#180 Ein Schlafplatz für Rantanplan, Struppi und Snoopy

Donnerstag, 22. September 2022

Seit gut einem Jahr ist Dennis im Riptide angestellt und ich hab ihn hier noch nie getroffen. Das muss an seinen und meinen Arbeitszeiten liegen – heute habe ich Urlaub und daher die Gelegenheit, mich schon mittags im Magniviertel einzufinden. Auch, um endlich Addis Mittagstisch probieren zu können; den seines Vorgängerkochs Nico hab ich ja gerade noch so vor dessen Weggang erwischen können. Addi schaut aus der Küche heraus und wortwörtlich Dennis über die Schulter, in Erwartung der Bestellungen, die jener von draußen hereinbringt: Auf dem herbstsonnigen Magnikirchplatz sind die Reihen bis an die Wochenmarktstände gefüllt, vorm Café Riptide wie vor den Nachbarlokalen. Dennis ist in Eile, da er momentan allein ist, denn Chris ist wegen eines Termins aushäusig. Zwischen Dennis‘ Tablettschleppereien berichtet er mir davon, wie es ihn hierher verschlug.

Und das überrascht, wenn Dennis wie beiläufig fallen lässt: „Vorher war ich ein paar Jahre selbständig mit einer Hundepension, die hab ich verkauft und war dann acht Monate auf Weltreise, bis Corona das gestoppt hat.“ Er schäumt Milch auf und lässt heißen Kaffee in das Glas rinnen. „Ich unterstütze Chris, wo ich kann, an der Theke und im Büro“, sagt er, und meint, Chris bezeichne ihn als den „Personalchef“. Ja, aber: Hundepension? Er lacht: „Ja, ich hatte in dem Burgdorf bei Hannover eine Hundepension.“ Bevor er das erläutern kann, flitzt er wieder mit einem vollen Tablett nach draußen.

Derweil nimmt Addi das nun klingelnde Telefon ab und eine Tischreservierung entgegen. „Ich leg ihm einen Zettel hin“, verspricht Addi dem Anrufenden und legt Chris einen Zettel hin. „Der ist nämlich grad nicht da, der Chris“, fügt er telefonierend an. Addi legt auf und wirft einen Blick auf die Bons, die ein Drucker neben der Kasse unablässig ausspuckt. „Alter, diese Maschine macht mir Angst“, sagt er und betrachtet die Bestellungen, die Dennis auf diese Weise von draußen an die Theke schickt. Addi grübelt lesend, wie er Dennis unter die Arme greifen kann: „Latte Macchiato krieg ich noch hin.“ Doch Dennis, der soeben um die Ecke geflitzt kommt, winkt dankend ab: „Du brauchst nix zu machen.“

Nun geht es aber weiter mit der Geschichte von der Hundepension. „Die hatte die Frau von meinem besten Freund gemacht, aber die wollte nach der Scheidung nicht auf das Grundstück, weil es dem Schwiegervater gehörte“, erzählt Dennis. Also rief man Dennis an, der zu dem Zeitpunkt in Köln lebte, wo er „zum Ende ein bisschen unzufrieden“ und somit offen für etwas Neues war: „Da kam der Anruf aus heiterem Himmel, ob ich die Hundepension übernehmen will.“ Dennis wagte den Sprung „ins kalte Wasser“ und sagte zu, „autodidaktisch“ eine solche Einrichtung, eine Art Hotel für Haustiere, zu betreiben. Von der Großstadt Köln ins eher beschauliche Burgdorf kam er, weil die Stadt bei Hannover seine „alte Heimat“ ist. Und nun lebt er „der Liebe wegen“ in Braunschweig, „klassisch“. Dazu grinst Addi: „Schön, dass ich nicht der einzige bin, der so blöd war – Braunschweig, Paris, Lamme.“

Warum Dennis nun diese Hundepension wieder aufgab, ist ein „langes, komplexes Thema“, das er grob mit finanziellen Gründen anreißt und dem „Wunsch, etwas Anderes zu machen“ vertieft. Mit der Pension hatte er eine „Sieben-Tage-Woche, es war nach fast sieben Jahren Zeit für mich“, quasi ins Leben zurückzukehren. „Da kam das Angebot, dass jemand die Hundepension übernehmen wollte, ich habe die Chance ergriffen und bin auf Reise gegangen.“ Erstaunlich genug, dass jemand freiwillig das Angebot macht, etwas zu übernehmen, das ihm die Freizeit raubt, aber gut für Dennis.

Und dessen Freundin, mit der Dennis unterwegs war. „Wir wollten eigentlich ein ganzes Jahr lang reisen, wir waren gerade in Südostasien, als alle Grenzen zugemacht wurden“, berichtet er, „täglich eine weitere.“ Da stand das Paar vor der Entscheidung: Entweder in Thailand bleiben oder mit dem letzten Rückholflug der Bundesregierung zurück nach Deutschland, und so kam es, „schweren Herzens“, denn geplant waren noch Indien, Iran und Japan, wo sich das Paar mit den Eltern der Freundin treffen wollte, die ebenfalls rund um den Globus unterwegs waren. „Es war alles gebucht“, seufzt Dennis. „Es wäre Tokio geworden.“

Sicherlich ist dieser Traum noch nicht vom Tisch, aber Dennis hat noch einen weiteren: „Als Schriftsteller etwas zu machen.“ Dafür deckte er sich bereits mit Sekundärliteratur ein: „Ich habe mehr übers Schreiben gelesen, als ich selber geschrieben habe“, lacht er, „ich probiere mich aus, ich experimentiere, und irgendwann soll ein Roman dabei rauskommen.“ Nicht zurzeit jedoch, Dennis hat viel zu tun, „aber das ist mein großer Traum, den ich irgendwann umsetze.“ Zu tun, in der Tat, denn schon wieder ist er mit einem vollen Tablett voller voller Gläser und Flaschen unterwegs zu den Gästen draußen.

Mit einem vollen Tablett voller leerer Gläser und Flaschen zurück im Café nimmt Dennis den Gesprächsfaden wieder auf. Er habe „mehrere Romane angefangen“, sagt er, Konzepte ausgearbeitet und so, „plotten mache ich gerne, nur an der Umsetzung ist es gescheitert“. Er ist schon wieder unterwegs, weil er den Wassernapf für Hunde sucht, denn ein Halterin mit Vierbeiner äußerte den Wunsch nach Trinkwasser für jenen. Den erfüllt Dennis auf improvisierte Weise mit einer zweckentfremdeten Schale, der Hund ist deutlich erfreut.

Getränke und Speisen sind jetzt auch mein Anliegen. Ich bitte Addi um eine Portion des Mittagstischangebots – afrikanischer Erdnusseintopf mit Reis – und Dennis um eine Fritz-Kola. Die nehme ich gleich mit an meinen Tisch in der Sonne, unter dem Schirm, auf dem Magnikirchplatz. Für einen Tag vor dem Herbstbeginn und nach einstelligen Temperaturen nur wenige Tage zuvor ist es richtig angenehm warm, sonnig, hell. Die bunte Lichterkette über den Tischen strahlt, auch ohne eingeschaltet zu sein.

Vor einer Woche war es noch warm genug, dass ich in der Nordsee baden konnte. Andrea und ich waren in Zandvoort, dem offiziellen „Beach of Amsterdam“, einem kleinen Ort mit einem Strand, der in beide Richtungen kein sichtbares Ende hat und selbst bei Flut noch enorm weit ist. Zandvoort hat zudem einem wilden Architekturmix: Wir residierten im Hinterhof eines niedlichen kleinen Hauses im ältesten Teil der Stadt, die neben einigen hübschen freistehenden Minivillen auch zahllose hässlichste graue Betonbrocken bietet, Wohnblöcke und Hotels, das grobschlächtigste zu einem Centerpark gehörend. Zudem ist Zandvoort extrem teuer, dafür säumen unendlich viele Bars den unendlichen Strand, man hat auch bei Regen eine Bleibe, wenngleich der Verzehr dort die Aufnahme eines Kleinkredites erfordert. In Amsterdam waren wir nicht, das kannten wir beide schon separat von früher, aber mit dem Bus in Haarlem, mit Ohwürmern wie „Harlem Shuffle“ von den Rolling Stones oder „Harlem Shake“ von Baauer, die Tatsache außer Acht lassend, dass beiden Titeln ein A fehlt. Wenn schon in den Niederlanden, wollte ich gern in einem Plattenladen etwas von De Staat erwerben, und zwar die „Bubble Gum Extras“-12“ mit der langen Version des Knallersongs „Kitty Kitty“, den Günther 2018 bei Rille Elf einführte und der auf dem Album nur gekürzt zu finden ist, warum auch immer. Bei „Sounds Haarlem“ hatten sie die zwar nicht, dafür nahm ich mit die „Live In Utrecht“-Doppel-CD mit, da ist eine energetische Version von „Witch Doctor“ drauf, dem Song mit dem sich im Kreis um Sänger Torre Florim drehenden Menschenmassen im Video, die die Leute im Publikum seitdem live gern nachahmen.

Bevor ich vorhin ins Riptide kam, besuchte ich als neuen Nachbarn das Café Kaffeezeremonie, Am Magnitor 12. Auch wenn die Außengastronomie des Cafés zu dieser Stunde noch im Schatten des Hauses liegt, ist sie bestens gefüllt, zudem mit Decken versehen, die die Gäste auch gern nutzen. Drinnen ist es wärmer, dazu trägt sicherlich auch die tiefrote Wandfarbe bei, die links von gezeichneten Bildern und rechts von einem großen Regal mit Kaffeebeuteln unterbrochen ist. Im hinteren Bereich gibt es einen Tisch an der Sonne, und der ist rappelvoll belegt. Inhaberin Taera und ich setzen uns an einen Tisch nach vorn zur Straße. Sie betreibt das Café mit ihrem Mann seit ungefähr 15 Jahren, also etwa so lang, wie es auch das Café Riptide gibt, das am 16. September 2007 im Handelsweg eröffnete. „Genau weiß ich es nicht“, winkt Taera ab, „hab ich vergessen.“ Sie lacht. „Wir haben klein angefangen“, erzählt sie und deutet nach schräg gegenüber. „Wir sind dann umgezogen, fast 15 Jahre.“

In der Kaffeezeremonie dreht es sich natürlich vorrangig um Kaffee, doch gibt es auch Kuchen, aber keinen selbstgemachten: „Dafür haben wir keine Zeit“, sagt Taera. Das Gebäck bezieht das Paar daher von einer externen Konditorei. Und den Kaffee aus Äthiopien, woher die beiden selbst ebenfalls kommen. Vor Ort haben die beiden einen Partner, der sich um den Kontakt zu den Lieferanten kümmert. Man darf sich das nicht vorstellen wie einen konkreten Ort, an dem die Produzenten residieren, erläutert Taera, da die Hersteller auf kleinste Siedlungen verteilt leben.

Im Magniviertel fühlt Taera sich wohl, „eine ruhige Ecke, nette Leute“. Diese Leute attestieren dem Café, es offeriere „den besten Kaffee zum Trinken“, freut sie sich. Sie selbst bleibt mit ihrer Ansicht bedeckt: „Ich bereite den Kaffee nur vor, die Leute sagen, es ist der beste.“ Bevor sie das Café betrieben, arbeiteten sie einfach, erzählt Taera. Die Idee dazu, Gastronom zu werden, hatte ihr Mann, der wie sie davon überzeugt war und ist, dass der beste Kaffee aus Äthiopien kommt und dass viele Leute den mögen, also „haben wir angefangen“. So einfach geht das. Für mutig hält sie diesen Schritt dabei gar nicht, selbst die Anmerkung findet sie merkwürdig: „Wir haben einen besonderen Kaffee, bis zu zwölf Sorten“, sagt sie und deutet auf das Regal. „Wenn man wirklich den richtigen Kaffee hat, warum soll man Angst haben?“ Sie zuckt mit den Schultern: „Wir sind hundertprozentig sicher, was wir verkaufen!“

Einen Bezug zum Riptide indes haben Taera und ihr Mann noch nicht, auch sammeln sie keine Platten. Ich schon, heute nehme ich meine bestellte neue EP von Primus mit, „Conspiranoid“, und zudem die neue 12“ von U2, auf der sie zum wiederholten Male einen alten Song recyclen, „Gloria“ dieses Mal. Sie merken wohl selbst, dass ihre kreative Zeit vorbei ist. Dennis setzt sich kurz zu mir und erzählt noch, dass dies sein erster Job in der Gastronomie ist. Den Moment Pause hat er, weil Chris zurückkehrte und mit vollen Tabletts die Runde macht. Mittlerweile ist die Sonne weg und der Moment gekommen, doch wieder die Jacke überzuziehen. Die Tischreihen füllen sich, auch Dennis ist wieder gefragt, allmählich treffen mehr und mehr Kollegen ein, Dominik bringt mit mein Bier und Adela, die zufällig vorbeikam, Grünen Tee. Leila hat heute ihren letzten Arbeitstag, viele aus dem Team sind heute nur hier, um sie zu verabschieden. Das mache ich auch, ich erwische sie in der Küche, wie Rosa mir an der Theke verrät, und Leila versichert, dass sie immer wieder mal zu Besuch da sein wird. Darauf bauen wir!

Matthias Bosenick

www.krautnick.de
Fakebook

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