässt uns Zeit zum Beantworten, verspricht „halbe Kreativitätspunkte“ und wählt seine Themenfelder vermutlich genau deshalb so abseitig, dass man häufig nicht anders kann als Unsinn raten. Das ist lustig, erinnert etwas an das Spiel „Nobody is perfect“ in umgedreht. Nach der Pause und den nächsten zehn Fragen reichen wir, dieses Mal weit abgeschlagen, mit Glückwünschen versehen unser Krönchen an eine andere Gruppe weiter und versprechen Sven, beim nächsten Quiz wieder dabei zu sein – im April und im neuen Riptide.

Matthias Bosenick
www.krautnick.de

Fakebook

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