#179 Schmutzige alte Stadt

Donnerstag, 25. August 2022

Man kann auf dem Weg ins Riptide ja auch mal im Schlenkerschwenk durchs Magniviertel schlendern, oder? Zwischen Ölschlägern und Langedammstraße entdecke ich eine kleine Passage, im Schatten vom Hochten, und dort einen Eckladen mit Kunstdrucken, Ölgemälden und Dekostücken im Schaufenster sowie Postkartenaufstellern vor der Eingangstür an der Ecke. Die gehört zu einem Geschäft mit dem kuriosen Namen Bilder.Rahmen.rache. Merle steht dort am Tisch, einem sehr großflächigen Tisch mit Furchen und Rillen in der weißen Auflage. Der Raum ist eng gefüllt mit allem, was es zum Thema Rahmen gibt, inklusive einer Schautafel, auf der die Geschichte des Unternehmens nachgezeichnet ist. Wie praktisch! Danach gründete Otto Rache seinen Laden „Foto Rache“ am 20. Januar 1927, „wir haben in fünf Jahren Hundertjähriges“, sagt Merle. 1932 zog der Laden an den Rufäutchenplatz, wo er im Zweiten Weltkrieg zerbombt wurde. 1945 nahm Otto Rache den Betrieb in einem Schafstall in Rautheim wieder auf, bevor er 1957 an die Adresse Werder 2 zog, also in den Bereich der alten Markthalle. 1976 gründete er ein zweites Geschäft Hinter Liebfrauen nur für Rahmen, und 1990 zog das Gesamtpaket an die heutige Adresse im Magniviertel, Ölschlägern 6. 2002 erhielt es den heutigen Namen Bilder.Rahmen.rache, nur echt mit kleinem R im Nachnamen, „damit es sich absetzt“, erklärt Merle, „dass wir nicht Rache üben wollen“.

Nach Otto übernahm dessen Sohn Siegfried den Betrieb. „Ich hab irgendwann angefangen, hier zu arbeiten“, erzählt Merle. Eine familiäre Verpflichtung oder so etwas gab es für sie also nicht, dass sie alsbald die Firma übernahm, indes dennoch eine zufällige Verbindung: Ihre Schwester ist mit einem Sohn von Siegfried Rache verheiratet. Merle hatte eine Ausbildung zur Schauwerbegestalterin gemacht, und zwar beim Einrichtungshaus Reinicke + Richau, und war danach joblos, bis sie die Information erreichte, dass Siegfried Rache jemanden suchte. Da dachte sie sich: „Hingehen, gucken – ich bin geblieben.“ 2005 war das, Merle war jung, ihr Chef schon recht alt, und da sie sich zunächst noch nicht selbständig machen wollte, investierte Siegfried eben in ihre Fortbildung, ließ sie bei der IHK zur geprüften Bildeinrahmerin ausbilden, „ich musste ein Jahr immer mal lang eine Woche nach Stuttgart, damit ich fit bin für den Job, und irgendwann war’s dann so weit“, und zwar 2009. Die Mitarbeiterin, die kurz nach ihr bei Raches anfing, übernahm sie, und so sind Carina und Merle nun die Betreiber von Bilder.Rahmen.rache. Merle grinst: „Witzig: Wir kannten uns schon aus der Schule, sie war in der Realschule in meiner Parallelklasse.“

Die augenfangende Kunst und die Postkarten sind nicht Merles Hauptgeschäft, sondern: „Individuelle Einrahmung.“ Zum Beispiel „von alten Ölgemälden – wir reinigen auch Bilder – Kunden bringen einen alten Rahmen mit einem alten Bild, manchmal machen wir einen neuen Rahmen drum, manchmal reinigen wir den alten.“ Auch Kunstdrucke rahmen Merle und Carina, und noch vieles mehr, denkbar wie undenkbar, „wir haben alles …“ Merle stutzt: „Nein, wir haben noch nicht alles gesehen, wir wundern uns immer wieder.“ Etwa über die Haarlocke, oder auch den Zettel: Ein Mann brachte eine Notiz mit, die er und seine Frau sich beim Kennenlernen in der Kneipe ausgetauscht hatten, und ließ das Blatt Papier zum Zehnjährigen einrahmen. Merle nickt: „Wir fanden das äußerst romantisch.“

Angesichts des sehr speziellen Gewerkes wundere ich mich, dass so ein Laden sich halten kann, aber Merle wischt meine Bedenken weg: „Wir haben sehr viel zu tun“, freut sie sich. „Wir haben eine lange Liste im Moment, weil wir nicht hinterherkommen.“ Unter Corona litt das Geschäft nicht so sehr wie andere – Leute feierten nicht, reisten nicht, konnten keine Kultur wahrnehmen, „sie haben Geld mehrgehabt“, häufig ältere Kunden, wenngleich sie erfreut beobachtet, dass sie vermehrt auch jüngere Kundschaft begrüßt. Das Motto der Kunden aus den Lockdowns fasst Merle zusammen mit: „Wir machen es uns zu Hause schön, wenn wir viel zu Hause sein müssen.“ Zudem ließen Leute ihre „Corona-Bilder“, wie Merle sie bezeichnet, von ihr rahmen: „Viele haben angefangen zu malen oder zu sticken, da kamen viele Hobbys zutage.“

Hinter Merle steckt ein deckenhohes regal voll mit Kartons und Pappen, „Passepartoutkartons, farbige Kartons“, erklärt sie und zieht ein rot gefärbtes Stück heraus. Rechts von ihr prangen Aberdutzende von Rahmenmusterwinkeln, manche kunterbunt, manche verziert, manche beides. Irgendwo muss sich auch Glas befinden, „das schneiden wir selber“, sagt Merle nämlich. Ich vermute eine Werkstatt im hinteren Bereich des Ladens, aber Merle grinst und breitet über dem Tisch ihre Arme aus: „Das ist die Werkstatt!“ Hinten gebe es ein kleines Büro und ein noch kleineres Lager, alles spielt sich auf nur 60 Quadratmetern ab, „das war’s“. Und alles hat seinen Sinn: „Wir sind gut aufgestellt, weil man diese Dinge nicht im Internet angucken kann“, weiß Merle. Zum Beispiel ein goldener Rahmen: „Wir kommt der an?“ Die Farbe wirkt online anders als in echt. Oder auch die Sonderanfertigungen, „dafür muss der Kunde aufstehen und kommen – das ist gut für uns“, sagt Merle. Und gibt zu: „Ich hätte das nicht gedacht, denn eigentlich ist das schon Luxus.“ Ein weiterer Vorteil für sie sei, dass es im Raum Braunschweig zwar rund fünf Läden gebe, die Bildereinrahmungen anbieten, dafür aber in den Nachbarstädten keinen: „Die Leute kommen von weither.“

Das Magniviertel empfindet Merle als geeigneten Standort für ihr Geschäft. „Ich höre von Kunden: ‚Schön, so viele inhabergeführte Geschäfte, das gibt’s ja nur hier‘ – wir passen hier gut hin“, freut sie sich. Zudem habe sich das Magniviertel in jüngster Zeit verändert, „auch durch das Riptide“, besonders der Magnikirchplatz, „wenn man im Sommer abends drübergeht, ist richtig was los“. Es sehe gemütlich aus, mit der Lichterkette. „Der Handelsweg hatte auch ein besonderes Ambiente“, weiß sie, und freut sich doch, dass das Café nun in der Nachbarschaft zu finden ist. Die Merle sowieso feiert, so erzählt sie etwa vom benachbarten Café Limonella: „Hasib hört man über den ganzen Platz lachen.“ Selbst indes ist sie keine Cafégängerin, dafür arbeitet sie zu lang und reist mit dem Auto von außerhalb an – die Zeit fehlt ihr. Die nehme ich mir hingegen jetzt, verabschiede mich und schlendere schlenkernd und schwenkend zum Magnikirchplatz.

Zunächst reserviere ich mir einen Außensitzplatz, um diese Uhrzeit sind die noch nicht ganz so umkämpft wie in ein, zwei Stunden. Eine Fritz-Kola markiert meinen Sitzplatz, dann kehre ich ins Café und treffe dort Chris an der Theke. „Das wird dich freuen“, begrüßt er mich, denn eine Bestellung, die er vor Monaten nicht aufgeben konnte, sei jetzt möglich gewesen: Die neue „Conspiranoid“-EP von Primus, „die ist jetzt gelistet“. Große Freude, da liegt er richtig!

Ebenso darüber, dass ich endlich Addi kennenlernen kann, den neuen Koch, der so neu nun auch nicht mehr ist. Wir stehen uns am Durchgang zur Küche gegenüber und stellen beide fest, dass wir uns gegenseitig bekannt vorkommen. Die Kurzform Addi kommt nicht etwa von Andreas, wie ich annahm, sondern von Adalbert, und mir fällt dazu „Der kleine Nick“ ein, daher kenne ich den Namen, und so geht es wohl vielen, denen er sich vorstellt: „Der hat ‘ne Brille, den darf man nicht schlagen“, zitiert Addi und deutet grinsend auf seine Sehhilfe. Das hat er so oft gehört, dass er es selbst zitiert – gelesen hat er den kleinen Nick nie. Von Zeichner Sempés kürzlichem Tod mag ich jetzt gar nicht sprechen.

„Ich kenne Chris seit 20 Jahren, 15 ungefähr“, erzählt Addi. „Wir waren zusammen im Brain, er hat aufgelegt, ich hab Theke gemacht.“ Auf der anderen Seite der Küchenwand sortiert Chris Gläser, bereitet Bestellungen zu und ist wie ich ganz Ohr. „Ich mache seit 40 Jahren Gastro“, sagt Addi, und Chris wirft ein: „So alt bist du doch noch gar nicht!“ Die zurückliegenden zehn Jahre verbrachte Addi als Betriebsleiter in der Okercabana. Er ist ausgebildeter Koch, und auf meine Frage nach seiner Spezialität antwortet er laut lachend mit Blick auf die vegetarisch-vegane Ausrichtung des Riptide: „Dicke Stücke Fleisch!“ Was nicht mal stimmt, er überlegt lang, was seine Spezialität sein könnte, und antwortet dann: „Ich habe keine Angst vorm Kochen.“

Ursprünglich kommt Addi aus West-Berlin und zog 1986 nach Braunschweig. Mit diversen Unterbrechungen lebt er seitdem hier, und zu diesen Unterbrechungen gehören Küchenjobs in der Schweiz und in Frankreich, „in den Savoyer Alpen“ etwa. Eine üppige Biografie, finde ich, und Addi grinst: „Ich bin ja ein alter Mann.“ Chris nickt auf der anderen Seite: „Ich habe ihn nur eingestellt, damit ich nicht mehr der Älteste bin.“

Dieses Internet, bemerkt er, ist Addis Ding nicht, „ich bin froh, wenn ich keine Mails abrufen muss“. Wenngleich ihm klar sei, dass das Schöne am Internet die Möglichkeit sei, seine Anliegen sehr weit zu verbreiten. Doch: „Facebook habe ich vor zwei Jahren zuletzt angeguckt“, er wisse sein Passwort gar nicht mehr. Sofern es doch mal etwas im Internet zu erledigen gebe, übernehme dies seine „junge Frau“, sagt Addi. Meine ist fünf Jahre älter als ich und hat da mehr Ahnung von, werfe ich ein, und er winkt ab: „Wenn ich was will, frag ich meine Tochter, die kann das besser als ich.“ Er grinst: „Ich kann kochen!“ Und er kocht weiter.

Dabei will ich ihn nicht stören, sondern geselle mich zu Chris. Die im August angepassten Öffnungszeiten bewährten sich fürs Riptide, erzählt er. „Ich habe drei Leute mehr eingestellt, der Krankenstand ist jetzt erheblich besser als im Juli, jetzt ist es im relativ guten Rahmen.“ Schon wieder Rahmen. Und eine gute Nachricht: „Im September werden wir zu den alten Öffnungszeiten zurückkehren, mit Mittagstisch und allem.“

Zu meinem Draußentisch kehre ich jetzt erstmal zurück, Adela gesellt sich bald spontan dazu. Um uns herum sind viele Laufanfänger unterwegs. Ein Junge wirft mir seinen selbstleuchtenden Handigelball zu, ein Mädchen verliert seine Findus-Puppe, ein Junge stolpert ins Café und wieder hinaus, verfolgt von Mama Britta, die ihn nur mit Mühe einfängt. Papa Jörn kommt mit dem Buggy hinterher. Die beiden Eltern firmieren auch unter dem Alias Ahes’n’Android und bringen dunklen Synthpop auf die Bühne – wir kennen uns vom „Dark Indie Electro Festival“, das im vergangenen Herbst im Kufa-Haus stattfand, mit der sympathischen Meute von System Noire sowie den erfahrenen Jungs von Beyond Border – und dem ersten Gig von Blinky Blinky Computerband seit fünf Jahren. Britta und Jörn hatten dabei ihren ersten Liveauftritt überhaupt und waren ebenso aufgeregt wie wir. Damals berichteten sie von der frischen Elternschaft, jetzt lerne ich den dazugehörigen sehr jungen Menschen auch kennen, der gerade an einer möhrengroßen Gebäckstange knabbert und mir fröhlich die High Five gibt. Die beiden seien sehr eingespannt zurzeit, erzählen sie, weshalb auch die Arbeiten am neuen Album stagnieren, dem Nachfolger zu „Razors Edge“ aus dem Jahr 2020; kommen wird es aber, versichert Jörn. Die drei müssen sich nunbeeilen, ihren Bus zu erwischen, und wir verabschieden uns.

Mit Olafs Blinky Blinky Computerband war ich erst letzte Woche wieder im Kufa-Haus auf der Bühne, Torsten aus Köln als Keyboarder dabei, Gitarrist Arni leider nicht, und zwar als Vorprogramm zur vierten „Burning Beats“-Party, die wir mit Rille Elf im Bistro ausrichteten. So langsam finde ich mich tatsächlich in die Rolle als Keyboarddummy und Backgroundsänger hinein, bekomme Routine und verliere Aufgeregtsein. Für diese Erfahrung bin ich sehr dankbar. Für uns vier von Rille Elf, also außer mir Günther, Olli und Uwe, war es die erste Veranstaltung in diesem Jahr, zu der wir vollständig angetreten waren. Das nächste Mal sind Olli und Günther mit einem Stoner-Wave-Programm, oder auch mit Psych und Goth, in Harrys Bierhaus, und zwar am 17. September.

Und jetzt erklingt auch hier auf dem Magnikirchplatz Livemusik, von Shane Ó Fearghail & The Host, die mit allerlei irischem Folklore-Instrumentarium allerlei Irische Folklore darbieten, eigenwillig arrangiert, so dass auch die Klassiker neu glänzen; „Dirty Old Town“ etwa lässt sich nur fragmentarisch erkennen, das Drumherum um die vertraute Melodie ist eigen. Adela möchte der Gruppe einen Obolus entrichten, Geigerin Claudia kommt an unseren Tisch. „Wir sind auf der Durchreise“, erzählt sie. Die Nacht wollen sie in Magdeburg verbringen, morgen soll es nach Berlin weitergehen, der letzten Station einer „kleinen Deutschlandtour“, bevor es „zurück nach Wien“ geht. Das Wienerische hört man ihr an, daher versichert sie, dass Bandchef Shane tatsächlich Ire ist. Braunschweig ist ein spontaner Zwischenstopp, Adela hörte die Musiker bereits auf dem Herweg bereits in der Innenstadt und freue sich, dass sie jetzt ins Magniviertel nachkamen. Die Band ist zum ersten Mal in Braunschweig und derzeit zu viert unterwegs, nicht wie sonst zu fünft, „die Bassistin konnte nicht“, weil sie Mutter dreier kleiner Kinder ist und deshalb ans Heim gebunden. Die Tour der Gruppe begann rund um Emmerich am Niederrhein und führte über Bremen, Eckenförde und Düsseldorf nunmehr eben nach Braunschweig. Da der Schlafplatz in Magdeburg allmählich dringlich wird, verabschiedet sich Claudia und schlendert zwischen den Tischen zurück zur Shane und The Host.

Die Dämmerung tritt ein, und ja, Merle hat sowas von Recht, es ist einfach nur idyllisch auf dem Kirchplatz. Die sich aus dem Dunklen anschleichende Begrüßung überrascht uns daher etwas: Christian entdeckte uns von einem der anderen Tische aus. Ein schöner Zufall, vorhin erst telefonierte ich mit Cord, der für die Zehn-Jahres-Feier des Duos Fly Cat Fly, das er mit seiner Frau Sina betreibt, ein Aftershowprogramm suchte und dafür dankenswerterweise an Rille Elf dachte. Zum Vorprogramm nun gehört neben Ex-MTV-Moderator Markus Schultze auch das Krügerglantzquartett, dessen Krüger-Anteil in Person von Christian nun vor uns steht. Wir freuen uns auf das Fest am 1. Oktober im Kufa-Haus und Christian entschwindet wieder winkend in die Nacht, zurück an seinen Tisch. Für uns ist auch längst der Aufbruch angeraten. Wir schlendern schwankend durchs heimelig beleuchtete Magniviertel und erfreuen uns daran, dass der Sommer so schöne Abende im Angebot hat.

Matthias Bosenick

www.krautnick.de
Fakebook

2 Kommentare

    • Matthias Bosenick

      Hat mich auch sehr gefreut, man verliert sich nicht aus den Augen! Auf bald ❤️

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