Archiv der Kategorie ‘Philosophie‘

#78 Das Leben ist kein Schimmel-Hof

22. April 2014


Dienstag, 22. April

Fein: Außer Blitzeis hat der April in Sachen Wetter alles zu bieten, wie es sich für einen April gehört, und das im Fünfminutenwechsel. Man fühlt sich fast wie in Irland, da ist das in manchen Ecken immer so. Einmal erlebte ich es dort sogar, dass wir mit dem Auto eine längere Zeit lang direkt neben einem Regenschauer her fuhren, ohne dass dabei die Windschutzscheibe nass wurde. Gestern, am Ostermontag, saß ich, weil das Riptide verdienterweise Pause machte, auf dem Kohlmarkt, für ein Schokoladeneis und einen Kaffee, und während ich so bei strahlendem Sonnenschein in meinem Buch las – „Schmorwurst am Brocken“, das neue von Axel Klingenberg –, regnete es mir plötzlich in die Seiten. Geblendet und verwirrt legte ich das gute Buch zur Seite.

Natürlich, ein „gutes Buch“, das ist das, was jeder liest: „In meiner Freizeit ein gutes Buch.“ Dieser Satz ist komplementär zu „Ich höre eigentlich alles“. Den neuen Klingenberg erwarb ich im Kingking Shop, gleichzeitig mit „Höllenglöckchen“, Micha-El Goehres Fortsetzung zu seinem Roman „Jungsmusik“, und von ihm steht noch das Kompendium „Monster, Monster“ aus, das Andreas Reiffer in seiner Edition Wissenswertes zu veröffentlichen beabsichtigt. Es wird Zeit, wir alle warten darauf! Bei Andreas Reiffer ist auch der Klingenberg erschienen, und ganz neu auch „Sandow: 30 Jahre zwischen Harmonie und Zerstörung“, eine Bandbiografie von Ronald R. Klein, die deutlich mehr ist als nur das, denn das Buch bildet auch den Musik- und Kulturbetrieb der DDR ab, mit allen Ressentiments, denen vor allem eine nicht mal im alternativen Bereich hinreichend anerkannte Punkband ausgesetzt war, sowie die Schwierigkeiten, sich dann im postsozialistischen Kapitalismus als wiederum nicht angepasste Punkband zurechtfinden zu müssen.

Interessanterweise greift das Buch ein Thema auf, das wir mit dem Silver Club vor anderthalb Jahren bedienten. Im Dezember 2012 bespielten wir die Mensa der HBK mit der „DDR Independent Musiknacht“. Wir zeigten auch den Film „Flüstern und Schreien“, offizielle Schreibweise: „flüstern & SCHREIEN“, eben auch über Sandow, und hatten den Drehbuchautoren Jochen Wisotzki als Talkgast auf der Bühne. Schön, wie sich das Thema nun in meine Aufmerksamkeit zurückschiebt.

Den Silver Club gibt es in seiner jetzigen Form seit satten fünf Jahren, selbst dabei bin ich seit 2009, als Gast zunächst, bei der „Französischen Indiesound Kulturnacht“ in der früheren Krabbenkuppel, in der jetzt laut Silver-Club-Chef Skapino wieder ein griechisches Restaurant geöffnet hat, und dieser für mich erste und in tatsächlicher Zählweise bereits vierte Silver Club begeisterte mich dergestalt, dass ich sofort mitmachen wollte. Tja, und vor wenigen Wochen feierten wir nun den fünften Geburtstag, in der Jugendkirche, die wir dankenswerterweise zum zweiten Mal bespielen durften, und wie da die Leute mit dem offenen Bier ehrfurchtsvoll in der überwältigend illuminierten Kirche standen, das beglückte ansteckend. Mein Auftrag war dieses Mal, während der Veranstaltung für Ordnung zu sorgen, also draußen die Aschenbecher zu leeren, überall die Tische abzuräumen, Gummibärchen nachzufüllen, Fragen zu beantworten, was auch immer, zumindest kam ich gut herum und möchte meine zurückgelegten Kilometer auch nicht gezählt bekommen, aber ich traf unglaublich viele freundliche Leute und hatte anregende Gespräche, und sei es nur en passant, als ich mitbekam, wie eine Besucherin ihrem Begleiter eine Packung Kaugummis hinhielt, er aber dankend ablehnte und sie die Packung an mich richtete, mit den Worten „Willst du? Kaugummi?“, woraufhin ich den abgegriffenen Nichtrauchersatz entgegnete, ich hätte es mir abgewöhnt, was sie schier entsetzt stutzen ließ: „Auch Kirsch?“

Nein, natürlich, Kirsch nicht, gerade jetzt nicht, da die ganzen Kirschbäume blühen, überhaupt, all das Grün, das jetzt hervorquillt, das hebt die Stimmung, und irgendwie hat es sich eigentlich in die Welt hineingeschlichen, denn was dieses Mal fehlte, war die scharfe Kante zwischen Winter und Frühling: Es lag ja kein Schnee, auf dessen Wegschmelzen man ewig gewartet haben konnte, und den dann irgendwann der Frühling mit seinen kraftvollen jungen Trieben verdrängen musste. Vielmehr schwenkte der Lenz wie beiläufig einfach ein. Irgendwann stellte man fest: Oh, hey, es ist wohl Frühling. Und jetzt, da auch die Okercabana wieder geöffnet ist, ist nach Spargel und Einbecker Mai-Urbock auch der letzte Frühlingsbote eingetrudelt. Am Eröffnungsabend war ich da, am Okerstrand, und es war, als wäre ich nicht zwangsgemäß seit einem halben Jahr nicht dort gewesen: Alles wie immer, am vertrauten Platz, die Pornopalme leuchtet orange, Coreas Metallpalmen stechen, die Theken, Bänke, Strandkörbe, Stühle und Krake Karlchen sind allesamt wieder dort, wo man sie kurz vor dem nicht erfolgten Wintereinbruch zuletzt gesehen hatte. Diese ist schon die neunte Saison für die Strandbar, 2006 zur so genannten WM im eigene Land, also dem Fußball-Verbrüderungs-Event, öffnete sie erstmals, und dieses Mal ist wieder Fußball-WM, da steht zu hoffen, dass ich das ein oder andere Spiel dort wieder zu sehen bekomme.

Oder im Riptide, Chris und André zeigten zuletzt bei der EM zumindest einige ausgewählte Begegnungen im Achteck auf der Leinwand. Bis dann ist es ja noch etwas hin. Aber auch ohne Fußball setzt man sich dieser Tage wieder nicht selbstverständlich nach drinnen, wenn man sich im Riptide verabredet, sondern trifft sich gleich in der Mitte zwischen Café und Rip-Lounge, auch ohne kältezurückweisende Decke. Wie kürzlich mit Arni, als wir buchbepackt aus dem Kingking Shop kamen, von Stefan bestens eingedeckt, und vor dem Heimweg noch im Riptide Getränke zu uns nahmen, eben im sonnenerhellten Achteck, und am Nachbartisch saßen zwei Gäste, die wir erst kurz zuvor noch im Kingking Shop sahen. Beleg: Ganz Braunschweig ist ein Kiez, man muss nur seine favorisierten Ecken finden, und wen sie so weit auseinanderliegen wie Café Riptide und Kingking Shop. Auch das ist, nebenbei, eine für mich schöne Braunschweigische Sommerattraktion: Vor dem Kingking Shop auf den Treppenstufen in der Sonne sitzen und von Stefan eine Tasse Kaffee bekommen. Schon bei seinem Vorgänger Pott war das eine energiespendende Freizeitverbringungsart, Stefan führt diese Gastfreundlichkeit kundig fort.

Als ich am Samstag mit Henrik unterwegs war, Flyer und Plakate für die nächste Indie-Ü30-Party zu verteilen, was wir seit sieben Jahren und also 14 Partys jeweils fünf Wochen vor ebenjenen tun, einmal quer durch Braunschweig, durch Supermärkte, Lokale und Läden, goss uns Stefan auch einen ein. Diese kleinen Pausen machen unsere Ochsentour immer sehr attraktiv. Für Henrik, den Leverkusener aus Celle, ist Braunschweig in manchem Bezug ein Böhmisches Dorf mit sieben Siegeln, und da er nur alle fünf Wochen mal hier sein kann, hat er auch einen anderen Blick auf Selbstverständlichkeiten, die einem als täglichen Braunschweiger gar nicht bewusst werden. Zwischen Erna & Käthe, Charly’s Tiger und der Brunsviga beispielsweise kamen wir auch am Restaurant Sukiyaki vorbei, und während wir die Straße kreuzten, murmelte Henrik den Namen des Restaurants vor sich hin, vertauschte dabei aber ohne böse Absicht das A und das U, und es dauerte bei uns beiden zwei, drei Momente, bis wir begriffen, was er da letztlich gesagt hatte. Fremd waren ihm auch die früheren Örtlichkeiten des Braunschweiger Klavierherstellers in der Hamburger Straße, und mit Blick auf das Braunschweigern altbekannte Schild stellte er ganz treffend fest: „Das Leben ist kein Schimmel-Hof.“

Genau der Samstag war nicht nur der einzige verkaufsoffene Tag zwischen Karfreitag und Ostern, sondern auch noch Record Store Day, der Tag, an dem Plattenlabels unabhängige Plattenläden damit unterstützen, dass sie besondere Musikprodukte ausschließlich an diesem Tag und ausschließlich in ausgewählten Läden feilbieten. Das Riptide und Raute Records gehören in Braunschweig dazu. Für Raute waren Henrik und ich zu spät dran, Uwe und Katrin hatten schon zu, als wir im westlichen Ringgebiet unterwegs waren, aber das Riptide hatte noch offen. Den großen Sturm hatten wir wohl verpasst, wie Nina uns von der Theke aus versicherte, denn es war überraschend entspannt gegen Abend. Chris, André und Jasmin hingegen hatten mir zuvor von ihren Erfahrungen aus den Vorjahren berichtet, als die Sammler am RSD scharenweise das Riptide gestürmt hatten. Deshalb nutzten die beiden Chefs dieses Mal auch den Karfreitag, um sich auf den RSD vorzubereiten. Danke, Riptide: Auch für mich war Ostern dieses Mal mit tollen Exemplaren wie Weihnachten.

Diese Touren mit Henrik sind zudem jedes Mal ein Füllhorn der fantastischen Ereignisse und eine Bestätigung, wie großartig Braunschweig doch ist. Wo wir auch hinkommen, werden wir freundlich empfangen; überall bekommen wir Geschichten zu hören, und bevor wir nach zehn, zwölf Stunden ermattet aus den Schuhen kippen, bringen wir den vorletzten Stoß Flyer und Plakate ins Nexus, wo die Party dann auch immer stattfindet, am 24. Mai als nächstes. Ein Konzert stand an unserem Aktionstag auf der Agenda, wir kannten einige der Gäste, und die anwesenden Nexus-Leute sowieso, die uns mit der Party so warmherzig aufgenommen haben. Iris zum Beispiel saß am Eingang, Gerald an der Theke, und Gerald schlug uns vor, doch mal die Geschichten aufzuschreiben, die wir beim Flyerverteilen erleben. Gute Idee eigentlich, aber ein Riesenaufwand: Schon nach einem Mal ist das ein hohes Maß an Erzählenswertem, nach 14 Touren ist es unermesslich. Mokka im Troja, Fußball-Live-Übertragung in der Funzel, Döner im Anatolien-Grill im Madamenweg, Promo-Talk im Supermarkt – da kommt einiges zusammen. Auch munteres Lachen im Riptide.

Und das geht seit Monatsbeginn auch wochentags wieder länger: Mit den Sommeröffnungszeiten beendet das Riptide nun die Dunkelheit. Daran kann auch gelegentlicher Hagel nichts ändern, der geht schnell vorbei, unter dem Segeltuch bleibt man trocken, Chris drückt dann mit einem Besen von unten das Wasser und das Eis von der Plane, alles ist gut. Dort wird mein Buch dann auch nicht nass. Das Paläon in Schöningen ist mit öffentlichen Verkehrsmitteln schlecht zu erreichen? Sieh an, das wusste ich nicht. Über den Harz und die Umgebung gibt’s doch noch einiges zu erfahren. Müsste man eigentlich auch mal wieder hin, jetzt, da das Wetter so angenehm ist. Na, ich nehme erstmal noch einen Kaffee hier.


Matze Bosenick
www.krautnick.de

#77 Die Lichter von der Oker

31. März 2014


Samstag, 29. März

Die Sonne kehrt zurück, und mit ihr Serge vor seinen Laden, und damit natürlich auch die handelswegübliche Gefolgschaft, die sich gerne um Serge schart, mit ihm philosophiert, diskutiert, scherzt, genießt. So wird es wirklich Frühling. Serge hat seinen Regiestuhl und einen Klappstuhl herausgekramt, wir anderen borgen uns Sitzgelegenheiten vom Ritpide nebenan aus. Abwechselnd geht einer von uns hinüber ins Café und bestellt neue Getränke, koffeinhaltige zumeist. Es herrscht ein Kommen und Gehen, Serge bleibt das Auge im Sturm, der gar keiner ist, da alles in entspannter Gelassenheit vonstattengeht. Wer auch immer da ist, fasst es als Luxus und als Geschenk auf, zu wissen, dass Serge ihm auf diese Weise eine Heimstatt, einen Anlaufpunkt, gar eine Sicherheit bietet. Was auch immer wir zurzeit mit uns herumschleppen, hier gerät es ins Hintertreffen, weil wir hier einfach wir selbst sein dürfen. Genussvoll. Angeregt. Erfüllt.

Vom Bierteufel dringen Fußballergebnisse herüber, Serge will sie nicht wissen, es will später die Sportschau sehen. Was mir erst heute auffällt: Piou ist zu. André weiß, was mit dem Laden und mit Jenny passiert ist: Sie ist jetzt mit ihrem Sortiment bei Tatendrang-Design untergekommen, was für alle Beteiligten ein Vorteil ist. Puh, Piou! Serge und die Meute beratschlagen sofort, was man in dem nun verwaisten Ladenlokal alles anstellen könnte. Unsere Ideen sind, obgleich unterhaltsam, so doch mitnichten zielführend, daher verwerfen wir sie und beschließen, den Auftrag, etwas Effektives zu erdenken, jeweils mit nach Hause zu nehmen. Das geht ja auch alles nicht: als Kontrast zum veganen Riptide gegenüber einen Fleisch-Kiosk einrichten etwa. So ein Unsinn. Nebenbei, irgendwem fiel kürzlich auf, dass einige vegane Fleischersatzprodukte klingen wie die Namen von Black-Metal-Bands: Seitan. Quorn. Wobei, der beste Metal-Bandname, den noch niemand verwendet, ist nach meiner Auffassung Winterkorn. Ich stelle mit eine finnische Gothic-Metal-Combo mit dem Namen vor.

Von nebenan kommt immerzu frischer Kaffee, mal gebracht von André, mal von Vicky oder Gideon. Die letzteren beiden sind die jüngsten Zuwächse im Team und mit ihrer charmanten, hilfsbereiten und schlagfertigen Art bestens passend. Chris und André haben ein gutes Händchen dafür. Vicky erlebte ich erst zwei Tage zuvor zum ersten Mal, da waren außer ihr und André noch Jasmin und Marco im Einsatz. Ich traf mich mit Mario im Riptide, um einfach mal wieder den Tag zu genießen, und wie es sich gehörte, verließen wir das Café erst nach mehr als vier Stunden wieder. Nicht nur, weil wir uns so viel zu erzählen hatten, das auch; vielmehr reicherten fortwährend allerlei andere Gäste unsere Unterhaltungen an. Etwa Maren und Arni, die am Nachbartisch kniffelnd auf eine Verabredung warteten, die zwar nicht eintraf, ihnen den Spaß am Kniffeln damit aber nicht trübte. Hellhörig wurde Arni, als Mario mir von der Idee berichtete, eine Heavy-Metal-Session ins Leben zu rufen. Mit einem Freund nimmt Mario regelmäßig Metal-Improvisationen auf: Er spielt Schlagzeug, der Freund Gitarre, und was die beiden da auf die Festplatten bannen, ist mindestens amtlich und erfüllt ungefähr die Ansprüche, die Mario selbst an die Art von Metal hat, die er konsumiert, darunter progressive Bands und Musiker wie Intervals, Phinehas, Keith Merrow und Sithu Aye, von denen ich vor seiner Empfehlung nie gehört hatte, und unser gemeinsamer Favorit Gojira (nebenbei, alles Bands, die kürzlich zu einer besonderen Gelegenheit mit Abwesenheit glänzten: in der Liste der 100 besten Heavy-Metal-Alben aller Zeiten im Rolling Stone. Ganze zwölf Alben waren darin jünger als 20 Jahre, und von modernen erstklassigen Bands wie Meshuggah, Opeth, Children Of Bodom, Alcest und weiß der Geier welchen anderen noch hatte offenbar keines der 60 Jurymitglieder jemals gehört…). Da Arni diese Kerbe vertraut ist, machte ihn Marios Idee sofort hellhörig. Über die Würfel hinweg verabredeten sie sich zu gemeinsamen Aktivitäten, für die Arni seine Gitarrenskills würde reaktivieren müssen, wie Maren anregte und er selbst bestätigte.

Einen übenden progressiven Metal-Gitarristen lernte ich jüngst zufällig in Hameln kennen. Soll man nicht für möglich halten. Weil ich als Kind mal dort war, weil es nicht weit weg liegt, weil das Wetter ausgezeichnet war und weil ich Zeit hatte, fuhr ich an die Weser in die, das Synonym muss hier wenigstens einmal fallen, Rattenfängerstadt. Von Google Maps informiert, steuerte ich zielstrebig auf die Insel in der Weser zu. Ich schlenderte über die Brücke, passierte das Wehr, sah dort am Zusammenfluss zwei Mädchen in der Sonne sitzen und suchte ein Stück weiter nach einem Platz für mich. Von der Promenade aus sah ich unten an der Uferkante einen Langhaarigen mit E-Gitarre sitzen und gesellte mich kurzerhand zu ihm. Unverstärkt zupfte er an seinem Instrument und blickte sich dabei versonnen sonnend aufs Weserwasser. Einfacher kann man nicht ins Gespräch kommen. Er berichtete, dass er aus Grenoble stammte und dort in Bands aktiv war, die sich an In Flames und anderen, zumeist eher finnischen, progressiven Metal-Bands orientiert hatten. Seinem Deutsch war kaum anzumerken, dass er es erst seit zweieinhalb Jahren sprach. Seinen Bericht wiederum, dass es Deutsche in seinem Heimatland „aus historischen Gründen“ schwer hätten, stimmte ich aus eigener Erfahrung zu, trotz der Ausnahmen, die ich in der Bretagne gemacht hatte. Ich führte an, dass ich es bisweilen leid war, in manchen Gegenden Europas aus historischen Gründen Schwierigkeiten zu haben, woraufhin er erzählte, wie er die Waffe seiner Landsleute gelegentlich gegen sie verwendete: Wenn wildfremde Franzosen ihn nervten, sprach er einfach Deutsch – und sie ließen ihn abrupt in Ruhe.

Zu seinem Leidwesen hatte Mario seinen Tabak zu Hause vergessen. Da Arni nicht mehr rauchte und ich sowieso nicht, war Mario auf die Angebotspalette des Riptide angewiesen, und er wurde nicht enttäuscht: André händigte ihm die glückseligmachende Zigarette aus und Mario ging draußen rauchen. Seine zweite Zigarette bestellte er später bei Vicky, und wie sie sie ihm ergänzend zu seiner koffeinhaltigen Fritz-Kola servierte, hatte niemand von uns erwartet: Die Zigarette lag neben einer Streichholzschachtel auf einem Unterteller. Schick!

À propos Fritz: Zwei Vertreter der Hamburger Marke saßen gleichzeitig mit uns im Café. Nachdem sie ihre Besprechung mit André abgeschlossen hatten, war einer im Schallplattenteil des Ladens abgetaucht. Als André nun bei mir die Bestellung aufnahm, sagte ich, dass ich mich nicht traute, meinen Wunsch laut zu äußern, handele es sich dabei doch um eine Fritz-Kola. Daraufhin rief der verbliebene Vertreter: „Lauter!“

Nachdem Maren und Arni wieder weg waren, tauchten wir noch mit Micha und Niclas in diversen Themen ab. So einfach ließ uns das Riptide nicht gehen. Irgendwann am späten Nachmittag traten wir zwar doch noch den Heimweg an, machten aber noch Halt bei Raute. Uwe und Katrin lieferten sich und damit uns ein Feuerwerk der Schlagfertigkeit; Uwe: „Die Chefin hat mich auf halber Ein-Euro-Basis angestellt.“ Katrin: „Und wenn es nicht gut läuft, verlängere ich die Stunde auf 90 Minuten.“ Mario notierte sich Uwes Plattentipp: Monkey 3, „Stoner Rock aus der Schweiz“, wie Uwe erläuterte. Er entließ uns schließlich mit der Weisheit: „Ein Plattenladen ohne guten Sound ist wie eine Eisdiele ohne Kühlung.“

Im Rahmen seiner wiederkehrenden Aktion, kuriose Songtipps mit uns zu teilen, stellte Uwe einmal Arni und mir „Alle Pferde haben Tränen in den Augen“ von Bobbejaan Schoepen vor, sehr zu Katrins Leidwesen und unserem Vergnügen. Bobbejaan Schoepen, ein Name wie ein ausgekippter Scrabble-Beutel. Bei der nachträglichen Recherche entdeckte ich, dass der Belgier gebürtig noch viel verrückter hieß, nämlich Modest Hyppoliet Joanna Schoepen, und außerdem auch „De lachende Vagabond“ gesungen hatte, die flämische Version des auf Deutsch nur unwesentlich anders lautenden Hits. Vergangene Woche begegnete mir Bobbejaan Schoepen ein weiteres Mal, und zwar in Antwerpen, also fast beim Sänger zu Hause. Ich schlenderte die Schelde entlang und näherte mich dem ältesten Bauwerk der Stadt, het Steen, „Der Stein“, einer Burg. Ihr vorgelagert waren die Kasse für Schelderundfahrten und eine offene mobile Pommesbude, natürlich, Frituur. Der Frittendealer stand nicht an seiner Theke, sondern nebenan am Hafenrundfahrtkartenschalter, und unterhielt sich mit einer jungen Frau. Als er gerade Kundschaft zu bedienen hatte, kam ich an der Frau vorbei und stellte fest, dass ihr jeweils eine Note auf die Wangen gemalt war. Das versuchte ich zu ignorieren, als ich mir von ihr erklären ließ, dass sie mit den Rundfahrten nichts zu tun hatte, weil die noch gar nicht stattfanden, dafür war es im Jahr zu früh, sondern auf Schüler wartete, mit denen sie ein Lied singen wollte. Sie klappte ihren Laptop auf und startete den Song. Die angeschlossenen Lautsprecher waren hochformatig und in den oberen zwei Dritteln mit Wasser gefüllt. Je nach Tonlage vibrierte das Wasser und eine Diode leuchtete darin auf. Die junge Frau reichte mir einen Stapel Kopien mit dem Liedtext, die für die erwarteten singenden Schüler vorbereitet waren, damit ich das Lied mitverfolgen konnte, was mir schwer fiel, war doch der Text auf Flämisch. Dem Zettel entnahm ich immerhin, dass der Titel passenderweise „De lichtjes van de Schelde“ lautete – und von Bobbejaan Schoepen war. Überrascht warf ich ein, dass ich den kannte. „Persönlich?“, fragte sie überrascht. Ich erzählte ihr, dass er auch auf Deutsch Lieder gesungen hatte und mir daher sein Name geläufig war. Weil ich nun aber kein Flämisch konnte, übersetzte sie mir den kompletten Text auf Englisch, alle Strophen und den Refrain, und den so oft, wie er abgedruckt war, zweimal also. Das dauerte, und sie ließ umwerfenderweise nicht davon ab. Auf ihre Schulklasse wartete sie jedoch vergebens, also klappte sie bald den Laptop zusammen und lud mich zu einem Flashmob am Bahnhof ein, zu dem sie sich aufmachte. Gangnam Style. Nun, das war ausgesprochen freundlich, doch ich hatte anderes vor.

So ungewöhnlich wäre es gar nicht gewesen, wenn ich Schoepen wirklich persönlich gekannt hätte, zumindest nicht für Antwerpener Verhältnisse. Die Stadt besuchte ich überhaupt, weil ich 2003 beim Braunschweiger Filmfest „Any Way The Wind Blows“ von Tom Barman gesehen hatte. Barman ist Sänger der Band dEUS, die aus Antwerpen stammt, wo nun auch der Film spielte. Unzählige Male sah ich den Film hernach, und immer bekräftigte ich die Absicht, mir die Stadt endlich anzusehen. Nun also war es so weit. Ich buchte mir ein Zimmer über die Online-Plattform Airbnb, bei jemandem namens Sonja. Wenn ich verreise, dann suche ich mir in der Regel Privatunterkünfte, weil ich dann direkten Kontakt zu Einheimischen habe, und da ist es völlig unerheblich, ob es im In- oder Ausland ist. Ich habe auf diese Weise schon viel erlebt. Aber noch nicht, dass meine Gastgeberin die Tür öffnet und als erstes sagt: „Hast du Lust, mit mir heute Abend essen zu gehen?“ Hey, logo, zeig mir deine Stadt! Zunächst machte sie mir in der Küche einen Begrüßungskaffee. Ich verriet ihr das mit „Any Way The Wind Blows“. Den Film kante sie und sagte: „Ich kenne den Violinisten, Klaas, er hat eine Kneipe, da können wir nachher hingehen.“

Wie bitte was? Das hätte ich mir in meinen kühnsten Träumen nicht auszumalen gewagt. Ich komme wegen einer Band an einen Ort, checke bei einem vermeintlich beliebigen Gastgeber ein – und der kennt eines der Bandmitglieder. Und wir machten es tatsächlich so. Erst zeigte sie mir ein paar ihrer Lieblingsecken, dann aßen wir beim Inder zu Abend, und dann kehrten wir ins Plaza Real ein, den Pub von Klaas Janzoons. Zwar war er genau dann nicht anwesend, sondern oben bei Frau und Kindern, doch als er kurze Zeit später herunterkam, rief Sonja ihn zu uns: „Hier ist Besuch aus Deutschland.“ Und zu mir: „Du kannst jetzt fragen, was du willst.“ Damit war ich so überfordert, dass es bei uns über ein oberflächliches Geplänkel nicht hinausging. Immerhin erfuhr ich, dass sie selbst die Band Flämisch aussprachen, also ungefähr „deüs“, und dass es Ende 2015, Anfang 2016 ein neues Album geben könnte. Braunschweig kannte er nicht. Das könnte man ja ändern, seit Roskilde 1995 habe ich dEUS nicht mehr live gesehen, aber immerhin alle Alben im Regal. Seit zwölf Jahren hat Klaas den Pub, und in Antwerpen ist es offenbar nichts Besonderes, den Violinisten von dEUS beim Bierausschank zusehen zu können. Für mich war es das schon. Tja, das war nur der erste Abend, aber ein solches Geschenk, das ist – nun: ein Geschenk.

Und es war nicht das einzige. Antwerpen zeigte sich von einer Seite, die absolut liebenswert ist. Sonja empfahl mir großartige Cafés, beim Zug durch die Plattenläden geriet ich teilweise in tourismusferne Regionen, die Menschen nickten mir im Vorbeigehen freundlich zu, und der Markt war toll, mit Apfel-Zimt-Waffeln, frittiertem Kabeljau und Second-Hand-Comics, und da konnte ich es mir nicht verkneifen, mir „Asterix bei den Belgiern“ auf Niederländisch mitzunehmen, was die Geschichte etwas witzlos macht, weil sie dann alle etwa gleich reden. In einem der Plattenläden erwarb ich einen ganzen Satz an Zita-Swoon-Alben. Die sind in Deutschland leider nur schwer und zu hohen Preisen erhältlich. Bandchef Stef Kamil Carlens war noch zum vermutlich einzigen internationalen Hit „Suds & Soda“ Mitglied bei dEUS gewesen und hatte schon parallel seine eigenen Projekte angeleiert.

Durch Antwerpen zu laufen, kostet Kraft, weil die Stadt groß ist, aber sie belohnt dabei. Auch im voetgangerstunnel Sint-Annatunnel unter der Schelde war ich, dort, wo der Windmann in „Any Way The Wind Blows“ erstmals auftaucht. Den Film sah ich übrigens während meines Aufenthaltes bei Sonja, ich hatte ihn ihr zum Geburtstag geschenkt, nachdem sie mir zweierlei verraten hatte: dass sie die DVD nicht besaß und dass sie ihr Wiegenfest während meines Gastseins beging. Was gibt es Zweitschöneres, als den Grund für den Stadtbesuch in der betreffenden Stadt zu sehen? Bei Sonja fühlte ich mich rundum zu Hause. Sie lebt ein Leben, das sehr meinem Humor entspricht. Ein Beispiel: Sie ist Mitglied in einem Fanfarenzug und spielt dort – Geige. Weil sie nichts anderes kann und weil man sie gerne dabeihat. Oder: An der Wand im Treppenhaus hängt ein Puzzle des Dörfchens Vernazza in Cinque Terre. Das Foto ist in der Dämmerung entstanden, daher haben Meer und Himmel einen identischen monochromen Blauton. Weil sie auf die konturlose Puzzelei keine Lust hatte, kleben die entsprechenden Teile nun kreuz und quer neben dem Hauptbild an der Wand. Punkrock! Bei Sonja hatte ich von Anfang an nicht das Gefühl, als Fremder an die Tür zu klopfen, und erst recht nicht, als Fremder wieder zu gehen.

An dem Abend nach dem mehrstündigen Riptideaufenthalt mit Mario sah ich in Wolfsburg im Kulturzentrum Hallenbad die Tuareg-Rockband Tamikrest. Dabei traf ich zufällig Elke und Martin von blackhole-factory, die mir verrieten, dass sie ihre multimediale kontinentenübergeifende 24-Stunden-Performance „Der Flug der Seeschwalbe“ Ende April erneut in der Kunstmühle aufführen wollen. Die Eröffnungsshow im Januar hatte mich sehr beeindruckt. Und auch Tamikrest waren wieder beeindruckend. Als sänge Mory Kanté jetzt bei The Velvet Underground, nur mit besserer Laune als die. Tamikrest hatten ja bereits vier Jahre zuvor in Braunschweig beim Festival Theaterformen ihren ersten Solo-Gig außerhalb Afrikas gehabt, da war ich froh, die Band erneut erleben zu dürfen. Dieses Jahr findet das Festival Theaterformen übrigens wieder in Braunschweig statt. Das Programm soll ab Ende April online sein.

Vermutlich gleichzeitig mit dem Record Store Day am 19. April, an dem sich auch das Riptide wieder beteiligt. Die Jagd nach exklusiven Veröffentlichungen bleibt für solche Sammler wie mich leider spannend. Vorher, am 11. April, zeigt das Universum den Film „Soundbreaker“ im Rahmen der Reihe „Sound On Screen“, mit einem anschließenden Konzert von Lorbass im Riptide.

Das Kommen und Gehen vor Serges Laden macht nun auch vor Serge selbst nicht Halt, er läutet langsam und mit Bedacht den Feierabend ein. Da wir Umsitzenden noch angefangene Getränke haben, bleiben wir stellvertretend vor seiner verschlossenen Ladentür sitzen. „Ist Serge da?“, die Frage hören wir noch häufig, auch von Nina, die jetzt ihre Schicht im Ritpide antritt. Grundsätzlich ja, ist er. Willkommen zu Hause, Serge.


Matze Bosenick
www.krautnick.de

#75 Alles Sense!

20. Januar 2014


Freitag, 17. Januar

Was Braunschweig schon wieder für ein Glück hat. Eigentlich war es vom Verleih anscheinend gar nicht vorgesehen, den Film „Stop Making Sense“ im Kino wiederaufzuführen. Am 27. Februar erscheint Jonathan Demmes 1984 erstmals gezeigter Konzertfilm über die Talking Heads zwar als Neuauflage auf DVD und BluRay, aber nicht für den Kinobetrieb. Außer, man hat es mit dem Universum-Kino zu tun, genauer: mit Beate, die die Sound-On-Screen-Reihe mit dem Riptide organisiert. Für die Januar-Ausgabe der Reihe holte sie sich aus New York die Erlaubnis, „Stop Making Sense“ zum 30. Geburtstag des Films doch noch mal auf großer Leinwand zur vollen Entfaltung zu bringen. Und Braunschweig weiß diese Initiative zu würdigen: Schon Tage im Voraus ist der Film ausverkauft. Das ist erst das ungefähr fünfte Mal, dass ein Sound-On-Screen-Film bis zum letzten Platz belegt ist.

Schon im Vorfeld brennt die Luft, alle haben – mit Verlaub – einen tierischen Bock auf den Film. Interessant ist die wilde Mischung an Leuten, die „Stop Making Sense“ sehen wollen. Die Talking Heads machten eben keine Schubladenmusik. Als CBGB-Geburt würde man sie grob für Punk halten, schließlich, wie Beate in ihrer Anmoderation bemerkte, eröffneten sie seinerzeit in den 70ern mit ihrem ersten Live-Gig für die Ramones. Selbst mit New Wave wird man der Musik nicht gerecht. Funk, Disco, Pop – man findet viel in der Musik, und ebenso viel im Publikum wieder. Auch recherchierte Beate, dass die Opening Credits, wie die Schrift im Vorspann ja nun heißt, von demjenigen gestaltet wurden, der sie auch für „Dr. Stangelove“ von Stanley Kubrick angefertigt hatte. „Pablo Ferro, aber den kennt wahrscheinlich niemand“, stellt Beate wahrscheinlich korrekt fest. Auch ermittelte sie, dass es sich bei Regisseur Jonathan Demme um ebenjenen handelt, der auch „Das Schweigen der Lämmer“ dokumentierte.

Es knistert zwischen den Sitzreihen, der Film startet, die Leute sind gespannt. Und machen dann etwas, das man nun wirklich nicht erwartet: Nach jedem Song applaudieren und jubeln sie, als wäre die Band leibhaftig auf der Bühne. Die Stimmung ist unglaublich, mit dieser Rückmeldung quittieren die Gäste ein- und ausdrücklich, wie sehr sie sich auf den Film gefreut haben. Und über ihn freuen. Am Ende ertönen sogar vereinzelte „Zugabe“-Rufe. So ist Braunschweig!

Den Soundtrack zum Film habe ich seit Ewigkeiten, den Film indes noch nie gesehen. So geht es vielen, doch gibt es auch eine Menge Leute im Publikum, die schon dabei waren, als die Lupe den Film vor 30 Jahren zeigte. Oder sie waren bei einer der vielen Wiederaufführungen danach. Wie gesagt, ich kenne die Musik – und bin überrascht, welchen Dimensionszuwachs sie mit den Bildern erfährt. Die altvertrautren Songs sind nicht mehr länger einfach nur die altvertrauten Songs. Es stellen sich Aberdutzende von Aha-Effekten ein. Und das direkt von Anfang an: David Byrne geht auf die völlig leere Bühne, stellt einen Ghettoblaster neben den Mikroständer, nuschelt „ich mach mal eben ne Kassette an“ und justiert seine Akustikklampfe. Vom Tape ertönt der Beat zu „Psycho Killer“. Kenne ich, denke ich, und stelle fest, dass das gar nicht richtig stimmt. Natürlich ist mir der Song mehr als vertraut, doch war es mir nie bewusst, dass es sich dabei um so eine Art Techno handelt. Schon jetzt ist klar, dass ich den Soundtrack künftig sozusagen mit neuen Ohren hören werde. Byrne zappelt im grauen Anzug ungelenk über die Bühne; das wird sein Markenzeichen den ganzen Konzertfilm über sein. Eine Ausdauer hat der Mann! Und eine Qualität hat der Sound! Ist der wirklich schon 30 Jahre alt?

Tina Weymouth gesellt sich zu Byrne auf die Bühne, mit ihrem Bass. Sie performen zu zweit und ohne Beats die Ode an die Kneipe „Heaven“. Nach und nach schieben schwarzgekleidete Roadies weitere Instrumente auf die Bühne, mit ihnen die dem Ur-Quartett angehörenden Chris Frantz und Jerry Harrison, aber auch noch schwarze Percussionisten, Keyboarder, Gitarristen, Sängerinnen, genau gesagt: Lynn Mabry, Edna Holt, Bernie Worrell (von Parliament und Funcadelic), Steve Scales und Alex Weir, die den zackigen Weiße-Leute-Funk um soulig-groovenden schwarzen Funk anreichern. Auch das ist eine Erkenntnis, die mir einen neuen Zugang zur alten Musik erzwingt. Aus dem New Wave und dem Art Pop wird so Funk und Disco, inklusive „Genius Of Love“ in der Inkarnation als Tom Tom Club, dem Lied, in dem sie ihre Vorbilder aufzählen, wie Kurtis Blow, Hamilton Bohannon und James Brown, also reinrassigen Punkrock, natürlich. Wenn man sich das so ansieht und anhört, weiß man außerdem, wo zeitgenössische handgespielte Tanzmusikkapellen wie !!! oder LCD Soundsystem den Most herholen. Holten, LCD Soundsystem gibt es ja nicht mehr, und die Doku „Shut Up And Play The Hits“ lief vor exakt einem Jahr bei Sound On Screen.

Noch eine Erkenntnis, auf die ich eigentlich auch alleine hätte kommen können, ohne „Stop Making Sense“ gesehen zu haben: Eine meiner Lieblingsszenen in Paolo Sorrentinos „Cheyenne“, der im Original „This Must Be The Place“ heißt, weil David Byrne mitspielt und Hauptfigur Cheyenne in der Mitte des Filmes auf einem Konzert des Musikers ebenjenen titelgebenden Song hört, ist genau diese mit dem Konzert. Man sieht: Eine Frau sitzt auf einem Stuhl und manikürt sich schunkelnd die Finger, während ein Haufen Musiker den Song spielt. Die Leinwand mit der Projektion von der Frau schwingt vor die Band, David Byrne taucht im Blickfeld der Kamera auf, als sei er Eddie von Iron Maiden knapp vor der Verwesung. Großartig. In „Stop Making Sense“ spielen die Talking Heads den Song wie in einem Wohnzimmer, Byrne tanzt akrobatisch mit einer Stehlampe. Rückblickend wirkt es, als habe Sorrentino die Sequenz auf eine moderne Ebene heben wollen. Ebenso großartig. Was beim besten Willen nicht heißt, dass „Stop Making Sense“ unmodern wäre.

Für jeden, der den Soundtrack kennt, ist der ganze Film voller Hits. Natürlich freut man sich besonders über die, die auch in echt Hits sind, wie „Burning Down The House“ und „Once In A Lifetime“, aber selbstverständlich ist es jeder Song wert, ihn stürmisch applaudierend gutzuheißen. „Girlfriend Is Better“ ist, wie auch Beate eingangs erwähnte, das Stück, aus dem die Zeile „Stop Making Sense“ stammt. Natürlich, es gibt keine Atempause, „Take Me To The River“, „Life During Wartime“, man glaubt gar nicht, dass die Talking Heads zum Ende des Films noch furioser werden, als man sie von Anfang an wahrnimmt. Nur schwer hält es uns in den Sitzen. „Ich hätte am liebsten jetzt schon getanzt“, sagt eine Zuschauerin zwei Plätze neben mir.

Erstaunlich ist für einen Musikfilm, dass er nicht in der hektischen MTV-Schnittfolge zusammengesetzt ist. Demme lässt sich Zeit für einzelne Musiker und Impressionen. Bisweilen führt das zu dem Phänomen, dass er Leute fokussiert, die irgendetwas tun, und die Musik gerade Kapriolen schlägt, von denen man sich als Zuschauer wünscht, Demme würde die Kamera auf den Kapriolen-Erzeuger halten. In der Regel aber zeigt er sehr wohl, was man sehen muss, etwa das breite Grinsen auf den Gesichtern der Mitmusiker, die Action, die die beiden Sängerinnen veranstalten, und auch den Umstand, dass Byrne und Weymouth keinen Augenkontakt haben. Das fällt besonders mit dem Wissen um das fragwürdige Ende der Band acht Jahre später auf, als Byrne sie auf eine Art und Weise zu den Akten legte, die die übrigen drei Musiker etwas verschnupft reagieren ließ, etwa damit, unter dem Namen „The Heads“ das Album „No Talking, Just Head“ mit unzähligen Gastsängern herauszubringen. Das war leider nicht besonders gut, Byrnes Stimme fehlte einfach. Und auch sein Bühnengebaren, das er in „Stop Making Sense“ im allseits bekannten übergroßen Sakko darbot. Auch eigenwillig für einen Konzertfilm übrigens: Erst zum Schluss sieht man das bunt zusammengewürfelte glücklich grinsende Publikum wie entrückt mitgrooven. Nun, auf der Leinwand wie vor der Leinwand.

Tja, und nach „Stop Making Sense“ war dann „Road To Nowhere“, für viele Fans der Anfang vom Ende. Ich hingegen lernte sie damals als Radiohörender genau damit erst kennen und mögen. Wie selbstverständlich kaufte ich mir dann auch ältere Alben und wunderte mich gar nicht, dass die so deutlich anders klangen und komponiert waren als die Radiohits von später, zu denen auch der Song gehört, der einer anderen Band den Namen gab: „Radiohead“. So war es für mich zum Beispiel auch bei OMD und den Simple Minds: Ausgehend von ihren Mittachzigerhits, legte ich mir die düsteren, monotonen frühen Alben zu und nahm das, was ich da hörte, als selbstverständlich hin, ohne zu bemerken, dass es sich dabei um keinerlei Chartsmusik mehr handelte. Das waren Zeiten! Denn in die Charts kam solche Musik trotzdem.

Nach dem Film ist vor dem Riptide, wie immer bei Sound On Screen. In dem Café laufen kenntnisreich ausgewählte New-Wave-, Post-Punk- und Indie-Hits, aber die Leute sind zum Reden da, gefeiert wird später. Und es sind, weil der Film ausverkauft war, so viele Leute, dass sich die Party auch im gerade nichtsokalten Januar draußen im Achteck fortsetzt. Ausverkauft ist ein Stichwort, denn Beate gelingt es, den Film ein zweites mal aufführen zu lassen, und zwar am Montag, 27. Januar, ab 21 Uhr. Auch das ist nicht der erste Sound-On-Screen-Film, der eine zweite Chance bekommt. Sogar dritte Chancen gab es schon. Und es gibt schon jetzt das nachfolgende Programm: Am Donnerstag, 6. Februar, zeigt das Universum im Rahmen des Warmen Winters den Film „And You Belong: Scream Club“ über das Hip-Hop-Duo Scream Club. Regie führte Julia Ostertag, frühere HBK-Studentin. Scream-Club-Mitglied Sarah Adorable legt anschließend im Riptide auf. Am 20. Februar folgt dann der nächste reguläre Beitrag: „Scott Walker – 30 Century Man“.

Epilog

Wem habe ich es zu verdanken, dass ich in den proppevollen Saal überhaupt hineingekommen bin? Micha natürlich, er besorgte mir kurz vor knapp ein Ticket. Wie es sich gehört, trafen wir uns zur Ticketübergabe im Riptide, tags darauf auch im Kino, nach dem Film im Riptide und am Samstag erneut ebendort. Dann aber stieß er zu einer bestehenden Runde dazu. Samstag im Riptide, es ist Winter – es hängen viele Leute bei Serge in der Lounge herum. Er hat seinen Laden im Blick, obwohl Jakob „Nathan, der Weise“ lesend darauf aufpasst. Neben Serge bildet Markus wie immer mit ihm eine Laptopgemeinschaft. Kamila erfüllt uns unsere sehnsüchtigsten Getränke- und Speisewünsche und ist dabei mindestens so charmant wie ihr Chef André, der uns durch die Scheibe zuwinkt und seinen Charme dieses Mal nur optisch wirken lässt. Die Runde um Serge pulsiert. Niclas ist da, Philipp kommt und geht und kommt und geht und bleibt das nächste Mal bei uns, nachdem er in Serges Laden ein Buch fand und es bei ihm erstand. Micha tritt in die Runde, Carsten und Iris stoßen dazu, Carsten hat noch einen Auftritt in der Funzel, Dorothea gesellt sich kurzzeitig zu uns. Wir sind immerzu in tiefen Gesprächen versunken, und auch bei abweichender oder gegensätzlicher Haltung eint uns, dass wir einander zugetan sind. Ja, es geht in die Tiefe, ist existentiell. Was macht das Leben aus? Serge hat die radikalste Haltung gefunden, aus Sicht derer zumindest, die sie nicht – oder noch nicht? – haben. Niclas erzählt mir, dass ihm Serge essentielle Denkanstöße gab, sein Leben zu ändern. Niclas wagt einschneidende Schritte, das ist mutig. Ich kann ihn verstehen, und ich sehe auch, welche Wirkung jemand wie Serge auf junge Leute hat; dazu zählen Menschen zwischen 15 und 45, Gleichaltrige bleiben kaum bei dem 68-Jährigen hängen. „Ich sehe einen seidenen Faden in deiner Argumentation“, sagt Serge zu mir gegen Ende des mehrstündigen Beisammenseins. „Denk mal drüber nach.“ Er muss es mir dann doch verraten, weil ich nicht darauf komme, und ich bestätige, dass er tatsächlich eines meiner persönlichen Themen entdeckt hat, was ich in dem Zusammenhang selbst gar nicht ausgemacht hätte. Daraus kann ich wieder eine Menge für mich und über mich ableiten. Die Samstagnachmittage im Riptide. Hör nicht auf, einen Sinn zu machen.


Matze Bosenick
www.krautnick.de

#74 Rückblick auf nächstes Jahr

15. Dezember 2013


Samstag, 14. Dezember

Der Dezember ist ein Monat, in dem Jahresrückblicke bereits einen Monat zurückliegen. Das passiert ja immer früher im Jahr heutzutage. Idealerweise machen wir jetzt schon mal den Jahresrückblick für 2014. Genau: Worüber würden wir uns heute in einem Jahr rückblickend unterhalten? Anders gefragt: Was wünschen sich die Menschen für das anstehende Jahr?

Es ist Samstagnachmittag, typisch herbstgrau und nieselig, wie es sich für die Vorweihnachtszeit gehört, und also hocken Mario und ich bei Burgern und Bieren im Riptide. Um uns herum sitzen Gruppen von Menschen oder einzelne Gäste, manche mit Kindern, andere mit Hunden. Chris ist gerade nicht da, André ist kurz aus dem Büro ins Café gekommen. Von Weihnachten ist hier nichts zu spüren – eine angenehme Auszeit von all dem Trubel, eine Oase im Besinnlichkeitsterror. Der ja auch immer früher anfängt, schon mitten im November dekorierten und illuminierten viele vom Wahnsinn befallene Geschäfte ihre Auslagen. Der Wunsch, dem aufgesetzten Weihnachtsrausch zu entgehen, wird mir hier im Riptide sehr gut erfüllt. Für nächstes Jahr allerdings weiß ich noch gar nicht so recht, was ich mir wünschen würde.

Fahim: Gesünder leben, ein bisschen mehr darauf achten, was ich mir zu Essen kaufe, und selber kochen. Anfang des Jahres hat es noch besser geklappt, aber es ist ein bisschen weniger geworden. Ich muss darauf achten, dass es so bleibt – das ist mein Vorsatz.

Markus: Ich will anfangen zu reisen, ich habe das noch nicht so richtig gemacht. Urlaub machen und hinreisen an so Orte, unterwegs sein. Ich habe in Braunschweig studiert, in Wien gelebt und jetzt in Berlin. Eine Arbeitskollegin in Wien hat mir erzählt, wie viel sie gereist ist und was sie erlebt hat, das hat gemacht, dass ich ein bisschen was nachholen muss. Vielleicht nach Italien als erstes, und Israel.

Bereits erfüllt ist mir der Wunsch nach mehr Sub- und überhaupt Kultur in Braunschweig. So viel wie jetzt tat sich schon seit langem nicht mehr. Vom Kleinen bis zum Großen, von Axel Klingenbergs Eintracht-Lesung vor einem Dutzend Leuten gestern im Kingking Shop bis zum Silver Club vergangene Woche in der Mensa 2, den auch Axel moderierte und der auch von der Eintracht handelte. Der Silver Club macht glücklich, auch schon das Vorbereiten und das Abbauen, obwohl es einen plättet. Mit dem Abbauen und Wegräumen waren Mario und ich noch am Montag beschäftigt, zusammen mit anderen sympathischen Verrückten.

Mario: (mit Piepsstimme) Der Weltfrieden. (normal) Das ist im Grunde gar nicht so verkehrt, klingt aber dämlich. Ich würde mich aber freuen, wenn die Menschen aus ihren Eingrenzungen herauskämen und ein bisschen mehr Zivilcourage zeigen, in allen Situationen. Wo ich mich selber einschließen muss.

Besonders schön am jüngsten Silver Club war die große Zahl der Beteiligten, von denen einige tatsächlich zum ersten Mal in die Veranstaltung involviert waren. Steffi zum Beispiel, die den Kult-Tour-Blog schreibt und auch die Firma Mikrofilm mitbetreibt, für die sie Gründer-Porträts dreht. Erst vor wenigen Tagen eines vom Riptide, das war eine schöne Überraschung, ich sah mich plötzlich dem grellem Scheinwerferlicht ihres Mitinhabers Micha ausgesetzt. Natürlich, vom Riptide ein Gründer-Porträt zu drehen, das passt sehr gut, ist es doch etwas Besonderes, mit einer solchen Idee den immer riskanten Sprung in die Selbständigkeit zu wagen.

Kamila (Riptide-Mitarbeiterin): Viele Erfahrungen sammeln, an denen ich mich persönlich weiterentwickeln kann. Ob es jetzt Höhen oder Tiefen sind, aber wenn man zurückblickt, dass man daran vielleicht manche Dinge mit anderen Augen sieht.

Saskia: Ich wünsche mir, dass mein Baby im Mai gesund zur Welt kommt.

Marie mit Taha (er wird am 28. Dezember ein Jahr alt): Wir wünschen uns, dass wir ein nettes Tageskind finden, das diesem jungen Herrn hier Gesellschaft leistet.

Shabnam (Riptide-Mitarbeiterin): Ich wünsche mir, dass meine Mama wieder gesund wird, dass es keinen Krebs mehr auf der Welt gibt.

Wagemut, Lebenslust, Rückschläge: Einen Film über ein bewegtes Leben im Stillstand sah ich kürzlich mit Micha, und zwar „Inside Llewyn Davis“, das neue Coen-Werk. Der Film ist etwas anders als gewohnt mit einigen für die Brüder typischen Elementen. Die Hauptfigur taugt nicht so sehr zur Identifikation, weshalb man den Film zwar einmal genießt, aber sich wahrscheinlich kein zweites Mal ansieht.

Vor dem Film holte ich Micha im Riptide ab, und dort traf ich Dirk, der mir seine Begleitung Frauke vorstellte. Die erzählte von ihren Aktionen, dass sie etwa bei Facebook eine Gruppe mit den Fotografen aus Braunschweig gründete, um die mal zu bündeln, und dass sie einen Stammtisch nur für Musikerinnen ins Leben rief, den wohl ersten in Braunschweig, und der trifft sich – selbstverständlich! – im Riptide. Das mausert sich allmählich zur Heimstatt der exklusiven Stammtische, vom Bass-Stammtisch über den Veganer-Stammtisch bis nun zum Musikerinnen-Stammtisch. Fein.

Jana: Ich möchte gerne ins Ausland ein Jahr, scheißegal wohin, einfach weg. Ich mache jetzt gerade Abi, und da brauche ich erstmal eine Auszeit. Direkt danach studieren, das könnte ich nicht, das ist nicht meins, das wäre mir zu stressig. Außerdem würde ich es vermissen, wenn ich es nie gemacht hätte.

Sreeni: I want to finish my masters, that’s all. By the end of this year, I want to work at Volkswagen in Wolfsburg.

In diesem Jahr bin ich seit 20 Jahren Arbeitnehmer in Wolfsburg. Das war nie mein Traum, ich hatte nämlich gar keinen, sondern war einfach davon ausgegangen, wie die Väter meiner Väter auf Lebenszeit bei dem Konzern mit den zwei Buchstaben meinen Lebensunterhalt zusammenzuklauben. Das ist zwar nicht mehr der Fall, aber zumindest blieb mir die Stadt als Arbeitsort erhalten. Und ich lernte sie lieben, was kaum jemand glauben mag, was ich auch selbst nie erwartet hätte. Es ist gut, dort zu arbeiten. Vieles hat sich positiv verändert. Und man findet seine Nischen und Ecken. Die Musik-Abteilung in der Saturn-Filiale zum Beispiel ist so etwas wie ein heimatspendender Zufluchtsort, dort arbeiten sympathische Leute. Mit Hansi kam ich jüngst ins Gespräch über die richtige Methode, mit der ein Verkäufer einen CD- oder LP-Kunden anspricht. Was bei Muckehändlern – leider! – gar nicht gehe, sei wie beim Schlachter zu fragen: „Darf’s noch eine Scheibe mehr sein?“

Penelope: Ein Elefant. Ich wünsche mir einen Elefant.

Mckriy: Ich wünsche mir, dass ich endlich dicht im Kopf bin, normaler werde. Ich will nur ein normaler Mensch sein.

Maite: Ich habe keinen Wunsch. Ich möchte, dass alles so weiter bleibt.

Munja: Ich wünsche mir einen Boxer, ganz doll. Ich bin damit groß geworden. Ich habe gerade einen verrückten Terrier und möchte einen Boxer haben.

Draußen ist es seit Stunden stockdunkel. Mario und ich haben uns so richtig festgequatscht. Vom Hölzchen zum Stöckchen, dabei sollte es nur ein Bier sein. Jeweils. „Satzzeichen retten Leben“, zitiert Mario abschließend eine alte VZ-Gruppe: „Komm wir essen Oma.“ So können die Tage immerzu vergehen, gerne öfter, das wäre ein guter Wunsch für nächstes Jahr.

Frederik (Ritpide-Mitarbeiter): Ich wünsche mir die Bewilligung für ein Auslandsstudium. Ich möchte in New York studieren.

Jetzt ist mir André entwischt, wie ich an der Theke beim Bezahlen gesagt bekomme. Seinen Wunsch hätte ich gerne noch erfahren. Ich frage ihn und Chris dann halt nächstes Mal. Für heute ist es spät geworden, Mario und ich gehen in die kalte Nachtluft hinaus.

Tobi: Ich wünsche, dass ich zurück in die Heimat ziehe. Ich will nach Hause und nehme das Riptide aber mit. Läden wie dieser machen es aber nicht einfach, dass man sagt: und tschüß!


Matze Bosenick
www.krautnick.de

#69 Bronxweig

24. Juli 2013


Mittwoch, 24. Juli

Fußballmonat Juli, man mag es kaum glauben, in der bundesligafreien Zeit, die wir eigentlich haben. Aber, die Fußball-Europameisterschaft in Schweden läuft ja, auch wenn es Leute gibt, die behaupten, das sei ja kein richtiger Fußball, sondern Frauenfußball. Soeben erfolgte der Anpfiff des Halbfinalspiels der Gastgeberinnen gegen die Deutschinnen, morgen spielen die Däninnen gegen die Norwegerinnen; ein ansehnlicher Sport, auch fußballerisch dem männlichen Pendant nicht selten überlegen. Schade, dass es nicht üblich ist, die Begegnungen der Frauen analog zu denen der Männer überall in den Kneipen zu zeigen, auch über die WM im eigenen Land hinaus, die vor zwei Jahren so viel Spaß machte.

„Fliegende Liebende“ stand vor einer Weile auf dem Programm, mit Leuten natürlich, einer davon natürlich Micha, und an dem Tag war auch die Vorführung von „Guaia Guaia“, dem Sound-On-Screen-Extra im Universum und im Riptide, und ebendort saß im Achteck die titelgebende Band, während im Kino der Film lief. War schon seltsam, ständig an Filmplakaten vorbeizulaufen, auf denen Leute abgebildet waren, die man eben noch in seinem erweiterten Wohnzimmer gesehen hat. Unser Film indes war nicht so gut, einige nette Ideen, aber irgendwie hat sich Pedro Almodóvar offenbar ausgedacht, einmal ein wenig herumzuspielen, und das ist ihm nicht gelungen. Der Kinoabend als solcher war trotzdem gut. Und endete nicht im Riptide, weil dort die Party von „Guaia Guaia“ lief, da wollten wir nicht stören.

Mann, sind die Frauen schnell. Schöne Kombinationen, schnelle Pässe, dynamisches Spiel, und das, obwohl die Deutschen in ihrem ersten Spiel gegen die Niederländerinnen einige Schwierigkeiten hatten, sich überhaupt zu finden, aber dann ging es im Verlauf des Turniers allmählich, und immer besser, sonst wären sie jetzt ja nicht Halbfinalistinnen. Halbe Stunde, null zu null.

„Das habe ich dir ja noch gar nicht erzählt“, sagte Jakob, als ich einmal wieder an einem Samstagnachmittag durch den Bogen bei Möbel Sander trat und in den Handelsweg schritt. Jakob war einer von vielen, die mit Serge debattierten, „wir sind schon seit drei Stunden dabei, du hast etwas verpasst“, sagte Serge, und das glaube ich ihm. Jakob glühte und strahlte, als er mir dann berichtete, wie er Colour Haze in der Markthalle in Hamburg live gesehen hatte. Natürlich, ein fantastisches Konzert. Etwas Besonderes war es für Jakob, dass der Sänger selbst am Merchandising-Stand seine Aufgabe verrichtet hatte. Jakob hatte sich von ihm sofort eine LP signieren lassen und ihm dann erzählt, dass das nicht die erste Colour-Haze-LP ist, die er mit Signaturen hat, und der Sänger hatte direkt gemeint: „Dann bist du Jakob aus Braunschweig.“ Uwe von Raute Records kennt die Band persönlich und hatte einmal für Jakob eine signierte LP besorgt, das muss den Sänger beeindruckt haben.

Was für ein Tor. Einfach reingekullert, nach einem leichten Tritt von Dszenifer Marozsán, knapp neben den Pfosten, ins Netz, ins lange Eck, und niemand konnte den Ball aufhalten.

Jakobs Geschichte erinnert mich an mein Fixmer/McCarthy-Konzert 2004 in Kopenhagen. Veranstalter war der „Club Stahlwerk“, der sich auf Gruftmucke, EBM und solches spezialisiert hatte. Ähnlich wie beim Silver Club, fanden die Konzerte und Partys an wechselnden Lokalitäten statt, nur dass der Club Stahlwerk in Kopenhagen deutlich mehr Auswahl hatte als wir in Braunschweig. Heute gibt es den Club übrigens nicht mehr, weil es in Kopenhagen einfach zu wenig Publikum für solche Musik gab. Das Konzert von Fixmer/McCarthy sollte im Templet stattfinden, in Lyngby, reichlich außerhalb der Innenstadt und damit meiner üblichen Bahnen. Also mailte ich den Club an, wo Templet denn läge, wo es Tickets gebe, wie ich von der Jugendherberge in Bellahøj – dort übernachtete ich früher immer – nach Lyngby käme und so. Mir antwortete Jonas, und mit ihm stand ich für eine kleine Weile im Mailkontakt. An dem Konzertabend dann klappte alles wie beschrieben. Ich erhielt mein Ticket, fand die Location, trank Bier, feierte im rappelvollen Saal zu einem wildgewordenen Douglas McCarthy und einen chilligen Terence Fixmer und hatte ebenso viel Spaß wie alle anderen. Nach dem energetischen Konzert lehnte ich mich an die Wand, ließ das Publikum diffundieren, lauschte auf die ersten Tracks der After-Show-Party und atmete durch. Von gegenüber durch die Tür, einmal quer durch den Saal, stratzte ein Mann auf mich zu, zielstrebig. Wie Moses teilte er die Gehenden und schuf so eine Schneise, die vor meinen Fußen endete. Dort sagte er irgendetwas, das ich nicht verstand, weil es auf Dänisch war, was ich ihm sagte, und darauf meinte er auf Englisch: „Ah, dann bist du Matze.“ Genau, Jonas. Eine unwahrscheinliche Begegnung.

Eine Stunde gespielt, es geht zur Sache. Wie gegen Island, für die Deutschen das zweite Spiel der EM, da kickten sie die Isländerinnen mit drei zu null Toren weg, leider, den Isländerinnen habe ich gerne zugesehen, und dann kam ja das historische Spiel gegen Norwegen, als Deutschland verlor, zum ersten Mal in einer EM seit 20 Jahren, wie kein Moderator zu erwähnen auslassen kann, offenbar. Gegen Italien hat dann im Viertelfinale ein einziges Tor gereicht. Ob es jetzt auch so wird? Das Tor der Schwedinnen gerade zählt nicht, Abseits, Glück gehabt. Aber jetzt werden sie bissig. Beide.

„Der Sommer beginnt bei uns jeden Tag um 16 Uhr“, sagte Serge, als ich einmal mehr bei ihm saß und Kaffee trank. Ferdinand kam mit einem Kuchenpaket vorbei und wollte in seine Wohnung gehen, als Serge ihn darauf ansprach, aha, Kuchen, „möchtest du ein Stück?“, fragte Ferdinand, und Serge mochte, also brachte Ferdinand ihm einen Pappteller mit einem Stück Erdbeerkuchen heraus und sagte zu meiner Überraschung: „Wenn du fertig bist, gib der Gabel einen besonderen Platz in deinem Schaufenster.“ Serge bejahte, ich staunte nur umso mehr, und Serge plazierte die Gabel zwischen seinen Auslagen auf dem Tisch vom Tante Puttchen, gezielt. Eine Woche später berichtete Serge dann, dass er die Gabel selbstverständlich zurückgegeben habe, „ordnungsgemäß“. Kuchen brachte ich letztens auch bei Raute vorbei, wie verabredet, und Uwe und Katrin erzählten, dass sie eine Live-Sendung bei Radio Okerwelle hatten, ausschließlich mit Musik, die sie auch im Laden verkauften, und die Sendung lief direkt vor Soundschwesters „Zimmerservice“.

Die Schwedinnen legen nach. Ein Pfostenschuss, ein gehaltener Fallrückzieher, der Ausgleich steht an, scheint es. Es wäre sicherlich ein undankbarer Job, die Gastgeberinnen aus dem eigenen Turnier zu werfen. Aber noch ist es ja nicht so weit.

Ein Dienstagabend im Handelsweg, das bedeutet, es ist das Dienstagstreffen in der Einraumgalerie und jetzt im Sommer ohnehin ganz viel los in der schmalen Straßenzeile. Unter den vielen redenden, trinkenden und rauchenden Galeriebesuchern vor der Galerie waren die beiden Stefans, die mit einer kontinuierlichen „Ich so, er so, ich so, er so“-Aufreihung zu tiefschürfenden Dialogen einluden. Wer da nicht mittun wollte, nun: Getränke im Riptide lockten, ein Treffen mit Jessy, also wollte ich nicht mittun, und Nina und Jogi kamen vorbei, sie wollten essen gehen, irgendwo in einem Restaurant, das wohl gerne gut besucht war, und die beiden hatten nicht reserviert, aber die vom Urlaub entspannte Nina meinte, das sei nicht so schlimm, denn „heute ist ja in der Woche – oder“? Einraumdienstag also nächstes Mal. Ebenso nächstes Mal schließe ich mich dem Bass-Stammtisch an, der im speziellen Turnus freitags im Riptide tagt, letztes Mal konnte ich nicht, es wäre auch mein erstes Mal gewesen. Mit Bass-Stammtisch-Initiator Schepper war ich stattdessen später in Nordstrand, um ihn mit Bass am Strand zu fotografieren, aber da wir beide dort vorher noch nie waren, wussten wir nicht, dass es in Nordstrand keinen einzigen Strand gibt. Dafür Kaffee in Husum und einen Sandsturm in St. Peter-Ording, wo wir dann letztlich doch das Ersehnte fanden, den Strand nämlich, und immerhin das wusste ich vorher, aber Nordstrand, was für ein irreführender Name, auch wenn die Insel trotzdem schön ist. Sand Peter-Ording nannte Schepper den Ort daraufhin. Mit Schepper erfand ich gestern im Hermans als Namen für die Ghettoviertel unserer Stadt den Namen Bronxweig.

Schlussphase. Keine fünf Minuten mehr. Aber noch vier Minuten drauf. Alle geben alles, es geht zur Sache, und ehrlich, da verdienen beide Mannschaften ein Tor, die Schwedinnen den Ausgleich wie die Deutschen ihr zweites. Abpfiff! Huh, Deutschland ist weiter, im Finale, und mal sehen, gegen wen – morgen stehen sich Dänemark und Norwegen gegenüber, und dann entscheidet es sich.

Draußen sitzen. Eine Wohltat zurzeit, überall, Vielharmonie, Gambit, Okercabana, Havanna, und natürlich im Riptide, jetzt erst wieder mit Gabi, Markus und Sarah, nachdem wir uns im Badsha bestens ernährten, und die drei Wolfsburger waren noch nie zuvor im Riptide. Sarahs Mobiltelefon erleuchtete ihr Gesicht in der Dämmerung, als sie die neueste Nachricht vom englischen Thronblag las und dass der Name noch immer nicht bekannt war, und Markus wusste um die königliche Tradition, „wo sie woanders Speisekarten aushängen, da schreiben sie den Namen rein“. Gabi stellte unvermittelt fest: „Anastacia hat keinen Krebs mehr.“ Sarah wandte sich ihr sofort zu: „Oh, wirklich?“ Markus blieb abgeklärt. „Weiß ich doch schon längst“, winkte er ab. Die Frauen staunten. „Brigitte“, erläuterte er, und nach einer kurzen Pause, in der wir diese unerwartete Offenbarung zu verdauen begannen, fügte er hinzu: „For Men.“

Das Endspiel ist am Sonntag, um familienfreundliche 16 Uhr. Genau, wenn in Braunschweig täglich der Sommer beginnt.


Matze Bosenick
www.krautnick.de

#66 El Gondor Pasa

19. April 2013


Freitag, 19. April

Man muss sich morgens beim Blick aus dem Fenster mehrmals davon überzeugen, dass die umliegenden Dächer nicht weiß sind und dass die Leute draußen ohne Schals und Mützen herumlaufen. Man erwartet es beinahe, so sehr ist man daran gewöhnt. Und jetzt, mit einiger Verspätung, schicken sich auch im Handelsweg die krumpeligen Pflanzengerippe an, ihr Grün herauszutreiben. Die Sonne ist leicht bilitisartig verschleiert, aber das macht nichts, immerhin scheint sie, dringt sie zu uns durch. Der Wind, der durch die Gassen drückt, lässt einen noch etwas frösteln, aber das blendet man aus, schließlich ist es hell und doch irgendwie fast richtig warm. Inzwischen hat man mindestens sein zweites Waffeleis des Jahres gegessen und auch ein erstes gezapftes Draußenbier getrunken. Der Duft von gezapftem Bier aus einem offenen Krug, in die Nase geweht von mildem Wind, das hat etwas Erfrischendes. Der Duft von Milchkaffee, vom Wind im Handelsweg in die Nase geweht, steht dem in nichts nach. Meinen Milchkaffee holte ich mir im Riptide, ebenso einen veganen „Snap“-Schokoriegel, und setzte mich damit zu Serge nebenan. Serge hat eine Zeitung auf seinem kleinen Beistelltisch ausgeknittert, sitzt auf seinem Stuhl und raucht. Einige gebrauchte CDs liegen außen an seinem Ladenfenster. Gegenüber bei Piou ist die Tür offen, Jenny hat einige Kleiderfiguren draußen stehen, sitzt selbst auf einer der Biergarnituren vor dem Riptide und arbeitet dort in der Sonne an ihrem aufgeklappten Laptop. André bringt ihr einen Bagel an den Arbeitsplatz. Sie ist natürlich nicht die einzige, die draußen sitzt, viele genießen, dass der Winter offenbar allmählich verlässlich und endgültig davonschmolz.

Morgen ist Record Store Day, heute normaler Veröffentlichungstag, für Chris und André stapelt sich ein Berg an Arbeit in Kartons verpackt vor der Theke. Ich hoffe darauf, dass das für heute angekündigte neue Album von !!! darunter ist. Es trägt den Namen „Thr!!!er“, was ich gut finde, besonders mit der Bemerkung von Seiten der Band, die LP solle für !!! denselben Stellenwert haben wir „Thriller“ für Michael Jackson. Große Worte einer großartigen, aber kleine Band. Den Jackson-Klassiker sah ich gestern noch bei Katrin und Uwe im Laden, im neuerdings erweiterten Raute Records, in einer der unzählbar vielen Kisten mit attraktivem Inhalt. Mitgenommen habe ich letztlich „Smashed Hits“ von Red Lorry Yellow Lorry und „Meine Hölle“ von Halle 54, der Band, in der Meier von Müller & die Platemeiercombo einst spielte, und das Album, das Plate von Müller & die Platemeiercombo damals produzierte. Uwe erzählte uns Kunden von einer besonderen LP aus Braunschweig, mit dem Glockengeläut vom Dom, die so begehrt ist, dass manche Kunden sie gleich mehrmals kaufen, und einer hatte Uwe dann mal verraten, warum überhaupt: „Da ist nicht nur Glockengeläut drauf, da kann man zwischendurch jemanden die Orgel spielen hören“, berichtete Uwe. Nur, der Organist spiele nicht etwa Kirchenlieder: „Der spielt ‚In-A-Gadda-Da-Vida‘ von Iron Butterfly.“ Wie bei den Simpsons. Da hat Matt Groening die Idee also her. Auf dem Weg zu Raute, als wir gerade aus dem Riptide kamen, sprachen Maren, Arni und ich über die Idee eines meiner Kollegen, die Sprache „Elbisch“ sei, weil Dresden nun mal an der Elbe liegt, in Wahrheit Sächsisch, und dass er sich dann vorstellte, „Arwen“ würde „Erwin“ ausgesprochen. Wir versuchten uns sofort an der Elbischen Aussprache von „Frödö“, „Gändälf“, „Mördör“ – die Reihe endete in einem Lachanfall, als Arni bei „El Gondor Pasa“ ankam.

Eigentlich muss, oder besser: will, Serge heute arbeiten. Ferdinand kommt mit eingerollten Blättern aus dem Haus. „Eine halbe Stunde“ Zeit erbittet sich Serge bei ihm, Ferdinand ist einverstanden. Serge und ich sitzen also weiter vor seinem Geschäft, entspannt, aber wie immer in tiefe Gespräche, nun, vertieft. Es ist tatsächlich erstaunlich entspannend, mit jemandem an sich unentspannte, weil tiefgehende, komplexe, anregende Gespräche zu führen. Als wir da so entspannt sitzen, schlendert Chris mit einer Tüte in der Hand an uns vorbei in Richtung Café und grüßt uns freundlich nickend mit Nachnamen. Wir grüßen den Herrn ebenso freundlich nickend zurück. Serge entlässt ab und zu Rauch in den Wind, ich nippe an meinem Milchkaffee. Als ich mir den bestellte, beriet André gerade Katja, die ihn mit einem aufgeschlagenen Kladdebuch in der Hand nach bestimmten Alben fragte. André gab ihr die erwünschte Auskunft und im Idealfalle auch gleich die erwünschte CD. „Und wo kann ich da reinhören?“, fragte sie. „Am Fenster“, antwortete André von hinter dem Tresen aus, ging um den Tresen herum auf die am Fenster aufgebauten Platten- und CD-Spieler zu und ergänzte: „Wie zu Hause.“ Katja und ich lachten. „Stimmt“, sagte Katja, „es sieht aus wie zu Hause.“ Sie drückte sich die Kopfhörer auf die Ohren und versank für eine Weile in der Musik, die sie ausgewählt hatte. Während André meine Bestellung zubereitete, stellte sich Katja neben mich, mit einer CD von Giant Sand in der Hand, „Howe Gelb, die nehme ich“, sagte sie. „Den mag ich, auch die alten Sachen, aber ich habe ihn noch nie live gesehen.“ Live solle er viel erzählen, habe sie gehört. André suchte die dazugehörige CD-Hülle heraus und fragte: „Und die Nick Cave nicht?“ Katja schüttelte den Kopf: „Der ist zu düster für einen 50. Geburtstag.“ Aber es wäre immerhin unter Gleichaltrigen. Wieder schüttelte sie den Kopf: „Nick Cave geht schon auf die 60 zu.“ Aber eigentlich wäre das wirklich egal. André reichte ihr die CD herüber: „Viel Spaß beim Verschenken.“ Sie dankte und ging. André hatte keine Zeit, in den Kartons nach der neuen !!! zu suchen, weil gleich die nächsten Kunden auf ihre Bestellungen warteten. Es sei ein Tag mit Veröffentlichungen, auf die viele warteten, sagte André, „Junip, die neue Phoenix“. Und morgen ist ja auch noch Record Store Day.

Da weiß ich gar nicht, ob ich es schaffe, zum RSD ins Riptide zu gehen – ich bin morgen in der aus Braunschweiger Sicht verbotenen Stadt, um mir Eläkeläiset anzusehen, zum siebten Mal ungefähr, auf ihrer 20-Jahre-Tour. Das hätte vor 19 Jahren auch niemand gedacht, dass sich der Witz so lange hält und doch nicht abnutzt. Mein zweites nicht-lokales Live-Konzert in an zwei Wochenenden, erstaunlich. Letzte Woche Freitag war ich bei Phillip Boa im Meier, und abgesehen davon, dass das Konzert von Sound und Songauswahl sehr gut war, überraschte am meisten, dass Boa gut aufgelegt vor Witz förmlich sprühte. Ein Riesenspaß für alle Beteiligten. Mit in die Höhe gerecktem Eintracht-Schal am Ende. Den hatte ihm ein Fan auf die Bühne geworfen.

Hannover, Braunschweig. Mit dieser fußballerischen Fehde befasste sich gestern Abend der Poetry-Slam-Battle, den Serge sah, als einer von 900 Zuschauern, und auf den ihn Micha anspricht, ein zweiter von 900 Zuschauern, der eben mit Klaus durch den Handelsweg geweht kommt und bei uns stehenbleibt. Micha und Serge sind unterschiedlicher Ansicht über die Qualität des Slam-Battles. Schade, den hätte ich mir auch gerne angesehen, aber schön, es finden wieder mehrere attraktive Veranstaltungen gleichzeitig in Braunschweig statt, wie früher, ganz früher, ich war nämlich im Museum für Photografie bei der Eröffnung der neuesten Mitgliederausstellung, weil Jörg, ein Freund von mir, dort auch ausstellt. Um Reihen geht es. Seine Reihe trägt dort keinen Titel, ich kenne ihn aber ungefähr: „Farblich korrekt geparkte Autos.“ Beim Rundgang durch die Ausstellung fiel mir eine andere Fotoreihe auf, die ich bereits kannte: „Wie geht’s uns heute!“ von Merlin Laumert hing bis vor kurzem noch mit leicht veränderter Auswahl im Café Riptide.

Dort prangen jetzt Szenenfotos des jüngsten Sound-On-Screen-Beitrags „Searching For Sugarman“, den ich leider verpasste. „‘Sugarman‘ lohnt sich“, bekräftigt Micha, der ihn sah. Am Mittwoch zeigt das Universum den Film erneut, sogar zu einer erreichbaren Uhrzeit, um 21.15 Uhr nämlich, wenn alles klappt, kann ich ihn also doch noch sehen. Um diese Mittagszeit kommt bei Serge die listige Frage auf, wie Micha sich Urlaub gibt, als Selbstständiger, ob er sich als Chef oder Angestellter sehe, und Micha antwortet: „Auf Facebook ist mein beruflicher Status: Ich selbst.“ Klaus findet: „Du hättest auch schreiben können: Ich bin, der ich bin.“ Oha, reichlich hochgegriffen, auch Serge findet lachend, „das wird jetzt philosophisch“. Serge muss jetzt wirklich arbeiten und setzt sich mit Ferdinand an die zweite Biergarnitur im Achteck. Ferdinand soll Serges Buch illustrieren, die zusammengerollten Bögen bergen Entwürfe. Klaus und Micha bleiben rauchend bei mir stehen. „Ich gehe heute ins Kino“, sagt Micha. „‘Mama‘.“ Nach allem, was ich darüber weiß: Den will ich nicht sehen. Klaus lacht: „Mutterkomplex?“ Eher zu viel Heintje gehört. Einig sind wir uns, dass wir beide „Der Tag wird kommen“ sehen wollen, den neuen Film von Gustave de Kervern und Benoît Delépine, die vor fünf Jahren mit „Luoise-Michel“, auf so etwas in der Art wie Deutsch hieß er „Louise Hires A Contract Killer“, in Anlehnung an den etwas berühmteren Aki-Kaurismäki-Film, so überraschend zu punkten wussten, beim Filmfest etwa. Das Plakat für „Der Tag wird kommen“ hängt bereits im Universum.

Wir müssen alle gehen. Micha beendet seine Pause, Klaus will auch weiter, ich habe eine spontane Mittagessenverabredung mit Anke, die mich gleich hier abholt. Auf dem Weg an die Theke bekräftigt Micha erneut, wie lohnend „Searching For Sugarman“ sei. Chris, der gerade neu gelieferte CDs in die Fächer sortiert, stimmt ihm zu: „Der Film ist ein Traum.“ Die LP mit sämtlichen Liedern von Rodriguez, den Songwriter, um den es in der Dokumentation geht, steht im Regal neben der Theke. Vor uns in der Bezahlschlange wartet unter anderem Jakob, der heute gar nicht wie gewohnt bei Serge saß. Was entdeckt er zurzeit an Kulturgütern? „Ich lese Maupassant-Novellen“, sagt Jakob. „Und ich habe mir gerade das neue Album von Alice In Chains angehört.“ Deren neuer Sänger ziemlich wie sein verstorbener Vorgänger Layne Staley klingt, wie ich finde. Jakob nicht, er mutmaßt, dass das eher an der zweiten Stimme des Gitarristen liegt, der schon zu Staleys Zeiten mitsang und jetzt einen größeren Teil übernimmt. Besonders gut wahrzunehmen sei das bei dem Unplugged-Konzert, noch mit Staley. Mad Season indes kennt Jakob noch nicht, das Projekt mit Staley, zu dem es demnächst tatsächlich ein Folgealbum geben soll.

André schaut erneut in den Kartons, ob „Thr!!!er“ mitgekommen ist, während ich bei Chris meine Rechnung begleiche. Ein Blick in den Computer offenbart André dann, weshalb er das Album nicht finden kann: „Es ist verschoben, um eine Woche, auf den 26. April.“ Dann muss ich doch nächste Woche glatt nochmal wiederkommen. Anke ist nun da, wir wollen los, und André gibt uns als Tipp „den neuen Vietnamesen neben dem Zone-Kaufhaus“ auf den Weg, ein Tipp, der mir wirklich neu ist, Anke nicht, „der hat sich längst in Hippiekreisen herumgesprochen“, sagt sie, und Chris findet, „das ist seit 20 Jahren endlich mal wieder ein guter Imbiss in Braunschweig“. Wir probieren den gleich mal aus. Und wenn ich schon die „Thr!!!er“ heute nicht bekomme, dann hoffentlich später irgendwo die neue Folge von Gabriel Burns, die erste seit drei Jahren. Mal sehen, wo es Anke und mich gleich hinträgt. In die Sonne, so viel ist sicher. Und morgen ist ja Record Store Day.


Matze Bosenick
www.krautnick.de

#64 Gesunde Brutalität

15. Februar 2013


Donnerstag, 14. Februar

Wenn Serges Laden zwar offen, aber menschenleer ist, bedeutet das in der Regel, dass er in der Rip-Lounge am großen Fenster sitzt und raucht, vor seinem aufgeklappten Laptop, neben sich Jakob, Laura oder andere, die mit ihm philosophieren oder über sein Buch oder auch nur irgendetwas anderes reden. Als ich aus dem schmalen Handelsweg ins offene Achteck trete, kehre ich daher dieses Mal nicht direkt ins Café ein, um Chris oder André oder den anderen den Gruß des Tages zu entbieten, sondern wende mich der gegenüberliegenden Rip-Lounge zu, und siehe, es winken mir Serge und Jakob von hinter dem Fenster aus zu, beide rauchend, beide lächelnd. Da setze ich mich doch gerne dazu. Eine gute Gesellschaft, wie ich schon öfter erleben durfte, wofür ich dankbar bin.

Jakob und Serge sind ein bewundernswertes Gespann. Serge ist 68 Jahre alt, betreibt nebenan den kleinen Laden mit vielen gebrauchten Dingen, Büchern zumeist, war Intendant des Schlosstheaters in Celle, schreibt zurzeit an einem Buch, oder besser: hat es selbstgebunden vorliegen, „Lucky Man“, Buch eins von dreien. Und Jakob ist 15, Schüler, literaturinteressiert, aufgeschlossen, neugierig, fröhlich, intelligent und gutaussehend. Von Serge lernt er viel über Literatur, kauft bei ihm regelmäßig Bücher, heute eines von Marcel Proust, und im Gegenzug bedient er Serges Laptop, kümmert sich um Updates, bearbeitet Korrespondenz, löst Probleme. „Wir sind eine Projektgruppe“, sagt Jakob. „Zwei Typen, die hier jeden Samstag rumsitzen, rumstehen, jeden Samstag, rauchen und sprechen.“ Ganz offensichtlich manchmal auch donnerstags. „Das ist ja in gewisser Weise eine Art Germanistikseminar“, konkretisiert es Serge. „Wir versuchen, Texte zu analysieren anhand eines konkreten, im Moment noch in Erarbeitung befindlichen Textes – das ist ungewöhnlich, an einer Uni wird man selten einen Autoren bei der Arbeit vor sich haben.“ Für mich ist es der umgesetzte Generationenvertrag. „Ich muss dir noch was sagen zu Colour Haze, die neue Platte – “ Doch dazu kommt Jakob nicht mehr, er folgt einer Freundin an einen der Nachbartische. Vernünftig.

Colour Haze! Kürzlich waren Maren, Arni und ich im Riptide unterwegs und gesellten uns kurz in die Runde von Serge, Jakob und noch jemandem, und als wir erzählten, dass Arni und ich vorhatten, direkt zu Raute zu gehen, leuchteten Jakobs Augen auf, und er erzählte, dass er sich dort gerade eine Anlage gekauft hatte, mit Plattenspieler, und außerdem eine Platte von einer Band, „kennt ihr Colour Haze?“ Was für eine Frage, sie uns Progrockinteressierten zu stellen, umgekehrt wäre sie angebrachter: Du kennst Colour Haze?! Die kennen nicht mal Gleichaltrige. Jakob erzählte nun überschwänglich, dass er sich bei Raute eine LP von denen gekauft hatte, signiert, weil Raute-Zweitchef Uwe Kontakte zur Band hat. Mit demselben Strahlen in den Augen freute sich Uwe kurz darauf uns gegenüber über Jakobs Interesse an der Band, LPs an sich und dem Plattenspieler. Die Welt ist nicht verloren mit jungen Leuten wie Jakob. Wir freuten uns überdies, wie grässlich wir von Uwe willkommen geheißen wurden, und nicht nur wir, Uwe war in allerbester Laune und beleidigte seine Kunden herzerwärmend mit Begrüßungen wie „Alles muss raus – das gilt auch für dich!“ Dem leistete natürlich niemand der glücklichen Kunden Folge, und das mit erheblicher Begeisterung. Uwes Laune war kein Wunder, die Eintracht hatte gerade gewonnen.

In der Rip-Lounge nimmt Milena Bestellungen auf und kommt auch zu Serge und mir. Ich bestelle das, was man bekommt, wenn man „Hausmarke“ sagt, was, wie ich wohl weiß, nicht mehr Hausmarke ist, sondern ein Fritz-Produkt, dessen Namen ich mir allerdings noch nicht gemerkt habe. „Eine Ex-Hausmarke“, bestätigt Milena. Sie habe ich noch gar nicht im Riptide-Team gesehen, „ich bin seit Ende November hier“, sagt sie, aber vor mehr als zwei Jahren machte sie einen Okerwelle-Bericht über das Riptide, und das erzählte sie mir damals, daher kennen wir uns also schon.

Als Serge und ich uns gerade über sein Buch „Lucky Man“ unterhalten, danach über Kinder, frühkindliche Prägung, Traumatisierungen und deren Auswirkungen, Selbstverwirklichung, selbstschädigende Rücksichtnahme und als selbsterhaltende Folge darauf, wie Serge es nennt, „gesunde Brutalität“, kommt Niclas um die Ecke und setzt sich zu uns. Er hat einen Termin beim Arzt und war früher da als gefordert, doch macht die Praxis Pause und lässt ihn nicht im Wartezimmer sitzen, und für eine Stunde will er nicht nach Hause und setzt sich zu uns, um die Zeit zu überbrücken. Obwohl, wie ich finde, er im Riptide dann wohl zu Hause ist. Er muss zur Blutabnahme, „ich darf nichts essen und trinken, ich habe seit dem Frühstück nichts mehr gegessen, und das war nur Müsli“, erzählt er mit Hungermiene. Milena, die mir mein Fritz-Getränk bringt, das „Kola-Kaffee-Limonade“ heißt, was deutlich schwieriger zu merken ist, aber mindestens genauso gut schmeckt wie die Hausmarke, fragt ihn ahnungslos: „Kann ich dir etwas zu essen oder zu trinken bringen?“, was bei Niclas ein hungerverzerrtes Gesicht zur Folge hat. „Ich würde gerne, aber darf nicht“, sagt er gequält. Milena stutzt: „Wie so nicht, bist du mit Vorgesetzten hier?“ Genau, ich verbiete ihm den Kaffeekonsum. „Genau, ist ja auch ungesund“, stimmt mir Milena zu. Niclas erklärt ihr den Grund und fragt: „Habt ihr Wasser ohne Kohlensäure?“ Haben sie, „Leitungswasser“, sie beugt sich verschwörerisch zu ihm und raunt hinter vorgehaltener Hand: „Ist auch umsonst.“ Die beiden sind sich handelseinig.

Die Gespräche zwischen Niclas, Serge und mir werden existentialistisch, ganz so, wie es in diesem Rahmen üblich und erfreulich ist. Zum Existentialismus gehört natürlich auch der Genuss, und auf Niclas‘ Hungerbemerkung hin bemerkt Serge, dass er nur wenig isst und sich selbst oft fragt, wovon er lebt, und ich mutmaße, dass es Rauch ist. Serge zieht an der Zigarette und fügt den abendlichen Wein hinzu. Niclas und Serge tauschen sich über Geschmack und Rauchdauer verschiedener Zigarettensorten aus. Serges Marke, eine Empfehlung von Jakob, sei teurer, schmecke aber besser, und außerdem verglühten sie nicht so schnell. Serge zahle also drauf für „Geschmack und“, er sucht nach dem Wort, das ihm Niclas reicht: „Ergiebigkeit.“ Serge nickt: „Rauchen ist das einzige, wovon ich wirklich überzeugt bin.“ Oha, was für eine Feststellung. Wovon bin ich denn überzeugt? Das ist eine Frage für zu Hause. „Die Entstehung der Literatur, besonders der modernen, verdankt sich dem Rauchen“, sagt Serge. Und dem Alkohol, finde ich. „Auch das Kino, besonders in Schwarzweiß“, fügt Serge noch hinzu, das setze den Rauch ästhetisch ein, „Farbe trägt den Rauch nicht, darin verschwindet er“. Im Kino verschwindet Rauch sowieso, außer bisweilen im Europäischen. Das hat Niclas auch beobachtet.

Das Kino rappelvoll bekamen Riptide und Universum jüngst bei Sound On Screen, mit dem Sigur-Rós-Film „Heima“. Das dritte Mal überhaupt, wie Beate erzählte, war Sound On Screen ausverkauft, nach dem The-Doors-Film und dem Blue-Note-Film. Das Kino war so voll, dass das Universum den Film noch an zwei weiteren Abenden zeigte. So voll, dass Janna und ich beim Gang ins Kino fürchteten, die zwei überzähligen vorbestellten Karten auch noch bezahlen zu müssen, weil unsere beiden angesagten Begleiter abgesagt und wir vier Karten vorbestellt hatten. Wir stellten uns artig in die Schlange, in die sich als nächstes Iris gesellte, fröhlich strahlend, aber ahnungslos, dass sie hätte vorbestellen müssen, und dann mit uns froh, dass sie eines der zwei überzähligen Tickets haben konnte, und die Frau am Schalter beteuerte dann auch noch, dass wir das letzte Ticket nicht zu zahlen hätten, dass es genug Nachfrage gebe uns sie es schon loswerde. Aha, dachte ich. Jetzt bin ich mal gespannt, wer sich neben mich setzt. Das Kino füllte sich, es liefen Werbefilme, unter anderem vom Kingking Shop, in dem in der Woche davor gewesen war, um Stefan mal wieder zu treffen, und bei ihm war eine junge Studentin, Vera, die sich mit ihm über ihre Kunst und eine potentielle Ausstellung in der Einraumgalerie unterhielt, und währenddessen stöberte ich in den Büchern, wie es sich in einem halben Buchladen auch gehört, und entdeckte dort „Speichelfäden in der Buttermilch“, eine Zusammenstellung diverser Veröffentlichungen von Stermann und Grisseman, zwei für meinen Geschmack ernsthaft lustigen Humorschaffenden, die allerdings außerhalb Österreichs und Süddeutschlands sowie Berlins niemand kennt, abgesehen von Studio Braun, die mit den beiden befreundet sind, nachvollziehbarerweise, und ich wunderte mich, das Buch in Braunschweig zu finden, und Stefan zitierte gleich den Youtube-Film „Cordoba 1978“, und darüber kamen wir drei über lustige Bücher zu sprechen, und Vera nannte „Die Wahrheit über Hänsel und Gretel“ von Hans Traxler, einen satirischen Bericht über einen erdachten Forscher, der die Lage des Hexenhauses und die Identität der vermeintlichen Hexe und die Wahrheit hinter dem Märchen herausgefunden zu haben behauptet hatte, der damals, in den späten 60ern, in der Bundesrepublik noch für Aufsehen gesorgt hatte, und ich bestellte das Buch sogleich bei Stefan, und als ich ging, rief mir Vera hinterher, „sag mir, wie du es findest“, und ich sagte, na klar, mache ich, und auf dem Heimweg dachte ich noch, wie denn? Und als dann im Universum kurz vor „Heima“-Start mein Überraschungssitznachbar endlich eintraf, fragte sie: „Und, wie fandest du das Buch?“ Das war wirklich eine Überraschung. Die Antwort konnte ich ihr noch nicht geben, weil ich das Buch bis dahin noch gar nicht abgeholt hatte. Wir tauschten dieses Mal Emailadressen aus. Am nächsten Tag rief ich gleich bei Stefan an und fragte nach dem Buch und danach, ob er sich ausdenken könnte, neben wem ich „Heima“ gesehen hatte, und er sagte: „Vera“, worauf ich erheblich stutzte, und er klärte mich auf: „Ich saß zwei Reihen hinter euch.“ Braunschweig, eine Erbse.

Der Film selbst war auch Jahre später noch so anrührend wie beim ersten Mal, die mittleren Sachen von Sigur Rós lösen einfach immer etwas in mir aus, und die Bilder dazu auch. Nach dem Film waren wir noch mit Axel bei Guidos Pizzeria, bevor wir uns die Aftershow im Riptide ansahen, mit Livemusik und Islandfilmen, und Beate verriet uns dort schon, dass in der nächsten Staffel von Sound On Screen „24 Hour Party People“ und „Searching For Sugar Man“ laufen. Ersterer hatte keinen Deutschen Kinostart, den hatte ich seinerzeit in Kopenhagen gesehen, in einem Kino zwischen Hauptbahnhof und Rotlichtviertel und mit nur einem weiteren Gast, Original ohne Untertitel, was nur vermeintlich okay gewesen war, weil der Film ja auf Englisch ist, obwohl, ist er nämlich nicht, jedenfalls nicht so richtig, er spielt in Manchester, allzuviel hatte ich also nicht verstanden, aber dennoch viel Spaß an dem Ding, und Beate erläuterte den anderen Film, eine Dokumentation, die von der Suche eines Südafrikaners nach dem verschollenen Sänger Rodriguez handelt, und die eine unvorhersehbare Pointe hat, die sich Beate allerdings nicht entlocken ließ. Morgen Abend läuft aber erstmal „You Instead“ bei Sound On Screen, die beiden anderen Filme kommen im März und im April.

Zwischendurch geht Serge immer wieder mal nach gegenüber, um in seinem Laden Kunden zu bedienen. Stets kommen die lächelnd wieder heraus. Niclas muss jetzt wirklich los zum Arzt, Serge sitzt wieder bei mir, als Helen hereinkommt und ihn begrüßt und eine Verabredung mit ihm dingfest macht. „Ich muss ein Babygeschenk kaufen“, sagt sie, eine Freundin in Hannover habe ein Kind bekommen. Eine Freundin von mir auch, vorgestern. „Ich habe noch nie ein Babygeschenk gekauft“, sagt Helen. Sie ist noch jung, das wird ihr jetzt vermutlich öfter passieren.

Serge will Feierabend machen, dann gehe ich auch, erstmal nach gegenüber ins Café, zum Zahlen und um endlich meine Grüße zu entrichten, und stelle fest, dass das Café bis auf den letzten Platz und im Grunde sogar darüber hinaus besetzt ist, und freue mich darüber. Chris arbeitet in der Küche und hat wegen des vollen Cafés alle Hände voll zu tun und keine Zeit, was man seiner Freundlichkeit indes nicht anmerkt. „Morgen kommt nach langem Warten die neue Nick Cave heraus“, sagte er noch schnell und bringt Teller mit Fladenbroten an die entsprechenden Tische. Guter Tipp. Hinaus in die Sonne, die den achteckigen Innenhof fröhlich aufhellt, und die trotz der Minusgrade wärmt.


Matze Bosenick
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#63 Zuckertulpen

14. Januar 2013


Montag, 14. Januar

Was für ein schöner sonniger Montagmorgen, es riecht richtig nach Winter, was es ja auch eigentlich sollte. Am Wochenende fiel noch verirrter Schnee, jetzt strahlt der Himmel und lockt die Leute auf die Straße. Mich auch, ins Riptide, ich bin dort mit Claudi Soundschwester zum Frühstück verabredet. Zu einer solch frühen Wochenanfangszeit sind André und Lennard vorerst allein im Café und bereiten es auf die bald eintrudelnden Gäste vor. Wie Claudi und mich. Vom Fahrradfahren sind Claudis Wangen knallrot. Nach der Begrüßung greift sie zielstrebig nach einem der Quartette, die aufgereiht auf der Theke kleben: „Diktatoren“. „Ich plane eine Sendung über Diktatoren“, sagt sie. Damit meint sie ihre fantastische wöchentliche Show „Zimmerservice“ auf Radio Okerwelle. Ideen für moderierte Beiträge zu einer solchen Sendung habe sie schon eine Menge, aber nur wenige Lieder, die passen. Bislang. Mit fällt als erstes „Crack Hitler“ von Faith No More ein, was aber mit Hitler nichts zu tun hat. Und „Hitler – menschlich gesehen“ von Bernd Begemann.

Eines der Quartette in der langen Reihe ist demnächst Anlass dafür, dass ein Fernsehteam von Sat1 im Riptide einen Beitrag dreht, verrät André: Das Kneipenquartett mit den Braunschweiger Bars, Discos und Kneipen. „Die drehen in zwei Kneipen – im Vier Linden und bei uns“, sagt André. Zumindest sei das der Plan gewesen, als Sat1 den ersten Drehtermin im Dezember ankündigte, aber auf verschob. Ob das Vier Linden jetzt also noch dabei sei, wisse André nicht. Beim Blick durch die Quartett-Karten fällt Lennard und mir auf, welche Kneipen, die wir noch mögen, dort fehlen.

Claudi und ich setzen uns in die Ecke am großen Fenster und bestellen bei Lennard unsere Frühstücke, Claudi das Französische, ich das mit Käse. André ist schon wieder unterwegs zum Einkaufen. Um uns herum sortieren sich andere Leute auf die Stühle und an die Tische, von der jungen Familie mit Kinderwagen über die Studenten bis zum alten Mann. Stunde um Stunde verbringen wir mit Brötchen, Kaffee und tausenden Geschichten. Wie die davon, dass eine Freundin von mir für Nordzucker in Kopenhagen arbeitet, und Claudi fragt: „Warum dort – ach so, die gewinnen den Zucker aus dem Meer.“ Und kurz überlegt: „Oder war das Kaffee?“

Die Mittagszeit ist längst vorbei, wir sind gesättigt, unser Durst ist gestillt, unsere Geschichten längst noch nicht alle ausgetauscht, Claudi muss anderen Aufgaben nachgehen, ich will noch etwas bleiben. Beim Bezahlen fällt uns auf, dass das Fach für die zweite Ausgabe des Literatur- und Kunst-Heftchens „12×12“ komplett leer ist. Im Dezember 2011 brachte die Projektgruppe „Katze Bullshit“ – das sind Marcel Pollex und Eileen Kwiecinski – die erste Ausgabe kostenlos unters Volk, ein Jahr später folgte für sie selbst überraschend nun das zweite Heftchen. Darauf aufmerksam machte mich Till Burgwächter am Freitagabend in der KaufBar bei der vorletzten Ausgabe der Bumsdorfer Auslese, indem er seinen darin enthaltenen Text vorlas. So ein Mist, dachte ich noch, kurz vorher war ich im Kingking Shop, sah dort das Heft, erkannte es nicht als neue Ausgabe von „12×12“ und nahm es nicht mit. Bei der Auslese hatte Axel Klingenberg erstaunlicherweise nur noch ein paar Exemplare des eigentlich vergriffenen ersten Heftchens dabei. Also ging ich am nächsten Abend nur kurz ins Riptide, um mir meine Kopie des neuen Heftes zu sichern, denn das gab es da tatsächlich noch, aber der Stapel war schon sehr flach. Heute ist keines mehr da – da hatte ich wohl Glück.

Dafür liegt da das aktuelle Subway, gegenüber im Intro-Fach das Da Capo, mit Fotos von Claudi, wie sie mit Alex Schlagowski beim DDR-Spezial des jüngsten Silver Clubs auflegte, stilecht im FDJ-Hemd. Auf der letzten Seite des Subway steht „Aus Alex wird Axel“, ein Kolumnistenwechsel steht also an, und Claudi weiß, was es damit auf sich hat: „Axel Klingenberg schreibt da ab nächsten Monat.“ Ach. Hat er gar nicht erzählt bei der Auslese. Dafür aber, dass er Braunschweigs einzige Lesebühne nur noch einmal veranstalten wird, im März. „Umfallende Leuchtturmprojekte“ hieß die jüngste Show deshalb. Ein Ende der Lesebühne reißt ein Loch ins kulturelle Angebot der Stadt, finde ich, denn meines Wissens gibt es keine zweite in Braunschweig. Literaturshows ja, Lesebühnen wohl nicht. Und was für ein Spaß war die Freitagabendshow, mit Axel, Till, Holger Reichard sowie als Gästen Johannes Weigel und Schepper, der mit seinem Bass die Show psychedelisch verzauberte. Ein vergnüglicher Riesenspaß in der gottlob rappelvollen KaufBar.

Immerhin, die Show beendete am Freitag den Veranstaltungswinterschlaf der Stadt, ab jetzt geht es wieder aufwärts. Auch Claudi war wieder aktiv, sie veranstaltete am Samstag im Hansa Kultur-Club die „Wild & Tanzbar“-Party. Am Donnerstag zeigt dann das Universum in der gemeinsamen Reihe „Sound On Screen“ mit dem Café Riptide endlich den Film „Heima“ über Sigur Rós, am Freitag findet im Café eine Vernissage statt – welche, weiß Lennard nicht: „Aber ich muss auch arbeiten, das ist gut, da hab ich Thekenbetrieb, das ist ganz entspannt.“ Aha, dabei klingt Thekenbetrieb bei Veranstaltungen eher stressiger. Ist es laut Lennard nicht: „Ich muss nicht herumgehen und die Küche bleibt auch kalt.“ Klingt einleuchtend. Tja, irgendwas wird die zurzeit noch kahlen Riptide-Wände also wieder schmücken.

Einen Wechsel gibt es auch im Kühlschrank, erzählt Lennard: „Wir stellen um, von Hermann-Brause auf Fritz-Limo.“ Außerdem gibt es neues Personal, „zwei neue Jungs, die werden zurzeit eingearbeitet, die waren erst ein- oder zweimal hier“. Die Tür öffnet sich und André schiebt eine Sackkarre voller Einkäufe ins Café. Er stellt die Kisten ab und schiebt die Sackkarre zurück nach draußen. Nach einer Weile kehrt er mit der zweiten Fuhre zurück und verlässt das Café wieder. Lennard nimmt in der Riplounge eine Bestellung auf, vier Fladenbrote. Er legt den Notizzettel auf die Theke und stellt fest: „Ich muss das nochmal aufschreiben, wenn ich schnell schreibe, kann das keiner lesen.“ Er schreibt die Bestellung nochmal auf und geht in die Küche. André kehrt mit der dritten, vierten, fünften Fuhre Einkäufe zurück. In den vielen Kisten vor der Theke türmen sich unter anderem Ketchupflaschen, Tulpen und Maracujasaftpackungen. „Kann ich dir helfen, André?“, fragt Lennard, nachdem er die bestellten Fladenbrote auslieferte. André nickt: „Du kannst gerne den Einkauf wegsortieren und den Pfand runterbringen.“ Lennard quittiert die Aufträge mit einem schlichten „ja“ und macht sich an die Arbeit. André bringt die Sackkarre weg. Auch ich hab noch zu tun und verlasse mit dem DHL-Boten, der sicherlich neue Schallplatten mitbrachte, das Café und freue mich, dass zur Abwechslung mal die Sonne scheint. Am Donnerstag bin ich spätestens wieder hier.


Matze Bosenick
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#60 Ferrari Testarossa

13. Oktober 2012


Samstag, 13. Oktober

Meine Erkältung klingt allmählich ab, Zeit, mal wieder unter Leute zu kommen, also ins Riptide zu gehen. Wohin auch sonst, zur Genesung. Es ist ja mal ganz nett, seine Zeit ausschließlich in Betten und auf Sofas zu verbringen und Hörspiele und Musik zu hören, aber es wächst bei mir doch bald der Bedarf nach echten Menschen. Deshalb komme ich an diesem sonnenhellen Oktobertag auch nicht in den üblichen fünf Minuten bis in mein zweites Wohnzimmer im Handelsweg, sondern brauche eine Stunde; der BIBS-Stand auf dem Kohlmarkt ist ein schöner Treffpunkt und die Zahl der zu diskutierenden Themen groß. Ein neues soziokulturelles Zentrum in Braunschweig ist nur eines von vielen, aber eines für viele. Die Sonne lacht, wir auch, trotz allem, wegen allem, und die Zahl der Lachenden wächst außerdem. Nun aber mal los.

Hinter dem Tunnel, der durch Möbel Sander in den Handelsweg führt, sitzt Serge mit drei Gästen vor seinem Laden. Das sieht wieder nach den lehrreichen und konstruktiv-streitbaren Gesprächen aus, die sich vor Serges Tür immerzu von allein einzustellen scheinen. Man kann nicht anders als mit ihm philosophieren, und er kann nicht anders als Haltung zeigen, inzwischen ja auch für jeden greifbar: Vor wenigen Wochen veröffentlichte Serge seinen Hörbuch-Buch-Hybriden „Leseprobe 1“, selbstverfasst und selbstgesprochen, überraschend offen und autobiografisch, wie er es als Person inzwischen ja auch ist. Vom Riptide-Nachbarn, über den nur wenig und doch mehr bekannt war als von ihm selbst, zum Mitgestalter in allen Gassen. „Irgendwas mit Theater“ habe er früher gemacht, das wusste man über ihn, inzwischen übernimmt er wieder mal Regie, etwa fürs Theater Fanferlüsch, hält im Rahmen der Kulturnacht in der Galerie auf Zeit eine Lesung ab und präsentiert eben seine „Leseprobe“ in CD- und Buchform. Und es soll mehr werden, ein ganzes Buch, mindestens, und Serge fragt mich im Vorbeiflug nach Verlagskontakten. Netzwerke schaffen, das ist auch eine neue Aufgabe, die er sich selbst stellte und mit der er den zurzeit in der Stadt umtriebigen Zeitgeist trifft, also auf offene Ohren und Türen stößt, insbesondere im kulturellen Bereich. Das Riptide als Nachbar ist da kein schlechter Ort, um Netzwerke aufzutun. Ebenso der übernächste Nachbar: Als erster Verlagskontakt-Hersteller fällt mir Stefan vom Kingking Shop ein, der außerdem einer der Betreiber der Einraumgalerie im Handelsweg ist.

Draußensitzen ist nicht nur für Serge attraktiv, auch die Riptide-Gäste drängen sich im Achteck und betreiben fröhliche Gesprächsrunden. Mit einer abklingenden Erkältung mag ich aber noch nicht draußen sitzen, ich gehe ins Café. Auch dort ist viel los, Franzi und Jasmin haben im besten Sinne alle Hände voll zu tun. André auch, er gehört eigentlich vor lauter lauernder Aufgaben ins Büro an den PC, denn heute Abend ist noch was los im Café: „Das DJ-Team von Indie.Disko.Gehn legt auf.“ Die kenne ich, zumindest als Logo aus Wolfsburg, dort etablierten sie die Party im Sauna-Klub. Fürs Riptide machen sich die Jungs wohl ordentlich Arbeit: „Sie bringen ihre Lightshow an, die Lounge wird zum Kino umgebaut“, kündigt André respektvoll an, während er mir einen meine Erkältung hoffentlich weiter lindernden Kafka zubereitet. Und: „Wir wollen das Rondell beleuchten, je nach Wetterlage.“

Diese ist dann auch erstmal die letzte Veranstaltung einer ganzen Reihe von Veranstaltungen, die im Riptide jetzt anstanden, ausgehend von den Festivitäten zum fünfjährigen Bestehen des Etablissements. Was da nicht alles los war. Und wie oft ich es glücklich schaffte, dabei zu sein. Täglich hatten Chris und André eine andere Aktion im Angebot, mit der sie uns köderten, was gar nicht nötig war, wir wären ja auch so gekommen. Bei der Losaktion gewann ich eine Tasse Kaffee, die habe ganz vergessen einzulösen. An dem Tag war ich eigentlich nur kurz da, um Grüße und Gratulationen zu entrichten, aber Jasmin verführte mich zum Loskauf und gewann selbst einen der silbrigglänzenden Riptide-Buttons, wie ich ihn ohnehin seit Jahren an der Jacke trage, in Eintracht mit Buttons von Silver Club und Kingking Shop. Veganes Grillen im Achteck stand einmal auf dem Programm, und davon kostete ich, als ich mich mit Claudi Soundschwester zu einem unserer unregelmäßigen Feierabendbiere traf. Bei uns am Tisch saß Bernd, seinerzeit einer der vier Initiatoren des Schlucklum in Lucklum, und der wusste Geschichten zu erzählen, etwa die, dass es Gäste gab, die Freitagnachmittag vor dem Schlucklum ihr Zelt auf- und es Sonntagmittag wieder abbauten. Und im Zuge des Geburtstags ließen Chris und André T-Shirts anfertigen, mit dem Logo einer weltbekannten Punkrockgruppe, deren Name dieselbe Anzahl Buchstaben trägt wie „Riptide“ und deren kreisrundes Logo die Cafébetrieber für ihre Zwecke dahingehend umgestalteten, dass sie die Namen der Musiker austauschten gegen Synonyme, die sie sich selbst in ihren Rundmails immer geben: Rabea, Rudi, Renate und Rolf.

Die Fünfjahresfeiern waren aber nicht alles, wie André berichtet. Vor einer Woche spielten die Driftwood Fairytales aus Berlin im Riptide. Denen, die die Band nicht kennen, erklärt es André immer so: „Bruce Springsteen ein bisschen schneller gespielt.“ In Erinnerung an das Konzert leuchten Andrés Augen: „Das war ein schöner Abend, 80 Leute, das Publikum hatte Spaß, die Band hatte Spaß.“ Das nächste Konzert gab es vorgestern, als Nachprogramm zum Film über Michel Petrucciani im Universum, in der gemeinsamen Reihe Sound On Screen, als das Tiqui Taca Trio im Café spielte, eine Jazz-Band. „Da war ein anderes Publikum hier“, sagt André, und auch das hatte Spaß im Café. Nach „Blue Note: The Story Of Modern Jazz“ vor genau einem Jahr war das schon das zweite Jazz-Thema im Riptide. Dieses Mal begleitet aber keine extrem stylishe Jazzschallplattencoverausstellung den Film, da im Zuge der Geburtstagsfeier zurzeit stimmungsvolle Schwarzweißfotos von Timo Hoheisel aus dem Caféalltag erzählen. Eine Meta-Ausstellung also.

Zu den Sound-On-Screen-Filmen habe ich es noch nie geschafft, höchstens mal zu den dazugehörigen Partys, und das finde ich mindestens bedauerlich. Immerhin, Beate vom Filmfest verriet mir, dass es womöglich im Januar einen guten Grund für mich gibt, beim Chef mal einen frühen Feierabend einzufordern. Noch ist nichts spruchreif, bestätigt auch André, aber die Hoffnung ist groß, dass Sound On Screen dann einen meiner Filmwünsche erfüllt. Das Filmfest selbst beginnt auch in wenigen Wochen, große Freude, jedoch fällt es nahezu komplett in meine Arbeitszeit, was wahrscheinlich bedeutet, dass ich so gut wie keinen Film zu sehen bekomme, große Missstimmung. Noch gibt es kein Programm, aber ich hoffe zum Beispiel auf „The Angel’s Share“, den neuen Film vom Ken Loach, und dass ich dafür dann auch Zeit finde.

Immerhin, ins Kino schaffte ich es tatsächlich mal wieder zweimal, beide Male in Begleitung von Micha, den ich vor fünf Jahren und einem Monat am Eröffnungstag des Café Riptide am Tresen kennenlernte. Kürzlich gehörte ich einmal dem Philosophenkreis bei Serge an, als Micha im Vorbeigehen auf meine Schulter hieb und rief: „Dich brauche ich.“ Er habe sich außer mir niemanden vorstellen können, der Spaß an „Holy Motors“ von Leos Carax haben könnte. Wie Recht er hatte: Den Film wollte ich sehen. Wir verabredeten uns gleich für den folgenden Abend am Universum. Und trafen uns vorher schon am Nachmittag wieder zufällig im Riptide, wo ich eigentlich mit Steffen verabredet war, der mit seiner Band Dissouled in Wolfsburg regelmäßig Grindcore-Festivals veranstaltet, und zwar mit Bands, die in der Szene international zu den Helden gehören und die dafür sorgen, dass Wolfsburg seitdem auf der Grindcore-Europakarte fettgedruckt eingetragen ist. Dissouled selbst grooven wie Sau und arbeiten zurzeit an ihrem neuen Album. Fossi machte unsere Tischrunde kurzfristig zum Quartett, wir sprachen natürlich auch über Filme. Als ich dann später meine Getränkerechnung begleichen wollte, überraschten mich Chris und André mit der Frage, ob ich „die hier“ schon hätte, und zeigten mir die an dem Tag niegelnagelneue Dreifach-LP von den Drei Fragezeichen, „…und die Geisterlampe“, mit zwölf Kurzgeschichten. Hatte ich noch nicht und schlug sofort dankbar zu. Die Geschichten sind lediglich okay und damit immerhin besser als die meisten neuen Langhörspiele, aber es ist einfach toll, die Drei Fragezeichen von Vinyl zu hören. An „Holy Motors“ jedenfalls hatten Micha und ich gleichermaßen mehr Spaß im Nachhinein als währenddessen: Er ist bedrückend finster, aber einfallsreich und bemerkenswert wie kaum ein anderer Film. Auch über den anderen gemeinsam gesehenen Film sind wir einer Meinung: „Prometheus“ hat eindrucksvolle Bilder, aber eine mies unlogische Handlung, über die wir uns mächtig echauffieren können, so viel Geld, wie in dem Machwerk schließlich steckt.

Und à propos Jazz, vergangene Woche holte ich mit die neue LP von Neneh Cherry im Riptide ab. Kein „Buffalo Stance“, obwohl das zu den guten Rapstücken der späten 80er gehörte und Neneh Cherry auch mit „Manchild“ und später „Woman“ ihre Stimme bestens zur Geltung brachte. Man stelle sich diese nun im Kontext mit der Musik des Free-Jazz-Trios The Thing vor, Schlagzeug, Kontrabass und Saxophon als Basis für Coverversionen von Trip- und Hip-Hop-Stücken sowie „Dream Baby Dream“ von Suicide und „Dirt“ von The Stooges. Funktioniert tadellos, The Cherry Thing, die Stimme gibt Struktur, und nächsten Monat gibt es die Remix-LP dazu. Tja: Eines der spannendsten Alben des Jahres kommt von Neneh Cherry, man glaubt es kaum.

Jedenfalls ist die große Anzahl an Aktivitäten der jüngeren Zeit der Grund, weshalb sich das Riptide in der am Montag beginnenden Plattenladenwoche zurückhält. Nicht jedoch mit den Specials, die es in den teilnehmenden Plattenläden gibt, davon finden sicherlich auch einige ihren Weg nach Braunschweig. Auf der Internetseite des Rolling-Stone-Magazins wurde das Riptide in diesem Zusammenhang erneut präsentiert, berichtet André und kündigt außerdem an: „Wir sind demnächst auf NDR Kultur, dort werden wir vorgestellt.“

Meine leere Kafka-Tasse stelle ich neben das neue Braunschweiger Kneipen-Quartett, in dem auch das Riptide aufgeführt ist. Im Kingking Shop ließen mich Stefan und Pott einen Blick hineinwerfen, André warf noch keinen, sagt er. Gleich die erste Karte ist die mit dem Riptide, Karte A1. „Bei den Autoquartetts war das immer der Ferrari Testarossa“, sagt André. „Wer weiß, was das zu bedeuten hat.“


Matze Bosenick
www.krautnick.de

#59 Trio + Fäuste = Jahre

16. September 2012


Sonntag, 16. September

Ausgerechnet heute hat das Café Riptide zu. Ausgerechnet! Denn ausgerechnet heute vor fünf Jahren feierten Chris und André die Eröffnung des Riptide, darauf hätte ich gerne ebendort mit jemandem, am liebsten mit den beiden, angestoßen. Vor fünf Jahren war es auch ein Sonntag, am Montag konnte man im Riptide erstmals Schallplatten kaufen. Nun nutze ich eben die Gelegenheit, zurückzublicken und festzustellen: Was hat sich im Riptide, in Braunschweig, in mir in den vergangenen fünf Jahren verändert?

Die erste Antwort ist eine Meta-Antwort, eine Möbius-Antwort; die erste Antwort kann ich nicht als Antwortsatz formulieren, sondern sie besteht aus der Feststellung, dass ich die drei Fragen nicht losgelöst voneinander beantworten kann, und dass diese Tatsache allein schon etwas Positives und damit eine Antwort ist. Aber es gibt ja auch Details.

In Braunschweig sah es bis vor fünf Jahren noch dunkelgrau aus, was bestimmte Gewohnheiten betrifft: Das FBZ als fantastischer Weggeh- und Konzerteort war geschlossen, den Second-Hand-CD- und -LP-Laden Ran7 gab es nicht mehr, gemütliche Cafés waren geometrischen In-Etablissements gewichen. Wenn man etwas erleben wollte, war man auf das Wenige angewiesen, das stattfand, musste es wahrnehmen, denn ansonsten hatte man eine lange Zeit zu warten, bis einem Vergleichbares widerfuhr. Es war vergleichsweise trostlos in Braunschweig. Stimmt natürlich nicht vollständig. Initiativen kamen aus dem privaten Bereich, städtische Einrichtungen halfen sie umzusetzen, etwa die Genrepartys im B58. Havanna, Gambit, Charlys Tiger, Brunsviga, LOT, Tegtmeyer, weggehen konnte man sehr wohl, ab und zu kam auch mal für deutlich mehr Geld als früher eine interessante Band ins Jolly Joker oder ins Meier. Das wunderbare Nexus öffnete. Olaf – nachdem Salzmann die Indieabteilung aufgab und ihn damit auf die Straße setzte – versuchte es danach im Plattenladen Silverfile im Bültenweg.

Jedoch leider nicht für lang. Internetrecherchen förderten mir einen Online-Plattenladen in Braunschweig zutage, der dieselbe internationale und bewährte Quelle anzapfte wie Olaf, mit dem Namen The Pleasure Syndicate. Und so lernte ich Chris kennen, per Email zunächst. Nebenbei: Über die krummsten Wege hatte ich zuvor Freundschaft mit Noge geschlossen, der in Weingarten bei Ravensburg einen Plattenladen betreibt, und in dessen Rundmails tauchten auch Infos über Chris auf, und Noge meinte nur, die Szene sei bundesweit so klein, dass man sich zwangsläufig kennenlernt. Bei einem Konzert im Nexus nun sah ich einen fröhlich grinsenden Typen mit LP-Kisten an einem Tisch stehen, und auf einer der Kisten stand „The Pleasure Syndicate“. Richtig: Das war Chris, und das damit meine erste Begegnung mit ihm. In der Folge organisierte mir Chris über seine Verbindungen so manchen Tonträgerdiamanten, und da traf mich dann seine Aussage wie ein Schlag, er wolle nach Berlin gehen. Da tut sich endlich etwas in der Stadt, ich sehe eine positive Entwicklung, und dann – Berlin?

Was freute ich mich da, als Chris mir später von seinen neuen Plänen erzählte, doch in Braunschweig einen Plattenladen zu eröffnen. Ein Wagnis, das war klar, schließlich konnte niemand mehr mit der Killerpreispolitik der Elektronikketten mithalten. Doch Chris hatte ohnehin ein anderes Repertoire im Sinn, André als Mitstreiter und die Idee, sich nicht auf Schallplatten zu beschränken, sondern den Kunden auch eine Kaffeeecke einzurichten. Fantastisch: Nicht ist schöner, als wie in „High Fidelity“ mit einen Pott Kaffee in der Hand mit Schallplattenladenbetreibern über Schallplatten und alles drumherum zu plaudern, zum Beispiel über „High Fidelity“, Buch oder Film.

Ich fand die Idee so fantastisch, dass ich liebend gerne dabei geholfen hätte, sie umzusetzen, etwa, indem ich mich beim Streichen nützlich gemacht hätte. Allein, mein Arbeitgeber ließ mir nicht die Zeit. Wahrhaftig über Nacht kam mir kurz nach der Eröffnung die Idee, es wie weiland die Bohèmiens zu machen, mich also ins Café Riptide zu setzen, mir von den Gästen Geschichten erzählen zu lassen, mitzuschreiben und die Geschichten online zu veröffentlichen. Gottlob gefiel auch André und Chris die Idee.

Diese Idee fiel für mich in eine Zeit der Umbrüche, ich veränderte einiges in meinem Leben. Der Riptide-Blog war eine von vielen Neuerungen – und bis heute ist es für mich eine der besten, der wichtigsten, der umwälzendsten. Denn damit ließ ich neues Leben in mein Leben. Und Euch alle, die ihr Gäste im Riptide seid, die ihr dort arbeitet, die ihr Veranstaltungen macht, Kunst ausstellt, auflegt, auftretet, lest, Pause macht, lernt, sitzt, Euch trefft, das Wochenende einläutet, Kontakte knüpft, Platten kauft, mir die unvorstellbarsten Geschichten erzählt. Gottlob bin ich nicht nur der monatliche Chronist, sondern auch selbst der Gast, der Pause macht, liest, sitzt, sich mit Leuten trifft, das Wochenende einläutet, Platten kauft. Eine Ausstellung macht: Als wäre der Blog nicht schon Geschenk genug, gestatteten mir Chris und André 2008, im Café meine Fotografien auszustellen, unter dem Titel „Freunde kommen“. Kontakte knüpft: Viele im Riptide geschlossene Bekannt- und Freundschaften veränderten mein Leben zusätzlich; so traf ich Skapino erstmals dort, nachdem ich ihm gemailt hatte, mir gefalle der Silver Club so gut, dass ich gern mitmachen würde. Seitdem mache ich auch mit, eine weitere unsagbar bereichernd umwälzende Veränderung für mich. Gelegentliche, viel zu seltene Feierabendbiere mit Claudy Soundschwester führten dazu, dass sie mich einmal als Gast in ihre begnadete Sendung „Zimmerservice“ bei Radio Okerwelle als Gast einlud; auch das eine mächtige Erfahrung, die ich gern vertiefen würde. Das Riptide, ein Geschenk, nein: ein Füllhorn.

Ein Impulsgeber. Was hat sich nicht alles getan in der Stadt, seit André und Chris das Riptide öffneten. Im Handelsweg: Schnell hatte die kleine maurisch anmutende Passage für mich den Geist des kleinen Schanzenviertels. Nebenan gab es bereits den Comicladen und Serge mit seinem Antiquitätenladen, vor dessen Tür es sich mit Getränken aus dem Riptide vortrefflich mit ihm diskutieren lässt, möglicherweise ab sofort über seine neue Hörbuch-CD „Leseprobe 1“. Drumherum alteingesessene Kneipen, aus denen am Wochenende die Eintracht-Spielstände herüberschallen. Nach und nach kam mehr dazu, Passendes: Piou und die Einraumgalerie etwa. Über den Handelsweg hinaus: Kulturtreibende traten wieder auf Bühnen, das Riptide war längst nicht mehr allein da, ein Bedarf war geweckt, Leute kamen, ihn zu erfüllen, indem sie Orte schufen, wie die KaufBar oder das Troja, Initiativen, wie den Eiko-Verein oder das Kulturschaufenster, Programme, wie die Bumsdorfer Auslese, Read ‚em All oder Jetzt & Hier, neue Läden, wie Raute Records, den Kingking Shop, Erna & Käthe, ach!, Braunschweig blüht auf, Braunschweig ist wieder lebenswert, liebenswert, und: Man kann mitmachen, überall.

Das Riptide selbst startete am Sonntag, 16. September 2007, mit einem Raum und den Toiletten schräg gegenüber, mit einer auf Kaffee basierenden Getränkekarte und alsbald mit den ersten Veranstaltungen. Recht schnell wuchs die Karte an, um alkoholische Getränke, vegane Speisen, Skurrilitäten. Gegenüber richteten Chris und André die Rip-Lounge ein, als Raucherraum, inklusive hauseigenen Toiletten. Sie ließen mehr und mehr Kulturschaffende Kultur schaffen, veranstalteten Lesebühnen, gründeten mit dem vom Filmfest wiedereröffneten Universum-Kino die Film- und Partyreihe Sound On Screen. Deren neueste Errungenschaft ist übrigens ein eigener Blog, www.sound-on-screen.de. Der Schwerpunkt verlagerte sich: Hieß es zunächst noch unter Braunschweigern, ein neuer Plattenladen habe in der Stadt eröffnet, hörte man bald, es gebe ein neues Café. Leute kommen von weither, weil das Riptide vegane Speisen anbietet. Und es hört nicht auf.

Und das ist nur ein Ausschnitt. Braunschweig ist viel mehr, das Riptide ist viel mehr. Ihr wisst das, und ihr tragt dazu bei. Macht weiter so, nehmt die Angebote wahr, steuert eigene dazu bei.

Allzeit eine Handbreit Wasser unterm Kiel, André und Chris!


Matze Bosenick
www.krautnick.de

Stadtplan

Kontakt

Handelsweg 11
38100 Braunschweig

Telefon: 0531/ 2254177

E-Mail: info@cafe-riptide.de

Die Buslinien 411, 412, 416, 418, 422 und 443
halten am Altstadtmarkt

Öffnungszeiten ab dem 1.Mai 2019:
MO: Ruhetag
DI + MI: 16.00 bis 23.00 Uhr*
DO – SA: 12.00 bis 1.00 Uhr*
SO:  geschlossen!

  • bei wenig Betrieb schließen wir eher!