#163 804 zu 832 und steigend

Mittwoch, 14. April 2021

Außer der Reihe öffnet Chris mir heute die Tür zum Riptide. Während der Pandemie ist das Café nur – also immerhin! – samstags zwischen 16 und 19 Uhr geöffnet, dann können Gäste vorbestellte Lockdown-Burger und Schallplatten bei Nico und Chris abholen. Eine Schallplatte ist auch mein Ansinnen heute, die „Idiot Prayer“-Doppel-LP von Nick Cave ist angekommen. Und ausnahmsweise herrscht heute so etwas wie Halligalli im Café: Der neue Webshop ist fertig, und Melissa, Lucie und Nicole füttern ihn, damit er schnellstmöglich online gehen kann. Die drei sitzen oder stehen an den entlegensten Winkeln des Cafés, jede mit einem Laptop und einem Stapel Schallplatten vor sich. „Wir haben jetzt“, Melissa wirft einen Blick auf ihr Laptopdisplay, „804 eingegeben.“

Lucie hebt die LP „Die drei ??? (13) und der lachende Schatten“ an, damit sie einen besseren Blick auf die Label-ID werfen kann, während Chris an einem weiteren Laptop die Kategorie „Hörspiel“ in der Datenbank anlegt. Sie ermittelt den Preis und staunt. Die LP habe ich auch, als eine von viel zu wenigen der 30 LPs, die es ursprünglich von den Drei Fragezeichen gab. „Diese ist von 2012“, sagt Lucie; meine nicht, die ist keine Wiederveröffentlichung. „Dann von …“, sie guckt ins Internet, „1980 oder 1996.“ Ersteres, meine ist original, die hab ich wohl mal auf einem Flohmarkt gefunden. „Hörspiel ist Angelegt“, sagt Chris, und Lucie beginnt zu tippen.

An der Theke steht Nicole an einem Laptop. Was nach Arbeit an der Karte oder Ähnlichem aussieht, täuscht: „Ich helfe mit, Platten eingeben in den Webshop“, sagt sie. Nur eben im Stehen. Irgendwie muss der Mindestabstand ja eingehalten werden. Aus diesem Grunde begeben uns Chris und ich auch in die erste Etage, um uns dort zu unterhalten. Am Ende der Treppe erwartet mich eine Überraschung: Eine Musiktruhe steht dort, sichtbar uralt, mit einer Reihe Büchern darauf, unter anderem „Riptide“ von Preston Child. „Das stand auch schon drüben“, sagt Chris, und dort muss es mir entgangen sein. „Das ist eine Musiktruhe mit Plattenspieler“, erklärt Chris. „Die ist voll funktionsfähig, hat aber die alten Stecker.“ Er verweist auf das nach unten geklappte Frontfeld, die ein zurzeit noch leeres Innenleben mit Regalfächern und Aufstellern für Singles ohne Cover freigibt: „Die kann man zumachen, das sieht gut aus.“

Chris seufzt, als er sich in die Ecke setzt und ich mich diagonal ihm gegenüber an den Tisch: „Ich mache seit drei Stunden nix außer tippen, tippen, tippen.“ Ohne Nicole, Lucie und Melissa sei es undenkbar, den Schallplattenbestand überhaupt so zügig in die Datenbank einzupflegen. „Wir haben 2000, 2500 Platten im Laden“, sagt Chris. Er freut sich: „Alle arbeiten selbständig vor sich hin und entwickeln ein eigenes Wissen über Vinyl.“ Er zitiert imaginär kennerhaft: „Jaaaa, Parlophone Records 1970!“ Sie lachten über kuriose Labelnamen wie Spiegelei-Records aus den Siebzigern, „die hatten Kraan und sowas“.

Zu seiner Arbeit gehört auch, die gesicherten Daten des alten Webshops Pleasure Syndicate für Rezensionstexte in die neue Datenbank zu kopieren und dort neue Preise anzulegen. Neu ist: „Das ist ein Shop mit Bestandsverwaltung, mit Warenwirtschaftssystem“, sagt Chris. Früher arbeiteten André und er mit Excel-Listen, auf deren exakte Pflege sie enorm angewiesen waren und in denen es dennoch zu „Lagerleichen“ kommen konnte. Dann gab es auch mal Bestellungen zu Platten, die nicht mehr vorrätig waren. Das neue System macht so etwas unmöglich, eine Bestellung reduziert automatisch den Bestand, und sobald der auf Null geht, verschwindet der Posten aus dem Shop. „Das ist ein Riesenunterschied“, sagt Chris erleichtert.

Es nimmt Chris einen erheblichen Druck, dass der Webshop genau jetzt bestückt werden kann. „Wenn es wieder offen ist, ist für das keine Zeit“, sagt Chris. Im laufenden Betrieb mal zehn Neuankömmlinge einzupflegen, sei kein Problem, aber bis zu 2500 Exemplare, das geht nur so geballt und ungestört wie jetzt. Chris staunt selbst: „Was wir für Platten haben!“ André und er hatten diverse Raritäten unterhalb der LP-Boxen im Laden „fürs Erste geparkt“, jetzt dringen sie ans Tageslicht. Originalverpackte Boxen von Radiohead oder Brian Eno nennt er exemplarisch. „Damit kann in Braunschweig keiner was anfangen“, weiß Chris. Oder Nebenprojekte von Justin K. Broadrick, „die kauft nur Arni“. Einige habe ich auch, aber der Mann hat so viel veröffentlicht, man kann gar nicht alles haben können. Jesu zählt Chris auf, ich habe nur etwas Godflesh und Napalm Death. „Das kannste in Braunschweig nicht verlaufen“, sagt Chris. Aber: „Mit dem Shop können wir unsere Reichweite erhöhen“, und zwar zunächst auf deutschlandweit, wegen der Portokosten. Ich freue mich schon aufs Stöbern, das geht im Lockdown wenigstens online.

À propos, in der Liste der Teilnehmer am Braunschweiger Lockdown-Ende-Modellversuch tauchte das Riptide gar nicht auf. Mit Absicht, betont Chris: „Ich habe mit Melissa gesprochen“, danach chatteten die beiden mit dem gesamten Personal. Mit dem Ergebnis: „Wir sind uns alle einig, dass es aus den verschiedensten Gründen nicht gut ist, mitzumachen.“ Chris zählt einige auf: Es sei „grundsätzlich komisch“, in einer Pandemie zu öffnen, während die Sicherheit der Menschen nicht ausreichend gewährleistet sei. Da lediglich eine Außengastronomie erlaubt sei, gebe es noch Unklarheiten, wie bei schlechtem Wetter zu verfahren sei oder ob die Gäste überhaupt die Toiletten aufsuchen dürften. Für einen gedrosselten Betrieb bräuchte Chris nicht das gesamte Team und empfände es als ungerecht, auswählen zu müssen, wen er aus der Kurzarbeit holt und wen nicht: „Ich will das ganze Team zurückhaben!“ Auch gebe es keine Planungssicherheit, wie man ja schon jetzt sieht, da die Stadt das Modellprojekt nur kurz vor dem Start schon wieder verschob. Und das Riptide müsse über ein, zwei Wochen hochgefahren werden, so Chris, etwa mit Reinigung, Lebensmittelbestellung und Personalplanung. Finanziell und organisatorisch sei das so spontan ganz unmöglich und überhaupt „unfair und verantwortungslos“, findet Chris. Er stellt klar: „Wir fordern ZeroCovid mit dem Ritpide, dass die Industrie schließt.“ Eine Gastronomie mit Alkoholausschank könnte zusdem die Ansteckung fördern, mit einer intrinsischen Unvorsichtigkeit. „Das ist verantwortungslos“, wiederholt er, und sieht „Schlachthöfe und große Betriebe“ in der Pflicht, ihren Beitrag zur Pandemiebekämpfung zu leisten.

„Wenn ich in der Politik wäre …“, Chris lässt den Satz ins Leere laufen. Aber das ist er doch, ich sah ihn erst gestern auf einer Aufstellung der BIBS für die Kommunalwahl im Herbst. Chris nickt und sagt, er finde die BIBS „integer“, auch kennt er dort einige Leute, lustigerweise teilweise andere als ich, und die fragten ihn, ob er sich nicht aufstellen lassen wollte, und nach einigem Überlegen sagte er zu, für den Bezirksrat im Westlichen Ringgebiet. „Ich bin sehr gespannt, ich freue mich auf die Aufgabe“, sagt Chris. Ein Kennenlernen fände demnächst per Videokonferenz statt, „das Wahlprogramm liegt mir vor“. Die BIBS, den Zusammenschluss der Bürgerinitiativen in Braunschweig, kenne ich aus der Zeit, als wir vor um die 15 Jahren die Bürgerinitiative für eine freie und faire Presse in Braunschweig gründeten, an der die BIBS maßgeblich auslösend beteiligt war. Inzwischen schläft diese Initiative, nachdem wir die zurückliegenden Jahre nur noch zu dritt waren – mit gelegentlichen Gästen – und diese drei inklusive mir von anderen Lebenssituationen abgelenkt wurden. So lernte ich eben auch Peter Rosenbaum und viele andere politisch Aktive in Braunschweig kennen, eine Bereicherung, in vielerlei Hinsicht.

Viel Zeit hat Chris jetzt aber nicht mehr, es denkt an den Webshop. „Ich hoffe, dass wir in ein, zwei Wochen online gehen“, sagt er. Dann könne man optional auch bei der Bestellung die Abholung im Laden angeben: „Click & Collect in Reinkultur.“ Zuletzt habe Chris gelegentlich auf Instagram Platten vorgestellt, das ruht zurzeit, aber wenn der Shop erstmal online ist, traue er sich auch wieder, umfangreich Werbung für Platten zu machen und diese für das Riptide zu bestellen, denn die können dann bundesweit bei ihm geordert werden. Und noch ein Kuriosum: Die Platten seines eigenen Labels waren fünf Jahre lang nicht online erhältlich, weil er den alten Shop aus technischen Gründen vom Netz nehmen musste. Bei der Recherche entdeckte er nun eine LP von Lukestar aus seinem eigenen Labelkatalog bei Discogs für stattliche 200 Euro: „Ich habe noch 80 Stück hier“, lacht Chris. „Die stelle ich rein normal für 20 Euro.“ Es sei gut möglich, dass die Platte inzwischen außerhalb des Riptides eine Rarität ist, denn es gibt nur 250 Exemplare davon. Und: Während Melissa, Lucie, Nicole und Chris dieser Tage den Shop befüllen, arbeitet der Webdesigner auch schon an der neuen Label-Webseite.

Bald ist für alle Feierabend, Melissa ruft mir den aktuellen Wasserstand nach: 832 Platten sind gegenwärtig in den Shop eingepflegt. Eine nehme ich mit, die es in diese Datenbank schon mal nicht mehr schafft, und zwar die Doppel-LP „Idiot Prayer“ vom Nick Cave. Mit der unterm Arm betrete ich nach einem vielstimmigen Abschied aus dem Riptide den Magnikirchplatz und blicke mich um. Neue Nachbarn kennenlernen ist schwieriger denn je, aber gottseidank dürfen Friseure geöffnet haben, und nur einmal über die Straße gestolpert betrete ich den Magni-Friseur, Ölschlägern 21.

Erstaunlich, dass zwar alle Kunden und Mitarbeiterinnen den gebührenden Anstand voneinander haben, der große Raum dennoch wie mit Leben ausgefüllt wirkt: Es föhnt und spült, es schnippelt und sprayt ringsum. Mein Anliegen bringe ich der sich nähernden Angestellten vor, und die deutet sofort auf Moni, die sei am längsten hier und wisse am meisten. Moni wäre auch bereit, mir Geschichten zu erzählen, doch erwarte eine Kundin ihre Rückkehr, ich vermute das Ende einer Einwirkzeit, und sie schlägt ein Treffen zu einem späteren Zeitpunkt vor. Sie überreicht mir ihre Karte und sagt beinahe nebenbei, dass das Riptide jetzt „die Musiktruhe meiner Eltern“ habe.

In jedem Film würde man jetzt denken: Was für ein durchschaubares Drehbuch! Dass ich ausgerechnet heute, nachdem ich die Musiktruhe erstmals zu Gesicht bekomme, ausgerechnet der Person begegne, die sie dem Riptide überließ. Sowas denken sich Autoren aus, um einen Kreis in die Geschichte einzubauen. Dieser ist echt. Und ich bin baff. Moni grinst und erinnert sich an die Lieder, die ihre Eltern auf der Truhe abspielten: „Mitsou, Mitsou, Mitsou, mein ganzes Glück bist du“, stimmt sie an und lacht. „Das ist hängengeblieben“, sagt sie. Ein Chanson von Jacqueline Boyer aus dem Jahr 1963. Sie gerät ins Schwärmen: „Die Truhe konnte man aufmachen, die Platte runterschieben, sie hatte Aufsteller für die Platten“, genau so, wie ich sie gegenüber zu sehen bekam. Und Moni fährt fort: „Der Plattenspieler mit Gummiantrieb, der grüne Plattenteller, das war toll!“ Und nun beglückt das schöne Stück die Riptide-Gäste, sobald sie dereinst wieder das Café betreten dürfen. „Ich hab ihn gefragt“, erzählt Moni von der Kontaktaufnahme zu Chris. „Sie hat da so schön Platz!“

Im September hat Moni ihr 35-Jähiges im Magni-Friseur. Ganz gewiss, sie hat eine Menge zu erzählen. Das Riptide habe jetzt im Magniviertel ein schönes Zuhause gefunden, findet sie. Ideal für einen Zwischenstopp. Und sie seufzt wehmütig: „Wenn Corona nicht wäre!“ Jetzt ist aber Eile geboten, die Kundin soll nicht länger warten. Da werde ich wohl wiederkommen, um mir mehr Erzählungen anzuhören. Versprochen!

Matthias Bosenick
www.krautnick.de
Fakebook

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