#175 Walter sitzt auch schon irgendwo da draußen

Mittwoch, 20. April 2022

Na toll: Nico hat Urlaub. Da hab ich doch noch mal die Gelegenheit, seinen Mittagstisch wahrzunehmen, bevor er das Riptide verlässt, und dann gönnt er sich seine Erholfreizeit zeitgleich mit mir. Frech! Kein Grund, das Riptide deswegen heute nicht aufzusuchen, klar, und also nutze ich die Gunst der Mittagsstunde, die überdies seit dem 1. April keine Unterbrechung mehr bekommt. Nicht als einziger Mensch im Magniviertel: Die Sitzmöbel von Das kleine Café, Café Lineli, Barnaby‘s Blues Bar und Riptide ergeben auf dem Platz vor der Kirche ein Wimmelbild, an dem auch Ali Mitgutsch seine Freude gehabt hätte. Endlich Frühling, auch wenn der Wind noch kühl pfeift und die Sonne sich in ihren schönsten Wolken gekleidet zeigt, aber der Weg nach draußen drängt sich einfach auf. Für mich zunächst nicht, ich gehe ins Riptide hinein und weiche dabei Melissa aus, die mir auf ihrem Weg nach draußen mit einem vollen Tablett entgegenschlingert.

Im Thekenbereich hält Chris die Stellung und nimmt Bestellungen entgegen, die Melissa ihm nach ihrer Rückkehr entgegenruft. Ewig Zeit hat Chris für den Job auch nicht, er muss nachher noch hoch ins Büro, „den Record Store Day vorbereiten“. Der ist am 23. April, also jetzt am Samstag, wie ich dem Plakat an der Tür zu den Waschräumen entnehme, auf dem auch steht, dass es den RSD dann seit 15 Jahren gibt. Und à propos Plakat, am Eingang zum Café wirbt eines für ein Konzert, das am 6. Mai hier stattfindet: Boy Omega spielt dann im Rahmen einer kleinen Tour auch hier im Riptide. Es geht wieder los! Auch mit Rille Elf, wir sind am 30. April zum „Psych in den Mai“ wieder in Harrys Bierhaus; zur Oster-Party am vergangenen Samstag war ich jedoch nicht dabei.

Hinter mir betrachtet Melissa die Kuchenauslage im transparenten Kühlturm, und ich betrachte mit. Für den sofortigen Genuss der ausgestellten Waren bin ich noch zu frühstückssatt, aber gucken geht ja immer. „Russischen Zupfkuchen haben wir noch“, ergänzt Melissa das Angebot. Ich sehe neben Muffins und Brownies attraktive vegane Leckereien wie Karotten-Kuchen, Kirsch-Streusel-Pudding-Kuchen und Erdnussbutter-Torte. Und Nussecken, wie ich erfreut feststelle. „Und das, obwohl der Sommer kommt“, sagt Melissa, aber ich finde, Nussecken sind jahreszeitenunspezifisch. Melissa stimmt zu und meint, im Winter könne man sie mit Zimt und Rosinen ergänzen, und setzt nach: „Außerdem sind Nüsse gesund.“ Ich bemühe bestätigend den alten Witz, dass ich noch keine Nüsse beim Arzt gesehen habe, und Melissa widmet sich lachend den Gästen draußen.

Derweil reicht mir Chris meinen Milchkaffee und fügt ihm einen hellen Keks hinzu. Den mag ich am liebsten, bemerke ich, und Chris erklärt mir, dass das Team mit den Keksfarben die Milchart im Kaffee markiert: „Wir haben Kuhmilch und Hafermilch – Pflanzenmilch ist dunkler Keks, Kuhmilch hell.“ So kommen die Mitarbeiter nicht durcheinander; ein geheimer interner Code sozusagen. Meinen Kaffee mit für das Team erkennbarer Kuhmilch stellt Chris unter die Postkarte der Buppets, auf der sie Grüße vom Segelurlaub in Dänemark senden und die an einem der Holzbalken der Theke pinnt. Urlaub, ja, danke, Nico!

Auch ohne Nico sieht das, was die Küche durch die Durchreiche zur Theke verlässt, mehr als lecker aus. Chris nimmt die durchgereichten Speisen an und transportiert sie hinaus zu den Bestellenden. Für die Zubereitung ist heute Leila verantwortlich, die in der Küche wirbelt. „Ich bin hier, seit das Riptide im Magniviertel ist“, erzählt sie mir geschäftig. Damit ist sie quasi eine Kollegin von Nico, aber nicht nur: „Ich mache auch Service, ich mache beides.“ Den Mittagstisch indes übernimmt sie nicht: „Das macht wirklich nur Nico, der plant das auch mit Einkaufen“, erläutert Leila, und da sie wie alle, die in der Küche helfen, dies nicht täglich verrichtet, hat sie Nicos Überblick einfach nicht. Nichts gibt es deshalb aber eben trotzdem nicht zu essen: „Wir machen ganz normale Karte sozusagen.“ In die Riptide-Küche ist sie „ein bisschen reingeraten“, sagt Leila, „aber es macht mir Spaß“. Noch während der Schulzeit begann sie mit dem Job hier, „und den mache ich, bis die Uni losgeht“, was im August der Fall sein wird – und in Bonn. „Deshalb mache ich auch beide Jobs“, sagt Leila, die sich so ein Startpuffer anarbeitet. In Bonn kennt sie niemanden, gerade so jemanden in Köln, jedoch kommt pendeln für sie nicht in Frage, weshalb die Bundesstadt wohl ganz sicher ihr Umzugsziel sein wird. Ich kann ihr nur davon vorschwärmen, lebt doch eine meiner beiden Schwestern dort; vielmehr: nicht in Bonn, sondern in Beuel, auf der schääl Sick mithin, aber so ist das am Rhein mit den munteren Lokalzoffs. Ich mag Bonn, und Leila ist zuversichtlich: „Ich stelle es mir schön vor.“

Weil Leila viel zu tun hat, kehre ich ihr den Rücken zu und zurück ins Café, wo Chris soeben von seiner Draußentour eintrifft. Aus über 20 Leuten besteht sein Team zurzeit, staunt der Chef selbst: „Wenn mir das jemand gesagt hätte vor Jahren, hätte ich ihn ausgelacht!“ Der angekündigte Wechsel in der Position Küchenchef ist ja bereits gesetzt, Nicos Nachfolger Addi kannte Chris vorher schon, als einen von nur zwei gelernten Köchen, die ihm vertraut sind: „Ich habe deshalb die Info in seine Richtung gestreut“, verrät er. Addi war auch schon einmal hier, tauschte sich mit Chris über seine Ideen und Pläne aus und absolvierte ein Probekochen mit Nico, der davon hingerissen war, was Chris viel bedeutet, denn er vertraut da auf die Expertise eines Kochs, die er selbst eben gar nicht hat. „Er hat gesagt: ‚Guter Mann‘“, strahlt Chris. Davon hängt auch viel ab: „Wir wollen den Ruf, den Nico uns erkocht hat, beibehalten, er soll aber auch seine eigene Art einbringen.“ Anfang Mai kochen die beiden Küchenchefs zwei Wochen lang zusammen, damit Nico seine Geheimnisse weitergeben kann. Und dann einmal mehr in den Urlaub aufbrechen.

Da eine Kundin sich in der Zeit vertat, hat Melissa eine Rhabarberschorle übrig und fragt mich, ob ich die trinken mag. Ich stimme zu, und Melissa argumentiert: „Rhabarberschorle habe ich auch noch nie beim Arzt gesehen.“ Das dürfte jetzt meine erste überhaupt sein, mir war Rhabarber immer nicht so richtig geheuer, höchstens kombiniert mit Erdbeeren und versteckt in Kuchen. „Ich mag das englische Wort“, sagt Chris, „Rhubarb – das klingt wie eine Metal-Band.“ Oder ein Track von Aphex Twin, vom Album „Selected Ambient Works Volume II“ aus dem Jahr 1994, oder wie seine EP „Donkey Rhubarb“, erschienen ein Jahr später. Melissa erkundigt sich im Vorbeihuschen: „Und, wie ist die Rhabarberschorle?“ Schmeckt mir überraschend gut, inzwischen mag ich das Saure ganz gern; mit zwölf hätte ich das gewiss noch nicht gemocht. Wie Oliven oder Jazz.

Hinter mir vernehme ich Wörter in einer anderen Sprache. Ist es Español? „Français“, erwidert Julie. Mühsam krame ich meine Sprachbrocken heraus und teile ihr auf Französisch mit, dass mein Französisch nicht so gut ist. „Hast du es in der Schule gelernt?“, erkundigt sie sich. Habe ich, das ist Jahre her und liegt seitdem einigermaßen brach. Deutsch spricht Julie indes noch nicht ausreichend für Konversation, nimmt aber Unterricht. Wir einigen uns auf Französisch darauf, uns fortan auf Englisch zu verständigen, und das gelingt uns gut. Obwohl ich täglich das ursprünglich englischssprachige Internet-Wortratespiel Wordle auch auf Französisch löse, erweitere ich damit nicht wirklich meinen Wortschatz, gebe ich zu. Julie kennt Wordle nicht. Das heutige Lösungswort ist Basee, „aber das weiß du, was es heißt, ja?“, fragt sie, doch ich verneine. Ihre pantomimisch angedeutete Übersetzung interpretiere ich als „abgestellt“, doch das Internet sagt „basierend“. Verwirrend! Seit einem Vierteljahr versuche ich mich an täglich sechs Wordles: zweien auf Deutsch, dem originalen auf Englisch, dann Französisch, Italienisch und Dänisch und zuletzt dem Quordle, bei dem man parallel gleich vier englischsprachige Wörter herausfinden muss. Bei den eher abseitigen Sprachen habe ich rudimentären Einblick in ihren Aufbau, weshalb sich mir Lösungen zumeist durch Logik und durch Probieren ergeben, nicht durch angewandtes Wissen, aber wie gesagt, neue Begriffe dazulernen ist für mich leider kein Effekt davon.

Da Julie kurzzeitig den Raum wechseln muss, übergibt sie das Gespräch an ihre Begleiterin Delphine, die ebenfalls Französisch spricht, dafür weniger Englisch und umso mehr Deutsch, was einen vortrefflichen Sprachmix ergibt, wenn wir uns alle drei miteinander verständigen wollen. Beide leben in Braunschweig, vielmehr: Delphine in Cremlingen, und sie verlor jüngst nach drei Jahren ihren Job, für den sie hierhergekommen war. Nächste Woche beginnt sie etwas Neues, außerdem nimmt sie an „Occupy Kultur!“ teil, einem Programm der Bundesakademie für kulturelle Bildung in Wolfenbüttel, „für Leute, die im Kulturbereich arbeiten wollen“, erklärt sie, und zwar „egal, woher sie kommen und ob sie Deutsch sprechen“. Für sie wäre aufgrund ihres Wohnortes ein Job in Braunschweig oder Wolfenbüttel ideal. Julie kehrt zurück und mit ihr unsere babylonische Kommunikationsherausforderung. Wir entdecken Französische Wörter, die auch auf Deutsch funktionieren, und verabschieden uns vielsprachig; auch Chris ruft ihnen nach: „Merci! Au revoir!“

Als ich mich zu Chris umdrehen will, stehe ich unerwarteterweise Alfredo gegenüber, der mich fragt, ob er mir weiterhelfen kann. Noch habe ich Rhabarberschorle in meinem Glas, daher verneine ich dankend. Alfredo ist Praktikant, sagt er, als Schüler, der in Braunschweig sein Fachabi macht. Eigentlich wollte er „etwas Gestalterisches“ machen, doch seien da aufgrund der Coronasituation die Plätze nicht verlässlich gegeben, also schwenkte er um: „Ich finde den Laden cool, da dachte ich, gehe ich in den Laden, den ich gern unterstütze und in dem ich gern sechs Stunden arbeite.“

Mit der Rhabarberschorle setze ich mich nach draußen, die Sonne genießen. Vermeintlich. Es ist windig und kühl, aber das hält weder mich noch Umsitzende davon ab, den Frühling auch als solchen zu behandeln. Melissa bringt mir eine Fritz-Kola Karamell, ich scrolle mich durch die Welt, aber es weht doch echt reichlich ungemütlich. Nach einer Weile begebe ich mich daher doch wieder ins Café. Da stellte ein DHL-Bote soeben zwei Kartons ab, mit Platten für den Record Store Day, verrät mir Melissa. Ich hab mich wieder mal nicht damit befasst, aber die Erfahrung der zurückliegenden Jahre sagt mir, dass ich nichts verpassen werde, leider, mithin also nichts für mich dabei sein dürfte. „Nix dabei?“, fragt Melissa und deutet auf ihre Kollegin, die an der Kasse beschäftigt ist: „Leila hat bei jeder zweiten Platte gesagt: ‚Das brauche ich!‘“ Die konzentriert arbeitende Leila fühlt sich angesprochen: „Was?“, zuckt sie mitten im Arbeitsablauf mit dem Kopf. Beispielhaft führt Melissa eine Platte der Rolling Stones an, „leuchtet im Dunkeln, holografisches Cover“. Also nichts, was man wegen der Musik kauft. Melissa nickt. Chris verrät, dass es die „Ne:EP“ von Erasure, die er mir im Winter noch ausschließlich als CD bestellen konnte, jetzt im Zuge des RSD auf bunten Vinyl gibt. Die ist zwar gut, die EP, aber zweimal brauche ich sie dann doch nicht.

Es ist Zeit für den Aufbruch, ich verabschiede mich von allen hinter der Theke und überquere die Straße, um als neuen Riptide-Nachbarn im Magniviertel dieses Mal das Yoga Ambiente im Ölschlägern 19 kennenzulernen, in dessen Logo sich die versetzt angebrachten Wörter Yoga und Ambiente das A teilen, also quasi YogAmbiente auf dem Schaufenster steht. Yvonne und Tobi empfangen mich vor ihrem Geschäft auf der Sitzbank, auf der Blumentöpfe und Flyer dekorativ drapiert sind und neben der ein Windspiel beruhigende Klänge aussendet. Bei Yvonne handelt es sich um die Inhaberin des Sportgeschäfts, bei Tobi um einen ihrer drei menschenkniehohen Hunde, der sich zutraulich um meine Beine wickelt. Als Yvonne 2007 nach Braunschweig zog, ging es ihr noch wie mir, bevor das Riptide umsiedelte: Mit dem Magniviertel verband sie nichts. Bis das Schicksal ihr die Augen öffnete: „2014 habe ich den Laden aufgemacht und gemerkt, wie schön es ist“, berichtet sie. „Es ist ein Dorf im Dorf – jetzt liebe ich‘s!“, setzt sie nach, „hier gehen die Uhren anders, hier gehen die Menschen anders, auch anders miteinander um.“

Nach Braunschweig gezogen ist Yvonne aus der Nähe von Berlin, zunächst war ein halbes Jahr Arbeit in einer Ladenfiliale in den Schlossarkaden vorgesehen, doch dann kam die Liebe dazwischen und sie bleib. Berlin sagt ihr gar nicht so zu wie Braunschweig, stellt sie fest: „Ich bin kein Großstadtmensch.“ In Braunschweig sei alles „fußläufig erreichbar und kompakt“.

Den Laden Yoga Ambiente eröffnete Yvonne 2014 – und zwar „durch Zufall“: Geplant hatte sie zwar zuvor drei Jahre lang, ein solches Geschäft an den Start zu bringen, doch hatte sie vorgesehen, dies als reines Onlineangebot umzusetzen. Über die Offline-Entwicklung freut sie sich allerdings, denn: „Ich bin mehr der Menschentyp als der Onlinetyp.“ Das mit dem Geschäft ergab sich, als dieser Laden frei wurde und sie durch Verbindungen in die eigene Nachbarschaft und in einen Chor Kontakt zum Vermieter herstellte: „Dann war ich da.“

Mich interessiert, was es in Sachen Yoga an Angebot gibt; als Nichtpraktizierender habe ich keine Vorstellungen davon. „Das umfasst alles, was man zum Yoga-Üben braucht“, beginnt Yvonne, und zwar „ein bestimmtes Equipment, wie beim Golfspielen oder beim Fahrradfahren auch.“ Matten, Meditationskissen und Bekleidung zählt sie als Schwerpunkte auf, mit denen sie damals an den Start ging. Dazu kamen bald Accessoires und Düfte, eben das, was das namensgebende Yoga-Ambiente bedeutet: „Um das Drumherum schön zu machen.“ Sie betont, dass das Angebot auch an Bekleidung für Kunden jedweden Geschlechts ausgerichtet sei.

Yoga-Kurse vermittelt Yvonne auf ihrer Homepage und generierte dort eine „Yoga-Map“, auf der sie Studios und Lehrende verankerte, auch um sie zu verknüpfen, doch fürchtet sie, dass diese Map coronabedingt nur noch zu 80 Prozent zuverlässig sei. Außerdem organisiert sie „Yoga ungewöhnlich“, eine „Spendenveranstaltung“, bei der man sowohl als Neuling als auch als Profi kostenlose Yoga-Stunden an ungewöhnlichen Orten draußen buchen kann, „auf Spendenbasis“. Yoga-Lehrer nutzen die Aktion, um sich vorzustellen, und neue Schüler, um diese kennenzulernen. „Ein unverbindliches Schnuppern“, so Yvonne, bei dem man zudem „neue Orte in Braunschweig kennenlernen“ kann. Da diese Aktion immer im Sommer stattfindet, erfuhr sie auch in der Coronazeit keine Unterbrechung. Im Gegenteil: 2020 gab es eine Zusammenarbeit mit dem Lichtparcours, bei der 100 Interessierte zusammen drei Kurse verfolgten – „sonst sind es pro Kurs zehn bis 30 Personen“, freut sie sich. Der Kontakt kam über Yoga-Lehrerin Nina Karmann zustande, die aus der Kunstszene kommt, berichtet Yvonne. An drei ausgewählten Exponaten praktizierten die Teilnehmer Yoga, und zwar „in Anlehnung an das Kunstwerk“. Mit Nina richtet Yvonne zudem in der halle267 in der Hamburger Straße Programme aus, außerdem plant sie am 16. und 17. Juli zum dritten Mal das zweitägige „Yoga-Festival Braunschweig“ im Best-Western-Hotel. Wie dieses Jahr indes das „Yoga ungewöhnlich“ aussehen wird, ist noch offen: „Ich habe noch keinen Plan“, lacht sie.

Im Schaufenster hinter uns sehe ich außer dem, was Yvonne mir erzählte, auch Buddha-Statuen. „Und Ganesha“, ergänzt die Chefin, doch der Elefantengott ist zurzeit nur im Laden zu finden. Sie verrät: „Ganesha ist mein Steckenpferd.“ Vor uns befindet sich das Riptide, von dem Yvonne sagt: „Meine beiden Mitarbeiterinnen sind heiß darauf, sie sind beide vegan.“ Sie selbst zwar nicht, aber trotzdem von der Speisekarte begeistert. „Und wir gehen gerne zum Betriebsausflug über die Straße, um was zu besprechen“, fügt sie hinzu. Das Riptide habe den Platz belebt, freut sie sich, obwohl sie zunächst skeptisch war, ob nicht eine weitere Gastronomieeinrichtung – das Café Lineli ging nahezu zeitgleich an den Start – auf dem Magnikirchplatz Zustände erzeuge, die sie bereits auf dem Kohlmarkt nicht so gern mag, auf dem man mit der Stuhllehne aufpassen müsse, nicht den Sitznachbarn anzurempeln, so eng und voll sei es dort. Doch: „Ich bin positiv überrascht worden“, freut sie sich. „Wir verstehen uns alle ganz gut“, sagt sie über die Nachbarn vom Riptide, „die bringen uns auch mal das Essen rüber und der Mittagstisch ist gut.“ Zudem sei es „schick gemacht drinnen“, schließlich wisse sie noch, wie das Lokal vor dem Einzug des Riptide aussah. Auch das alte Riptide kennt sie noch: „Hier mag ich‘s lieber, hier spricht es mich mehr an.“ Das mit dem intergrierten Plattenladen überdies brachte einige merkwürdige Situationen mit sich, so Yvonne, wenn nämlich etwa am Record Store Day die Kunden schon lang vor der Ladenöffnung auf dem Kirchplatz Schlange standen. „Das kennt man nicht“, lacht sie, „das ist witzig, das ist niedlich anzusehen – Leute, die sich anstellen für etwas.“ Abgesehen von irgendwelchen überteuerten technischen Apparaturen sei das heutzutage eher unüblich, findet sie, und stellt lachend fest: „Bei uns steht keiner Schlange, nur weil‘s ne neue Yoga-Matte gibt.“

Das bringt Yvonne zu einem ihr wichtigen Thema: „Bei uns gibt es nur bio, fair und nachhaltig.“ Und zwar muss mindestens einer dieser Aspekte erfüllt sein, um als Produkt ins Sortiment aufgenommen zu werden, „am liebsten alle drei, aber mindestens einer – das ist der Anspruch unseres Geschäftes“. Deshalb bevorzugt Yvonne kleine Labels, weil die das am ehesten erfüllen, und garantiert, dass sie bei Yoga-Matten auch nur solche auswählt, „die auch funktionieren“. Welche Funktion kann denn eine Yoga-Matte nicht erfüllen? Yvonne winkt ab: „Es gibt viel Schund unter den Angeboten.“ Etwa eine angepriesene Rutschfestigkeit, die nicht gewährleistet sei. „Manche stinken, gehen schnell kaputt“, setzt sie fort. „Ich habe viel ausprobiert und so 20 Stück herausgefunden, die für die meisten Menschen funktionieren.“ Denn: „Es gibt für jeden Menschen eine passende Matte.“ Man könne bei ihr im Laden alles ausprobieren, eben nicht nur die Kleidung, sagt Yvonne, und stellt dabei belustigt fest: „Wir sind ein Testzentrum.“ Sie lacht und spinnt die Idee bis zur Yoga-Warn-App weiter, die den Nutzer informiert: „Du hast schon drei Tage kein Yoga mehr gemacht!“

Immer wieder schleicht Toni um meine Beine herum, der riesige Mischling aus Griechenland, und der ist auch die Brücke zu „Yoga ungewöhnlich“, denn er kam über eine Tierschutzorganisation nach Deutschland, an die unter anderem der Erlös der Aktion geht. „Und wir sammeln Spenden fürs Tierheim Braunschweig“, ergänzt Yvonne. Nun ist es aber Zeit für den Abschied, ich muss weiter, aber meinerseits nicht ohne ein Tier: Einen Ganesha nehme ich mit, für Andrea, die Elefanten mag, unter anderem. Yvonnes Steckenpferd lacht eben auch mich an. Und hat jetzt ein neues Zuhause.

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