#160 Pure Vernunft darf auch mal siegen

Samstag, 16. Januar 2021

Dies ist der erste Arbeitstag für Chris in diesem neuen Jahr, oder besser gesagt: der erste Öffnungstag für das Café Riptide, denn untätig war Chris seit den Feiertagen nicht, seit er und Koch Nico das Café in die virusbedingte Pause schickten. Ab heute öffnen sie es bis zum Ende des gegenwärtigen Lockdowns jeweils samstags von 16 bis 19 Uhr, damit Kunden vorbestellte Burger oder Schallplatten abholen können. Alles unter „strikter“, wie Chris betont, Einhaltung der offiziellen Auflagen, nicht allein, um Bußgeldern vorzubeugen, sondern aus Überzeugung, das Virus nicht verbreiten zu wollen. „Ich unterstütze mit dem Riptide die Zero-Covid-Kampagne“, sagt Chris. Denn: „Wir hatten gerade fünf Monate geöffnet, dann wieder zu“; das sei zu vermeiden gewesen, mit konsequenten Maßnahmen. Plattenbestellungen indes sind derzeit ausschließlich telefonisch oder per Email möglich, denn der Webshop ging vor fünf Jahren offline, weil er veraltet war und derzeit, wie die gesamte Webseite des Café Riptide, überarbeitet wird.

Wir treffen uns bereits eine Stunde vor der offiziellen Öffnung, sitzen maskiert an entlegenen Tischen im Erdgeschoss und tauschen Neuigkeiten aus. Das Telefon unterbricht uns, Chris nimmt den Hörer ab und eine Bestellung entgegen. „Ja, ist alles vegan“, sagt er. Die Tische sind mittels Plexiglasspuckschutz abgetrennt, einige stehen kopfüber übereinander, auf ihnen tummeln sich Schraubendreher verschiedenster Größe und Schlitzart und die von Chrisse Kunst gestalteten Tischlampen. „In einer wertigen Pappbox, da ist der Burger drin und die Pommes“, antwortet Chris dem Anrufer. „Die Chips waren nur eine Notlösung, weil wir noch keine Fritteuse hatten.“ In die investierte Chris nämlich im Zuge des Umzuges vom Handelsweg ins Magniviertel. „Bar und mit Karte“, bestätigt er dem Kunden. „Bis später!“

Mit dem schnurlosen Telefon in der Hand kehrt Chris an seinen Platz zurück. „Wir sind hier, arbeiten“, erzählt er, „aber seit Dezember nicht mehr mit Gästen.“ Aber „hinter den Kulissen“ gab es hinreichend zu tun, „ich war wochenlang allein hier“. Er holt aus: Bis das Riptide am Pfingstwochenende Anfang Juni im Magniviertel an den Start ging, hatte das Team vorrangig all das erledigt, das für den reibungslosen Ablauf erforderlich war; „alles nicht Lebensnotwendige“ beförderte man „erstmal in die Ecke“, sagt Chris. Und all das Liegengelassene holte er in den zurückliegenden Wochen nach. Außerdem versah er die Platten in den Boxen mit neuen Hüllen, „alle, ich habe 1000 neue Hüllen bestellt, alles komplett sauber, schön gemacht“, und dabei gleich die Fächer ausgewischt, neue Genre-Fächer eingerichtet, neue Bandfächer ebenfalls, „oh, ich habe drei Refused-Platten, die bekommen ein eigenes Fach“, sowie einige Second-Hand-Platten aus dem Lager neu einsortiert und damit die Fächer aufgefüllt. Für keine Kunden derzeit zwar, aber für die nächsten, die wieder stöbern dürfen. Die entdecken dann auch die neue Doppel-10“ der Müller-Verschwörung, „Artfremd an verschiedenen Orten“; das erste Album unter dem neuen Namen und mit Roland Kremer als Sänger, und überhaupt wie schon zu Platemeiercombo-Zeiten wieder mit einem gerüttelt Maß tiefsinniger Ohrwürmer.

Einen kleinen Dachboden richtete Chris zudem ein, „da habe ich Sachen hochgeräumt, um Platz zu schaffen“. Einige „bauliche, optische Sachen“ erledigte er außerdem, übermalte die ersten Tags in den Toilettenräumen, gab dem Treppengeländer neuen Lack und montierte im Rollstuhl-WC einen eigenen Handtuchhalter sowie im Café neue Regale. „Klitzekleinigkeiten“, befindet Chris. Und grinst, ich möge doch im ersten Stock mal an dem Wandvorsprung mit dem aus dem alten Riptide vertrauten Tapetenrest gucken, gleich neben den Spielen. Dort erblicke ich eine Kuckucksuhr, und Chris grinst nach meiner Rückkehr an den Tisch noch mehr. „Die ist original aus den Neunzehnhundertsechzigern, von meinen Großeltern“, erklärt er. „Der Kuckuck geht nicht mehr, es macht nur ‚klack‘, ich muss sie noch zu Reparatur bringen.“ Einige Jahrzehnte lang war sie unbenutzt, jetzt hat sie einen besonderen Platz, der zudem einen Link zu einer anderen Kultureinrichtung legt: Im Nexus schmücken ähnlich gemusterte Tapeten die Wände und eine Kuckucksuhr dekoriert die Bühne. Das passt umso mehr, als Chris an der Gestaltung des Nexus‘ damals beteiligt war. Dabei fällt mir die Geschichte ein, die die Nexus-Leute Henrik und mir nach einer Indie-Ü30-Party erzählten, dass nämlich bei einem sehr lauten und heftigen Konzert mitten zwischen zwei Stücken der Kuckuck in die für alle unerwartete Stille hinein laut rief. Eine Denkwürdigkeit für alle Beteiligten.

Außerdem erhielt ein ganz besonderer Mensch eine besondere Aufmerksamkeit: „Unser Dirk hängt im Treppenaufgang im Rahmen“, fährt Chris fort. Jener Dirk starb vor ziemlich genau einem Jahr und hinterließ nicht nur bei Chris eine riesige Lücke im Leben; mir war er aus dem Nexus vertraut. Bislang hatte Chris Dirks Foto auf dem Tresen stehen gehabt, jetzt hat es den vorgesehenen Ehrenplatz.

Den Rechner räumte Chris außerdem auf, strukturierte die Ordner und Ablagesystematik neu, und ihm fällt ein, dass er im Küchenbereich die Regale austauschen musste, die ursprünglichen neuen Gastroregale wurden den Anforderungen nicht gerecht, jetzt stehen Nico und dem Team Lastenregale zur Verfügung. „Solche Sachen“, sagt Chris, und ergänzt „Bestellungen, Emails, Kurzarbeit, Personalverwaltung und Pläne für die Zukunft“. Auch verweist er auf das Logo, das endlich an den Fenstern prangt, was heute, sobald er die Jalousien hochzieht, von den ersten Kunden des Jahres erstmals gesehen wird. Das bestellte Logo über der Tür indes ist noch nicht fertig, weil es gesundheitliche Verzögerungen bei der Firma gab, die sich zudem mit dem erforderlichen Material verschätzte. „Jetzt habe ich eine Malerfirma beauftragt“, sagt Chris, und die wird tätig, sobald es das Wetter zulässt. Dann steht der Name des Cafés wieder über der Tür, ganz wie es im Handelsweg war.

Nur noch wenige Momente, und Chris öffnet diese Tür wieder. „Ich bin richtig aufgeregt heute“, sagt Chris. Und betont: „Hygieneregeln einhalten bleibt.“ Und noch etwas fällt ihm ein, denn auf Facebook und Instagram hat das Riptide einen neuen Anstrich bekommen, visuell gestaltete Texte sind mit einem weißen Rahmen und mit einer Tapete als Hintergrund versehen, „alles gestaltet von einer hausinternen Mitarbeiterin“, Madeline nämlich, „die das studiert hat“, so Chris. Der neue Vermieter teilte ausgewählte Beiträge vom Riptide sogar auf seinen eigenen Kanälen, berichtet Chris, und befindet erleichtert und grundsätzlich: „Das ist eine schöne, angenehme Zusammenarbeit mit dem Vermieter.“

Mit dem Team ist es dies aber auch, deutlich spürbar: Mike kommt ins Riptide, um sich einige Personalunterlagen abzuholen. Er ist gelernter Koch und Teil des Küchenteams, nur zurzeit in Kurzarbeit, und Chris sichert ihm sämtliche mögliche Unterstützung zu. Mike dankt und betont, dass es ihm gutgehe, und das ist Chris wichtig. Für den Chef ist die Situation nicht einfach, er weiß auch, wie es seinem Team geht, doch er blickt nach vorn. „Es ist wichtig, nicht den Kopf in den Sand zu stecken“, sagt er, „und gucken, was man machen kann.“ Auch, wenn keine Gäste zugelassen sind. „Ich will nicht nach drei Monaten aufmachen und sagen: Ach, hätte ich mal die Wand gestrichen.“ Und auch nicht „zu Hause sitzen und depressiv werden“, sondern „für einen Rhythmus sorgen“. Über die Feiertage sei ihm bisweilen entfallen, welcher Wochentag war: „Alles verschwimmt.“

Beim Bezahlen meiner Bestellungen, als erster Kunde des neuen Jahres also, fällt mir ein, dass ich las, dass das Subway Chris interviewte. „Das Subway hat mich gefragt zur Situation“, bestätigt Chris. „Und in der Braunschweiger Zeitung hatten wir sogar eine ganze Seite“, setzt er nach. „Weil wir jetzt ein Restaurant sind, wollten sie von uns ein Winterrezept haben – ich habe Nico gefragt, er hat für sie gekocht und sie haben drüber berichtet.“ Und zwar gab es: „Haferbratlinge mit Wurzelgemüse, Rote Bete, Kartoffelstampf und Portwein-Maronen-Soße.“ Mir läuft das Wasser im Munde zusammen und ich nehme wenigstens zwei Muffins für zu Hause mit. Da ich in diesem Moment nämlich offiziell Kunde bin, habe ich dem Hygieneregularium zufolge das Riptide nach dem Begleichen meiner Rechnung unverzüglich zu verlassen. Wir verabschieden uns herzlich, Chris entlässt mich auf den Magnikirchplatz und der zweite Kunde wartet auch bereits auf Einlass.

Da stehe ich also nun auf dem Magnikirchplatz und sehe ringsum nur geschlossene Lokale und Geschäfte. Neue Nachbarn kennenzulernen, dürfte unter diesem Umständen etwas schwierig werden. Auf gut Glück gehe ich in Richtung Osten, weil ich ahne, dass ich gut Glück haben würde, und in der Tat, das House Of Sweets verkauft im weitesten Sinne Lebensmittel und ist deshalb befugt, geöffnet zu haben. Hier war ich weit vor Weihnachten schon und deckte mich mit weißen Reese‘s und Apfelstrudel-Twix ein, und dieser Vorrat hält noch an. Dessen ungeachtet bin ich einmal mehr erschlagen von dem Angebot hier. Freudestrahlend sitzt Kimberly an der Kasse des verwinkelten Geschäfts und berichtet von jenem in einer ansteckenden Begeisterung, die sich eigentlich nur in Schokolade nachvollziehbar ausdrücken lässt. „Seit Anfang November bin ich hier, aber den Laden gibt’s schon seit 2018 im Magniviertel“, erklärt sie. Seit vergangenem Jahr gibt es außerdem eine Zweigstelle in Hannover, „da hat ein 100-Quadratmeter-Laden eröffnet“, und außerdem einen nicht minder gut besuchten Onlineshop.

Nicht nur Kimberly ist begeistert vom House Of Sweets, auch unter ihren Freunden ist der Laden heißbegehrt, erzählt sie, nicht zuletzt, weil Sido auf Youtube in seiner Show „Zuhause mit Sido“ zeigte, wie er „im ersten Lockdown“, so Kimberly, eine Süßigkeitenbox aus diesem Hause entgegennahm. „Sido allein zu Haus“, sagt Kimberly, und erläutert, dass der Rapper in der Sendung jeweils einen Gast zu sich einlud, in diesem Falle Deniz, einen der drei Gründer von House Of Sweets, der als „Mr. Sweet“ selbst einen eigenen Instagram-Account betreibt. „Sido hat eine Überraschungsbox von uns bekommen“, berichtet Kimberly. „Seitdem sind wir bekannt.“ Ein weiterer Star, der hier öffentlichkeitswirksam einkauft, ist Senna Gammour von der „Popstars“-Castinggruppe Monrose: „Mit ihr arbeiten wir zusammen, sie promotet uns“, strahl Kimberly.

Der Erfolg ist: „Die Leute stehen auch ohne Lockdown Schlange“, freut sich Kimberly. Während des Lockdowns ist es, wie auch heute, nur zwei Haushalten gestattet, sich gleichzeitig in dem Laden aufzuhalten; einen dieser Plätze nehme ich bereits weg, vor der Tür warten zwei Jugendliche geduldig, eine junge Familie stöbert bereits im kunterbunten Angebot. Kimberly weiß: „Die Laufkundschaft fehlt“, deshalb ist diese Schlange zurzeit kürzer.

Ins Riptide nun hat es Kimberly noch nicht geschafft; den einzigen bisherigen Versuch vereitelte der Umstand, dass das Café voll besetzt war. Aber: „Ich bin für einen Freund hergezogen, der war im Riptide, und ein Freund von ihm hat da gearbeitet, in der Küche.“ Hergezogen heißt, dass Kimberly „eigentlich“ aus Hamburg kommt, das zurückliegende Jahr aber in Mannheim verbrachte, „ich habe da als Promoterin gearbeitet“, und nun eben klassisch der Liebe wegen in Braunschweig lebt. Seit Anfang 2020 verbringt sie ihre Wochenenden hier und seit Mai ist sie Bürgerin. Sie grinst: „Braunschweig ist immer noch näher an Hamburg als Mannheim, das hat gut geklappt.“ Nicht nur das freut sie: „Ich hatte Braunschweig nicht auf dem Schirm, aber es ist eine schöne Stadt.“

Die Kundschaft wechselt, Kimberly bedient vergnügt, und mich interessieren nach dem Bezahlvorgang endlich die drei Gründer des House Of Sweet. Von Deniz weiß ich bereits, und Kimberly erklärt, dass alle drei Cousins sind, Tahir, Sahin und eben Deniz, und sie zeigt mir deren Porträts als Wandmalereien im Geschäft. „Sie sind viel um die Welt gereist“, sagt sie, „sie haben keine Weltreise gemacht, sind aber viel um die Welt gekommen und haben verschiedene Süßigkeiten und Geschmäcker kennengelernt und sich entschieden, den Laden zu eröffnen.“ Einen vergleichbaren Laden „mit so einer Auswahl“ kennt Kimberly in Braunschweig nicht. Das wird stimmen, überall stapeln sich Tüten, Dosen, Schachteln, mit Aufdrucken in den exotischsten Sprachen und Schriftzeichen, es gibt Banana-Twinkies, irgendetwas Japanisches mit Pokémons drauf, Cerealien sogar von Reese’s, Schokoriegel, Getränkedosen, Weingummi, und irgendwo blickt auch Harry Potter aus den Massen an Leckereien hervor. „Die Leute kommen her, haben im Ausland gelebt oder waren im Urlaub und suchen Lakritz aus Finnland, sie fragen explizit nach Süßigkeiten aus demunddem Land“, sagt Kimberly, und vermittelt, wie diese Kunden sich dann freuen, wenn sie hier fündig werden.

Nun werde ich aber dem zweiten Haushalt, der draußen bereits wartet, den Platz freiräumen und versichere, dass ich wiederkomme, sobald das heimische Schokoregal etwas geleert ist. Kimberly verabschiedet sich so strahlend, wie sie von Süßigkeiten schwärmt: „Das erste, was ich gehört hab, als ich nach Braunschweig kam: Riptide.“

Matthias Bosenick
www.krautnick.de
Fakebook

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