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#36 Zuhause

24. Oktober 2010


Samstag, 23. Oktober

Vor dem Gang ins Riptide steht dieses Mal leider nicht der Gang zu Raute, sondern der zur Bank. Weit komme ich nicht: Auf dem Kohlmarkt steht wie so oft der BIBS-Stand. Neben neuesten Infos aus Rathaus, Gerichtssaal und Querumer Forst nehme ich Ale und Matthias mit, die sich dort wie ich für diese Neuigkeiten interessieren. Zwischen der Bank und dem Riptide schließt sich uns Arni an, er teilt unser Ziel. Wir schlendern durch den Handelsweg. Serge hat seinen Laden geöffnet, bei ihm sitzen Gäste, im Achteck sitzen Gäste, die Grenzen verschwimmen angenehm. Wir gehen ins Café und drapieren uns auf dem Sofa, dem um die Mittagszeit einzigen freien Platz. Das ist gut, ich beobachte das schon eine ganze Weile: Das Riptide ist immer gut gefüllt, egal, wann ich da bin. Am Wochenende sowieso, aber auch in der Woche abends ist immer etwas los. So soll es sein. Auch an der Zahl der Mitarbeiter ist zu erkennen, dass der Laden brummt – hinter der Theke mache ich regelmäßig mir fremde Gesichter aus. Chris und André haben ein sicheres Gespür für freundliche und daher in den Laden passende Leute. Heute bekommt Chris Unterstützung von Bekannten: Lara und Lukas kümmern sich um die Belange der vielen Gäste, so auch um unsere. In beinahe formvollendeter Galanterie schwingt Lukas das runde Tablett, als er sich zwischen den Stühlen zu unserem Tisch durchschlängelt. Seine Stimme klingt etwas angeschlagen, als er fragt: „Habt ihr mir eine Stimme mitgebracht?“ Als Wähler hätten wir immer eine Stimme dabei, führe ich an. „Wie viele Kreuze sollen wir denn machen?“, fragt Arni. „Jeder nur ein Kreuz“, erinnere ich ihn. Lukas nickt: „Das ist mir auch immer zu viel, bei der Bundestagswahl 24 Kreuze machen zu müssen.“ Matthias merkt an: „Du sollst da ja auch nicht jeden Kreis ankreuzen.“ Nach meinem „nach der Wahl mache ich immer drei Kreuze“ beendet Lukas die Assoziationsrunde und fragt nach unserer Bestellung. Wir sind uns überraschend einig darin, auf Milchkaffee Appetit zu haben. Dafür ist und Lukas dankbar: „Das macht es einfacher.“ Er müsse sich nur die Zahl merken, nicke ich. „Nicht mal, ich muss mich nur umsehen und zählen, wie viele Leute am Tisch sitzen“, sagt Lukas. Ale schlägt vor: „Wir könnten auch Bewertungskärtchen mit der richtigen Zahl hochhalten.“ Wir lachen, Lukas geht zur Theke.

Eigentlich hat Matthias gar keine Zeit. „Ich müsste zu Hause etwas tun“, sagt er. Ich schlage ihm vor, einfach das Riptide als Zuhause aufzufassen, und Arni unterstützt mein Ansinnen. Mein Mobiltelefon macht mich mit piepsend darauf aufmerksam, dass ich eine Kurznachricht erhalten habe. Darin lässt mich Katharina wissen, dass sie nicht wie von mir vorgeschlagen ins Riptide komme, sie sei schon mit einer „süßen Frau“ verabredet. Derweil berichtet Arni, dass er mich zu Hause anzutreffen versucht habe, dort aber von Janna unterrichtet worden sei, dass ich im Riptide wäre und sie selbst sich im Giallo-Rosso mit Katharina träfe. Ah! Lukas bringt den Kaffee und überreicht die erste Tasse Ale. „Die Dame zuerst, hat mir meine Mama so beigebracht“, kommentiert er mit dem allerfreundlichsten Lächeln. Dafür loben wir ihn überschwänglich und knabbern hernach an unseren obschon vorweihnachtlichen, so doch ganzjährig gereichten Spekulatii. Ale entdeckt das „Lemmy-Frühstück“ auf der Frühstückskarte. Wir stellen fest, dass der Mann deshalb eine lebende Legende ist, weil er sich mit Whisky konserviert und eigentlich schon längst tot ist. „Ah, deswegen ‚lebende Legende’“, sagt Ale, „die meisten Legenden sind nämlich schon tot.“

Die eben erworbenen neuen Erkenntnisse über Braunschweigs eigenwillige Politik tauschen Matthias und Ale aus, Arni weiß etwas über die aktuellen Wolfsburger Skandale. Micha winkt von der Theke herüber, er ist wieder mit Flyern unterwegs. Mein Mobiltelefon klingelt. Maren fragt, ob Arni sich bei mir gemeldet hat. Ich gucke ihn an und frage, ob er sich bei mir gemeldet hat. Er verneint und wirft einen Blick auf sein nur selten eingeschaltetes Mobiltelefon. „Ha“, stellt er fest, „nur vier Anrufe verpasst!“ Maren weiß jetzt also, wo Arni steckt, und kündigt an, vorbeizukommen. Arni lässt sich darüber aus, wie unsinnig sein Mobiltelefon sei, wenn er es weder höre noch die Vibration wahrnehme, und Ale sagt, dass sie nicht mal eines besitzt. Matthias berichtet davon, dass er sich nur deshalb ein Mobiltelefon zugelegt hat, weil zwei konkurrierende Festnetzanbieter nicht in der Lage waren, bei ihm ein Festnetz einzurichten, und dass er jetzt einen Vertrag mit Homezone habe. „Ich bin jetzt hier zu Hause“, erklärt er. Arni nickt: „Haben wir dir doch gesagt.“

Zu uns setzt sich Maren, Lara nimmt ihre Bestellung entgegen: „Einen Milchkaffee und ein Fladenbrot.“ Maren berichtet von einer Geburtstagsfeier, zu der sie und Arni eingeladen seien, die jährlich vor Halloween stattfinde und die in der Regel unter einem Motto stünde. „Anti-Halloween“, gibt Maren einen Tipp, doch es ist weder Karneval noch St. Patrick’s Day oder Goodbyebern. „Prinzessinnen“, löst Maren auf. „Mit der ausdrücklichen Erlaubnis, dass Jungs auch als Prinzen gehen dürfen.“ Obwohl sich wohl einige männliche Gäste auch im Prinzessinnenkostüm angekündigt hätten, einer gar in einem aufblasbaren. Arni lässt sich nicht dazu überreden, es ihnen gleichzutun. Ihm schwebt eher das Kostüm als „Prince Of Darkness“ vor.

Am frühen Nachmittag sind viele Kinder im Café, die Gäste um uns herum unterhalten sich angeregt. Ein Gast eilt mit strahlenden Augen und einer hoch erhobenen LP aus dem Plattenladen-Bereich des Cafés zurück an seinen Platz, um seiner Begleiterin glücklich seinen Fund zu zeigen. Gegenüber in der Rip-Lounge hört man das Würfelklappern zweier Backgammonspieler im Pfeifenrauch, wenn man die Lounge zu bestimmten Zwecken durchschreitet. An unserem Tisch drehen sich die Themen um wissenschaftliche Studien und Schönheit. Matthias kennt einige ältere Studien aus England und nimmt sie mit ansteckender Freude auseinander. „Abweichung ist Schönheit“, fasst er die revidierte Fassung einer Studie mit zuvor genau gegenteiligem Ergebnis zusammen. „Alles Leben endet“, versuche ich eine Umformulierung, doch Ale widerspricht: „Lemmys nicht.“

Zwischendurch kommt André ins Café, obwohl er heute eigentlich frei hat. Er bringt einige Einkäufe und ist auch bald wieder verschwunden. Auch Matthias bricht jetzt auf, Ale schließt sich ihm an. Arni richtet seine Aufmerksamkeit auf die Kisten mit Second-Hand-Vinyl, Maren genießt ihr Fladenbrot. Mit der „Moments In Love“-12“ von The Art Of Noise kehrt Arni zurück. „Komisch, der einzige Hit, den sie hatten, und der fehlt mir noch“, stellt er fest. Auch Maren und er wollen aufbrechen, Maren fischt ihre Riptide-Kaffee-Stempelkarte aus der Tasche. „Oh, heute ist die Karte voll, wir bekommen einen Kaffee umsonst“, bemerkt sie. „Dann haben wir die Platte fast raus“, sagt Arni, „zumindest die A-Seite.“

Ihren Platz auf dem Sofa nimmt Micha ein. „Ich muss eigentlich weiter“, sagt er und kramt die Flyer vom Universum und von der „Sound On Screen“-Reihe hervor, die das Universum gemeinsam mit dem Riptide veranstaltet. Micha beklagt, dass „The Road“ noch nicht in Braunschweig läuft. „Ich mag postapokalyptische Filme“, sagt er. Viggo Mortensen spielt mit, Regie führte John Hillcoat. Von dessen Kumpel Nick Cave stammt der Soundtrack, das macht den Film für mich reizvoll. Ich beklage, dass „Exit Through The Giftshop“, der Film von, mit oder über Banksy – niemand weiß es so genau –, nicht in Braunschweig läuft. Beide freuen wir uns schon auf das Filmfest im November. Die Wichmannhalle ist erstmals einer der Austragungsorte, entnehme ich Michas Flyer. „Der Komponist vom Wong Kar-wai kommt“, weiß Micha. Er liebt dessen „In The Mood For Love“. „Und Stellan Skarsgård bekommt den Heinrich.“ Die Abschlussparty des Filmfests soll im Riptide steigen, berichtet Micha. Uns gefällt die Kooperation vom Universum mit dem Riptide, so etwas Mutiges wie die „Sound On Screen“-Reihe war längst überfällig in Braunschweig. Der dritte Teil der Reihe steht an: Im Anschluss an den Black-Metal-Film „Until The Light Takes Us“ am 3. November im Universum zeigen die Ex-Salem’s-Law-Musiker Frank Schäfer und Volker Wartusch im Riptide Metal-Musikvideos. Klingt lustig.

Überhaupt ist es toll, wie in Braunschweig zurzeit Kulturkooperationen möglich sind. In die Räume des ehemaligen Online-Sportportals „Gandula“ gegenüber ist mittlerweile eine Galerie eingezogen, „einRaum 5-7“ heißt die und bündelt die Werke vierer Künstler. Am 1. Oktober eröffnete der „einRaum“, gleichzeitig nutzte das Riptide die Gelegenheit dazu, seine eigene Ausstellungsfläche frisch renoviert zu präsentieren – und eine Kooperation mit der Galerie einzugehen. Die Ausstellung „Kein Plan?“ ist nämlich auch im Riptide zu sehen. Die Mischung funktioniert, das zeigt auch der Eröffnungsabend, an dem es im Handelsweg rappelvoll war. Beim Thema Kunst schwärmt Micha vom Museum für Fotografie, das in der Hamburger Straße 267 eine neue Zweigstelle hat, das „Raumlabor“. „Versteckt hinter McDonald’s“, sagt Micha. Für die dort laufende HBK-Ausstellung „Shoot!“ hat Micha Plakate verteilt und sich die Ausstellung auch gleich angesehen. Die Fotos dort sind auf Jahrmärkten entstanden, beim Schießen, so Micha: „Haben die Schützen gut geschossen, wurden sie fotografiert.“ „Shoot!“ zeige einige Jahrzehnte dieser Kunstform, „das ist eine tolle Ausstellung.“ Beim Betreten komme man in einen „Darkroom“ mit „aus Hollywoodfilmen zusammengeschnittenen Schusswechseln“, sagt Micha. „Das ist sehr laut.“ Am Ende hätte jeder Besucher die Chance, für zwei Euro drei Schuss abzugeben und seinerseits bei gutem Gelingen fotografiert zu werden. „Die Fotos sollen auf der Homepage gezeigt werden“, sagt Micha. „André hat auch mitgemacht, der müsste da zu sehen sein.“ Der Besonderheiten nicht genug: „Eine Lady ist dabei, die schießt seit 1936, das neueste Foto ist von 2008, darunter steht ‚sie schießt heute noch’, die ist über 90 und war bei der Vernissage dabei.“ Auf den Fotos sähe man ihren Alterungsprozess, sagt Micha. „Eine coole Ausstellung.“

Der Nachmittag schreitet voran. Viele Mittagsgäste haben den Platz für die Kaffeegäste freigemacht. Zu denen gehören Nina und Andreas, die sich zu uns an den Tisch setzen. Sie sind freudig überrascht, weil sich nicht damit gerechnet haben, auf Bekannte zu treffen. Im Riptide! Nina bestellt einen Bagel, Andreas probiert die vegetarische Currywurst. Micha will jetzt doch weiter, da trifft er in der Tür auf Janna, die sich nach der gleichzeitigen Begrüßung und Verabschiedung von Micha zu uns gesellt. Bei Lukas bestellt sie einen Chai. „Chai Latte oder Chai Tee?“, hakt er nach. „Einen normalen Chai Tee“, sagt Janna. „Ich war grad im Giallo-Rosso“, erzählt sie. „Die haben da jetzt eine große Schokoladenkarte liegen.“ Sie zählt einige Sorten auf und bringt Nina damit in Verzückung. Janna habe sich nicht vorstellen können, was sie erwartete, wenn sie davon etwas bestellte, und das Ergebnis habe sie überrascht: „Wie ein Schokoladenpudding, richtig mit Haut drauf und dickflüssig.“ Nina kennt sowas: „Sowas kenne ich.“ Sie erzählt von der Freundin einer Freundin, die nach Braunschweig ziehen wolle und eine Waschmaschine brauche. Nina habe ihr ihre Telefonnummer gegeben. Der Anruf sei beim Essen gekommen: „‚Ich bin grad in der Vielharmonie’, sagte ich ihr, und sie fragte: ‚Ach, hast du grad Pause?’“, erzählt Nina. „Ich hab nicht geschaltet, dass sie gar nicht wissen konnte, wovon ich sprach.“ Nina beißt in ihren Mozzarella-Bagel, Janna nimmt den Beutel aus ihrer Teetasse und Andreas genießt die Currywurst. „Ich kann mich jetzt bei Wurstscout registrieren“, sagt er zufrieden. Der Wurstscout sei eine Internetseite, auf der man Currywürste bewerten könne. „Meine Kollegen testen Currywürste, ich bin der Vegetarier – jetzt kann ich endlich Flagge zeigen.“ Auf einer Deutschlandkarte könne man sehen, wo die Kollegen überall Currywürste testeten, entlang Autobahnen an Raststätten etwa. Janna berichtet vom letzten Ausflug in Ruhrgebiet, nach Essen, vom Besuch im dortigen Unperfekthaus und der eindrucksvollen Begegnung mit einem Neunzehnjährigen, der ungewöhnlich reife Ansichten hatte. Nina versteht: „Unser aktueller Zivi ist immer mein Kontakt zur Jugend.“

Der Nachmittag wird zum Vorabend, wir beschließen zu gehen und wenden uns an Lara und Lukas hinter der Theke, unsere Rechnung zu begleichen. Chris ist in der Küche zugange. Für uns ist es seltsam, unser Zuhause zu verlassen, um nach Hause zu gehen. Ein Dilemma. Wir werden es nicht lösen. Aber vielleicht mal eine englische Studie darüber anfertigen lassen.


Matze Bosenick
www.krautnick.de

#33 Kein Freispiel drin

22. Juli 2010


Gregor will eigentlich nur kurz im Riptide fragen, ob seine LPs da sind. Eigentlich. Wie ich bleibt er jedoch einige Stunden da, was uns beiden wiederum sehr leicht fällt, und geht’s nun mal prima dort, um die Mittagszeit herum an der Theke. Chris ist da, zurzeit noch allein. Er pendelt zwischen Küche, Tonträgerfächern, Theke und Achteck hin und her, während er im Vorbeiflug an Gregors und meiner Unterhaltung teilhat. Ja, uns geht’s prima, da macht es auch nichts, dass es trotz weniger als 30 Grad Celsius unerträglich warm, weil schwül ist. Ein schwenkender Ventilator neben dem Eingang weht uns immerhin gelegentlich etwas Erfrischung zu. Denn weniger als 30 Grad Celsius hat es nur draußen.

Wie üblich komme ich gerade von Raute Records. Das entwickelt sich zu einer schönen Gewohnheit, wie früher, als man freitags zuerst in den Moorkater und dann ab drei Uhr ins Farmer’s Inn gefahren ist. Heute ist es eben statt Katerfarmer’s Rauteriptide. Bei Raute kann man wie im Riptide einfach nur mal so sein, ich hatte aber noch einen anderen Grund. Eine lange Geschichte: Riptide-Literat und -Gast Frank Schäfer spielte einst bei einer Heavy-Metal-Band Gitarre, das war nach seiner Zeit bei Operation Daisyland. Diese andere Band nun hieß Salem’s Law. Auf dem ZYX-Sublabel ZYX Metallic kam vor 21 Jahren das beinahe einzige Album „Tale Of Goblin’s Breed“ heraus, auf Vinyl und CD. Das Sublabel stellte jedoch kurz darauf den Betrieb ein und das Album wurde nicht nachgepresst. Jetzt ist es eine solche Rarität, dass es weltweit für um die 100 Dollar gehandelt wird, wenn man es denn überhaupt jemals irgendwo findet, egal, in welchem Format. Deshalb habe ich es bei eBay in meine Suchanfragen aufgenommen. Jetzt war es einmal wieder drin, sogar als LP, und für einen erschreckend geringen und für eine einzelne LP dennoch recht hohen Preis. Ich war überrascht. In welchem entlegenen Winkel der Erde mochte die LP jetzt wohl angeboten werden! Ob der Verkäufer seriös war? Ich schaute auf das Profil – und war gleichzeitig erstaunt und sah mich bestätigt: Raute Records, Braunschweig. Wo sonst! Uwe und Katrin sei Dank: Die Power-Metal-LP von der Band aus Gifhorn ist jetzt mein. Ein zweites Album von Salem’s Law hat es übrigens doch noch gegeben: Aufgenommen 1990 bis 1992, veröffentlich jedoch erst vor zwei Jahren, und zwar als Bonus-CD zu Franks Buch „Generation Rock“.

Doch auch im Riptide wartete Vinyl auf mich: Chris und André wissen, dass ich Veröffentlichungen von !!! stets in meine Sammlung integrieren möchte. Überraschend mailte mit Chris also kürzlich von einer neuen !!!-12“. Von einem kommenden Album hatte ich gelesen, von der 12“ namens „AM/FM“ jedoch erst nach Chris’ Mail. Vom einen Glück ins nächste: Von der 12“ gibt’s nur 800 Stück weltweit. Sie ist durchsichtig und greift damit die Eis-Gestaltung des im August kommenden Albums „Strange Weather, Isn’t It?“ auf. Sehr schön, die Gestaltung, und sehr schön auch, dass eine der 800 Kopien im Riptide und nun bei mir landet.

Chris stellt die 12“ an die Seite neben der Kasse, wo ausgewählte Schallplatten immer stehen, bis der Kunde seinen Aufenthalt im Café beendet. Dazu stellt Chris gleich noch eine Platte, nämlich die, die Gregor sich ausgesucht hat: „John Cale Live At Rockpalast“. Gregor wählt außerdem ein alkoholfreies Hefeweizen und stellt dies auf die Theke neben meine Fritz-Cola. „Hattest du noch etwas bestellt, war die Current 93 für dich?“, fragt Chris Gregor in einer Weise, die am treffendsten mit verschmitzt zu bezeichnen ist. Chris weiß, dass er damit Gregor locken kann: „Like Swallowing Eclipses“, eine schwarze Box mit bunten Kindern drauf, enthält sechs LPs. „Das sind die ersten fünf Alben, geremixt und mit einer Bonus-LP“, erklärt Chris und reicht Gregor die Box. „Ui, das ist aber schön“, sagt der. „Und dann noch mit Andrew Liles!“ Chris nickt: „Der hat die geremixt.“ Gregor reicht Chris die Box zurück und fragt: „Und Lilium, ist meine Lilium-LP da?“ Chris wendet sich den Regalmetern mit den Bestellungen zu und fragt, nicht minder verschmitzt: „Auf CD?“ Gregor ist fast entsetzt: „Nein, auf Vinyl natürlich, doch nicht das Auslaufmodell!“ Er schüttelt ungläubig den Kopf. „Kein Schrott, ich kaufe nur Vinyl, außer, es gibt etwas nur auf CD.“ In den 90ern hätte er beinahe den Fehler gemacht, Vinyl komplett abzustoßen, sagt er. „Aber ich hab’s nicht gemacht“, sagt Gregor erleichtert. Er wendet sich dem LP-Kasten mit den Neuheiten zu und blättert darin herum.

In der Ecke zwischen den Vinyl-Neuheiten und der Theke steht ein schwarzer Tisch mit Aufstellern, in denen aktuelle und ältere Ausgaben von Musikexpress und Rolling Stone klemmen. So auch die neueste Ausgabe des Rolling Stone, die bei mir erst heute im Briefkasten klemmte, mit dem neuen Prince-Album darin. Der Intro-Aufsteller drückt sich neben dem Tisch an die Theke, auf der anderen Seite das lila Evil-Puppets-Plakat, das ich eben schon bei Raute an der Tür kleben sah. Auf der Theke liegt das Klemmbrett mit der Email-Verteiler-Liste, die jemand mit Riptide-Schriftzeichen und einer Zeichentrickkatze verschönert hat. Mich erinnert das an die silberne Auberginen-Kettensäge, die seit einiger Zeit Brücken und Schilder auf und an Autobahnen rund um Braunschweig verschönert. Das Album von The Roskinski Quartett inklusive Button und die drei Quartetts zu den Themen Seuchen, Tyrannen und Rauschgift verzieren die andere Seite der Theke. Die Quartetts sorgen bei Gästen immer wieder für Erheiterung.

Die Wände im Café-Bereich sind leer, ohne eine Ausstellung, das waren sie beim Fußballweltmeisterschaftshalbfinale vor einigen Wochen auch schon. Das war ein lustiger Tag, abgesehen vom Ergebnis. Spanien schlug Deutschland mit 1:0, aber das war gar nicht so wichtig. Wichtiger war, dass ich es schaffte, wenigstens ein Spiel dieser WM im Riptide zu sehen. Im Riptide, wahrhaftig, denn draußen im Achteck war kein Platz mehr. Dabei war ich schon früh da, eine halbe Stunde vor Spielbeginn, und doch waren sämtliche Plätze auf allen Stühlen und Bänken besetzt. Keine Lücke. Erfreulich einerseits, andererseits schade, weil der einzige freie Platz für meine Begleitung und mich im Café war. Meine Begleitung sicherte uns die Barhocker am Fernseher, also dem großen Fenster, das wir folglich im doppelten Sinne als Fernseher nutzten, mit Längsbalken im Bild und verschwommenem Blick, weil das Glas altersbedingt uneben war. Im Café war es an dem Tag klebrig heiß, so wie es heute draußen ist. Das Sitzen allein ließ den Schweiß fließen. Eigenmächtig drehte ich den Schwenkventilator in unsere Richtung, das half. Die kühlen Getränke halfen außerdem. Beste Voraussetzungen für einen tollen Fußballfernsehabend. Und so war es auch. Auf dem Sofa warteten einige Leute wie wir auf den Spielbeginn und redeten lustige Sachen. „Ich nenne ihn immer Ötzel“, sagte etwa einer von ihnen, als Spieler Mezut Özil in Großaufnahme gezeigt wurde, und fügte die überzeugende Erklärung hinzu: „Das gefällt mir besser.“ Mehr als die Kommentare der Gäste im Café hörten wir auch nicht, denn schlechter noch als das Bild gelangte der Ton an unseren ansonsten vorzüglichen Sitzplatz. Den teilten wir mit einem pfeiferauchenden Guckkollegen, der alsbald auf dem hernach frei gewordenen Sofa einnickte. Recht hatte er einigermaßen, das Spiel war langweilig. Interessant war umso mehr das Publikum vor uns. Zur Hälfte saßen Frauen vor der ausgerollten Leinwand, das war schon mal sympathisch. Am Verhalten der heterogenen Gruppe merkten wir auch, dass wir in guter Gesellschaft waren. André reichte etwa Teller mit Nachos und Dips an einen zu weit entfernt sitzenden Gast, und anstatt, dass die anderen Gäste André hämisch grinsend beim die ausweglose Situation meistern beobachteten, griffen sie nach dem Teller und reichten ihn an die ausgestreckten Arme weiter hinten weiter. Oder als einer Zuschauerin in einer spannenden Spielszene ein Quieker entwich, da drehten sich die anderen Zuschauer zu ihr um und freuten sich mit ihr, lachten aber nicht über sie. Oder als eine andere Zuschauerin vor unserem Fenster für einen Sekundenbruchteil ihre Rassel betätigte, konterte ein anderer Gast mit einem ebenso kurzen Trillerpfeifentrillern. Und als dann letztlich das Halbfinalspiel für die Deutsche Mannschaft verloren ging, gab es kein Geschrei, sondern eher Schulterzucken und weitere Getränkebestellungen. Fußballgucken mit Niveau, ganz genau. Wir hatten Spaß dort, an unserem Fernseher und vor den leeren Wänden.

„Es ist Sommerloch“, begründet die Chris. „Wir werden die Wände streichen und renovieren, nach zehn Ausstellungen sehen die entsprechend aus.“ Stimmt, ich erinnere mich an den vergeblichen Versuch, Poster-Klebestreifen von den Wänden zu entfernen, ohne dabei die Farbe herunterzubröseln. „Bei dem Wetter hat fünf Wochen keiner drinnen gesessen, da nutzen wir die Gelegenheit“, sagt Chris. „Und im Winter streicht ihr draußen?“, frage ich.

„Gefunden“, ruft Gregor und zieht das Album „Felt“ von Lilium aus der Neuheiten-Box. „Da isse doch.“ Er reicht die Platte Chris, der sie zur John-Cale-LP stellt. „Den habe ich schon zweimal live gesehen“, sagt Gregor, „91 und 92, im Capitol.“ Chris wendet die Platte in seiner Hand und erklärt: „Die hat Ecki Stieg herausgebracht – den kennen wir ja noch alle aus der Zeit, als Radio noch ‚ooooh’ (imitiert ein glückliches Staunen) war.“ Und ob. Ich erinnere mich außerdem an eine Begebenheit aus den 90ern, als Ecki Stieg einmal im Exil in Bodenteich aufgelegt hat. Zu den Stammgästen dort zählte damals einer, der aussah wie ein Ober-Grufti: schwarze Flokati-Jacke, schwarze Pumphose und wallende, schwarze Löwenmähne. Er wirkte dank seiner Erscheinung stets größer, als er tatsächlich war, und war außerdem weitaus liebenswürdiger, als viele dem Äußeren nach annahmen. Jedenfalls erzählte man sich, dass er während Stiegs Gastspiel als DJ in der sanitären Einrichtung sein Geschäft verrichtete und dass Steig neben ihm stand. Stieg sah ihn und fragte: „Hey, willste’n Autogramm?“ Der Angesprochene drehte sich zum Star-DJ um und antwortete mit den Worten: „Nö.“ Für die musikalische Sozialisation vieler Niedersachsen waren Stiegs „Grenzwellen“ auf Radio ffn jedenfalls definitiv weg- und richtungweisend. „Er hat sein Label ‚MIG’ genannt, ‚Made In Germany’“, fährt Chris fort. „Darauf veröffentlicht er lauter schwer zugängliche Alben, die ihm wichtig sind.“ Wie etwa das „Live At Rockpalast“-Konzert von John Cale. „Ich kenne das Konzert, das habe ich schon auf CD, aber ich bin froh, dass es das jetzt auf Vinyl gibt“, sagt Gregor. Auf DVD auch, fällt mir ein, im neuen Eclipsed ist ein Ausschnitt daraus auf der beigelegten DVD-Compilation „Live At Rockpalast Vol. 2“ enthalten. Gregor wehrt ab: „DVDs brauche ich nicht, die habe ich von John Cale genug.“ Gregor lässt sich darüber aus, dass es keine guten Konzerte mehr in Braunschweig gibt, vor allem, seit das FBZ dicht ist. Ich stimme zu und halte dennoch das Festival Theaterformen entgegen, das kürzlich in Braunschweig stattfand. Gregor ist betrübt: „Da war ich nach der Arbeit zu kaputt – und ich kannte keinen, außer Knarf Rellöm.“ Gregor arbeitet als Kinderpfleger und Gärtner, nacheinander, also nicht als Kindergärtner. „Aber von Knarf Rellöm waren auch nur die ersten zwei Alben gut – ‚Bitte vor R.E.M. einordnen’.“ Er lacht laut los.

Gregor hat ja Recht. Alle, und wenn ich das sage, übertreibe ich nur unwesentlich, vermissen das FBZ. Autor und Da-Capo-Kolumnist Luc Degla lässt es beim Vermissen nicht bleiben: Er übernahm von Timo Tegtmeyer den Roten Korsaren in Dibbesdorf und machte daraus das Sowjethaus. Dabei steht „Sowjet“ für „Rat“ und „Beratung“, nicht für die kommunistische Idee, damit heißt das „Sowjethaus“ im Grunde so viel wie „Rathaus“. Und wegen Konzerte namhafter Indie-Musiker: Am 2. September kommt Reinhard-Mey-Adept Gisbert zu Knyphausen ins Nexus. Es ist zwar insgesamt weniger als früher, nach wie vor, das stimmt wohl, aber gottlob nicht nichts.

Chris stellt eine Tasse in den Kaffeeautomaten und drückt einen Knopf. Während heißer Dampf und lautes Fauchen dieser Handlung folgen, sagt Chris zu Gregor: „Du machst doch auch Musik.“ Das bestätigt Gregor, auch wenn es ihm gerade etwas unangenehm ist. Krapp heißt Gregors Band, „wie die Färbewurzel“, erklärt er. „Wir machen Folk.“ Für heute Abend steht eine Bandprobe an. Seit 22 Jahren spielt er bei Krapp. „Deine alte Band, sag’s schon“, ermuntert ihn Chris am Kaffeeautomaten. „Ich hab euch als kleiner Junge am FBZ gesehen, beim Umsonst und Draußen“, sagt Chris. „Rummelfuchs hießen wir“, sagt Gregor. „Ihr habt so eine Art Hippie-Punk gemacht“, meint Chris. Gregor lacht verächtlich: „Hippie-Punk? Iiihh.“ Chris grinst und erklärt: „Als kleiner Junge habe ich das als Hippe-Punk empfunden, Punk war für mich Black Flag.“ Gregor wehrt ab. Ganz früher, also noch davor, war er bei den Incredible Fish Hunters. „Ich werde auch immer Musik machen“, sagt er. Er spielt Schlagzeug: „Und das schon seit 25 Jahren.“ Als nächstes live sehen kann man Krapp bei der Braunschweiger Kulturnacht am 28. August, und zwar im Kleinen Haus. „Da haben wir vor zwei Jahren schon einmal gespielt und vor vier Jahren im Figurentheater Fadenschein, das war auch gut, guter Sound.“

Gegor und ich sind mitnichten die einzigen Gäste und Kunden im Riptide. Zwei niederländische Metal-Fans kaufen sich einige Metal-Alben als Picture-Vinyl, ein kleines Mädchen mit zwei geflochtenen Zöpfen und Papa im Schlepptau bittet Chris um eine Serviette. Die Tische im Achteck sind gut belegt. Zwischendurch kommen auch ein Post-Zusteller und Rainer vom Hermes-Versand. „Ich bringe immer Platten“, sagt Rainer. Am Format seines Paketes ist deutlich erkennbar, dass es auch dieses Mal so ist, und an der Dicke des Paketes erkennt er, dass es mehr sind als sonst: „Manchmal ist nur eine drin.“ Auch André ist inzwischen eingetroffen. Er und Chris tauschen heute die Rollen, denn André ist es, der sich an den Computer klemmt und dort arbeitet, während Chris etwa das Paket von Rainer entgegennimmt.

„Es hat so schöne Plattenläden gegeben in Braunschweig“, sinniert Gregor, während ich mich von seiner Getränkewahl dazu anregen lasse, mir ebenfalls ein alkoholfreies Hefeweizen zu bestellen. „Crown Records, das war gegenüber vom Atlantis und hat 91 dicht gemacht, Clash Records, Fallersleber Straße, hat 91 dicht gemacht, der Laden war fantastisch.“ Ran 7 und die Garage führe ich ins Feld, kann ihn damit aber nicht überzeugen. Erst bei Raute und Riptide ist er wieder dabei: „Ich musste fast 20 Jahre warten, bis es wieder einen vernünftigen Plattenladen gab, eine Durststrecke, es hat fast 20 Jahre keine guten Läden gegeben.“ Sein schwelgerischer Blick fällt plötzlich auf die Flasche Record Cleaner in der Ecke des Tresens. „Lohnt sich das?“, fragt er Chris. „Das ist ein erstaunlicher Effekt, den du damit erzielst“, sagt Chris und meint damit „ja“. Die Klangqualität verbessere sich deutlich. „Du sprühst etwas davon auf das Tuch, das mit dabei ist, und reibst damit die Platte vorsichtig ab.“ Gregor sagt: „Ich nehme immer Alkohol.“ Chris nickt: „Oder Wasser mit Spülmittel.“ Gregor fallen dabei lauter Bands ein, nach denen er Chris im Computer suchen lässt, wie Pere Ubu oder Mission Of Burma. Doch das, was er sucht, findet auch Chris nicht. Gregor hält kurz inne und sagt dann: „Die ‚Like Swallowing Eclipses’, was ist da drauf?“ Chris nennt Gregor die Alben-Titel und erklärt, dass Current 93 die neu eingespielt und Andrew Liles die geremixt hat und dass da noch eine sechste LP mit unveröffentlichten Sachen bei ist. Chris spricht David Tibet französisch aus, so haben Gregor und ich den Namen noch nie gehört. Wir finden beide die Aussprache sehr klangvoll. Gregor überlegt nun nicht mehr, sondern sagt: „Stell mir die Box beiseite, ich nehme sie nächstes Mal mit.“ Das macht Chris gerne. Gregor und ich begleichen unsere Rechnungen, grüßen André an seinem versteckten Arbeitsplatz und gehen mir Chris ins Achteck, wo jener einen Tisch abwischt. „Schönes Leben noch“, ruft Chris uns grinsend nach. Gregor lacht. Ich sage: „Wir hatten eigentlich vor, das hier zu verbringen.“ Chris nickt freundlich: „Ich auch.“


Matze Bosenick
www.krautnick.de

#32 Hublot in Vancouver

17. Juni 2010


Mittwoch, 16. Juni 2010

Heute soll es sein: mein erstes ganzes Fußballspiel der laufenden WM im Fernsehen. Bislang hatte ich keine Zeit dazu, da will ich mich heute ins mein erweitertes Zuhause setzen, besser: ins Achteck dazwischen. Das Riptide wirbt mit „Fußballgucken mit Niveau“, und genau das will ich haben. Denn ich erinnere mich gerne an die Fußball-WM vor vier Jahren. An sich hatte ich seit 1990 keine Lust mehr auf Fußball, vor allem nicht auf den der deutschen Fußballnational-Band. Die hatte sich in Folge ihres Weltmeistertitels dergestalt arrogant aufgeführt, dass sie vergaß, weiterhin ordentlich Fußball zu spielen. Die Europameisterschaft 1992 habe ich natürlich wahrgenommen und schon damals, ein Jahr vor meiner ersten Reise dorthin, zu Dänemark gehalten, aber das eher zufällig, eben gegen die Arroganz und für den Unterhund. Dänemark war damals ein schönes Beispiel für eine korrekt verkehrte Welt, mit Frittenbudenernährung und Europameistertitel. Folgende Weltmeisterschaften habe ich kaum noch wahrgenommen. 1998, da klingelt etwas, 2002 hab ich nicht mal den Meistertitelträger erfahren. Als dann also die WM vor der Haustür stattfinden sollte, dachte ich nur: mir doch egal. Was ist schon Fußball, wenn er nicht einmal mehr vernünftig aussieht (als Sport, nicht als Sportgerät)!

Meine Fußballsozialisation habe ich als Kind von meinem Vater erfahren, wie es sich wohl gehört. Er war gebürtiger Hamburger und naturgemäß HSV-Fan. Das hatte sich damals auch noch gelohnt, mit Uli, Manni, Felix und Horst. Und Uwe Seeler ist heute ja auch wieder in aller Munde, phonetisch jedenfalls, und dann im doppelten Sinne. Mit meinem Vater ging damals jedoch auch mein Fußballinteresse. Das weckten erst in den 90ern Kollegen wieder, als ich in Wolfsburg arbeitete und der dortige Verein in die erste Liga aufstieg. Ich kam nicht umhin, mich mit Bundesligafußball auszukennen, und wehrte mich auch nicht dagegen. Es macht mir seitdem Spaß, Woche für Woche die Ergebnisse aus mittlerweile drei Ligen zu studieren und mit den Vereinen meiner Zuneigung zu fiebern. Für internationalen Fußball hingegen hatte es bis 2006 dennoch nicht gereicht.

In allerletzter Sekunde ließ ich mich dazu hinreißen, das Eröffnungsspiel gegen Costa Rica zu gucken, und zwar in einem traditionell nicht unbedingt fußballaffinen Umfeld: im Merz und mit Frauen. Zwar verachte ich Menschen, die in typischen Rollenklischees denken, handeln und reden, aber in dem Moment hatte ich genau darauf Lust, mich selbst in die postulierte Frauenrolle zu drängen, nämlich als vermeintlich Unwissender eine Freizeitaktivität wahrzunehmen, die dem Rest um mich herum im Gegensatz zu mir etwas bedeutete. Protest, ja. Und dann kam alles ganz anders: Das Merz-Publikum bewies, dass Fußballgucken mit Massen auch richtig viel Spaß machen kann. Und die Deutsche Mannschaft zeigte, dass sie es wieder wert war, ihrem Spiel zuzusehen. 4:2, sechsmal Applaus, Costa-Rica-Fahnen wehten im Merz, alle feierten jedes Tor. Was für eine herrliche Harmonie. Und ebendiese Harmonie erlebte ich bei der WM nahezu durchgehend. Das Merz und auch die frisch eröffnete Okercabana waren Hauptanlaufpunkte für mich. 2006 hatte ich in den kuriosesten Konstellationen Fußball geguckt, aber am schönsten war es immer im Merz und in der Okercabana. Dort, am Strand, hatten sie Flachbildschirme aufgebaut und Hefeweizen zu umgerechneten 1990-Preisen ausgeschenkt. Wir saßen neben Argentiniern, die mit uns Mexico-Spiele guckten, und kuschelten uns zum Sonnenuntergang bieretrinkend in den Sand, während über uns eine verirrte Möwe kreiste und Brasilien und Frankreich eine spannende Partie austrugen.

So will ich es heute auch wieder haben, eben „Fußballgucken mit Niveau“. Also ab ins Riptide. Noch schnell vorher im Curry House eine gute Mahlzeit verdrücken, dann rüber ins Achteck. Die Bedingungen könnten besser kaum sein: blauer Himmel, vereinzelte Wolken, es ist warm, ein leichter Wind weht. Nichts ist mehr zu spüren von drückender Schwüle und anschließendem Kälteeinbruch. Doch im Achteck ist von der Leinwand gar nichts zu sehen. Ich gehe ins Café und begrüße André und Chris. André steht in der Küche, Chris sitzt im Büroteil. „Wo habt Ihr denn die Leinwand?“, frage ich. „Die rollen wir gegenüber aus“, antwortet André. Ein Blick aus der Tür zeigt mir eine weiße Querstange über dem großen Fenster der Rip-Lounge. „Ich suche mir mal einen Platz“, sage ich. Chris nickt: „Plätze sind rar heute.“ Kann ich verstehen, Fußball läuft ja gleich. Ich bewundere das Vertrauen in Technik, das Chris und André zeigen, denn schließlich steckt die Leinwand immer noch unausgerollt in der weißen Rolle. Lara kommt zum Dienst, ich bestelle mir ein Wolters bei ihr und setze mich draußen an einen frei gewordenen Tisch. Mit zwei Freunden bis ich verabredet, zum Quatschen und Fußballgucken. Ich warte.

Im Achteck ist es wie immer wunderschön. Das Gildenschild am Caféeingang trägt eine Blumenampel, links und rechts von der Tür sind zurzeit nicht brennende Ölfackeln aufgestellt. Zwischen dem Balkon und der zurzeit noch optionalen Leinwand sorgt ein grünes Sonnensegel für Schatten auf dem hoffentlich bald flackernden Fernsehbild. Auf dem Balkon macht es sich ein Mensch mit Laptop bequem. Ein Deutschlandfähnchen steckt in einem Blumenkasten, bunte Wimpel umkreisen die Reling des Balkons. Die Sonne beleuchtet den oberen Rand der maurischen Mauern. Der Clown, der einige Wochen lang den Elektroschaltkasten neben dem Riptide geziert hat, ist weg. Schade! Schwalben kreischen über den Dächern. Die Tische sind voll besetzt, überall sitzen Menschen, die essen, trinken, sich unterhalten und lachen. Eine angenehme Geräuschkulisse. Aber eigenartig entspannt: Sollte sich nicht langsam das Fußballfieber einstellen? Die beiden Frauen direkt unter der immer noch eingerollten Leinwand gehen. Klar, würde ich so kurz vor Anpfiff auch machen. Zwei andere Frauen setzen sich. Ich überlege, sie zu warnen, denke aber, dass André oder Lara das auch machen werden, wenn sie die Leinwand ausrollen. Chris nicht: Der hat bereits Feierabend und sich schon verabschiedet. Diese Gelassenheit ist aber wirklich rätselhaft. Ich suche den Beamer und kann ihn nicht finden. Was ist das für Technik, die sie hier haben? Eine Plasmaleinwand, ein einrollbarer Fernseher? Das kann doch nicht sein. Gleich ist es halb. Auch meine angekündigten Begleiter sind noch nicht da.

Aus einer der Nachbarkneipen im Handelsweg dringt Vuvuzelageräusch herüber. Kein Anlass für meine Kneipiers, die Leinwand auszurollen. Viel nerviger als die Vuvuzelas finde ich überdies das Gemecker über sie. Ist es denn so, dass die Spieler sich nicht mehr verständigen können? Dass sie den Schiedsrichter nicht mehr pfeifen hören? Dass sie Traineranweisungen nicht mehr wahrnehmen? Umso besser, dann sind die Chancen endlich mal gleich. Die bisherigen Ergebnisse geben mir recht: So gleich schlecht haben bei Weltmeisterschaften selten alle Mannschaften gespielt. Was für trübe Tassen! Überraschend ist es in der Vorrunde bislang lediglich die deutsche Mannschaft, die grandiosen Spielspaß zeigt und so spielt, wie man es von Brasilianern kennt. Im ersten Durchgang der Vorrunde haben nur zwei Mannschaften aus eigener Kraft mehr als ein Tor geschossen. So betrachtet, ist es nicht schlimm, das ich bislang nicht zum Fußballgucken gekommen bin. Na ja, gestern Abend habe ich mir die zweite Halbzeit von Brasilien und Nordkorea angeguckt. Ohne Originalton zunächst; ich dachte, wenn ich eh schon den Anfang verpasst habe, dann kann ich auch die neue CD der Chemical Brothers noch fußballbebildert zuende hören. „Further“ wird ja überall eher mäßig beurteilt. Zu wenig Hits, zu wenig geile Gäste, zu sehr auf Disco gemacht soll sie sein. Klingt für mich nach: Sie besinnen sich aufs Wesentliche, oder im VW-Sprech: aufs Kerngeschäft. Und so ist es auch. Man hört typische Chemical-Brothers-Sounds, nur eben nicht so brachial wie etwa auf den beiden sehr guten Alben davor. Die Brüder klingen gereifter, die Sirenen heulen nicht mehr so im Mittelpunkt. Dafür ertönt ein Pferdewiehern. Während ich also den chemischen Brüdern lauschte, sah ich die Einblendung, dass Béla Réthy das laufende Spiel kommentiert. Nein! Und ich höre die Chemical Brothers! Béla Réthy, der Gott unter den Fußballkommentatoren. Der Grund, Gurkenspiele zu gucken. Der Mann der redundanten Floskeln und des galoppierenden Unsinns. Bei der Europameisterschaft vor zwei Jahren sind wir im Freundeskreis regelmäßig lachend vor dem Fernsehgerät zusammengebrochen. „Für Italien steht es genauso 0:0 wie für Spanien“ ist zum Klassiker geworden. Oder der Moment in der Nachspielzeit, als Réthy mal minutenlang gar nichts sagte und man lediglich die Stadiongeräusche aus dem Fernseher hörte. Man versank allmählich in schöner Entspannung, als Réthy unvermittelt hektisch rief: „112. Minute!“ Ah! Danke, Herr Réthy, und gut beobachtet! Musste der uns deshalb wecken? Sehr schön auch Réthys Off-Kommentar, als beim Spiel Deutschland gegen Türkei das Bild kurz weg war: „Und da Sie einen Mann mit Vollbart sehen, können Sie auch erkennen, dass das Bild wieder da ist.“ Bei unseren Fußballguckrunden im Freundeskreis ist übrigens noch ein geflügeltes Wort entstanden. Maren, die selbsternannte Madame Réthy, fragte – bescheidwissend! – beim Gruppenspiel der Niederlande gegen Frankreich mit Blick auf die Tafel mit den roten und grünen Digital-Nummern, die ein Spielfeldrandmann immerzu in die Kamera hielt: „Wer ist eigentlich dieser Hublot, den die Franzosen ständig einwechseln?“

Das Brasiliennordkoreaspiel nun war langweilig und kann fehlerfrei als nicht geguckt verbucht werden. Die CD war schneller aus als das Spiel. Ich schaltete den Réthy dazu, aber der war leider nicht witzig. Anders offenbar beim bislang einzig guckbaren Spiel der WM, Deutschland gegen Australien, da berichtete Maren, Réthy habe angesichts einer nicht vollzogenen Rachemöglichkeit eines Spielers kommentiert: „Klug genug.“

Die Zeit schreitet voran, noch immer hat es niemand eilig, die Leinwand auszurollen und den Beamer aufzustellen. Das nenne ich mal Gelassenheit. Die Vuvuzuelas aus der Nachbarschaft werden immer lauter. Ich kann die Aufregung um die Tröten nicht verstehen. Ich bin mir sicher, dass alle Fußballgucker das Geräusch ab dem 12. Juli vermissen werden. Man kann vielmehr die Durchhaltekraft der Trötenden bewundern: Beim gestrigen Spiel ebbte der Geräuschteppich zu keiner Zeit ab. Das sind mal Lungen! Und der Geräuschteppich erinnerte mich an etwas. An die Horns Of Dilemma nämlich, das Begleitensemble der Violent Femmes. Auf deren Best-Of „Add It Up“ gibt es den Live-Track „Vancouver“, der klingt wie das Vuvuzelagedröhn aus dem Fernseher. Ich höre also ein anderthalbstündiges Horns-Of-Dilemma-Konzert, im Idealfalle mit Béla-Réthy-Kommentar. Wie schön!

Und à propos Live-Konzert: War das Festival Theaterformen nicht schön? Zwar hatten die Veranstalter es nicht drauf, dafür vernünftig Werbung zu machen, und trotzdem jede Menge Leute mobilisiert, aber das Programm war endlich mal wieder wie weiland zu seligen FBZ-Zeiten. Los ging’s schon mit einem Knaller: Tamikrest sollten spielen, kurz vor WM-Anpfiff. Doch vor das Konzert hatten die Veranstalter Hürden gestellt: Im Theaterplan stand es unter „Haus III“ aufgelistet, also im Magniviertel. Das überhaupt herauszufinden war schon eine Meisterleistung. Zwar lagen überall die Programmbüchlein aus, auch im Riptide, aber wer sich für Theater nicht grundsätzlich interessiert, nimmt das alternative Konzertprogramm dahinter gar nicht wahr. Davon habe ich im Musikexpress erfahren, als ich scherzeshalber die Tourdaten von Dirtmusic/Tamikrest las – und überrascht feststellte, dass da Braunschweig aufgelistet war. Bei Die Zukunft ebenso. Warum, so fragte ich mich, wusste ich davon nichts? Sofort wollte ich Tickets haben. Im Ticketcenter war das Konzert in keinem System aufgelistet. Es dauerte bestimmt zehn Minuten, bis wir auf die Idee kamen, mal im Theaterplan nachzusehen, in dem dann unter „Haus III“ bei jedem Konzert stand: „Eintritt frei“. Wie bitte? Erneut: Warum weiß davon niemand? So also pilgerten wir an jenem Mittwoch zu Haus III und wunderten uns, warum wir die einzigen waren. Wir führten dies auf die eben sehr schlechte Werbung zurück. Na ja, und auch auf die Abwesenheit einer Bühne. An Haus III gab es keinerlei Hinweis auf das Konzert. Dort hing auch der Theaterplan aus, ja, vergewisserten wir uns, es stand unter „Haus III“, und klein darunter stand „Gartenhaus Haeckel“, offenbar der Sponsor. Das Haus III war verschlossen, also machten wir uns auf den Weg zu den Häusern Klein und Groß. Klein war ebenfalls verschlossen. Dann entdeckten wir ein riesiges Zelt mit Wimpeln daran im Museumspark. Dort sprach uns eine Frau an, ob wir uns in Braunschweig auskannten. Die Nachtigall hörte ich ganz laut trapsen: Auch sie suchte Tamikrest und konnte uns versichern, dass die Band im Zelt vor unserer Nase nicht spielen würde. Am Mobiltelefon hatte sie Leute, die bereits dort waren, wo wir hinwollten, und die uns lotsten. Und noch weitere Menschen, die so orientierungslos waren wie wir. Irgendwo am Ende des Theaterparks nun entdeckten wir weitere Menschen, die Bühne und den Grund dafür, warum auf dem Spielplan „Gartenhaus Haeckel“ stand: Das war der Name des Veranstaltungsortes. Den kein Braunschweiger kannte. Aber wir waren in der Zeit: Die Band hatte noch nicht begonnen. Am Merchandisingstand saß eine junge Frau, der ich erzählte, dass ich mir Tamikrest nur deshalb ansehen wollte, weil die auf der Dirtmusic-Platte „BKO“ unter anderem mit Hugo Race musizierten, den ich sehr schätze und vor Jahren schon einmal im Brain bewundert hatte. „Der ist heute auch hier, wenn du willst, kannst du nachher mit ihm sprechen“, sagte sie wie beiläufig. Okay. Alles war gut. Tamikrest auch: Mitnichten war es eine Rockband aus der Wüste, die Rockmusik spielte, sondern eine traditionelle Band aus der Wüste, die lediglich Rockinstrumente benutzte. Es war sehr chillig und entspannend. Nach und nach kamen die Darsteller von benachbarten Theaterveranstaltungen herüber und begannen, exstatisch zu tanzen. Exstatisch und ansteckend, der Raum zwischen Klappstühlen und Bühne füllte sich mehr und mehr mit ausgelassen zuckenden Menschen. Ein weiterer in Tuaregkleidung gewandeter Musiker enterte die Bühne und stöpselte sein Instrument ein. Völliges Understatement: Niemand nannte den Namen Hugo Race, nur wenige im Publikum wussten, um wen es sich da handelte. Race gab dem Quintett weiteren Schub, die Musik wurde zusehends mitreißender, die Menschen ließen sich mehr und mehr mitreißen. Furios! Noch furioser: Nach dem Auftritt hatte ich auch ohne Merchandisingstanddamenvermittlung die Gelegenheit, mit Hugo Race zu sprechen. Zweimal in zehn Jahren habe ich ihn gesehen, sagte ich ihm. „Wo war denn das andere Mal, im Brain?“, fragte er. Das war ja ein Ding: Er erinnerte sich! Und erzählte viel, davon, dass am Vorabend in Paris das vorerst letzte gemeinsame Konzert von Tamikrest und Dirtmusic stattgefunden hatte und dass er auf dem Weg nach Berlin in Braunschweig Halt machte, weil er sich an die Stadt erinnerte. Und dass er die Band gewarnt hatte, das Publikum in Braunschweig bei ihrem ersten Gig als Headliner in Europa nicht misszuverstehen, dass nämlich verhaltener Applaus keine Aussage über die Qualität des Auftritts mache, und dass er sich enorm wunderte, wie ausgelassen ebenjenes Braunschweiger Publikum dann tatsächlich war. Und er erzählte davon, dass viele Wüstenbewohner mit E-Gitarren und akkubetriebenen Verstärkern eigene Musik machten, sie auf USB-Sticks oder Mobiltelefonen speicherten und über Tausende von Kilometern hinweg via Bluetooth irgendwo in der Wüste mit anderen ebenfalls musizierenden Nomaden austauschten. Ich fühlte mich wieder wie ein Teenie, der seinen Lieblingsstar trifft, und ließ alle sechs Musiker die gemeinsam aufgenommene Doppel-LP „BKO“ bekritzeln. So einfach kann Glück sein.

Nicht so viel Glück hatte ich damit, die anderen Konzerte der Reihe wahrzunehmen. Lediglich bei Kristof Schreuf war ich noch. Das war ein gigantisches Familientreffen: Freunde an der Zahl, Leute vom Silver Club, von Radio Okerwelle, von überall. Und Schreuf auf der Bühne, der zwischen neuen eigenen, in Bastard-Pop-Art gecoverten und alten Brüllen- und Kolossale-Jugend-Liedern lustige ernstgemeinte Sachen sagte wie: „Glaubt nicht an die Wahrheit dahinter!“ Wir nahmen ihn beim Wort. Gern gesehen hätte ich auch Die Zukunft mit Bernadette La Hengst, Knarf Rellöm und Olifr Guz, oder Hans Unstern, von dem im Nachhinein erfuhr, dass ihn Nackt produzierte, Bandmitglied von Warren Suicide, einer der wenigen Nullerjahrebands, die mich nachhaltig und dauerhaft überzeugen. Und To Rococo Rot, die hab ich auch verpasst, aber an dem Tag war ohnehin viel los in der Stadt. Bei Graff war Verleihung des Daniil-Pashkoff-Preises, im Riptide spielte Maximilian Hecker. Das war einer der vielen späten Abende, an denen ich meine Zeit im Riptide verbrachte und mich freute, dass der Laden so brummte. Wenn sogar Literaten und Angestellte ihre Freizeit an ihrem gelegentlichen Arbeitsplatz verbrachten!

Ich blicke auf die Uhr. Das Wolters geht zur Neige, meine Begleiter sind noch nicht da, der Anpfiff ist längst erfolgt, die Leinwand jedoch noch immer nicht ausgerollt. Und es scheint auch niemanden zu beunruhigen. Ja, bin ich denn der einzige…? Ich gehe ins Café. „Äh. Nur mal so zu meiner Information: Zeigt Ihr das Spiel heute gar nicht?“, frage ich. „Ich dachte, Ihr zeigt jedes Spiel.“ – „Erst ab K.O.-Runde“, sagt André. „Vorher nur die Deutschland-Spiele.“ Er berichtet begeistert davon, wie voll es im Riptide beim Spiel gegen Australien war. Ich bin neidisch und nervös. Hey, ich habe mal einen Abend frei, da möchte ich endlich ein Fußballspiel sehen. Ganz. Das ist jetzt schon nicht mehr möglich. So gesehen erstaunt es dann doch, dass das Achteck so rappelvoll ist mit Leuten, die während der WM keinen Gedanken an sie verschwenden. Also zahle ich, verabschiede mich von Lara und André und beordere meine immer noch nicht anwesenden Begleiter per Kurznachricht zur Piazza Lino. Am Kohlmarkt hat Lino nämlich vor seinem Restaurant einen Flachbildschirm aufgestellt. Die Vuvuzela leitet mich dorthin. Das Spiel hingegen interessiert dort fast niemanden. Meine Begleiter treffen jetzt ein, wir ordern Wolters-Biere. Auf dem Schirm gurken auch Uruguay und Gastgeber Südafrika nur vor sich hin. Wir scherzen flach über Urumilitärs, Uruglider und Urupluies. Was ist denn bloß los bei dieser WM? Zwar gewinnt mit Uruguay mal eine Mannschaft 3:0, aber wie denn bitte! Das 2:0 war schon dubios. Torwart-Rot und Elfmeter, dem sich ein Feldspieler im Kasten ausgesetzt sieht. Der richtige Torwart versäumt das nächste Spiel, heißt es. Schön ist die dazugehörige Einblendung: „Misses Next Match“. Das ist eine Band! Deren Album hat das Label vom Riptide herausgebracht, die Plakate hängen dort im Achteck. Das ist dann ja doch noch fast wie Fußballgucken in Riptide.


Matze Bosenick
www.krautnick.de

#30 Ich

22. April 2010


21. April

Ich habe heute frei. Janna und Maren haben heute auch frei. Eine ideale Gelegenheit, sich mal wieder für eine Weile gemeinsam im erweiterten Wohnzimmer aufzuhalten. Ein Eis im Giallo-Rosso, einem unserer weiteren erweiterten Wohnzimmer, als Option hat das typische Aprilwetter unattraktiv gemacht, ein Eiskaffee im Café Riptide klingt mir nach einer angenehmen Alternative. Ich freue mich, dass es in Braunschweig inzwischen wieder viele Orte und Veranstaltungen gibt, die mir ein Gefühl von Zuhause und Zugehörigkeit vermitteln. Das Riptide gehört dazu, ganz klar. Dann noch die vielen unterschiedlichen Aktionen in der KaufBar, das Nexus, das Tegtmeyer, die Silberquelle, ganz bestimmt – so ich sie denn endlich mal besuche – die Schweinebärmann Bar und nicht zuletzt der Silver Club. Der hat mir mächtig viel Energie gegeben, vor anderthalb Wochen. Mit dem Silver Club hat Skapino etwas richtig Tolles auf die Beine gestellt, davon zehre ich noch lange. Und werde auch beim siebten wieder dabei sein.

Doch jetzt steht das Verzehren an erster Stelle. Janna und ich haben heute für uns die Spargel-Saison eröffnet. Seit einigen Jahren schon essen wir einmal pro Woche Spargel, den wir uns – so hat es sich inzwischen eingependelt – samstags auf dem Markt vor dem Altstadtrathaus kaufen. Einen Samstag ohne Markt kann ich mir gar nicht mehr vorstellen. Das ist wie ein kleiner Urlaub, egal, zu welcher Jahreszeit. Und wie ein Ausflug aufs Dorf. Alle kennen sich, als Stammkunde kennt man auch bald alle. Die Brötchen bei „Grete“, die Kartoffeln bei Saucke, das Obst bei Meyer. Auch für Eier, Feigen und Fleischsalat haben wir unsere Stammstände. Der Italiener hat manchmal Artischocken und Olivenöl, es duftet nach Bratwurst, Kaffe und immer nach dem Produkten, die saisonal gerade an der Reihe sind. Champignons und Kohl kaufen wir dort, wo wir sie gerade am besten finden. Erdbeeren sind auch bald dran, dann kommen schon fast Kirschen und Pfirsiche. Aber ab jetzt und bis zum 24. Juni eben Spargel. Und weil der nicht so richtig lange satt macht, verlockt mich die Idee von einem Eiskaffee im Riptide.

Bei dem seltsamen Wetter ist es ohnehin rätselhaft, dass es überhaupt Spargel gibt. Die gefühlten Minusgrade verscheuchen die Erinnerung vom letzten Wochenende, an dem ich noch fast im T-Shirt herumgelaufen bin. Immerhin scheint gerade die Sonne, nachdem der Regen eben noch isländische Vulkanasche auf die Straßen gespült hat. Der Vulkan hat überdies auch sein Gutes: Wenn der Himmel einmal blau ist, trägt er zurzeit nicht einmal mehr Kondensstreifen.

Maren kennt die Rip-Lounge noch nicht, will aber erst mal Chris und André begrüßen. Das tun wir alle. Chris kommt mit dem Telefon am Ohr aus seiner Ecke, André mit freien Ohren aus der Küche. Sie empfangen uns lächelnd. Zuhause. „Was führt euch ins Riptde?“, fragt André. „Das Riptide führt uns ins Riptde“, sage ich und schaue mich auf der Theke um. Die Quartette liegen da, zwei aktuelle „Die drei Fragezeichen“-Kassetten, der Ausriss aus dem Subway mit dem Jahrespoll und dem Wort „Danke!!!!!“ darunter. Eine kleine Staffelei mit der Doppel-CD-Ausgabe von Paul Wellers neuem Album „Wake Up The Nation“ als Buch treiben mir als fast alles kaufender Weller-Fan die Tränen in die Augen. Nicht hingegen entdecke ich die CD „Tillicus Glossicus Metallicus“, die Till Burgwächter hier letzte Woche vorgestellt hat. Leider konnte ich an dem Abend nicht und hoffe nun, mir die CD wenigstens jetzt kaufen zu können. „Die ist noch nicht draußen“, sagt André leider. „Hat sich da was verschoben?“, frage ich. André nickt: „Till hat bei der Lesung so was gesagt.“ Schade! Ich zwinge mich, nicht mit den Fingern in den nur eine Armlänge entfernten neuen LPs zu blättern, und folge Janna und Maren aufs Sofa.

Auf dem Sofa sitzen hinter uns nun nicht mehr nur Augen-Kissen. Eines ist noch da, im verdrehten MSV-Duisburg-Muster. Auf einem weiteren Kissen ist ein altes Röhrenradio abgedruckt, das nächste zieren eine Audiokassette und der Satz „I Love Mixtapes“. Passt zu meinem T-Shirt: Darauf ist das Cover der letzten Yo-La-Tengo-LP „Popular Songs“ zu sehen, eine kaputte Kassette mit herausgezogenem Band nämlich. Eine tolle Platte überdies, eine der besten des vergangenen Jahres. Auf dem Tisch vor uns steht außer den Speise- und Getränkekarten eine Vase mit gelben Rosen und ein größeres mattes Glas mit einer brennenden Kerze darin. Um uns herum schmücken kleinere Fotos von Cylixe die Wände. An dem Tisch links neben uns stand kürzlich noch eine alte Holzbank. Die ist jetzt verschwunden, stattdessen steht dort ein mit weißem Kunstleder überzogener Sitzquader. Der Zeitungsständer immerhin ist noch da. Was mag mit der Bank passiert sein?

Am Fernseher knapp neben uns sitzt Joel und knarrt bei jeder Bewegung auf seinem Barhocker. Er bewegt sich viel, denn er beklebt gerade Plakate von The Roskinski Quartett, die ihr Debütalbum auf Riptide Recordings herausbringen. Joel reißt Din-A4-Seiten längs auseinander, auf denen zweimal die Daten für das Release-Konzert abgedruckt sind, und klebt diese Streifen auf die Plakate. Neben sich hat er ein Glas Wasser und einen Teller mit einem Cookie darauf stehen. Joel stellt fest, dass diese Aufgabe aus sich sehr wiederholenden Handgriffen besteht, und erzählt, dass er einmal – noch stupider – Nummern auf ganz viele Eintrittskarten hat stempeln müssen. Ich erzähle ihm von meinen sechs Jahren Bandarbeit bei VW. Das erinnert ihn an einen Angehörigen eines Freundes, der bei VW einen höheren Posten bekleidet und ihn, Joel, seines Aussehens wegen nicht begrüßen wollte – Joel hatte Piercings und trug nicht Hemd und Krawatte. Solche Leute habe ich bei VW ebenfalls kennen gelernt. Dabei sieht Joel doch völlig normal aus, ganz in schwarz, hautenge Jeans, ein Schlüsselbund glitzert an einer Hosentasche. Ungewöhnlich ist höchstens, dass ein Mann in seinen jungen Jahren ein Misfits-Shirt trägt. Joel wendet sich wieder seinem Werk zu, der Stuhl knarrt unter ihm. Er sitzt in der Sonne, eine rosa Plüsch-Schlange bäumt sich neben ihm auf.

André kommt an unseren Tisch und nimmt unsere Bestellungen auf. Maren ordert eine Bios, „es gibt doch da irgendwas mit Traube“, und ein Fladenbrot. „Chai-Latte“ bestellt Janna, ich kann endlich meinen Wunsch nach einem Eiskaffee äußern. Maren erzählt von einem Junggesellenabschied, den sie zu planen hat. Für die Braut habe sie genug Ideen, für die Hochzeit ebenfalls, aber für einen Man so etwas zu planen, fiele ihr schwer. Kein typischer Junggesellenabschied solle es werden, darin sind sich alle einig, der Bräutigam wohl, Maren, Janna und auch ich. Besonders Ideen für Hochzeitsfeiern, die nichts mit Baumstammzersägen und Herzenausbettlakenschneiden zu tun haben, fallen von uns dreien an der Zahl. Wir können es alle nicht verstehen, wie man mit den traditionellen Hochzeitsspielchen die Feier so langweilig zerdehnen kann. Hochzeiten habe ich auch schon alle möglichen erlebt, von unglaublich schrecklich bis sehr einfallsreich. Wobei die einfallsreichen in der Unterzahl sind. Schön fand ich einmal die Idee mit den Polaroids, die von jedem Gast gemacht und dann in ein Buch eingeklebt wurden, in das man dann als entsprechender Gast neben dem Polaroid etwas einzutragen hatte. Maren hat die Idee vor Augen, einen unerschöpflichen Fundus an Material bereitzustellen, aus dem die Gäste etwas kreativ auf einer Leinwand zu gestalten haben. Janna assoziiert und erzählt von einer Tour auf einem Fluss, den sie einmal mit einigen Leuten machte. Schnell sei man im Grünen gewesen und doch mitten in der Stadt. „Auf dem Rückweg hat einer angefangen zu singen und alle haben eingestimmt“, schwärmt Janna. Dabei fällt Maren eine Begebenheit ein, die sie mit und bei der Autorengruppe Writers Ink machte. Da war ich sogar dabei: Daniil Pashkoff zu Ehren setzten alle Schiffchen mit Teelichtern darauf in die Oker. Ein Lichtfluss glitt in der jungen Sommernacht nach Norden. Aber das hat ja beides nichts mit Hochzeit zu tun.

Mir fällt ein, dass Maren ja im Norden einen Kabarettisten kennt, der könnte ja ein Programm geben, schlage ich vor. Da überrascht Maren mich mit einer Information: „Der kommt aus Lelm im Elm.“ So aus der Nähe! Das hätte ich nicht gedacht. „Da haben sie ‚Neues aus Uhlenbusch’ gedreht“, setzt Maren die nächste überraschende Information ab. Sie beschreibt, wie eigenartig es ist, in Lelm über den Marktplatz zu gehen und sofort den des Dörfchens Uhlenbusch vor Augen zu haben. „Fährt Heini da noch rum?“, frage ich. „Den hab ich da noch nicht gesehen“, sagt Maren, „aber ich bin da manchmal schreiend über den Marktplatz gerannt: Konstantiiiiin…“

Es wird schlagartig dunkel um unser Sofa herum, die Sonne verschwindet hinter Wolken. Wind kommt auf und zerrt an den Bäumen und Schirmen im Achteck. Maren beißt in ihr Fladenbrot, Janna genießt ihren Chai-Latte, ich löffle mein Eis aus dem Kaffee. Das war die richtige Wahl. „Was hat es eigentlich mit Chai-Latte auf sich?“, fragt Maren Janna. Die gibt ihr ihr Getränk zum Probieren. „Schmeckt adventlich“, stellt Maren genüsslich fest. Beide sind sich einig, dass das Getränk dennoch ganzjahrestauglich ist. Beim Blick auf den Wind kann ich, an Joels Kopf vorbei, entdecken, dass über dem Eingang zur Rip-Lounge „RIP Lounge“ an der Wand steht. „Das steht da aber auch noch nicht lange“, stelle ich an Joel gewand fest. „Seit einem Monat“, bestätigt Joel. „Ich war jetzt aber auch eine Weile nicht hier, ich hatte ja Ferien.“ Der Glückliche. So ganz ferienfrei war ich ja auch nicht, immerhin zwei Wochen am Stück hatte ich. Und die auch bestens genutzt, wenngleich ich es an keinem Tag ins Riptide geschafft habe. Dafür nach Marburg und Göttingen, über Ostern ins Ruhrgebiet zur Kulturhauptstadt, nach Hamburg, dann in ganz Braunschweig Flyer und Poster verteilen für die sechste Indie-Ü30-Party sowie aufbauen, durchführen und abbauen helfen beim Silver Club in der Wichmannhalle. Eine herrliche freie Zeit. Da machte es auch nichts, dass ich nicht dazu gekommen war, meine Pflanzen endlich umzutopfen, mein Auto zur Werkstatt zu bringen und meine Lohnsteuerunterlagen vorzubereiten. Die Pflanzen waren immerhin heute früh endlich an der Reihe. Dabei habe ich Gabriel Burns gehört. An sich wollte ich dem Vorbild eines Kollegen folgen und bis zum Erscheinen der nächsten Folge alle bisherigen erneut am Stück hören. Doch war das heute früh erst die Nummer 14 – und die Folge 34 erscheint bereits am Freitag. Zwanzig Folgen schaffe ich in zwei Tagen einfach nicht, davon bin ich jetzt einfach mal überzeugt. Seltsam ist nur, wenn ich jetzt meinen Weihnachtskaktus sehe, erinnert er mich daran, wie Larry Blumberg von einem Grauen Engel zerrissen wurde, während ich die Erde um die Wurzeln des Kaktus’ festdrückte. Dem Kaktus geht’s aber ganz gut, denke ich. Meinem Magen auch. Wer zu Akte X essen kann, kann auch zu Gabriel Burns Kakteen, Geranien, Efeu und Bananen umtopfen.

Mit Marco, der ein paar Kartons schleppt, kehrt auch die Sonne zurück. Ein DPD-Mann bringt ein Päckchen. André und Chris nutzen die Zeit, bevor das Café voller wird, und kümmern sich um administrative Angelegenheiten. Joel überreicht die fertig beklebten Poster an André und verlässt das Café, mit ihm verschwindet die Sonne wieder. Nachdem Marco seine Kartons abgestellt hat, setzt er sich mit einem Milchkaffee an den Tisch neben der Theke. Joel kehrt wieder zurück, bekleidet mit einer blauen Mülltüte und damit laut raschelnd. Ein eigenwilliges Bild. Ich beschließe, vorsichtshalber keine Fragen zu stellen. Maren nimmt mir das ab. „Warum hat der Mann eine Mülltüte an?“, fragt sie André, weil Joel zu schnell wieder aus dem Riptide herausgestürmt ist. „Vorsorge“, sagt André. „Er kümmert sich um die Tische, abbeizen, streichen.“ Joel ist wieder zurück. Hinter der Theke höre ich ihn „morgen komme ich im Blaumann“ sagen. Mit einem Pinsel geht er wieder nach draußen, wohin auch immer – vom Sofa aus sind weder die Tische noch Joel bei der Arbeit zu sehen. Aber André, der mit einem Roskinski-Plakat in unsere Richtung wedelt, nachdem er ein anderes an die Theke geklebt hat. „Weiß ich schon, hab Joel die Plakate bekleben sehen“, sage ich. André nickt und bringt das Plakat in die Rip-Lounge. Auf den Nebentischen flackern die Kerzen in den Gläsern.

Das Riptide füllt sich jetzt, die Rip-Lounge gegenüber ebenfalls. Neben uns am Fernseher knarren zwei junge Frauen mit den Barhockern. Chris winkt von ferne und geht, dafür kommt Jasmin ins Café. Sie ist die neue Aushilfe, seit kurzem. „Sonst bin ich im Merz“, sagt sie. Unter die Café-Geräusche mischt sich plötzlich das Intro vom „Mundian to bach ke“ von Panjabi MC. Eines der Mädchen neben uns greift in seine Tasche und geht ans Telefon, der Song hört leider im selben Augenblick auf. Die Sonne beleuchtet die beiden. Da springt die Tür auf und Micha ins Riptide. „Das war zu erwarten“, sage ich. War es wirklich: Es ist unwahrscheinlich, dass ich meine Zeit im Riptide verbringe und nicht auf Micha treffe. Dort habe ich ihn auch kennen gelernt, am Eröffnungstag, dem 16. September 2007. Seitdem laufen wir uns immerzu und überall über den Weg, oft der Einfachheit halber gleich direkt in die Arme: auf Plattenbörsen, im Kino, mitten auf der Straße. Und eben im Riptide. Kino ist auch der Grund, weshalb er da ist: Micha verteilt das Wochenprogramm vom Universum. Ich schlage es auf und entdecke, dass der Anvil-Film angekündigt ist. Noch besser: Unter dem abgedruckten Plakat steht „Read ’em all“ für Samstag, 8. Mai, 20 Uhr. Mist, da habe ich Dienst. Denn das ist herrlich: Sie zeigen den Film und lassen Till Burgwächter, Axel Klingenberg und Frank Schäfer dazu lesen. Das klingt nach einem Rundum-Sorglos-Paket. Heavy Metal pur. „Ich muss wieder los
, sagt Micha und stolpert winkend durch die Tür. Wenn er Flyer verteilt, ist er in Eile. Kaum habe ich das gedacht, öffnet sich die Tür wieder und Micha sprintet in Richtung Theke. In unsere Richtung sagt er entschuldigend „schnell noch’n Getränk“, stellt sich an den Tresen und wiederholt dort an Jasmin gerichtet „schnell noch’n Getränk.“ Mit einer Fritz-Kola – „leider“, wie er findet – stellt Micha sich an unseren Tisch. Er trinkt hastig und hat trotzdem Zeit, währenddessen zu sprechen. „Sie haben keine Hausmarke mehr“, sagt er. „Gar nicht mehr im Programm?“, frage ich. Entsetzt weicht er zurück. „Nee“, sagt Micha, „dann würde ich hier nicht mehr herkommen.“ Er lässt den Gedanken kreisen und wiederholt abweisend, beinahe angewidert: „Dann würde ich hier nicht mehr herkommen.“ Er grinst und weiß, dass ich ihm das nicht glaube, und ich grinse und weiß, dass ich damit richtig liege. Micha kehrt zurück zum Anvil-Film und kündigt an, dass der Universum-Chef persönlich noch ein Plakat dazu vorbeibringen will. „Ich habe jetzt ‚Schwerkraft’ gesehen, mit Jürgen Vogel“, erzählt Micha. „Der war gut, hatte zwar zwischendurch Längen, war aber gut.“ Ich erzähle, dass ich schon seit bestimmt einem Monat nicht mehr im Kino war. Leider, aber es fehlt mir an Zeit. Und auch am Willen, muss ich gestehen. An sich bin ich ein Verfechter des europäischen Kinos, habe aber zuletzt viel europäischen Müll unter dem Deckmantel der alternativen Kinokunst zu sehen bekommen. Und wenn nicht Müll, dann Mittelmaß, aber dafür ist mir meine Zeit zu knapp, als dass ich mir Halbgares ansehe, nur weil es independent ist. So waren meine letzten Kino-Filme tatsächlich fast alle aus Hollywood. „Mein letzter Film war ‚Alice’“, erzähle ich Micha. „In 3D?“, hakt er nach. „Ja“, sage ich, „leider.“ Ich finde es blöd, für einen Film 11,50 Euro zahlen zu müssen, nur wegen der Effekte. „Wegen der Technik“, schränkt Micha berechtigt ein. Ja, wegen der Technik, dabei ändert die nichts am Inhalt. Wir sind uns aber beide einig, dass Disney an „Alice“ nichts kaputt gemacht hat. „Ich habe mich gut unterhalten“, teilt er meine Meinung. Er spricht „Avatar“ an, den ich nicht sehen wollte. „Pocahontas in blau“, sage ich. „Auf Blue Ray soll er gut sein, sehr farbgewaltig“, sagt Micha. Ich habe nicht mal einen Blue-Ray-Player. Micha hat seine Kola leergestürzt, zuckt entschuldigend mit den Schultern, sagt „Pocahontas ist doch gut“, bringt damit Maren und Janna zum Lachen und die Flasche an die Theke und geht. „Wir treffen uns“, sagt er im Gehen und wird damit ganz sicher Recht behalten.

Janna steht auf und sagt: „Ich gehe mal in die Rip-Lounge.“ Sie raucht gar nicht und setzt sinnierend nach: „Es ist schön, dass man jetzt mal ein anderes Synonym dafür hat.“ Als sie zurückkehrt, nimmt Jasmin bei uns Bestellungen auf. Maren wünscht einen Milchkaffe. Janna hat Hunger, will eigentlich gehen und bestellt daher nichts. Ich nehme das Signal nicht wahr und bestelle mir ebenfalls einen Milchkaffee. Bevor Janna reagieren kann, ist Jasmin schon zur Theke geeilt. Dabei wollte Janna doch so gerne einen Muffin bestellen. „Ich gucke mal, was sie da haben“, sagt sie und geht. Nicht lange, und sie kommt zurück. „So schnell?“, staunt Maren. „Ein Mandel-Marzipan-Muffin wird gleich seinen Weg zu mir finden“, kündigt Janna an. Und richtig: Jasmin hat einen Teller mit einem Muffin darauf in der Hand, den sie Janna überreicht und zur Küche zurückkehrt. „Der ist aber klein“, stellt Maren fest. „Aber schwer“, sagt Janna und reicht ihn ihr. „Das ist immer ein gutes Zeichen“, sagt Maren und wiegt den Muffin in ihrer Hand. Ich möchte den auch mal wiegen und nehme ihn ihr ab. „Danke“, sage ich, gebe vor, ihn essen zu wollen und drücke ihn schnell Janna in die Hand. Gespielt empört sagt sie: „Pöh! Du kannst höchstens was von dem Schoko-Muffin abhaben, wenn ich den noch bestelle, das ist der letzte in der Vitrine.“ Maren ist entsetzt: „Keine Muffins mehr?“ – „Nee, das war der Vorletzte.“ – „Du erzählst schlechte Geschichten, keine Muffins mehr!“ – „Der schmeckt auch gar nicht“, lügt Janna, „den würde ich keinem anbieten wollen.“ Beherzt beißt sie in den Muffin. „Mein Kaffee schmeckt auch gar nicht“, sagt Maren. „Nee“, sagt Janna. Maren schlägt vor: „Vielleicht sollten wir die Sachen, die nicht schmecken, zusammentun und nur einen von uns essen lassen.“ Sie kichert.

Ohne Mülltüte, aber mit großen Augen steht Joel vor uns, mitten im Raum. „Es ist stressig, weil Chris und André weg sind“, sagt er. „André ist auch weg?“ Hatte ich gar nicht bemerkt. Mitleiderregend klagt Joel: „Ja – nur noch die Hilfskraft und der Praktikant.“ Wir kichern. „Klappt doch ganz gut“, sagt Maren, überzeugt ihn aber nicht. Die Tische machen ihm zu schaffen. „Das klappt nicht so“, sagt er. „Die sind jetzt zwei Tage am einweichen, das muss das falsche Beizmittel sein, ich krieg die Farbe nicht ab.“ Andere Arbeit ruft ihn, mich ruft etwas anderes. Ich gehe in die Rip-Lounge, komme aber nicht weit. Dort sitzt Armagan, ihr gegenüber Tatjana. „Ich hab deine Freundin auch schon gesehen“, sagt sie. Sie kellnert in einem unserer vielen erweiterten Wohnzimmern: im Havanna. Leider sind wir dort inzwischen seltener als früher, als wir noch in der Nähe gewohnt haben. Wenn wir jetzt einmal Hunger und keine Lust zum Kochen haben, liegt Guidos Pizzeria, ebenfalls ein erweitertes Wohnzimmer, einfach näher. Das Wild Geese gehört leider auch zu dem erweiterten Wohnzimmern, die wir nicht mehr so häufig aufsuchen, aber das hat einen anderen Grund: Unser eigenes Wohnzimmer ist jetzt einfach groß genug. Früher, als wir uns noch 48 Quadratmeter geteilt haben, sind wir oft ins Wild Geese gegangen, haben uns Getränke und Chips bestellt und unsere Kniffelsachen ausgepackt. Jetzt ist unsere Wohnfläche deutlich größer und das Bedürfnis, mehr Platz zu haben, entsprechend geringer. „Ich freue mich immer, wenn ich bekannte Gesichter sehe“, sagt Armagan. Sie gehört für uns zu den Menschen, die uns in unseren erweiterten Wohnzimmern das Zuhausegefühl geben. So wie es uns eben auch im Riptide geht. Erstmals gesehen habe ich Armagan im Sommer 2007 im Tegtmeyer, als ich dort zum ersten Mal auflegte. „Das war, als sie im Brain umgebaut haben, oder?“, fragt Armagan. „Da war im Tegtmeyer so eine kleine Tanzfläche freigeräumt – das war toll.“ Und Anke, die mir den DJ-Posten erst möglich machte, weil sie im Tegtmeyer arbeitet und Timo überredete, stand an der Theke neben mir und sagte immer: „Guck mal, die sieht süß aus.“ Ankes Begeisterung ist immer ungemein ansteckend. Jedenfalls habe ich Anke daraufhin als Dank für den DJ-Posten ins Havanna eingeladen, Janna war auch mit dabei. Und wer bediente uns? Armagan, die uns sofort erkannte und sich zu uns setzte. So fing das an. Im Havanna ist sie leider die letzte, zu der wir solchen Kontakt haben. Die Jungs sind gottlob immer noch im Apo erreichbar, die ganzen Mädels offenbar mit ihrem Studium fertig und aus der Welt. Und für neue regelmäßige Kontakte sind wir nicht oft genug im Havanna. Auch Armagan wird irgendwann mit ihrem Studium fertig sein. Da kommt Maren in die Rip-Lounge. „Janna und ich wollen gehen“, sagt sie. Ich verabschiede mich von Armagan und Tatjana und folge Maren zurück ins Haupt-Café.

Will es zumindest. Chris schwingt sich eben auf sein Fahrrad. So ganz weg war er offenbar noch nicht, hat dies aber jetzt vor zu sein. „Ich bin schon zu spät“, sagt er. „Yo La Tengo?“, tippt er mit Blick auf mein T-Shirt richtig. Ich bestätige und verrate ihm, warum ich auf das Shirt so stolz bin: „Das habe ich mir im November in Kopenhagen beim Konzert gekauft.“ Mein drittes Konzert von denen in 15 Jahren: Roskilde, FBZ, Kopenhagen. „Ich hab die noch nie live gesehen“, sagt Chris. „Eine meiner vielen Lieblingsbands“, sagte ich. „Gut, dass es die sind“, sagt Chris, „und nicht die Böhsen Onkelz – die kommen erst auf Platz zwei.“ Er grinst, tritt in die Pedale und verabschiedet sich erst von mir, dann auch von André, der gerade zwei große Grasgewächse aus der Abstellkammer zerrt. Auch er ist also nicht ganz weg. Im Gegenteil zu uns. Wir ziehen uns an, zahlen bei Jasmin und verabschieden uns. Aus dem großen matten Glas auf unserem Tisch steigt Qualm empor. Die Kerze ist aus gegangen.


Matthias Bosenick
www.krautnick.de

#08 Eis-Kaffee Riptide

17. Juni 2008


Schon zur Mittagszeit wärmt die Sonne nach einigen eher kühlen Tagen den achteckigen Innenhof im Handelsweg. Chris kümmert sich um Buchhaltung, Papierkram und Formulare, André ist noch auf Shopping-Tour fürs Café. Einen Burger und ein Fladenbrot liefert Chris nach draußen, wo sich die Gäste entspannt unterhalten. Ein paar Poster zu neuen Alben hängen an der Außenwand, von Mudhoney und Gustav. Die Musik dringt leise und dezent aus dem Café nach draußen. So kann der Sommer bleiben.

Auf der Karte stehen seit Anfang Juni auch alkoholische Getränke, außerdem hat das Café donnerstags bis samstags bis 23 Uhr geöffnet. „Das wird trotz der Fußball-EM gut genutzt“, freut sich Chris. „Rotwein und Bier wird getrunken, hier herrscht am Abend auch eine andere Gemütlichkeit als tagsüber.“ In der Passage staut sich dann die Wärme lang genug, dass niemand frieren muss. „Die Leute nutzen das als Starter ins Wochenende.“

Und gucken sogar Fußball. „Tante Puttchen und der Bierteufel haben gemeinsam eine Leinwand aufgespannt“, erzählt Chris. „Unsere Gäste rücken mit ihren Stühlen ein Stück in den Weg und können von hier aus gut gucken.“ Das Spiel der Deutschen gegen Österreich fanden aber alle langweilig. Und à propos Kneipen: Die Lokale im Handelsweg haben jetzt einen gemeinsamen Flyer. „Das haben wir ein bisschen angeschoben“, sagt Chris.

André kommt mit einem Arm voll Speiseeis vom Einkaufen zurück. Seit neuestem haben die beiden auch Eiskaffee im Programm. Die Idee hatte Arni einige Tage zuvor. Er war zum Kniffeln gekommen, ganz abgesehen vom Schallplattenkauf. Praktikantin Lara, die an dem Tag bediente, bekam mit, dass Arni von Eiskaffee sprach, und gab die Idee an André weiter. Kurze Zeit später hatte Arni nicht nur seinen zweiten Kniffel, sondern auch den Prototypen für den Riptide-Eiskaffee vor sich stehen. Einen glücklicheren Menschen konnte man sich kaum vorstellen. Seine einzige Kritik: „Der Eiskaffee ist ein bisschen zu süß.“ André beherzigte den Einwand, wie er sagt. „Wir haben den Eiskaffee ohne Zucker im Programm, und auch in der Veganer-Variante.“

Währenddessen baut Chris die Myspace-Seite des Café Riptide in die Homepage ein. „Ein Fan hat die gestaltet“, sagt Chris. „Deswegen ist es auch okay, dass die Seite ‚Riptide Rules’ heißt – ich selbst hätte es nicht so genannt.“ Jetzt sucht das Riptide auf Myspace ganz viele neue Freunde.

Von der neuen Sigur-Rós-CD erzählt Chris auch. „Die heißt ‚Með suð í eyrum við spilum endalaust’ und soll musikalisch gut sein.“ Übersetzt heißt das ungefähr ‚Mit eurer Begeisterung in unseren Ohren spielen wir endlos’. Am Freitag kommt das Album heraus, die angekündigte Deluxe-Version mit Bonus-DVD und Buch soll im September folgen. „Die hat ein außergewöhnliches Cover, mit vier Jungs, die nackt über die Autobahn springen.“

In der Sonne sitzt Sven, barfuß, Selbstgedrehte rauchend, mit allerlei Papierkram und auf einem Block mit schwarzem Stift geometrische Formen und Figuren zeichnend. „Das mache ich zum Abschalten“, sagt er. Eigentlich sei er Sozialpädagoge und betreue Wohngruppen mit Jugendlichen. „Heute hatte ich eine Sitzung, die war früher fertig, da kann ich ein bisschen in der Sonne sitzen.“ Und entspannen. „Das hat ja auch was Spanisches hier, das erinnert an Urlaub“, findet er. Das mit dem Zeichnen habe er von seinem Großvater. „Der war Kunstmaler, hat aber nie ausgestellt.“ Er selbst sei durch einen Zufall von seinem Chef aufgefordert worden, Berichte über das Leben in Wohngruppen zu verfassen und zu sammeln. „Sonst habe ich meine Texte auch immer in der Schublade verschwinden lassen“, wie sein Großvater es übertragen mit den Gemälden tat. Schreiben und Zeichnen entspannten ihn immer, sagt er. Seine Arbeit mache ihm Spaß. „Ich helfe, Jugendlichen eine Normalität zu geben.“ Jedoch nicht aus einer Chefposition heraus: „Es ist mehr ein Begleiten als ein Führen.“ Für manche sei ihr Problem, das sie haben, ein so großer Lebensinhalt geworden, dass sie es nur unter großer Kraftanstrengung beheben können. „Man kann ihnen das Problem auch nicht einfach wegnehmen, man muss ihnen etwas anderes dafür anbieten, das sie statt dessen ausfüllt.“ Ein guter Tipp, den man auch auf sich selbst übertragen kann. In naher Zukunft steht eine für ihn wichtige Entscheidung an: „Vielleicht bekomme ich einen Festvertrag.“ Das steht zu hoffen.

van Bauseneick
www.krautnick.de

#02 In Regenbögen

11. Dezember 2007


Abstimmung: Tonträger oder bezahlte Downloads

Der Soundtrack kommt im Café Riptide seit einiger Zeit “random”, nicht mehr als auf- oder eingelegte Scheibe, und ist unfassbar bunt gemischt. Zu „Bang Bang“ wissen André und Chris: Das ist nicht das Original. „Das von Sonny & Cher ist älter“, sagt André. Er steht am Tresen, bedient Gäste, berät Kunden. Chris sitzt im Büro daneben und befasst sich mit der Steuererklärung.

Bretter sollen noch kommen, sagt André, für die Küche und ebenjenes Büro, als Regale. Wer, der ernsthaft Musik hört, könnte sich in einem zwar zu engen, aber dennoch mit Platten vollgestopften Büro wie dem neben dem Tresen nicht wohl fühlen? „Gemütlich ist das Wort“, bestätigt André.
Die Vitrine für die Bagels fehlt noch, die sollte eigentlich schon da sein. Der Vorhang von Iris trennt inzwischen den Verkaufsraum vom Cafébereich, zumindest optisch. Macht ordentlich was her. „Hat was von einem Wohnzimmer“, findet André. Auch die Heizung läuft. „Und wir haben Internetanschluss“, freut sich André. „Oder besser: W-LAN. Endlich sind wir auch telefonisch erreichbar.“

Schnell kommt das Gespräch auf den Coup, der Radiohead mit ihrer „In Rainbows“-Aktion gelungen ist. Das Album gab es zum Download und die Käufer konnten selbst entscheiden, was sie dafür zu zahlen bereit waren, inklusive gar nix als Option. „Die geben ihren Fans was zurück“, meint Chris. Als negatives Gegenbeispiel fällt ihm Neil Young ein. Ein angekündigtes Konzert mit nur ihm an der Gitarre habe Chris interessiert, das könne ja nicht so teuer sein. 110 Euro habe Young haben wollen. „Der hat doch genug Geld“, schimpft Chris. Einer Band wie Radiohead ginge es genauso, nur wisse die das wenigstens.

Tobi fragt nach Minion. Er kauft sich das neue Album „Out Of The Carnage“ als LP. Ist er gezielt hergekommen? „Ich wusste, dass die da ist.“ Stand das im Newsletter oder woher wusste er das? „Ich bin davon ausgegangen.“ Berechtigterweise. Tobi ist Lehrer, Sonderpädagoge, und zwar an der Hans-Würtz-Schule. „Das ist eine Schule für Körperbehinderte“, erklärt er. Eine Förderschule, für Schüler mit Lernschwierigkeiten. Die wenigsten Schüler sind Rollstuhlfahrer. „Man hat da schnell falsche Vorstellungen“, sagt Tobi. „Teilweise ist die Behinderung die Folge eines Hirntumors.“ Minion ist eine Hardcore-Band aus Bremen, „Out Of The Carnage“ deren drittes Album.

Über den Soundtrack von „The Big Lebowski“ landet André beim Thema Film. „Ich dachte erst, es gibt keine guten Komödien in diesem Jahr, bis ich ‚Clerks 2’ gesehen hab.“ Dabei war das von Kevin Smith ja nicht einmal zu erwarten. Nach der guten New-Jersey-Trilogie mit „Clerks“, „Mallrats“ und „Chasing Amy“ kam der ebenfalls gute „Dogma“, aber „Jay & Silent Bob Strike Back“ war scheiße. Von hinten aus dem Büro meldet sich Chris: „Der war gut!“ André ruft grinsend zurück: „Sei ruhig und mach deine Steuererklärung!“

Eine Latte Macchiato für Martin. Was macht die Baustelle gegenüber? „Ach, das Jahrhundert-Projekt!“, grinst Martin. Er hatte eigentlich vor, am 22. Dezember das „Poofy“ zu öffnen. Das wird jetzt aber doch nix. „Wenn auf, dann auf“, winkt er ab.

Chris und André sind begeistert von einer Weihnachts-Postkarte, die eine Bekannte vorbeigebracht hatte: „Grüße aus den Schlossattrappen“ steht da drauf, mit Oberbürgermeister Gert Hoffmann in einer Weihnachtskugel. Die vierte Auflage dieser Karte, die ein „Herr K.“ anfertigte. „Davon müssen wir unbedingt ein paar mehr im Laden haben.“ In diesem Zusammenhang fällt André ein: „Hartmut El Kurdi ist öfter hier, mit der ganzen Familie.“ Chris: „Rocko Schamoni war auch hier.“ Einmal vor und einmal nach seinem Auftritt kürzlich in der Brunsviga. „Er muss sich in jeder Stadt Plattenläden angucken, wenn es überhaupt noch welche gibt, sagt er“, sagt Chris. „Da hat er gleich ein paar Sachen auf Kommission hier gelassen.“ Zum Beispiel die neue DVD von Studio Braun, „20.000 Jahre Studio Braun. Ein Jubiläum feiert Geburtstag“.

Sebastian, Christian und Nils durchsuchen die CDs und LPs. Sie sind zum ersten Mal im Café Riptide, haben im Nexus davon gehört und finden es gut, dass solche alternative Läden in der Stadt existieren. Sie alle kommen nicht aus Braunschweig, studieren aber hier, alle Architektur. Sebastian und Christian kommen aus der Nähe von Osnabrück und Nils aus Heilbronn. Sebastian sucht nach Bloc Party, „aber eigentlich habe ich alles von denen.“ Christian hört in das Solo-Album von Serj Tankian rein. „System Of A Down ist mein Favorit.“ Nils durchstöbert das CD-Fach. “Cool, die haben sogar Kassetten hier: Radiohead, Iron Maiden und Ozzy Osborne.” Etwas weiter links findet er eine CD von Der Raketenhund aus Braunschweig. „In Stuttgart in einer WG haben sie Raketenhund gehört“, erzählt er. Er habe sich gewundert, wie es eine selbst in Braunschweig kaum bekannte Band bis nach Stuttgart geschafft hat.

Die Frage nach bezahlten Downloads stelle sich Sebastian nicht. „Für 10 Euro krieg ich auch eine CD, das seh ich nicht ein.“ Die Aktion von Radiohead habe ihm daher sehr gut gefallen. Wobei er CDs ja gar nicht kauft. „Ich kaufe nur noch Vinyl, das hat einen besseren Klang, mit dem Knistern klingt das wärmer, und ich halte lieber ein großes Cover in den Händen.“

Tonträger gegen bezahlte Downloads: Drei zu null.

van Bauseneick
www.krautnick.de

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Handelsweg 11
38100 Braunschweig

Telefon: 0531/ 2254177

E-Mail: info@cafe-riptide.de

Die Buslinien 411, 412, 416, 418, 422 und 443
halten am Altstadtmarkt

Öffnungszeiten ab dem 1.November 2018:
MO: Ruhetag
DI + MI: 16.00 bis 23.00 Uhr*
DO + FR: 16.00 bis 1.00 Uhr*
SA: 12.00 bis 1.00 Uhr*
SO:  geschlossen!

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