Archiv der Kategorie ‘Philosophie‘

#103 Ja, Mai!

31. Mai 2016


Dienstag, 31. Mai 2016

Argh, ich muss unbedingt ins Café Riptide! Ist schon der letzte Tag im Monat, und ich hatte noch gar keine Zeit, mich mal wieder ausführlich mit den Aktivitäten dort zu befassen. Immer war was, und so verstrich der Mai wie nix. Wenn wenigstens die unangenehmen Monate so flott vorbei wären wie dieser. Obwohl, so richtig durchgehend angenehm war er ja nun auch wieder nicht. Pfingsten war dank der Eisheiligen ein Schlag ins Wasser und seitdem ist der Mai ein Mix aus Frost und Schwüle, teilweise gefühlt gleichzeitig. War nix diesmal mit gechilltem Rumlungern auf der Teppichoase des Mokkamakers beim Mittelaltermarkt, was aber auch daran lag, dass der Mokkamaker nicht mehr dabei war und der Ersatz aus der Oase einen bestuhlten Unterstand machte. Weniger gemütlich, bei Regen aber zweckdienlicher, also versehentlich richtig.

Der Mai, der Monat der Feiertage; außer Ostern und Weihnachten hat’s fast alles in den Wonnemonat verlegt. Sogar den 1. Mai. Ha, ha. Dabei war der dieses Mal gar nicht so besonders, als arbeitgeberfreundlicher Sonntag. Und weil die Kirche im Rheinland so unklassenkämpferisch war, fand an dem Tag die Konfirmation meiner jüngsten Nichte statt, in Bonn, und ich konnte nicht zum DGB-Fest am FBZ, dem früheren. Na, was mir da an multikulturellem Flair entging, kann ich am 4. Juni bei „Braunschweig international“ auf dem Kohlmarkt nachholen. Aber trotzdem! Immerhin brach an Himmelfahrt der Namensgeber auf und erfreute die Bierseligen mit allerbestem Sommersonnenwetter. So gut, wie es nach jenem Wochenende nicht mehr werden sollte.

Was nun nicht Feiertag war, nahm mich ansonsten trotzdem zu sehr in Beschlag, um ins Riptide zu gehen. Abgesehen von einem Treffen mit einer Cousine, die ich seit 25 Jahren nicht sah und die mich auf Facebook entdeckte. Ja ja ja, nicht alles ist schlecht an Facebook. À propos, noch gar nicht gecheckt heute. Egal. Nicht mal zu Sound On Screen schaffte ich es, aber dafür zum nächsten Mal ganz gewiss, wenn am 23. Juni eine Auswahl großartiger David-Bowie-Videos im Universum-Kino zu sehen ist. Ich hoffe sehr, dass auch mein Favorit dabei ist: „I‘m Afraid Of Americans“ mit Trent Reznor, der das Stück dafür auch remixte. Und natürlich „Blackstar“, das zehnminütige Titelstück zum letzten Album. Beim letzten Sound On Screen war „All Tomorrow’s Parties“ zu sehen, eine Dokumentation über die Festivalreihe, die jedes Mal von einem anderen Musiker kuratiert wird. Im Vorprogramm lief zum dritten und letzten Mal der Trailer zu dem Riptide-100-Film, den Micha A. und Stef zurzeit mit mir erstellen. Das Komplizierte daran ist, Text und Bild übereinzubringen; Micha zeigte mir den Rohschnitt. Und wir füllten die erforderlichen Lücken erst kürzlich mit Über-die-Schulter-Schüssen mit Blick auf den Laptop, an dem ich den Text erstellte, der im Film zu hören sein wird. Kompliziert? Ist es. Wir hoffen nun darauf, dass der fertige Film dann nicht nur online zu sehen sein wird – es gibt da deutliche Signale, über die wir uns freuen wie Schneekönige im Mai.

Das nächste Projekt läuft zur Zeit in Olafs Arbeitszimmer: Er erarbeitet das nächste Album seiner Blinky Blinky Computerband, mit mehr Gästen als sonst, darunter mit Überraschungen (Olaf mischte zum Beispiel Arnis Gitarrenarbeit auf unkonventionelle Weise in seinen Elektrosound – digital trifft organisch) sowie auch wieder meiner Stimme. Unter anderem! Aber dazu später mehr. Unsere Aufnahmen verliefen wie immer, wenn wir zusammen etwas machen: Olaf spielt mir Demos vor, die lasse ich auf mich wirken. Nach einer Weile bitte ich um Zettel und Stift und Olaf stellt mir das Mikrofon hin. Wie beim Film ist die Nacharbeit das Umfangreichste. Ich bin so gespannt auf das Album. Das präsentiert Olaf am 1. Oktober im Tegtmeyer beim „Strange Electro Pop Festival“, mit den weiteren Gästen Synergy, Infernosounds und – man höre und jubele – Psyche, die seit 1985 aktiv sind und deren Songs „Eternal“, „Brain Collapses“, „Disorder“, „Unveiling The Secret“ sowie das Q-Lazzarus-Cover „Goodbye Horses“ bis heute in den Gruftclubs rotieren.

Auch im Mai fand der jüngste Tanztee von Rille Elf statt, leider an Muttertag und dem eben sehr warmen Wochenende, weshalb der Keller im Tegtmeyer recht leer blieb. Doch wir waren ganz Rock‘n'Roll und bildeten bis zum „Tatort“ mit sechs DJs die Mehrheit über die maximal vier Tänzer. Da kennen wir nix und ziehen durch! Ob wir das mit unserem ersten „Ball im Bierhaus“ auch machen, wissen wir indes noch nicht: Der Termin ist für den 16. Juni angesetzt, an dem leider auch die deutsche Fußballnationalmannschaft ihr erstes Spiel im Zuge der EM bestreitet. Wir könnten uns ein Beispiel an der Zappen.Duster.Band aus Wendschott nehmen, die auch vor einer Handvoll Leuten von halb neun bis Mitternacht den Hof von Harrys Bierhaus rockte. Wir könnten aber auch klein beigeben und von uns aus sagen, dass wir auf einen Tag mit weniger Begleitprogramm vertrauen. Steht noch aus!

Mit Rille Elf waren wir auch im Mai bei Radio Okerwelle zu Gast. Florian lud uns in seine Sendung „Whats Up“ ein. Was für ein Spaß! Florian ist ein großartiger Gastgeber, der sich mit dem Metier auskennt und nur bei einem Song unserer gewohnt wilden Auswahl sagte, dass er ihn nicht kannte. Respekt! Die Show gibt’s auf Mixcloud nachzuhören.

Und dann war Alfred Hilsberg in Wolfsburg, auch das im Mai, und zwar als Talk-Gast im Kunstverein. Im Gespräch mit dessen Vorsitzenden Justin Hoffmann, seinerseits Musiker bei F.S.K., sprach er über seine Labels Zickzack und What’s So Funny About, die Neue Deutsche Welle und seine Wurzeln in Wolfsburg. Die erste Single von F.S.K. trägt übrigens die Katalognummer ZZ6: Hilsberg veröffentlichte sie seinerzeit auf seinem noch jungen Label. Das Gespräch war unterhaltsam und erhellend, da trafen zwei beseelte Experten aufeinander, ergänzt durch Anita Placenti-Grau vom Institut für Zeitgeschichte und Stadtpräsentation und Hilsbergs Biografen Christof Meueler.

Und außerdem war ich auch im Mai eine Woche im Urlaub, in Dänemark, auf der Insel Mors, deren Name Programm ist: Der Mors der Welt hat da bestimmt eine Exklave. Ringsum, auch in Thy, schlossen die Restaurants schon um 21 Uhr, sofern sie denn überhaupt geöffnet hatten. Also genau das Richtige, um mal runterzukommen. Dafür ist die Gegend dort so abwechslungsreich, wie selbst viele Dänen nicht ahnen: Ans Hobbitsche Auenland erinnernde liebliche Hügel enden abrupt direkt am Limfjord und bilden dort Steilküsten. Steht man am Wasser, kreischen keine Möwen, sondern es ruft der Kuckuck. Und in der Dünenlandschaft von Thy sieht es auf unüberblickbarer Fläche aus wie in einer Wüstenei. Und dann dieser Fisch! Und der Sturm, der die Nordsee mit einer gigantischen Wucht an die Kaimauern von Hanstholm preschte!

Nur Plattenläden haben sie dort nicht. Nicht mal Ketten, Fona zum Beispiel hat jüngst seine Filialen in Kleinstädten geschlossen. Strukturschwach wie Brandenburg. Sogar eine einst für viele Bewohner von Mors relevante Fähre verbindet die Insel seit diesem Jahr nicht mehr mit Südthy, dafür müssen sie jetzt einen erheblichen Umweg über die Brücke weiter nördlich nehmen. Als ich vor 20 Jahren schon mal dort unterwegs war, gab es noch drei Fähren zur Insel – jetzt nur noch eine, aber zwei Brücken. Und keinen Plattenladen.

Ja, ich muss dringend ins Riptide. Das neue „intro“ sollte da sein, außerdem will ich mal fragen, ob sie mir „Black Yo)))ga“ besorgen können. Gut. Dann also los! Bis gleich!


Matze van Bauseneick
www.krautnick.de

#98 Prima Premieren

29. Dezember 2015


Dienstag, 29. Dezember 2015

„But that’s the way I like it, Baby, I don’t wanna live forever“ – Lemmy starb heute, fünf Tage nach seinem 70. Geburtstag (Heiligabend) und offenbar nur zwei Tage, nachdem er erfuhr, dass er überhaupt an Krebs erkrankt war. Der Dauerhafte, der sich selbst mit dem selbstzerstörerischsten Lebenswandel nicht selbst zerstören konnte und der daher längst als unsterblich galt. Im übertragenen Sinne ist er das natürlich trotzdem. Die obige Zeile sang Lemmy 1980, in Motörheads Signatursong „Ace Of Spades“. Sein „nicht für immer“ dauerte danach noch satte 35 Jahre. Länger, als andere Ikonen überhaupt lebten. Im Café Riptide, auf der Theke, erinnert ein großes Pappschild mit Lemmys Konterfei und der Aufschrift „R.I.P. 24.12.1945 – 29.12.2015“ an den Unverwüstlichen.

Natürlich ist dies das bestimmende Thema des Tages, besonders in einem Plattenladen. Doch habe ich heute eigentlich vor, etwas ganz anderes zu thematisieren. Schon im Verlauf des Jahres fiel mir auf, dass ich viele Dinge 2015 zum ersten Mal tat. Ganz unterschiedlicher Art: Ich machte erstmals ein Praktikum bei einem Tischler als Bauhelfer. Weil ich arbeitslos war und Bock darauf hatte. Mitten im Sommer übte ich zahllose Tätigkeiten zum ersten Mal aus: Holzbalken schleifen, Treppenstufen und Arbeitsplatten leimen, Estrich legen (sogar Fachfremdes, ja), Bretter zurechtschneiden (nicht sägen, die Handwerker haben da ein eigenes Vokabular, wie die Jäger, die zum Beispiel nicht schießen, sondern leuchten, und aus deren getöteten Tieren, Entschuldigung: dem erlegten Stück Wild fließt nicht etwa Blut, sondern Schweiß) und weiß der Geier, was noch alles so anfiel. Auch zum ersten Mal lernte ich, Grenzen im Privaten zu ziehen; ich trat aus dem Silver Club aus, weil ich mit gewissen Umständen nicht mehr länger einverstanden war. Dafür bin ich Mitgründer von Rille Elf, einem DJ-Team, das Braunschweigs ersten Sonntagnachmittag-Tanztee mit alternativer Musik im neuen Tegtmeyer veranstaltet (den nächsten am 10. Januar ab 16 Uhr). In diesem Jahr nahm ich mein erstes Bad in der Oker. Und ich veröffentlichte mein erstes Buch („Die Stadt ist eine Erbse“) und hielt meine erste Lesung mit eigenen Texten – dank Toddn, der Auszüge aus diesem Blog in Druckform veröffentlicht haben wollte und daran die Verpflichtung knüpfte, dass ich daraus dann vorzulesen hatte. Das sind nur einige Beispiele. Da werde ich 43 und erlebe ständig Neues. Dabei ist es eher die Regel, umso weniger Neues zu machen, je älter man wird, weil man seine Eckdaten längst abgesteckt hat und seine Bahnen festgetreten, in denen man sich bewegt. Man hat sich längst ausgiebig ausprobiert und ist ruhiger geworden. Das brachte mich auf die Idee, mal die Gäste im Café Riptide danach zu fragen, was sie denn 2015 so zum ersten Mal taten.

Wie so oft lenken mich meine Schritte im Handelsweg zunächst in Serges Antiquariat direkt neben dem Riptide. Das Licht ist gedimmt, die Luft zum Schneiden verqualmt und die Stimmung gelockert; die vierköpfige Runde spricht gerade über den Drogenbaron (vermutlich hat er sogar die Rechte auf diese Bezeichnung) Pablo Escobar und die Qualität der gebrannten Mandeln von Mandel-Meier, für die Gernot auf dem Weihnachtsmarkt nur eine Dreiviertelstunde lang anstand und die er allen anbietet, weil nicht alle sie bisher probiert haben. Serge fragt nach meinem Anliegen, und daher probiere ich meine Frage gleich mal hier aus. Serge stutzt: „Da fiele mir nichts ein.“ Laura hingegen sofort etwas: „Ich habe zum ersten Mal gefochten.“ Sie stellt ihre Flasche mit grünem Inhalt und „Wostok“-Etikett neben die von Gernot, der selbst zwar keine Antwort weiß, aber eine passende Geschichte: „Ich habe mal einen Siebzigjährigen bedient, der hat zum ersten Mal Hummer gegessen und es bereut, dass er es erst das erste Mal gemacht hat.“ Laura hat „ganz viele Sachen“ zum ersten Mal gemacht, sagt sie, was Serge auf ihr jugendliches Alter zurückführt. „Ich habe zum ersten Mal eine Sechs-Stunden-Carstorf-Inszenierung gesehen“, erzählt sie. „Ich habe gehofft, nicht einzuschlafen, bin aber bei Stunde viereinhalb eingeschlafen.“ Serge bringt das ernsthaft ins Grübeln. „Macht man mit 70 nichts zum ersten Mal?“, fragt er sich selbst. Einen Hummer hat er sicherlich schon gegessen, mutmaße ich korrekt. „Du hast noch Zeit, dich bei Mandel-Meier anzustellen“, schlägt Niclas süffisant vor. Laura hat noch eine Premiere in petto: „Ich habe zum ersten Mal zwei Wochen lang nicht gesprochen – die Leute haben gedacht, ich sei behindert.“ Bevor ich da nach den Gründen forschen kann, sagt Serge: „Ich bin vom Fahrrad gefallen“, doch Niclas und Gernot insistieren: „Das war letztes Jahr.“ Serge bestätigt und führt an: „Da bin ich zum ersten Mal betrunken vom Fahrrad gefallen.“ Mit fast 70 also. Bei Laura geht es nun Schlag auf Schlag: „Ich war zum ersten Mal in Berlin, aber das liegt daran, dass ich jung bin.“ Serge bestätigt das und springt dann fast aus seinem Sitz empor: „Jetzt fällt mir doch was ein“, ruft er mit erhobenem Zeigefinger. „Ich habe mir eine teure Jacke gekauft und sie in einem Lokal vergessen, und sie war weg.“ Niclas schränkt ein, dass dies ja keine bewusste, aktive Tat gewesen sei. Aber doch ein erstes Mal, beharrt Serge, und: „Mir fällt noch etwas ein: Mir ist zum ersten Mal die Gallenblase geplatzt – da liegt man dann auf der Schippe.“ Dabei hat er sich noch nicht mal über jemanden geärgert.

Gernot gibt mir noch eine güldene Meier-Mandel mit auf den Weg nach nebenan, ins Riptide, wo ich mich an das Lemmy-Bild stelle und Chris begrüße, der immens in Action ist, da das Café vor Gästen überquillt. Herrlich. Nicolai pendelt zwischen den Tischen und der Küche hin und her, in der André aktiv ist. An der guten Laune der Wirtsleute ändert das hohe Aufkommen angenehmerweise nichts. Von den Schallplatten kommt Marcus herüber, er ist damit der erste, der meine Frage gestellt bekommt. „Hab ich Bedenkzeit?“, stutzt er und befindet, dass dies eine schwierige Frage sei. Sehr gut. Doch das Lemmy-Foto lenkt ihn zunächst ab. So erzählt Marcus, dass er das allerletzte Motörhead-Konzert gesehen hat, vor drei Wochen in Berlin. Und die Geschichte, wie er vor einigen Jahren Lemmy in Braunschweig traf. Für eine Viva-Sendung holte der Musiksender Motörhead ins Jolly Joker, es gab nur wenige Karten und Marcus und ein Freund hatten kein Geld für die Tickets. „Wir sind trotzdem hin und haben Lemmy Kilmister getroffen“, strahlt er bei der Erinnerung. „Wir haben ihn gefragt, ob wir auf die Gästeliste kommen, da hat er gefragt, warum, da haben wir gesagt, dass wir keine Kohle haben, was auch stimmte, und er sagte, ‚buy yourselves a ticket, guys‘, da haben wir gesagt, was Lemmy sagt, ist Gesetz.“ Also kamen sie tatsächlich nicht in den Genuss des Konzertes. Aber Marcus ließ sich ein Autogramm geben, auf einer Dollarnote vom letzten USA-Urlaub. Marcus ist ganz hingerissen: „Ich hab ihn in Braunschweig getroffen und sein letztes Konzert gesehen.“ Lichtblicke angesichts der überraschenden Todesnachricht.

Einige Gäste möchten bei Chris ihre Rechnungen begleichen, Alissa und Lea gehören dazu. „Achterbahnfahren so richtig mit Loopings und so“, antwortet Alissa spontan auf meine Frage. Sie war im Europapark, erzählt sie. Erstaunlich, finde ich, dass sie vorher noch nie Achterbahn gefahren war. „Man kommt nicht wirklich in so Parks“, sagt sie schulterzuckend. „Und mir wird schnell schlecht.“ Das würde ich dann auch zu umgehen versuchen. „Ich bin trotzdem mitgefahren“, sagt Alissa. „Das macht Spaß, gleich dreimal.“ Während Lea noch über die Frage nachgrübelt, fällt Alissa noch etwas ein: „So richtig ’ne Lieblingsband, das erste Mal, dass ich sagen konnte: Die finde ich gut, die Band, die trifft meinen Geschmack, die Band, die macht gute Lieder.“ Jetzt bin ich natürlich neugierig, um welche Band es sich handelt, denn den Namen verschweigt mir Alissa. „Five Finger Death Punch“ ist dann die für mich überraschende Offenbarung. Bevor die beiden gehen, hat auch Lea eine Antwort: „Ich bin das erste Mal vom Zehner gesprungen, aber sonst…“ Vom Zehner, da wüsste ich nicht, dass ich das überhaupt jemals gewagt hätte. „Ich hatte vorher zu viel Respekt davor“, sagt sie. Im Gehen und Nachwinken ruft Alissa noch: „Und wir waren das erste Mal im Riptide!“

Auch Marcus hat jetzt eine Information für mich: „Ich hab zum ersten Mal in meinem Leben Weihnachten nicht zu Hause gefeiert und war auch nicht zu Hause – was komisch war, definitiv komisch.“ Oh ja, seine Gewohnheiten ändern, das ist etwas für erste Male später im Leben. Aber Marcus hält an dem Gedanken fest, warum man mit einem gewissen Alter nicht mehr so viele Dinge zum ersten Mal macht. „Vielleicht nimmt man es nicht wahr“, mutmaßt er. „Was schade ist.“ Zum ersten Mal seit zehn Jahren sichtete er kürzlich seine sämtlichen gesammelten Konzerttickets: „Eigentlich bekloppt, aber an jedem hängt eine Geschichte.“

Mit der CD „Wird schon irgendwie gehen“ der Band Annen May Kantereit (oder auch AnnenMayKantereit) stellt sich Merle an die Theke. Sie hat sofort eine Antwort parat: „Ich habe zum ersten Mal einen Star-Wars-Film im Kino gesehen – und es war ganz großartig.“ Ich war noch nicht drin und weiß auch gar nicht, ob ich das überhaupt will. „Ich kann ihn dir sehr empfehlen“, sagt Merle. „Die anderen Filme kannte ich natürlich, aber nicht im Kino“, fügt sie hinzu. „Als die im Kino liefen, war ich zu klein.“ Im Kino gesehen habe ich nur „Episode I“, und der hat mir den Spaß an der Reihe verdorben. „Ich war in der Tat nachts in der Premiere, das war abgefahren, ein ganzes Kino voller Leute, die den Film sehen wollten.“ Chris, der gerade Merles CD-Kauf auf dem entsprechenden Blatt notiert, wirft ein: „Ich war auch da.“ Aber gesehen haben sie sich nicht, lachen sie. „Das Gefühl war gut“, sagt Merle. Sie und Chris stellen fest, dass die Zahl der Verkleideten überraschend gering war. „Das war bei den anderen Filmen mehr“, sagt Chris. Merle richtet ihren Blick nun auf das Lemmy-Foto. „Ihr müsst daneben ein Glas Whisky stellen“, schlägt sie vor. „Wir haben seinen Wein hier“, sagt Chris und deutet auf die Flasche oben im Regal. Die wolle er später dem Foto beifügen, wenn er mehr Zeit hat, und Merle legt schon mal vor: Sie holt eine Zigarette aus ihrer Schachtel und legt sie neben das Foto.

„Ich war das erste Mal auf einem Marilyn-Manson-Konzert“, gibt mir Rolf zur Antwort, während er von Chris das Wechselgeld in Empfang nimmt, und setzt leiser, aber hörbar nach: „Das erste und letzte Mal.“ Da hake ich natürlich nach. Er rafft seine Tüten zusammen. „Meine Tochter hat mich mitgeschleppt“, grinst Rolf. „Ich glaube nicht, dass das nochmal sein muss – ich habe Anderes vor der Nase.“

So eilig wie Rolf hat es auch Soeren, doch er erwidert nach kurzem Nachdenken: „Ich habe zum ersten Mal alleine Urlaub gemacht.“ In Norwegen war er, nicht als Backpacker, sondern mit dem Auto, ansonsten aber „dasselbe, mit dem Zelt auf Campingplätzen, drei Wochen“. Klingt nach Mückenplage. „Witzigerweise nicht, es gab keine Mücken“, berichtet Soeren. Der Trip war relativ spontan: „Ich habe nach dem Abi nichts gemacht, ein Jahr Pause, Auszeit, ich wollte ein bisschen was erleben.“

Nach ihm bezahlt Niclas seine Rechnung. Vorhin bei Serge kündigte er mir an, dass er mir später eine Ersttat nennen wolle. „Ich hab nichts anzubieten“, sagt er jedoch schulterzuckend. „Tut mir leid.“ Für intensives Nachdenken bleibt ihm auch keine Zeit, weil man nebenan auf ihn wartet.

Nach ihm sind Kathrin und Amy an der Reihe, bei Chris die offenen Posten zu begleichen. „Zum ersten mal bin ich schwanger geworden“, ist Kathrins Jahrespremiere. Und sie ist es auch geblieben, wie ich hoffe, denn zu sehen ist für mich zumindest nichts. Doch sie beruhigt mich, sie erwartet das Kind im Mai. Guter Monat, finde ich, und Amy stimmt mir zu, auch sie ist in dem Monat geboren. „Ich bin zum ersten Mal nach Berlin gezogen“, lautet Amys Antwort. Ihre erste zumindest, denn als ich frage, ob es wegen des Studiums ist, setzt sie nach: „Ich studiere zum ersten Mal.“ Sie lacht. „Ha! So viel.“

Die Reihe an der Theke rückt nach, Marvin und Oliver sind die nächsten bei Chris. „Ich war das erste Mal auf einer Auswärtsfahrt“, sagt Marvin. Da muss ich nachhaken: Es geht um die Eintracht, und Marvin begleitete sie nach Bielefeld. Braunschweig gewann, „natürlich“, so Marvin, und zwar mir 2:0. Den Eintracht-Schal wiederum trägt Oliver, hat aber eine ganz andere Auskunft zu erteilen: „Ich war außerhalb von Europa.“ Das war ich auch erst einmal. „In Marokko, im Sommer irgendwann mal“, ergänzt Oliver. „Das ist cool, ungewohnt“, sagt er: „Ich habe bis jetzt immer Urlaub in Europa gemacht, da ist vieles ähnlich von der Kultur.“ Das würde ich so zwar nicht sagen, aber den Sprung nach Afrika habe ich ja auch noch nicht geschafft, da sind die Unterschiede unbestritten noch größer. Jüngstens war ich mal wieder in Kopenhagen. Meine Gastgeberin war eine in Schweden geborene und auf Fyn aufgewachsene Südkoreanerin, bei ihr lebte schon seit einem halben Jahr eine Italienerin – den beiden zuzuhören bedeutete, Freude an den kulturellen Unterschieden in Europa zu finden.

Als nächstes stelle ich Janice meine Frage. Sie beugt sich zu dem kleinen Mädchen neben sich und sagt: „Linnie, hilf mir mal – was hab ich zum ersten Mal gemacht?“ Die Zweijährige guckt scheu und lächelt. Doch Janice kommt selbst auf eine Premiere: „Ich hab mir ’ne Schallplatte gekauft.“ Spannend, jetzt erst. „Aber auch nicht hier, wir kommen nicht von hier“, sagt Janice und schränkt dann ein, dass sie zwar aus Braunschweig stammt und das Riptide noch von früher kennt, jetzt aber in Osnabrück lebt, wo es auch einen „coolen Plattenladen“ gibt, wie sie sagt. Die Frage, um welche Platte es sich handelte, muss ich ihr gar nicht stellen: „Hot Water Music, ‚Caution‘ in Grün.“ Martin kommt mit zwei LPs in der Hand dazu, von Feine Sahne Fischfilet und Kendrick Lamar. „Ich habe zum ersten Mal mit Linnie gebadet“, sagt er, meint dann aber, dass das ja eher für sie gilt als für ihn, aber Janice und ich finden sehr wohl, dass das ein erstes Mal für ihn ist. Janice schwärmt weiter: „Wenn du mal nach Osnabrück kommst, geh in Shock Records in der Haasestraße.“ Darin enthalten ist der kleinste Plattenladen Deutschlands, ergänzt Martin, ein „Laden im Laden“, mit Second-Hand-Platten. Ein Café ist Shock Records ebenfalls, berichtet Janice: „Das einzige Café in Osnabrück, wo man auf Sojamilch keinen Aufschlag bezahlt.“ Im Riptide auch nicht, oder? In Ihrer Stimme liegt ein Zwinkern: „Deshalb komme ich auch hier her, wenn ich in Braunschweig bin.“

Zuletzt will ich meine Frage auch von den zwar gutgelaunten, aber emsig in Beschlag befindlichen Chefs beantwortet bekommen. André steckt für einen kurzen Moment seinen Kopf aus der Küche und hört mit mir Chris‘ Antwort, der eng an mir vorbeigeht: „Ich hab dieses Jahr zum ersten Mal Matze auf den Po gehauen.“ Tut’s und eilt hinter den Tresen. Na, ob das mal stimmt! Chris nimmt jetzt den Lemmy-Wein vom Regal und gefestigt Merles Zigarette an der Flasche. „Ich habe den neuen Star Wars gesehen“, will Chris als Antwort stehen lassen. André überlegt noch. „Es muss irgendwas mit dem Kind sein“, mutmaßt er. „Ich war ja ansonsten nur hier.“ Nur! Auch hier kann man doch so viele Dinge zum ersten Mal im Leben machen. Ist mir schließlich schon 98 mal passiert. Mindestens.


Matze Bosenick
www.krautnick.de

#97 Helmut und die Strohpinte

18. November 2015


Mittwoch, 18. November 2015

„Die Strohpinte ist nicht in der Nähe vom Riptide – das Riptide ist in der Nähe von mir!“ Helmut rückt zur Begrüßung die Umstände gerade. Er muss gar nicht grinsen, während er das sagt, um mir zu signalisieren, dass er damit zwar einen Witz gemacht hat, es aber trotzdem ernst meint. Mein Plan ist, den am längsten Aktivem im Handelsweg für dieses Mal ins Scheinwerferlicht zu setzen. Die Strohpinte, die Kneipe, die Helmut betreibt, ist der direkte Nachbar des Café Riptide im Braunschweiger Handelsweg. Alle möglichen Quellen verraten, dass Helmut in dieser Passage der Dienstälteste ist. Und es stimmt: Seit 1974 betreibt er die Strohpinte, „jetzt sind’s 41 Jahre“, stellt er fest. Und sinniert: „Ich weiß gar nicht, wo die 41 Jahre hin sind.“

Es ist Nachmittag. Wir sitzen am Fenstertisch, in der Nähe der Loriot-Plastik, die den Besucher durchs Glas begrüßt. Helmut trinkt Mineralwasser, mir hat er ein Jever gezapft. Die Gäste sind an der Theke beschäftigt, Helmut kredenzte einem noch kurz vor unserem Gespräch ein Bier. „Ich war dreimal verheiratet, habe vier Kinder von verschiedenen Frauen, bin 74 Jahre alt und komme aus der Steiermark – was willst du wissen?“, fragt er. „Ich hab doch gar nichts zu erzählen.“ Und erzählt dann ganz viel.

In Braunschweig ist Helmut seit 1971, da hatte er schon diverse Stationen hinter sich. Geboren in der Steiermark, ging er mit 17 nach Bournemouth und London, „zehn Jahre“, zum Arbeiten. Dann nach Frankfurt, Grömitz, Berlin, Braunschweig, „zwischendurch war ich auf Sylt arbeiten und in Travemünde“, dann wieder nach Berlin, „habe geheiratet in Österreich – und bin in Braunschweig geblieben“, stellt er fest. So sollte es eigentlich gar nicht kommen: „Ich hab ein Mädel kennen gelernt in Grömitz, die kam eigentlich aus Braunschweig, aber lebte in Berlin.“ Zusammen gingen sie zunächst von Grömitz aus nach Berlin, „und haben gesagt, fahren wir nach Braunschweig“. An sich sollte dies nicht die Endstation werden, Helmut wollte weiter, nach München. „Ich war auf dem Sprung“, erzählt er, „die Koffer waren gepackt.“ Aber: „Ich bin hängen geblieben, weil’s gut lief.“ Und zwar mit der Strohpinte.

Ab 1971 arbeitete Helmut in der Stadthalle. „Ich bin immer durch den Handelsweg gegangen“, berichtet er. Und bei dem Tempo, dass seine Erinnerungen an den Tag legen, ist es schwierig, dran zu bleiben. „Das ist ein bisschen kompliziert“, schickt er mancher Anekdote voraus, und gibt sich beim Erzählen sofort Recht. Der Kontakthof in Richtung Breite Straße war sein Ziel, im Knuff spielte der Besitzer Noack immer „The Good Book“ von Louis Armstrong und Helmut aß dort genüsslich die Schmalzbrote. „Ich hab den Laden übernommen, da verging mir der Appetit, als ich gesehen habe, was er reingetan hat“, sagt Helmut und zählt einige Insektennamen auf. „Er hat mich gefragt: Willst du die Kneipe machen?“ Und Helmut hat wollen: „Versuchen kann ich’s, wenn’s nicht klappt, kann ich gehen – das wollte ich eh.“ Sein Stammlokal war seinerzeit das Fährhaus in der Kurt-Schumacher-Straße, wo er auch wohnte: „Ich kannte viele Leute“, auch durch die Schunterfeten, die dort stattfanden. „Das Fährhaus hat Falko gehört.“ Seine Gefolgschaft nahm er mit in die Strohpinte, mit positivem Effekt: „Die lief gut, vorher war da gar nix.“

Sofort fällt Helmut die Geschichte mit dem Klavier ein, das es damals noch in der Strohpinte gab. „Da wurde geklimpert“, erzählt er. Sepp war dabei, „das war der Vater von einer Künstlerin, die da gegenüber ausgestellt hat“, er deutet auf die Einraumgalerie, „und Heinrich, den alle Heini nannten, das waren HBK-Studenten.“ Sepp spielte Waschbrett, Heini das Klavier, und dann war da noch Klaus, der war berufstätig und Mundharmonikaspieler. „Die Bude war voll, es war laut – da kam die Polizei“, fährt er fort und sein Grinsen verbreitert sich. „Sepp nimmt das Waschbrett“, berichtet Helmut, hielt es sich über den Kopf mit gespielter Drohgebärde und rief: „Wollt ihr meinen Auftritt versauen?“ Darüber lachten auch die Polizisten.

Dabei stellt Helmut fest, dass gewisse Regeln für die Gastronomie früher härter waren: „Ich verstehe gar nicht, wie es heute so locker sein kann.“ Das ist ja mal eine unglaubliche Information. „Ich war überrascht, als die das Riptide aufmachten, dass das Klo da oben gegenüber war.“ Zu seiner Anfangszeit mit der Strohpinte musste vor dem Herrenklo noch ein Plastikvorhang die Sicht auf potentielle Rinnenbenutzer versperren. Auch in Sachen Lärm war es deutlich strenger, mit Draußensitzen nur bis 22 Uhr und schallgeschützten Lüftungsventilatoren. Und erst der Brandschutz: „Strohpinte heißt es, weil ein Strohdach da war“, so Helmut. „Dann kam die Feuerwehr: Das muss weg!“ Dabei hatte die Feuerwehr das Dach dem Vorgänger noch abgenommen. Aber es gab eine Lösung, „eine Tunke für 80 Mark, was mich das gekostet hat, dabei war das Dach so nikotinverseucht, das konnte gar nicht brennen“. Also kaufte er sich ein „Töpfchen“ für 80 Mark und kleisterte das Dach ein: „Sah scheiße aus, aber haben sie abgenommen.“

Ein selbstgemachtes Problem gab es mit den beiden Ziegeldächern über der Theke und dem Tisch rechtwinklig dazu: Die Ziegel brachte Dave aus dem Magniviertel mit, die sind uralt, und Tommy aus Gifhorn, „der war Engländer, der hat sich um das Gerüst gekümmert“, also die Aufbauten unter dem Dach. Für die Lackierung „hat er sie in eine Wanne geschmissen“, um sie mit einem Mittel zu behandeln, „in das man sonst Jägerzäune tut“. Das „Zeug“ sei „giftig“ gewesen, was man sofort merkte: „Die Gäste sind wieder raus, mir haben die Augen gebrannt.“ Heute lacht er darüber.

„Wir waren die ersten, die Rosenmontag gefeiert haben“, stellt Helmut als nächstes klar. Und zwar am Montag, nicht wie heute am Sonntag, und die Gäste mussten kostümiert sein: „1974, da haben uns alle blöd angeguckt.“ In der Breiten Straße ging damals der Umzug los, nur „mit drei, vier Wagen“. Schließlich sei das hier damals noch das Braunschweiger Zentrum gewesen: „Aber das ist mit dem Kontakthof knattern gegangen.“

Jetzt kommt Helmut ins Aufzählen. Die Krabbenkuppel zum Beispiel, das heutige Sultana, hieß früher Balkan Grill und dann Scotland Yard, oben war noch das Tante Sally, ein kleiner Laden. Helmut erwähnt die Discothek Darkness und die Pfeife: „Der jetzt die Bassgeige hat, hat dort gearbeitet, der Besitzer ist jetzt in Portugal“, weiß Helmut, wie er sowieso so vieles weiß, dass man sich mit ihm wundert, wenn ihm mal ein Name nicht einfällt. Im Kontakthof, oder auch nur „Hof“ genannt, gab es das Farmer’s Inn, nicht zu verwechseln mit dem in Uetze. Das war zunächst eine Teestube, dann ein türkisches Restaurant, „Namen vergessen, das hat Ünal gehört, ein bekannter Typ, der hat viele Kneipen hergerichtet, als Architekt“, so Helmut. „Obladix hieß es, danach Farmer’s Inn.“ Das Knuff sei „eh da“ gewesen.

„Noch vor der ganzen Zeit hat das Ganze einem Lothar gehört“, sagt Helmut. „Der Lothar hatte einen Hund mit Glasauge.“ Dann schwenkt er zurück zu den Läden im Kontakthof: „Ein Schnapsladen war drin, eine Etage überm Knuff, eine Schnapsboutique.“ Zu der Zeit war das Knuff noch „ganz klein“ und erweiterte sich erst später, „da kam der obere Raum dazu“. „Vorne war das Bajazzo am Eingang vom Hof, auf der anderen Seite eine Klamottenboutique, danach kam’s Zett rein.“

Dann kam Helmut Martens und löste Lothar ab, „der hat dann das Picture aufgemacht, in einem Hinterhof im Madamenweg“, berichtet Helmut weiter. „Der konnte den Hof nicht halten, er war ein gutmütiger Mensch – dann war Schluss und es war nur noch das Knuff da, das hat meine Tochter mal gehabt.“ Ach. „Der Helmut Martens, der war gut gut drauf, der hat das unheimlich doll eingerichtet, mit Antiquitäten, Farmer’s Inn, Bajazzo.“ Das war vorher auch ein Antiquitätenladen, mit einer Apothekeneinrichtung aus Dresden. „Er hat gesehen, er muss was Neues machen“, lobt Helmut, doch: „Inzwischen wurde der Hof versteigert, an R., das war ein reicher Typ, und der war rechts.“ Angewidert berichtet Helmut von dessen Gepflogenheiten. Der wohnte dort, wo jetzt Guidos Pizzeria ist, und jener Guido kam auch mit R. in den Hof. „Da war Martens weg vom Fenster“, bedauert Helmut. „Der hatte gute Ideen, hat auch das ehemalige Pupasch eingerichtet, als es noch unten war, und mit dem Sohn vom Schimmel den Schimmelhof gemacht, mit Atlantis.“ Aber auch das hatte Nachteile: „Das war zu weit draußen – und die Polizeistation vor der Tür.“

Jedenfalls ging R. „auch pleite“, so Helmut. „Das Darkness und das Scotland Yard, das hat ein Essener übernommen, den Magniwächter auch.“ Doch das Darkness wurde „immer schlimmer“, sagt Helmut und verschweigt Details. „Da kam eine Tanzschule rein, von oben runter, und jetzt ist da ein Jobcenter drin.“ Helmut kehrt zurück zum Hof: „Guido ist rechtzeitig abgesprungen, er hat gesehen, dass es nix wird mit R.“ Er schweift kurz ab und erzählt, wo und mit wem R. Noch so aktiv war. „Der Hof wurde immer pleiter pleiter pleiter und wurde versteigert“, fährt Helmut fort und weiß um Gerüchte über die Mitbieter. Gesichert ist indes der Höchstbietende: „Fritze Knapp hat gewonnen.“ Das Knuff baute der um: „Das war der erste Fehler“, meint Helmut: „Der Tresen war am Fenster, da konnte man das Bier durchreichen.“ Und diesen Tresen bauten sie nach hinten.

Helmut macht einen Sprung zur Seite. Das Tante Puttchen ist definitiv jünger als die Strohpinte, betont er: „Achim hat bei mir gearbeitet, er war Sportstudent, sein Bruder hat gefragt, ob er hier anfangen kann.“ African Club hieß es vorher, danach Hupe, „der hat auch das Moppel gehabt, wo jetzt das Wild Geese drin ist, und das Gustav im Hof.“ Wahrlich, die ganzen Namen und zeitlichen Abläufe sind kompliziert. Bevor ich nach dem Gustav fragen kann, das Helmut bislang noch gar nicht erwähnt hat, ist er schon nicht mehr in Braunschweig: „Der ist mit Gerd nach Amsterdam gefahren, da gab’s Singles, Oldies, und nur da.“ Der Name von dem Hupe-Besitzer indes, der will Helmut nicht mehr einfallen. „Der hat dann alles verkauft und in der Holsteinischen Schweiz ein Hotel aufgemacht.“ Doch das ging nicht gut: „Da hat ihn eine Sekte abgezockt.“ Ausgerechnet ihn: „So ein harter Hund, und wird von einer Sekte abgezockt.“ Die erste Markise vom Tante Puttchen, nicht die jetzige, hat der auch angebracht. Wenn Helmut nur der Name wieder einfallen würde. Stattdessen hält er fest: „Achim ist auch schon lange drin.“

Nebenan, im jetzigen Comiculture, war Fahrrad Fricke. „Das ist ein Bombengeschäft gewesen“, sagt Helmut. Doch die Nachfolger fällten einige unpopuläre Entscheidungen: „Sie haben Mittagspause gemacht und die Werkstatt woandershin – das war ein Fehler.“ Denn in der Mittagspause kamen viele Kunden vorbei, damals hatten Geschäfte noch nicht bis abends um acht geöffnet. Und Leute zur Werkstatt wegschicken, das sei auch unglücklich. „Fahrrad Fricke, das war ein Name!“

Drei Antiquitätenläden gab es im Handelsweg. „Einen hat ein Franzose gehabt, wo jetzt das Riptide drin ist“, erzählt Helmut. Angelika, die den Laden danach hatte und dann an die Ecke zur Breiten Straße gegangen ist, war zuvor in dem Antiquitätengeschäft Verkäuferin gewesen, in dem sich jetzt die Einraumgalerie befindet. Und das Fifty Fifty war ein Schuhladen.

An der anderen Ecke gegenüber von Angelikas jetzigem Laden betrieb Peetie das Hound Dog. „Da war zuerst ein Jeansladen drin, danach ein Blumengeschäft, danach Berliner Höfe oder so ähnlich, einer aus Garmisch-Partenkirchen.“ Peetie hatte noch das Peeties im Gewölbekeller unter dem Handelsweg. „Das war der Weiße Mohr, das hatte der Willi, der war ein Lehrer, mit einer Apothekertochter aufgemacht, nur vom Feinsten.“ Ein Künstler, an dessen Namen sich Helmut nicht mehr erinnern kann, „hat die Barhocker gemacht, 700 Mark das Stück, aber man konnte nicht darauf sitzen“. Der Laden „hat gekracht“, so Helmut. Aber auch einen Fehler: „Die Feuchtigkeit geht überall durch, das Wasser findet immer einen Weg.“ Der Werdegang des Kellers „ist kompliziert, nachdem Willi raus ist“, sagt Helmut. Er zählt Yellow Submarine und Krokodilo auf, und „Moppel 1, das war der Koch, der damals im Moppel gearbeitet hat“. Dann kam Peetie rein, „seine Currywurst war gut“. Doch der, das hat jener mir selbst erzählt, denn das Peeties habe ich noch erlebt, immerhin das, musste aus gesundheitlichen Gründen seine beiden Läden aufgeben.

Jetzt schwenkt Helmut im Handelsweg umher: „Wo jetzt die Goldschmiede ist, war eine Änderungsschneiderei drin, dann ein Jugoslawe.“ Es geht weiter in Richtung Gördelingerstraße: „Der Bierteufel war eine Damenboutique und dann eine Spielhalle.“ Das wiederum prangerten Lehrer vom Martino-Katharineum an. „Dann kam Ünal mit dem Merhaba.“ Und dabei fällt Helmut wieder ein, wie Ünals Restaurant im Kontakthof hieß: Balkan. „Der hat beides verkauft, weil er Wehrdienst machen wollte in der Türkei“, sagt Helmut. Das Merhaba verkaufte Ünal an Gerd, aber dann klafft eine kleine Lücke, denn das hieß dann Einbecker und wurde von Bömmel betrieben. „Der hatte das Golem in der Wendenstraße gehabt“, so Helmut. Berühmt war Bömmel aber fürs Panopticum. Inzwischen ist er jedoch tot, gestorben in Südafrika. „Dann kam Lutz“, über den Helmut weiß: „Der war Wellensittichzüchter, der hat ein Hotel gehabt in der Celler Straße, Simone, mit seiner Frau.“ Lutz baute das Einbecker mit einem Freund um und nannte es Red Pub, „wie ein Irish Pub war das“. Und: „Gerd hat auch das Knuff gehabt und für den Vorgänger von Achim gearbeitet.“ Bevor ich nachhaken kann, wer nun dieser ominöse Gerd sei, ist Helmut schon weiter: „Dann kam so’ne Dings da rein und hat es umbenannt in Bierteufel, die ist jetzt in Berlin.“ Deren Söhne waren als Koch und Kellner irgendwo in Braunschweig beschäftigt, das habe ich nicht so ganz mitbekommen, denn Helmut blickt schon nach gegenüber.

„Wo jetzt Serge drin ist, war so ein Alter, der hat neben mir gewohnt da oben, der hat Hefte und Bücher verkauft.“ Da oben, das ist nicht mehr in der Kurt-Schumacher-Straße, sondern im Handelsweg. „Da kam immer so eine Rothaarige“, setzt Helmut an, beginnt zu grinsen und lässt mehr Lücken, als er Infos preisgibt: „Das war eine Drogenabhängige, die hat er“, er macht kurze eindeutige Bewegungen und lässt zwischen seinen Lachern Satzfragmente wie „für ein paar Mark“, „Tür offen“ und „die Schüler“ frei. Ich stutze und staune. „Ja, echt!“, ruft Helmut und lacht.

Ein Gast geht und rückt Helmut einen Schein fürs Bier in die Hand, einem neuen Gast zapft der Wirt kurz das Pils, bevor er sich wieder zu mir setzt und weitererzählt. „Daneben war der Franzose, der war ganz nett, der war ‚74 schon drin, die sind nach Frankreich zurück, Angelika hat das übernommen.“ Da, wo Angelika jetzt residiert, „vorne, da war mein Freund Helge Papendieck drin, und vor Helge war da ein Souvenirladen drin, da drüben auch“, er nickt vage in eine Richtung, „dann noch ein Antiquitätenladen“. Und dann Piou und eben jetzt der Goldschmied. Helmut blickt durchs Fenster auf die Einraumgalerie. „Da war vorher Stefan mit einem Kumpel drin“, sagt Helmut. Gandula hieß das. „Davor ein Mädel, das handwerkliche Spiegel gemacht hat.“

Der Rundflug durch Raum und Zeit endet am Startpunkt, in der Strohpinte. Sie ist gemütlich eingerichtet, das Mobiliar in dunklem Holz, das Licht schummrig und warm, mit Bildern in schweren Rahmen an den Wänden sowie Spielen und Zeitschriften auf den Treppenstufen, die ins Obergeschoss führen. Auf den Tischen stehen Teelichte und Aschenbecher. In Braunschweig geblieben ist Helmut damals, weil’s gut lief. „Aber jetzt ist es ein Krampf“, bedauert er. „Es war nicht viel in Braunschweig, heute gibt’s überall was.“ Auch „Freisitzflächen“ waren rar; vor dem Pano war das Wikinger-Restaurant in dem Gebäude, „das hatte eine schöne Freisitzfläche“. Und im Handelsweg: „Das war so, dass du im Sommer nicht durchgekommen bist – das war eine Völkerwanderung.“ Helmut sinniert: „Damals sind wir wandern gegangen, das ist heute nicht mehr so.“ Man ging mal kurz in die Nachbarkneipen, auch als Wirt. „Heute ist das eine andere Art, die sitzen beim Kaffee, mit Handy und sowas.“ Er glaubt: „Die Menschen haben sich früher mehr unterhalten, das ist nicht mehr so, gerade noch kommen sie zum Bestellen“, sagt er. „Sie sind voll beschäftigt mit ihrer Maschinerie“, dabei imitiert er den Blick aufs Smartphone.

Doch im Handelsweg hat sich wieder etwas getan. Helmut deutet mit seiner Wasserflasche nach gegenüber, dass es schwappt: „Das ist auch ganz gut geworden da“, lobt er die Einraumgalerie. „Das ist was ganz Gutes.“ Kundschaft ruft, Helmut springt auf: „Hast du dir dein Bier genommen?“, ruft er dem Gast zu, und der murmelt zustimmend.

Ich bin mir sicher: Mit mehr Zeit hätte Helmut noch mehr erzählen können. Und ich mehr Gelegenheit zum Nachhaken gehabt. Aber wir hatten gerade mal eine Stunde zusammen. Es ist auch so ein opulentes Gemälde, das Helmut vom Handelsweg zeichnete. So unsortiert vielleicht etwas abstrakt, aber durchmengt mit Naturalismus, Expressionismus, Impressionismus und Dadaismus – ein Wunderwerk also. Und wir zeichnen es weiter, wir alle, die im Handelsweg unterwegs sind. Es ist wieder Leben hier. Danke für deine knappe Zeit, Helmut, und auf bald!


Matze Bosenick
www.krautnick.de

#95 + 1 = Peine-Ost

25. Oktober 2015


Samstag, 24. Oktober 2015

Die Feindschaft zwischen Braunschweig und Hannover, der zweitgrößten und größten Stadt in Niedersachsen, ist älter als der Fußball, das wissen nur viele selbsternannte Anhänger dieser Sportart nicht, die sich bis aufs Blut und mit der Rechtfertigung, das sei ein Ausdruck ihrer Leidenschaft, bekriegen. Als die Welfen im Siebzehnten Jahrhundert eine Machtverlagerung von der Oker an die Leine einleiteten, legten sie damit den Grundstein für diese Animositäten, die spätestens dann in handfeste Rivalitäten mündeten, als nach dem Zweiten Weltkrieg das neu gegründete Land Niedersachsen den jüngeren Nachbarn Braunschweigs, der von seinen abgewanderten Fürsten sogar den typischen Dialekt übernahm, zum Regierungssitz machte. Lokale Kabbeleien mit dem Herz auf der Zunge haben an sich ihren Reiz, bisweilen sogar über die Grenzen ihrer Region hinaus: „Lieber Fünfter als Fürther“, sagt etwa der Nürnberger; „Lieber verlieren als Siegen im Sauerland“, sagt man in Olpe; der Münsteraner spricht den Namen seines Rivalen Coesfeld gerne „Zöhsfeld“ statt „Kohsfeld“ aus; „Das Beste an Bremen ist die Autobahn nach Hamburg“, heißt es ebendort; „Was kriegt ein Offenbacher, der zwei Jahre unfallfrei gefahren ist?“, fragt der Frankfurter, und reicht die Antwort nach: „Die Null vor dem Frankfurter Kennzeichen gestrichen.“ Vor ein paar Jahren erklomm ich die St.-Andreas-Kirche, die höchste in Braunschweig, und erreichte die oberste Plattform mit der großen „In dieser Richtung liegt“-Rosette, über die sich ein Paar beugte, und ich hörte gerade den Dialog, als sie sagte, „Düsseldorf ist aber drauf“, und er mutmaßte, „Wahrscheinlich, weil es Landeshauptstadt ist.“ Ich folgerte laut, dass sie aus Köln sein müssten, und sie blickten mich erstaunt an: „Hört man das?“ Ja, aber nicht am Dialekt, sondern am Inhalt.

Solches ist charmant und rührig. Zerstörte Straßenbahnen in Braunschweig und Schweine mit der Rückennummer des am Suizid verstorbenen 96-Torwarts Robert Enke in Hannover hingegen sind in keiner Weise tolerierbar. Dabei geht es auch sympathisch. Mit Blick auf den nahenden Reformationstag etwa, der in diesem Jahr erstaunlicherweise wieder auf Halloween fällt, die Feststellung, dass die Braunschweiger Protestanten froh sind, dass Martin Luther am 31. Oktober 1517 in Wittenberg nur 95 Thesen an die Schlosskirche tackerte.

Mir selbst ist Hannover eher egal. In den Neunzigern fand ich, dass der Stadtteil Linden das Braunschweig Hannovers sei. Damals hatten wir noch das FBZ und andere mittelgroße alternative Veranstaltungsorte, heute muss ich für manche attraktiven Konzerte tatsächlich an die Ihme oder die Leine fahren. Was ich seinerzeit auch noch regelmäßig für Kinofilme tat, die im Apollo oder in einem der vier Kinos am Raschplatz liefen. In der Faust feiere ich regelmäßig die schweiß- und lachtränentreibenden Gigs von Eläkeläiset, beim städteverbindenen Festival Theaterformen sah ich diesen Sommer endlich F.S.K., mit dem Chef des Wolfsburger Kunstvereins, Justin Hoffmann, an Gitarre und Mikrofon. Als New Model Army kürzlich beim Maschseefest für lau auftraten, wäre ich normalerweise natürlich dabei gewesen; ich gab selbstredend Schepper den Vortritt, der zeitgleich in der KaufBar furios seinen Bass begniedelte. Hannovers Verkehrsführung finde ich sogar noch unübersichtlicher als die in Braunschweig, und außerhalb Lindens – daher mein Statement – ist mir die Stadt einfach zu gesichtslos. Natürlich, wenn ich dort Freunde besuche, habe ich mit ihnen selbstverständlich Spaß; das ist die Kunst des kundigen Gastgebers, jeden Ort zum Wohlfühlnest zu machen, etwa, indem man gemeinsam den für Touristen erstellten „Roten Faden“ durch die Stadt verfolgt und dabei im schrägen Aufzug oder der Minialtstadt landet. Doch nicht mal mehr der Plattenladen 25 Music lockt noch ausreichend genug, nachdem dessen Braunschweiger Ableger Ran7 schloss, schließlich haben wir in Braunschweig seit acht Jahren eine adäquate Alternative: das Café Riptide.

Dort will ich, weil dieses der 96. Blogeintrag ist und Chris als einer von zwei Caféchefs mich explizit darauf hinwies, die Gäste auf ihre Hannovertoleranz testen. Damit beginne ich in der Riptidenachbarschaft, und zwar bei Serge, der zusammen mit Niclas gemütlich rauchend und sinnierend in seinem kleinen, nicht nur dekorativ mit Büchern bestapelten Laden sitzt. „Da kann ich gar nichts Positives zu beisteuern“, wehrt Niclas zunächst ab, nachdem er die randvollen Kaffeetassen, die er sich und Serge aus dem Riptide mitbrachte, zielsicher und schwappfrei abstellte. „Unabhängig zur Rivalität der beiden Fußballvereine, die ich beide nicht leiden kann“, setzt er nach. „Ich denke immer an diese gigantische Form eines Volksfestes namens Maschseefest, da läuft’s mit kalt den Rücken runter.“ Serge grinst. „Und ich hab mir da den Rücken zerstört, als ich mit Fiene einen Monsterteppich quer durch die Stadt geschleppt habe.“ Vor seinem inneren Auge rollt sich die Erinnerung daran wieder aus: Aus dem fünften Stock schleppten die beiden das Exemplar in die Straßenbahn, von dort in den Bahnhof und durch ihn hindurch bis zum Zug. „Wir haben sehr viele sehr amüsierte Blicke geerntet, aber mein Rücken fand es nicht so lustig.“ Die Ausmaße jenes Bodenbelags kennt er nicht mehr, er gibt sie grob mit „drei mal fünf Meter“ an, „eine Riesenrolle“.

Serge stellt mit Zugeständnis des Erzählenden fest, dass das nicht zwingend mit der Stadt zu tun habe, und führt dann selbst aus: „Mir ist Hannover erinnerlich, weil ein langjähriger Freund in Hannover wohnte und ich ihn regelmäßig besuchen war und ich die Stadt zwangsläufig kennen gelernt habe, obwohl mich Hannover als Stadt nie interessiert hat.“ Mit einer Ausnahme: „Der Flohmarkt am Leineufer war immer deutlich interessanter als die in den Braunschweiger Gebieten, von daher ist mir Hannover in angenehmer Erinnerung.“ Dort stehen auch die Nanas von Niki de Saint Phalle. Serge nickt: „Wunderbar.“

Jetzt fällt Niclas doch noch etwas ein: „Meine allererste Jugendliebe, mit achtzehn, verbinde ich damit – damals bin ich von Hannover geflogen, nach München.“ Er sinniert: „Das ist jetzt fast zehn Jahre her.“ Damit könne er nun doch etwas Positives mit Hannover konnotieren: „Ausnahmsweise.“ Serge kommt nun doch auf den gegenwärtigen Zankapfel zu sprechen: „Hannover 96 schien mir immer eine Bundesligamannschaft zu sein, und zwar immer schon, die keine Berechtigung hat, in der Bundesliga zu sein.“ Sie tauge schlichtweg nicht zur Identifikation und habe es nach seinem Kenntnisstand nie geschafft, nennenswerte Erfolge zu erspielen. Wikipedia spricht da etwas latent anderes: Deutscher Meister 1938 und 1954, DFB-Pokalsieger 1992, zwei Teilnahmen an der UEFA-Europaliga 2011 und 2012 sowie eine zwangsläufig beim Europapokal der Pokalsieger 1992. Die Braunschweiger Eintracht war nur einmal Meister, 1967, niemals DFB-Pokalsieger und dreimal UEFA-Cup-Teilnehmer, jeweils in den Siebzigern. Aber so ist das mit dem Image. „Hannover ist einfach langweilig“, fasst Niclas zusammen. Serge ergänzt: „Hannover ist wie Kassel.“ Da muss er selbst lachen.

Es wird Zeit, ins Riptide zu gehen. Micha kündigte an, noch vorbeikommen zu wollen, und Schepper will nach seiner Bassprobe ebenfalls in den Handelsweg radeln. Sina und Nicolai lassen es den am Samstagnachmittag angenehm vielen Gästen an nichts mangeln. Viele sitzen draußen im Achteck; der Goldene Oktober macht seinem Namen alle Ehre. Drinnen wirbt ein großes Plakat für die Plattenladenwoche, die heute endet. Auf der Zeile mit LP-Boxen zwischen Eingang und Theke steht auch eine kleine Kiste mit 7“es, die die Band Loudog und das Riptide-Label zugunsten von Flüchtlingen verkaufen. Sandra und Alex tragen einen erheblichen Stapel LPs an die Kasse. Ich frage sie nach ihrem Bezug zu Hannover. „Braunschweig hat mehr Charme“, findet Sandra. Alex nickt: „Ein bisschen gemütlicher, Hannover ist ein bisschen…“ Sandra ergänzt: „Überbewertet.“ Alex fährt fort: „Vor allem Linden – man kann zwar gut weggehen, aber das Steintor ist familiärer, Linden ist so möchtegern, wie Kreuzberg in Berlin, auf die Schnelle cool gemacht, aus dem Nichts.“ Das Paar wohnt in keiner von beiden Städten, sondern in einem Dorf zwischen Peine und Vechelde, in Schmedenstedt. Alex wuchs in Stuttgart auf, vielmehr in Esslingen, und später in Spanien. Da der Vater aus Ilsede kam, kehrten sie in die Gegend zurück und landeten eben in Schmedenstedt. „Auf jeden Fall finde ich Braunschweig bodenständiger“, sagt Sandra. „Gemütlicher, nicht so aufgesetzt“, fügt Alex an. „Echte Leute“, findet Sandra. „Obwohl wir in Hannover auch feiern gehen“, wendet Alex ein. „Ein Kumpel macht Techno und legt im Chez Heinz auf, das ist auch nicht schlecht, für einen Abend.“ Das bringt Sandra zu einer Einschränkung: „Das einzige, was ich ein bisschen schlecht an Braunschweig finde: In der Feierszene sind die Clubs ein bisschen sehr klein.“ Und fast alle in einer Hand, werfe ich ein, doch Alex sagt: „Das ist in Hannover aber auch so.“ Dabei fällt sein Blick auf die Zeile mit den ausgestellten LPs neben der Kasse: „Kendrick Lamar, da ist sie ja!“ Er greift nach der Platte und legt sie auf den Stapel in Sandras Hand. Nicolai nimmt sie an der Kasse entgegen und notiert sie auf dem Verkaufszettel, darunter Alben von den Fugees, Mellowmen und Ellen Alien. „A Tribe Called Quest habt ihr nicht da?“, fragt Sandra. Nicolai kann sie im Computer nicht finden, sagt: „Da muss ich im Lager gucken“ und dreht sich kurz nach rechts um.

In den LPs zwischen Theke und Tür stöbern auch Anna und Ben. Jener trägt den jüngsten gemeinsamen Nachwuchs in einem Tuch vor dem Bauch und schiebt den zweitjüngsten in einer Karre vor sich her: Theo ist genau einen Monat alt und Lina fast zwei Jahre. „Gar nicht so richtig“ kennt Ben Hannover, sagt er, während er durch das Hip-Hop-Fach blättert. „Ich glaube, ich war einmal da, ganz kurz nur.“ Anna erläutert: „Wir sind seit zwei Jahren erst in Braunschweig.“ Ben ergänzt: „Und busy.“ Theo und Lina lassen dies erahnen. „Eigentlich mochten wir es da“, überlegt Anna. „Wir fanden es städtischer.“ Ben spezifiziert: „Als Braunschweig.“ Die beiden kommen aus Berlin, allerdings nicht als gebürtige Berliner, sondern als Studenten, als die sie sich dort kennen lernten. „Dann sind wir nach Braunschweig gegangen zum Studieren“, sagt Ben. Er kommt aus dem Rheinland, sie aus Stuttgart. Jan betritt das Café, Ben und er umarmen sich, vorsichtig, um Theo nicht zu wecken. Sie sind Brüder, „und unabgesprochen beide aus Berlin hier“, sagt Jan. „Das Schicksal hat uns in Braunschweig wiedervereint“, deklamiert er theatralisch. Ich frage ihn natürlich auch nach Hannover. „Ich war schon mal da“, sagt er. „Ich hab in der Elf eine Klassenfahrt zur Expo gemacht und war vor zwei Wochen auf einem Konzert – und wenn ich mal einen Flughafen brauche.“ Das Konzert war das von Sales im Café Glocksee, „eine Ami-Newcomer-Band“, erklärt Jan. „Es war ein gutes Konzert in einer schönen Location.“ Ben findet eine LP von Delinquent Habits im Fach und fragt Nicolai nach dem Preis, der ausnahmsweise nicht auf der Hülle steht. „Öhm, stimmt“, bestätigt Nicolai. „Die haben wir aber nochmal.“ Das weiß Ben: „Ja, neu, diese ist aber gebraucht.“ Nicolai mutmaßt: „Diese ist aber wahrscheinlich teurer als die Neue, wegen der älteren Pressung.“ Er stellt die LP beiseite, um Chris und André auf den fehlenden Preis hinzuweisen. Delinquent Habits sind eine Latino-Hip-Hop-Band aus Los Angeles, erklärt mir Ben. Und stutzt: „Darf man noch ‚Latino‘ sagen?“

„Condition Hüman“, die neue LP von Queensrÿche, fischt Michael aus dem Metal-Fach und studiert die Rückseite. „Meine Meinung zu Hannover ist Braunschweig-untypisch“, warnt er mich. „Ich habe eine Eintracht-Braunschweig-Dauerkarte – was untypisch ist, ist, dass ich die ganzen Anti-Hannover-Sachen nicht mehr hören mag, da ich da auch arbeite und auch viele Freunde habe, auch Hannover-96-Fans, die ich sehr schätze.“ Die Sache ärgert ihn: „Das ist vorbei!“ Es sei unmodern, sich gegenseitig so anzuhassen. Und doch: „Nichts desto Trotz, wenn’s um den Fußball geht, ist mir die Eintracht Braunschweig lieber als Hannover 96.“ Michael widmet sich wieder der Queensrÿche-LP und sinniert: „Eigentlich wäre mir was anderes lieber, aber das scheint nicht da zu sein.“ Er sucht nämlich die neue LP von Avatarium, „da spielt der Bassist von Candlemass, das ist seine neue Band, mit einer Frau als Sängerin“. Sina bringt ihm nun sein bestelltes Getränk, er nimmt dies und die LP mit an einen der raren freien Tische.

Am Nachbartisch lassen sich Lilah, Nikina und Anja nieder. „Ich mag Hannover nicht so“, sagt Nikina gleich. „Weil ich in Hannover ein paarmal feiern war mit einer Freundin.“ Früher habe sie Hannover „sehr gut“ gefunden und sei öfter „zum Shoppen“ hingefahren und dann aus einem kleinen Dorf bei Alfeld nach Braunschweig gezogen. „Ich war ein paarmal in Hannover feiern“, schließt sie den Kreis. „Einmal standen wir vor ‚nem Club und haben uns mit dem Türsteher unterhalten, wo man gut feiern kann, und der hat einen Club gesagt, und ich, ‚kenn ich nicht, ich bin nicht von hier‘, dann hat er gesagt, ‚woher‘, und ich, ‚aus Braunschweig‘ – und er macht ‚ih‘ und sagt einen blöden Spruch, ‚kannste gleich wieder nach Hause gehen‘.“ Sie regt sich bei der Erinnerung daran immer noch auf. „Es gab viele Situationen, wo ich gesagt habe: keine Lust mehr“, sagt sie genervt. „Einmal hat sich ein Mädchen übergeben, ihr war schlecht, wir haben ihr was zu trinken gegeben, sind ins Gespräch gekommen, haben ihr ein Kaugummi gegeben, und sie fragt, ‚wo kommst du her‘, ‚aus Braunschweig‘, ‚ih‘ – und ich dachte: Gib mir mein Kaugummi wieder.“ Sie weiß, dass der Streit zwischen Hannover und Braunschweig auf „ganz alten Geschichten“ basiert; und das wissen nicht viele. In Braunschweig habe sie solches Verhalten überdies noch nicht erlebt.

„Bomberjacke“, nennt Anja ihren ersten Gedanken an Hannover. „Ich hab mir damals ’ne Bomberjacke gekauft bei Cash & Carry, die haben so Gothic-Sachen und Creepers und sowas.“ Sie grinst: „Man war zu Hause nicht begeistert davon.“ Die Bomberjacke war eine Besonderheit: „Das war so eine mit Pelzkragen, so blau-schwarz.“ Da fällt ihr ein: „Ich hab ein Jahr da gelebt und gearbeitet, ich hab ein Freiwilliges Soziales Jahr in einem Altenheim gemacht, in Linden, und ich war ganz viel im Rotkäppchen und in der Volksküche.“ Das Rotkäppchen kenne ich auch noch, das gibt es nicht mehr, der Nachfolger heißt „Und der böse Wolf“. Gegenüber war das Apollo-Kino, „da bin ich immer hingegangen und hab Filme geguckt, Achtundachtzig, Neunundachtzig war das“, sagt Anja. „Und als ich dann hier herkam, war ich enttäuscht: In Hannover kommst du aus dem Bahnhof raus und bist in der Stadt, in Braunschweig kommst du aus dem Bahnhof raus und da ist gar nix.“ Immerhin haben sie dort moderne Anzeigetafeln, wirft Nikina ein: „‘Willkommen in der Löwenstadt‘, da denkt man: Remmidemmi.“

Lilah, die sich für mich überraschend als Nikinas Mutter herausstellt, kennt Hannover „gar nicht“, wie sie sagt. „Ich kenne in Hannover nur den Flughafen – das ist das einzige, das mich an Hannover erinnert: hin und her zu düsen.“ Für ihr Desinteresse hat sie eine Erklärung: „Das liegt wahrscheinlich daran, dass ich lieber das Landleben mag, die Natur, und freu mich darauf, ins nächste Land zu fliegen, wo nix los ist.“ Sie wohnt noch in dem Dorf bei Alfeld, aus dem Nikina weggezogen ist. „Da habe ich ein Häuschen, um mich herum nette Menschen, und ich kann mir vorstellen, alles zu leben, was ich leben will.“ Sie lächelt, während sie das sagt. Gestern etwa, berichtet sie, hatte sie einen Afrikaner bei sich zu Gast, dem brachte sie bei, auf der Panflöte zu spielen. Man merkt ihr an, dass sie glücklich ist. „Wenn ich könnte, würde ich am Strand leben, in einer Höhle, mit Feuer.“ Auf den Strand immerhin könnte ich mich einigen. „Ich mache das zweimal im Jahr“, erklärt Lilah: Wenn sie kann, dann fliegt sie nach Kreta in eine Kommune und lebt dieses Traumleben.

Der Tisch der drei füllt sich, Nicolai bringt Anjas Burger. Ich frage sie, woher sie sich kennen. Lilah beugt sich zu Anja und nimmt sie in den Arm: „Sie ist meine allerbeste Freundin auf der Welt“, strahlt sie. Beide erzählen abwechselnd, dass sie sich in einer spirituellen Partnerbörse im Internet kennen lernten. Sechs Jahre lang haben sie nur telefoniert, bis sie sich erstmals trafen. Heute wollen sie in den Rebenpark gehen, wo einige Mitglieder des Silver Clubs eine Kneipe mit Kulturprogramm ins Leben riefen und diese im Wechsel mit dem Kufa-Verein bespielen. Heute tritt dort Akustikpunk Marc D auf: „Den will ich mir angucken“, sagt Anja. Lilah kennt ihn nicht nur ebenfalls: „Er hat bei mir gelesen“, berichtet sie. Kleine Welt mal wieder. „Das war ein schöner Abend, Feuer draußen, Gitarre spielen.“ Jetzt bringt Sina Lilah einen Bagel und ich räume meinen Platz.

Denn Arni trifft ein. „Ich wollte dich grad anrufen, dachte dann aber, nee, gehste einfach hin“, sagt er. Das klappt bei uns. Vergangene Woche sprach ich bei ihm auf den Anrufbeantworter, dass ich um einen Rückruf wegen einer potentiellen gemeinsamen Abendverbringung bäte, und machte mich ohne Ziel auf in die Innenstadt, beständig auf die Vibration meines Telefonapparates lauernd. Bei Saturn im Keller klopfte mir Arni auf den Rücken und sagte, dass ich die CD, die ich gerade betrachtete, nicht kaufen sollte. Ich dankte ihm für den ungewöhnlichen Rückruf. Seinen Anrufbeantworter hatte er noch gar nicht abgehört. Das wurde dann noch ein lustiger Abend.

Und jetzt kommt auch Schepper dazu, mit einem verpackten Bass auf dem Rücken. Wir bestellen uns Kaffee und Tee und sammeln uns am Fenster mit den Reinhörgeräten. Arni erzählte ich gerade von meinen Hannover-Fragen, daher will ich bei Schepper neu starten: „Um dich auch noch mal abzuholen“, setze ich an und er unterbricht: „Ich bin hier.“ Arni lacht verdutzt: „Ach, jetzt, wo du’s sagst!“

Also, Hannover, die Herren. „Ich hab da mal gewohnt“, beginnt Schepper. „Ich hab da mal studiert, das heißt, ich hab’s versucht.“ Arni grinst: „Das ist fast die gleiche Antwort wie bei mir: Ich hab da mal gewohnt.“ Schepper fährt fort: „Ich hab da mal Maschinenbau studiert und es erfolgreich abgebrochen.“ An den Wochenenden sei Schepper immer nach Hause gefahren, „ich hab da meine Band gehabt“. In Hannover habe er nur gelernt: „Nix After Life, After … Wie sagt man? Rock‘n'Roll.“ Dann sei er nach Braunschweig gekommen: „Hier ist schöner.“

Plötzlich springt Arni auf: „Da steht ja die neue Motorpsycho.“ Da, wo bis vor einiger Zeit noch Kendrick Lamars LP stand, auf der Zeile neben der Kasse nämlich. „Ich hab mir grad die neue Rush-DVD bestellt“, erzählt Schepper. „Die bestell ich gefälligst hier, support your local heroes.“

Arni muss nach Hause, Schepper und ich in die Martinikirche, dort tritt gleich Barnim auf mit seinem Akasha Project, das wollen wir erleben. Daher frage ich noch schnell Sina und Nicolai nach ihren Hannoverbezügen. „Ich hab in Bremerhaven gewohnt“, erzählt Sina. „Da sind wir ab und zu nach Hannover gefahren, in den Sommerferien, wir sind Einkaufen gewesen – aber sonst nichts.“ Sie zuckt mit den Schultern und bringt benutzte Kaffeetassen in die Küche. „Da ich lange in Hamburg gewohnt habe, ist Hannover für mich die Stadt ohne Charakter“, stellt Nicolai klar. „Scorpions und sowas fällt mir da ein, keine guten Dinge.“ Sina lacht. Nicolai fährt verächtlich fort: „Messestadt und sowas – eine Stadt, in der ich leben muss, soll für mehr als ihre Messehallen bekannt sein.“

Genug mit Hannover. Nach dem überwältigenden Akasha-Gig in der großartig illuminierten Kirche werfen Schepper und ich einen Blick auf die Dreharbeiten zu Marc Fehses neuem Film „Sky Sharks“ und nehmen dann noch einen Absacker im Riptide ein. Inzwischen sind Chris und André da, denn heute ist Party angesetzt, mit Helge alias Monsieur le Supersexuel. Ihn habe ich lange nicht gesehen. Wir drücken uns, aber Schepper und ich wollen beide nach Hause, deshalb werde ich sein Set leider nicht verfolgen können. Seltsam, Micha war heute doch gar nicht da. Na, bald ist Filmfest, da werde ich wieder diverse Stunden neben ihm verbringen.

PS: Alles Gute, Chris!


Matze Bosenick
www.krautnick.de

#92 Die Stadt ist eine Erbse

25. Juni 2015


Mittwoch, 24. Juni 2015

Es wird jetzt meta, und zwar so meta, dass es eigentlich schon fast kubikmeta ist: Heute treffe ich mich im Café Riptide mit Toddn, weil der in seinem neuen Buchbauer-Verlag ein Buch mit Auszügen aus diesem von mir befüllten Café-Riptide-Blog herausbringen will, und er selbst kommt in diesem Buch auch vor, als zitierter Gast des Cafés. Möbius hätte seine wahre Freude daran gehabt. Gründen wir eine Möbius-Band. Als Toddn sich zu mir an die Theke gesellt, habe ich gerade die letzten Krümel der Tortilla-Chips im Mund, die Jasmin als Beilage zum wie immer sauleckeren Bonanzaburger an den Tellerrand gestapelt hatte. Toddn ist reichlich unentschieden, mit welchem Getränk aus der nicht unüppigen Getränkekarte er sich selbst jetzt einen großen Gefallen tun könnte, was André, der am PC steht und Schallplatten katalogisiert, während er auf Toddns Entscheidung lauert, sehr breit grinsen lässt. Umherschwankend entscheidet sich Toddn: „Ich nehme ein Mineralwasser.“ André spottet mit noch breiterem Grinsen: „Mehr nicht? Dafür nehme ich doch meine Hände nicht aus der Tasche!“ Dort hat er sie eh nicht, schließlich hat er alle Hände voll zu tun, und so ist es ihm ein Leichtes, Toddn ein Viva con Agua aus dem Kühlschrank zu holen.

Andrés Vorbereitungen beziehen sich auf den Sedan-Bazar, das Handelsweg-Straßenfest, das am Samstag wieder stattfindet. „Bei uns gibt es einen Diät-Diavortrag: ‚Ihr habt Rücken – wir haben Bauch‘“, sagt André. „Danach wird gegrillt, es gibt ein großes Veggie-Barbecue bei uns, außerdem Live-Musik und einen Plattenflohmarkt.“ Davon hat mir Jogi erzählt, als ich ihm kürzlich einige Platten abkaufte, nachdem wir uns bei Serge nebenan getroffen hatten. „Jogi ist mit am Start“, bestätigt André. Und schränkt die Information über den Diavortrag etwas ein, ebenso wie die restlichen Programmpunkte, die ein neueres Braunschweiger Stadtmagazin in seiner aktuellen Ausgabe abdruckte: „Sie haben alles übernommen – außer dem Hinweis, dass das Programm sich ändern könnte.“ Aber die aufgelisteten Live-Musiker stimmen: „Schepper endlich mal wieder nach einem Jahr Pausieren“, freut sich André mit mir. Außerdem DeCheffen, Collaters und Silver-Club-Resident-Gitarrero Tom Hinze. „Auch bei Helmut in der Strohpinte gibt es Live-Musik, ab 20 Uhr Wild At Heart“, ergänzt André. Die Handelsweg-Anrainer beteiligen sich zudem mit Kunstflohmarkt, Kinderschminken und: „Ich weiß nicht, ob das einen Namen hat, wenn du aus Luftballons Pudel knotest?“ Hat es bestimmt; ich weiß auch nur, dass man bei dieser Aktivität immer sofort Pudel im Sinn hat. Und Serge wird mir später erzählen, dass bei ihm am Samstagmittag Tilmann Thiemig eine Lesung hält, als Ersatz zu der ursprünglich in dem zuvor erwähnten Magazin angekündigten Legastheniker-Lesung.

Seinen echten ersten Auftritt nach der Pause hatte Schepper kürzlich in Hannover im TAK, dem Theater am Küchengarten, bei der ausgesprochen sympathischen Lesebühne „Nachtbarden“. Mit seinem Musikerfreund Andreas begleitete ich Schepper auf seiner Exkursion dorthin. Kurz danach bestritt Schepper das Vorprogramm bei Andreas‘ eigener Band, der Ronnie Gaines Band, die zum Abschied ihres Schlagzeugers ein kleines Konzert im Magniviertel gab. Und nach dem Sedan-Bazar wiederum spielt Schepper als nächstes bei Woodys vierter Wasserschuh-Weltmeisterschaft am Heidbergsee, am 5. Juli. Auch daran ist mein künftiger Verleger Toddn beteiligt, als Moderator, zusammen mit Marc D. Die Stadt ist eine Erbse, werter Möbius.

Jetzt müsste Schepper es nur noch schaffen, auch mal in Roskilde zu spielen. Das ist gar nicht so abwegig, schließlich lebt seine Schwester dort, und in Roskilde gibt es ja mehr Auftrittsmöglichkeiten als nur das Festival. Nächste Woche beginnt dieses wieder, und Scheppers Schwester ist natürlich dabei: Sie wohnt nur „1 fahrbierlänge mit dem radl“ davon entfernt, wie sie mir textete. Seit 2001 war ich selbst nicht mehr bei dem Festival, damals hatte ich eine Pressekarte und zeltete mit anderen Pressevertretern auf einem Sportplatz. Ich war allein da, aber auf dem Roskilde Festival ist man nie lange allein. Das war ein nachhaltiges Erlebnis. Natürlich waren die Besuche im Rudel 1994, 1995 und 1997 auch geil, aber dieses Losgelöste, Freie, Ungebundene und trotzdem Gemeinschaftliche beim Alleinereisen hat eine ganz eigene, wichtige Qualität, die ich gerne erfahren habe. Bei allen vier Festivalteilnahmen erlebte ich eine unüberblickbare Menge eindrucksvoller Geschichten. Auch abseits des Festivalplatzes: 2001 hatte ich am Montag und Dienstag nach dem Festival noch frei und verbrachte die Zeit in Dänemark. So erlebte ich den berühmten kotzenden Drachen im Dom zu Roskilde, schwamm mit einem Wikingerboot als Kulisse im Roskilde Fjord, lernte dabei einen Typen kennen, der Hausmeister eines Wikinger-Reenactment-Theatergeländes in Frederikssund war, ließ mir jenes von ihm zeigen und cruiste zum Abschluss bei geilstem Sonnenwetter mit heruntergelassenen Autofenstern zum Donauwalzer durchs lebendige und lebensfrohe und strahlende Kopenhagen. Auch 14 Jahre später wirkt diese Etappe nach. Allein, mein Dänisch will sich nicht wie mein Kleines Italianum wie nebenbei vergrößern. Da bewundere ich Scheppers Schwester, der das offensichtlich gelingen muss. „Ich verstehe auch nicht alles“, wiegelte sie jedoch ab, als ich sie letztens besuchte. Das wundert mich nicht wirklich, vielmehr bin ich erstaunt, dass die Dänen sich mit ihrer seltsamen Sprache überhaupt verstehen. Doch da widersprach sie mir: „Die Dänen verstehen sich nicht“, sagte sie zu meiner großen Verwunderung. „Deshalb sind sie auch das glücklichste Volk der Welt“, setzte sie nach. „Meine Theorie.“ Klingt einleuchtend.

Mein Kleines Italianum erwarb ich seinerzeit bei VW in Wolfsburg am Band, schließlich ist Bandarbeit nicht so Konzentrationsfordernd und Wolfsburg nach Eigenaussage die größte Italienerkolonie nördlich der Alpen. So ließ ich mir von meinen italienischen Kollegen Grundzüge ihrer Sprache beibringen. Die ist vergleichsweise einfach, im Vokabular und in der Aussprache, und so macht es mir einen Heidenspaß, sie auch in ihren Rudimenten nur anzuwenden. Dabei erfuhr ich übrigens von zwei Kollegen, von denen einer aus dem Norden und der andere aus dem Süden des Landes stammte, dass deren Dialekte so gravierend unterschiedlich waren, dass sie sich, um sich überhaupt zu verstehen, auf Deutsch unterhielten. So geht’s mir in Bayern. À propos Nord und Süd: Als wir kürzlich bedauerlicherweise wegen sehr harter Lärmschutzauflagen das nicht zu verwirklichende soziokulturelle Zentrum K67 ausräumten, besorgte ich das Mittagessen in einer nahegelegenen Pizzeria. Deren Inhaber freute sich über meine Italienischrudimente und erzählte freimütig aus seinem Land. Er schimpfte auf Berlusconi und wartete mit abenteuerlichen Theorien auf. Er selbst stamme aus Süditalien, und die Norditaliener seien auf die Süditaliener sauer, weil die denen die Frauen wegnähmen, was wiederum kein Wunder sei, schließlich seien 90 Prozent der norditalienischen Männer schwul: „Im Süden sind es nur 40 Prozent.“ Er zuckte mit den Schultern: „Questa la vita, das ist das Leben.“ Verwegen! Aber unterhaltsam. Und die Pizza war gut.

Gut ist auch das Essen im „Sultana“, dem neuen syrischen Restaurant in der früheren Krabbenkuppel, in der seinerzeit der vierte Silver Club stattfand. Kurz nach der Eröffnung war ich mit einer Freundin dort, zum Antesten, und der ausgesprochen freundliche arabische Inhaber zeigte uns großherzig den neu gestalteten Gewölbekeller. Außerdem bereitete er uns äußerst schmackhafte arabische Speisen zu, mit dem Hinweis, dass er Veganern auf der Speisekarte viel Raum gebe. Er erzählte uns so einiges aus dem arabischen Alltag, über Kaffeekultur und Gastfreundschaft. Die Freundin bestellte einen vegetarischen Teller, und er kommentierte: „Wenn es Ihnen nicht reicht, sagen Sie bitte Bescheid – auf Arabisch sagt man: Wir reparieren Ihnen dann den Teller.“ Bei meinem zweiten Besuch saß am Nachbartisch eine Familie vom Bodensee. „Vom Bodensee?“, hakte der arabische Restaurantchef erfreut nach. „Da ist mein Sohn geboren.“ Und fortan unterhielten sie sich allesamt in einer Mischung aus Schwäbisch und Badisch.

Komplett vegetarisch ist das neue „Herr Tegtmeyer“, das Nachtleben-Instanz Timo vor wenigen Wochen in der Kreuzstraße eröffnete, mit Restaurant und Partykeller, bestehend aus Kickerraum, geplanter Bühne, kleiner Tanzfläche und obskurerweise Kegelbahn. Zu meiner großen Ehre bat mich Timo, den Keller musikalisch mit meinen Konserven zu beschallen, und dabei offenbarte sich einmal mehr die Erbsenhaftigkeit nicht nur der Stadt, sondern der ganzen Welt. Nur sechs Tage zuvor traf ich nämlich auf dem Mittelaltermarkt eine Freundin, die vier Jahre zuvor nach Frankfurt zurückgezogen war und die ich seitdem nicht gesprochen hatte. Wir holten diverse Informationen nach, und so fragte sie mich irgendwann auch nach Dina, die sie einst in einem Frauenfitnessstudio kennen gelernt hatte und die später im originalen „Herr Tegtmeyer“ die Sandwiches zubereitet hatte. Die lebt jetzt in Neuseeland, wusste ich, nur einen Gruß würde ich ihr wohl nicht ausrichten können, da ich nur indirekten Kontakt zu ihr habe, über Anke nämlich, die mal Barfrau im „Herr Tegtmeyer“ war. Sechs Tage nur dauerte das vermeintliche Nichts. Ebenjene Anke stand nun bei der Neueröffnung des „Herr Tegtmeyer“ plötzlich vor mir und sagte: „Schau mal, wen ich mitgebracht habe.“ Keine Woche später richtete ich also Dina doch noch den Gruß aus. Ein fröhliches Wiedersehen. Der Absurditäten Krönchen: Ich traf Dina in genau dem Moment, als ich gerade „Invocation“ von Killing Joke auflegte, deren durchgeschossener Sänger Jaz Coleman mehrmals mit Neuseeländischen Orchestern zusammenarbeitete, womöglich auch bei dem Stück. Und als übernächsten Track hatte ich „Alive“ von der neuseeländischen Band Shihad vorbereitet. Definitiv, da liegt etwas Erbsenhaftes im Weltengeist.

„Die Stadt ist eine Erbse“ ist auch zunächst der Arbeitstitel für das Buch, das Toddn herausbringen will. Vermutlich wird es dabei bleiben, nichts ist schließlich so dauerhaft wie ein Provisorium. Am Sedan-Bazar will sich Toddn übrigens ebenfalls beteiligen, mit einer Aktion, die er als Kritik am Kunstmarkt verstanden wissen will: Er verkauft 40 „Schnitzelwerke“, wie er sie nennt, im Gesamtwert von einer Million Euro. „Nur an diesem Tage“, wie er betont, veräußert er jedes Werk für 25 Euro pro Stück, inklusive einem Zertifikat, das belegt, dass das Objekt im Moment der Übergabe sofort 25.000 Euro wert ist. Dafür müssen die Kunden nur ihrerseits wieder einen Käufer finden, dann schlagen sie Kapital aus dem Kunsterwerb. Toddn und ich vereinbaren noch die nächsten Schritte in Bezug auf unser Buch, dann verschwindet er, um sein Auto aus dem Strafzetteleinzugsgebiet zu entfernen.

Zurück an der Theke, lasse ich mir eine Kaffee-Kola kredenzen. Chris sortiert CDs für den Sedan-Bazar, mit einem besonderen Grund: „Es gibt unsere allseits beliebte Aktion ‚Fünf CDs für fünf Euro‘.“ Er verpackt dafür Neuheiten, Promos und andere Tonträger. „Die Aktion ist so beliebt, die haben wir zu einem Jubiläum mal gemacht“, staunt Chris selbst. Die Maßnahme hat viele Vorteile: „Wir wollen Platz schaffen und den Leuten etwas Gutes geben.“ Wichtig sei, dass dabei auch musikalische Perlen in die Pakete wandern, kein Ausschuss. Und erstmals gibt es die Aktion auch mit Vinyl: „Drei für zehn Euro aus dem aktuellen Ladenbestand.“ Einen Blick auf die Auswahl erhasche ich und kann bestätigen: Wer die Überraschungspakete erwirbt, findet darin einige Schätze. „Das hat so eingeschlagen“, freut sich Chris, und das wird es sicherlich wieder.

Eingeschlagen hat nicht nur bundesweit der Kinofilm „Victoria“ von Sebastian Schipper, sondern auch bei Chris und mir. „Das war kein Film über einen Bankraub – das war ein Bankraub“, sagt Chris energisch. In der Tat, der Film ist ein wahres Kunststück, wie man es heutzutage selten noch findet. Über zwei Stunden an einem Stück gedreht, und man vergisst genau diesen Umstand irgendwann, weil die Geschichte dahinter einfach stimmt. Ein Film, der nachhaltig im Bewusstsein bleibt.

Chris ist heute etwas in Eile bei seinen Aktivitäten, er will nämlich noch mit Marcus nach Berlin fahren. Nachher geben Faith No More ein exklusives kostenloses Clubkonzert für den TV-Sender Arte, für das man sich allerdings online registrieren muss, und Chris hat die Bestätigung für seine Registrierung erhalten. „Ich bin kein Faith-No-More-Fan“, stellt Chris klar, „aber von Mike Patton!“ Wir bestellten uns kürzlich beide die LP von dessen Parallelprojekt Tētēma. „Die steht noch ungehört bei mir“, gibt Chris zu. Bei mir nicht: Sie ist der akustische Gegenentwurf zum kommerziellen Comeback-Album „Sol Invictus“ von Faith No More, so viel ist mal sicher. Als Referenz an Chris‘ Ausflug nehme ich mir die „Sol Invictus“-LP gleich mal mit. Chris schreibt mir nachts, das Konzert sei „kurios und famos“ gewesen. Auf seinen Bericht bin ich gespannt. Gegensätzlicher könnte es kaum sein: Parallel schickt mir eine Freundin Fotos vom Roxette-Konzert in Köln, und sie ist nicht minder beeindruckt.

Den Rest des Tages verbringe ich ungeplant, aber wie immer gerne bei Serge und seinem Kreis bei tiefstphilosophischen und höchstaufschlussreichen Gesprächen. Wir sitzen so lange vor seinem Laden, dass selbst Uwe und Katrin von Raute Records längst Feierabend haben und wie üblich auf dem Weg zum Tante Puttchen bei Serge vorbeikommen. Uwe hat eine Tüte mit einer LP in der Hand, er nimmt offenbar etwas Arbeit mit nach Hause. Doch weit gefehlt: „Immer, wenn Lukas arbeitet, bringe ich ihm eine Platte aus der Ein-Euro-Kiste mit“, erklärt Uwe. „Er muss erst bezahlen und darf dann gucken.“ Serge und ich dürfen schon vorher einen Blick werfen: Es ist eine Greatest-Hits-Zusammenstellung von Dionne Warwick. „Gute Platte“, findet Serge. Wir setzen uns flugs zu Uwe und Katrin, denn die beiden haben wie immer Geschichten zu erzählen. Etwa von ihrem ersten Date, damals in Celle. Dabei fällt trotz aller sommerlicher Kälte endlich etwas Sonnenlicht durch den Handelsweg auf uns. Ein schöner Abschluss für diesen Tag. Hoffen wir, dass es am Samstag zum Sedan-Bazar endlich warm und trocken wird.


Matze Bosenick
www.krautnick.de

#86 Geschenke!

15. Dezember 2014


Montag, 15. Dezember

Weihnachtstrubel ühüberall. Gestern noch war schönstes Spätherbstsonnenwetter, heute sieht es wieder nach November aus. Nicht mal die bunt blinkende Weihnachtsdeko macht einen Unterschied zum Vormonat, denn die hing zu dem Zeitpunkt auch schon. Früher, als noch alles aus Holz war, und den Rest spare ich mir. Erstaunlicherweise findet sich im Café Riptide keinerlei weihnachtliches Interieur. Stattdessen fällt mein Blick erstmals auf die Autogrammkarte von Eintracht-Trainer Torsten Lieberknecht, die neben der Kasse angebracht ist. Weihnachtsgeschenke wiederum sind auch im Riptide Thema, denn viele Gäste erwerben hier welche, Schallplatten zumeist, natürlich. Jasmin nimmt Bestellwünsche am Telefon entgegen und legt Chris und André Zettel parat, damit die, sobald wieder zurück im Café, dann die Tonträger beim Händler anfordern. „Jetzt gehen die Weihnachtsgeschenkebestellungen ein“, stellt Jasmin fest. Und bis zum Fest könnte es damit jetzt doch noch arg knapp werden.

Eigentlich will ja niemand den Geschenkewahnsinn mitmachen, aber wenn man sich die Stadt so ansieht, bekommt man doch andere Eindrücke. Da stellt sich mir die Frage, was denn ein gelungenes und nachhaltiges Geschenk überhaupt ausmacht. Die Frage nach dem größten Geschenk des Jahres reiche ich der Einfachheit halber an die Gäste weiter und lasse dabei offen, ob die Befragten das Geschenk gegeben oder erhalten haben sowie ob es materiell war – oder nicht.

Nicole:

Das größte Geschenk war für mich, dass meine zwei Töchter beide im Sommer eine Arbeit oder einen neuen Start geschafft haben. Die eine hat Abitur gemacht, die andere ihre Ausbildung abgeschlossen. Das war ein schönes Geschenk.

Die Töchter sind 18 und 21 Jahre alt, sagt Nicole. Sie ist eigentlich im Riptide, um nach Schallplatten zu suchen, doch ist keiner ihrer Wünsche vorrätig, also macht Jasmin entsprechende Notizen. Auf diesem Zettel stehen nun neben Nicoles Kontaktdaten die Namen The Divine Comedy, Ben Watt und Pure Moon. Letztere kenne ich nicht. Das sei ein Ableger von Leuten, die in einer anderen bekannten Band mitmachen, sagt Nicole: „Ich weiß es nicht genau, ich habe es gestern im Radio gehört, auf Radio Okerwelle, sonntags morgens von 9 bis 12 Uhr, eine schöne Sendung.“ Sie hofft, dass Chris und André mit der Bestellung weiterhelfen können, und will später in der Woche wiederkommen.

Mehr Zeit hat Miriam, die mit ihrem Begleiter Kaffee trinkt und dabei die Klingeltöne ihres neuen Telefons ausprobiert.

Miriam:

Das größte Geschenk ist Gesundheit.

Was wie eine hingeworfene Floskel klingen mag, hat für Miriam sicherlich eine tiefe Bedeutung. Ihr Lächeln, während die die Antwort gibt und Details vermeidet, spricht Bände, die diese Schlussfolgerung begünstigen. Ihr nächstes Lächeln richtet sich an Jasmin, die den bestellten Bagel an Miriams Tisch bringt.

Noch ist Jasmin allein im Café, Chris kommt später aus dem Büro herüber. Demnächst setzt sie die Suppe der Woche an, „Süßkartoffel-Kokos mit Pfiff“, wie es die Tafel neben der Küche verrät. Zuvor erfüllt sie die Bestellung von Holger, „eine Spezi zum Mitnehmen“, die sie ihm sogar verschlossen in die Hand drücken könne. Und das tut sie.

Holger:

Das größte Geschenk war der Besuch bei meiner amerikanischen Gastfamilie, ich war dieses Jahr mal wieder drüben. Es war ein großes Geschenk, sie nach einem Jahr Pause dieses Jahr für sechs Wochen wiederzusehen. Wenn man Menschen nach langer Zeit wiedersieht, freut man sich sehr.

Im Osten der USA wohnt Holgers Gastfamilie, in Pittsburgh, Pennsylvania. Er schnappt sich die verschlossene Speziflasche und stürmt in den Herbststurm hinaus.

Nur unwesentlich mehr Zeit haben Antje und Marco, die sich in der Sitzecke des Cafés auf einen Termin vorbereiten. Ihre Antworten lassen Dramen erahnen.

Marco:

Dass ich lebe.

Antje:

Auf jeden Fall Gesundheit, und da würde ich fast mit dir mitgehen (blickt zu Marco): dass ich dieses Jahr überlebt habe.

Abgesehen davon, dass sie keine Zeit haben, lässt es Antje und Marco die Tiefe ihrer Antworten nicht zu, sie zu spezifizieren. Antje lässt lediglich das Wort „Selbstverwirklichung“ fallen, dann widmen sie sich wieder eifrig dem anstehenden Termin.

Gegenüber, in der anderen Ecke, sitzt Kyra und tippt noch eben eine Grußformel in das Dokument auf dem Bildschirm ihres Laptops, den sie dann zuklappt.

Kyra:

Das größte Geschenk sind für mich die Menschen, die mir begegnet sind.

Auch Kyra fällt es schwer, da genauer zu sein. „Ich bin für eine kurze Zeit woanders hingegangen“, sagt sie. „Das war schön, eine coole Erfahrung.“ Es sei darum gegangen, etwas zu tun, vor dem man Angst hat, und dann zu erleben, dass es funktioniert. „Das sollte man machen, ist ein guter Tipp“, sagt sie. Sie überlegt kurz: „Vielleicht nicht einen Hai streicheln.“ Sie überlegt wieder: „Oder vielleicht doch.“ Kyra sitzt öfter im Ritpide, sagt sie, denn sie ist nur zweimal um die Ecke, im LOT, Theaterpädagogin. Und Mitglied im „Drecksclub“, von dem mir schon so viele Leute vorgeschwärmt haben. Der findet am Donnerstag und Freitag jeweils ab 20 Uhr wieder im LOT statt, und vielleicht schaffe ich es ja am Donnerstag endlich mal dorthin, denn der Freitag ist bereits ausverkauft.

Ans große Fenster setzt sich Lukas und berichtet breit grinsend, wie stressig es selbst für ihn als Radfahrer eben war, sich im Weihnachtsverkehr zwischen den offenbar von Orientierungslosen gesteuerten Autos hindurch zu bewegen. Während er auf zwei Freunde wartet, öffnet er die Folie des Karamellkekses, der seinem Kaffee beiliegt.

Lukas:

Das größte Geschenk ist, dass mein Bruder ganze sechs Tage zu Besuch kommt statt nur zwei. Das ist cool.

Über Weihnachten wird das sein. Lukas‘ Bruder lebt seit anderthalb Jahren in Kalifornien, „er hat noch dreieinhalb Jahre vor sich“, so Lukas. „Sein Doktorprogramm.“ Jetzt treffen auch Lukas‘ Freunde ein, ich räume den Platz und kehre an die Theke zurück.

Dort trifft jetzt auch Chris ein, schwer bepackt mit einer schwarzen Kiste kommt er aus dem Büro herüber und stürzt sich sofort in die anliegende Arbeit. Dazu gehört, bestellte CDs auszugeben, darunter an eine regennasse Kundin, deren Antwort auf meine Frage nach dem größten Geschenk sie emotional so mitnimmt, dass sie ihren Namen nicht preisgeben mag.

Kundin:

Ich hab’s gerade bekommen, und zwar eine CD, selbst zusammengestellt. Es ist kein materielles Geschenk, weil’s ganz persönliche Musik ist. Der haut gerade ab, der Typ, der sie zusammengestellt hat.

Mehr möchte sie dazu nicht verraten, aber von Chris mehr erfahren zu CDs, die sie bestellen möchte, in der Hoffnung, dass sie noch bis Weihnachten im Riptide eintreffen werden. Dann geht sie und bedankt sich lächelnd, als ich ihr alles Gute wünsche.

Deutlich deutlicher ist das größte Geschenk für Insa, die neben Felicia auf dem Sofa sitzt: Ihre Tochter Alva, die sie auf dem Arm hat. Während Alva noch den Schlaf aus dem Gesicht bekommen muss, strahlt Insa übers ganze Gesicht.

Insa:

Meistens bist du das größte Geschenk, nicht wahr, Alva?

Dreieinhalb Monate alt ist Alva, Insas erstes Kind. Der Name Alva ist skandinavisch: „Kennst du Astrid Lindgren?“ Selbstverständlich! „Ich hatte nicht den Bezug, aber in ‚Madita‘ kommt das vor.“ Das wusste auch Felicia nicht. „Das Kindermädchen hieß Alva“, erklärt ihr Insa. Sie hat sich jetzt deshalb auch das Buch angeschafft, sagt sie.

Felicia:

Mein Geschenk kommt ein bisschen verspätet an.

Denn erst im Januar ist es bei ihr so weit. Ihre Stimmung pendelt deshalb zurzeit zwischen aufgeregt und nervös, aber im Moment ist Felicia sehr entspannt. Auch sie hat im Riptide gearbeitet, seit Mai: „Bis es unpraktisch wurde mit dem Bauch.“

In der Küche ist Chris beschäftigt, Jasmin an der Theke. Über Weihnachten ist das Café zwei Tage lang geschlossen, am 26. geht es hier weiter. Die Pause sei ihnen sowas von gegönnt. Das ist ja auch ein Geschenk.

Mein eigenes größtes Geschenk des Jahres? Das muss sich erst noch herausstellen. Ich bin seit einigen Monaten an einem Wendepunkt im Leben angekommen und habe Dinge verändert und Weichen gestellt. Einiges bewerkstellige ich selbst, anderes ist mir widerfahren. Nicht alles davon ist auf den ersten Blick als positiv oder negativ einzuordnen, das wird die Zeit zeigen; dann könnten einige der Punkte hier auftauchen. Geschenke waren für mich definitiv, dass sich meine im anonymen Internet gefundenen Gastgeber in Antwerpen und Genua als in übermäßig vielen Punkten mit mir kompatibel herausstellten, und zwar so sehr, dass ich auch nach der Reise noch Kontakt mit ihnen habe, und das ist mir in all den Jahren, in denen ich nun reise und privat unterkomme, noch nicht passiert. Sowohl Sonja in Antwerpen als auch Silvia und Stefano in Genua fand ich über Airbnb, und das sind dann die Vorteile an der Globalisierung. Und so etwas wie das Riptide, das ist sowieso immer ein Geschenk.


Matze Bosenick
www.krautnick.de

#85 3D-Musik

19. November 2014


Mittwoch, 19. November

Wenn ich so durch das novembervernebelte Braunschweig gehe, besonders in Okernähe, kommen mir auf wundersame Weise Bilder in den Kopf, wie ich mir London vor rund 100 Jahren vorstelle. Ein schlanker, großer Mann und ein kleiner rundlicher spazieren die Themse entlang, der große raucht Pfeife. Ihre Konturen verschwinden im Nebel, und wenn ich mit ihnen Schritt halte, kann ich sie immer wieder daraus hervortreten sehen. Sicher, die Themse ist unwesentlich breiter als die Oker, und wenn man Sir Arthur Conan Doyle Glauben schenkt, schwammen da auch deutlich mehr Leichen drin herum, aber wir in Braunschweig haben ja Hardy Crueger, und dessen Oker-Body-Count allein in seiner Geschichte „Der Untergang“ toppt alle Themse-Leichen Doyles zusammen. Moment, macht der November mich etwa morbide? Es wird wohl Zeit, dass der Weihnachtsmarkt eröffnet, dann wird es wieder bunt in der Stadt und, mit genügend Glühwein, Jagertee, Punsch oder Met, auch im Kopf. Man mag eigentlich noch gar nicht daran denken, aber schon nächste Woche ist es so weit. Von drauß‘ vom Walde süßer die Glocken.

Im Café Riptide ist es gemütlich illuminiert und warm, ich lasse die permanente Dämmerung des Hochherbstes hinter mir. Verabredet bin ich mit Katharina, die wiederum die mir weitgehend unbekannten Rolf und Sven dazugeladen hat. Für diese beiden ist der Aufenthalt im Riptide eine Premiere. Bis zur Bestellung vergeht daher einige Zeit, mit intensivem Blick in die Karte, da Sven Hunger hat, sich aber mit dem Speisenangebot im Café nicht richtig anfreunden kann. Ich schon, ich bestelle den Bonanza-Burger mit Käse und eine Fritz-Kola-Kaffee. Katharina wünscht sich eine Kanne Chai-Tee, Sven einen ganz und besonders starken Kaffee und Rolf einen Milchkaffee.

Sowohl Rolf als auch Sven haben extrem bewegte Biografien. Was Rolf mir erzählt, wäre genug Stoff für einen Roman vom Format einer mehrbändigen Lexikothek und inhaltlich auch mindestens so schwer wie so ein Stapel Bücher. Sven berichtet, dass er zu Hause am PC Musik macht, unter dem Anagramm Sevn. Die Sieben spielt eine große Rolle bei ihm, denn sie findet sich in Tag, Monat und Jahr seines Geburtsdatums wieder. Sevn war früher sein Spitzname, nach dem David-Fincher-Film „Seven“, aus dem für seine Freunde ungewöhnlicherweise ausgerechnet er mit einer nachhaltigen Heidenangst herausging. Den Namen Sevn hatte er von da an weg. Bis heute, auch als Künstler. „Eigentlich wollte ich mich ‚Sevn Deluxe‘ nennen“, sagt Sven. „Aber das war mir zu lang.“

Ambient und Elektro sind seine Favoriten. „Auch Drum And Bass mixe ich hin und wieder, wenn ich Bock drauf habe“, erzählt Sven. Als nächstes Projekt plant er, drei oder vier Platten am PC gleichzeitig laufen zu lassen, „3D-Musik“, wie er es nennt. Eine der Platten müsse etwas langsamer laufen, „das gibt einen fetten Sound“. Doch sei es „anstrengend, alle Plattenspieler gleichzeitig zu starten“, so Sven. „Bei einer muss ich hinterherpitchen, eine andere stoppen.“ Seine Experimente macht er mit der Software Virtual DJ: „Da komme ich am besten mit klar.“ Mich erinnert das Konzept an „Zaireeka“ von den Flaming Lips: Das Album verteilte die Band auf vier Tonträger, die man gleichzeitig abspielen musste, um das Gesamtwerk dabei herauszubekommen. So meint Sven es aber nicht, er will aus einem einzelnen Track eine 3D-Version erzeugen. Bei The Prodigy, einer seiner Lieblingsbands, gehe das aber nicht, stellt Sven fest: „Die kann man gar nicht mixen, innerhalb des Liedes werden die schneller und langsamer, sie schwanken.“

Vor seiner Operation hatte Sven ein Projekt mit einem anderen Braunschweiger und mit dem sogar eine CD veröffentlicht. An den Namen des Projektes kann er sich aber nicht mehr erinnern. Wegen der Operation. Vor 14 Jahren entfernte man Sven einen Gehirntumor. Danach war für ihn alles anders. Das ganze Leben. Nicht nur schloss er mit seiner Vergangenheit ab, auch musste er sein Gehirn neu konditionieren, die Synapsen neu verknüpfen. „Wenn ich Schmerzen hatte, lachte ich“, erzählt Sven. „Wenn es mich am Fuß juckte, kratzte ich mich am Ohr.“ Er versank in Schwermut. Doch rappelte er sich nach vielen weiteren Schwierigkeiten wieder zurück ins Leben. Jetzt hat er nur noch drei Prozent seiner Sehkraft übrig und einen Tunnelblick und zudem ein enorm eingeschränktes Kurzzeitgedächtnis. Das alles ist der Grund, weshalb man sein Projekt Sevn nicht im Internet findet: Er schützt sich damit vor versehentlichen konstenintensiven Fehlklicks, die er aufgrund seiner Sehschwäche womöglich ausführen würde. Daher bitte ich ihn, mir über Rolf und Katharina eine CD mit seinen Tracks zukommen zu lassen. Rolf übernimmt nämlich ehrenamtlich die Betreuung für Sven, und das schon seit vier Jahren. Zwei Aufgerappelte, die sich im Leben mit Mut und Freude ergänzen. Und jetzt los wollen, Sven hat Hunger, er denkt an eine Pizza mit Chilis. „Ich habe erst heute Morgen eine Chili gegessen“, sagt Sven. „Weil mir kalt war.“

Solche Geschichten relativieren das eigene kümmerliche Gewese. Was ist das schon, ohne Arbeit, aber mit diffusem Liebesleben, und mit diversen Aufgaben, die als Folge einer verkorksten Erziehung in der Gegenwart schwergewichtig die Seele niederdrücken. Über solche Eckpunkte tausche ich mich mit Marcus aus, der eigentlich nur eine Platte als Geburtstagsgeschenk kaufen möchte. Lustig, das letzte Mal, als wir uns trafen, vor einer Weile in der Juliusstraße, hatte er auch eine Platte als Geburtstagsgeschenk dabei, die er im Riptide erworben hatte, „20“ von Tocotronic nämlich. Dieses Mal soll es eine 10“ von The Black Angels sein, die zum Record Store Day im April herausgekommen ist. „Wenn ich das hier finde“, schränkt Marcus ein und durchsucht die Schallplattenfächer. „Wenn, dann im Record-Store-Day-Fach“, hilft André über die Theke hinweg. Doch Marcus schüttelt den Kopf. „Ist sie weg?“, fragt André. Nachträglich bestellen sei bei RSD-Produkten nahezu unmöglich, bedauert er. „Kann sie auch irgendwo anders stehen?“, fragt Marcus. André nickt: „Guck unter B unter Indie-Rock-Pop.“ Das macht Marcus. Ein „Ha-haaa!“ aus seiner Ecke zeugt vom Glück des Suchenden. „Ist aber ’ne 12“.“ Er bringt das Stück zum Thresen, „Clear Lake Forest“ heißt es. „Das geht in Richtung 13th Floor Elevators“, beschreibt Marcus die Musik. Nicht ganz so „fuzzy“, „ein bisschen Black Rebel Motorcycle Club, schwer zu beschreiben“. André rechnet und kassiert und fragt: „Brauchst du eine Tüte?“ Marcus überlegt kurz und bejaht. „Eine Papiertüte ohne Henkel oder eine aus Plastik?“ Auch da überlegt Marcus und entscheidet dann: „Lieber aus Plastik.“ Er sei noch eine Weile in der Stadt unterwegs und wolle das Geschenk geschützt wissen. Marcus und ich kennen uns, weil wir vor über zehn Jahren im selben Haus wohnten. Wiedersehen werden wir uns im Riptide, versichern wir uns zu seinem Abschied.

Jetzt, zwischen spätem Nachmittag und Vorabend, wird es ausnahmsweise einmal etwas ruhiger im Café. André weist Laura in den Küchen-Ablauf ein. „Bestell mal was“, fordert André mich grinsend auf. Hab ich ja schon, vom Burger und den beigelegten Tortillachips bin ich noch hinreichend satt. Jasmin, die an der Theke steht, ist empört: „Meine Rote-Beete-Suppe hättest du probieren sollen, sie ist mir richtig gut gelungen.“ Sie deutet auf die Tafel an der Wand, auf der die nämliche Speise beworben wird. Wird Rote Bete nicht nur mit einem E geschrieben? Ich erinnere mich, dass ich mich als Kind wunderte, dass das so ist, weil das Wort nach zwei E klingt. So sieht es Jasmin auch und widerspricht mir daher. Wird aber unsicher und guckt im Internet nach. „Wenn ich ‚Rote‘ eingebe, kommt sofort ‚Beete‘ mit zwei E“, sagt sie. Das Suchergebnis spricht aber etwas anderes: Der Duden gibt der Variante mit einem E den Vorzug, lässt die mit zwei E aber inzwischen als korrekt gelten. Wir staunen und sind uns einig: Das Wort klingt einfach so, als verlange es nach zwei E.

In der Küche bekommt Laura von André jetzt gezeigt, wie man ein Fladenbrot zubereitet. André zeigt ihr, wo sie Zutaten und Werkzeuge findet, und was sonst noch alles zum Dienst in der Küche gehört. André bringt das bestellte gut duftende Fladenbrot an den entsprechenden Platz. Neu im Riptide ist Laura nicht: „Nee, nur im Küchendienst neu eingearbeitet“, sagt sie. „Ich bin schon seit Sommer hier.“ Gleich hat sie Feierabend, ebenso wie André und Chris, der aus dem Büro herüberkommt. Er will noch ins Kino.

Das Kino selbst wiederum war in der vergangenen Woche im Riptide. Zum 28. Mal fand das Braunschweiger Internationale Filmfest statt, vom Ausrichterverein selbst kurz BIFF genannt. In diesem Rahmen gab es eine Neuerung: Seit fünf Jahren veranstalten das Filmfest-eigene Universum-Kino und das Riptide die Musikfilm-Reihe Sound On Screen, jetzt war diese erstmals ins BIFF-Programm integriert. Am Eröffnungstag sah ich aus der entsprechenden Reihe den Film „Pussy Riot – The Punk Prayer“. Der einzige Film, den André in der Zeit sah, war der über Elliott Smith. Das Riptide war in der Filmfest-Woche Schauplatz für manche Party, etwa am Donnerstag nach dem Film „Pulp“ über die gleichnamige Britpopband. „Da hatten wir illustre Gäste hier“, berichtet André. Darunter war etwa „Pulp“-Regisseur Florian Habicht. Eine HBK-Studentin illuminierte das Riptide für die Party mit einer hochklassigen Beamer-Show. „Am Wochenende, Freitag und Samstag, waren’s nochmal zwei stramme Tage“, so André. „Das Schöne ist, wenn du hier im Laden bist und hörst kein Deutsch – das finde ich immer ganz nett.“

Nachdem Beate und Imke vom Filmfest nach der Sound-On-Screen-Premiere von „20,000 Days On Earth“, der fantastischen Pseudo-Doku über Nick Cave, auf Michas und mein Bitten, doch den Film „The Salvation“ von Kristian Levring im Universum zu zeigen, etwas kryptisch reagierten, wunderten wir uns nicht, als wir den Film plötzlich im Filmfest-Programm wiederfanden. Hauptdarsteller Mads Mikkelsen erhielt nämlich den Filmfest-Preis „Europa“ und reiste für die Gala und das Künstler-Gespräch eigens von TV-Serien-Dreharbeiten in Kanada nach Braunschweig. Micha und ich lauerten im Foyer des C1 auf den Dänen, der 1996 in „Pusher“ von Nicolas Winding Refn zu brutalem Ruhm kam. Lustig, dass mir eine Freundin nur eine Woche zuvor in Mads‘ Heimatstadt Kopenhagen genau den Film auf DVD zeigte, weil er einer ihrer Lieblingsfilme ist. Und schon läuft er im Rahmen der „Europa“-Preisträgerreihe beim BIFF. Micha und ich warteten nun auf den Mann mit der markanten Oberlippe, länger als andere Celeb-Jäger, und hatten Erfolg und Misserfolg gleichzeitig: Zwar lief Mads an uns vorbei, aber von einer undurchblickbaren Entourage umgeben und in einem irrwitzigen Tempo, dass ich ihn gar nicht wirklich zu sehen bekam. Micha schon, der war später bei der Gala. Hinterher erfuhr ich, dass Mads das Festessen kniff – und mit jemandem vom Filmfest bei Güney in der Friedrich-Wilhelm-Straße einen Döner aß. Das ist eine angemessene Art, Braunschweig kennen zu lernen.

Wie auf Kommando kommt Micha ins Riptide, zeitgleich mit Nicolai, der seine Schicht antritt. Jasmin händigt Micha eine Rolle Plakate für die nächste Staffel von Sound On Screen aus. Er hat es eilig, André, Chris und Laura haben Feierabend – ich kehre zurück in die Novemberluft. Die ist jetzt nicht mehr grau, sondern schwarz. Die Nacht beginnt nun eben wieder früher und dauert dafür umso länger. Nebel hängt zwar noch nicht wieder über der Stadt und der Oker, aber die Bilder von mörderjagenden Privatdetektiven werde ich trotzdem nicht los. Na, sie sind angenehmer als Bilder von Mördern. Huch, schon wieder so morbide. Nächste Woche ist Weihnachtsmarkt. Da gibt’s nur Taschendiebe.


Matze Bosenick
www.krautnick.de

#81 Dröhnendes Ambiente

27. Juli 2014


Samstag, 26. Juli

Auch zwei Wochen nach dem Schlusspfiff geht es mir nach Feierabend oft so, dass ich mich darüber wundere, von nirgendwoher den Fernsehlautsprechersound übervoller Fußballstadien durch Braunschweigs Straßen tönen zu hören. Einen Monat lang hatte jeder halbwegs Fußballinteressierte die Gewissheit, sich um seine Abendgestaltung keine Sorgen machen zu müssen. Irgendwo lief immer irgendein Spiel. Dieses Mal ohne Vuvuzela, aber wieder mit dem unerträglichen Béla Réthy und seinen sogar noch unerträglicherern Kommentatorenkollegen wie Oliver Schmidt, Steffen Simon oder Tom Bartels. Fußball ohne Stadiongesänge will man nicht gucken, sonst hätte man den Fernseher einfach stummgeschaltet, aber der Preis dafür war hoch: Elend in die Länge gestückelte Schachtelsätze ohne Bezug zum Spielgeschehen ließen den Spielverfolgenden mit substanzlosen Infofragmenten wie „bei Bayer Leverkusen nur fünfmal“ vom spannenden Torsturm ablenken und womöglich den Anschlusstreffer verpassen.

Da waren die Kommentare der Mitguckenden durch die Bank besser. „Du hättest das machen sollen“ war ein häufig gehörter Satz, beim öffentlichen Gucken im Achteck vorm Café Riptide zumeist an Frauen gerichtet. Fußballgucken unter Massen kann gelegentlich befremdlich sein, im Riptide ist es anders, ebenfalls leidenschaftlich, aber mit größerer Distanz und mehr Humor. Wenn bei der Partie der deutschen Mannschaft gegen die aus Algerien aus der größtenteils weiblich besetzten Ecke bei unvorhergesehenen Stürmen der Algerier ein schrilles „verpiss dich!“ ertönte, war das vielleicht fachlich redundant, weil es schließlich kein Fußballspiel mehr wäre, verpissten sich die Gegner tatsächlich, zeugte aber von großer Passion und Empathie für die deutschen Kicker.

Bei dieser Begegnung saß ich mit Micha und Niclas am Cheftisch, neben mir bangte Chris gleichzeitig um Jögis Jungs und seine Technik. Was mir nicht klar war: Micha und Chris hatten mal zusammen Fußball gespielt, ich saß also in der Mitte zweier Experten, die sich auch noch über gemeinsame Erfahrungen austauschten. Die ironischen Kommentare von Zuschauern, die selbst spielen, haben natürlich eine ganz andere Qualität. Als Libero Manuel Neuer einmal mehr die Rolle des Torwarts übernahm und einen Ball zwar souverän, aber kompliziert vor dem Netz rettete, sagte Chris gespielt empört: „Den hätte ich mit der Mütze gefangen!“ Das Geschehen abseits des Spieles war also recht schnell interessanter als das Spiel selbst. Micha zückte in einer unbekümmerten Minute eine Duplo-Packung aus seiner Tasche und bot mir einen der Riegel an. Ich reichte ihn an Chris weiter, doch der winkte verschüchtert ab: „Oh, ich darf nicht – Fremdverzehr!“ Unter großem Gelächter nahm er sich dann doch einen der Riegel, biss aber nur hinter vorgehaltener Hand davon ab.

Weil es bereits um 18 Uhr begann, war das Spiel Deutschland gegen Frankreich deutlich besser besucht als die Nachtpartie gegen Algerien. Nicht nur das Achteck, der ganze Handelsweg war voll mit Leuten, die Fußball guckten. Serge und Niclas hatten vor Serges Laden die Logenposition, von der aus sie sowohl auf die Leinwand des Riptide als auch auf die des Tante Puttchen sehen konnten, daher setzten sie sich doch nicht wie zunächst verabredet zu uns an den Tisch. An dem hockten Steffi und Jens, die für den Kult-Tour-Blog mit Vera sprachen, und zwar über ihre Studiums-Abschluss-Ausstellung „Panorama Panik Botanik“ im Torhaus am Botanischen Garten, sowie Micha, Jessy und Viola. Besonders diese drei betätigten sich als versierte Kommentatoren-Kommentatoren, mit absichtlichen Falschverstehern und Wortverdrehern – viel zu vielen und zu situationsbedingten, um sie wiederzugeben. Violas wiederholte Forderung nach dem „Trikottausch“ erfuhr jedes Mal lautstarke Zustimmung. Mit Steffi und Jens sah ich insgesamt diverse andere Spiele, unter anderem das Halbfinale gegen Brasilien, bei dem wir vor lauter Staunen nicht zwischen dem 4:0 und der Wiederholung vom 3:0 unterscheiden konnten. Monsieur Réthy berichtete über diese in Belo Horizonte ausgetragenen Partie, was Steffi mit „dann ist ja Béla in Belo“ kommentierte. Steffi und Jens sind ohnehin Meister der pointierten Dialoge. Steffi hatte in der heimischen Küche ein Fruchtfliegenfalle gebastelt und bat Jens, die „Frufliefa“ rauszubrigen. „Die was?“, fragte Jens, als sie ihm die durchsichtige Plastiktüte mit dem schwirrenden Inhalt aushändigte. „Ach, ich seh schon: Fruchtfliegenfarm.“

Tja, und jetzt ist die Weltmeisterei vorbei, es ist die Stille vor der Bundesliga. Aber so richtig Sommerloch ist in Braunschweig deshalb noch lange nicht ausgebrochen. Was alleine heute wieder alles los ist. Open Air am Dowesee, Spielemeile auf dem Kohlmarkt, Sommerlochfestival vor den Schlossattrappen, Sommerfest in der HBK und Sedan-Bazar im Handelsweg. Zweite Auflage, etwas früher im Jahr als die erste, aber mit ähnlich umfangreichem Mit-allen-für-alle-Programm. Leider schaffe ich es erst am Abend, dazuzustoßen, da ist der Handelsweg zwar immer noch zum Bersten gefüllt, das Programm aber gelaufen und die Sonderaktionen abgebaut. Nun, man kann nicht alles haben, und das wäre auch zu viel verlangt, denn „alles“ ist in Braunschweig mittlerweile gottlob eine nicht mehr fassbare Menge. Also stelle ich mich zu Raze und Gideon, der dieses Mal als Gast in Achteck sitzt. Wie sollte es anders sein, angesichts des sich anbahnenden Sommers: Reisen ist unser Thema, und Gideon erzählt unter anderem, wie er mit seiner Band Finders Keepers in Schweden war. Die Band ist in Hamburg lokalisiert und macht melodischen Hardcore. Auch in Braunschweig gibt es eine Hardcore-Szene, bemerke ich, doch gebe es da tatsächlich Unterschiede, meint Gideon. Aus der Braunschweiger Szene kenne ich Iggy, der unter „Heart And Passion“ unter anderem im B58 Straight-Edge-Veranstaltungen organisiert. Auch Gideon kennt ihn: „Das macht er auch in Hamburg“, berichtet er. Und hat neuerdings auch eine eigene Band, Almost Equal. Aufschlussreich finde ich, dass ich Iggy von seinem Arbeitsplatz kenne, aus der Musikabteilung bei Müller in Wolfsburg nämlich. Das ist erfrischend: In Wolfsburg gibt es mit Müller und Saturn nur zwei Möglichkeiten, sich Schallplatten und CDs zu kaufen; beides sind Handelsketten, aber bei beiden sind Fachleute beschäftigt, die wirklich welche sind – man kann tatsächlich mit Freude und Genuss in Wolfsburg Musik kaufen gehen.

Falls man nicht in Braunschweig bleibt, hier geht das natürlich auch bestens, und wie zum Beweis schlendern Uwe und Katrin von Raute Records an unserem Tisch vorbei und grüßen. Nebenan, vor der Einraum-Galerie, bricht ebenfalls Hardcore los: Ronny Mono gibt Spontan und mit Unterstützung einen akustischen Kurzgig, wie gewohnt hochenergetisch, mitreißend, ohne Rücksicht auf Selbstverhorstung und damit komplett akzeptiert, schreit er seinen Song wild hüpfend und breit grinsend in den Nachthimmel. Die Leute um ihn herum grinsen nicht minder, Stefan von der Galerie hält den Ausbruch mit seinem Mobiltelefon fest, hochkant. Selbst als Zuspätzumfestgekommener hat man damit noch etwas Livemusik abgepasst, und nicht die letzte, anschließend erklingen nämlich aus Helmuts Strohpinte gedämpfte Stonessongs.

Polen wird unser nächstes Thema, nicht nur, weil sich Ania mit Jens zu uns setzt. Sie kommt im Sommer gerne nach Braunschweig, um sich ihr Studium in Polen zu finanzieren. Wir kennen uns schon seit ein paar Jahren und ich freue mich, dass sie frisch wieder da ist. Gideon war kürzlich in Polen, erzählt er, mit einem VW-Bus an der Ostseeküste, ein Traum. Raze will demnächst dort hin, nach Danzig, zum „Open Source Art“-Festival, insbesondere wegen Maps & Diagrams und Marcus Fjellström. Raze macht ebenfalls selbst Musik, als DR, und zwar Ambient mit Drones, und berichtet, dass er demnächst auf einem politischen Charity-Sampler mit einem Track vertreten sein wird.

Ambient und Drones passen jetzt eigentlich ganz gut zur Heimgehstimmung. Ich begleite Ania und Jens noch ein Stückchen und gehe dann allein weiter durch die Nacht. Vor dem Gambit sitzen noch Leute, und obwohl es schon zwei Wochen her ist, dass der Schlusspfiff erscholl, ertappe ich mich dabei, wie ich versuche, einen Blick auf die längst abgebaute Leinwand zu werfen, um den Spielstand zu erfahren. Immerhin, kleine Entschädigung: Die dritte Liga startete heute, der Chemnitzer FC steht an der Spitze, der Hallesche FC am anderen Ende, die Exoten von der SG Sonnenhof Großaspach sind am Sonntag erst an der Reihe, gegen Fortuna Köln. Die Eintracht ist erst am 1. August gefordert, zum Auftaktspiel der zweiten Bundesliga in Düsseldorf, wie die Eintracht ein One-Hit-Wonder in der Bundesliga, nur eine Saison früher. Die Bundesliga selbst startet erst am 22. August, dann sind unsere Nachbarn aus Wolfsburg bei den Bayern zu Gast. Die drei Punkte kann man den Wölfen nur gönnen.


Matze Bosenick
www.krautnick.de

#78 Das Leben ist kein Schimmel-Hof

22. April 2014


Dienstag, 22. April

Fein: Außer Blitzeis hat der April in Sachen Wetter alles zu bieten, wie es sich für einen April gehört, und das im Fünfminutenwechsel. Man fühlt sich fast wie in Irland, da ist das in manchen Ecken immer so. Einmal erlebte ich es dort sogar, dass wir mit dem Auto eine längere Zeit lang direkt neben einem Regenschauer her fuhren, ohne dass dabei die Windschutzscheibe nass wurde. Gestern, am Ostermontag, saß ich, weil das Riptide verdienterweise Pause machte, auf dem Kohlmarkt, für ein Schokoladeneis und einen Kaffee, und während ich so bei strahlendem Sonnenschein in meinem Buch las – „Schmorwurst am Brocken“, das neue von Axel Klingenberg –, regnete es mir plötzlich in die Seiten. Geblendet und verwirrt legte ich das gute Buch zur Seite.

Natürlich, ein „gutes Buch“, das ist das, was jeder liest: „In meiner Freizeit ein gutes Buch.“ Dieser Satz ist komplementär zu „Ich höre eigentlich alles“. Den neuen Klingenberg erwarb ich im Kingking Shop, gleichzeitig mit „Höllenglöckchen“, Micha-El Goehres Fortsetzung zu seinem Roman „Jungsmusik“, und von ihm steht noch das Kompendium „Monster, Monster“ aus, das Andreas Reiffer in seiner Edition Wissenswertes zu veröffentlichen beabsichtigt. Es wird Zeit, wir alle warten darauf! Bei Andreas Reiffer ist auch der Klingenberg erschienen, und ganz neu auch „Sandow: 30 Jahre zwischen Harmonie und Zerstörung“, eine Bandbiografie von Ronald R. Klein, die deutlich mehr ist als nur das, denn das Buch bildet auch den Musik- und Kulturbetrieb der DDR ab, mit allen Ressentiments, denen vor allem eine nicht mal im alternativen Bereich hinreichend anerkannte Punkband ausgesetzt war, sowie die Schwierigkeiten, sich dann im postsozialistischen Kapitalismus als wiederum nicht angepasste Punkband zurechtfinden zu müssen.

Interessanterweise greift das Buch ein Thema auf, das wir mit dem Silver Club vor anderthalb Jahren bedienten. Im Dezember 2012 bespielten wir die Mensa der HBK mit der „DDR Independent Musiknacht“. Wir zeigten auch den Film „Flüstern und Schreien“, offizielle Schreibweise: „flüstern & SCHREIEN“, eben auch über Sandow, und hatten den Drehbuchautoren Jochen Wisotzki als Talkgast auf der Bühne. Schön, wie sich das Thema nun in meine Aufmerksamkeit zurückschiebt.

Den Silver Club gibt es in seiner jetzigen Form seit satten fünf Jahren, selbst dabei bin ich seit 2009, als Gast zunächst, bei der „Französischen Indiesound Kulturnacht“ in der früheren Krabbenkuppel, in der jetzt laut Silver-Club-Chef Skapino wieder ein griechisches Restaurant geöffnet hat, und dieser für mich erste und in tatsächlicher Zählweise bereits vierte Silver Club begeisterte mich dergestalt, dass ich sofort mitmachen wollte. Tja, und vor wenigen Wochen feierten wir nun den fünften Geburtstag, in der Jugendkirche, die wir dankenswerterweise zum zweiten Mal bespielen durften, und wie da die Leute mit dem offenen Bier ehrfurchtsvoll in der überwältigend illuminierten Kirche standen, das beglückte ansteckend. Mein Auftrag war dieses Mal, während der Veranstaltung für Ordnung zu sorgen, also draußen die Aschenbecher zu leeren, überall die Tische abzuräumen, Gummibärchen nachzufüllen, Fragen zu beantworten, was auch immer, zumindest kam ich gut herum und möchte meine zurückgelegten Kilometer auch nicht gezählt bekommen, aber ich traf unglaublich viele freundliche Leute und hatte anregende Gespräche, und sei es nur en passant, als ich mitbekam, wie eine Besucherin ihrem Begleiter eine Packung Kaugummis hinhielt, er aber dankend ablehnte und sie die Packung an mich richtete, mit den Worten „Willst du? Kaugummi?“, woraufhin ich den abgegriffenen Nichtrauchersatz entgegnete, ich hätte es mir abgewöhnt, was sie schier entsetzt stutzen ließ: „Auch Kirsch?“

Nein, natürlich, Kirsch nicht, gerade jetzt nicht, da die ganzen Kirschbäume blühen, überhaupt, all das Grün, das jetzt hervorquillt, das hebt die Stimmung, und irgendwie hat es sich eigentlich in die Welt hineingeschlichen, denn was dieses Mal fehlte, war die scharfe Kante zwischen Winter und Frühling: Es lag ja kein Schnee, auf dessen Wegschmelzen man ewig gewartet haben konnte, und den dann irgendwann der Frühling mit seinen kraftvollen jungen Trieben verdrängen musste. Vielmehr schwenkte der Lenz wie beiläufig einfach ein. Irgendwann stellte man fest: Oh, hey, es ist wohl Frühling. Und jetzt, da auch die Okercabana wieder geöffnet ist, ist nach Spargel und Einbecker Mai-Urbock auch der letzte Frühlingsbote eingetrudelt. Am Eröffnungsabend war ich da, am Okerstrand, und es war, als wäre ich nicht zwangsgemäß seit einem halben Jahr nicht dort gewesen: Alles wie immer, am vertrauten Platz, die Pornopalme leuchtet orange, Coreas Metallpalmen stechen, die Theken, Bänke, Strandkörbe, Stühle und Krake Karlchen sind allesamt wieder dort, wo man sie kurz vor dem nicht erfolgten Wintereinbruch zuletzt gesehen hatte. Diese ist schon die neunte Saison für die Strandbar, 2006 zur so genannten WM im eigene Land, also dem Fußball-Verbrüderungs-Event, öffnete sie erstmals, und dieses Mal ist wieder Fußball-WM, da steht zu hoffen, dass ich das ein oder andere Spiel dort wieder zu sehen bekomme.

Oder im Riptide, Chris und André zeigten zuletzt bei der EM zumindest einige ausgewählte Begegnungen im Achteck auf der Leinwand. Bis dann ist es ja noch etwas hin. Aber auch ohne Fußball setzt man sich dieser Tage wieder nicht selbstverständlich nach drinnen, wenn man sich im Riptide verabredet, sondern trifft sich gleich in der Mitte zwischen Café und Rip-Lounge, auch ohne kältezurückweisende Decke. Wie kürzlich mit Arni, als wir buchbepackt aus dem Kingking Shop kamen, von Stefan bestens eingedeckt, und vor dem Heimweg noch im Riptide Getränke zu uns nahmen, eben im sonnenerhellten Achteck, und am Nachbartisch saßen zwei Gäste, die wir erst kurz zuvor noch im Kingking Shop sahen. Beleg: Ganz Braunschweig ist ein Kiez, man muss nur seine favorisierten Ecken finden, und wen sie so weit auseinanderliegen wie Café Riptide und Kingking Shop. Auch das ist, nebenbei, eine für mich schöne Braunschweigische Sommerattraktion: Vor dem Kingking Shop auf den Treppenstufen in der Sonne sitzen und von Stefan eine Tasse Kaffee bekommen. Schon bei seinem Vorgänger Pott war das eine energiespendende Freizeitverbringungsart, Stefan führt diese Gastfreundlichkeit kundig fort.

Als ich am Samstag mit Henrik unterwegs war, Flyer und Plakate für die nächste Indie-Ü30-Party zu verteilen, was wir seit sieben Jahren und also 14 Partys jeweils fünf Wochen vor ebenjenen tun, einmal quer durch Braunschweig, durch Supermärkte, Lokale und Läden, goss uns Stefan auch einen ein. Diese kleinen Pausen machen unsere Ochsentour immer sehr attraktiv. Für Henrik, den Leverkusener aus Celle, ist Braunschweig in manchem Bezug ein Böhmisches Dorf mit sieben Siegeln, und da er nur alle fünf Wochen mal hier sein kann, hat er auch einen anderen Blick auf Selbstverständlichkeiten, die einem als täglichen Braunschweiger gar nicht bewusst werden. Zwischen Erna & Käthe, Charly’s Tiger und der Brunsviga beispielsweise kamen wir auch am Restaurant Sukiyaki vorbei, und während wir die Straße kreuzten, murmelte Henrik den Namen des Restaurants vor sich hin, vertauschte dabei aber ohne böse Absicht das A und das U, und es dauerte bei uns beiden zwei, drei Momente, bis wir begriffen, was er da letztlich gesagt hatte. Fremd waren ihm auch die früheren Örtlichkeiten des Braunschweiger Klavierherstellers in der Hamburger Straße, und mit Blick auf das Braunschweigern altbekannte Schild stellte er ganz treffend fest: „Das Leben ist kein Schimmel-Hof.“

Genau der Samstag war nicht nur der einzige verkaufsoffene Tag zwischen Karfreitag und Ostern, sondern auch noch Record Store Day, der Tag, an dem Plattenlabels unabhängige Plattenläden damit unterstützen, dass sie besondere Musikprodukte ausschließlich an diesem Tag und ausschließlich in ausgewählten Läden feilbieten. Das Riptide und Raute Records gehören in Braunschweig dazu. Für Raute waren Henrik und ich zu spät dran, Uwe und Katrin hatten schon zu, als wir im westlichen Ringgebiet unterwegs waren, aber das Riptide hatte noch offen. Den großen Sturm hatten wir wohl verpasst, wie Nina uns von der Theke aus versicherte, denn es war überraschend entspannt gegen Abend. Chris, André und Jasmin hingegen hatten mir zuvor von ihren Erfahrungen aus den Vorjahren berichtet, als die Sammler am RSD scharenweise das Riptide gestürmt hatten. Deshalb nutzten die beiden Chefs dieses Mal auch den Karfreitag, um sich auf den RSD vorzubereiten. Danke, Riptide: Auch für mich war Ostern dieses Mal mit tollen Exemplaren wie Weihnachten.

Diese Touren mit Henrik sind zudem jedes Mal ein Füllhorn der fantastischen Ereignisse und eine Bestätigung, wie großartig Braunschweig doch ist. Wo wir auch hinkommen, werden wir freundlich empfangen; überall bekommen wir Geschichten zu hören, und bevor wir nach zehn, zwölf Stunden ermattet aus den Schuhen kippen, bringen wir den vorletzten Stoß Flyer und Plakate ins Nexus, wo die Party dann auch immer stattfindet, am 24. Mai als nächstes. Ein Konzert stand an unserem Aktionstag auf der Agenda, wir kannten einige der Gäste, und die anwesenden Nexus-Leute sowieso, die uns mit der Party so warmherzig aufgenommen haben. Iris zum Beispiel saß am Eingang, Gerald an der Theke, und Gerald schlug uns vor, doch mal die Geschichten aufzuschreiben, die wir beim Flyerverteilen erleben. Gute Idee eigentlich, aber ein Riesenaufwand: Schon nach einem Mal ist das ein hohes Maß an Erzählenswertem, nach 14 Touren ist es unermesslich. Mokka im Troja, Fußball-Live-Übertragung in der Funzel, Döner im Anatolien-Grill im Madamenweg, Promo-Talk im Supermarkt – da kommt einiges zusammen. Auch munteres Lachen im Riptide.

Und das geht seit Monatsbeginn auch wochentags wieder länger: Mit den Sommeröffnungszeiten beendet das Riptide nun die Dunkelheit. Daran kann auch gelegentlicher Hagel nichts ändern, der geht schnell vorbei, unter dem Segeltuch bleibt man trocken, Chris drückt dann mit einem Besen von unten das Wasser und das Eis von der Plane, alles ist gut. Dort wird mein Buch dann auch nicht nass. Das Paläon in Schöningen ist mit öffentlichen Verkehrsmitteln schlecht zu erreichen? Sieh an, das wusste ich nicht. Über den Harz und die Umgebung gibt’s doch noch einiges zu erfahren. Müsste man eigentlich auch mal wieder hin, jetzt, da das Wetter so angenehm ist. Na, ich nehme erstmal noch einen Kaffee hier.


Matze Bosenick
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#77 Die Lichter von der Oker

31. März 2014


Samstag, 29. März

Die Sonne kehrt zurück, und mit ihr Serge vor seinen Laden, und damit natürlich auch die handelswegübliche Gefolgschaft, die sich gerne um Serge schart, mit ihm philosophiert, diskutiert, scherzt, genießt. So wird es wirklich Frühling. Serge hat seinen Regiestuhl und einen Klappstuhl herausgekramt, wir anderen borgen uns Sitzgelegenheiten vom Ritpide nebenan aus. Abwechselnd geht einer von uns hinüber ins Café und bestellt neue Getränke, koffeinhaltige zumeist. Es herrscht ein Kommen und Gehen, Serge bleibt das Auge im Sturm, der gar keiner ist, da alles in entspannter Gelassenheit vonstattengeht. Wer auch immer da ist, fasst es als Luxus und als Geschenk auf, zu wissen, dass Serge ihm auf diese Weise eine Heimstatt, einen Anlaufpunkt, gar eine Sicherheit bietet. Was auch immer wir zurzeit mit uns herumschleppen, hier gerät es ins Hintertreffen, weil wir hier einfach wir selbst sein dürfen. Genussvoll. Angeregt. Erfüllt.

Vom Bierteufel dringen Fußballergebnisse herüber, Serge will sie nicht wissen, es will später die Sportschau sehen. Was mir erst heute auffällt: Piou ist zu. André weiß, was mit dem Laden und mit Jenny passiert ist: Sie ist jetzt mit ihrem Sortiment bei Tatendrang-Design untergekommen, was für alle Beteiligten ein Vorteil ist. Puh, Piou! Serge und die Meute beratschlagen sofort, was man in dem nun verwaisten Ladenlokal alles anstellen könnte. Unsere Ideen sind, obgleich unterhaltsam, so doch mitnichten zielführend, daher verwerfen wir sie und beschließen, den Auftrag, etwas Effektives zu erdenken, jeweils mit nach Hause zu nehmen. Das geht ja auch alles nicht: als Kontrast zum veganen Riptide gegenüber einen Fleisch-Kiosk einrichten etwa. So ein Unsinn. Nebenbei, irgendwem fiel kürzlich auf, dass einige vegane Fleischersatzprodukte klingen wie die Namen von Black-Metal-Bands: Seitan. Quorn. Wobei, der beste Metal-Bandname, den noch niemand verwendet, ist nach meiner Auffassung Winterkorn. Ich stelle mit eine finnische Gothic-Metal-Combo mit dem Namen vor.

Von nebenan kommt immerzu frischer Kaffee, mal gebracht von André, mal von Vicky oder Gideon. Die letzteren beiden sind die jüngsten Zuwächse im Team und mit ihrer charmanten, hilfsbereiten und schlagfertigen Art bestens passend. Chris und André haben ein gutes Händchen dafür. Vicky erlebte ich erst zwei Tage zuvor zum ersten Mal, da waren außer ihr und André noch Jasmin und Marco im Einsatz. Ich traf mich mit Mario im Riptide, um einfach mal wieder den Tag zu genießen, und wie es sich gehörte, verließen wir das Café erst nach mehr als vier Stunden wieder. Nicht nur, weil wir uns so viel zu erzählen hatten, das auch; vielmehr reicherten fortwährend allerlei andere Gäste unsere Unterhaltungen an. Etwa Maren und Arni, die am Nachbartisch kniffelnd auf eine Verabredung warteten, die zwar nicht eintraf, ihnen den Spaß am Kniffeln damit aber nicht trübte. Hellhörig wurde Arni, als Mario mir von der Idee berichtete, eine Heavy-Metal-Session ins Leben zu rufen. Mit einem Freund nimmt Mario regelmäßig Metal-Improvisationen auf: Er spielt Schlagzeug, der Freund Gitarre, und was die beiden da auf die Festplatten bannen, ist mindestens amtlich und erfüllt ungefähr die Ansprüche, die Mario selbst an die Art von Metal hat, die er konsumiert, darunter progressive Bands und Musiker wie Intervals, Phinehas, Keith Merrow und Sithu Aye, von denen ich vor seiner Empfehlung nie gehört hatte, und unser gemeinsamer Favorit Gojira (nebenbei, alles Bands, die kürzlich zu einer besonderen Gelegenheit mit Abwesenheit glänzten: in der Liste der 100 besten Heavy-Metal-Alben aller Zeiten im Rolling Stone. Ganze zwölf Alben waren darin jünger als 20 Jahre, und von modernen erstklassigen Bands wie Meshuggah, Opeth, Children Of Bodom, Alcest und weiß der Geier welchen anderen noch hatte offenbar keines der 60 Jurymitglieder jemals gehört…). Da Arni diese Kerbe vertraut ist, machte ihn Marios Idee sofort hellhörig. Über die Würfel hinweg verabredeten sie sich zu gemeinsamen Aktivitäten, für die Arni seine Gitarrenskills würde reaktivieren müssen, wie Maren anregte und er selbst bestätigte.

Einen übenden progressiven Metal-Gitarristen lernte ich jüngst zufällig in Hameln kennen. Soll man nicht für möglich halten. Weil ich als Kind mal dort war, weil es nicht weit weg liegt, weil das Wetter ausgezeichnet war und weil ich Zeit hatte, fuhr ich an die Weser in die, das Synonym muss hier wenigstens einmal fallen, Rattenfängerstadt. Von Google Maps informiert, steuerte ich zielstrebig auf die Insel in der Weser zu. Ich schlenderte über die Brücke, passierte das Wehr, sah dort am Zusammenfluss zwei Mädchen in der Sonne sitzen und suchte ein Stück weiter nach einem Platz für mich. Von der Promenade aus sah ich unten an der Uferkante einen Langhaarigen mit E-Gitarre sitzen und gesellte mich kurzerhand zu ihm. Unverstärkt zupfte er an seinem Instrument und blickte sich dabei versonnen sonnend aufs Weserwasser. Einfacher kann man nicht ins Gespräch kommen. Er berichtete, dass er aus Grenoble stammte und dort in Bands aktiv war, die sich an In Flames und anderen, zumeist eher finnischen, progressiven Metal-Bands orientiert hatten. Seinem Deutsch war kaum anzumerken, dass er es erst seit zweieinhalb Jahren sprach. Seinen Bericht wiederum, dass es Deutsche in seinem Heimatland „aus historischen Gründen“ schwer hätten, stimmte ich aus eigener Erfahrung zu, trotz der Ausnahmen, die ich in der Bretagne gemacht hatte. Ich führte an, dass ich es bisweilen leid war, in manchen Gegenden Europas aus historischen Gründen Schwierigkeiten zu haben, woraufhin er erzählte, wie er die Waffe seiner Landsleute gelegentlich gegen sie verwendete: Wenn wildfremde Franzosen ihn nervten, sprach er einfach Deutsch – und sie ließen ihn abrupt in Ruhe.

Zu seinem Leidwesen hatte Mario seinen Tabak zu Hause vergessen. Da Arni nicht mehr rauchte und ich sowieso nicht, war Mario auf die Angebotspalette des Riptide angewiesen, und er wurde nicht enttäuscht: André händigte ihm die glückseligmachende Zigarette aus und Mario ging draußen rauchen. Seine zweite Zigarette bestellte er später bei Vicky, und wie sie sie ihm ergänzend zu seiner koffeinhaltigen Fritz-Kola servierte, hatte niemand von uns erwartet: Die Zigarette lag neben einer Streichholzschachtel auf einem Unterteller. Schick!

À propos Fritz: Zwei Vertreter der Hamburger Marke saßen gleichzeitig mit uns im Café. Nachdem sie ihre Besprechung mit André abgeschlossen hatten, war einer im Schallplattenteil des Ladens abgetaucht. Als André nun bei mir die Bestellung aufnahm, sagte ich, dass ich mich nicht traute, meinen Wunsch laut zu äußern, handele es sich dabei doch um eine Fritz-Kola. Daraufhin rief der verbliebene Vertreter: „Lauter!“

Nachdem Maren und Arni wieder weg waren, tauchten wir noch mit Micha und Niclas in diversen Themen ab. So einfach ließ uns das Riptide nicht gehen. Irgendwann am späten Nachmittag traten wir zwar doch noch den Heimweg an, machten aber noch Halt bei Raute. Uwe und Katrin lieferten sich und damit uns ein Feuerwerk der Schlagfertigkeit; Uwe: „Die Chefin hat mich auf halber Ein-Euro-Basis angestellt.“ Katrin: „Und wenn es nicht gut läuft, verlängere ich die Stunde auf 90 Minuten.“ Mario notierte sich Uwes Plattentipp: Monkey 3, „Stoner Rock aus der Schweiz“, wie Uwe erläuterte. Er entließ uns schließlich mit der Weisheit: „Ein Plattenladen ohne guten Sound ist wie eine Eisdiele ohne Kühlung.“

Im Rahmen seiner wiederkehrenden Aktion, kuriose Songtipps mit uns zu teilen, stellte Uwe einmal Arni und mir „Alle Pferde haben Tränen in den Augen“ von Bobbejaan Schoepen vor, sehr zu Katrins Leidwesen und unserem Vergnügen. Bobbejaan Schoepen, ein Name wie ein ausgekippter Scrabble-Beutel. Bei der nachträglichen Recherche entdeckte ich, dass der Belgier gebürtig noch viel verrückter hieß, nämlich Modest Hyppoliet Joanna Schoepen, und außerdem auch „De lachende Vagabond“ gesungen hatte, die flämische Version des auf Deutsch nur unwesentlich anders lautenden Hits. Vergangene Woche begegnete mir Bobbejaan Schoepen ein weiteres Mal, und zwar in Antwerpen, also fast beim Sänger zu Hause. Ich schlenderte die Schelde entlang und näherte mich dem ältesten Bauwerk der Stadt, het Steen, „Der Stein“, einer Burg. Ihr vorgelagert waren die Kasse für Schelderundfahrten und eine offene mobile Pommesbude, natürlich, Frituur. Der Frittendealer stand nicht an seiner Theke, sondern nebenan am Hafenrundfahrtkartenschalter, und unterhielt sich mit einer jungen Frau. Als er gerade Kundschaft zu bedienen hatte, kam ich an der Frau vorbei und stellte fest, dass ihr jeweils eine Note auf die Wangen gemalt war. Das versuchte ich zu ignorieren, als ich mir von ihr erklären ließ, dass sie mit den Rundfahrten nichts zu tun hatte, weil die noch gar nicht stattfanden, dafür war es im Jahr zu früh, sondern auf Schüler wartete, mit denen sie ein Lied singen wollte. Sie klappte ihren Laptop auf und startete den Song. Die angeschlossenen Lautsprecher waren hochformatig und in den oberen zwei Dritteln mit Wasser gefüllt. Je nach Tonlage vibrierte das Wasser und eine Diode leuchtete darin auf. Die junge Frau reichte mir einen Stapel Kopien mit dem Liedtext, die für die erwarteten singenden Schüler vorbereitet waren, damit ich das Lied mitverfolgen konnte, was mir schwer fiel, war doch der Text auf Flämisch. Dem Zettel entnahm ich immerhin, dass der Titel passenderweise „De lichtjes van de Schelde“ lautete – und von Bobbejaan Schoepen war. Überrascht warf ich ein, dass ich den kannte. „Persönlich?“, fragte sie überrascht. Ich erzählte ihr, dass er auch auf Deutsch Lieder gesungen hatte und mir daher sein Name geläufig war. Weil ich nun aber kein Flämisch konnte, übersetzte sie mir den kompletten Text auf Englisch, alle Strophen und den Refrain, und den so oft, wie er abgedruckt war, zweimal also. Das dauerte, und sie ließ umwerfenderweise nicht davon ab. Auf ihre Schulklasse wartete sie jedoch vergebens, also klappte sie bald den Laptop zusammen und lud mich zu einem Flashmob am Bahnhof ein, zu dem sie sich aufmachte. Gangnam Style. Nun, das war ausgesprochen freundlich, doch ich hatte anderes vor.

So ungewöhnlich wäre es gar nicht gewesen, wenn ich Schoepen wirklich persönlich gekannt hätte, zumindest nicht für Antwerpener Verhältnisse. Die Stadt besuchte ich überhaupt, weil ich 2003 beim Braunschweiger Filmfest „Any Way The Wind Blows“ von Tom Barman gesehen hatte. Barman ist Sänger der Band dEUS, die aus Antwerpen stammt, wo nun auch der Film spielte. Unzählige Male sah ich den Film hernach, und immer bekräftigte ich die Absicht, mir die Stadt endlich anzusehen. Nun also war es so weit. Ich buchte mir ein Zimmer über die Online-Plattform Airbnb, bei jemandem namens Sonja. Wenn ich verreise, dann suche ich mir in der Regel Privatunterkünfte, weil ich dann direkten Kontakt zu Einheimischen habe, und da ist es völlig unerheblich, ob es im In- oder Ausland ist. Ich habe auf diese Weise schon viel erlebt. Aber noch nicht, dass meine Gastgeberin die Tür öffnet und als erstes sagt: „Hast du Lust, mit mir heute Abend essen zu gehen?“ Hey, logo, zeig mir deine Stadt! Zunächst machte sie mir in der Küche einen Begrüßungskaffee. Ich verriet ihr das mit „Any Way The Wind Blows“. Den Film kante sie und sagte: „Ich kenne den Violinisten, Klaas, er hat eine Kneipe, da können wir nachher hingehen.“

Wie bitte was? Das hätte ich mir in meinen kühnsten Träumen nicht auszumalen gewagt. Ich komme wegen einer Band an einen Ort, checke bei einem vermeintlich beliebigen Gastgeber ein – und der kennt eines der Bandmitglieder. Und wir machten es tatsächlich so. Erst zeigte sie mir ein paar ihrer Lieblingsecken, dann aßen wir beim Inder zu Abend, und dann kehrten wir ins Plaza Real ein, den Pub von Klaas Janzoons. Zwar war er genau dann nicht anwesend, sondern oben bei Frau und Kindern, doch als er kurze Zeit später herunterkam, rief Sonja ihn zu uns: „Hier ist Besuch aus Deutschland.“ Und zu mir: „Du kannst jetzt fragen, was du willst.“ Damit war ich so überfordert, dass es bei uns über ein oberflächliches Geplänkel nicht hinausging. Immerhin erfuhr ich, dass sie selbst die Band Flämisch aussprachen, also ungefähr „deüs“, und dass es Ende 2015, Anfang 2016 ein neues Album geben könnte. Braunschweig kannte er nicht. Das könnte man ja ändern, seit Roskilde 1995 habe ich dEUS nicht mehr live gesehen, aber immerhin alle Alben im Regal. Seit zwölf Jahren hat Klaas den Pub, und in Antwerpen ist es offenbar nichts Besonderes, den Violinisten von dEUS beim Bierausschank zusehen zu können. Für mich war es das schon. Tja, das war nur der erste Abend, aber ein solches Geschenk, das ist – nun: ein Geschenk.

Und es war nicht das einzige. Antwerpen zeigte sich von einer Seite, die absolut liebenswert ist. Sonja empfahl mir großartige Cafés, beim Zug durch die Plattenläden geriet ich teilweise in tourismusferne Regionen, die Menschen nickten mir im Vorbeigehen freundlich zu, und der Markt war toll, mit Apfel-Zimt-Waffeln, frittiertem Kabeljau und Second-Hand-Comics, und da konnte ich es mir nicht verkneifen, mir „Asterix bei den Belgiern“ auf Niederländisch mitzunehmen, was die Geschichte etwas witzlos macht, weil sie dann alle etwa gleich reden. In einem der Plattenläden erwarb ich einen ganzen Satz an Zita-Swoon-Alben. Die sind in Deutschland leider nur schwer und zu hohen Preisen erhältlich. Bandchef Stef Kamil Carlens war noch zum vermutlich einzigen internationalen Hit „Suds & Soda“ Mitglied bei dEUS gewesen und hatte schon parallel seine eigenen Projekte angeleiert.

Durch Antwerpen zu laufen, kostet Kraft, weil die Stadt groß ist, aber sie belohnt dabei. Auch im voetgangerstunnel Sint-Annatunnel unter der Schelde war ich, dort, wo der Windmann in „Any Way The Wind Blows“ erstmals auftaucht. Den Film sah ich übrigens während meines Aufenthaltes bei Sonja, ich hatte ihn ihr zum Geburtstag geschenkt, nachdem sie mir zweierlei verraten hatte: dass sie die DVD nicht besaß und dass sie ihr Wiegenfest während meines Gastseins beging. Was gibt es Zweitschöneres, als den Grund für den Stadtbesuch in der betreffenden Stadt zu sehen? Bei Sonja fühlte ich mich rundum zu Hause. Sie lebt ein Leben, das sehr meinem Humor entspricht. Ein Beispiel: Sie ist Mitglied in einem Fanfarenzug und spielt dort – Geige. Weil sie nichts anderes kann und weil man sie gerne dabeihat. Oder: An der Wand im Treppenhaus hängt ein Puzzle des Dörfchens Vernazza in Cinque Terre. Das Foto ist in der Dämmerung entstanden, daher haben Meer und Himmel einen identischen monochromen Blauton. Weil sie auf die konturlose Puzzelei keine Lust hatte, kleben die entsprechenden Teile nun kreuz und quer neben dem Hauptbild an der Wand. Punkrock! Bei Sonja hatte ich von Anfang an nicht das Gefühl, als Fremder an die Tür zu klopfen, und erst recht nicht, als Fremder wieder zu gehen.

An dem Abend nach dem mehrstündigen Riptideaufenthalt mit Mario sah ich in Wolfsburg im Kulturzentrum Hallenbad die Tuareg-Rockband Tamikrest. Dabei traf ich zufällig Elke und Martin von blackhole-factory, die mir verrieten, dass sie ihre multimediale kontinentenübergeifende 24-Stunden-Performance „Der Flug der Seeschwalbe“ Ende April erneut in der Kunstmühle aufführen wollen. Die Eröffnungsshow im Januar hatte mich sehr beeindruckt. Und auch Tamikrest waren wieder beeindruckend. Als sänge Mory Kanté jetzt bei The Velvet Underground, nur mit besserer Laune als die. Tamikrest hatten ja bereits vier Jahre zuvor in Braunschweig beim Festival Theaterformen ihren ersten Solo-Gig außerhalb Afrikas gehabt, da war ich froh, die Band erneut erleben zu dürfen. Dieses Jahr findet das Festival Theaterformen übrigens wieder in Braunschweig statt. Das Programm soll ab Ende April online sein.

Vermutlich gleichzeitig mit dem Record Store Day am 19. April, an dem sich auch das Riptide wieder beteiligt. Die Jagd nach exklusiven Veröffentlichungen bleibt für solche Sammler wie mich leider spannend. Vorher, am 11. April, zeigt das Universum den Film „Soundbreaker“ im Rahmen der Reihe „Sound On Screen“, mit einem anschließenden Konzert von Lorbass im Riptide.

Das Kommen und Gehen vor Serges Laden macht nun auch vor Serge selbst nicht Halt, er läutet langsam und mit Bedacht den Feierabend ein. Da wir Umsitzenden noch angefangene Getränke haben, bleiben wir stellvertretend vor seiner verschlossenen Ladentür sitzen. „Ist Serge da?“, die Frage hören wir noch häufig, auch von Nina, die jetzt ihre Schicht im Ritpide antritt. Grundsätzlich ja, ist er. Willkommen zu Hause, Serge.


Matze Bosenick
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