#190 Die Ballade vom alten Seemann

Donnerstag, 20. Juli 2023

Heute ist es auf den Tag genau vier Wochen her, dass Braunschweig für eine Stunde nahezu komplett unter Wasser stand. Wer konnte denn auch damit rechnen, dass die angekündigte Katastrophe tatsächlich eine wurde! So oft gab es zuletzt Unwetterwarnungen, die einfach verpufften, und also nahm ich auch diese nicht ernst, sondern traf mich mit Guido und Pam im Riptide, wohlweislich unter einem der Sonnenschirme, nass werden wollten wir trotz allem ja auch wieder nicht. Das hatte ich ja schon einmal erlebt, Sturzbäche unter einem Riptide-Schirm, und malte mir den angekündigten ebenso romantisch aus.

Es bezog sich, es wurde grau, es wurde anthrazit, es wurde schwarz, es wurde inzwischen auch leicht nass, alles schön und gut, die Taschen holten wir unter den Schirm, rückten näher an Nils heran, der sich an den Tisch neben unserem setzte, und freuten uns auf das sich anbahnende Wetterchen. Naja, Pam nicht, sie eile von dannen, als es gerade zu tröpfeln begann, und teilte uns später mit, dass sie ihr Zuhause noch in glimpflichem Zustand erreichte. Guido und ich rückten zu Nils auf und verfolgten die Verfinsterung und den zunehmenden Wolkenbruch. Der Magnikirchplatz leerte sich flugs, die Marketender hatten sowieso schon ihre Stände abgebaut, nebenan bei Barnaby’s Blues Bar verzogen sich die Leute ins Innere, ebenso die meisten Riptide-Gäste. Am Nebentisch lachte eine Gruppe wie wir über den einsetzenden Rausch. Zunächst. Bis nämlich auch Windstöße dazukamen und der Regen nicht mehr nur senkrecht auf die Schirme strömte, sondern auch seitwärts auf uns einprasselte. Die Gruppe vom Nachbartisch eilte ins Riptide, Nils wollte dort sowieso im ersten Stock am Whisky-Tasting teilnehmen, Guido folgte, ich sah, wie allen die Rücken durchnässten, und dachte mir, dass ich es unter dem Schirm vermutlich besser hätte, Bier war ja auch noch da. Guido stand im Eingang des Cafés, ich konnte ihn durch den Wasserfall kaum erkennen. Der Regen brüllte, Rufe gingen im Wortsinne unter. Mit ihm telefonieren ging ebenfalls nicht, wir verstanden uns einfach nicht. Whatsapp ging kaum, weil die Verbindungen nahezu zusammengebrochen waren. Es fühlte sich dennoch so an, als würde ich dort unter dem Schirm und auf dem noch nicht überfluteten Betonsockel stehend weniger nass werden, als wenn ich durch die Sintflut ins Café flüchtete. Doch ich hatte die Rechnung ohne die Physik gemacht: Die Schirme lappten übereinander, auf dem neben meinem sammelte sich eine Badewannenmenge an Flüssigkeit und brach alsbald vollständig über den Rand – genau auf meine Füße, bis hoch zu den Knien. Na gut, dann eilte ich eben auch ins Café.

Dort ereilte mich die Botschaft, dass das Personal überlegte, das Café zu evakuieren, weil das Wasser aus der Decke die Stromleitungen der Lampen herunterlief. Die Lachen vor WC und Küche waren kaum noch zu bändigen, ein vor den Eingang gelegtes dickes Handtuch vermochte nur bedingt die Fluten abzuhalten, die Scheiben beschlugen, alles war feucht, die Gäste verunsichert. Helfen konnten wir nicht, zusätzlich die Belegschaft belasten wollten wir nicht, also zahlten Guido und ich und eilten durch die voll aufgedrehte Dusche über die Straße, um bei Barnaby’s einen Zwischenstopp einzulegen. Die Kopfsteinpflasterstraße Ölschlägern war ein reißender Gebirgsbach und flutete meine Schuhe einmal mehr, ein Auto mit eingeschaltetem Warnblinklicht parkte vor der temporären Baustelle, man konnte kaum die nächsten Meter weit gucken. Im Barnaby’s sah es noch wilder aus als im Riptide: Der Strom war bereits weg, um die Theke bildete sich ein See, Gäste illuminierten die Bar mit ihren Handy-Taschenlampen, Gezapftes gab es trotzdem noch. Jemand installierte eine Pumpe und entleerte Eimer vor die Tür. Als säße man in einem sinkenden Ruderboot. Gut eine Stunde dauerte die Sintflut, dann lichtete sich die Luft, Gäste erzählten von einer kurzen Pause vor der nächsten Regenfront, die ihnen ihre Wetterapp ankündigte, aber Guido und ich nutzten die Chance, um mit schwappenden Schuhen nach Hause zu eilen.

Auf dem Weg vom Magniviertel zum Frankfurter Platz musste ich einige größere Wasserflächen umkurven, dachte mir aber nichts dabei. Bis ich später auf Twitter das ganze Ausmaß der Verheerung sah. Wo ich eben noch ging, hatte noch wenige Minuten zuvor das Wasser meterhoch gestanden. Vergleichbare Fotos und Videos sah ich von der Kastanienallee und von der Frankfurter Straße, also von knapp bei mir um die Ecke. Stef zeigte mir zu Hause ein Video, das sie von unserem Hinterhof gemacht hatte, auf dem ich gerade trockenen Fußes stand und der kurz zuvor ebenfalls zehn Zentimeter tief unter Wasser gelegen hatte. Das Wasser im Keller sei das erste in 30 Jahren gewesen, ächzten Nachbarn. Das Video von dem Schwimmer in der Frankfurter Straße ging um die Welt, und wie es sich für Braunschweig gehört, sprach ich eine Woche später bei Uwes und meiner Rille-Elf-Caféhausmusik im MokkaBär mit jemandem, der jemanden kannte, von dessen Kollegin der Sohn das gewesen sein soll. Bis spät in die Nacht jedenfalls hörte ich die Feuerwehr in der Nachbarschaft Wasser aus Kellern pumpen, die Sirenen gingen unablässig, auch am nächsten Tag noch.

Und auch heute sind noch nicht alle Schäden behoben. Möglicherweise zumindest: Ein Fachmann für die Begutachtung sei fürs Riptide angekündigt, berichtet Dominik. Er war an dem Abend ebenfalls im Café und erlebte die Katastrophe mit: „Das war hart, ich bin tatsächlich an meine Grenzen gestoßen“, stöhnt er. Doch er sieht auch Positives in dem, was er erlebte: „Die Gäste haben viel abgefangen, sie haben die Situation erkannt, uns Hilfe angeboten“, erzählt er. Doch meinte er, dass sie lieber in Ruhe aufessen sollten: „Es war toll, dass sie so reflektiert waren und empathisch“, anstatt sich etwa die nächste Runde Bier zu bestellen, bezahlten sie, „es war cool, dass das so geklappt hat“. Und es gab für Dominik noch mehr Positives: „Das Größte war, dass das Team so funktioniert hat.“ Auch Chris, eigentlich längst im Feierabend, kam noch ins Riptide, „er ist ein cooler Chef, er hat total gut reagiert“, schwärmt Dominik. Sie brachten die Platten in Sicherheit und klebten die Elektronik ab, um den Schaden zu begrenzen.

Angesichts des offensichtlichen Klimawandels blickt Dominik düster in die Zukunft: „Ich gehe davon aus, dass das öfter passieren wird“, also solche Starkregen inmitten längerer Trockenperioden. „Es muss hier was passieren“, also im Gebäude, um solchen Güssen standhalten zu können: „Es kann nicht an der Tagesordnung sein, dass hier zweimal im Jahr das Wasser durch die Decke schießt – im Wortsinne!“ Er blickt durch die Fenster nach gegenüber: „Uns hat’s noch glimpflich erwischt.“ Bei Busenfreundin brach es fürchterlich durch, ich sah Fotos bei Facebook. Und das Riptide-Team half ringsum, wo es konnte. Dominik zuckt mit den Schultern: „Wir sind Nachbarn!“ Später an dem Abend, so erzählt er, kamen Freunde vorbei, „sie haben aufgesogen und gewischt“. Er stellt jetzt einem Kunden einen Geschenkgutschein aus und schließt: „Es war ein Scheißtag, aber das Kollektiv hat’s gerettet!“

Davon berichtet mir auch Iris, Inhaberin von Ida & Zoe, dem Damenbekleidungsgeschäft gegenüber, das ich aufsuche, bevor ich ins Riptide gehe, weil dies ein für das Café neuer Nachbar ist, den ich noch nicht kenne, und dann auch noch ein so direkter. „Die Jungs drüben waren sehr hilfsbereit“, schwärmt sie vom Riptide-Team. „Ich hatte die Feuerwehr hier, das ganze Magniviertel hat geholfen.“ Ein Nachbar sei mit einer Pumpe gekommen, „und das Riptide hat den Feuerwehrleuten Kaffee spendiert“, berichtet sie. Und schwärmt: „Es ist selten, dass man so Hilfe bekommt.“

Das Riptide ist für Iris ohnehin ein mehr als willkommener neuer Nachbar. „Ich hole mir dort jeden Tag Cappuccino und esse zu Mittag“, erzählt sie. „Die Jungs und Mädels sind sehr, sehr nett und zuvorkommend, es ist wirklich eine Bereicherung, sehr angenehm!“ Sie kommt aus dem Schwärmen nicht heraus: „Das Essen ist lecker, und es ist gut, bei mir gerade rüber“, ein kurzer Weg also. „Der Kuchen ist immer lecker“, fährt sie fort, „und ich habe heute Spinatlasagne gegessen.“ Im alten Riptide im Handelsweg war sie zwei, drei Mal zum Essen und Trinken, „ich habe draußen gesessen, das war auch schön“. Und weil das Riptide montags geschlossen sei, weiche sie für Kaffee und Kuchen auf das Café Lineli aus.

Iris sitzt in einem kleinen Tresenwinkel inmitten des schlauchartig schmalen Geschäfts Ida & Zoe. Auf der rechten Seite hängt Bekleidung an Stangen, bis nach hinten an die Umkleidekabinen heran, und rechts in den Regalen stapeln sich Geschirr, Kissen, Kerzenständer, Schuhe und mehr. Im September wird ihr Geschäft zehn Jahre alt, seit sieben Jahren residiert es unter der jetzigen Adresse Ölschlägern 24. Den Anfang nahm sie 2013 einige Hausnummern weiter in Richtung Badsha, bis dort die Decke herunterkam. „Das Magniviertel hat sich zum Positiven entwickelt“, stellt sie fest: „Cafés, Sitzmöglichkeiten, Shopping, es ist echt nett hier, es ist sehr schön geworden.“

Der Schwerpunkt von Ida & Zoe ist laut Iris „Damenmode, europäisch, ökologisch, alles auf Naturbasis, aus Naturmaterialien, in Europa gefertigt, zertifiziert, mit Biolabel.“ Außerdem im Angebot hat sie „Dekoration, Accessoires – für jeden Geldbeutel und Geschmack ist etwas dabei“. Auf Fertigung in Europa legt Iris großen Wert, und auch darauf, dass dabei keine schädlichen Chemikalien zum Einsatz kommen. So habe sie etwa einen Lieferanten aus Italien, „eine Firma mit eigener Weberei, eigener Färberei und eigener Schneiderei, alles aus einer Hand – darauf lege ich Wert, und das seit zehn Jahren“.

Aber bald leider nicht mehr: „Ich habe nächste Woche Samstag meinen letzten Tag“, kündigt Iris an. Was aber nicht das Aus für Ida & Zoe bedeutet: „Es gibt eine Nachfolgerin.“ Iris habe „private Gründe“, diesen für sie schmerzhaften Schritt zu unternehmen: „Ich hätte gern weitergemacht bis zur Rente.“ Sie habe „ganz hervorragende, liebe, nette, langjährige Kunden, derentwegen tut es mir sehr leid“, sagt sie, und betont: „Es kommt in gute Hände, die Nachfolgerin ist eine liebe Person, die ich lange kenne, das ist mir wichtig.“ Anfang August übernimmt diese das Ruder.

Und hoffentlich auch den Namen Ida & Zoe, den Iris erläutert: „Das sind die Familienmitglieder, die mir geholfen haben, das Geschäft aufzubauen.“ Zumindest die Anfangsbuchstaben der Familienmitglieder, denn weder Ida noch Zoe existieren: Das I von Ida steht für Iris, dann folgt das D für den Sohn und das A für den Gatten, „und so weiter“, mehr verrät sie nicht. Eine Kundin bindet nun ihre Aufmerksamkeit, ich verlasse Iris und wünsche ihr alles Gute.

Ins Riptide sind es in der Tat nur wenige Schritte, einmal über die Straße. Meine Fritz-Kola und mein Falafel-Fladenbrot bestelle ich bei Emma, die „erst seit ein paar Tagen hier“ ist, wie sie berichtet. Sie ist Minijobberin parallel zur Schule, denn sie kommt nach den Ferien in die 13. Klasse. Gastroerfahrungen hat sie bereits, im vergangenen Jahr arbeitete sie bei Aluna Pokè Bowl neben Dean & David in der Innenstadt, das mir als Pokémon-Go-Spieler immerhin des Namens wegen auffiel, „aber das hat zugemacht“, bedauert Emma. Jetzt ist sie eben im Riptide beschäftigt: „Es ist mir wichtig, dass ich da arbeite, wo ich selber gern bin.“ Sie fand das Riptide schon im Handelsweg „cool mit den Platten, die kleine Gasse“, sagt sie, und fügt an: „Hier ist es auch super!“ Denn: „Ich bin ein großer Musikfan, von daher passt das auch.“ Sie zählt auf: Beatles, Queen, Wham!, The Smiths, „Sechziger bis Neunziger“, was ich für eine heutige Abiturientin eher ungewöhnlich finde. Ihr Einfluss sind da weniger ihre Eltern: „Tatsächlich nicht, eher so Freunde – Leute aus meiner Schule auch nicht, die hören eher so Deutschrap, das ist gar nicht so meins, nicht mal unter Alkoholeinfluss finde ich das gut.“ Auf Fettes Brot und Fischmob können wir uns hingegen einigen, die sind ja auch noch Neunziger.

Dominik stellt mir die Kola bereit, die ich mit nach draußen nehme, wo Maren und Pam bereits in Sichtweite des Wochenmarktes einen Tisch eingenommen haben. Sie sprechen über „Flausch Bräu“, das Bier, das Marc und seine Buppets jüngst zusammen mit der National-Jürgens-Brauerei herausbrachten. Am Wochenende war ich im Kunstmuseum in Wolfsburg, um das Finale der Ausstellung „Re-Inventing Piet. Mondrian und die Folgen“ mitzuerleben, da erzählte mir Mitarbeiterin Andrea erfreut, dass die Buppets dort ebenfalls bald zu Gast sein würden. Wo die nicht überall sind, der Instagram-Kanal ist eine Augenweide! Die Ausstellung gefiel mir, ausgehend von Mondrians rechteckiger Primärfarbenkunst ließen sich Künstler aller folgenden Epochen inspirieren, zu Malerei, Videos, Mode, Plattencovern, Installationen und dergleichen mehr. Vor einem Gemälde von Bart van der Leck, einem minimalistisch strichelnden Zeitgenossen Piet Mondrians, erläuterte eine Frau ihrer Familie angesichts der zwischen die Horizontalen und Vertikalen gesetzten Elemente im 45-Grad-Winkel: „Er hat schon früh zur Diagonale gefunden.“ Kaum weniger erhellend war das Gespräch zweier Kinder: „Normal malen macht fröhlich, beruflich malen macht traurig.“

Das will ja keiner sein müssen, auch wenn das Leben gelegentlich Anlass dazu gibt. Erstmal gibt’s aber Pommes für Pam und Maren und das Fladenbrot für mich. Ein Wolters nehme ich noch auf den Auftakt der Frauenfußball-Weltmeisterschaft, bei der heute früh beide Gastgeberinnenländer ihre Gegnerinne jeweils 1:0 schlugen, nämlich zunächst Neuseeland Norwegen und dann Australien Irland. Öffentliches Gucken wird leider etwas schwierig werden, die frühesten Spiele finden für uns um 2 Uhr statt, die spätesten um 14 Uhr, da sind leider nur nachträgliche Zusammenfassungen guckbar. À propos Fußball, ich muss gleich noch zu Graff, die neueste Ausgabe von Härringers Spottschau ist eingetroffen und das Bundesligaheft von 11 Freunde müsste ebenfalls da sein. Ist es: Im Design des Diercke-Weltatlas‘, sehr schön, quasi Braunschweig auf dem Cover, um es mal mit dem Blick aus der Provinz zu betrachten. Vorher nehme ich mir aber noch die beiden Platten aus dem Riptide mit, von denen Chris mir schon verriet, dass sie da sind: „Provincetown“, das neue Album von Man On Man, einer der vielen Bands des Faith-No-More-Keyboarders Roddy Bottum, und „New Body Rhumba“, die neue 12“ von LCD Soundsystem.

Morgen beginnen die dreitägigen WRG-Kulturtage, ausgerichtet vom Westwerk Kultur, an denen wir am Samstag mit Rille Elf ebenfalls teilnehmen, indem wir nämlich ab 16 Uhr das Greek Haus beschallen; eine Woche später sind wir mit der sechsten Ausgabe von Betreutes Trinken mit Musik in Harrys Bierhaus. Im WRG, dem Westlichen Ringgebiet, sind immer Kulturtage. Im Ritpide auch, Chris kündigte ja schon an, dass er im Herbst wieder mit Programm loslegt – das zurzeit noch in Planung ist. Sollte man sich also jetzt schon, im herrlichen Sommer, auf den Herbst freuen…?

Matthias Bosenick

www.krautnick.de
Fakebook

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