Archiv der Kategorie ‘Kunst‘

#79 Prozessor Hastig

26. Mai 2014


Samstag, 24. Mai

Wenn man dieser Tage am Tage durch den Handelsweg geht, kreischen wieder die Schwalben zwischen den Dächern. Sie haben einen erstaunlichen Effekt: Strahlen sie selbst eigentlich eher Hektik und Nervosität aus, in ihrem lautstarken Bestreben, sich zu ernähren und damit ihr Überleben zu bewerkstelligen, flößen sie mir damit als Untensitzendem Ruhe ein. Zumindest an den Tagen, an denen ich nicht selbst für meine Nahrung sorgen muss, sondern entspannt im Riptide-Achteck Getränke und Speisen einnehmen kann.

Dieser Tage ist der Donnerstag, immer eine kurze Weile vor dem Schichtwechsel zwischen Schwalben und Fledermäusen, ideal, um durch den Handelsweg zu streifen. Es dämmert spät, ist schon angenehm warm, und es ist entsprechend viel los, zwischen Einraumgalerie und Tante Puttchen. An diesem Donnerstag zeigte das Universum den Film „Another Day Another Time“ als Begleiter zu „Inside Llewyn Davis“, dem jüngsten Werk der Coen-Brüder über einen gescheiterten Musiker der in den 60ern erst aufkeimenden neuen Folk-Szene. Kein Wunder, dass man also an einem solchen ereignisvollen Tag von den wie immer gastfreundlichen Einraum-Galeristen bis zu Filmfest-Mitgliedern überall mit Leuten ins Gespräch kommt.

Die Kulisse für viele dieser Begegnungen bildete die Ausstellung „Über Land und Mehr“ in der Einraumgalerie, in Kooperation mit blackhole-factory und dem Theater im Glaushaus, einer Schauspieler-Gruppe der Lebenshilfe Braunschweig. Am heutigen Samstag ist leider schon Finissage der Ausstellung, bei ebenso guter Wetterlage wie am Donnerstag, und dieses Mal reicht die Flanier- und Verweilmeile sogar vom Comicladen, vor dem Leute um Chef Stefan an einer Biergarnitur mit Karten handeln und spielen, bis hin zum Tante Puttchen. Überall sitzen Leute draußen und verbreiten eine der wohltuenden milden Luft angemessene Laune.

Was es mit der Ausstellung auf sich hat, erklären mir Elke und Martin von blackhole-factory. Zu sehen sind in der Galerie zwei große Projektionen, eine mit Punkten in drei Farben, von denen manche über den MS-DOS-blauen Hintergrund wandern, und eine mit Filmaufnahmen vom Hochwasser in Braunschweig im vergangenen Jahr. Die Kamera taucht bisweilen unter die Wasseroberfläche, das gibt einen gleichermaßen geheimnisvollen wie anziehend bedrohlichen Eindruck. Diverse Gegenstände und zunächst kryptische Schautafeln säumen die Schau. „Das ist eigentlich ein Performance-Projekt aus dem letzten Jahr“, erklärt Martin. Die TiG-Leute waren auf Expedition in der Stadt und im Umland zu für sie unbekannten Orten. Dort erkundeten sie, ob sie im Unbekannten etwas Vertrautes oder auch im Bekannten etwas Fremdes finden konnten. Die Künstler sammelten vor Ort Objekte und machten Aufnahmen mit Spezialmikrofonen und Unterwasserkameras. Mit Induktionsspulen spürten sie sogar brummendem Strom nach. Das mit dem Überschwemmungen sei in diesem Zusammenhang ein „Super-Zufall“ gewesen, sagt Martin, denn so erkundeten die Teilnehmer altbekannte Wege, die nun überschwemmt waren, mit den Unterwasserkameras aus einer naturgegebenen neuen Perspektive.

Rund um die Stadt herum suchten die Theaterleute nun in Teams Plätze von einem Quadratmeter Fläche, die sie mit Flatterband absperrten, erzählt Elke weiter. Das war der erste Punkt einer Liste, die sie abarbeiteten. Die nächsten Punkte: „Sie machten ein Foto von der unberührten Fläche, machten Sound mit Objekten, die sie dort fanden, drehten einen 360-Grad-Film und nahmen zwei Minuten Ton auf: Wie klingt die Umgebung?“, berichtet sie weiter. Jedes Team bestand dabei aus einem Regisseur – in der Regel Elke oder Martin – und den Schauspielern, die die Orte auswählten und die Aufgaben wahrnahmen. Zuletzt nahmen sie die gefundenen Objekte, die derzeit auch in der Galerie zu sehen sind, in Plastiktüten mit nach Hause.

Dort ging es weiter, berichtet Elke: „Sie haben den Quadratmeter rekonstruiert und geguckt, ob man an den Dingen den Ort erkennt und was der Ort sagt über Themen wie Arbeit, Freizeit, Natur.“ Auch imaginierten sie sich Geschichten zu bestimmten Orten, etwa am Hafen, wo sie ein Frühstücksbrett, eine Flasche, etwas Dönerpapier und ein abgeschnittenes Seil fanden und daraus eine Performance kreierten, die die Geschehnisse erzählte, wie sie sich mutmaßlich zugetragen haben konnten, in diesem Falle von einer Feier am Schiff.

Und es ging noch weiter. Auf Tablet-Computern hatten die Künstler Sounds und Filme von den Orten gespeichert und versuchten dann zu Hause, auch daraus den Ort zu rekonstruieren – und tauschten sogar Dateien untereinander aus, die nicht zusammengehörten, „remixten“ sie also, wie Martin es bezeichnet, „und guckten, passt es oder passt es nicht, erzählt es vielleicht auch eine Geschichte, zum Beispiel wenn man Wald sieht und hört eine Autobahn rauschen, was es ja auch in Wirklichkeit gibt“.

Die Projektion mit den Punkten in der Ausstellung ist nun eine vereinfachte Karte von Braunschweig, auf der die Quadratmeter-Orte markiert sind. Mit einem Tablet kann man sie ansteuern, so wandern dann also die Punkte über das Feld, und die gespeicherten Töne und Filme abrufen. Die sind dann auf der zweiten Projektion zu sehen und über Lautsprecher zu hören. Vor den Leinwänden reihen sich die gefundenen Objekte auf, an den Wänden dokumentieren Fotos und andere Fundstücke den Werdegang der Performance, zeigen also „die Expeditionsgruppe bei der Arbeit“, so Martin. Elke schließt: „Die Performance war ein Bericht einer Reise an die Grenzen des Bekannten.“

Als Ausstellung sei das Ganze eigentlich gar nicht geplant gewesen. Aber nun existierte das Material, und Leute, denen sie die Tablets zeigten, wollten auch mal damit spielen, und also kam es doch dazu, und zwar bewusst in der Einraumgalerie: „Weil es so kompakt ist und viele Leute auch beiläufig reinkommen und gucken“, so Martin. Das habe nicht den typischen Geschmack eines Besuches einer Kunstgalerie, sondern hier im Handelsweg einen anderen, fast beiläufigen und damit ungezwungenen Zusammenhang: „Es ist mittendrin – echt schön.“ Der Anstoß dazu kam von Steffi, die über blackhole-factory auf ihrem unverzichtbaren Blog Kult-Tour-Braunschweig berichtete, und als Elke und Martin weiterstöberten, entdeckten sie dort auch Berichte über die Einraumgalerie. Außer bei der Ausstellung von Christian Niwa waren Martin und Elke dort zuvor nie gewesen, obwohl sie gerne und regelmäßig Zeit im Café Riptide verbringen. „Wir waren bei der Eröffnung und haben mit Stefan Zeuke gequatscht, den kannten wir schon ein bisschen“, sagt Elke. Mit der Ortswahl ist sie mehr als zufrieden: „Der Handelsweg hat eine schöne Atmosphäre.“

Mit Stefan verbrachte ich jüngst auch wieder Zeit, erst am Donnerstag vor und in der Galerie, dann am Tag darauf im Kingking Shop, da war auch Schepper dabei. Bei dem konnte ich mich endlich revanchieren: Schenkte er mir bereits CDs mit seinen beiden Alben, hatte ich dieses Mal eine eigene CD mit meiner Stimme drauf dabei. Beide Fälle – also Scheppers jüngstes Album und meine CD – wären niemals ohne Olaf möglich gewesen. Olaf macht seit über 20 Jahren zumeist elektronische Musik, zunächst hauptsächlich als Inside Agitator, zu dessen Live-Besetzung ich sogar offiziell gehörte, und heute unter dem unverwechselbaren Namen Blinky Blinky Computerband. Er produzierte Scheppers Album, und ich hatte das große Glück, bisweilen den Sessions beiwohnen zu dürfen. Außerdem lässt er bei Blinky Blinky Computerband auch mal andere Leute am kreativen Prozess teilhaben, was eine vielfältige Palette an Ergebnissen hervorbringt und mir nun schon zum zweiten Mal ermöglichte, mitzumachen. Vor anderthalb Jahren produzierten wir den Song „Meine Freizeit“, jetzt – das ist nun die mitgebrachte CD – den Track „Dem Tod den Tod“ mit der B-Seite „Verschwinden“, einem viertelstündigen Hörbuch. Auch diese Aufnahmen machten einen Heidenspaß und ich bin Olaf rasend dankbar dafür, dass er mir die Möglichkeit gab, mit ihm diese Tracks zu erstellen. Mit Schepper und Stefan saß ich nun vor dem Kingking Shop in der Sonne, und weiß der Geier wie, wenn wirre Leute zusammenhocken, aber irgendwie versprachen wir uns bei irgendeinem Thema, und daraus entwickelten wir den Namen für einen neuen Supercomputer, „Prozessor Hastig“. Aber das nur am Rande.

Es ist jedes Mal erstaunlich, wie entspannt Elke und Martin sind. Vor allem, wenn man sich vor Augen führt, was sie alles machen und wo auf der Welt sie dies tun. Stressfreie Omnikreativität. Als nächstes stehen der „Club Instabil“ am Dienstag mit Ken Aldcroft aus Toronto und das große Sommerfest „Space Is The Place“ am 14. Juni an. Außerdem arbeiten sie mit dem Theater im Glashaus an einer neuen Produktion, von der sie bei dem Sommerfest erste Ausschnitte zeigen wollen: „Strawinski-Frühlingsopfer“, sagt Martin, und Elke ergänzt: „Aber recomposed.“ Das Projekt ist schon wieder so wahnsinnig, dass man es vermutlich sehen muss, um es zu erfassen: Die Theaterleute basteln einsaitige Instrumente mit Tonabnehmern, mit denen sie Krach machen. Auf dem Boden sind mehrere Flächen markiert, die wie ein Tenori-On-Synthesizer funktionieren: Die Schauspieler legen Styroporkugeln auf die Fläche und rufen damit je nach Anordnung von einer Kamera erfasst ihre vorher erzeugten Töne ab. Auch Drumsounds kreieren sie live, und wenn sie sich auf einer der Flächen bewegen, erzeugen sie tanzend virtuelle Schlagzeugsoli.

Nicht alle TiG-Schauspieler sind heute zur Finissage da. Francesco ist der erste, und gerade kommt Werner angeradelt. Er stellt sich mir vor und schiebt sein Rad am Comicladen vorbei. „Na, wer gewinnt?“, ruft er den Spielern fröhlich zu.

Helmut öffnet gegenüber seine Strohpinte. Er setzt sich nach draußen und liest ein Buch. Entspannung allenthalben. Nicht ganz überall: Chris und Felicia haben im Riptide alle Hände voll zu tun, Felicia hat ihren zweiten Arbeitstag und Chris erläutert ihr ihre Aufgaben, während er seine eigenen wahrnimmt. „Ich bin Bühnen- und Kostümbildnerin“, erklärt Felicia mir. „Und ich nähe Taschen, aus Planen und Lkw-Schläuchen.“ Sie bestückt ein Tablett mit Getränken, und während ich die Information rekapituliere, stellt sie fest, dass sie nicht ganz stimmt: „Aus Lkw-Planen und Fahrradschläuchen“, korrigiert sie sich. „Das Riptide ist ein schöner Arbeitsplatz“, sagt sie. „Das fand ich als Gast schon.“ Und huscht nach draußen zu den Gästen.

Dort sitzt unter anderem Simone, mit drei Stapeln Drei-Fragezeichen-CDs auf dem Tisch vor sich. Ein guter Grund, sie anzusprechen. Etwa 35 CDs müssten es sein, sagt sie ohne zu zählen. Sie möchte sie auf Kommission übers Riptide verkaufen lassen und die dafür nötigen Details mit den Chefs besprechen, „aber Chris weist gerade eine Neue ein“, erzählt Simone. „Deshalb habe ich die CDs schon mal ausgepackt.“ Sie muss ihre Wohnung aufgeben und umziehen und will sich deshalb von einigen Dingen trennen, zum Beispiel auch einem Technics-Plattenspieler, den sie für einen Milchkaffee bei Chris lässt, „und er gibt ihn in liebevolle Hände“, sagt sie. Es sei ein wertiges Gerät: „Und ich habe letztes Jahr erst die Nadel erneuert.“ Was die Drei Fragezeichen betrifft, sei sie ein Späteinsteiger gewesen, „erst 2007“. Damals hatte sie einen längeren Krankenhausaufenthalt zu überstehen und von Freundinnen einige Folgen geschenkt bekommen. „Ab da war ich drauf“, grinst sie. Jetzt ist Simone 44 und also in der Generation, die eigentlich mit den Drei Detektiven aufgewachsen ist. Das bestätigt sie: „Ich habe als Kind den Karpatenhund gelesen, das kam damals frisch raus, da hab ich mich so gegruselt, dass ich nie wieder was von denen lesen wollte.“ Der ältere Bruder einer Freundin habe ihr das zwar immer wieder angeboten: „Aber ich wollte nicht.“ Bis zu dem schicksalhaften Krankenhausaufenthalt. Von den CDs will sie sich trotzdem trennen, weil sie auf die digitale Speichermethode umgestiegen ist.

Ihr fällt ein, dass wir uns schon einmal unterhalten haben, und zwar bei einer Nachfeier vom Silver Club in der KaufBar, da saßen wir mit Helge vom Silver Club an einem Tisch. Markus und Dorith hatten sie mitgebracht, deshalb dachte Simone zunächst, das wäre bei einem Kufa-Stammtisch gewesen. Den nächsten Kufa-Stammtisch, am Mittwoch, will sie unbedingt wahrnehmen, da geht es um Foodsharing, ein wichtiges Thema für sie, wie Ernährung überhaupt. Sie geht auch deshalb ins Riptide, „ich komme immer wieder gerne, wenn ich in der Stadt bin, weil ich Vegetarierin bin, seit meinem 15. Lebensjahr“, sagt Simone. „Weil ich hier meine Speisen bekomme, ohne dass ich nachfragen muss, was drin ist.“ Und aus einem anderen für sie wichtigen Grund: „Sie nehmen Ökostrom.“

Auch Serge ist wieder da. Vor seinem Laden neben dem Riptide sitzen oder stehen Niclas, Philipp, Markus und Anita in vertrauter Runde und diskutierten in vertrautem Ernst schwere Themen. In der Mitte liegt eine angefangene Tüte Weintrauben, drumherum stehen teils leere Gefäße, die zuvor Wein, Kaffee oder Limonade enthielten. „Das einzige, wo ich weiß, dass es mir gut geht, ist, dass ich meinen heiligen Zorn habe“, höre ich Serge zur Begrüßung sagen. Ja, hier bin ich zu Hause.

Aber ich bin jetzt im Riptide verabredet. Zwischen den vollbesetzten Tischen unter dem Segeltuch im Achteck finde ich einen Platz. An einem Tisch spielen junge Frauen Karten, an einem anderen reden junge Männer auf Spanisch und Englisch miteinander. Gideon tritt seinen Dienst an, indem er wie gewohnt die Ölfackeln an den Türen zum Café und zur Rip-Lounge nachfüllt, und zu seiner dienstlichen Unterstützung kommt Nina angeradelt.

Schwalben kreischen, die Getränke schmecken, alles ist entspannend, aber das Schönste ist, dass mein Patenkind Antonia nach einigen Runden an meinen Händen zum ersten Mal drei, vier Schritte ohne Hilfe und ganz frei auf mich zu läuft. Selten habe ich einen so glücklichen Menschen gesehen wie dieses vierzehnmonatige Mädchen. Ein beglückendes Geschenk! Und ein schöner Kick für die Indie-Ü30-Party heute Abend.


Matze Bosenick
www.krautnick.de

#73 Rutschig geboren

18. November 2013


Montag, 18. November 2013

Unerbittlich zeigt sich der November von der Seite, von der man ihn von Geburt an kennt: grau und feucht. Das ist unschön, aber es gibt ja schöne Gegenmaßnahmen, und sei es nur, sich einmal mehr auf ein Heißgetränk ins Riptide zu setzen. Ich stelle meine Carhartt-Papiertasche am Tresen ab, und Jasmin auf der anderen Seite des getränkespendenden Möbelstücks ist sofort neugierig, was ich darin habe. Meine frischen Einkäufe von den Boardjunkies, die sich längst schon zum Ausstatter meines Vertrauens mauserten: Jacke wie Hose, beides dort erworben. Die Jacke hält mal anders warm als meine bisherigen Winterjacken und hat im Außenmaterial einen nicht geringen Baumwollanteil. Das ist mir wichtig, weil ich es nicht leiden kann, wenn Kleidung Krach macht. Und ein Reißverschluss ist mir auch lieber als nur Knöpfe wie bei einer meiner bisherigen Standardjoppen. „Da zieht es wahrscheinlich durch“, mutmaßt Jasmin, aber das kann ich weniger bestätigen als den Umstand, dass ich geknöpfte Jacken schlichtweg komplizierter zu bedienen finde. Jasmin hat andere Erfahrungen gemacht und deutet pantomimisch an, wie sich ein Reißverschluss in ihrem Halstuch verhakt: „Ich war eingeklemmt“, berichtet sie, „André musste mich befreien.“

André ist eben nicht da, er kam mir vorhin im Handelsweg entgegen. Aber Chris rumort dort, wo sich bis vor kurzem noch das Büro befand. Sie haben jetzt ein neues, aber das ist nicht das einzige Neue heute: Das Sofa im Café ist kleiner. Einige Stühle fehlen, sie sind ersetzt durch kubisches Loungemobiliar, ähnlich dem, das es bereits in der Ecke am großen Fernsehfenster gab. Dort hängt zudem ein dickes Gemälde, ein Riesenschinken, mit einem offenbar mitternächtlich illuminierten Hirsch darauf, trotz veränderter Farbgebung ganz eindeutig ein Wolfenbütteler Sujet. „Tobias Meyer hat das gemalt“, erklärt Chris. Tobias ist ein Illustrator, Grafiker und eindeutig auch Maler aus Braunschweig, und der antike Rahmen seines Werkes wiegt laut Chris zehn Kilo. Das neue Mobiliar wurde aus zwei Gründen nötig: Einige Stühle waren nicht mehr tragbar, besser: tragend, und auf den in den Raum gestreuten weißen Loungequadern lassen sich mehr Personen unterbringen als auf einzelnen Stühlen. Besonders jetzt, da kaum noch jemand draußen sitzt, der Bedarf an Sitzplätzen aber gleich groß ist wie im Sommer, sei das wichtig. Wenn etwa der Veganstammtisch oder Scheppers Bassrunde sich gruppieren wollen, finden die Teilnehmer mehr Sitzfläche. Und das Sofa sei kaputt gewesen, sagen Chris und Jasmin gleichermaßen überzeugt. Das fand ich gar nicht, als ich mich noch vorgestern dort hineinlümmelte. Doch sie insistieren. „Jetzt ist es im Nexus“, sagt Chris. „Das ist schon das sechste Sofa, das ich dort hingegeben habe.“ Na klar, das passt, und gut zu wissen, ich werde mich dort wieder hineinlümmeln können.

Dennoch schade drum. Am Samstag saß ich noch mit Micha dort, „wie ein Liebespaar“, wie Jasmin sich erinnert, und eigentlich nur auf jeweils einen Burger und eine Fritz-Kola, denn wir hatten beide jeweils noch etwas vor am Abend. Er wollte zum Beat Box Contest im Kleinen Haus, initiiert unter anderem von Patrick Dudek, dem Michael-Jackson-Tanzlehrer, den ich kurz nach der Eröffnung im Riptide mal kennen lernte. Ich wollte in Das Kult, da war ich davor noch nie. Bis dahin sollten es tiefe Gespräche und ebensolche Getränke für eine kurze Weile sein, doch als wir uns da so lümmelnd ins Sofa verankert austauschten, etwa über die beiden Filme, die wir beim Filmfest zusammen sahen, nämlich „Post Partum“, den wir nur so mittel fanden, und „Henri“, der zumindest mir sehr gut gefiel, Micha immerhin gut, gesellten sich immerzu andere Freunde und Bekannte zu uns, erweiterten unsere Horizonte und versüßten unsere Zeit, so dass wir sie bis zum jeweiligen Veranstaltungsbeginn dort verbrachten. Serge etwa brachte mir sein neues Buch vorbei, für das Ferdinand die Illustrationen gestaltete. „Die Gesichter der Frauen“ heißt es, mit dem Zusatz: „Liebesgeschichten“. Der Blick in die Seiten zeigt, wie kunstvoll die Kooperation aussieht: Satz und schwarzweiße Grafik schmiegen sich aneinander, es lädt sofort zum Schmökern ein. „Edition Jakobsleiter“ steht unten als Verlagsname. Jakob als Namensgeber? Beide bestätigten das, Jakob war nämlich gerade bei Serge. „Ich hab noch einen Musiktipp für dich“, sagt Jakob, bevor mich Serge über das Buch informiert. „Carpet, die machen Progrock mit Jazz.“ Eine recht neue Band, sagt Jakob, und sie veröffentlicht auf dem Label Elektrohasch, das auch die Alben von Colour Haze herausbringt.

Serges Buch zeigte ich sofort überall vor. Den Leuten vom Silver Club, die ab und zu hereinschneiten, denen vom Eiko-Verein und auch den anderen, die sich zu Micha und mir an den Tisch setzten. Einhellige Meinung: Das Buch sieht wertig und ansprechend aus. Zu haben ist es natürlich beim Ersteller selbst, in seinem Laden neben dem Riptide. Daran gingen wir dann Stunden später vorbei, denn irgendwann war es doch dunkel und zu spät, um noch zu Hause etwas zu erledigen, bevor es ans Abendprogramm ging. Wir trennten uns nicht ohne gepflegte Wortwitzeleien. Vermutlich bei dem Versuch, einen der nächsten Sound-On-Screen-Filme zu beschreiben, ließ Carsten die Genrebezeichnung „Drummer-Drama“ fallen. Solche Sprachspiele hörten an dem Abend nicht auf, später, nach „Der Untergang“, der höchst beeindruckenden multimedialen Lesung der neuesten Okergeschichte von Hardy Crueger im Das Kult mit Roland Kremer, Schepper und Das-Kult-Chef Thomas Hirche als Vorprogramm, rief uns Stefan die die Zunge herausfordernde „Tsunamiszene“ in Erinnerung. Und trumpfte dann noch mit dem „Buddhistischen Standesamt“ als Verdrehung des Statistischen Bundesamtes auf. In eine solche Kerbe hieb kürzlich auch Arni: Ein handgeschriebenes großes X interpretierte ich fälschlich als gekreuzte Schwerter, und er sagte: „Na, besser als geschwärzte Kräuter.“ Zumindest phonetisch hübsch war kürzlich die angekündigte Essensentscheidung eines Besuchers bei mir zu Hause: „Ich kokettiere mit Kroketten.“

Während ich meinen Milchkaffee trinke und mit Jasmin plaudere, füllt Marco das Petroleum in die Fackeln im Achteck und befasst sich Max als neuer Schulpraktikant mit seinen Aufgaben, die er in der Küche zu erledigen hat. Chris rafft einige Dinge zusammen, die er in seinem neuen Büro braucht, drückt mir Locher und Zettelhalter in die Hand und weist mir den Weg in die administrativ genutzten Räume. Die befinden sich gegenüber, ein Stockwerk über dem Riptide und mit Blick darauf. „Endlich Tageslicht“, atmet Chis auf, als er sich auf seinen neuen rückenschonenden Chefsessel wirft. „Und Lager, Lager, Lager“, fügt er mit einer Handbewegung in die entsprechende Richtung hinzu, was ich um ein „shouting“ ergänze, obwohl Underworld in „Born Slippy“ natürlich das Bier meinten. Das Büro im Riptide selbst war mit der Zeit einfach zu eng geworden, die verwaltungsbezogenen Aufgaben häuften sich an, der Papierkram ebenso. „Wir sind gewachsen“, sagt Chris, „es ist mehr geworden.“ Auch für geschäftliche Gespräche sei es in manchen Fällen besser, diese nicht mehr wie bislang mitten unter den Gästen führen zu müssen. Der Raum hat auch Bad und WC, eine Kochnische und alle erdenklichen sonstigen Annehmlichkeiten. Offen ist, was mit dem alten Büro geschieht: „Wahrscheinlich wird es Getränkelager.“ Ausschließlich oben im neuen Büro können und wollen Chris und André nicht bleiben, schließlich fehlen sie dann unten als Schallplattenberater, als Ansprechpartner für Mitarbeiter und Ähnliches. „So viel Arbeit haben wir auch nicht, dass wir acht Stunden täglich hier sein müssten“, sagt Chris. Er atmet tief durch: „Aber es tut einfach gut.“ Auch, wenn noch einiges einzurichten ist.

Ich richte mich darauf ein, allmählich den Rückweg anzutreten. Das neue Album von Sebadoh nehme ich noch mit, das gibt es in der Version mit zwei Bonus-Tracks, die dem Album als 7“ beliegen und die auch im Downloadcode enthalten sind. Ein Grund, das Album jetzt mitzunehmen, ist das Interview im Musikexpress, in dem Bandchef Lou Barlow so sympathisch wirkte. Na ja, und weil ich ohnehin von Sebadoh einen ganzen Satz Alben habe – es wäre also ohnehin fällig gewesen. Auch so lässt sich ein grauer und feuchter November ertragen: mit neuer Musik zu Hause, und dabei lesen, vielleicht gleich mal das Buch von Serge oder die neuesten Einträge Steffis Kult-Tour-Blog.


Matze Bosenick
www.krautnick.de

#70 Zerschmettert von den Rädern der Industrie

23. August 2013


Donnerstag, 22. August

Heiß: Das Sommerloch ist vorbei, und das äußert sich wie in jedem Jahr auch jetzt wieder darin, dass pro Wochenende mehr als nur eine attraktive Veranstaltung stattfindet. Nicht nur pro Wochenende, auch pro Tag: Allein heute gibt es ein Arjomi-Konzert in der Neunraumkunst, eine „Blau-Gelb-Fieber“-Lesung unter anderem mit Buchinitiator Axel Klingenberg bei Graff und die Finissage der Ausstellung „Long gone promises – sculptural showdown Part I“ mit dem Atelier Space Ensemble gegenüber des Café Riptide in der Einraumgalerie. Im September geht es gnadenlos mit Veranstaltungen weiter: Magnifest vom 6. bis 8., Silver Club am 21. – und am Wochenende dazwischen gleich mindestens vier tolle Aktionen: fünftes Kulturschaufenster vom 13. bis 15. im Madamenweg, zweites Friedrich-Wilhelm-Straßen-Sit-In am 14., am selben Tag das Vegan-Life-Festival am Schlossersatzplatz und, erstmals, ein Sommerfest im Handelsweg. „Wir sind jetzt seit sechs Jahren hier und haben es endlich mal geschafft, ein Passagenfest zu machen“, freut sich André über den Termin. „Es gibt einen Kunstflohmarkt, Kinderschminken, Veggie-Grill – und Musiker spielen.“ Von Schepper weiß ich bereits, dass er auftritt. Außer ihm noch Martin Kroner, Sänger und Chef der nach seinem Nachnamen benannten Band, und Riptide-Mitarbeiter Lennart, der ansonsten hinter dem Tresen rockt und das Riptide schon einmal mit einem Gig in Wallung brachte. „Er tritt mit einem Mädel auf, das eine Superstimme hat“, sagt André. Drei weitere Musik-Beiträge sind in Planung, alle sollen immer zur vollen Stunde auftreten. Das wird ein harter Tag, so viel steht jetzt schon fest. Es gilt, kilometertaugliches Schuhwerk zu tragen. Wann ist eigentlich Kulturnacht?

Überhaupt, die herrlichen Verstrickungen in dieser winzigen Stadt: Beim nächsten Silver Club am 21. September im Eiskeller im Rebenring haben wir erstmals einen veganen Imbiss dabei. Den betreiben seit kurzem Kerstin und Christian, die auch maßgeblich den Braunschweig-Vegan-Stammtisch im Riptide betreuen. Der findet an jedem ersten Donnerstag des Monats ab 18.30 Uhr statt, der nächste am 5. September. Immer einen Tag später trifft sich im Riptide der Bass-Stammtisch, am ersten Freitag des Monats ab 21 Uhr, der nächste also am 6. September, initiiert von Schepper, der wiederum beim nächsten Silver Club eine wichtige Rolle spielt, indem er zum Kopf des Vereins gehört, der im Mittelpunkt der Silver-Club-Veranstaltung steht und deren Programm gestaltet, nämlich der Eiko-Verein. Wir sind doch alle eine Familie.

Das Gefühl beschleicht mich im Handelsweg ohnehin recht häufig. Von der Brabandtstraße kommend, schaffe ich es einmal mehr nicht bis ins Riptide, sondern bleibe bei Serge und seinem Besuch hängen. Serge sortiert seine LPs nach Genres, Carsten – ebenfalls Eiko-Mitglied – macht aus den ungewöhnlichsten Perspektiven Fotos von Serges Auslegeware sowie von Sylvia, die sich eigentlich gerade im Aufbruch befindet. Sie hatte erst kürzlich bei der Firma Ameno die Ausstellung „Naturgewalten“ mit ihren abstrakten Gemälden, zumeist Gouache auf Leinwand, und will sich mit dem dazugehörigen Katalog in der Einraumgalerie bewerben. „Ich habe ihn im Riptide hinterlegt“, sagt sie. „Man hat mir gesagt, dass das der kleine Briefkasten der Galerie ist.“ Während Carsten vor ihr kniet, um ihr Gesicht im Profil und in Aktion auf Microchips festzuhalten, erklärt sie: „Ich mache Kunst und Schrott und Entrümpelungen.“ Überraschende Mischung. Sie hat Flyer ihrer Firma „Obalix & Cleopatra“ dabei und einen ihrem Betätigungsfeld entsprechend angenehm festen Händedruck, als sie sich verabschiedet.

Ihren Platz nehme ich ein. Carsten widmet sich einem metallenen Modellauto auf dem Tisch, der zum Tante Puttchen gehört, Serge zieht Langspielplatten aus ihren Covers, um uns herum bringen Lieferanten Getränke in die benachbarten Gastronomieetablissements. Stellen sie ein Bierfass auf dem Boden ab, klingt es angenehm wie die Bassdrum eines Industrialstücks. Die Tür von Piou gegenüber steht offen, man hört Jennys Nähmaschine den Beitrag dazu leisten, dass sich bald weitere Verkaufsobjekte im Schaufenster oder auf der Sitzbank vor dem Laden auftürmen. Lukas bindet sein Fahrrad neben dem Piou fest und grüßt uns im Vorbeigehen auf dem Weg ins Riptide. „Die Platters“, sagt Serge mit Blick auf das Label einer LP. „Sowas kennt doch heute keiner mehr.“ Er steckt das Vinyl zurück in die Hülle, stellt die LP in eine Reihe mit anderen und greift sich aus einem seiner vielen Stapel ein anderes Exemplar. Ein blonder Mann mit Sonnenbrille ziert das Cover. „‘Blau blüht der Enzian‘, mein Gott“, sagt Serge und stellt auch diese LP wieder weg, irgendwo hinter den Stuhl, auf dem Carsten jetzt sitzt. Serge greift sich einen neuen Stapel. „Worunter fallen die Simple Minds?“, fragt er. Zu ihrer Hochphase sicherlich irgendwo zwischen Rock und Pop, da hat Carsten Recht, doch Serge hält das Debüt „Life In A Day“ in der Hand, da hörte man noch, dass sie früher Punk machten. „Und danach New Wave“, sagt Carsten. Serge nimmt das nächste Album und mutmaßt, dass es niemand kennt. Irrtum, es ist „The Luxury Gap“ von Heaven 17, also Synthiepop. Eine von mindestens drei Bands, die nach einem Begriff aus „A Clockwork Orange“ benannt sind. In dem Film hörten die Protagonisten in einem Plattenladen eine Band namens „The Heaven Seventeens“. Mir fallen noch Tolchok und Moloko ein, die sich von „A Clockwork Orange“ zu ihrem Bandnamen inspirieren ließen. Serge stellt den Stapel so zurück, dass eine Tina-Turner-LP vorn steht. „Eine Powerfrau“, sagt Carsten anerkennend. Serge stimmt zu, dass sie insbesondere aus Sicht eines Bühnen- und Performance-Experten etwas Besonderes sei. Der nächste Stapel offenbart Jazzperlen, etwa von Markus Stockhausen, den ich nicht kenne. „Das ist der Sohn von Karlheinz Stockhausen“, weiß Carsten. Ich kenne nur den Vater. „Es ist erstaunlich“, findet Serge, dass ich mich im Jazz nicht fließend auskenne. Den Jazz habe ich erst spät im Leben für mich entdeckt, über die Standards John Coltrane und Miles Davis. Das war bei mir wie mit Oliven, die habe ich jahrelang nicht gemocht, jetzt liebe ich sie. „So ist es bei mir mit Tomaten“, sagt Carsten. Serge hingegen bekam als 15-Jähriger in Süddeutschland den Jazz im Radio anerzogen, von dem Journalisten Joachim-Ernst Berendt. Der spielte nach dem Krieg immer ab 23 Uhr Jazz aus den USA. „Das habe ich ein Jahr lang gehört, dann kante ich mich aus“, erzählt Serge. Von der nächsten LP schwärmt Carsten: „Wenn ich Platten sammeln würde, würde ich sie nie verkaufen“, sagt er über „Inside Lookin‘ Out“, unter anderem von Ed Schuller und John Betch. Die haben erst kürzlich in der Bassgeige gespielt, weiß Carsten. Serge dreht das Album in seinen Händen, er kennt es nicht: „Ich muss da unbedingt reinhören – dann weiß ich endlich, ob du was von Musik verstehst“, grinst er in Richtung Carsten.

Der verabschiedet sich, im fliegenden Wechsel setzt sich Wolf auf dessen Platz, wie gewohnt seine 14-jährige Hündin Maja im Schlepptau, besser: ohne Schlepptau, aber dabei. Sie macht es sich auf dem Pflaster gemütlich, Radfahrer umrunden sie. „Ich wollte eigentlich in die Stadt“, sagt Wolf, dem Serge aber noch eine Geschichte erzählen will. Wolf lenkt ein: „Auf eine Zigarettenlänge.“ Er holt den Tabak aus seiner Tasche und beginnt zu drehen. Dann könne er uns auch gleich zu einer Ausstellungseröffnung einladen, am Samstag, ab 18 Uhr, in seinem „Werkschauraum“ in der Ernst-Amme-Straße 5, „schräg gegenüber vom Bier- und Wurst-Kontor“, mit, so Wolf, „malerischen“ Werken von Martin Seidel, Titel: „Animals“. Serge lässt von den Schallplatten ab und nimmt den Platz auf seinem Regiestuhl ein. Lukas bindet sein Rad wieder los und düst in Richtung Innenstadt, während Serge erzählt, warum er kürzlich an Wolfs Künstlerfrühstück nicht wie vereinbart teilnehmen konnte: Er verbusselte seinen Haustürschlüssel. Nach langer Suche entdeckte er ihn einem Impuls folgend rätselhafterweise im Müll. Serge springt auf, sich abtastend, und stürmt in seinen Laden: „Schon wieder suche ich was, wo sind meine Zigaretten?“

Kaum findet er sie, zündet sich eine an und setzt sich wieder, kommt Dorothea angeradelt, mit einer Gitarrentasche auf dem Rücken, und fragt, ob Serge seinen PC dabeihat. Den holt er aus einer Jutetasche auf einem Fahrradgepäckträger neben sich, steht auf, setzt sich mit ihr auf eine Bank beim Tante Puttchen und versinkt in angeregten Gesprächen mit ihr. Sie arbeiten an einem Projekt, mehr verraten sie nicht. „Über Dorothea findest du seitenweise Einträge im Internet“, erläutert mir Serge. „Sie ist eine stadtbekannte Künstlerin.“ An der HBK studierte sie Malerei. „Ich habe gerade eine Ausstellung im ‚Fräulein Wunder‘ in der Ratsbleiche 1“, sagt sie. Das ist das frühere Café Grec, da bin ich manchmal, das muss ich mir anschauen. Die beiden Schöpfenden versinken wieder in ihrer Tätigkeit und ich in den Sitzkissen meines Stuhls.

Wolf raucht noch und schwärmt gerade von einer Polemik zum Schlossmuseum, die Lord Schadt auf Braunschweig-Spiegel veröffentlichte, da gesellt sich ebenjener zu uns, in seiner Okerflößermontur mit entsprechendem T-Shirt und Indiana-Jones-Hut. Dirk bescherte mir vor zwei Wochen den wohl schönsten Urlaubsstart, den ich mir denken kann. Ich las in der Okercabana ein Buch, als er mit dem Floß andockte. Da seine gebuchte Belegschaft entgegen anderer Pläne nicht mit zurück zur Floßstation fuhr, fragte er mich, ob ich mitwollte. Na, selbstverständlich! So schipperten wir zu zweit auf dem Kahn über die stille, grün umwachsene Oker. Herrlich. „Ich habe gerade Werbung gemacht für deine Polemik“, sagt Wolf, während sich Dirk auf die Stufe zu Serges Laden setzen will. Dirks Blick fällt auf eine leere Kaffeetasse. „Habt ihr den Kaffee im Riptide oder hier getrunken?“, fragt er. Ins Riptide, so weit bin ich heute noch gar nicht gekommen, auch nicht zum Kaffeetrinken. „Aber ich mache das“, sagt Dirk. „Ich auch“, Wolf schließt sich an. „Aber mit viel Milch.“ Dirk will auch mir nebenan einen Kaffee bestellen und geht los.

Das nächste Fahrrad hält bei uns, Jörg steigt ab und begrüßt Wolf abklatschend. Dirk ebenso, als der vom Bestellen zurückkehrt und sich auf die Stufe setzt. Jörg bleibt bei Wolf stehen und unterhält sich mit ihm, da klingelt sein Telefon und er setzt sich mit dem Anrufer auseinander. André kommt mit einem vollen Tablett zu uns und fragt: „Männer, was ist Phase? Wer ist der mit viel Milch?“ Dirk und ich zeigen auf Wolf. Auf dessen Kaffeetassenunterteller steht ein Extrakännchen mit Milch neben dem in Folie eingeschweißten Karamellkeks, den alle bekommen. Wolf packt das Gebäck aus und singt in Anlehnung an das Misheared-Lyrics-Video zu „Git hadi git“ von Ismael Yks: „Keks, alter Keks, ist der mit Ohrsand.“ Da nimmt Jörg verblüfft das Telefon vom Ohr: „Das gibt’s jetzt nicht“, sagt er zu Wolf, „wir sprechen grad über Ohrsand.“

Nach und nach leert sich der Platz vor Serges Laden. Dorothea schultert ihre Gitarre, Dirk bricht zur Flößerarbeit auf, Wolf macht sich mit Maja davon, Jörg radelt weg. Allmählich will ich ins Riptide hinübergehen. Dort sortiert André neue Schallplatten in die Fächer, außer ihm ist noch Shabnam beschäftigt. Sie macht gerade eine Kiste mit Altpapier fertig und bringt es weg. Es liegt viel an im September, sagt André, auch über das Passagenfest hinaus. Stimmt, ich sehe das Plakat für die nächste Staffel der Reihe Sound On Screen mit dem Universum-Kino. André nickt, „aber vorher haben wir noch ein Special, und zwar am Donnerstag, 29. August, ‚Power Of Soul‘, das ist hauptsächlich eine Doku über James Brown.“ Ein Braunschweiger hat den Film mitgedreht: „Marc Fehse, den werden wir zu Gast haben“, freut sich André. „Der hat früher Trash-Splatter-Filme gemacht und an dem Film mehrere Jahre gearbeitet.“ Ein weiterer Gast ist an dem Tag DJ Pari, „der hat früher im Napo aufgelegt.“ Das Napoleon kenne ich nur vom Namen. „Er ist Ur-Braunschweiger, aber jetzt amerikanischer Staatsbürger, der auch mal Opener für Curtis Mayfield macht“, sagt André. Markus Schmidt heißt DJ Pari eigentlich. Die neue Staffel von Sound On Screen startet am 12. September mit „Big Easy Express“, einer Dokumentation über eine Konzertreise, die Mumford & Sons, Edward Sharpe und Magnetic Zeroes mit dem Zug unternahmen. „Danach werden Niila spielen“, sagt André. Die waren bei der VW-Soundfoundation, sagt André, „und Claus Grabke, ein alter Rollbrettfahrer, hat die unter seine Fittiche genommen“. Grabke war Chef der Gütersloher Crossover-Band Thumb. „Niila spielen semi-akustisch“, kündigt André an. „Außerdem haben wir Ende des Monats die großartigen Woog Riots zu Gast.“ Am 26. September treten die beiden Darmstädter im Riptide auf.

Einen Kafka bestellt sich Jenny bei André, bevor sie ihre Pause beendet und ins Piou zurückkehrt. Auch sie hat Ankündigungen: „Ich bin nächste in Riddagshausen beim Dorfmarkt dabei.“ Der findet am 31. August und 1. September rund ums Kloster statt. „Zum ersten Mal unter neuer Leitung“, sagt Jenny. „Ich bin gespannt, ich bin zum ersten Mal dabei.“ Außerdem gibt es im Riptide jetzt vegane Kuchen, betont Jenny, immer freitags und samstags. „Oh, ja“, bestätigt André LPs sortierend, als hätte er diese Speisekartenerweiterung selbst vergessen. Ich habe bereits davon gehört, dass Gäste ebenjene Kuchen besonders gut fanden. Jenny freut sich darüber, nimmt ihr Getränk und geht. In Andrés Neuheiten-Stapel finden sich „I Hate Music“, das neue Album von Superchunk. „Schon das zweite neue Album“, so André. Außerdem viele Rereleases, wie „Goodbye Horses“ von Q Lazzarus als 12“ oder „Wrong“, das zweite Album von NoMeansNo. „Für mich ganz wichtig“, so André, sei „Presumed Insolent“, das neue Album der Adolescents. André beschriftet die LPs mit Preisen, bevor er sich den neu eintreffenden Kunden widmet. Shabnam kommt vom Altpapierwegbringen zurück und unterstützt ihn. Ich schaue mal, was der Sommer draußen zurzeit so treibt. Lange nichts von ihm gehört.


Matze Bosenick
www.krautnick.de

#64 Gesunde Brutalität

15. Februar 2013


Donnerstag, 14. Februar

Wenn Serges Laden zwar offen, aber menschenleer ist, bedeutet das in der Regel, dass er in der Rip-Lounge am großen Fenster sitzt und raucht, vor seinem aufgeklappten Laptop, neben sich Jakob, Laura oder andere, die mit ihm philosophieren oder über sein Buch oder auch nur irgendetwas anderes reden. Als ich aus dem schmalen Handelsweg ins offene Achteck trete, kehre ich daher dieses Mal nicht direkt ins Café ein, um Chris oder André oder den anderen den Gruß des Tages zu entbieten, sondern wende mich der gegenüberliegenden Rip-Lounge zu, und siehe, es winken mir Serge und Jakob von hinter dem Fenster aus zu, beide rauchend, beide lächelnd. Da setze ich mich doch gerne dazu. Eine gute Gesellschaft, wie ich schon öfter erleben durfte, wofür ich dankbar bin.

Jakob und Serge sind ein bewundernswertes Gespann. Serge ist 68 Jahre alt, betreibt nebenan den kleinen Laden mit vielen gebrauchten Dingen, Büchern zumeist, war Intendant des Schlosstheaters in Celle, schreibt zurzeit an einem Buch, oder besser: hat es selbstgebunden vorliegen, „Lucky Man“, Buch eins von dreien. Und Jakob ist 15, Schüler, literaturinteressiert, aufgeschlossen, neugierig, fröhlich, intelligent und gutaussehend. Von Serge lernt er viel über Literatur, kauft bei ihm regelmäßig Bücher, heute eines von Marcel Proust, und im Gegenzug bedient er Serges Laptop, kümmert sich um Updates, bearbeitet Korrespondenz, löst Probleme. „Wir sind eine Projektgruppe“, sagt Jakob. „Zwei Typen, die hier jeden Samstag rumsitzen, rumstehen, jeden Samstag, rauchen und sprechen.“ Ganz offensichtlich manchmal auch donnerstags. „Das ist ja in gewisser Weise eine Art Germanistikseminar“, konkretisiert es Serge. „Wir versuchen, Texte zu analysieren anhand eines konkreten, im Moment noch in Erarbeitung befindlichen Textes – das ist ungewöhnlich, an einer Uni wird man selten einen Autoren bei der Arbeit vor sich haben.“ Für mich ist es der umgesetzte Generationenvertrag. „Ich muss dir noch was sagen zu Colour Haze, die neue Platte – “ Doch dazu kommt Jakob nicht mehr, er folgt einer Freundin an einen der Nachbartische. Vernünftig.

Colour Haze! Kürzlich waren Maren, Arni und ich im Riptide unterwegs und gesellten uns kurz in die Runde von Serge, Jakob und noch jemandem, und als wir erzählten, dass Arni und ich vorhatten, direkt zu Raute zu gehen, leuchteten Jakobs Augen auf, und er erzählte, dass er sich dort gerade eine Anlage gekauft hatte, mit Plattenspieler, und außerdem eine Platte von einer Band, „kennt ihr Colour Haze?“ Was für eine Frage, sie uns Progrockinteressierten zu stellen, umgekehrt wäre sie angebrachter: Du kennst Colour Haze?! Die kennen nicht mal Gleichaltrige. Jakob erzählte nun überschwänglich, dass er sich bei Raute eine LP von denen gekauft hatte, signiert, weil Raute-Zweitchef Uwe Kontakte zur Band hat. Mit demselben Strahlen in den Augen freute sich Uwe kurz darauf uns gegenüber über Jakobs Interesse an der Band, LPs an sich und dem Plattenspieler. Die Welt ist nicht verloren mit jungen Leuten wie Jakob. Wir freuten uns überdies, wie grässlich wir von Uwe willkommen geheißen wurden, und nicht nur wir, Uwe war in allerbester Laune und beleidigte seine Kunden herzerwärmend mit Begrüßungen wie „Alles muss raus – das gilt auch für dich!“ Dem leistete natürlich niemand der glücklichen Kunden Folge, und das mit erheblicher Begeisterung. Uwes Laune war kein Wunder, die Eintracht hatte gerade gewonnen.

In der Rip-Lounge nimmt Milena Bestellungen auf und kommt auch zu Serge und mir. Ich bestelle das, was man bekommt, wenn man „Hausmarke“ sagt, was, wie ich wohl weiß, nicht mehr Hausmarke ist, sondern ein Fritz-Produkt, dessen Namen ich mir allerdings noch nicht gemerkt habe. „Eine Ex-Hausmarke“, bestätigt Milena. Sie habe ich noch gar nicht im Riptide-Team gesehen, „ich bin seit Ende November hier“, sagt sie, aber vor mehr als zwei Jahren machte sie einen Okerwelle-Bericht über das Riptide, und das erzählte sie mir damals, daher kennen wir uns also schon.

Als Serge und ich uns gerade über sein Buch „Lucky Man“ unterhalten, danach über Kinder, frühkindliche Prägung, Traumatisierungen und deren Auswirkungen, Selbstverwirklichung, selbstschädigende Rücksichtnahme und als selbsterhaltende Folge darauf, wie Serge es nennt, „gesunde Brutalität“, kommt Niclas um die Ecke und setzt sich zu uns. Er hat einen Termin beim Arzt und war früher da als gefordert, doch macht die Praxis Pause und lässt ihn nicht im Wartezimmer sitzen, und für eine Stunde will er nicht nach Hause und setzt sich zu uns, um die Zeit zu überbrücken. Obwohl, wie ich finde, er im Riptide dann wohl zu Hause ist. Er muss zur Blutabnahme, „ich darf nichts essen und trinken, ich habe seit dem Frühstück nichts mehr gegessen, und das war nur Müsli“, erzählt er mit Hungermiene. Milena, die mir mein Fritz-Getränk bringt, das „Kola-Kaffee-Limonade“ heißt, was deutlich schwieriger zu merken ist, aber mindestens genauso gut schmeckt wie die Hausmarke, fragt ihn ahnungslos: „Kann ich dir etwas zu essen oder zu trinken bringen?“, was bei Niclas ein hungerverzerrtes Gesicht zur Folge hat. „Ich würde gerne, aber darf nicht“, sagt er gequält. Milena stutzt: „Wie so nicht, bist du mit Vorgesetzten hier?“ Genau, ich verbiete ihm den Kaffeekonsum. „Genau, ist ja auch ungesund“, stimmt mir Milena zu. Niclas erklärt ihr den Grund und fragt: „Habt ihr Wasser ohne Kohlensäure?“ Haben sie, „Leitungswasser“, sie beugt sich verschwörerisch zu ihm und raunt hinter vorgehaltener Hand: „Ist auch umsonst.“ Die beiden sind sich handelseinig.

Die Gespräche zwischen Niclas, Serge und mir werden existentialistisch, ganz so, wie es in diesem Rahmen üblich und erfreulich ist. Zum Existentialismus gehört natürlich auch der Genuss, und auf Niclas‘ Hungerbemerkung hin bemerkt Serge, dass er nur wenig isst und sich selbst oft fragt, wovon er lebt, und ich mutmaße, dass es Rauch ist. Serge zieht an der Zigarette und fügt den abendlichen Wein hinzu. Niclas und Serge tauschen sich über Geschmack und Rauchdauer verschiedener Zigarettensorten aus. Serges Marke, eine Empfehlung von Jakob, sei teurer, schmecke aber besser, und außerdem verglühten sie nicht so schnell. Serge zahle also drauf für „Geschmack und“, er sucht nach dem Wort, das ihm Niclas reicht: „Ergiebigkeit.“ Serge nickt: „Rauchen ist das einzige, wovon ich wirklich überzeugt bin.“ Oha, was für eine Feststellung. Wovon bin ich denn überzeugt? Das ist eine Frage für zu Hause. „Die Entstehung der Literatur, besonders der modernen, verdankt sich dem Rauchen“, sagt Serge. Und dem Alkohol, finde ich. „Auch das Kino, besonders in Schwarzweiß“, fügt Serge noch hinzu, das setze den Rauch ästhetisch ein, „Farbe trägt den Rauch nicht, darin verschwindet er“. Im Kino verschwindet Rauch sowieso, außer bisweilen im Europäischen. Das hat Niclas auch beobachtet.

Das Kino rappelvoll bekamen Riptide und Universum jüngst bei Sound On Screen, mit dem Sigur-Rós-Film „Heima“. Das dritte Mal überhaupt, wie Beate erzählte, war Sound On Screen ausverkauft, nach dem The-Doors-Film und dem Blue-Note-Film. Das Kino war so voll, dass das Universum den Film noch an zwei weiteren Abenden zeigte. So voll, dass Janna und ich beim Gang ins Kino fürchteten, die zwei überzähligen vorbestellten Karten auch noch bezahlen zu müssen, weil unsere beiden angesagten Begleiter abgesagt und wir vier Karten vorbestellt hatten. Wir stellten uns artig in die Schlange, in die sich als nächstes Iris gesellte, fröhlich strahlend, aber ahnungslos, dass sie hätte vorbestellen müssen, und dann mit uns froh, dass sie eines der zwei überzähligen Tickets haben konnte, und die Frau am Schalter beteuerte dann auch noch, dass wir das letzte Ticket nicht zu zahlen hätten, dass es genug Nachfrage gebe uns sie es schon loswerde. Aha, dachte ich. Jetzt bin ich mal gespannt, wer sich neben mich setzt. Das Kino füllte sich, es liefen Werbefilme, unter anderem vom Kingking Shop, in dem in der Woche davor gewesen war, um Stefan mal wieder zu treffen, und bei ihm war eine junge Studentin, Vera, die sich mit ihm über ihre Kunst und eine potentielle Ausstellung in der Einraumgalerie unterhielt, und währenddessen stöberte ich in den Büchern, wie es sich in einem halben Buchladen auch gehört, und entdeckte dort „Speichelfäden in der Buttermilch“, eine Zusammenstellung diverser Veröffentlichungen von Stermann und Grisseman, zwei für meinen Geschmack ernsthaft lustigen Humorschaffenden, die allerdings außerhalb Österreichs und Süddeutschlands sowie Berlins niemand kennt, abgesehen von Studio Braun, die mit den beiden befreundet sind, nachvollziehbarerweise, und ich wunderte mich, das Buch in Braunschweig zu finden, und Stefan zitierte gleich den Youtube-Film „Cordoba 1978“, und darüber kamen wir drei über lustige Bücher zu sprechen, und Vera nannte „Die Wahrheit über Hänsel und Gretel“ von Hans Traxler, einen satirischen Bericht über einen erdachten Forscher, der die Lage des Hexenhauses und die Identität der vermeintlichen Hexe und die Wahrheit hinter dem Märchen herausgefunden zu haben behauptet hatte, der damals, in den späten 60ern, in der Bundesrepublik noch für Aufsehen gesorgt hatte, und ich bestellte das Buch sogleich bei Stefan, und als ich ging, rief mir Vera hinterher, „sag mir, wie du es findest“, und ich sagte, na klar, mache ich, und auf dem Heimweg dachte ich noch, wie denn? Und als dann im Universum kurz vor „Heima“-Start mein Überraschungssitznachbar endlich eintraf, fragte sie: „Und, wie fandest du das Buch?“ Das war wirklich eine Überraschung. Die Antwort konnte ich ihr noch nicht geben, weil ich das Buch bis dahin noch gar nicht abgeholt hatte. Wir tauschten dieses Mal Emailadressen aus. Am nächsten Tag rief ich gleich bei Stefan an und fragte nach dem Buch und danach, ob er sich ausdenken könnte, neben wem ich „Heima“ gesehen hatte, und er sagte: „Vera“, worauf ich erheblich stutzte, und er klärte mich auf: „Ich saß zwei Reihen hinter euch.“ Braunschweig, eine Erbse.

Der Film selbst war auch Jahre später noch so anrührend wie beim ersten Mal, die mittleren Sachen von Sigur Rós lösen einfach immer etwas in mir aus, und die Bilder dazu auch. Nach dem Film waren wir noch mit Axel bei Guidos Pizzeria, bevor wir uns die Aftershow im Riptide ansahen, mit Livemusik und Islandfilmen, und Beate verriet uns dort schon, dass in der nächsten Staffel von Sound On Screen „24 Hour Party People“ und „Searching For Sugar Man“ laufen. Ersterer hatte keinen Deutschen Kinostart, den hatte ich seinerzeit in Kopenhagen gesehen, in einem Kino zwischen Hauptbahnhof und Rotlichtviertel und mit nur einem weiteren Gast, Original ohne Untertitel, was nur vermeintlich okay gewesen war, weil der Film ja auf Englisch ist, obwohl, ist er nämlich nicht, jedenfalls nicht so richtig, er spielt in Manchester, allzuviel hatte ich also nicht verstanden, aber dennoch viel Spaß an dem Ding, und Beate erläuterte den anderen Film, eine Dokumentation, die von der Suche eines Südafrikaners nach dem verschollenen Sänger Rodriguez handelt, und die eine unvorhersehbare Pointe hat, die sich Beate allerdings nicht entlocken ließ. Morgen Abend läuft aber erstmal „You Instead“ bei Sound On Screen, die beiden anderen Filme kommen im März und im April.

Zwischendurch geht Serge immer wieder mal nach gegenüber, um in seinem Laden Kunden zu bedienen. Stets kommen die lächelnd wieder heraus. Niclas muss jetzt wirklich los zum Arzt, Serge sitzt wieder bei mir, als Helen hereinkommt und ihn begrüßt und eine Verabredung mit ihm dingfest macht. „Ich muss ein Babygeschenk kaufen“, sagt sie, eine Freundin in Hannover habe ein Kind bekommen. Eine Freundin von mir auch, vorgestern. „Ich habe noch nie ein Babygeschenk gekauft“, sagt Helen. Sie ist noch jung, das wird ihr jetzt vermutlich öfter passieren.

Serge will Feierabend machen, dann gehe ich auch, erstmal nach gegenüber ins Café, zum Zahlen und um endlich meine Grüße zu entrichten, und stelle fest, dass das Café bis auf den letzten Platz und im Grunde sogar darüber hinaus besetzt ist, und freue mich darüber. Chris arbeitet in der Küche und hat wegen des vollen Cafés alle Hände voll zu tun und keine Zeit, was man seiner Freundlichkeit indes nicht anmerkt. „Morgen kommt nach langem Warten die neue Nick Cave heraus“, sagte er noch schnell und bringt Teller mit Fladenbroten an die entsprechenden Tische. Guter Tipp. Hinaus in die Sonne, die den achteckigen Innenhof fröhlich aufhellt, und die trotz der Minusgrade wärmt.


Matze Bosenick
www.krautnick.de

#61 Spirotonal Ratiotap

13. November 2012


Dienstag, 13. November

Wie herrlich: Der Himmel ist blau, die Sonne strahlt, es ist gar nicht so kalt, wie es eigentlich im November sein sollte, und das ist auch gut so. Ich mag die morgendliche Aufbruchstimmung in Städten, wenn Geschäftsleute ihre Läden öffnen, Schilder herausstellen, Wimpel ausfahren, die Kasse öffnen. Vereinzelte Kunden gesellen sich dazu, manche flitzen durch die Innenstadt, um noch schnell vor dem eigenen Arbeitsbeginn etwas zu erledigen, sich vielleicht ein Brötchen zu kaufen. Wenn in diese Geschäftigkeit die Sonne hineinstrahlt und ich selbst nichts zu tun habe, entspannt mich das, da strahle ich mit der Sonne um die Wette. Eine Stadt sieht in genau dem Moment auch besonders gut aus. Braunschweig nicht minder, der Kohlmarkt insbesondere, oder die Friedrich-Wilhelm-Straße vor der früheren Hauptpost, an der Straßenbahnhaltestelle, wenn die Sonne genau die Straße entlangscheint, auf das frühere City-Kino, das jetzt einen Supermarkt birgt, der den Namen dankenswerterweise beibehalten hat: „Görge City“.

Im Handelsweg ist André scheinbar der einzig Beschäftigte, er stellt ein Tablett mit Muffins in die Vitrine, als ich grüßend ins Café komme. Das Riptide ist bereits geöffnet, die Nachbarn nehmen wohl erst später den Betrieb auf. „Ich mach mir erstmal einen Kaffee“, sagt André. Guter Gedanke, ich nehme auch einen. Während die Maschine faucht, tauscht André bei den Teelichtgläsern die Papiermäntel aus. Er stellt mir und sich einen Kaffee vor die Nase. „Ich muss die Stühle aufschließen“, sagt er dann und geht ins Achteck. „Moin“, höre ich ihn rufen, und herein kommt Micha, direkt von gegenüber, der Einraumgalerie, wo er eben Flyer vorbeibrachte. Micha legt eine Rolle Plakate vor die Theke und André macht ihm zwischendurch einen Kaffee. Dieses Mal zerkleinert André einen Karton, bis die Maschine fertiggefaucht hat, reicht Micha den Kaffee und klimpert dann wieder draußen mit dem Schlüssel zwischen den Stühlen herum.

Erst vor einer Woche trafen Micha und ich uns beim Filmfest. Ich konnte leider nur zwei Filme sehen, wie eine Klammer um das Filmfest herum: die erste Vorstellung am Eröffnungsdienstag und die letzte Vorstellung am Schlusssonntag. „Camera Shy“ war mein erster Film, und ich wunderte mich, dass ich danach im C1-Foyer keinen Bekannten traf. Also ging ich zum Universum, irgendwo musste Micha schließlich sein. Und richtig, da stand er, wie im vergangenen Jahr nicht, um einen Film zu sehen, sondern um zu gucken, ob er Bekannte trifft. Das hatte ich geahnt, das war also im Grunde eine indirekte Verabredung. Bei „Camera Shy“ hatte ich neben einem Ensemble-Mitglied der großartigen Impro-Theater-Gruppe „Jetzt & Hier“ gesessen, das erzählte ich Micha, der in Erinnerung daran jetzt aus seiner Tasche gleich deren neuesten Flyer zückt, für die Auftritte am 17. November in der KaufBar und am 15. Dezember im LOT. Mein zweiter Filmfest-Film war dann „Inuk“.

„Ich habe auch zwei Filme gesehen“, berichtet Micha. Er sah beide am Sonntag, den ersten am Vormittag, „Marina Abramović: The Artist Is Present“ über die Aktion im Museum Of Modern Art, als sich Marina Abramović an einen Tisch setzte die Museumsbesucher ihr gegenüber Platz nehmen konnten. Der Film dokumentiert die Reaktionen, die bis hin zum spontanen Weinen reichten. „Das war für mich der Film des Filmfests schlechthin“, sagt Micha. „Es war, als würde man ihre Präsenz über den Kinosaal wahrnehmen.“ Der Film habe ihn emotional stark berührt. Einziger Wermutstropfen: „Es muss nicht jede Szene in einem Film mit Musik unterlegt sein.“ Das sehe ich auch so, das nervt, bei „Inuk“ ging es mir streckenweise auch so. Hans Zimmer, nichts ist schlimmer. Draußen spannt André gerade die Sonnenschirme auf, und man hört, wie er Bänke übers Pflaster schiebt. „Für mich war das das Highlight des Festivals“, schwärmt Micha weiter. Sein zweiter Film sei da nicht mitgekommen: „Parked“, „ein schottischer Film, der war gut, aber vorhersehbar“, findet Micha.

André kehrt mit drei Schülern im Gefolge zurück in Café. Er stellt sich hinter die Theke, die drei davor. „Ich möchte Karten abholen für den Poetry Slam“, sagt Julius. André holt die entsprechende Tasche hervor und blättert in den Tickets. „Habt ihr schon welche zurückgelegt?“, fragt er. Haben sie, für den 30. November im LOT, nicht für den 23. November in der Neustadtmühle. André wird fündig. Julius zahlt und nimmt seine Karten entgegen. Die drei gehen an die Ricarda-Huch-Schule und nutzen eine Freistunde für diesen Ausflug in die Stadt. „Poetry Slams sind gut gemischt, da ist alles drin, verschiedene Geschichten, das inspiriert“, findet Julius. Sehe ich auch so, eine bessere Abendunterhaltung als „Wetten dass..?“. „Und die Eintrittspreise sind fair“, sagt Julius. Den Vorverkauf im Riptide nutzt er seit langem, „das ist mein Standardladen, ich bin hier fast seit der Gründung“, sagt er. Er nahm zwar selbst noch an keinem Slam teil, aber Lukas, der neben ihm steht: „Ich habe beim Beat Box Contest mitgemacht.“ Bei einem Poetry Slam auch, aber nicht öffentlich. Julius meint: „Ich müsste mich ein bisschen aufraffen, dann würde ich das auch mal.“ Lukas sagt: „Wir schreiben zu Hause Texte, machen auch Musik – aber nicht konsequent.“ Deswegen heiße seine Band auch „Inkonsequent“: „Wenn wir uns konsequent hinsetzen würden…“ Dabei hatten sie in den vergangenen fast drei Jahren schon diverse Auftritte, den nächsten am 29. November in der Aula der Gauß-Schule.

Auch Julius beschäftigt sich mit Musik, aber anders, er produziert mit einem Freund Hip-Hop-Musik für einen Rapper und hat auch sein eigenes Label, und: „Wir machen House- und Party-Musik.“ Der Rapper, den sie fördern, heißt „Saze“, das Party-Projekt „BeatsBrüder“. „Ich suche Rapper, die etwas aussagen wollen“, sagt Julius. „Die aber auch Spaß verstehen, wie Cro – aber das ist nicht einfach.“ Auch Lukas war schon dabei, als Rapper: „Das macht Spaß, einfach rauslassen und die Seele baumeln lassen“, sagt er. Beide überlegen, ob sie am Freitag zu Sound On Screen gehen, wenn im Universum der Film „Beats, Rhymes & Life“ über A Tribe Called Quest läuft. Rap und Poetry Slam, das sind Brüder.

In der nächsten Staffel von Sound On Screen laufen gleich zwei Pflichtfilme für mich. Einer davon erfüllt wahrscheinlich unzähligen Braunschweigern einen Traum, Organisatorin Beate eingeschlossen: „Heima“ von Sigur Rós kommt im Januar, nach langen Verhandlungen. Und am Nikolaustag „Shut Up And Play The Hits“, der Film über das Ende von LCD Soundsystem, einer der wenigen Nullerjahrebands, die ich persönlich umfassend gut finde. Vor anderthalb Wochen war ich mal wieder in Kopenhagen, direkt zum Beginn des Dokumentarfilmfestivals CPH:DOX, und da haben sie den Film auch gezeigt, allerdings, nachdem ich leider schon wieder weg war. Anschließend hat Bandchef James Murphy aufgelegt, zumindest laut Programmplan. Nach der Braunschweiger Filmvorführung gibt es aber auch Livemusik, und zwar spielen „Atari Collage“ im Riptide. In die Sound-On-Screen-Reihe würde „Fraktus“ auch gut passen, sind uns Micha und ich einig. Die Doppel-LP zu dem Film steht im Riptide-Regal. Nachdem André die Tische und Stühle draußen mit Karten, Zuckerstreuern, Decken und Kissen ausgestattet hat und hinter die Theke zurückkehrt, teilen wir ihm unseren Vorschlag mit. „Fraktus“ hatte vergangene Woche Bundesstart und müsste längst regulär laufen, auch in Braunschweig. Micha fürchtet, dass das aber nicht passieren wird. Dabei lief auch „Dorfpunks“ im C1, den hat ebenfalls Lars Jessen gedreht, nach einer Vorlage von Rocko Schamoni, einem der drei Studio-Braun-Mitglieder, die sich jetzt eben „Fraktus“ nennen und über diese fiktive 80er-Jahre-Band eine Mockumentary herausbrachten. Die norddeutsche Version von „Spinal Tap“, quasi Spirotonal Ratiotap.

Carsten gesellt sich zu uns. André begrüßt ihn mit einer hohen Fünf und bereitet ihm ebenfalls einen Kaffee zu. Carsten ist Mitbegründer des Eiko-Vereins, „der ist in Svens und meinem Übungsraum entstanden“, berichtet er. Dann ist er bestimmt auch Mitglied bei Fossajar? Ist er. „Und ich bin Schlagzeuger bei Agapornis.“ Von denen schwärmt Schepper immer, der wiederum die Eiko-Shows in der KaufBar moderiert. „Mit Schepper haben Agapornis in Goslar im Gecko gespielt“, erzählt Carsten. Stimmt, davon berichtete Schepper auch schon. Carsten lobt das Etablissement in den höchsten Tönen: „Wer mal nach Goslar fährt und eine gute Kneipe besuchen will, sollte ins Gecko gehen.“ Auch aus anderen Gründen: „Wir machen dort jede zweite Woche am Sonntag Session, jetzt am Sonntag wieder, seit zwei Jahren schon.“ Schlagzeuger war Carsten außerdem auch bei Murder At The Registry, direkt nach Boris, der jetzt bei Maxx Reebo trommelt. Koinszidenz: Murder At The Registry feiern am 24. November im LOT Wiederauferstehung. Als Carsten dort trommelte, war Martin Krause Gitarrist, und der stammt aus demselben Heidedorf wie ich. Die beiden wohnten sogar zusammen, erzählt Carsten. Die Welt, eine Erbse. Martin kannte ich besser aus dem Exil als aus dem Dorf, und, wieder ein Zufall, am Murder-Reuinion-Abend findet gleichzeitig in der alten Heimat, im früheren Nachbardorf, eine Exil-Revival-Party statt. Zweiteilen müsste man sich können.

„Furchtbar, Westernhagen“, ruft Nora angesichts des Albums „Die Sonne so rot“, das aus dem Second-Hand-LP-Kasten lugt. „Den habe ich gerade erst im Radio gehört“, ächzt sie angewidert. Verständlich, so etwas wie „Sexy“ ist echt übel, und außerdem macht er Werbung für die Bild. „Ich mag den“, sagt Flo, der neben ihr ebenfalls in Schallplatten blättert. „Er hatte ein paar gute Lieder.“ Nora entdeckt ein Album von Foreigner: „Sind das nicht die mit ‚Africa‘?“, fragt sie und weiß dann selbst: „Ach nee, das waren Toto.“ Wie schrecklich: Die beiden sind erst 19 und 25 Jahre alt, hätten also die Chance, wenn sie schon erfreulicherweise die ältere Musik aufarbeiten, sich dann auf die guten Sachen zu konzentrieren – aber doch nicht auf Foreigner und Toto? „Ich kenn die alle noch von früher“, lacht Flo. Und Nora sagt: „Ich mag Billy Idol, nach dem gucke ich immer mal, und wenn ich jetzt eine LP von ihm finde, nehme ich die sofort mit.“ Mit dem Stöbern hören sie auf, als ihnen André die bestellten Getränke an ihren Platz auf dem Sofa bringt.

Zurück an der Theke, holt André ein Foto aus einem Umschlag und zeigt es uns. „Das ist ein Foto vom Handelsweg nach der Bombardierung“, sagt er. „Das habe ich auf einem Flohmarkt gefunden.“ Das Besondere: „Die Kuppel ist noch zu sehen.“ André und Chris schauen regelmäßig nach alten Dokumenten vom Handelsweg, aber eines mit intakter Kuppel haben sie noch nicht gefunden. Auf dem Foto sind zerstörte Gebäude in hellem Backstein zu sehen. Ein Mann mit schwarzem Mantel und Hut geht genau in der Mitte vom Betrachter weg. Er steht inmitten des Achtecks. Über seinen Kopf hinweg kann man die Turmspitzen des Doms erkennen. Und über ihm das Gerippe der Kuppel, die bis dahin das maurische Achteck überspannte. Die Gebäudereste vorn sind geschlossen und zeigen noch nichts von der offenen Schaufensterfassade, die der Handelsweg heute hat.

Und André macht uns auf eine Premiere aufmerksam: „Es gibt im Dezember einen Lebendigen Adventskalender im Handelsweg und drumherum.“ Los geht es am 1. in der Magniküche, das Riptide ist am 3. und 22. dran. „Am 3. eröffnen wir die Glühwein-Saison und am 22. spielen ‚You & Me‘ bei uns.“ Die kenne ich, die waren bei Sibylle Schreiber in Wolfsburg schon mal in zu Gast. Sie etabliert dort zurzeit je eine Literatur- und Kleinkunst-Bühne im Café Extrem und kündigte das Duo dafür an. Am 7. Dezember tritt Till Seifert bei ihr auf. Die genauen Adventskalender-Termine werde es als Plakate und Flyer geben, sagt André, und jedes Geschäft hat das entsprechende Türchen als Klappe in der Eingangstür hängen. Seltsam: Das ist schon bald. Und gerade jetzt scheint so schön die Sonne. Carsten muss weiter, Micha auch, Flyer verteilen, André bedient in der Rip-Lounge lernende Schüler, und ich gehe auch, die Sonne genießen, wenn sie schon mal da ist.


Matze Bosenick
www.krautnick.de

#54 Keine Früchte

26. April 2012


Donnerstag, 26. April

Die Plattenmatte mit dem orangefarbenen Jägermeisterhirsch auf den beiden Reinhörplattenspielern im Riptide gibt diesem grauen Tag etwas Farbe. Es ist Ende April, die Okercabana öffnet heute, die Schwalben sind überfällig, etwas höhere Temperaturen eigentlich auch, sieht man mal von der einen viel zu frühen warmen Woche im März ab und davon, dass es heute gerade einmal ein bisschen zu warm für einen Schal ist. Immerhin, der Flieder in unserem Hinterhof blüht zurzeit und die Fledermäuse drehen dort auch schon seit einer Weile ihre Runden. Die Sonne könnte sich also mal wieder blicken lassen, wo kommen wir denn da hin. Trotzdem: So schön grün, wie auch die Straßenbäume jetzt wieder sind, da macht es richtig Spaß, durch die Stadt zu schlendern, vom Kohlmarkt zum Kingking Shop und in den Handelsweg. Bei Serge im Eingang steht eine Leinwand mit orangefarbenen Luftballons darauf, die für ein Selbstfilmfest werben, und gegenüber bei Piou steht ein Stuhl mit einer Topfpflanze darauf vor der Tür. Zusätzlich zu den Jägermeisterplattenmatten geht es im Riptide wie gewohnt farbig zu. Chris unterhält sich mit einem Kunden über Liveerlebnisse mit einer uralten Indieband, André konzentriert sich auf seine Arbeit am PC, Sina bedient die Gäste und Jasmin ist in der Küche zugange.

Sina stellt mein bestelltes Wolters auf die Theke neben die inzwischen zehn verschiedenen Quartette, die dort ausgestellt sind, ergänzend zu den vielen anderen CDs, DVDs und weiteren Produkten, und Chris erzählt vom Record Store Day. Der war am Samstag und das Riptide einer der weltweit teilnehmenden Läden und deshalb entsprechend voll. Die Liste der nur für diesen Tag in ausgewählten Schallplattenläden wie dem Riptide erhältlichen Veröffentlichungen war gigantisch lang, die Schlange vor der Theke wohl auch. „Die meisten Nachfragen hatten wir nach ABBA“, erzählt Chris. Auf blauem Vinyl gab es den Extended Dance Mix von „Voulez-vous“, und, so Chris: „Da ist ein unveröffentlichter Song drauf“, die B-Seite „If It Wasn’t For The Night“ nämlich. Schade nur, dass ein nicht geringer Teil der Käufer die tollen Raritäten nicht wegen der wunderbaren und oft exklusiven Musik kauft, sondern wegen des vielfachen Wiederverkaufswertes. Glücklich können sich also alljene schätzen, die im Riptide einen begehrten Schatz ergatterten, und davon gab es eine Menge.

Der anstehende Mai kommt im Riptide mit einer ganzen Reihe an Veranstaltungen, obwohl er mit einem geschlossenen Tag startet, dem Maifeiertag. Das Plakat von der Nagel-Lesung am 18. begrüßt gleich jeden Gast am Eingang. „Nagel hat bei uns gerade seine Ausstellung, der war schon zur Eröffnung hier, persönlich“, erzählt Chris. „Er kommt wieder zur Finissage – ‚Bebilderte Lesung‘ nennt er das.“ Chris blickt in Richtung Kunst: „Für die neue Ausstellung haben wir alles einmal komplett gestrichen, wir haben richtig viel geschafft, mit zehn Leuten haben wir hier gestanden.“ Der Mai sei deshalb so voll mit Veranstaltungen, weil im Juni die Fußball-EM kommt, sagt Chris. Stimmt ja. Olympiade ist auch, aber irgendwie hat die in der öffentlichen Wahrnehmung an Bedeutung verloren, scheint mir. „Vier Veranstaltungen haben wir, die Nagel-Lesung, Sound On Screen mit einer Reggae-Party danach, eine Soul-Party am 5. und MC Rene liest aus seinem Buch.“ Chris schwärmt von MC Rene: „Der ist Braunschweiger und war seinerzeit der beste Freestyle-MC Deutschlands, hat auf Viva moderiert, dann alles verkauft und war zwei bis drei Jahre nur mit einem Bahnticket auf Reisen und hat darüber in dem Buch geschrieben, selbstkritisch und ironisch.“ Das Buch sei zwar kein Hip-Hop-, sondern ein Reise-Buch, so Chris, „aber mit einem Musik-Einschlag“. Es heißt „Wir sehen uns im Zug“, erscheint im Rowohlt-Verlag und ist noch gar nicht veröffentlicht. „Wir haben die Release-Lesung“, sagt Chris, „vorher ist er nur bei Stefan Raab.“

Für André ist Feierabend, er verlässt seinen Platz am PC und nach einigen Abschiedsworten auch das Café. Chris übernimmt seinen Posten. Jasmin arbeitet weiter in der Küche und Sina läuft zwischen den Caféräumen umher und nimmt Bestellungen auf. Möchte ein Kunde bezahlen, kommt Chris wieder an die Theke zurück. „Ich zahle die Sofa-Rechnung“, sagt Barbara und deutet auf das Möbelstück und ihre sich davon erhebende Begleiterin. Das dürfte etwa 400 Euro machen, oder? Sie wehrt ab: „Nee, so schön ist es auch wieder nicht.“ Chris blickt auf: „Was?“ Barbara reicht ihm grinsend den genannten Betrag und wird genauer: „Es ist gemütlich – aber meins ist gemütlicher.“

Auf dem Zeitschriftenstapel liegt bereits das Mai-Intro. Die April-Ausgabe gab es an meinem Arbeitsplatz dieses Mal nicht, gab’s denn im Riptide eine? Bei meinen letzten Besuchen hier dachte ich nicht daran, danach zu suchen. „April? War das das mit Frittenbude?“, fragt Chris. Das weiß ich eben leider nicht. Ah, wer sich nach etwas weiter unten durchwühlt, wird unter den ganzen neuen Magazinen fündig und sieht Chris bestätigt: Ja, das mit Frittenbude. „Unsere Jungs“, wie Chris grinsend feststellt und bemerkt: „Nicht mehr, aber ich hab die entdeckt, da ist das schon Wahnsinn.“ Und demnächst spielen sie in Wolfsburg im Kulturzentrum Hallenbad. „Da gehe ich hin, wenn ich Zeit habe“, sagt Chris. „Wenn Bohren spielen, habe ich wahrscheinlich keine – da ist hier Bohlwegzeiten-Party im Riptide.“ Bohren & der Club Of Gore kommen im Rahmen des „Festival Theaterformen“ nach Braunschweig. Das wechselt jährlich zwischen Hannover und Braunschweig, dieses Mal sind wir wieder dran. Letztes Mal, vor zwei Jahren also, war es schon so, dass über die Dauer des Theaterfestivals parallel im Theaterpark abends Open-Air-Konzerte wirklich namhafter Musiker und Bands stattfanden. So ist es dieses Mal wieder: Am 2. Juni spielen Bohren, am 3. Nils Koppruch. Da habe ich mal Glück, denn an dem Wochenende muss ich nicht arbeiten und habe auch sonst noch nichts vor, außer mir am Samstag bei „Braunschweig international“ auf dem Kohlmarkt den Bauch mit weltweiten Leckereien vollzuschlagen. Dann geht’s abends gemütlich in den Park, Doomjazz hören. Chris zitiert zwei exemplarische Songtitel vom 1995er Debüt „Gore Motel“, „Dangerflirt mit der Schlägerbitch“ und „Dandys lungern durch die Nacht“, und lacht. „Das war vor mehr als 15 Jahren, kurz nach 7 Inch Booots, das war die Vorgängerband, die habe ich noch live gesehen, da waren die noch Neurosis-dreckig.“ Mike Patton, der auf dem letzten Bohren-Album „Beileid“ die ersten Vocals der Bandgeschichte beisteuerte, wird wohl nicht in Braunschweig zu erwarten sein – nicht wie letztes Mal mit Tamikrest, als Hugo Race als unangekündigter Gast inkognito auf der Bühne stand, ausschließlich in Braunschweig. Aber wir haben schon Glück genug damit, dass Bohren überhaupt zu uns kommen.

Vorhin im Kingking Shop blätterten wir auch schon staunend durch das Festival-Programm. Und durch das Gratis-Magazin „Zettelwirtschaft“, in dem Off-Literaten und Poetry-Slammer ihre Texte beisteuern. Ein neues Heft stellten Stefan und Pott auch vor: „Päng, das Magazin für Leute mit einem Knall“. Demnächst macht Marc Domin im Kingking Shop Halt auf seiner Promotour für sein neues Buch „Viertel nach Untergang“. Marc war auch bei der „Mühe & Muße“-Show von Müller & die Platemeiercombo und vielen weiteren Beteiligten in der Brunsviga auf der Bühne und wird es wohl bei der Aufführung morgen in der Wolfenbütteler Kuba-Halle auch wieder sein. „Mühe & Muße“ wird seiner Selbstbeschreibung „Live-Psychotest-Revue“ nicht gerecht, weil es viel mehr bietet als nur das. Letztes Mal war Marcs Beitrag ein Slam darüber, wie wichtig es ist, bei der Arbeit betrunken zu sein. „Die Polen sind schlauer als die Deutschen“, sagte er in der Pause, und wenn er solches sagt, glaube ich ihm das, ist er doch mit einer Polin verheiratet. Er setzte fort: „In Polen geht das ganze Land den Bach runter und die Leute saufen, in Deutschland geht das ganze Land den Bach runter und die Leute bleiben nüchtern.“ Marc bewirbt seine Show damit, dass sie ab 18 sei, und hat damit vermutlich Recht.

Aus der Küche dringen seltsame Geräusche. Es klingt wie eine Mischung aus Kratzen, Schaben und Hacken. Welche Speise erfordert solche Geräusche? Keine, oder besser: alle, denn Jasmin reinigt einige Küchengeräte. Und ich fragte mich schon: Was bereitet sie da nur zu? „Noch gar nichts“, sagt Jasmin, „aber gleich wieder mit großer Freude alles.“

Auch Chris reinigt, als er einen Karton auspackt, und zwar die Hülle einer CD von Kleberesten. Den Kragen auf dem Cover erkenne ich aus diversen Musikmagazinen: James Blake, das selbstbetitelte Album mit dem verwischten Gesicht. Chris hält es hoch: „Auch die Singles sehen so aus, man muss genau hinsehen.“ Und „Meds“ von Placebo auch, das ist aber fünf Jahre älter. Gleichalt hingegen sind die neuen Alben von Mia („Tacheles“) und dem einen Kalkbrenner („Suol Mates“ von Fritz, nur echt mit dem Buchstabendreher) – und die haben beide den identischen optischen Effekt auf dem Cover: Eine Mischung aus Profil und Frontansicht des jeweiligen Musikers. Ein Berlin-Zufall?

Ein leises zweifaches elektronisches Klingeln lässt Sina wissen, dass ein Gast in der Riplounge gegenüber einen Wunsch hat. Sie geht herüber. Jasmin befasst sich derweil mit dem Dienstplan für Mai und die Pläne für das anstehende Wochenende. Meines verbringe ich mit früheren Mitschülern, wir haben Abi-Treffen, hoch droben und tief drunten in der Heide. Abi-Treffen sind nichts für Jasmin: „Ich habe schon nach kurzer Zeit viele Leute vergessen.“ Das war bei uns am Anfang nicht so, und der Anfang hat einige Jahre gedauert. Aber mit der Zeit gingen die Lebensentwürfe dann doch auseinander, zum Beispiel in Sachen Kinderplanung, da stecke ich als einer, der keine Kinder haben will, in einer anderen Alltagsstruktur als die, die welche haben. Sina kommt nach der aufgenommenen und erfüllten Bestellung dazu. „Magst du die Lions?“, fragt er mich. Da habe ich gar kein Interesse dran, es ist also weder so, dass ich sie mag, noch dass ich sie nicht mag. Samstag spielen sie, sagt Chris. Da muss ich ihn enttäuschen, da würde ich aber schon wegen des Abi-Treffens nicht mitkommen, und wenn ich dort nicht hinginge, dann nach Dortmund, das ist der Ärgerliche Teil an dem Treffen: Am selben Tag findet das Festival „Rock in den Ruinen“ statt, mit zehn Bands – darunter Killing Joke, Phillip Boa – zu Hause! – und Saxon. Als wär das nicht geil genug, kostet das Ticket schlappe zwölf Euro. Für so ein günstiges Paket ist Dortmund mal ganz schön um die Ecke. Und mit der Meisterschaft ist da wahrscheinlich dann doppelte Party angesagt. Auch Jasmin und Sina sind nicht an den Lions interessiert: „Was euch an Kinderwunsch fehlt, fehlt mir an Sportbegeisterung“, sagt Sina. Jasmin stellt fest: „Das ist doch American Football, da verstehe ich die Regeln nicht.“ Chris erklärt sie: „Es gibt keine – einfach auf die Fresse.“ Nach einem schnell nachgeschobenen „nee“ grinst er. „Auf die Fresse?“, grübelt Jasmin. „Ist das nicht Rugby?“

Robin kommt ins Café. Er stutzt und zögert, die Tür wieder zu schließen. Wir gucken ihn erwartungsvoll an. „Soll ich die Tür auflassen?“, fragt er unschlüssig. Sina fragt: „Ist es denn notwendig?“ Robin hat die Türklinke noch immer in der Hand und bemerkt: „Draußen ist die Luft frisch.“ Dabei sieht es gar nicht danach aus, so dräuend-grau. „Nee, die Luft ist gut, bisschen warm, aber gut“, insistiert Robin. Er lässt die Tür halboffen stehen und nähert sich der Theke. „Eine Mate“, bestellt er, und sein durch die halboffene Tür tretender Begleiter auch, deshalb korrigiert sich Robin auf „zwei Mate“. Sina reicht sie rüber und fragt: „Wo sitzt ihr? Drüben?“ Robin zeigt ins Achteck und sagt: „Ja, drüben, aber nicht im Raucherbereich, sondern draußen.“ Sie schließen die Tür von außen und setzen sich an den Tisch vor dem Fenster mit den Reinhörplattenspielern.

„Hast du die Ausstellung schon gesehen?“, fragt Jasmin. Habe ich noch nicht. „Komm, wir gucken mal“, sagt sie und wir gehen und gucken mal. Durch die Glastür sehen wir gegenüber am Fenster in der Riplounge Sina sitzen. Sie raucht und winkt uns zurück. Ums Rauchen geht es auch bei Nagels Linoleumdrucken. Das Bild mit dem Zitat aus „Waiting Room“ von Fugazi kenne ich von der Werbung zur Ausstellung. Nach einer Runde durch die Schau kehren wir zeitgleich mit Sina an die Theke zurück. Sina entdeckt, dass die Hotelglocke auf dem Tresen etwas schräg geworden ist, und versucht, sie zu reparieren. „Die ist schief“, stellt sie fest. Und Chris, der frisch ausgepackte Tonträger etikettiert, weiß, warum: „Weil manche Leute zu doll draufhauen.“ Vielleicht hilft’s ja, wenn er einen der „Platte bitte nicht öffnen“-Sticker auf die Klingel klebt. Ähnlich passend: Zurzeit läuft jemand durch Braunschweig und hinterlässt überall Aufkleber mit dem Wort „Nicht.“ Das ergibt oft witzige Konstellationen, etwa an einer Supermarkttür: „Drücken“ – „Nicht.“ Kürzlich sah ich an einem Mehrfachbriefkasten eines Wohnblocks unter all den „Bitte keine Werbung“-Stickern einen Briefkasten mit der Aufschrift „Keine Früchte“.

Es wird Zeit für mehr Sonne. Vielleicht hilft ja die Nyan Cat gegen die graue, schwere Wolkendecke. Irgendjemand hat eine 100-Stunden-Version bei Youtube hochgeladen. Wer davon keine gute Laune bekommt, ist zweifelsfrei normal.


Matze Bosenick
www.krautnick.de

#47 Abtauchen

17. September 2011


Freitag, 16. September

Seit einiger Zeit treffe ich häufig Katrin und Uwe von Raute Records bei Tante Puttchen, wenn ich auf dem Weg ins Riptide bin. „Wusstest du das nicht? Wir wohnen jetzt hier“, sagt Katrin. Na ja, beim letzten Mal habe ich diese Information nicht erstgenommen – ab jetzt tu ich das. Haben die beiden denn schon dem Riptide gratuliert? Selbstverständlich habe sie, wie sie sofort betonen. Uwe sagt: „Du musst dich beeilen, wenn du nicht der Letzte sein willst.“ Okay, ich bemühe mich um den Platz des Vorletzten. Katrin verabredet sich mit mir der Form halber schon mal für Montag an gleicher Stelle.

Wie schön, dass wenigstens im September das Wetter nach so etwas wie Sommer aussieht: Im Achteck sitzen und stehen Gäste. Es ist dunkel, aber mild. Noch ist es in Braunschweigs attraktivster Partymeile vergleichsweise still, obwohl die meisten Tische besetzt sind. Aber noch läuft die aktuelle Ausgabe der Riptide-Filmreihe Sound On Screen im Universum-Kino, erst danach steigt die Geburtstagsparty: Das Riptide ist heute vier Jahre alt geworden. Noch sitzen also die Gäste im Kino und gucken „Soulboy“. Am Stehtisch unter dem Balkon an der Rip-Lounge entdecke ich bekannte Gesichter: Bassist Schepper, Stefan von der Einraum-Galerie nebenan und das halbe Riptide-Geburtstagskind André. Stefan hat sein Büro im Kingking Shop. Oder, wie einer der Einraum-Leute bei einer Vernissage einmal sagte: Kinkong Ship. Deshalb wirbt Stefan auch gleich für die Eröffnung des Kingking-Online-Shops im Oktober. „Mit Oktoberfest“, schiebt er nach. Der Onlineshop heißt dann „Kulturwarenladen“. Stefan erklärt: „Eine Mischung aus Kolonialwaren und VEB Kulturwaren.“ Wie Kingking-Chef Pott sich die Eröffnung vorstellt, hat jener mir schon erzählt. Stefan lacht: „Du weißt es?“ Ich nicke und frage zurück: „Pott macht das wirklich?“ Stefan bestätigt eingeschränkt: „Wenn er genug PCs bekommt.“ Alles Weitere soll eine Überraschung bleiben.

Auch Schepper glänzt mit Informationen: Er hat eine Kopie aus dem Magazin „Bassprofessor“ dabei, in dem der Herausgeber Scheppers Demo-CD „Schepper plus Bass“ rezensiert, und zwar ausgesprochen positiv. Hat er ja auch Recht mit. Und Schepper drückt Stefan eine seiner CDs in die Hand. Der dankt und berichtet von der Improtheatergruppe „Jetzt & Hier“, mit der er zusammenarbeitet. Da bin ich überrascht: Das Braunschweiger Kulturnetz ist doch deutlich feinmaschiger, als ich es ohnehin schon gedacht habe. „Bei ‚Jetzt & Hier’ ist der Einraum mit dabei“, wiederholt Stefan. „Wir haben ihnen einen Raum zur Verfügung gestellt und einen Künstler organisiert.“ À propos Einraum, da fällt Schepper die Mugshot-Ausstellung von Toddn ein, bei der Toddn uns für damals noch unbestimmte Kunstwerke fotografiert hat. Jetzt kann man die Kunstwerke sehen, und zwar im Schaufenster des neuen Krimi-Buchladens „Mord & Totschlag“ in der Karl-Marx-Straße. „Nach der Wahl bin ich in Richtung Park gefahren“, berichtet Schepper, „da habe ich mir gedacht, da war doch was.“ Und hat ein Foto von den mit Fotos beklebten Tabakdosen gemacht. Zwischen einigen inhaftierten Promis sind viele Braunschweiger, zumeist vom Silver Club, zu sehen. Am besten gefällt mir das von Klaus, von Toddn prominent ganz nach oben gesetzt: Der 61-Jährige hält nicht wie wir ein Schild mit persönlichen Daten vor sich, sondern eines, auf dem „Fußweg zum Friedhof“ steht.

Allmählich dürstet es mich, besonders, weil ich den anderen beim Getränkeeinnehmen zusehen muss. Im völlig leergeräumten Riptide erfüllen Kathi und Benno alle Kundenwünsche, meiner ist der nach einem Wolters. Das Riptide sieht erstaunlich gut aus, wie es so frei und offen auf Tanzvergnügte wartet. Northern Soul ist das zum Sound-On-Screen-Film passende Motto heute Abend. Lukas gehört nicht mehr zu den Kundenwunscherfüllern: Er hat schon Feierabend und stellt sich mit mir an den Stehtisch draußen. „Na, ihr Muttis?“, begrüßt er die Runde. Stefan erzählt gerade etwas von sozialen Netzwerken und erwähnt „Fatzebuck“. Schepper und ich gehören zu denen, die da keinen Account haben. Stefan und Lukas ja. „Hat mir schon zwei, drei Mal geholfen“, sagt Stefan. „Wegen Weiber?“, mutmaßt Schepper. „Nee, die hab ich schon im VZ kennen gelernt“, sagt Stefan. Lukas nickt: „Im Schüler-VZ.“ Stefan lacht: „Ich hab mich angemeldet mit 38 – ich mach Abendgymnasium, hallo?“

Aus dem dunklen Handelsweg kommt Chris ins hellere Achteck. Endlich kann ich meine Glückwünsche aus André und Chris gleichermaßen verteilen. Der Film ist noch gar nicht aus: Chris bereitet die Party vor. Sein DJ-Pult steht im Café in der Ecke mit den Vorhör-Plattenspielern.

An diesem Wochenende läuft im Westen wieder das Kulturschaufenster 38118, dieses Mal nicht am Frankfurter Platz, sondern am Westbahnhof. „Da haben wir auch einen Stand“, sagt Stefan. „Sonntag soll’s regnen, das ist nicht gut – Bücher mit Regen ist wie Milchreis mit Curry.“ Dann schon lieber mit Chili, meint Lukas. Die Luftfeuchtigkeit sei sehr hoch prognostiziert, sagt Stefan: „Da ist ein Reclamheft so dick wie die Bibel.“ Schepper schlägt vor: „Verkauf sie doch nach Gewicht.“

Mit einem großen roten runden Aufkleber mit dem Gesicht einer aggressiven schwarzen Katze darauf auf seinem weißen Hemd kommt Benno zum Rauchen zu uns an den Tisch. Was hat es damit auf sich, ist das heute Riptide-Personal-Erkennungszeichen? „Kennst du nicht ‚Thundercats’?“, fragt Benno, und ich verneine. „Du bist doch älter als ich.“ Das mag sogar der Grund sein, da hab ich mich dafür wohl nicht mehr interessiert. Scheppers Assoziationsmaschine bringt einen Gibson-Bass und die Serie „Thunderbirds“ hervor. „Das war eine englische Marionetten-Serie“, sagt Schepper. „Die kenne ich auch“, sagt Lukas. Ich nicht. Benno erklärt: „‚Thundercats’ war eine Comic-Serie im ‚Sabre-Rider’-Stil, von der Zeichenart her, das lief nach ‚He-Man’ – oder vor ‚He-Man’?“ Hab ich auch alles nie gesehen. „Das lief bei ‚Bim-Bam-Bino’ im Privatfernsehen“, fährt Benno fort. Ah, das war definitiv nach meiner Zeit, ich kenne gerade noch „Spaß am Dienstag“ mit Werner und Zini oder, wie es vorher hieß, „Montagsspaß“ mit Thomas und Zini. Benno erklärt weiter: „‚Bim Bam Bino’, das war eine Handpuppe, die die Moderation gemacht hat zwischen den Filmen.“ Lukas bestätigt. Hm. Wieder Marionetten, wie bei „Thunderbirds“? Schepper wehrt ab: „Das war eine Handpuppe, bei Marionetten sitzt der Arsch oben.“

Für kommenden Sonntag war eigentlich eine Bombenentschärfung angesetzt, für die die Innenstadt weiträumig evakuiert werden sollte. Die Idee, die Zeit der lebensbedrohlichen Kampfmittelbeseitigung im Riptide zu verbringen, erwies sich als hinfällig, weil das ebenfalls in den Evakuierungsradius fiel. Drei Tage vor der Explosion jedoch blies die Stadt die Aktion wieder ab: Die Fliegerbombe in der Wolfenbütteler Straße hatte sich als Gussrohr entpuppt. Im Riptide kleben dennoch überall Zettel, dass am Sonntag dicht ist. Und dabei bleibt es auch, sagt André. „Wir haben die Arbeiten auch gar nicht eingeteilt“, erklärt Lukas. André muss schon los und kann gar nicht weiter mitfeiern: „Morgen ist ein Vegan-Fest hinterm Schloss, wir haben einen Stand und grillen.“ Zu Scheppers Freude: Er arbeitet dort – „ich komme dich besuchen“. Wegen der frühen Arbeit morgen muss auch Schepper los. Er freut sich vor allem auf den Abend: „Ich sehe Birthcontrol.“ Die Manfred-Birth-Kontrolle? Ist doch gar nicht nötig, der ist doch bald nicht mehr Bürgermeister von Gifhorn. Auf Schlagzeuger und Sänger Nossi freut sich Schepper besonders, „den Erfinder der Noisette-Schokolade“. Den habe ich mal in Wolfsburg interviewt, da hat er im Sommer mit Birthcontrol beim Jembker-Hof-Revival der DJs Olli und Hansi gespielt. Den Song „Gamma Ray“ kennt jeder, auch den Umstand, dass Hugo Egon Balder mal bei der Band dabei war, bis seine Eltern meinten, er solle etwas Vernünftiges machen. Weil mir das an Vorwissen nicht reichte, hatte ich ein bisschen recherchiert, bevor ich Nossi traf: Was musste man noch über Birthcontrol wissen? Wikipedia verriet, dass Bernd „Nossi“ Noske zwar am längsten von allen aktuellen Bandmitgliedern dabei, aber kein Gründungsmitglied ist. Den Hinweis fand Nossi dann aber gar nicht gut. Das Konzert indes war geil: mittendrin 25 Minuten „Gamma Ray“.

Und à propos Rockstars in Wolfsburg: Vorgestern habe ich die beiden Wingenfelder-Brüder von Fury In The Slaughterhouse getroffen. Sehr sympathisch, zugänglich, lustig und voll von Anekdoten. Zwei von deren aktuellen Bandmitgliedern spielen übrigens bei der Braunschweiger Band Moteko: Volker Rechin und Lutz Sauerbier. Eine Anekdote der Wingelfelders war, als sie mit Fury im Vorprogramm von a-ha in Wolfsburg die Volkswagenarena eröffneten, bei minus zehn Grad, „und auf einmal sprengt uns einer weg“, sagte Thorsten Wingenfelder. Durch die Erschütterung war die Pyrotechnik des Hauptacts losgegangen. Ein Musiker hatte sich die Haare angesengt, ein anderer nichts mehr sehen können, aber die Band hatte weitergespielt. Mit gutem Grund, wie Kai Wingenfelder lakonisch feststellte: „Wir mussten ja noch ‚Time To Wonder’ spielen.“ Nicht erzählt hingegen habe ich den beiden, dass wir früher, wenn Fury in Knesebeck gespielt haben, Anti-Fury-Partys im Exil in Bodenteich gefeiert haben. Eigentlich gar nicht so sehr wegen der Musik, sondern eher, um uns von dem Bohei abzugrenzen, denn natürlich pfiffen wir die Songs gerne mit. Ebenfalls nicht erzählt habe ich ihnen die Geschichte, wie ich mit einem Rudel Fury-Fans 1992 in Dortmund in der Westfalenhalle U2 sehen wollte. Vor den geschlossenen Toren hatte sich eine riesige Menschentraube angesammelt. Die Leute um mich herum meinten nun, inmitten der Menge den Sänger von Fury ausgemacht zu haben, und meinten außerdem, mich dazu bringen zu müssen, ihn zu fragen, ob er es sei. Ausgerechnet, ich war derjenige von uns, den das am wenigsten interessierte. Als sie noch überlegten, ob er’s war oder nicht, gingen die Tore auf und wir strömten in die Halle. Da stand ich nun plötzlich genau hinter dem vermeintlich prominenten Mann. Ich sprach ihn an: „Meine Freunde sagen, du siehst aus wie der Sänger von Fury – bist du’s?“ Er schüttelte den Kopf: „Nein.“ Ich sagte, dass ich mir das dachte. „Nein“, wiederholte er, „ich bin der Gitarrist, der Sänger ist mein Bruder.“

Und dann kommt der Bus, wie es irgendjemand ausdrückt. Der Film ist ganz offensichtlich zuende. Plötzlich füllt sich der Handelsweg, die Schlangen an der Riptide-Theke werden länger, Chris macht die Musik etwas lauter, überall ist Gespräch und Gelächter. Trotz der vielen Abschiede füllt sich unser Tisch wieder: mit Pott und Kathrin, mit Frank Schäfer und seinem Cousin Helge alias Monsieur le Supersexuel. Stefan zeigt Pott die Gemeinschaftsflyer von Sound On Screen und dem Kingking Shop, Helge hält seinen Flyer für die Dynamite-Release-Party am 23. September in der Gearbox daneben. Dem Theken-Team gelingt es, die Getränkewünsche trotz vermeintlich langer Schlangen schnell zu erfüllen. Mit Bieren in den Händen stehen die Gäste im Achteck und schwärmen von dem Film. „Gut, vor allem wegen der Musik – aber eine Schmonzette, das muss man schon so sagen“, meint etwa Frank.

Mein Getränk hat die Neige erreicht, ich schiebe mich an die Theke. Chris in seiner DJ-Ecke hüpft fröhlich zu den ansteckenden Soul-Takten. „Gänsehaut“, sagt er über den Film. „War geil, ich musste aber nach der Hälfte gehen – den Rest muss ich noch mal gucken.“ Nur den Rest hingegen hat Clemens gesehen, der zum ehrenamtlichen Filmfest-Team gehört. „Vorher hatte ich ein Gespräch“, erzählt er an der Theke. Zurzeit laufen nämlich die heißen Vorbereitungen für das Filmfest im November. „In der Reihe ‚Musik und Film’ geht es dieses Mal um elektronische Musik im Film“, sagt Clemens. Er lässt Namen fallen wie „Ohm Sweet Ohm 2.5“, „Insects“ aus Brüssel und „Fall On Your Sword, Captain Kirk is Climbing a mountain, why is he climbing a mountain?“, macht damit mächtig neugierig und verschwindet getränkebepackt in der Menge.

In der Menge treffe ich auf Beate, die Vertreterin vom Filmfest, die auch den Sound-On-Screen-Film „Soulboy“ organisiert hat. Was gar nicht so einfach und einer Reihe von Zufällen zu verdanken war, wie sie sagt. „Den Film gibt es in Deutschland im Kino wohl nicht mehr zu sehen“, stellt sie klar. Sie fand den Film gut. „Die Riptides wollten ihn“, sagt sie. Da machte sie sich auf die Suche: In England gibt es den bereits auf DVD, in Deutschland erst im Oktober, und fürs Kino hat sich kein Verleih gefunden. „Original ohne Untertitel wollten wir den nicht zeigen, der spielt in Nordengland“, sagt Beate. Und dann half ihr eine Zufallsentdeckung: Der Name des Regisseurs nämlich, Shimmy Marcus. „Da fiel mir ein, mit dem habe ich mich doch in Braunschweig schon mal unterhalten, vor fünf Jahren, da hat er für eine Krimikomödie überraschend den Publikumspreis Heinrich bekommen.“ Also setzte sie sich mit dem Mann in Kontakt und erhielt über den Produzenten eine Blue-Ray-Version des Films mit deutschen Untertiteln. Sie strahlt. Wir schwärmen vom Filmfest, von den vielen Erlebnissen, davon, dass manche sich Urlaub nehmen und sechs Tage lang in drei bis fünf Filmen täglich sitzen, und das bei der zumeist schweren Kost. Ich habe einmal beobachtet, wie in der Reihe vor mir jemand vor Filmstart Lunchbox und Thermoskanne auspackte. Nach Filmschluss treffen sich die Gäste mit ihren um den Hals hängenden Dauerkarten vor dem Kino und tauschen sich aus: „Was, du hast erst drei Filme gesehen heute?“ Beate freut sich mit mir auf den neuen Film von Lars von Trier, der bald im Universum läuft, und empfiehlt außerdem „The Guard“. Ich schwärme von tollen Filmfest-Beiträgen wie dem aberwitzigen, im fiktiven Groland spielenden „Louise-Michel“, „Niceland“ von Friðrik Þór Friðriksson sowie den ganzen vielen Filmen von Mike Leigh und Ken Loach. „Hast du ‚Sweet Sixteen’ gesehen?“, fragt Beate. Habe ich. „Der Hauptdarsteller, Martin Compston, spielt auch bei ‚Soulboy’ die Hauptrolle.“ Und in „Niceland“, wie das Internet verrät. Beate berichtet von einem Filmfest in Karlovy Vary, Karlsbad, in Tschechien, dem Kviff, „Karlovy Vary International Film Festival“. Hier in Braunschweig kann sie das Filmfest nicht so intensiv wahrnehmen, sagt sie, weil sie an der Organisation beteiligt ist, aber in Karlovy Vary gelingt ihr das, was sie von Braunschweigern hört: „Abtauchen.“


Matze Bosenick
www.krautnick.de

#40 Leih mir nen Fünfer

23. Februar 2011


Mittwoch, 23. Februar

Der strahlendblaue Himmel und die helle Sonne lassen den Eindruck entstehen, dass nach einem Vierteljahr endlich der Frühling an der Reihe ist, doch hält der Winter gleichzeitig mit einigen Minusgraden dagegen. Nach Draußensitzen sieht es lediglich aus; die Gäste zieht es ins Innere des Café Riptide. Zwei bunt bestückte Kinderwagen stehen zwischen Caféraum und Tonträgerbereich. Die Fahrgäste dieser Vehikel schwirren dazwischen umher. Sie können zwar laufen, aber noch keine Wörter sagen. Sie wetzen immer um den CD-Kasten herum, eines der Kinder hält dabei ein Buch in der Hand. Beide sind mächtig gut gelaunt und glucksen bei ihrer wilden Hatz. Mit den typischen Versteckspielblicken gucken sie mir dabei zu, wie ich das neue Intro aus dem Aufsteller vor der Theke nehme und mir bei Lukas eine Fritz-Kola ohne Zucker bestelle. „Das hat sich mittwochs so eingebürgert“, erklärt Lukas, während er mir das Getränk reicht, mit Blick auf die Kinder. „Das gefällt mir – ich bin nicht mehr allein in der Küche, irgendwer ist immer da.“ Das kann ich mir so lebhaft vorstellen, wie sich die Kinder verhalten. „Eigentlich sind sie zu dritt“, sagt Lukas. „Einer kommt vielleicht noch.“ Er zieht sich seine Jacke über und bringt ein Tablett mit Getränken in die Rip-Lounge.

Im Café ist es für mitten in der Woche und mitten am Tag reichlich gut gefüllt. Die fröhlichen Kinder gehören zu einer aufmerksamen Gruppe am Tisch neben dem Eingang. Nina, Eva und deren Begleiter haben immer Augen auf Tilda und Janno. Nina steht auf. Sie sieht Tilda am CD-Kasten und guckt sich rund um den Kasten nach Janno um, vergeblich zunächst: „Wo ist er denn – gibt es hier noch einen Ausgang?“, fragt sie. Dann entdeckt sie Janno zwischen den Barhockern an den CD-Spielern vor der Heizung stehend aus dem Fenster schauen, bestens versteckt. Beruhigt setzt sie sich wieder. Auch Tilda entdeckt Janno. „Da“, ruft sie strahlend und zeigt auf ihren Freund. Ihr eigenes Versteck findet sie zwischen den T-Shirts, die an einem Aufsteller hinter den CDs hängen.

Wer von draußen kommt, bringt den Anblick von Kälte mit ins Café. Chris etwa hat seine Kapuze tief ins Gesicht gezogen. Als er die Tür hinter sich schließt und die Kapuze abnimmt, sieht man, dass er mindestens so sehr strahlt die Janno und Tilda. Kaum hinter dem Tresen, nimmt er eine Kundenbestellung auf. Doch überlässt er diese Aufgabe anschließend Lukas und räumt stattdessen ein wenig im Laden auf. Während er Flyer auf die Flyertische zurücklegt, den T-Shirt-Ständer geraderückt und die Kiste mit den CDs Braunschweiger Bands durchguckt, listet er die nächsten drei Filme der Reihe „Sound On Screen“ auf. „Der Film im März mag vielleicht merkwürdig anmuten, ist aber bestimmt gut – ich habe ihn noch nicht gesehen“, sagt Chris: „‚Helden für die Hosen’ über Deutschlands härtesten und gefährlichsten Motorradclub.“ Der Club besorgt die Security und übernimmt alle möglichen weiteren Jobs bei den Hosen und den Beatsteaks. Die Rocker fungieren als Roadies, nicht Rowdies, wie es irgendwo im Internet zu lesen stand. „Ein Punkrock-Rocker-Film, eine Spielfilm-Doku“, sagt Chris. Der Film über die „Black Devils“ hat sogar Deutschlandpremiere im Universum-Filmtheater. Chris ist beim LP-Fach „F“ angekommen und fährt mit seiner Liste fort: „Der Film im April: 49 Prozent Motherfucker und 51 Prozent Son Of A Bitch.“ Davon hatte ich schon gehört: Ein Freund war bei der Rush-Vorführung, da kündigte schon jemand den „Lemmy“-Film an. Chris freut sich schon darauf. Und darüber, dass der Slogan mit den Prozenten auf dem Filmplakat steht, dass Ian Kilmister also selber so von sich spricht. Film Nummer drei: „Im Mai zeigen wir einen ganz besonderen Film, der ist schwierig vom künstlerischen Anspruch her.“ Der Film heißt „Utopia ltd.“ und lief jetzt bei der Berlinale. „Das ist ein Film über die Hamburger Punkband 1000 Robota.“ Chris meint, die Presse schwärme von dieser kunstvollen Doku: „Das wird richtig spannend.“ Er fischt die aktuelle LP von 1000 Robota aus dem entsprechenden Fach. Die Band ist jetzt beim Hamburger Label Buback, das zweien der Goldenen Zitronen gehört und das demnächst in Wolfsburg eine Ausstellung bekommt, im Kunstverein im Schloss nämlich. Als ich das im Musikexpress gelesen hatte, schaute ich gleich im Internet nach. Dabei entdeckte ich, dass Kunstvereins-Vorsitzender Justin Hoffmann Gründungsmitglied der Band FSK, Freiwillige Selbstkontrolle, ist – die seit einigen Jahren zwar ohne ihn auskommen muss, aber ebenfalls bei Buback unter Vertrag steht. In Wolfsburg gebe es einige interessante Kooperationspartner, sagt Chris, doch habe sich bislang noch kein Kontakt ergeben. Dafür habe er auch schon die übernächsten drei „Sound On Screen“-Filme im Kopf. Doch er dämpft meine Neugier: „Die sind noch nicht spruchreif.“ Eine geplante Sommerpause verzögert die Auflösung dieses Rätsels außerdem: „Die Filme kommen im Oktober, November und Dezember.“

Tilda und Janno, die eben noch um unsere Beine und die anderer Kunden herumstromerten, bekommen jetzt Mützen aufgesetzt und Jacken angezogen, Janno von Nina, Tilda von Eva. Beide Kinder sind etwa 18 Monate alt, berichtet Nina. Vom Riptide als Kinderspieloase schwärmt sie: „Das klappt hier super, es ist kinderfreundlich und die Kinder trinken ihren Milchschaum.“ Ich frage sie nach dem dritten Kind, von dem Lukas sprach. „Rosa kommt manchmal noch“, bestätigt Nina. Weder die Eltern noch die Kinder, die sich hier jeden Mittwoch treffen, sind verwandt, sagt Nina: „Wir kennen uns von Pekip.“ Das wiederum kenne ich nicht. „Das ist das Prager Eltern-Kind-Programm“, klärt Nina mich auf, während sie Janno in seinen Kinderwagen setzt und sich verabschiedet. Eltern und Kinder verlassen dick eingepackt das Café.

Ihnen kommen Gregor und André nacheinander entgegen. Gregor im Iron-Maiden-Shirt ist der neue Praktikant, klärt Chris mich auf. „Ein Stammkunde, wie üblich“, sagt Chris erfreut. Gregor gibt mehr Details: „Ich mache das während der Schulzeit, vier Wochen.“ Er mache Hauswirtschaft, da seien zwei Wochen Praktikum im Betrieb und anschließend zwei Wochen in der Schulküche die Regel. „Aber ich hatte dem Riptide schon für vier Wochen zugesagt“, sagt Gregor. „Ich bin der einzige, der vier Wochen im Betrieb ist.“

Am Tresen überkreuzen Benno und ich unsere Arme bei dem Versuch, unsere Getränke von der Theke zu nehmen. Benno guckt durch die LPs. Ich verspreche ihm, ihm seinen Kaffee warm zu halten. „Dann halte ich deine Cola kalt“, antwortet er und stöbert weiter in den LPs herum. Carsten, der voll bemützt und mit beschlagener Brille hereinkommt, bestellt sich bei Lukas einen Kaffee zum Mitnehmen. Er ist Mitglied der Session Lounge, von der Le’Band- und Cultur-Pub-Jogi immer schwärmt. Carsten spielt Gitarre, Bass und Schlagzeug, „hauptsächlich Schlagzeug, das ist mein Ding, ich unterrichte das auch an der Schule Fit in Music.“ Außerdem ist er Mitglied im Verein für Eigenkompositionen, Eiko. Der Verein hat an jedem letzten Freitag im Monat eine Show in der KaufBar, Schepper und Roland Kremer moderieren dann. Und Carsten spielt auch noch in einer Band namens Agapornis. Das Internet widerlegt den Gedanken, der Name habe etwas Pornöses: Agapornis sind Papageien. Auf Deutsch heißen sie Unzertrennliche, auf Englisch Lovebirds. „Wir machen Krautrock“, sagt Carsten, „aber unabsichtlich, wir hatten nicht die Technik, um modern zu sein.“ Jetzt suche die Band jemanden, der mastern kann. „Wir haben eine CD aufgenommen, die wollen wir verschenken“, sagt Carsten. Aber dafür müsse die Musik eben ordentlich gemastert sein. Lukas reicht Carsten den Kaffee herüber. „Ich wollte meinen Kaffee zum Mitnehmen“, rügt Carsten. „Ich kann ihn dir umschütten“, bietet Lukas grinsend an. Doch Carsten, der seinen Kaffee eigentlich am liebsten im Gehen trinkt, entscheidet sich zur Ausnahme. Den beigelegten Keks mag er allerdings nicht. „Ich schenke dir meinen Keks“, sagt er an mich gewandt und legt ihn auf Bennos Untertasse. „Ich stehe nicht so auf Weihnachtsgebäck.“ Meine Fritz-Kola steht weiter drüben auf der Theke, das kann Carsten nicht wissen. Ich grinse, als Benno sich über den Zuwachs an seiner Kaffeetasse wundert, und kläre beide auf. „Danke“, sagt Benno und reicht dann Lukas einen Stapel CDs: „Einmal reinhören.“ Lukas’ scherzhafte Ablehnung werde ich erst später verstehen. Carsten schwärmt von The Band Without Glantz aus Braunschweig, „fällt mir gerade so ein“. Wir freuen uns beide darüber, dass es in Braunschweig zurzeit wieder so viel Kultur gibt, nachdem für eine viel zu lange Weile Ruhe war. Ich terminiere den Beginn der Ruhe auf das Ende des FBZ. Da leuchten Carstens Augen, wir zählen Bands auf, die seitdem nicht mehr nach Braunschweig kommen, aber mal im FBZ gespielt haben: Einstürzende Neubauten, Yo La Tengo. „Bad Brains“, sagen wir gleichzeitig. Wenigstens Phillip Boa kommt im März wieder nach Braunschweig, sage ich, ins Meier nämlich. „Immerhin“, sagt Carsten. Er glaubt fest, dass diese schönen Zeiten wiederkommen werden. „Solche Bands wie NoMeansNo könnten im Nexus oder im Schweinebärmann auftreten“, meint er. NoMenasNo! „Die habe ich jedes Jahr gesehen, wenn sie in der Gegend waren“, sagt Carsten. Die Auftritte auf der Orangenen Bühne in Roskilde 1997 und im Forellenhof Salzgitter 2001 haben wir sogar beide gesehen. Carsten wohnt auf einem Dorf bei Liebenburg, sagt er, und sage seinen Nachbarn immerzu, sie sollen nach Braunschweig kommen, dort passiere wieder etwas. Er nickt. „Die könnten wieder nach Braunschweig kommen“, sagt er erneut über NoMeansNo. Ich spreche der guten Idee nur ungern die Wahrscheinlichkeit ab und fühle mich dabei unwohl. Carsten blockt das ab: „Lass uns träumen.“ Stimmt, das können wir tun. Die Tasse ist leer, Carsten setzt sich seine Mütze auf und verschwindet in die Kälte.

Chris sitzt im Büro, André packt neue LPs aus, unter anderem die Box von Mogwai, Gregor faltet Gutscheine, wenn er nicht Kunden bedient, was ihm Lukas noch abnimmt, obwohl der längst Feierabend hat. „Ich mach hier mein Privatvergnügen“, sagt Lukas zu André, der ihn ans Dienstende erinnert. Lukas unterhält sich noch mit Benno, seinem Kollegen, wie ich jetzt erfahre. „Seit einem Jahr arbeite ich hier“, sagt Benno. Lukas spricht vom „Dreamteam“ am Donnerstagabend ab 21 Uhr, Benno pflichtet ihm lachend bei. Bevor sie Lukas’ Feierabend mit einer gemeinsam eingenommenen Mahlzeit irgendwo in der Stadt einläuten, nimmt Lukas noch Steffis Gutscheinheft entgegen, das Butler’s-Bonus-Buch. „Das wusste ich bis eben auch nicht, dass wir da drin sind“, sagt Lukas und schneidet den Gutschein aus Steffis Heft heraus. „Im Flips-Heft seid ihr auch“, sagt Steffi. Aber mit etwas anderem als zwei Muffins zum Preis von einem. „Leckere Kirschmuffins“, freut sich Steffi, und Lukas korrigiert: „Die heißen Frühstücks-Muffins.“ Sie nimmt die Tüte mit den beiden Backwaren mit Vorfreude von ihm entgegen.

Im Eingang stehen erneut zwei Kinderwagen. Die dazugehörigen Kinder heißen Nenad und Mia-Mathilda, verrät Jennifer. Sie ist weder Mutter der Kinder noch verwandt, sondern Freundin, und weiß: „Nenad ist ein serbischer Name.“ Beide Kinder sind gerade ein Jahr alt und wie Tilda und Janno in der Lage, mit Spielzeug in der Hand herumzurennen. „Mittwochs ist Kindertag“, hat auch Jennifer beobachtet. „Die treffen sich immer hier.“ Sie selbst hat seit zwei Wochen einen enorm kurzen Weg ins Riptide: Sie ist Miteigentümerin des Ladens „Piou – Kunst & Grafik“ gegenüber, in den Räumen der ehemaligen Schneiderei. „Wir machen auch ganz viele Kindersachen“, sagt Jennifer. Die Eröffnung war zeitgleich mit der neuesten Ausstellungseröffnung in der Galerie „Einraum 5-7“ und im Riptide. Mit ihr führt Tanja den Laden. „Tanja macht Grafikdesign, Kinderklamotten, Anziehsachen mit selbstgezeichneten Motiven, Körnerkissen, Mobiles – und ich mache Accessoires für Große“, zählt Jennifer auf. Kommt der Name „Piou“ vom italienischen „più“, also „plus“ oder „mehr“? Jennifer lächelt: „‚Piou’ kommt aus unserer Fantasie.“

Lukas macht endgültig Feierabend, mit Benno geht er auf die Suche nach etwas Essbarem. Ich schaue kurz nach gegenüber zu „Piou“. Ich erinnere mich, dass mir Poetry-Slam-Organisator Pott alias Patrick Schmitz davon erzählt hat. Er plant selbst, einen Laden zu eröffnen, und zwar den „Kingking Shop“ in der Kastanienallee, und er hat vor, sein Netzwerk auszubauen und mit vergleichbaren Läden wie „Tatendrang Design“ oder eben „Piou“ zusammenzuarbeiten. Ich gehe danach noch in einen anderen Laden, der eng in diese Braunschweiger Kulturfamilie gehört: Raute Records. Gestern habe ich bei Uwe und Katrin die „Wild Frontier“ von Gary Moore als Doppel-LP mit den ganzen Maxi-Versionen als Bonus gesehen, die möchte ich gerne haben. Und wenn’s aus Pietätgründen ist. Aus denen kaufe ich aber nicht alles: Die LP von Peter Alexander lasse ich stehen.


Matze Bosenick
www.krautnick.de

#36 Zuhause

24. Oktober 2010


Samstag, 23. Oktober

Vor dem Gang ins Riptide steht dieses Mal leider nicht der Gang zu Raute, sondern der zur Bank. Weit komme ich nicht: Auf dem Kohlmarkt steht wie so oft der BIBS-Stand. Neben neuesten Infos aus Rathaus, Gerichtssaal und Querumer Forst nehme ich Ale und Matthias mit, die sich dort wie ich für diese Neuigkeiten interessieren. Zwischen der Bank und dem Riptide schließt sich uns Arni an, er teilt unser Ziel. Wir schlendern durch den Handelsweg. Serge hat seinen Laden geöffnet, bei ihm sitzen Gäste, im Achteck sitzen Gäste, die Grenzen verschwimmen angenehm. Wir gehen ins Café und drapieren uns auf dem Sofa, dem um die Mittagszeit einzigen freien Platz. Das ist gut, ich beobachte das schon eine ganze Weile: Das Riptide ist immer gut gefüllt, egal, wann ich da bin. Am Wochenende sowieso, aber auch in der Woche abends ist immer etwas los. So soll es sein. Auch an der Zahl der Mitarbeiter ist zu erkennen, dass der Laden brummt – hinter der Theke mache ich regelmäßig mir fremde Gesichter aus. Chris und André haben ein sicheres Gespür für freundliche und daher in den Laden passende Leute. Heute bekommt Chris Unterstützung von Bekannten: Lara und Lukas kümmern sich um die Belange der vielen Gäste, so auch um unsere. In beinahe formvollendeter Galanterie schwingt Lukas das runde Tablett, als er sich zwischen den Stühlen zu unserem Tisch durchschlängelt. Seine Stimme klingt etwas angeschlagen, als er fragt: „Habt ihr mir eine Stimme mitgebracht?“ Als Wähler hätten wir immer eine Stimme dabei, führe ich an. „Wie viele Kreuze sollen wir denn machen?“, fragt Arni. „Jeder nur ein Kreuz“, erinnere ich ihn. Lukas nickt: „Das ist mir auch immer zu viel, bei der Bundestagswahl 24 Kreuze machen zu müssen.“ Matthias merkt an: „Du sollst da ja auch nicht jeden Kreis ankreuzen.“ Nach meinem „nach der Wahl mache ich immer drei Kreuze“ beendet Lukas die Assoziationsrunde und fragt nach unserer Bestellung. Wir sind uns überraschend einig darin, auf Milchkaffee Appetit zu haben. Dafür ist und Lukas dankbar: „Das macht es einfacher.“ Er müsse sich nur die Zahl merken, nicke ich. „Nicht mal, ich muss mich nur umsehen und zählen, wie viele Leute am Tisch sitzen“, sagt Lukas. Ale schlägt vor: „Wir könnten auch Bewertungskärtchen mit der richtigen Zahl hochhalten.“ Wir lachen, Lukas geht zur Theke.

Eigentlich hat Matthias gar keine Zeit. „Ich müsste zu Hause etwas tun“, sagt er. Ich schlage ihm vor, einfach das Riptide als Zuhause aufzufassen, und Arni unterstützt mein Ansinnen. Mein Mobiltelefon macht mich mit piepsend darauf aufmerksam, dass ich eine Kurznachricht erhalten habe. Darin lässt mich Katharina wissen, dass sie nicht wie von mir vorgeschlagen ins Riptide komme, sie sei schon mit einer „süßen Frau“ verabredet. Derweil berichtet Arni, dass er mich zu Hause anzutreffen versucht habe, dort aber von Janna unterrichtet worden sei, dass ich im Riptide wäre und sie selbst sich im Giallo-Rosso mit Katharina träfe. Ah! Lukas bringt den Kaffee und überreicht die erste Tasse Ale. „Die Dame zuerst, hat mir meine Mama so beigebracht“, kommentiert er mit dem allerfreundlichsten Lächeln. Dafür loben wir ihn überschwänglich und knabbern hernach an unseren obschon vorweihnachtlichen, so doch ganzjährig gereichten Spekulatii. Ale entdeckt das „Lemmy-Frühstück“ auf der Frühstückskarte. Wir stellen fest, dass der Mann deshalb eine lebende Legende ist, weil er sich mit Whisky konserviert und eigentlich schon längst tot ist. „Ah, deswegen ‚lebende Legende’“, sagt Ale, „die meisten Legenden sind nämlich schon tot.“

Die eben erworbenen neuen Erkenntnisse über Braunschweigs eigenwillige Politik tauschen Matthias und Ale aus, Arni weiß etwas über die aktuellen Wolfsburger Skandale. Micha winkt von der Theke herüber, er ist wieder mit Flyern unterwegs. Mein Mobiltelefon klingelt. Maren fragt, ob Arni sich bei mir gemeldet hat. Ich gucke ihn an und frage, ob er sich bei mir gemeldet hat. Er verneint und wirft einen Blick auf sein nur selten eingeschaltetes Mobiltelefon. „Ha“, stellt er fest, „nur vier Anrufe verpasst!“ Maren weiß jetzt also, wo Arni steckt, und kündigt an, vorbeizukommen. Arni lässt sich darüber aus, wie unsinnig sein Mobiltelefon sei, wenn er es weder höre noch die Vibration wahrnehme, und Ale sagt, dass sie nicht mal eines besitzt. Matthias berichtet davon, dass er sich nur deshalb ein Mobiltelefon zugelegt hat, weil zwei konkurrierende Festnetzanbieter nicht in der Lage waren, bei ihm ein Festnetz einzurichten, und dass er jetzt einen Vertrag mit Homezone habe. „Ich bin jetzt hier zu Hause“, erklärt er. Arni nickt: „Haben wir dir doch gesagt.“

Zu uns setzt sich Maren, Lara nimmt ihre Bestellung entgegen: „Einen Milchkaffee und ein Fladenbrot.“ Maren berichtet von einer Geburtstagsfeier, zu der sie und Arni eingeladen seien, die jährlich vor Halloween stattfinde und die in der Regel unter einem Motto stünde. „Anti-Halloween“, gibt Maren einen Tipp, doch es ist weder Karneval noch St. Patrick’s Day oder Goodbyebern. „Prinzessinnen“, löst Maren auf. „Mit der ausdrücklichen Erlaubnis, dass Jungs auch als Prinzen gehen dürfen.“ Obwohl sich wohl einige männliche Gäste auch im Prinzessinnenkostüm angekündigt hätten, einer gar in einem aufblasbaren. Arni lässt sich nicht dazu überreden, es ihnen gleichzutun. Ihm schwebt eher das Kostüm als „Prince Of Darkness“ vor.

Am frühen Nachmittag sind viele Kinder im Café, die Gäste um uns herum unterhalten sich angeregt. Ein Gast eilt mit strahlenden Augen und einer hoch erhobenen LP aus dem Plattenladen-Bereich des Cafés zurück an seinen Platz, um seiner Begleiterin glücklich seinen Fund zu zeigen. Gegenüber in der Rip-Lounge hört man das Würfelklappern zweier Backgammonspieler im Pfeifenrauch, wenn man die Lounge zu bestimmten Zwecken durchschreitet. An unserem Tisch drehen sich die Themen um wissenschaftliche Studien und Schönheit. Matthias kennt einige ältere Studien aus England und nimmt sie mit ansteckender Freude auseinander. „Abweichung ist Schönheit“, fasst er die revidierte Fassung einer Studie mit zuvor genau gegenteiligem Ergebnis zusammen. „Alles Leben endet“, versuche ich eine Umformulierung, doch Ale widerspricht: „Lemmys nicht.“

Zwischendurch kommt André ins Café, obwohl er heute eigentlich frei hat. Er bringt einige Einkäufe und ist auch bald wieder verschwunden. Auch Matthias bricht jetzt auf, Ale schließt sich ihm an. Arni richtet seine Aufmerksamkeit auf die Kisten mit Second-Hand-Vinyl, Maren genießt ihr Fladenbrot. Mit der „Moments In Love“-12“ von The Art Of Noise kehrt Arni zurück. „Komisch, der einzige Hit, den sie hatten, und der fehlt mir noch“, stellt er fest. Auch Maren und er wollen aufbrechen, Maren fischt ihre Riptide-Kaffee-Stempelkarte aus der Tasche. „Oh, heute ist die Karte voll, wir bekommen einen Kaffee umsonst“, bemerkt sie. „Dann haben wir die Platte fast raus“, sagt Arni, „zumindest die A-Seite.“

Ihren Platz auf dem Sofa nimmt Micha ein. „Ich muss eigentlich weiter“, sagt er und kramt die Flyer vom Universum und von der „Sound On Screen“-Reihe hervor, die das Universum gemeinsam mit dem Riptide veranstaltet. Micha beklagt, dass „The Road“ noch nicht in Braunschweig läuft. „Ich mag postapokalyptische Filme“, sagt er. Viggo Mortensen spielt mit, Regie führte John Hillcoat. Von dessen Kumpel Nick Cave stammt der Soundtrack, das macht den Film für mich reizvoll. Ich beklage, dass „Exit Through The Giftshop“, der Film von, mit oder über Banksy – niemand weiß es so genau –, nicht in Braunschweig läuft. Beide freuen wir uns schon auf das Filmfest im November. Die Wichmannhalle ist erstmals einer der Austragungsorte, entnehme ich Michas Flyer. „Der Komponist vom Wong Kar-wai kommt“, weiß Micha. Er liebt dessen „In The Mood For Love“. „Und Stellan Skarsgård bekommt den Heinrich.“ Die Abschlussparty des Filmfests soll im Riptide steigen, berichtet Micha. Uns gefällt die Kooperation vom Universum mit dem Riptide, so etwas Mutiges wie die „Sound On Screen“-Reihe war längst überfällig in Braunschweig. Der dritte Teil der Reihe steht an: Im Anschluss an den Black-Metal-Film „Until The Light Takes Us“ am 3. November im Universum zeigen die Ex-Salem’s-Law-Musiker Frank Schäfer und Volker Wartusch im Riptide Metal-Musikvideos. Klingt lustig.

Überhaupt ist es toll, wie in Braunschweig zurzeit Kulturkooperationen möglich sind. In die Räume des ehemaligen Online-Sportportals „Gandula“ gegenüber ist mittlerweile eine Galerie eingezogen, „einRaum 5-7“ heißt die und bündelt die Werke vierer Künstler. Am 1. Oktober eröffnete der „einRaum“, gleichzeitig nutzte das Riptide die Gelegenheit dazu, seine eigene Ausstellungsfläche frisch renoviert zu präsentieren – und eine Kooperation mit der Galerie einzugehen. Die Ausstellung „Kein Plan?“ ist nämlich auch im Riptide zu sehen. Die Mischung funktioniert, das zeigt auch der Eröffnungsabend, an dem es im Handelsweg rappelvoll war. Beim Thema Kunst schwärmt Micha vom Museum für Fotografie, das in der Hamburger Straße 267 eine neue Zweigstelle hat, das „Raumlabor“. „Versteckt hinter McDonald’s“, sagt Micha. Für die dort laufende HBK-Ausstellung „Shoot!“ hat Micha Plakate verteilt und sich die Ausstellung auch gleich angesehen. Die Fotos dort sind auf Jahrmärkten entstanden, beim Schießen, so Micha: „Haben die Schützen gut geschossen, wurden sie fotografiert.“ „Shoot!“ zeige einige Jahrzehnte dieser Kunstform, „das ist eine tolle Ausstellung.“ Beim Betreten komme man in einen „Darkroom“ mit „aus Hollywoodfilmen zusammengeschnittenen Schusswechseln“, sagt Micha. „Das ist sehr laut.“ Am Ende hätte jeder Besucher die Chance, für zwei Euro drei Schuss abzugeben und seinerseits bei gutem Gelingen fotografiert zu werden. „Die Fotos sollen auf der Homepage gezeigt werden“, sagt Micha. „André hat auch mitgemacht, der müsste da zu sehen sein.“ Der Besonderheiten nicht genug: „Eine Lady ist dabei, die schießt seit 1936, das neueste Foto ist von 2008, darunter steht ‚sie schießt heute noch’, die ist über 90 und war bei der Vernissage dabei.“ Auf den Fotos sähe man ihren Alterungsprozess, sagt Micha. „Eine coole Ausstellung.“

Der Nachmittag schreitet voran. Viele Mittagsgäste haben den Platz für die Kaffeegäste freigemacht. Zu denen gehören Nina und Andreas, die sich zu uns an den Tisch setzen. Sie sind freudig überrascht, weil sich nicht damit gerechnet haben, auf Bekannte zu treffen. Im Riptide! Nina bestellt einen Bagel, Andreas probiert die vegetarische Currywurst. Micha will jetzt doch weiter, da trifft er in der Tür auf Janna, die sich nach der gleichzeitigen Begrüßung und Verabschiedung von Micha zu uns gesellt. Bei Lukas bestellt sie einen Chai. „Chai Latte oder Chai Tee?“, hakt er nach. „Einen normalen Chai Tee“, sagt Janna. „Ich war grad im Giallo-Rosso“, erzählt sie. „Die haben da jetzt eine große Schokoladenkarte liegen.“ Sie zählt einige Sorten auf und bringt Nina damit in Verzückung. Janna habe sich nicht vorstellen können, was sie erwartete, wenn sie davon etwas bestellte, und das Ergebnis habe sie überrascht: „Wie ein Schokoladenpudding, richtig mit Haut drauf und dickflüssig.“ Nina kennt sowas: „Sowas kenne ich.“ Sie erzählt von der Freundin einer Freundin, die nach Braunschweig ziehen wolle und eine Waschmaschine brauche. Nina habe ihr ihre Telefonnummer gegeben. Der Anruf sei beim Essen gekommen: „‚Ich bin grad in der Vielharmonie’, sagte ich ihr, und sie fragte: ‚Ach, hast du grad Pause?’“, erzählt Nina. „Ich hab nicht geschaltet, dass sie gar nicht wissen konnte, wovon ich sprach.“ Nina beißt in ihren Mozzarella-Bagel, Janna nimmt den Beutel aus ihrer Teetasse und Andreas genießt die Currywurst. „Ich kann mich jetzt bei Wurstscout registrieren“, sagt er zufrieden. Der Wurstscout sei eine Internetseite, auf der man Currywürste bewerten könne. „Meine Kollegen testen Currywürste, ich bin der Vegetarier – jetzt kann ich endlich Flagge zeigen.“ Auf einer Deutschlandkarte könne man sehen, wo die Kollegen überall Currywürste testeten, entlang Autobahnen an Raststätten etwa. Janna berichtet vom letzten Ausflug in Ruhrgebiet, nach Essen, vom Besuch im dortigen Unperfekthaus und der eindrucksvollen Begegnung mit einem Neunzehnjährigen, der ungewöhnlich reife Ansichten hatte. Nina versteht: „Unser aktueller Zivi ist immer mein Kontakt zur Jugend.“

Der Nachmittag wird zum Vorabend, wir beschließen zu gehen und wenden uns an Lara und Lukas hinter der Theke, unsere Rechnung zu begleichen. Chris ist in der Küche zugange. Für uns ist es seltsam, unser Zuhause zu verlassen, um nach Hause zu gehen. Ein Dilemma. Wir werden es nicht lösen. Aber vielleicht mal eine englische Studie darüber anfertigen lassen.


Matze Bosenick
www.krautnick.de

#35 Geräusche auf der Leinwand

9. September 2010


Donnerstag, 9. September

Wie üblich habe ich heute die Raute-Riptide-Route im Programm. Zur Begrüßung gab’s von Uwe und Katrin bei Raute Records einen Kaffee, außerdem präsentierten sie mir viele tolle LPs und 12“es, die sie neu ins Lager bekommen haben. Meine Freude, die Salem’s-Law-LP hier erstanden zu haben, ist nachhaltig, und Uwe schlägt vor: „Lass sie dir doch signieren, kann im Wert ja nur steigen.“ Als ich gehen will, gibt Uwe mir wissend einen „schönen Gruß an die Kollegen vom Riptide“ mit. Er kennt meinen Weg.

Schmuddelig ist der Tag, grau, gelegentlich regnerisch, nicht so kalt, wie er aussieht, aber dennoch ungemütlich. Ganz anders das Achteck vorm Riptide: Die riesigen Sonnenschirme dienen den Gästen in Ermangelung von Sonne einfach zweckentfremdet zum Trockenbleiben, über den Stühlen hängen kuschelige Decken. Es gibt tatsächlich Gäste, die bei dieser Witterung draußen sitzen. Und es werden zusehends mehr. Drinnen ist Chris zurzeit noch allein. Eben bedient er ein Paar souverän auf Englisch, berät einen anderen Kunden in Sachen wiederveröffentlichter, dennoch rarer Musik und bereitet anschließend Getränke und Speisen vor. Immer mehr Gäste kommen, aber auch Hilfe: Jasmin gesellt sich Chris zur Seite. Erstaunlich ist, dass der Ansturm zwar groß, aber still ist. Ein Café, dass so gefüllt ist wie eben das Riptide, ist aus Erfahrung eigentlich deutlich lauter. Das ist sehr angenehm gerade.

Viele tolle LPs stehen auf den Simsen über den LP-Fächern, darunter sind neue Alben von Wir sind Helden, Grinderman und Gogol Bordello, aber auch Rereleases wie „Neon Golden“ von The Notwist oder „Danse Macabre“ von The Faint. In den Fächern finde ich die „Dark Side Of The Moon“-LP von den Flaming Lips. Das Album hat die Band vor einiger Zeit erst als Download veröffentlicht. Eine kuriose Mischung findet sich darauf, denn als Gäste sind Peaches und Herny Rollins dabei. Damals schon war mir klar, dass die Flaming Lips das Ding nicht ohne handfesten Datenträger bleiben lassen würden. Jetzt gibt’s eben die CD oder die durchsichtig hellgrüne LP mit Bonus-CD. So ähnlich wie bei „Dark Night Of The Soul“, der rätselhaften Kollaboration von Danger Mouse und Sparklehorse mit David Lynch und allerlei prominenten Gästen. Die sollte es als Bonus zu einem Buch geben, dann gab’s rechtliche Sperenzchen, ein Veröffentlichungsverbot und als Protest einen Rohling zum Buch. Im Internet konnte man sich das Album herunterladen, wenn man Quellen kannte, oder man hatte das Glück, bei eBay eine der raren Promo-LPs zu ersteigern. Seit aber Sparklehorses Mark Linkous tot ist, ergaben sich offenbar doch noch Möglichkeiten, rechtliche Scherereien zu umgehen, und siehe da: Das Album ist für Jedermann erhältlich. Wie auch „Dark Side Of The Moon“, eine LP, an der mich die Interpreten deutlich mehr interessieren als das Original, da bin ich Banause: Von Pink Floyd habe ich lediglich eine Best-Of. Dabei könnte mir „Meddle“ gefallen, vor allem „One Of These Days“ ist ein enorm gutes Stück. Davon können Depeche Mode ein Lied singen, „Clean“ nämlich.

Die Flaming-Lips-LP lege ich auf den Tresen, neben die Flyer zu „Sound On Screen“ – einer Veranstaltung, die man als Universum-Kinogänger und Riptide-Aficionado immer auf der Wunschliste, aber nicht für so schnell möglich gehalten hätte: Im Universum zeigen sie einmal im Monat einen Musikfilm, zu dem es anschließend im Riptide eine passende Veranstaltung gibt, sei es eine Party, eine Lesung oder was Chris und André eben sonst noch so einfällt. Was für eine großartige Lösung für ein an sich unnützes Problem, denn Chris und André hatten schon lange die Idee, im Riptide Filmabende zu veranstalten, wussten aber um die rechtlichen Schwierigkeiten eines solchen Unterfangens. Dann verlegt man den Film eben ganz einfach an einen Veranstaltungsort, wo es ohnehin Filme zu sehen gibt und mit dem man sich als Dreingabe größtenteils das Publikum teilt. Und dann sind es kaum 200 Meter, die man zu überbrücken hat, wenn man die Termine wahrnimmt. Den Auftakt gibt es am 18. September, dummerweise parallel zum siebten Silver Club. Zu sehen gibt es den neuen The-Doors-Film „When You’re Strange“ und im Anschluss eine „Sound On Screen“-Eröffnungsparty. Am 7. Oktober läuft „Rocksteady – The Roots Of Reggae“ mit einer musikalisch passenden Party im Riptide. Der dritte Film läuft am 3. November, heißt „Until The Light Takes Us“, ist eine Dokumentation und behandelt den norwegischen Black Metal. Angedacht war für den Anschluss eine Lesung mit Frank Schäfer und seinem Schwager Helge Huhstedt, doch sagte mir Frank bei der „Read ’em All“-Show zur Braunschweiger Kulturnacht, dass statt Helges jemand anders läse – bloß wer? Chris weiß es natürlich: „Volker, der hat mit Frank zusammen bei Salem’s Law gespielt, das ist authentischer als Helge – der hat den Posten gerne abgetreten, als er davon gehört hat.“ Ach, richtig! Das wäre eine gute Gelegenheit, mir die LP signieren zu lassen. Kui ist dann bestimmt auch wieder im Publikum, der spielt jetzt bei Carbid! und war auch bei Salem’s Law dabei. Vielleicht wird es dann ja doch noch einmal etwas mit der Reunion, die sich auch 20 Jahre später noch so viele Fans wünschen.

Bei der Kulturnacht war das Riptide herrlich voll. Die Nacht war aber ohnehin super, eine tolle Einrichtung, eine tolle Idee. Für fünf Euro bekam man einen Pin, mit dem man an 90 Veranstaltungsorten unendlich viele Kulturschaffende unterschiedlichster Tiefe beim Kulturschaffen beobachten konnte. Das Programm war so reichhaltig, dass eine Kulturnacht allein dafür eigentlich gar nicht ausreichte. Wie bei jedem Festival hatte man nun die Wahl: Entweder so viel wie möglich sehen, aber nichts erleben, oder sich auf Weniges beschränken und dort dann abtauchen. Ich startete meine Nacht am Gemeinschaftsatelier von Tatendrang-Design, dort gaben die Impro-Stars von „Jetzt und Hier“ eine köstliche Kostprobe davon, was Impro-Theater so ist. Der Spaß auf Seiten des Publikums war so groß wie der Einfallsreichtum des Ensembles. Mein zweiter Punkt auf der Zwei-Punkte-Liste meines Abendprogramms wäre zwei Stunden später „Read ’em All“ gewesen. Also machte ich mich auf den Weg in die Wichmannhalle, um Lord Schadt zu sagen, dass ich wegen des Parallelprogramms nicht an seiner Lesung teilhaben konnte. Das war eine gute Idee: Zum einen kam ich großzügig verumwegt am Lichtparcours vorbei, zum anderen war der Schritt in die Wichmannhalle wie eine Heimkehr. Überall saßen Mitglieder vom Silver Club. Der letzte Silver Club fand nämlich in genau der Halle statt; jetzt dort zu sein und die vertrauten Gesichter wiederzusehen, das weckte das wohlige Gefühl von Zuhausesein in mir. Le’Band spielten gerade. Aus meinem kurzen Absagen wurde dann doch eine ganze Weile, die ich in der Halle verbrachte. Lord Schadts Lesung bekam ich leider trotzdem nicht mit, weil ich irgendwann am „Spawn“-Objekt des Lichtparcours’ vorbei ins Riptide wanderte. Dort wartete schon Skapino auf mich, um mir die Flyer für den nächsten Silver Club am 18. September in die Hand zu drücken. Nicht nur er wartete: Schepper wollte sich ebenfalls die drei Drachenschlachter Frank Schäfer, Till Burgwächter und Axel Klingenberg alias „Read ’em All“ anhören. Der Raum war voll, André, Dennis und Sina hatten alle Hände voll zu tun. Die Lesung war wieder fabelhaft. Das macht jedes Mal so einen riesigen Spaß, dass ich mir auch die Geschichten immer wieder gerne anhöre, die ich schon in- und auswendig kenne. Wie Franks Wacken-Episode mit dem Fleischkonsum, in der Sätze vorkommen wie „Die Gitarren hingen tief, das Niveau auch und die Wolken sowieso“. Man merkte aber schon, dass das Publikum nicht ausschließlich aus Leuten bestand, die wussten, was sie erwartete. Eine Zuhörerin etwa ließ sich von Tills selbstironischen Betrachtungen provozieren, der da erzählte, wie schwer es für einen Metaller sei, eine Freundin zu finden, und bei der Selbst-Betrachtung kein einziges gutes an seinen üppigen Haaren ließ. Doch als er sagte, dass weibliche Eintracht-Fans im Fan-Schal wie eine Mischung aus Pferd und Stallknecht aussähen, rief besagte Zuhörerin lauthals „Buuuuuuh!“, woraufhin Till ergänzte: „…und klingen auch so.“ Das Gelächter konnte größer kaum sein, und Till entschuldigte sich mit „Sorry, das war ein Elfmeter, den musste ich reinmachen.“ Axel gab Auszüge aus dem „Read ’em All“-Tourtagebuch zum Besten und kündigte abschließend die nächste Bumsdorfer Auslese in der Kaufbar am 11. September sowie die nächste „Read ’em All“-Lesung im Riptide im Dezember an. Die Lesung war nun zwar zuende, die Kulturnacht aber noch nicht. Da aber Chris jetzt lustige Musik auflegte, das Bier schmeckte und die tollen Menschen ohnehin umeinander saßen, blieben wir auch gleich da. Schepper, der regelmäßig in der Kaufbar Bass spielt oder mit Roland Kremer die Eiko-Shows moderiert, unterhielt sich mit Eva, die nach einer Weile meinte, „so, jetzt muss ich aber rüber“. Fragezeichen? Schepper erklärte uns, sie habe einen Auftritt in der „Komödie am Altstadtmarkt“ um die Ecke. Katharina holte den Faltplan aus der Tasche, wir blätterten, und ja, da stand „Eva“. Eben noch in unserer Bierrunde, jetzt schon auf der Showbühne. Das mag ich am Braunschweiger Kulturleben: Es gibt kein „Wir hier oben, ihr da unten“. Alles passiert auf einer Ebene, und: Jeder kann mitmachen.

Das kleine „Putzige“, das Iris letztens erst in der Vitrine entdeckte, weckt heute auch meine Aufmerksamkeit. Leider sind die trichterförmigen Teile vom letzten Mal nicht da, dafür aber ebenso putzige Donuts mit Schoko-Überzug. „Ständig wechselnde kleine Köstlichkeiten“, steht auf dem Schild. Aufgelistet sind darunter Mini-Donuts, Blätterteig-Vanille-Törtchen und Schokoladen-Croissants. Ich lasse mir von Chris mit der Zange einen Donut auf die Hand geben und bestelle einen Milchkaffee dazu. Einen solchen kredenzte mir kürzlich eine Kollegin namens Nele. „Die ist neu hier“, bestätigt Chris meinen Verdacht.

Die beiden Gäste, die Chris vorhin noch auf Englisch bediente, kommen an die Theke. Marilia kommt aus Thessaloniki und freut sich, als mir dazu als erstes die Europäische Kulturhauptstadt 1997 einfällt. Ihr Freund Robert kommt aus New York. Beide wohnen in Texas und sind als Wissenschaftler in Deutschland unterwegs. „Wir kommen gerade aus Berlin und müssen da auch wieder hin“, sagt Marilia. Im Vergleich gefalle ihnen Braunschweig besser als die Bundeshauptstadt. „Braunschweig ist überschaubarer, man muss hier nicht mit dem Auto fahren wie in Texas, man kann hier auch zu Fuß gehen wie in New York“, sagt sie. Sie seien hier an der TU bei einem Projekt, das in sechsjährigen Zyklen verlaufe. „In sechs Jahren sind wir also wieder hier“, lacht Marilia. Auf das Riptide seien sie über ein Internet-Protal aufmerksam geworden, das vegetarische Lokale auflistet. „Da gab es noch ein zweites in Braunschweig, aber unter der Adresse haben wir nichts gefunden“, sagt Marilia. „Wer weiß, wie alt der Eintrag ist, das kann es schon zehn Jahre nicht mehr geben.“ Aber so freue sie sich, im Riptide gelandet zu sein, und lobt die Mischung aus Plattenladen und Café.

Robert sei gerade dabei, Griechisch zu lernen. „Eigentlich will er lieber Spanisch lernen, aber ich sage: erst Griechisch – spätestens dann, wenn Kinder da sind.“ Sie schwärmt von bilingualer Erziehung und den Vorteilen, die sie habe. Marilia habe einst auch Deutsch gelernt, aber mit dem Sprechen habe sie es nicht mehr so. „Ich kann es lesen und verstehe viel, aber mehr auch nicht“, sagt sie. Besonders die Aussprache bereite ihr Schwierigkeiten. „Im Griechischen spricht man alles genau so aus, wie man es liest“, sagt sie. „Aber in Englisch oder Deutsch ist das nicht so, zum Beispiel das Wort ‚neue’ – ich lese das und sehe die Buchstaben, aber woher soll ich wissen, dass man das ‚noie’ ausspricht?“ Von meiner Griechenlandreise kenne ich noch die Wörter „parakalo“ und „efcharisto“ für „bitte“ und „danke“ sowie diverse Tagesgrüße. Ich frage sie, ob sie Asterix kennt, und sie bestätigt: „Eine meiner Lieblings-Comicserien.“

Griechenland habe ich nämlich genau so erlebt, wie es im Asterix dargestellt wird: Kennst du einen, vermittelt der dich an seinen Schwager weiter, wenn du Hilfe brauchst. Wir waren auf dem Peloponnes, in Charokopio, einem Dorf bei Koroni. Unser Unterkunft-Vermieter holte uns mit seinem Sohn in seinem klapprigen Fiat von der Bushaltestelle ab, wo uns der Bus ausspie. Der Fahrer sprach nur Griechisch, als Übersetzer war der 13jährige Sohn dabei. Während er uns durch Charokopio in Richtung unseres Appartements schaukelte, wies er auf eine Taverne und ließ seinen Sohn in den höchsten Tönen davon schwärmen. Wie Recht er hatte, erfuhren wir, als wir seiner Empfehlung Folge leisteten. Wir setzten uns an einen Tisch und warteten. Der Wirt kam und fragte etwas auf Griechisch. Wir wiesen ihn auf Englisch darauf hin, dass wir ihn nicht verstanden, und er fragte auf Deutsch: „Essen?“ Es war uns unangenehm, dass er uns dann in unserer Sprache bedienen musste, aber wir bejahten. „Was?“ Das wussten wir nicht, was gab’s denn, gab es eine Karte? Er schüttelte den Kopf und sagte: „Kommt mit.“ Er führte uns in die Küche. Dort hob er jeden Deckel und öffnete jede Klappe, während er wortreich und auf Griechisch kommentierte, was dort gerade schmackhaft duftend garte. Wir waren etwas baff und zeigten auf einige Gefäße, von denen wir meinten, sie enthielten etwas, auf das wir Appetit hatten; eine genauere Auswahl waren wir nicht zu treffen in der Lage, denn alles sah gut aus. Die Frau des Wirts stand mit Block und Stift bereit und notierte alles, worauf unsere Finger deuteten. Dann setzten wir uns wieder und warteten mit großen Augen auf das, was da kommen sollte. Und es kam viel, der Tisch bog sich vor Leckereien. Und fast gar nichts war so, wie wir es unter dem gleichen Namen aus Deutschland kannten: Souflaki, Suzuki, Bifteki, alles schmeckte tausendmal leichter und besser. Dazu gab es Speisen, die wir überhaupt nicht kannten, wie die länglichen Paprikaschoten, in die Käse und Schinken zusammengerollt hineingeschoben waren, das Ganze mit Brot verkorkt und gebacken, oder die hauchdünnen Kartoffelscheiben, in Öl gebadet und mit Käse überschneit. Unsere Bäuche kugelten sich, zum Nachtisch gab’s dann frisches Obst – Trauben, Feigen, was auch immer – aus dem Garten des Wirts, gratis obendrauf. Jedenfalls kannte uns der Wirt also nun. Um nun mit dem Bus nach Koroni zu kommen, musste man wissen, wann der fährt. Und wo er hielt. Das erfuhren wir von einem Passanten in Charokopio: „Stellt euch in die Gerade zwischen den beiden Kurven, dort an der Bar, und wenn der Bus kommt, hebt den Arm.“ Am gewiesenen Platz standen schon weitere Passanten, wir stellten uns dazu, der Bus kam, eine Mitwartetende hob den Arm, der Bus hielt, wir stiegen zu und fuhren nach Koroni. Dort angekommen, suchten wir einen Fahrplan. Es gab keine Touristeninfo, also versuchten wir es bei der Post, wo man uns dann jedoch zum Kiosk weitervermittelte. Der uralte Mann im Kiosk verstand unser Englisch kaum, begriff aber in Zeichensprache, dass wir einen Busfahrplan suchten. Der Kiosk war bis unter die Decke und mehrreihig mit Zeitschriften vollgestapelt. Da musste es doch einen Busfahrplan geben. Der Mann nickte. Zu unserer Überraschung jedoch gab er uns keinen, sondern riss von einem Zettel ein Stückchen ab und kritzelte mit dem Kuli einige Zahlen darauf. Es dauerte eine Weile, bis wir verstanden, dass dies tatsächlich die Antwort auf unsere Frage war: Die Zahlen waren gleichzeitig die An- und Abfahrtszeiten für Koroni, einer Endstation. Mit diesem Wissen stellten wir uns am Folgetag in Charokopio zur nachgerechneten Uhrzeit an die Straße. Zu unserem besseren Überblick jedoch nicht an den Platz, an dem wir am Vortag standen, sondern so, dass wir den Bus in der Geraden einrauschen sehen konnten. Und wir sahen ihn gut, als er kam, der Fahrer sah auch uns, ich hob den Arm, er grüßte freundlich zurück und rauschte vorbei. Wir stutzten nicht undämlich. Wer uns so stutzen sah, war der Tavernenwirt. Er erklärte uns: „Wenn ihr mit dem Bus fahren wollt, müsst ihr euch dort hinstellen.“ Er wies auf die Stelle vom Vortag. „Ihr habt aber dort gestanden.“ Er wies drei Meter weiter. „Wenn ihr da steht, hält der Bus nicht, weil er nicht weiß, dass ihr mitfahren wollt – wo wollt ihr denn hin, nach Koroni?“ Wir bejahten. In diesem Moment hielt ein Taxi neben uns. „Ah, den kenne ich, das ist ein Freund von mir“, meinte der Wirt und sprach auf Griechisch und auf uns zeigend mit dem Fahrer. Der Mann willigte ein, uns zu fahren, und das zu einem nur unwesentlich über dem Bustarif liegenden Kurs. Gut. Wenige Tage später befanden wir uns in einer ähnlichen Situation, dieses Mal jedoch kam der Bus ganz einfach gar nicht. Dafür aber der uns inzwischen bekannte Taxifahrer. Der Kurs blieb gleich, das Ziel auch. „Wir wollen uns einen Mietwagen leihen“, sagte ich ihm während der Fahrt. „Gute Idee, habt ihr einen gebucht?“ Wir verneinten. „Das ist schlecht, es ist Hauptsaison, da werdet ihr keinen mehr bekommen.“ Ich sagte: „Aber fragen kann man doch, oder?“ Und er bestätigte: „Jaja, fragen kann man.“ Also sollte er uns beim Autoverleiher herauslassen. Das tat er, steuerte in Koroni auf den Hof einer Mietwagenfirma und erblickte dort den Mann, der aus dem dazugehörigen Verwaltungsraum kam. „Ah, den kenne ich, das ist ein Freund von mir“, sagte uns der Taxifahrer, kurbelte das Fenster herunter und sprach mit dem Mann auf Griechisch. Dann verabschiedete er sich von uns, wir zahlten, dankten und gingen. Der Autoverleiher begrüßte uns mit offenen Armen und fragte rhetorisch: „So, ihr sucht einen Mietwagen? Heute Nachmittag kommt wieder einer zurück.“ Er führte uns zu seiner Frau ins Verwaltungshäuschen, klärte die Formalitäten, hab uns einen guten Wagen zu einem guten Kurs und riet uns zum Abschied: „Wenn ihr tanken müsst, nehmt die Tankstelle dort vorne, die gehört einem Schwager von mir.“ Und so weiter.

„Die Menschen in Griechenland sind nicht mehr ganz so freundlich“, bedauert Marilia jedoch. „Wie überall in Europa übernehmen die Leute nur das Schlechte aus den USA“, fügt sie mit frechem Seitenblick auf Robert hinzu. Eine Frage haben die beiden an Chris: „Warum heißt das Café ‚Riptide’?“ Chris zählt die drei Gründe auf: Die Liebe zur Mutter Erde und ihren Kräften, die Liebe zum Schwimmen und Surfen sowie die Liebe zu „Trio mit vier Fäusten“, der Fernsehserie, die im Original „Riptide“ heißt und die Robert und Marilia erstaunlicherweise nicht kennen. Marilia hat aber auch eine Erklärung: „Der Laden ist die Kraft, die die Leute wegzieht vom Mainstream.“ Das gefällt Chris: „Toll, eine wissenschaftliche Erklärung.“ Robert und Marilia verabschieden sich überschwänglich und versprechen, in spätestens sechs Jahren wiederzukommen.

Ihren Platz nimmt Arne ein. Er sucht das neue Album von Parkway Drive auf LP, doch Chris muss ihn enttäuschen: „Die wird es hier auf Vinyl nicht geben.“ Er erklärt, dass nur 1000 Stück davon gepresst wurden, dass davon die Hälfte nach Europa ging und der Rest beim Label-Shop wegging. Von den Europa-Pressungen seien 200 kaputt gewesen und weggeschmissen worden, „bleiben 300 für Europa – das ist ärgerlich, es wurden keine ausgeliefert an uns, und ich muss es dem enttäuschten Endverbraucher erklären.“ Arne würde sich dann wenigstens die CD anhören wollen, „ich habe bislang nur davon gelesen, mit Slayerriffs und weg von dem alten Metalcore.“ Doch die CD sei gerade gestern verkauft, sagt Chris. „Ich bestelle sie sofort nach.“ Arne und Chris lassen sich über Limitierungspolitik von Labels aus. Arne hatte selber mal eins, mit einem Freund zusammen, „Benirhana“, „das ist ein Skate-Trick“, erklärt er. „Aber das ist schon lange her.“ Nach nur fünf Veröffentlichungen sei Schluss gewesen. „Für mich war es ein Hobby, aber der Kumpel wollte davon leben können.“ Auch da sei es üblich gewesen, dass nur 1000 Exemplare eines Albums gepresst wurden, „die waren dann auch limitiert“, so Arne. „Aber wir hatten auch keine 1000 Abnehmer dafür, 1000 Stück waren einfach billiger als 500.“ Das sei eine andere Ebene als bei Bands, die deutlich höhere Verkaufszahlen haben und dann von einem Album nur 1000 Stück herausbringen, als künstliche Verknappung. „Wir haben nur unwesentlich mehr als 500 Stück verkauft, das war eine kleine Szene.“ Die wahrscheinlich auch in der Betty Ford Clinic eine Bleibe hatte, mutmaße ich. Chris bestätigt: „Euren ersten Sampler habt ihr mit der Betty Ford Clinic gemacht, bevor ich da war.“ Chris war in der BFC? „Ja, ich hab da gearbeitet.“ Arne und Chris versinken in Erinnerungen an Hardcore-Konzerte im Forellenhof in Salzgitter. „Ich hab das just for fun gemacht“, erzählt Arne von den Konzerten, die er dort veranstaltet hat. Zum Beispiel mit One King Down, deren gesichtstätowierter Rob Fusco jetzt bei Most Precious Blood ist und damals bei Arne im Elternhaus in Salzgitter übernachtete und sich morgens mit Arnes Mutter am Frühstückstisch über den Lehrerberuf unterhielt. Arne resümiert: „Das ist das, was die Sache cool gemacht hat.“ Chris kann auch solche Geschichten erzählen, sogar von der anderen Seite, als er mit den Bands vom Riptide-Label auf Tour war. „In Spanien sind die noch anders strukturiert als in Deutschland“, sagt Chris. Da habe man als Hardcore-Band auch mal in anders gemeinten Kneipen gespielt. „Einmal haben wir bei einem Veranstalter in Barcelona übernachtet, in einem Hochhaus, 26. Stock, da standen lauter Nähmaschinen in einem Raum und wir haben nebenan eng zusammengequetscht in unseren Schlafsäcken gelegen“, erzählt Chris. „Morgens dann das chk chk chk, ich gucke um die Ecke, sitzen da die Frauen an den Nähmaschinen und arbeiten.“ Arne und Chris erinnern sich an den Busfahrer von Sick Of It All, die im Forellenhof gespielt haben und die der Fahrer nicht kannte. „Scheiß Vegetarier“, habe der geschimpft, so Chris. „Dem haben wir zehn Mark gegeben, der ist dann zur Tanke gegangen und hat sich eine Heiße Hexe geholt.“ Arne und Chris lachen. Arne sagt: „Wenn du einem die Line-Ups aufzählst, die im Forellenhof gespielt haben, das glaubt dir keiner, wenn denn überhaupt noch einer die Bands kennt.“ Seit 1993 sei Arne Forellenhof-Gast. Und die beiden denken an das Biohazard-Konzert im FBZ 2001, „eines der letzten Konzerte im FBZ“, weiß Chris, der daraufhin eine Geschichte von einer Hochzeit erzählt, auf der lauter Schlipsträger feierten, die allmählich lockerer wurden und die Hochzeits-DJ Chris dann mit „Punishment“ von Biohazard so richtig zum Feiern brachte.

„Na, das ist ja ein guter Zufall“, schallt es nun lauthals ins Riptide. Eine Gruppe von acht Erwachsenen und einem Kind strömt ins Café und begrüßt Chris und André. In den Händen tragen die acht eine Videokamera, eine schwarze Plastikkrähe, einen Kamm, eine rolle Klopapier mit 500-Euro-Schein-Aufdruck sowie eine rote Promo-Mütze zum Otto-Film „7 Zwerge“. „Die hat Herr Oppermann persönlich beim letzten Betriebsfest aufgehabt“, ruft jemand dazu. Während sich Chris und Arne bereit erklären, aus den vier Utensilien einen kleinen Film für die Gruppe zu machen, erklärt mir Lisa, eine der acht, vor der Tür, worum es geht. „Wir sind alle aus dem C1“, sagt sie, „und haben heute Betriebsfeier, den ersten Teil von zweien.“ Anlass sei der zehnte Geburtstag des Cinemaxx, wie das C1 hieß, bevor es sich Cinemaxx-Gründer Hans-Joachim Flebbe zurückkaufte. Im Rahmen dieser Betriebsfeier habe der Betrieb seine Mitarbeiter mit diesem Film-Wettbewerb überrascht, erklärt Lisa, die zur Betriebsleitung gehört. In drei Gruppen aufgeteilt erhielten alle C1-Kollegen die genanten vier Requisiten und eine Kamera sowie den Auftrag, daraus einen Film zu machen. Im zweiten Teil der Betriebsfeier nächste Woche treten diese drei Filme gegeneinander an. Haupt-Thema ist „Ohne Fleiß kein Preis“, die Achtergruppe suchte sich für ihren Film als Inhalt aus, ehemalige Cinemaxx-Mitarbeiter zu besuchen und zu fragen: „Gibt es ein Leben nach dem Cinemaxx, und ist das lebenswert?“ Lisa: „Da haben wir als erstes an Chris gedacht, er ist ein erfolgreicher Geschäftsmann geworden, und es ist ein Super-Zufall, dass auch Arne da war.“ Das Kind, das sie dabei haben, heißt Philip. „Er ist unser Kinderbonus“, lacht Lisa. „Wir hoffen, damit gewinnen wir, und wir wollten eigentlich noch eine Welpe einbauen.“ Wer nicht am Film beteiligt ist, der parallel im Riptide entsteht, hört Lisa zu und ergänzt und kommentiert. Auch Jasmin steht bei uns und hört zu. Caro will ins Riptide gehen und stutzt, als sie wahrnimmt, was dort geschieht. „Ist gleich vorbei“, schallt es vielstimmig und breit grinsend von allen Seiten. „Wolltest du etwas trinken?“, fragt Jasmin. Doch Caro verneint und hört mit uns, welche Dialoge sich Arne und Chris einfallen lassen. „Die ganzen sozialen Kontakte, das ist alles eingeschlafen“, jammert Arne gerade. Chris muntert ihn auf: „Ich hab da noch ein Geschenk für dich, hab ich dir aus Uruguay mitgebracht.“ Leider ist nicht zu sehen, welche der vier Requisiten er Arne überreicht, jedenfalls kommt der mit der roten Mütze auf dem Kopf und der Taubenschreck-Krähe im Arm zur Tür heraus. Das Gelächter bei der Film-Gruppe ist riesig. Die acht mit Kind und Kamera danken den beiden Impro-Schauspielern und verabschieden sich. Den Film bekommen Arne und Chris beim zweiten Teil der Betriebsfeier im C1 zusehen.

Und Caro bekommt von Chris ihre Frage nach der Vinyl-Version des letzten Freitag erschienenen neuen Interpol-Albums beantwortet: „Die kommt erst nächsten Freitag, die bekommen wir in zwei Versionen, ganz limitiert als Doppel-LP auf 45 aus USA und normal als Einzel-LP.“ Für Caro liegt der Fall klar: „Die Limitierte – wenn, dann das Schmuckstück.“ Chris notiert sich Coras Emailadresse und sichert ihr zu, bescheid zu geben, wenn das Stück eintrifft. Das Gegenteil von Eintreffen trifft bei mir nun ein: Ich will die Flaming-Lips-LP und meine Raute-12“es hören und mache mich auf den Heimweg.


Matze Bosenick
www.krautnick.de

Kontakt

Ölschlägern 14
38100 Braunschweig

Telefon: 0531/ 2254177

E-Mail: info@cafe-riptide.de

 

Öffnungszeiten:
MO: geschlossen
DI – DO: 11.00 – 21.00
FR – SA : 11.00 – 1.00*
SO:  geschlossen

* bei wenig Betrieb schließen wir eher!