#169 Permanent temporär

Donnerstag, 14. Oktober 2021

Ein neuer Nachbar vom Café Riptide im Magniviertel hat eine widersprüchliche Eigenschaft: Er ist zwar permanent da, aber das nur temporär. Jeden Donnerstag bauen nämlich Marketender ihre Stände auf dem Magnikirchplatz auf, seit Jahrzehnten und ganzjährig, und den teilen sie sich nun mit dem Mobiliar von diversen Gastronomieeinrichtungen, darunter eben dem Riptide. Eine Schneise führt hinter den Tischen und Stühlen auf die drei Stände zu: links Blumen, rechts Biofleisch und in der Mitte Obst und Gemüse. Dort reihe ich mich in die Schlange ein, und Händler Thomas, schier versteckt hinter Pflaumen, Pilzen, Kürbissen, Bananen, Birnen, Möhren und was die Natur dieser Tage noch so essreif sein lässt, nimmt sich etwas Zeit für ein Gespräch.

Das Geschehen in der Gastroszene ringsum nimmt Thomas nicht nur wahr: „Es gibt Verbindungen, indem sie auch mal da ein oder andere hier kaufen.“ Die Entwicklung auf dem Platz betrachtet er nicht nur deshalb „durchaus positiv“, schließlich decken sich auch manche Gäste bei ihm und seinen Nachbarn ein, „sie kommen und gucken, wir haben sehr profitiert“. Im Riptide war Thomas selbst noch nicht, „aber meine Tochter, sie war positiv davon angetan“. Ihm bleibe dafür viel zu wenig Zeit, denn wenn er abends seinen Stand zusammenpackt, hat er bereits zwölf Stunden in den Beinen: „Wir fangen morgens früh an, aufzubauen.“ Er freut sich für das Riptide, dass es am neuen Standort Fuß fasste, denn „erst war ich skeptisch“, schließlich war es im „kleinen Handelsweg“ bereits gut gelaufen, wenn auch beengt. Hier ist es für ihn eine Bereicherung: „Ich find‘s gut!“

Auf dem Markt im Magniviertel ist Thomas „über 20 Jahre, Obst und Gemüse verkaufe ich schon länger“. Seine beiden Mitstreiter links und rechts hat er hier schon seit „ein paar Jahren“ fest, erzählt er. „Wir waren auch schon bedeutend mehr – und auch weniger, als ich angefangen habe, waren wir nur zu zweit.“ Käse Rothe, bei dem ich früher auf dem Altstadtmark einkaufte, war damals sein Nachbar, bis zu dessen Tod. Zu Thomas‘ Anfangszeiten wanderten gerade viele Marketender auf den Nachmittagsmarkt am Franzschen Feld ab, den ich zuletzt für und mit Schepper zu schätzen lernte. Auf dem Altstadtmarkt errichtete Thomas seinen Stand ebenfalls um die 20 Jahre lang, aber nur mittwochs, doch weil dieser Tag in der Coronazeit immer weniger besucht war, gab er das auf. Als jemand, der „die 60 überschritten“ hat, gönnt er sich nun den Ruhetag, schließlich ist er freitags auch noch auf dem Nibelungenplatz zu finden. Von diesem Job kann man sogar leben, sagt Thomas, „wenn man es clever macht“, und dazu gehört, „nicht alles vom Großmarkt“ einzukaufen, sondern „direkt vom Erzeuger“, und dann „faire Preise“ zu erheben, denn „dann kommen die Leute auch wieder“. Die nächste Kundin bestätigt das, und da ich den Handel nicht aufhalten will und mein Obst und Gemüse am Samstag auf dem Altstadtmarkt einholen werde, verlasse ich Thomas.

Auf dem Wochenmarkt einkaufen kann ich nicht groß genug feiern. Es ist so unkompliziert: Ich brauche beispielsweise nur zehn Pilze, eine Möhre, eine Süßkartoffel, sechs Clementinen, und ich kaufe auch nur diese Mengen, bedarfsgenau, unverpackt. Wenn ich dann zu Hause mit Andrea die Zutaten für eine Gemüsepfanne oder einen Eintopf schnippele, weiß ich genau, wie es war, als ich etwa den Pastinaken dafür auswählte und wer mir die Waren in die Hand drückte. Eier und Honig bekomme ich bei Iris und Jörn, Äpfel bei Ralf, Kartoffeln bei Andreas, Käse bei Peter, dann an Marcelas Blumenstand und Michas Kaffeewagen ein Schwätzchen halten, und später zu Hause auspacken wie Weihnachten und sich freuen: Saisonprodukte aus der Gegend, alles zu seiner Zeit, von der Erdbeere über den Spargel und die Blaubeeren bis zum Wurzelgemüse und zum Kürbis. Feigen, Walnüsse, Ingwer und Mangos aus Übersee dürfen es auch mal sein, die Qualität stimmt schließlich.

Eigentlich will ich jetzt ins Riptide einschwenken, aber ich höre erstaunlicherweise Dudelsackmusik. Anscheinend aus der Magnikirche. War nicht die Zeit der „Magni musiziert“-Konzerte seit einem Monat vorbei, sagte mir nicht Robert, der Organisator, so etwas? Die schottischen Melodien kommen tatsächlich aus der Kirche, ich gehe ihnen entgegen. In dem großen Kirchenschiff stehen spärliche Stuhlreihen mit Coronaabstand, auf den hintersten Möbeln sitzen Leute und lauschen der Musik. Die kommt aus dem Altarraum, da spielt wahrhaftig jemand Dudelsack. Laut und deutlich. Ich schlendere in der Kirche herum und setze mich vorn links an die Seite auf die Holzbank, doch da packt der Dudelist seine Partituren und sein Instrument schon wieder zusammen. Eigentlich, so bemerke ich, hätte es jetzt Applaus geben müssen. „Ist ja kein Gottesdienst“, ermuntert mich der Musiker, und ich erkenne, dass es genau dieser Robert ist, der die Konzertreihe organisiert hatte.

„Die Magnikirche ist der ideale Raum zum Proben“, erläutert Robert, „die hat nicht so‘nen starken Nachhall.“ Im Altarraum musiziere er „nicht, weil ich eitel bin“, sondern: „Hier kommt der Ton so, dass ich keine Kopfschmerzen kriege.“ Dudelsacktöne seien „schwebend“, deshalb müsse er „aufpassen, dass die Schwingungen gleich bleiben“. Und weil Robert immerzu in der Magnikirche probt, ist auch diese Musikreihe „Magni musiziert“ entstanden: Andere Instrumentalisten schlichen nämlich nach und nach, angelockt von seinem Spiel, in der Kirche umher, und so lernte Robert „tolle Musiker“ kennen, bei denen es sich zudem herumsprach, dass sie, anders als zu Hause, im Gotteshaus ungestört musizieren konnten, „sie haben Kirchenasyl bekommen“, lacht Robert. Und organisierten mit ihm eben diese Konzerte.

Auch über andere Musiker hinaus zieht Robert ein Stammpublikum an: „Ich habe Fans“, sagt er augenzwinkernd. Er berichtet von alten Menschen mit Rollatoren, von kleinen Kindern, von Dauerbesuchern: „Ich kriege Ärger, wenn ich nicht regelmäßig zum Proben komme“, lacht er. Vornehmlich bekommt er aber Dank. Viele Dudelsackspieler scheint es in Braunschweig ohnehin nicht zu geben; Robert denkt kurz nach: „Sonst gäb‘s nen Laden!“ Einen Dudelsackspieler aus Peine habe ich mal kennen gelernt, und das wundert Robert nicht, schließlich findet dort jährlich das Highland Gathering statt, die größte Zusammenkunft von Dudelsackspielern in Europa außerhalb Schottlands, die zwar auch viele Zuschauer anlockt, aber für die Teilnehmer eine ernsthafte Angelegenheit ist, „ein Hochleistungstreffen“, schließlich werden sie dort bewertet, „wie beim Tennis“, und erhöhen damit im Idealfalle „ihre Reputation“. Abgesehen davon sei vermutlich das Häufigste, was man als Tourist hört, „stimmen, stimmen, stimmen“, schließlich ist ein Dudelsack ein Holzblasinstrument, „und die verstimmen sich schnell“.

Schon als Kind wollte Robert Dudelsack spielen, erzählt er. Damals versuchte er, sich einen selbst zu bauen, aus Pfeifen, „aber das habe ich nicht hingekriegt“, also lernte er eben kurzerhand Konzertgitarre. Auch auf der lässt sich keltische Musik wunderbar spielen, das ist nämlich Roberts Leidenschaft, und sein größter Einfluss ist Robert Burns. Als er dann später einmal in Peine auf einem Pappschild las, dass eine Dudelsackband Spieler suche, „auch Beginner“, war das ein Erweckungsmoment für ihn. Jede Stadt, so Robert, habe ihre „Pipes & Drums“-Band, und bei einer solchen könnte man als Anfänger ganz gut einsteigen. So verfuhr Robert mit den „Pipes & Drums Of Brunswiek“, trat in den Verein ein und erlernte das Spiel. Er legte sich sogar einen Kilt zu, im Tartan der McLeod, dem Clan mit „Es kann nur einen geben“. Inzwischen spielt Robert bei St. Pauli in Hamburg.

Wir schlendern aus der Kirche heraus in den feuchten Oktoberabend. Es dämmert, die Marketender packen ihre Stände zusammen und unter den Riptide-Schirmen sitzen immer noch ausreichend Wackere. „Das Riptide ist supergut angelaufen“, freut sich Robert, „auch im Zusammenspiel mit den anderen Kneipen.“ Seine Verabredung trifft ein, wir verabschieden uns und ich steuere jetzt auf das Riptide zu.

Davor treffe ich auf Chris, der sich indes soeben termingedrängelt von einigen Gästen verabschieden will. „Sound On Screen ist Donnerstag“, sagt er mir noch schnell, und ich muss kurz denken, heute ist Donnerstag, also nächste Woche, und Chris nickt. Vor einem Monat lief bei der Wiederaufnahme der Musikfilmreihe nach der Coronapause im Universum-Kino der Film über Shane MacGowan von The Pogues. „Hammerfilm“, strahlt Chris. „Und als ich rauskam, strömender Regen – fuck!“ Denn dieser Auftakt sollte auch ein Gradmesser dafür sein, ob das Publikum den nun nach dem Umzug etwas weiteren Weg zum Riptide für das Anschlussprogramm auch auf sich nehmen würde, da befürchtete er Regen als schlechte Voraussetzung für so eine Bereitschaft. Doch „der Saal war voll“, sagt Chris, rund 120 Leute, und etwa die Hälfte davon, also 60 Leute, „haben mit 2G hier gefeiert – ich war sehr happy“. Als „Generalprobe“ empfand er die Veranstaltung somit, und er hat Fakten zur Wegstrecke: „Langsam neun bis zehn Minuten, schnell sechs Minuten Fußmarsch – das ist machbar!“

Einen Fußmarsch hat Chris jetzt selbst vor sich, deshalb schwenke ich ins Café-Innere. In einer Nische entdecke ich Frank, der mit Birgit an einem Tisch sitzt. Die beiden richten nachher eine Lesung aus, und zwar im Rahmen von Franks neuer Musikbuch-Reihe „Sound On Paper“ im Restaurant Abspann des Universum-Kinos. Birgit liest dann dort aus ihrem neuen Buch „100 Seiten: Jim Morrison“, und wie es sich gehört, verbringen sie die Zeit davor im Riptide. „Es ist tatsächlich mein erstes Mal in Braunschweig“, sagt Birgit, „sonst bin ich nur durchgefahren.“ Ein schöner Zufall, die beiden hier und jetzt zu treffen, denn gerade heute Morgen beendete ich die Lektüre des aktuellen Rolling Stone, und für den schreiben sie beide.

Beide entscheiden sich, vor der Lesung keinen Alkohol zu trinken, aus unterschiedlichen Gründen, und sie erinnern sich an berüchtigte Konzerte, die die Musiker unter Alkoholeinfluss absolvierten und die aus dem Ruder liefen – zumeist im Falle von W. Axl Rose – oder trotzdem drei Stunden grandioses Programm boten, wie im Falle von Ryan Adams, wie Birgit berichtet, und das, obwohl sie ein befremdliches Gefühl hatte, dem sichtlich betrunkenen Mann dabei zuzusehen. Frank erzählt von einem Konzert von Guns ‘n Roses, das wegen eines Unwetters unterbrochen wurde, und meint, dass „die Leute auch dann etwas zu erzählen gehabt hätten, wenn es nicht weitergegangen wäre“. Birgit erlebte die Band ebenfalls einmal während eines Gewitters, nur ohne Unterbrechung, und findet das nachträglich „lebensgefährlich“. Beide rügen die Lustlosigkeit, die W. Axl Rose bisweilen bei Konzerten zur Schau trägt, und Frank gefallen die beiden neuen Songs der Band nicht besonders, wohl Reste der Aufnahmen zu dem ständig verschobenen und dann doch nachgereichten „Chinese Democracy“. Das hätten sie nie veröffentlichen sollen, finde ich, dann hätten sie die ewige Unveröffentlichte als Mysterium vor sich hergeschoben und wären permanent im Gespräch geblieben. „Dann wären sie auch darin vorgekommen“, sagt Frank und nickt in Richtung des Plakats zu Daniel Deckers Buch „Not Available: Platten, die nicht erschienen sind“, das im LP-Bereich des Riptide hängt.

Das akribische Plattensammeln hat Frank eher aufgegeben, Birgit vertieft es hauptsächlich bei R.E.M., auch aus der Zeit, als sie nur noch zu dritt waren. Sie erzählt, dass sie in ihrer Amerikanistik-Magisterarbeit zum Thema R.E.M. behauptete, die Band würde zerfallen, stiege nur einer aus. Kurz darauf bereiste sie den Süden der USA, und als sie dann in Athens, Georgia, eintraf, der Heimatstadt ihrer Lieblingsband, stand genau an dem Tag in der Zeitung, dass der Drummer die Band verlassen hat und der Rest trotzdem weitermacht. Das war knapp, sonst hätte sie womöglich keine so gute Note auf die Arbeit bekommen. Das Trio-Album „Up“ feiert sie und schwärmt von den Livekonzerten aus er Zeit nach der Verkleinerung. Frank ermuntert sie, diese Magisterarbeit zu veröffentlichen, „ich denke in Büchern“, lacht er.

Für Birgit ist das heute sogar ihre erste Lesung. Als Moderatorin saß sie zwar schon auf Bühnen, und „100 Seiten: Jim Morrison“ ist ja auch erst ihr erstes Buch. Doch sie weiß ja, dass sie Lesebühnenprofi Frank an ihrer Seite hat: „Deshalb bin ich auch nicht aufgeregt.“ Als Zuschauerin schwärmt sie von den Lesungen von Benjamin von Stuckrad-Barre, weil die nicht vorhersehbar sind. Frank und Birgit müssen sich nun auf den Weg zum Kino machen, für die Vorbereitungen zur Lesung, da klingelt ihr Telefon: Benjamin von Stuckrad-Barre ist dran.

Ins Kino werde ich es leider nicht schaffen. Abendessen im Riptide steht noch an, dann auf dem Franky eine Stippvisite im MokkaBär, dann Arbeit. Am Frankfurter Platz tut sich einiges dieser Tage: An der Ecke zur Schöttlerstraße eröffneten Alexander und Gregor, mit dem ich das Dach teile, den Bunny‘s Store mit Hanfprodukten und mehr; Andrea und ich entdeckten dort kürzlich Hoodies und Shirts von Graffiti-Sprayer Pinky Ponko, der unter anderem die Treppe zur Skaterbahn am Westbahnhof mit seinem pinken Signaturtier verschönerte und der auch die Innendeko des Stores gestaltete. Und das Gambit hat neue Betreiber, Nihat zog sich zurück und konzentriert sich auf seine Bar „Zur Mühle“ in Wolfenbüttel. Als Nachfolger fand er eine Familie aus Syrien, zu der Mustafa gehört, der mit Brüdern, Cousins und Vater das Gambit neu tapezierte, den Raucherbereich entfernte und Koch und Karte von Nihat übernahm. Es geht also weiter, jetzt auch für mich: Melissa bringt mir mein Junkfood Heaven, das Fladenbrot mit Hotdog-Füllung, und ein Wolters. Arbeiten kann ich ja auch später noch.

Matthias Bosenick
www.krautnick.de
Fakebook

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