#173 Der Koch ist hübsch vakant

Donnerstag, 24. Februar 2022

Den internationalen EBM-Day kann man am besten nutzen, indem man ihn in einem Plattenladen verbringt. Auch, wenn man aktuell keine EBM-Platten erwerben möchte, stattdessen spreche ich Chris auf das neue Album „Let It Be Blue“ von !!! an, auf – natürlich! – blauem Vinyl, und er bittet mich, ihm dazu eine Email zu schicken, denn er hat eigentlich Feierabend und den Rechner bereits heruntergefahren und trifft sich mit mir zudem außer der Reihe im Riptide, bevor es nach der Mittagspause um 18 Uhr wieder die Türen öffnet und er den Heimweg antritt. Das ist auch der Grund für meinen Besuch, wegen meiner eigenen Arbeitszeiten erwische ich ihn im regulären Betrieb nämlich nicht mehr. Und es gibt so viel zu erzählen!

Denn heute tritt die neue unübersichtliche Verordnung zur Pandemiebekämpfung in Kraft, die eine kaum weniger unübersichtliche Verordnung ablöst, von der zudem nicht wirklich ersichtlich ist, inwiefern sie dazu geeignet war, eine Pandemie zu bekämpfen, von der wiederum die Entscheidenden zu hoffen schienen, sie befalle einfach mal die komplette Bevölkerung, damit endlich Ruhe sei, und auch diese neue Verordnung, die als Lockerung deklariert ist, lässt unklar, was denn da überhaupt noch zu lockern gewesen sein soll, war doch eh alles irgendwie möglich, nur eben nicht sinnvoll; Absagen und Einschränkungen folgten vielmehr der Vernunft der Einzelnen als solchen hohen Bestimmungen.

Bevor wir das Thema jedoch angehen, interessiert mich noch ein anderes: Ich habe gesehen, dass es eine Stellenausschreibung für die Position des Küchenchefs im Riptide gibt. „Schweren Herzens“ muss Chris nämlich Nico ziehen lassen, der die Stadt wechselt. Die Neubesetzung sei eine Mammutaufgabe: „Nico ist menschlich und fachlich schwer zu ersetzen“, sagt Chris.

Ein erstes Gespräch mit einem Bewerber hat Chris schon übermorgen. Mitte Mai hört Nico auf, „er will noch die Übergabe machen“, sagt Chris, deshalb soll der Nachfolger möglichst schon zum 1. Mai im Riptide anfangen. Chris seufzt: „Es ist schwer genug, ein Team für den Sommer zu finden.“ Sein Stammteam ist immerhin noch vollständig parat, wenn auch teilweise in Kurzarbeit. Dazu kommt, dass Nico ein Rundummer ist, „er macht alles“, deshalb sei es „schwierig“, für ihn einen Austausch zu finden, doch Chris ist zuversichtlich: „Aber nicht unmöglich.“ Das mit dem Einarbeiten will Nico auch von sich aus so ausführlich wie möglich handhaben: „Das liegt ihm am Herzen“, sagt Chris, „er sagt, er hat noch nie einen Job gehabt, der ihm so viel Spaß gemacht hat.“ Er grinst: „Es ist spannend, dieses pretty vacant zu ersetzen.“

Der nahende Frühling eröffnet dem Riptide vermutlich mehr neue Möglichkeiten als die jüngsten Lockerungen. Aber auch Unklarheiten: „Wie es sich durch Corona verändert hat, weiß ich nicht“, sagt Chris. Seit dem ersten Lockdown finde die Gastronomie keine Leute mehr, erfuhr Chris von Händlern, die dies von anderen Einrichtungen vernahmen. Viele Gastro-Angestellte sind in Coronatestzentren untergekommen, und da noch immer nicht ersichtlich ist, ab wann diese Tests nicht mehr erforderlich sind, ist auch unklar, wann die Angestellten dort nicht mehr gebraucht werden und somit wieder der Gastronomie zur Verfügung stehen. „Die Gastroszene wird mittelfristig geschwächt sein“, ahnt Chris. Das beträfe sowohl Fach- als auch ungelerntes Personal, auf das auch das Riptide angewiesen ist. „Ich habe noch keine Ausschreibung für den Sommer gemacht“, sagt Chris, und berichtet, dass er eine Versammlung mit dem Team anberaumt hat, um die Jahresplanung zu machen, „dann weiß ich, wie viele Leute brauche ich im Sommer“. Er werde, anders als am alten Standort, ein „Sommer-Winter-Gefälle“ geben, sagt Chris, da es hier im Magniviertel mehr Laufkundschaft und mehr Freisitzplätze, also sommers mehr Bedarf an Bedienenden gibt. „Wir werden den Sommer auffüllen mit Minijobbern“, sagt er, „ich werde die Tage die Stellenausschreibung machen.“

Mit der Aussicht auf wärmere Temperaturen kann Chris auch die zuletzt eingeführte Mittagspause überdenken. „Wir haben den Plan, zu alten Öffnungszeiten zurückzukehren“, sagt er, und fügt an, dass dazu eben auch eine Personalaufstockung erforderlich ist. „Wir haben beschlossen, ab 1. März freitags wieder durchgehend zu öffnen“, kündigt er an. Sonntags und montags ist geschlossen, samstags sowieso durchgehend geöffnet und die Mittagspause also nur noch dienstags bis donnerstags eingerichtet. Vorübergehend: „Ab 1. April wollen wir wieder ganz normal öffnen und draußen die Freisitzfläche einrichten“, sagt Chris. Einiges Mobiliar steht auch jetzt schon auf dem Magnikirchplatz, doch weitgehend leerbleibend, bedauert Chris: „Wir haben es heute aufgeschlossen wegen des schönen Wetters, aber es wird nicht genutzt.“ Er führt das darauf zurück, dass „Laufkundschaft, Schlendern um 70 bis 80 Prozent zurückgegangen“ sei. Auch mittags und abends stellt er fest, dass die Leute gezielt zum Essen kommen, dann aber auch gleich wieder aufbrechen, anstatt wie vor der Pandemie noch chillig im Riptide Zeit zu verbringen. „Einzig Samstag ist noch ein bisschen normaler Betrieb“, freut sich Chris immerhin.

Chris ist auch klar, dass die Leute nicht sofort mit Anbruch des Frühlings und Abbruchs der Einschränkungen wieder unterwegs sein werden. Er bezeichnet den Umstand als „Cageism-Syndrom“, dass den Menschen der Käfig zwar weggenommen wird, sie sich aber so sehr daran gewöhnt haben, dass sie sich auch ohne ihn so verhalten wie mit ihm. Von Tieren in Gefangenschaft sei diese Beobachtung abgeleitet, sagt Chris. Das ist auch ein Grund, weshalb Chris noch nicht mit dem Planen von Veranstaltungen loslegte. „Sound On Screen geht theoretisch weiter“, berichtet er, zumindest gebe es eine Anfrage aus dem Universum-Kino, obwohl jetzt traditionell eigentlich die Sommerpause anstehen würde. „Es ist noch nichts konkret, aber eine neue Staffel ist im Gespräch“, sagt Chris.

Außerdem liegen noch zwei Konzerte an, die Chris seit zwei Jahren verschieben muss, „beide im Juni“. Das erste ist von Andrew Paley, der mit seiner früheren Band The Static Age schon im Riptide spielte. Er bringt Bob Nanna mit, „beides Legenden der Neunziger-Hardcore-Szene“, sagt Chris. Das zweite Konzert ist mit Boy Omega, „mit dem wir ein neues Album planen und Singles gemacht haben“. Damit startete Chris sein Label neu: „Zwei Sachen sind geplant, ein paar angeschoben, aber noch nichts spruchreif“, sagt Chris. Die vier Singles mit Boy Omega waren allesamt digital: „Ganz neu“ für Chris. Wann das Album kommt, ist unklar, weil die wenigen verbliebenen Vinyl-Presswerke die Aufträge nicht bewältigt bekommen, weltweit. Dafür hat sich Chris bei Spotify angemeldet, um zwei Playlists zu erstellen: „Café Riptide“ mit einem Blick auf Indiemucke sowie „Café Riptide Punk and Metal“ mit genau diesen Genres. Zu entdecken gibt es dort „alles, was mich sozialisiert hat, plus eigene Sachen“, sagt Chris.

Neuen aufregenden Alben sieht Chris diese Tage noch nicht konkret entgegen. Die neue „In Dub Volume 1“ von Killing Joke packte er heute aus, die habe ich aber schon auf CD sowie als Teil der Dreifach-LP. Die neue EP von denen, „Lords Of Chaos“, kann Chris mir leider nicht bestellen, weil sie ausschließlich über das Label oder die Band zu haben ist. Eine Entwicklung, die den Bands zwar ernüchternde Verhandlungen mit Labels erspart, die Plattenläden wie das Riptide jedoch umgeht, selbst „dicke Mainstream-Sachen“ wie das neue Album von Casper könne Chris nicht bestellen, weil sie nicht in den regulären Vertrieb gelangen. Dafür ist Chris auf die nächste Platte von Ignite gespannt, „zwei Songs habe ich gehört, die sind ganz gut“, sagt er. Er ist zuversichtlich: „Es werden dieses Jahr noch einige schöne Sachen kommen.“

Doch die Presswerkkrise beschäftigt Chris sehr. „Die neue Tocotronic ist ausverkauft, die gibt es erst Mitte Mai wieder“, bedauert er. Noch schlimmer ist es mit dem neuen Album von Turnstyle, das es als CD und digital längst gibt, „eines der wichtigsten Alben des Jahres, und wir haben erst Mitte Februar die Exemplare bekommen“. Immerhin als Frühbesteller vor vielen anderen, weshalb viele Kunden aufgeregt im Riptide nach dem Album fragen. Die Vinyl-Probleme schafften es laut Chris sogar in Tagesschau und Zeit-Online, also Massenmedien, die sich ansonsten anderen Themen widmeten. Passend zu seinem für unser Treffen ausgewählten Soundtrack, einer Best-Of-Playlist von Iron Maiden, fügt er hinzu: „ Die ‚Book Of Souls‘ soll ewig nachgepresst werden, die kommt nicht!“

Immerhin, der Frühling kommt bald, das sind auch gute Aussichten. „Ich freue mich auf den Sommer“, sagt Chris. Jetzt ist das Riptide seit fast zwei Jahren am neuen Standort, „ich bin noch gar nicht so richtig angekommen“, immerzu war irgendwas, meistens Lockdowns, Einschränkungen oder so etwas. „Die Einweihungsparty fehlt noch“, sagt Chris. Die ist indes noch ebenso ungeplant wie der Wolters-Applaus-Garten: „Es gibt noch viel zu organisieren.“ Inzwischen naht das Ende der Riptide-Mittagspause, die ersten Angestellten trudeln ein und wirbeln herum. Im Fach Stoner/Doom entdecke ich die Doppel-LP mit dem einprägsamen Titel „Metta, Benevolence • BBC 6Music: Live On The Invitation of Mary Anne Hobbs“ von SunnO))), manchmal auch Sunn O))), also mit Lücke; das O))) markiert den Regler an dem Verstärker, nach dem sich die Band benannte, und wird nicht mitgesprochen, die Band heißt folglich lediglich „Sunn“, nicht „Sunno“. Die dicke Doppel-LP nehme ich gleich mal mit, bevor ich den Heimweg antrete. Danke, Chris, für diesen Nachmittag!

Dieses Mal bin ich mit dem Auto hier, direkt nach Feierabend, und auf dem Weg zum Löwenwall, wo ich es abstellte, komme ich unter der Adresse Am Magnitor 3 am Einrichtungshaus Körner vorbei, für das ich gleich mal den Weg unterbreche und dort einkehre, um es als für das Riptide neuen Nachbarn zu erkunden. Am Eingang hängen bunte Taschen, im Schaufenster sind Sofa, Geschirr, Lampen und mehr zu sehen, und schon der lange Gang ins Innere führt an so vielen Regalen und Aufstellern mit spannenden Dingen vorbei, dass ich nur mich langsam umblickend auf den Tisch zusteuere, an dem Isabella sitzt und arbeitet, unter einem gigantischen LED-Kronleuchter und weit vor dem hinteren Bereich des Hauses, in dem ich vage weitere Mitarbeiter und noch mehr interessante Exponate ausmache. Riesig!

„Klar“ mache sich der Herzug des Café Riptide im Magniviertel bemerkbar, sagt Isabella. : „Es ist jetzt ein belebter Platz, das war früher nicht der Fall.“ Barnaby’s Blues Bar folgend, haben sich „nach und nach“ weitere Gastronomen angesiedelt, und sie lacht: „Jetzt ist quasi kein Platz mehr da.“ An deren Gepflogenheiten passte sich das Einrichtungshaus überdies in einer Sache an: „Das Viertel ist montags geschlossen“, sagt sie, „das macht sich bemerkbar, es gibt keine Laufkundschaft“, und deshalb legt auch das Haus Körner inzwischen am Montag einen Ruhetag ein. Umgekehrt sei wiederum im Sommer mehr Zulauf im Viertel, „wenn die Leute hier sitzen, auf den Plätzen und vor den Kneipen“.

Als Einrichtungshaus existiert Körner seit 1956, berichtet Isabella, umfunktioniert vom Vater ihres Mannes Konstantin, denn gegründet wurde es 1913 noch lediglich als Tischlerei. Mittlerweile erstreckt sich die Ladenfläche auf mehrere miteinander verbundene Gebäude, „hier war vorher ein Hof, wo wir sitzen“, sagt Isabella. Erstaunlich. „Wir haben die Häuser zusammengefasst, weil das Geschäft in den Sechzigern, Siebzigern expandierte, es wurde zu klein“, berichtet sie. Zu entdecken gibt es wirklich viel in diesem zwar verwinkelten, trotzdem mitnichten engen Haus. „Fritz Hansen, Kunsthandwerk, vermischt“, nickt Isabella, „Accessoires als Beiwerk – wir sind in erster Linie ein Möbelgeschäft, ein Einrichtungshaus.“ Ich entdecke sogar Spielwaren, „von Naef aus der Schweiz, das Bauhaus-Schiff, und Handpuppen von einem Holzschnitzer aus Bremen“, erklärt sie mir. Und deutet um uns herum auf Designer-Produkte: „Bestecke von Pott, Geschirr von Iittala, Stelton-Sachen.“ Überwältigend.

Gerade das Verschachtelte dieses Hauses füge sich perfekt in den besonderen Charme des Magniviertels ein, findet Isabella. Eben kein Dreitausend-Quadratmeter-Gebäude, in das man Stellwände einbringen muss: „Es hat ein anderes Flair, es passt ins Viertel.“ Zwar könne sie deshalb „nicht alles ausstellen, was wir wollen“, sagt sie, „wir müssen jonglieren“, doch „die Kunden schätzen das Verschachtelte“. Die Ausstellungsfläche ziehe sich weit in die Tiefe des Gebäudes und sogar ins Obergeschoss: „Ein Raumwunder“, lacht Isabella.

Eine Mittagspause in der Gastronomie ringsum sei für das Team indes nicht machbar, sagt Isabella: „Wir haben durchgehend geöffnet.“ Dafür reaktivierte sie zu Hause ihre alte Plattensammlung, „alles runtergeorgelt, dass es ein Graus ist, auf Partys gespielt“, nur einen passenden Plattenspieler habe sie nicht mehr, aber: „Ich gucke öfters beim Riptide ins Schaufenster.“ Der Blick lohnt sich auch hier, ich muss unbedingt nochmal zum Stöbern herkommen. Mit Dank verabschiede ich mich, klemme mir meine Schallplatte unter den Arm und nehme mir vor, nächstes Mal bei Körner nach der Alvar-Aalto-Vase zu suchen, die gibt es hier bestimmt!

Matthias Bosenick
www.krautnick.de
Fakebook

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