#158 Großmutters Haus

16. November 2020


Samstag, 14. November 2020

Das Café Riptide ist ein Vorbild, es selbst so sehr wie seine Gäste. In diesem November ist tatsächlich das eingetreten, vor dem Experten bereits vor einem halben Jahr warnten, und die Konsequenzen daraus sind einschneidend für Kultur und Gastronomie, einmal mehr. Allerdings noch nicht ganz so extrem wie im März und April, als das Virus den Stillstand des vertrauten Lebens mit sich brachte und für viele eine – teilweise bis heute anhaltende – finanzielle Not darstellte. Davon hat sich zwar auch das Riptide noch nicht wieder erholen können, weil dafür die Zeit zu kurz und die Auflagen zu einschneidend waren, doch befand es sich seit dem Umzug ins Magniviertel im Aufwind, erfuhr Akzeptanz von den Stammgästen, zog neue Gäste an und etablierte sich schnell als Teil einer offenen und herzlichen neuen Nachbarschaft. Chris stellte mehr Personal ein – und musste es jetzt wieder in die Kurzarbeit schicken, da seit Anfang November die neuen Infektionsschutzauflagen greifen.

Denn die Gastronomie ist einmal mehr zur Schließung verdonnert. Mit einigen Ausnahmen, die für das Riptide jetzt immerhin möglich sind, anders als beim ersten Mal, als der Umzug noch nicht vollzogen und die neue Küche noch nicht installiert waren: Von Dienstag bis Samstag bietet es Gerichte zum Mitnehmen an, die Koch Nico zubereitet und die Chris den nacheinander einzeln eintretenden Gästen aushändigt, wenn er sie den draußen Wartenden nicht vor die Tür bringt; „Delivery Service“, sagt er gutgelaunt. Jeder Gast ist freundlich, ruhig, umsichtig, verständnisvoll und behutsam, alle sind glücklich, die Chance wahrnehmen zu können, Burger oder Mittagstisch vom Riptide überhaupt verspeisen zu können, und dann auch noch damit ihrem Lieblingscafé etwas Gutes zu tun. Es ist ein Fest, diese Stimmung an diesem Ort so erleben zu dürfen, und ein harmonischer Kontrast zu dem Wahnsinn, der andernorts um sich greift.

Und dann ist es im Riptide auch noch so wohlig-wohnlich, dass man das Übel draußen hier drinnen fast gar nicht mehr wahrnimmt, sieht man einmal davon ab, dass Chris für die Einhaltung der Auflagen erheblich in Spuckschutz investierte, der nun ungenutzt zwischen den Tischen auf die Aufhebung der gegenwärtigen Einschränkungen wartet, um wieder Gäste zu ihrer Sicherheit voneinander zu trennen. Die nach alten Wolframleuchtmitteln aussehenden Lampen tauchen das Café in ein honiggelbes Licht, in die Fenster stellte Chris reihenweise LPs, den Stahlträger, der quer durch den Raum verläuft, dekorieren das Buch „Trinken hilft“ von Maxi Buhl und diverse alte Autogrammkarten von Eintracht Braunschweig, im Hintergrund läuft eigens kuratierte Musik – es ist also auch jetzt so gemütlich, wie ich das Riptide eben kenne.

Zufällig, natürlich, trage ich heute eines meiner beiden Riptide-Unterstützer-T-Shirts, das in Violett; in Grün habe ich es auch noch. „Die Shirts sind ausverkauft“, freut sich Chris, „es sind nur noch drei übrig.“ Er deutet auf den runden Tisch vor der Plattenabteilung, auf der ich hinter den zwei älteren Shirts mit dem Riptide-Ramones-Logo noch drei fliederfarbene neue liegen. „Echt toll“ findet Chris, dass diese „verrückten Farben“, die er sich für diese Benefizaktion aussuchte, so gut weggingen. „Roasted Orange“ war einer seiner Favoriten, und er berichtet, dass die Kunden sich freuten, dass die Shirts nicht einfach schwarz waren. „Wenn die weg sind, mache ich vielleicht eine neue Auflage im Ramones-Logo“, überlegt er. Oder vielleicht auch doch noch einmal die neuen. Oder beide.

Eine Glocke klingelt: das Signal für Chris, dass Nico bestellte Burger fertig zubereitet hat. In opulenten Pappschachteln verstaut, transportiert Chris diese riesigen Speisen aus dem Café heraus zu den Bestellenden, die draußen in der Novembervorabenddunkelheit darauf warten. „Der Plattenladen hat geöffnet“, erläutert er mir anschließend die November-Regularien der Regierung, „das ist Einzelhandel.“ Zwei Kunden maximal dürfen gleichzeitig in den Schallplatten stöbern. Aber – „alles Essen, Getränke, was wir haben, gibt es nur außer Haus“. Selbst auf dem Magnikirchplatz ist es nicht gestattet, die Speisen und Getränke dann zu sich zu nehmen, man muss sich mindestens 50 Meter vom Café entfernen, sagt Chris. Ohnehin gilt im Magniviertel Maskenpflicht, da ist nicht einmal rauchen möglich, geschweige denn essen. Doch Chris hat Ideen, mit denen er das Riptidegefühl so gut wie möglich zur Mitnahme anrichtet: So steckt er etwa frisch gebackene Muffins in lebensmittelechte Butterbrottüten, auf die er vorher einen Stempel mit dem Logo des Cafés drückte und ein rotes Herz drumherum malte. Auch Getränke könne man sich mitnehmen, heiße wie kalte, betont Chris, und für den Mittagstisch, den er dienstags bis freitags von 12 bis 15 Uhr anbietet, verfährt er so, dass er das Tages- oder Wochengericht auf einem Teller anrichtet und es die Kunden von dort selbständig in ihre mitgebrachten Aufbewahrungsboxen umfüllen lässt, „denn wir dürfen die Dosen nicht anfassen“, so Chris. Und es funktioniert reibungslos.

In der Woche bieten Nico und Chris täglich wechselnde Speisen – diese Woche unter anderem: Auberginen-Tomaten-Pilaw mit orientalischem Pesto und Yoghurt, Pastinaken-Kartoffel-Pürree mit gebackenem Kürbis, Steckrübe und Rukola-Pesto oder schlicht Currywurst – sowie ein Wochengericht – diese Woche: Seitan-Pilz-Gulasch mit Penne – an, samstags von 15 bis 18 Uhr das Wochengericht und einen wöchentlich wechselnden Lockdown-Spezial-Burger. Alles vegan, versteht sich, und alles schon beim Lesen so grandios, dass man Chris nur zur Einstellung Nicos beglückwünschen kann. Auch Biere gehen über die Theke, was Chris freut, weil er wie viele Gastronomen vor der Problematik steht, mehr Getränke im Lager zu haben, als er zu Zeiten wie diesen servieren kann. Aus diesem Grunde kaufte ich kürzlich auch dem Nexus eine Kiste Bier und eine Kiste Cola ab; es ist dort noch Limonade zu haben, und wer den freundlichen Lieferanten des Nexus‘ zusätzlich unterstützen mag, kann über das Kulturzentrum auch Bestellungen aufgeben. Wie gern würde ich jetzt auch im Riptide mit Chris eine Cola trinken, aber das sparen wir uns für die Zeit auf, in der das wieder sinnvoll und erlaubt ist.

So schön es ist, dass das Riptide diesen Einschränkungen auf diese Weise begegnen kann, aber finanzieren lässt es sich so leider nicht langfristig. Trotzdem freut sich Chris, dass er für Nico und sich etwas Normalität generieren kann: „Wir können ein bisschen arbeiten, haben ein bisschen Alltag.“ Er katalogisiert und registriert vor und nach den Öffnungszeiten im Büro Second-Hand-Platten, malt an der Theke die Herzen auf die Butterbrottüten, erstellt fürs Team hilfreiche Übersichten über die Tischnummerierungen im Obergeschoss, organisiert die Regale an der Theke neu. Erste Ausbesserungen waren auch schon erforderlich, „ein paar bauliche Maßnahmen“, so Chris, für die er im regulär laufenden Betrieb wenig Zeit hatte. „Das ist das einzig Positive“, grinst Chris, „so, wie alle Vorgärten im ersten Lockdown tiptop waren.“

Bestellte Platten abholen sowie neue bestellen kann man bei Chris auch wie gehabt. Mache ich gleich mal: Gerade gestern las ich, dass Dischord das „First Demo“ von Fugazi erneut auf Vinyl veröffentlichen. „Ist bestellt“, sagt Chris nach einigen Klicks am PC. Dabei fällt mein Blick auf die vierte Ausgabe der Samplerreihe „Spreadmusic“, die der gleichnamige Verein eigens zur Rettung der Klause ins Leben rief, wie Chris mir erklärt: Man wirft einen Geldbetrag seiner Wahl in die Spendenbox und steckt sich die CD ein. Darauf ist übrigens neben unter anderem Elephanta, Fuzziebär und Anthony Miller, den ich erst kürzlich für das Kurt-Magazin interviewte, auch ein Stück der Band GR:MM, bei der der frühere Riptide-Mitarbeiter Gideon spielt.

Die neue 12“ von New Order ist zwar ebenfalls gestern erschienen, kam aber noch nicht mit, weil Rough Trade derzeit nur noch mit einem Drittel des Personals arbeitet, coronabedingt, wie Chris berichtet. So erginge es zwar vielen Vertrieben, aber „wenigstens haben Rough Trade uns informiert und ein Schreiben rausgeschickt“. „Be A Rebel“ lautet der Titel der 12“, und haben möchte ich sie nicht nur, weil sie von New Order ist, sondern weil Søren Solkær das Coverfoto beisteuerte, eines aus seiner Serie mit Starschwärmen. Das wäre dann sogar nicht mal der erste Tonträger mit einem Foto von ihm, den ich in meiner Sammlung habe, denn für Under Byen war er auch schon aktiv. Unter anderem. Wie auch für die Crème de la Crème im Biz. Kennen lernen durfte ich Søren aufgrund der Erbsenhaftigkeit der Welt: Der herzensgute Henrik ist sein Bruder, und der wiederum ist der Freund meiner nicht minder herzensguten Freundin Märry, die ich wiederum deshalb kenne, weil sie die Schwester vom ebenso herzensguten Schepper ist.

Und da im Riptide das Promomaterial des neuen Ärzte-Albums „Hell“ von der Decke baumelt, frage ich den ausgewiesenen Ärztefan Chris, was er davon hält. Ich selbst bin abgeschreckt von dem Cover und dem bemühten Wortspiel im Titel, und mir sagten die letzten paar Alben des Trios nicht so recht zu; Teenagerlieder von Fünfzigjährigen, radiotaugliche Zwangsmelodien und powerpoppiger Punkrock im Green-Day-Stil sind nicht so meins. Einzig die Economy-Edition von „Jazz ist anders“ sowie das Unplugged-Album „Rock’n’Roll Realschule“ und die „5, 6, 7, 8 Bullenstaat“-Compilation transportierten noch das vertraute wortwitzige Rebellentum der Ärzte, und nun wage ich es nicht, mich dem neuen Erguss der fast Sechzigjährigen auszusetzen. Doch Chris sprudelt über vor Begeisterung: „Das ist das beste Album seit drei Alben, richtig gut, sehr humorvoll und gleichzeitig megaernst, über aktuelle Politik und Corona, und sie nehmen sich selbst auf die Schippe.“ Die „Uh-huh-huh-Chöre“ und die „musikalische Qualität“ führt er an: „Sie wissen, was sie machen.“ Auch die Aktion in den Tagesthemen, als Die Ärzte auf die coronabedingte Not in der Kulturbranche hinwiesen, findet Chris „genial“: „Sie müssen sich keine Sorgen machen, aber setzen sich ein für die Kultur.“ Schließlich, das habe ich auch mehrfach zu lesen bekommen, hat die Kreativwirtschaft den zweitgrößten Anteil an Beschäftigten, „noch vor Automobil und Stahl“, so Chris, und nennt bei gegenwärtigen Coronahilfen häufig übergangene Jobs und Betroffene wie „Tontechniker, Roadie, und die Band, die noch keinen Plattenvertrag hat“. Große Worte, die meiner Skepsis immerhin einige Risse versetzen. „Hör sie dir doch mal an“, empfiehlt Chris; damit hat er natürlich Recht, aber selbst dafür fehlt mir der Mut.

Stattdessen blättere ich in den Resten des dieses Mal dreigeteilten Record Store Days, finde aber über meine bisherigen Perlen hinaus nichts für mich Neues. „Soundtracks gingen gut weg“, erzählt Chris und imitiert Austin Powers: „Alle drei Teile, und auch die X-Files gingen gut.“ Zum ersten Mal auf Vinyl, sagt der Sticker auf der LP.

Zwischendurch versorgt Chris immer wieder Kunden mit Burgern. „Die Gastronomie unterstützen“, sagt Sabine, die ihre Pappschachtel mit dem Bestellten entgegennimmt. Auf diese Weise geht das, zum Beispiel, und im Falle des Riptide auch weiterhin noch über die Spendenseite savetheriptide.de. Oder auch so: „Kann man auch Trinkgeld geben mit der Karte?“, fragt Andre, der nach Sabine an der Reihe ist, seine Bestellung abzuholen. „Ja, das geht“, sagt Chris dankbar. Ein Stammkunde ist Andre erst im Werden, weil: „Ich wohne noch gar nicht so lang in Braunschweig.“ Anfang des Jahres zog er hierher und entdeckte das Riptide noch im Handelsweg, „weil Freunde, die mal in Braunschweig gewohnt haben, mir das empfohlen haben“. Und erst zufällig nahm er wahr, dass es im Sommer ins Magniviertel gezogen war: „Ich wohne in der Nähe.“ Seitdem kommt er regelmäßig ins Riptide und gönnt sich heute erstmals den Burger zum Mitnehmen. „Hergezogen“ macht mich natürlich neugierig. „Eigentlich komme ich aus Thüringen, habe aber vorher in Darmstadt gewohnt“, erklärt Andre. Und verkompliziert es gleich: „Eigentlich bin ich in Mecklenburg-Vorpommern geboren, aber in jungen Jahren nach Thüringen gezogen, habe ich Dresden studiert, also in Sachsen, dann Darmstadt, das ist in Hessen, jetzt hier.“ Und hier arbeitet er an der Uni. Chris überreicht ihm die Burger, die Nico wöchentlich kreiert: „Unser Koch kann sich austoben“, erläutert er. „Jedes Mal gibt es etwas anderes, letzte Woche indisches Chutney, heute Preiselbeer-Mayo.“ Zum Niederknien.

Dann ist es 18 Uhr. Zeit für den Heimweg, Chris schließt das Riptide hinter mir ab. Nicht ohne Platte, die Best-Of „Granma’s House“ von Wall Of Voodoo klemmt unter meinem Arm, die wollte ich schon lang haben, besser: die ersten LPs, aber diesen Kompromiss gehe ich liebend gern ein, weil ich nämlich mal „Mexican Radio“ bei der Indie-Ü30-Party spielen will, das hätte sich für die letzte Okerwelle-Sendung im Oktober im Braunschweigan Radio schon gern getan, als Henrik und ich uns als Konzept überlegten, ausschließlich Songs zu spielen, die wir in den zurückliegenden 13 Jahren und 27 Partys sowohl im Nexus als auch bei Radio Okerwelle noch nie aufgelegt hatten. Da kam einiges zusammen, von dem nicht nur wir uns wunderten, wie wir all die Jahre ohne es auskommen konnten, und dann kommt „Mexican Radio“ eben nächstes Mal. Chris erzählt, dass er von der Band am liebsten deren Version von Johnny Cashs „Ring Of Fire“ spielt.

Wir verabschieden uns in der Zuversicht, uns bald wiederzusehen. Um uns herum ist es dunkel, die Geschäfte sind geschlossen, auch bei Barnaby’s Blues Bar brennt kein Licht. Mein Instinkt riet mir schon Ende Oktober, als ich mir die Adventsfolge „O du finstere“ von den Drei Fragezeichen aus dem Riptide abholte, den neuen Nachbarn für meinen November-Bericht schon vorzeitig zu besuchen, weil ich ahnte, dass das Virus zu einschneidenden Maßnahmen führen würde. So kam es ja auch. Also erzählte mir Peter bereits im Oktober bei einem Glas Guinness in der Bar gegenüber aus seinem kunterbunten Leben.

Dienstag, 27. Oktober 2020

Das Riptide und Barnaby’s Blues Bar teilen ohnehin schon immer viel, Kundschaft vor allem, und seit dem Umzug des Cafés an den Magnikirchplatz auch die direkte Nachbarschaft. Ein Gespräch mit Peter ist überfällig, so oft, wie ich hörte, wie einträchtig er und Chris den Platz bespielen. „Ich bin jetzt über 13 Jahre hier“, erzählt Peter an einem der Tische, die in der Bar auf der Empore stehen, die bei Konzerten als Bühne dient und von der aus man den besten Blick auf die Theke hat. Davor war in diesem Räumen ein Pub untergebracht, sagt Peter. Livemusik ist eine Triebfeder für die Blues Bar, und die gab es am alten Standort im Riptide auch, weiß Peter. Gern wäre er auch mal drüben zu Gast, ist aber „hier ein bisschen eingeklemmt, ich kann nicht weggehen“, und schafft es immerhin, „Mundpropaganda“ für die Freunde gegenüber zu machen und ab und zu Plakate von eigenen Shows dort hin- und natürlich im Gegenzug Riptide-Plakate bei sich anzubringen. Ihm gefällt natürlich, dass es im Riptide Schallplatten gibt, doch von der neuen Küche hatte er noch nichts gehört: „Das mit den Pommes wusste ich gar nicht.“ Dabei hatte er damals selbst vor der Wahl gestanden, in seiner Bar eine Küche einzurichten – oder es als Raucherlokal zu führen: „Ich habe mich für die Raucherkneipe entschieden.“ Bevor er seinerzeit die Blues Bar eröffnete, besprach Peter sich mit Bolle, dem vor fast zwei Jahren verstorbenen Betreiber der Bassgeige am Eulenspiegelbrunnen, um nicht mit ihm in Wettbewerb zu treten, aber das stand ohnehin nicht zu befürchten, da es sich bei der Bassgeige um eine Jazzkneipe handelte und sich Peter eher auf Blues und Rock konzentriert.

Das tut er seit ehedem: Zwar wurde Peter in Deutschland geboren, wuchs aber in den USA auf, wo er in den Sechzigern bereits Erfahrungen im Biz sammelte, mit dem Warehouse in New Orleans, von dem ich weiß, dass das der Ort war, an dem The Doors ihr letztes Konzert mit Jim Morrison gaben. „12. Dezember 1970“, sagt Peter ohne zu zögern. Wer bei ihm nicht alles spielte: „Grateful Dead, Fleetwood Mac mit Peter Green, der hat auch hier auf der Bühne gespielt, Spencer Davis auch, die sind beide dieses Jahr gestorben“, bedauert Peter. Und fährt fort: „Die Allman Brothers waren meine Hausband, die haben 13, 14 mal pro Jahr bei mir gespielt“, und die Silvestershow mit ihnen hatte Tradition.

Diese Erfahrungen wollte Peter dann nach Braunschweig übertragen, „das war nicht einfach hier“, aber er legte sich ins Zeug, und heute – also, das heute bis vor Corona – kommen bis zu 110 Gäste zu Livemusik in die Blues Bar. Viele Orte für so etwas gibt es wirklich nicht in Braunschweig, Harrys Bierhaus nenne ich, da erzählt Peter: „Werner und Annette haben sich hier kennengelernt!“ Wie so viele andere Paare auch, zwinkert Peter. Und Konzerte sind ja auch fürs Riptide vorgesehen, sobald das Virus es zulässt. Und Lesungen: In zwei Tagen richten Hardy Crueger und Till Burgwächter im Riptide die erste Veranstaltung überhaupt aus, ihre Weihnachtslesung; vor acht zahlenden, aber aufmerksam zuhörenden Gästen, wie Hardy mir berichten wird: „War ganz lustig.“ Aber das nur am Rande. „Ich freue mich, dass das Riptide hier ist, ich finde, es passt gut zusammen“, sagt Peter. „Das hat man gemerkt im Sommer.“ Er feiert die Eintracht der „Fleischfresser“ aus seiner Bar und der sich vegan Ernährenden aus dem Riptide und dass sie alle miteinander auf dem Magnikirchplatz die Tische belegten. Mit dem Veganen verbindet Peter eine grundsätzliche Reflektiertheit: „Ich freue mich, dass jetzt wieder ein bisschen Demoatmosphäre abgeht.“ Seine Tochter lebt in New York und sein Sohn in Chicago, und auch von ihnen hört er über hüben sich ereignenden gesellschaftlichen Veränderungen. „Ich freue mich, dass sie da sind“, kehrt er zum Riptide zurück, und berichtet, dass man sich gegenseitig unterstützt, dass beispielsweise Gäste, die im Riptide keinen Platz fänden, kurzerhand zu ihm kämen. Das kann ich bestätigen, so verfuhr ich auch schon einige Male. Im Barnaby’s gibt es Fassbier, „fünf verschiedene Sorten“, zählt Peter auf: Guinness, Kilkenny, Staropramen, Wolters und Jever.

Und nach dem Sommer kommt der Herbst, der für alle dieses Mal reichlich unkalkulierbar aussieht. „Ich hoffe, dass es über den Winter besser geht als jetzt“, sagt Peter. Um den Laden in Betrieb halten zu können, würde er sich auch selbst wieder hinter die Theke stellen, „wie früher“. Und „Beer to go“ hält er für ein Konzept, über das es sich nachzudenken lohne. Peter betont, dass er die Infektionsschutzmaßnahmen unterstützt: „Ich will meine Gäste schützen, dass sie sich wohlfühlen, und nicht rücksichtslos sein.“ Sie die Anwesenheitszettel ausfüllen zu lassen „macht Sinn“, sagt er. „Seit fünf Monaten machen wir das, wir haben bis jetzt keinen Kontakt gehabt mit dem Gesundheitsamt – das heißt doch, dass wir etwas richtig machen.“

Wehmütig denkt er an den Sommer zurück, als die Gäste auch mit dem Virus im Hinterkopf und Abstand gesellig sein konnten, draußen auf dem Platz. Zu ihrem Beginn, sagt Peter, war die Blues Bar überdies die einzige Lokalität im Schatten der Magnikirche, die draußen Tische und Stühle anbot, „außer dem Stadthotel“, das mittlerweile den Szenegastronomen Strauß und Lemke gehört. Der einzige zu sein, war ihm dabei gar nicht so recht: „Je mehr im Viertel los ist, desto besser“, findet Peter. Nachbarn wie das Riptide und Das kleine Café empfindet er nicht als Konkurrenz: „Das ist eine Bereicherung.“ Und auch die „älteste Kirche in Braunschweig“ passe gut dazu: „Seit 13 Jahren predige ich das.“ Der Sommer habe das belegt, dass das alles gut zusammenpasst: „Hoffentlich bleibt das so.“

Mitch Ryder war der letzte Musiker, der in der Blues Bar auftrat, „kurz bevor Corona kam“, berichtet Peter. „Der spielt hier jedes Jahr“, bemerkt er, und findet, dass er die „besten Bands aus England und Amerika“ schon bei sich hatte. Er sinniert: „Ich sollte mal ein Archiv machen, wer hier aufgetreten ist.“ Definitiv, das wäre nicht nur für ihn interessant.

Seit 23 Jahren nun ist Peter wieder in Deutschland, „ich war immer mit Kneipen beschäftigt“. Er hatte in den USA einen Partner, der früh verstarb, was Peter sehr erschütterte, weshalb er ein halbes Jahr lang Pause machen wollte. „43 Jahre war ich nicht in Europa“, sagt er. Aus der Pause wurden drei Monate: „Mir hat’s gleich gefallen.“ In Amsterdam hatte er Familie, und als er dort eintraf, dachte er: „Scheiße, warum bin ich nicht früher gekommen.“ Eine Tante zog ihn dann nach Braunschweig; sie ist allerdings auch schon verstorben. „Ich bin hier aufgewachsen als Kind“, sagt er, „ich bin Jahrgang 1945“, und zwar in einem Haus bei Salzgitter, einem Bauernhof, den er nach seiner Rückkehr zurückkaufte: „Da wohne ich heute noch.“ Und seine Großeltern kommen aus Königsberg in Ostpreußen.

Und schon sind wir wieder im Warehouse, weil da die Liste der Leute, die bei ihm auftraten, ihren Anfang nahm: „Bob Marley, Rod Stewart, Johnny Winter, BB King, Eagles“, Peter winkt ab. Auch dort hatte er einen Partner, „mit dem habe ich letzte Woche gequatscht, ich hab immer noch Leute drüben“, erzählt Peter. Und Hillary Clinton ging an seine Nachbarschule und Donald Rumsfeld war sein „Congressman“, in dem District außerhalb von Chicago, in dem er lebte. „Manche Sachen vermisse ich an America“, sagt er, „aber ich finde Europa und Deutschland eher demokratisch.“ Allein der Umgang mit Waffen dort befremde ihn.

Peter schwelgt in Erinnerungen, erzählt von Schallplatten, die er im Warehouse aufgereiht hatte, in Regalen, die breiter waren als die Theke in seiner Blues Bar heute, von Baseball-Sammelkarten der Zwanziger und Dreißiger, die er verschenkte, „dreimal umziehen“, seufzt er, von Kassetten, die das Musikhören plötzlich mobil machten, was mit Schallplatten nicht so einfach möglich war, „ich habe noch ein Bang-und-Olufsen-Turntable zu Hause, aus America mitgebracht“, das musste er erst von US- auf europäischen Strom umwandeln. Peter erzählt im Rösselsprung, spinnt Fäden, die er liegen lässt und später wieder aufnimmt, durchmischt die Puzzleteile zu einem bunten Bild, das er doch stets sinnhaft zusammenfügt. Ich könnte ihm ewig zuhören, und er hätte sicherlich auch ewig zu erzählen.

Zum Beispiel: Bevor das Riptide den leer stehenden Outdoor-Laden übernahm, überlegte Peter selbst, ob er dort für seine Gäste Essen anbieten sollte, erzählt er, „Barnaby’s Annex“, aber ihm fehlten dort Fettabscheider und Keller. „Für den Laden haben sich viele Leute interessiert“, weiß er. „Ich freue mich, dass jetzt das Riptide drin ist.“ Der Anfang einer guten Nachbarschaft. Möge sie so unerschöpflich sein wie Peters Geschichten.

Matthias Bosenick
www.krautnick.de

Fakebook

2 Reaktionen

  1. Andrea
    11. November 2020 · 15:33 Uhr

    Einfach herrlich – man kann nicht aufhören zu lesen.

  2. matze
    11. November 2020 · 15:36 Uhr

    Danke, das freut mich!

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