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#35 Geräusche auf der Leinwand

9. September 2010


Donnerstag, 9. September

Wie üblich habe ich heute die Raute-Riptide-Route im Programm. Zur Begrüßung gab’s von Uwe und Katrin bei Raute Records einen Kaffee, außerdem präsentierten sie mir viele tolle LPs und 12“es, die sie neu ins Lager bekommen haben. Meine Freude, die Salem’s-Law-LP hier erstanden zu haben, ist nachhaltig, und Uwe schlägt vor: „Lass sie dir doch signieren, kann im Wert ja nur steigen.“ Als ich gehen will, gibt Uwe mir wissend einen „schönen Gruß an die Kollegen vom Riptide“ mit. Er kennt meinen Weg.

Schmuddelig ist der Tag, grau, gelegentlich regnerisch, nicht so kalt, wie er aussieht, aber dennoch ungemütlich. Ganz anders das Achteck vorm Riptide: Die riesigen Sonnenschirme dienen den Gästen in Ermangelung von Sonne einfach zweckentfremdet zum Trockenbleiben, über den Stühlen hängen kuschelige Decken. Es gibt tatsächlich Gäste, die bei dieser Witterung draußen sitzen. Und es werden zusehends mehr. Drinnen ist Chris zurzeit noch allein. Eben bedient er ein Paar souverän auf Englisch, berät einen anderen Kunden in Sachen wiederveröffentlichter, dennoch rarer Musik und bereitet anschließend Getränke und Speisen vor. Immer mehr Gäste kommen, aber auch Hilfe: Jasmin gesellt sich Chris zur Seite. Erstaunlich ist, dass der Ansturm zwar groß, aber still ist. Ein Café, dass so gefüllt ist wie eben das Riptide, ist aus Erfahrung eigentlich deutlich lauter. Das ist sehr angenehm gerade.

Viele tolle LPs stehen auf den Simsen über den LP-Fächern, darunter sind neue Alben von Wir sind Helden, Grinderman und Gogol Bordello, aber auch Rereleases wie „Neon Golden“ von The Notwist oder „Danse Macabre“ von The Faint. In den Fächern finde ich die „Dark Side Of The Moon“-LP von den Flaming Lips. Das Album hat die Band vor einiger Zeit erst als Download veröffentlicht. Eine kuriose Mischung findet sich darauf, denn als Gäste sind Peaches und Herny Rollins dabei. Damals schon war mir klar, dass die Flaming Lips das Ding nicht ohne handfesten Datenträger bleiben lassen würden. Jetzt gibt’s eben die CD oder die durchsichtig hellgrüne LP mit Bonus-CD. So ähnlich wie bei „Dark Night Of The Soul“, der rätselhaften Kollaboration von Danger Mouse und Sparklehorse mit David Lynch und allerlei prominenten Gästen. Die sollte es als Bonus zu einem Buch geben, dann gab’s rechtliche Sperenzchen, ein Veröffentlichungsverbot und als Protest einen Rohling zum Buch. Im Internet konnte man sich das Album herunterladen, wenn man Quellen kannte, oder man hatte das Glück, bei eBay eine der raren Promo-LPs zu ersteigern. Seit aber Sparklehorses Mark Linkous tot ist, ergaben sich offenbar doch noch Möglichkeiten, rechtliche Scherereien zu umgehen, und siehe da: Das Album ist für Jedermann erhältlich. Wie auch „Dark Side Of The Moon“, eine LP, an der mich die Interpreten deutlich mehr interessieren als das Original, da bin ich Banause: Von Pink Floyd habe ich lediglich eine Best-Of. Dabei könnte mir „Meddle“ gefallen, vor allem „One Of These Days“ ist ein enorm gutes Stück. Davon können Depeche Mode ein Lied singen, „Clean“ nämlich.

Die Flaming-Lips-LP lege ich auf den Tresen, neben die Flyer zu „Sound On Screen“ – einer Veranstaltung, die man als Universum-Kinogänger und Riptide-Aficionado immer auf der Wunschliste, aber nicht für so schnell möglich gehalten hätte: Im Universum zeigen sie einmal im Monat einen Musikfilm, zu dem es anschließend im Riptide eine passende Veranstaltung gibt, sei es eine Party, eine Lesung oder was Chris und André eben sonst noch so einfällt. Was für eine großartige Lösung für ein an sich unnützes Problem, denn Chris und André hatten schon lange die Idee, im Riptide Filmabende zu veranstalten, wussten aber um die rechtlichen Schwierigkeiten eines solchen Unterfangens. Dann verlegt man den Film eben ganz einfach an einen Veranstaltungsort, wo es ohnehin Filme zu sehen gibt und mit dem man sich als Dreingabe größtenteils das Publikum teilt. Und dann sind es kaum 200 Meter, die man zu überbrücken hat, wenn man die Termine wahrnimmt. Den Auftakt gibt es am 18. September, dummerweise parallel zum siebten Silver Club. Zu sehen gibt es den neuen The-Doors-Film „When You’re Strange“ und im Anschluss eine „Sound On Screen“-Eröffnungsparty. Am 7. Oktober läuft „Rocksteady – The Roots Of Reggae“ mit einer musikalisch passenden Party im Riptide. Der dritte Film läuft am 3. November, heißt „Until The Light Takes Us“, ist eine Dokumentation und behandelt den norwegischen Black Metal. Angedacht war für den Anschluss eine Lesung mit Frank Schäfer und seinem Schwager Helge Huhstedt, doch sagte mir Frank bei der „Read ’em All“-Show zur Braunschweiger Kulturnacht, dass statt Helges jemand anders läse – bloß wer? Chris weiß es natürlich: „Volker, der hat mit Frank zusammen bei Salem’s Law gespielt, das ist authentischer als Helge – der hat den Posten gerne abgetreten, als er davon gehört hat.“ Ach, richtig! Das wäre eine gute Gelegenheit, mir die LP signieren zu lassen. Kui ist dann bestimmt auch wieder im Publikum, der spielt jetzt bei Carbid! und war auch bei Salem’s Law dabei. Vielleicht wird es dann ja doch noch einmal etwas mit der Reunion, die sich auch 20 Jahre später noch so viele Fans wünschen.

Bei der Kulturnacht war das Riptide herrlich voll. Die Nacht war aber ohnehin super, eine tolle Einrichtung, eine tolle Idee. Für fünf Euro bekam man einen Pin, mit dem man an 90 Veranstaltungsorten unendlich viele Kulturschaffende unterschiedlichster Tiefe beim Kulturschaffen beobachten konnte. Das Programm war so reichhaltig, dass eine Kulturnacht allein dafür eigentlich gar nicht ausreichte. Wie bei jedem Festival hatte man nun die Wahl: Entweder so viel wie möglich sehen, aber nichts erleben, oder sich auf Weniges beschränken und dort dann abtauchen. Ich startete meine Nacht am Gemeinschaftsatelier von Tatendrang-Design, dort gaben die Impro-Stars von „Jetzt und Hier“ eine köstliche Kostprobe davon, was Impro-Theater so ist. Der Spaß auf Seiten des Publikums war so groß wie der Einfallsreichtum des Ensembles. Mein zweiter Punkt auf der Zwei-Punkte-Liste meines Abendprogramms wäre zwei Stunden später „Read ’em All“ gewesen. Also machte ich mich auf den Weg in die Wichmannhalle, um Lord Schadt zu sagen, dass ich wegen des Parallelprogramms nicht an seiner Lesung teilhaben konnte. Das war eine gute Idee: Zum einen kam ich großzügig verumwegt am Lichtparcours vorbei, zum anderen war der Schritt in die Wichmannhalle wie eine Heimkehr. Überall saßen Mitglieder vom Silver Club. Der letzte Silver Club fand nämlich in genau der Halle statt; jetzt dort zu sein und die vertrauten Gesichter wiederzusehen, das weckte das wohlige Gefühl von Zuhausesein in mir. Le’Band spielten gerade. Aus meinem kurzen Absagen wurde dann doch eine ganze Weile, die ich in der Halle verbrachte. Lord Schadts Lesung bekam ich leider trotzdem nicht mit, weil ich irgendwann am „Spawn“-Objekt des Lichtparcours’ vorbei ins Riptide wanderte. Dort wartete schon Skapino auf mich, um mir die Flyer für den nächsten Silver Club am 18. September in die Hand zu drücken. Nicht nur er wartete: Schepper wollte sich ebenfalls die drei Drachenschlachter Frank Schäfer, Till Burgwächter und Axel Klingenberg alias „Read ’em All“ anhören. Der Raum war voll, André, Dennis und Sina hatten alle Hände voll zu tun. Die Lesung war wieder fabelhaft. Das macht jedes Mal so einen riesigen Spaß, dass ich mir auch die Geschichten immer wieder gerne anhöre, die ich schon in- und auswendig kenne. Wie Franks Wacken-Episode mit dem Fleischkonsum, in der Sätze vorkommen wie „Die Gitarren hingen tief, das Niveau auch und die Wolken sowieso“. Man merkte aber schon, dass das Publikum nicht ausschließlich aus Leuten bestand, die wussten, was sie erwartete. Eine Zuhörerin etwa ließ sich von Tills selbstironischen Betrachtungen provozieren, der da erzählte, wie schwer es für einen Metaller sei, eine Freundin zu finden, und bei der Selbst-Betrachtung kein einziges gutes an seinen üppigen Haaren ließ. Doch als er sagte, dass weibliche Eintracht-Fans im Fan-Schal wie eine Mischung aus Pferd und Stallknecht aussähen, rief besagte Zuhörerin lauthals „Buuuuuuh!“, woraufhin Till ergänzte: „…und klingen auch so.“ Das Gelächter konnte größer kaum sein, und Till entschuldigte sich mit „Sorry, das war ein Elfmeter, den musste ich reinmachen.“ Axel gab Auszüge aus dem „Read ’em All“-Tourtagebuch zum Besten und kündigte abschließend die nächste Bumsdorfer Auslese in der Kaufbar am 11. September sowie die nächste „Read ’em All“-Lesung im Riptide im Dezember an. Die Lesung war nun zwar zuende, die Kulturnacht aber noch nicht. Da aber Chris jetzt lustige Musik auflegte, das Bier schmeckte und die tollen Menschen ohnehin umeinander saßen, blieben wir auch gleich da. Schepper, der regelmäßig in der Kaufbar Bass spielt oder mit Roland Kremer die Eiko-Shows moderiert, unterhielt sich mit Eva, die nach einer Weile meinte, „so, jetzt muss ich aber rüber“. Fragezeichen? Schepper erklärte uns, sie habe einen Auftritt in der „Komödie am Altstadtmarkt“ um die Ecke. Katharina holte den Faltplan aus der Tasche, wir blätterten, und ja, da stand „Eva“. Eben noch in unserer Bierrunde, jetzt schon auf der Showbühne. Das mag ich am Braunschweiger Kulturleben: Es gibt kein „Wir hier oben, ihr da unten“. Alles passiert auf einer Ebene, und: Jeder kann mitmachen.

Das kleine „Putzige“, das Iris letztens erst in der Vitrine entdeckte, weckt heute auch meine Aufmerksamkeit. Leider sind die trichterförmigen Teile vom letzten Mal nicht da, dafür aber ebenso putzige Donuts mit Schoko-Überzug. „Ständig wechselnde kleine Köstlichkeiten“, steht auf dem Schild. Aufgelistet sind darunter Mini-Donuts, Blätterteig-Vanille-Törtchen und Schokoladen-Croissants. Ich lasse mir von Chris mit der Zange einen Donut auf die Hand geben und bestelle einen Milchkaffee dazu. Einen solchen kredenzte mir kürzlich eine Kollegin namens Nele. „Die ist neu hier“, bestätigt Chris meinen Verdacht.

Die beiden Gäste, die Chris vorhin noch auf Englisch bediente, kommen an die Theke. Marilia kommt aus Thessaloniki und freut sich, als mir dazu als erstes die Europäische Kulturhauptstadt 1997 einfällt. Ihr Freund Robert kommt aus New York. Beide wohnen in Texas und sind als Wissenschaftler in Deutschland unterwegs. „Wir kommen gerade aus Berlin und müssen da auch wieder hin“, sagt Marilia. Im Vergleich gefalle ihnen Braunschweig besser als die Bundeshauptstadt. „Braunschweig ist überschaubarer, man muss hier nicht mit dem Auto fahren wie in Texas, man kann hier auch zu Fuß gehen wie in New York“, sagt sie. Sie seien hier an der TU bei einem Projekt, das in sechsjährigen Zyklen verlaufe. „In sechs Jahren sind wir also wieder hier“, lacht Marilia. Auf das Riptide seien sie über ein Internet-Protal aufmerksam geworden, das vegetarische Lokale auflistet. „Da gab es noch ein zweites in Braunschweig, aber unter der Adresse haben wir nichts gefunden“, sagt Marilia. „Wer weiß, wie alt der Eintrag ist, das kann es schon zehn Jahre nicht mehr geben.“ Aber so freue sie sich, im Riptide gelandet zu sein, und lobt die Mischung aus Plattenladen und Café.

Robert sei gerade dabei, Griechisch zu lernen. „Eigentlich will er lieber Spanisch lernen, aber ich sage: erst Griechisch – spätestens dann, wenn Kinder da sind.“ Sie schwärmt von bilingualer Erziehung und den Vorteilen, die sie habe. Marilia habe einst auch Deutsch gelernt, aber mit dem Sprechen habe sie es nicht mehr so. „Ich kann es lesen und verstehe viel, aber mehr auch nicht“, sagt sie. Besonders die Aussprache bereite ihr Schwierigkeiten. „Im Griechischen spricht man alles genau so aus, wie man es liest“, sagt sie. „Aber in Englisch oder Deutsch ist das nicht so, zum Beispiel das Wort ‚neue’ – ich lese das und sehe die Buchstaben, aber woher soll ich wissen, dass man das ‚noie’ ausspricht?“ Von meiner Griechenlandreise kenne ich noch die Wörter „parakalo“ und „efcharisto“ für „bitte“ und „danke“ sowie diverse Tagesgrüße. Ich frage sie, ob sie Asterix kennt, und sie bestätigt: „Eine meiner Lieblings-Comicserien.“

Griechenland habe ich nämlich genau so erlebt, wie es im Asterix dargestellt wird: Kennst du einen, vermittelt der dich an seinen Schwager weiter, wenn du Hilfe brauchst. Wir waren auf dem Peloponnes, in Charokopio, einem Dorf bei Koroni. Unser Unterkunft-Vermieter holte uns mit seinem Sohn in seinem klapprigen Fiat von der Bushaltestelle ab, wo uns der Bus ausspie. Der Fahrer sprach nur Griechisch, als Übersetzer war der 13jährige Sohn dabei. Während er uns durch Charokopio in Richtung unseres Appartements schaukelte, wies er auf eine Taverne und ließ seinen Sohn in den höchsten Tönen davon schwärmen. Wie Recht er hatte, erfuhren wir, als wir seiner Empfehlung Folge leisteten. Wir setzten uns an einen Tisch und warteten. Der Wirt kam und fragte etwas auf Griechisch. Wir wiesen ihn auf Englisch darauf hin, dass wir ihn nicht verstanden, und er fragte auf Deutsch: „Essen?“ Es war uns unangenehm, dass er uns dann in unserer Sprache bedienen musste, aber wir bejahten. „Was?“ Das wussten wir nicht, was gab’s denn, gab es eine Karte? Er schüttelte den Kopf und sagte: „Kommt mit.“ Er führte uns in die Küche. Dort hob er jeden Deckel und öffnete jede Klappe, während er wortreich und auf Griechisch kommentierte, was dort gerade schmackhaft duftend garte. Wir waren etwas baff und zeigten auf einige Gefäße, von denen wir meinten, sie enthielten etwas, auf das wir Appetit hatten; eine genauere Auswahl waren wir nicht zu treffen in der Lage, denn alles sah gut aus. Die Frau des Wirts stand mit Block und Stift bereit und notierte alles, worauf unsere Finger deuteten. Dann setzten wir uns wieder und warteten mit großen Augen auf das, was da kommen sollte. Und es kam viel, der Tisch bog sich vor Leckereien. Und fast gar nichts war so, wie wir es unter dem gleichen Namen aus Deutschland kannten: Souflaki, Suzuki, Bifteki, alles schmeckte tausendmal leichter und besser. Dazu gab es Speisen, die wir überhaupt nicht kannten, wie die länglichen Paprikaschoten, in die Käse und Schinken zusammengerollt hineingeschoben waren, das Ganze mit Brot verkorkt und gebacken, oder die hauchdünnen Kartoffelscheiben, in Öl gebadet und mit Käse überschneit. Unsere Bäuche kugelten sich, zum Nachtisch gab’s dann frisches Obst – Trauben, Feigen, was auch immer – aus dem Garten des Wirts, gratis obendrauf. Jedenfalls kannte uns der Wirt also nun. Um nun mit dem Bus nach Koroni zu kommen, musste man wissen, wann der fährt. Und wo er hielt. Das erfuhren wir von einem Passanten in Charokopio: „Stellt euch in die Gerade zwischen den beiden Kurven, dort an der Bar, und wenn der Bus kommt, hebt den Arm.“ Am gewiesenen Platz standen schon weitere Passanten, wir stellten uns dazu, der Bus kam, eine Mitwartetende hob den Arm, der Bus hielt, wir stiegen zu und fuhren nach Koroni. Dort angekommen, suchten wir einen Fahrplan. Es gab keine Touristeninfo, also versuchten wir es bei der Post, wo man uns dann jedoch zum Kiosk weitervermittelte. Der uralte Mann im Kiosk verstand unser Englisch kaum, begriff aber in Zeichensprache, dass wir einen Busfahrplan suchten. Der Kiosk war bis unter die Decke und mehrreihig mit Zeitschriften vollgestapelt. Da musste es doch einen Busfahrplan geben. Der Mann nickte. Zu unserer Überraschung jedoch gab er uns keinen, sondern riss von einem Zettel ein Stückchen ab und kritzelte mit dem Kuli einige Zahlen darauf. Es dauerte eine Weile, bis wir verstanden, dass dies tatsächlich die Antwort auf unsere Frage war: Die Zahlen waren gleichzeitig die An- und Abfahrtszeiten für Koroni, einer Endstation. Mit diesem Wissen stellten wir uns am Folgetag in Charokopio zur nachgerechneten Uhrzeit an die Straße. Zu unserem besseren Überblick jedoch nicht an den Platz, an dem wir am Vortag standen, sondern so, dass wir den Bus in der Geraden einrauschen sehen konnten. Und wir sahen ihn gut, als er kam, der Fahrer sah auch uns, ich hob den Arm, er grüßte freundlich zurück und rauschte vorbei. Wir stutzten nicht undämlich. Wer uns so stutzen sah, war der Tavernenwirt. Er erklärte uns: „Wenn ihr mit dem Bus fahren wollt, müsst ihr euch dort hinstellen.“ Er wies auf die Stelle vom Vortag. „Ihr habt aber dort gestanden.“ Er wies drei Meter weiter. „Wenn ihr da steht, hält der Bus nicht, weil er nicht weiß, dass ihr mitfahren wollt – wo wollt ihr denn hin, nach Koroni?“ Wir bejahten. In diesem Moment hielt ein Taxi neben uns. „Ah, den kenne ich, das ist ein Freund von mir“, meinte der Wirt und sprach auf Griechisch und auf uns zeigend mit dem Fahrer. Der Mann willigte ein, uns zu fahren, und das zu einem nur unwesentlich über dem Bustarif liegenden Kurs. Gut. Wenige Tage später befanden wir uns in einer ähnlichen Situation, dieses Mal jedoch kam der Bus ganz einfach gar nicht. Dafür aber der uns inzwischen bekannte Taxifahrer. Der Kurs blieb gleich, das Ziel auch. „Wir wollen uns einen Mietwagen leihen“, sagte ich ihm während der Fahrt. „Gute Idee, habt ihr einen gebucht?“ Wir verneinten. „Das ist schlecht, es ist Hauptsaison, da werdet ihr keinen mehr bekommen.“ Ich sagte: „Aber fragen kann man doch, oder?“ Und er bestätigte: „Jaja, fragen kann man.“ Also sollte er uns beim Autoverleiher herauslassen. Das tat er, steuerte in Koroni auf den Hof einer Mietwagenfirma und erblickte dort den Mann, der aus dem dazugehörigen Verwaltungsraum kam. „Ah, den kenne ich, das ist ein Freund von mir“, sagte uns der Taxifahrer, kurbelte das Fenster herunter und sprach mit dem Mann auf Griechisch. Dann verabschiedete er sich von uns, wir zahlten, dankten und gingen. Der Autoverleiher begrüßte uns mit offenen Armen und fragte rhetorisch: „So, ihr sucht einen Mietwagen? Heute Nachmittag kommt wieder einer zurück.“ Er führte uns zu seiner Frau ins Verwaltungshäuschen, klärte die Formalitäten, hab uns einen guten Wagen zu einem guten Kurs und riet uns zum Abschied: „Wenn ihr tanken müsst, nehmt die Tankstelle dort vorne, die gehört einem Schwager von mir.“ Und so weiter.

„Die Menschen in Griechenland sind nicht mehr ganz so freundlich“, bedauert Marilia jedoch. „Wie überall in Europa übernehmen die Leute nur das Schlechte aus den USA“, fügt sie mit frechem Seitenblick auf Robert hinzu. Eine Frage haben die beiden an Chris: „Warum heißt das Café ‚Riptide’?“ Chris zählt die drei Gründe auf: Die Liebe zur Mutter Erde und ihren Kräften, die Liebe zum Schwimmen und Surfen sowie die Liebe zu „Trio mit vier Fäusten“, der Fernsehserie, die im Original „Riptide“ heißt und die Robert und Marilia erstaunlicherweise nicht kennen. Marilia hat aber auch eine Erklärung: „Der Laden ist die Kraft, die die Leute wegzieht vom Mainstream.“ Das gefällt Chris: „Toll, eine wissenschaftliche Erklärung.“ Robert und Marilia verabschieden sich überschwänglich und versprechen, in spätestens sechs Jahren wiederzukommen.

Ihren Platz nimmt Arne ein. Er sucht das neue Album von Parkway Drive auf LP, doch Chris muss ihn enttäuschen: „Die wird es hier auf Vinyl nicht geben.“ Er erklärt, dass nur 1000 Stück davon gepresst wurden, dass davon die Hälfte nach Europa ging und der Rest beim Label-Shop wegging. Von den Europa-Pressungen seien 200 kaputt gewesen und weggeschmissen worden, „bleiben 300 für Europa – das ist ärgerlich, es wurden keine ausgeliefert an uns, und ich muss es dem enttäuschten Endverbraucher erklären.“ Arne würde sich dann wenigstens die CD anhören wollen, „ich habe bislang nur davon gelesen, mit Slayerriffs und weg von dem alten Metalcore.“ Doch die CD sei gerade gestern verkauft, sagt Chris. „Ich bestelle sie sofort nach.“ Arne und Chris lassen sich über Limitierungspolitik von Labels aus. Arne hatte selber mal eins, mit einem Freund zusammen, „Benirhana“, „das ist ein Skate-Trick“, erklärt er. „Aber das ist schon lange her.“ Nach nur fünf Veröffentlichungen sei Schluss gewesen. „Für mich war es ein Hobby, aber der Kumpel wollte davon leben können.“ Auch da sei es üblich gewesen, dass nur 1000 Exemplare eines Albums gepresst wurden, „die waren dann auch limitiert“, so Arne. „Aber wir hatten auch keine 1000 Abnehmer dafür, 1000 Stück waren einfach billiger als 500.“ Das sei eine andere Ebene als bei Bands, die deutlich höhere Verkaufszahlen haben und dann von einem Album nur 1000 Stück herausbringen, als künstliche Verknappung. „Wir haben nur unwesentlich mehr als 500 Stück verkauft, das war eine kleine Szene.“ Die wahrscheinlich auch in der Betty Ford Clinic eine Bleibe hatte, mutmaße ich. Chris bestätigt: „Euren ersten Sampler habt ihr mit der Betty Ford Clinic gemacht, bevor ich da war.“ Chris war in der BFC? „Ja, ich hab da gearbeitet.“ Arne und Chris versinken in Erinnerungen an Hardcore-Konzerte im Forellenhof in Salzgitter. „Ich hab das just for fun gemacht“, erzählt Arne von den Konzerten, die er dort veranstaltet hat. Zum Beispiel mit One King Down, deren gesichtstätowierter Rob Fusco jetzt bei Most Precious Blood ist und damals bei Arne im Elternhaus in Salzgitter übernachtete und sich morgens mit Arnes Mutter am Frühstückstisch über den Lehrerberuf unterhielt. Arne resümiert: „Das ist das, was die Sache cool gemacht hat.“ Chris kann auch solche Geschichten erzählen, sogar von der anderen Seite, als er mit den Bands vom Riptide-Label auf Tour war. „In Spanien sind die noch anders strukturiert als in Deutschland“, sagt Chris. Da habe man als Hardcore-Band auch mal in anders gemeinten Kneipen gespielt. „Einmal haben wir bei einem Veranstalter in Barcelona übernachtet, in einem Hochhaus, 26. Stock, da standen lauter Nähmaschinen in einem Raum und wir haben nebenan eng zusammengequetscht in unseren Schlafsäcken gelegen“, erzählt Chris. „Morgens dann das chk chk chk, ich gucke um die Ecke, sitzen da die Frauen an den Nähmaschinen und arbeiten.“ Arne und Chris erinnern sich an den Busfahrer von Sick Of It All, die im Forellenhof gespielt haben und die der Fahrer nicht kannte. „Scheiß Vegetarier“, habe der geschimpft, so Chris. „Dem haben wir zehn Mark gegeben, der ist dann zur Tanke gegangen und hat sich eine Heiße Hexe geholt.“ Arne und Chris lachen. Arne sagt: „Wenn du einem die Line-Ups aufzählst, die im Forellenhof gespielt haben, das glaubt dir keiner, wenn denn überhaupt noch einer die Bands kennt.“ Seit 1993 sei Arne Forellenhof-Gast. Und die beiden denken an das Biohazard-Konzert im FBZ 2001, „eines der letzten Konzerte im FBZ“, weiß Chris, der daraufhin eine Geschichte von einer Hochzeit erzählt, auf der lauter Schlipsträger feierten, die allmählich lockerer wurden und die Hochzeits-DJ Chris dann mit „Punishment“ von Biohazard so richtig zum Feiern brachte.

„Na, das ist ja ein guter Zufall“, schallt es nun lauthals ins Riptide. Eine Gruppe von acht Erwachsenen und einem Kind strömt ins Café und begrüßt Chris und André. In den Händen tragen die acht eine Videokamera, eine schwarze Plastikkrähe, einen Kamm, eine rolle Klopapier mit 500-Euro-Schein-Aufdruck sowie eine rote Promo-Mütze zum Otto-Film „7 Zwerge“. „Die hat Herr Oppermann persönlich beim letzten Betriebsfest aufgehabt“, ruft jemand dazu. Während sich Chris und Arne bereit erklären, aus den vier Utensilien einen kleinen Film für die Gruppe zu machen, erklärt mir Lisa, eine der acht, vor der Tür, worum es geht. „Wir sind alle aus dem C1“, sagt sie, „und haben heute Betriebsfeier, den ersten Teil von zweien.“ Anlass sei der zehnte Geburtstag des Cinemaxx, wie das C1 hieß, bevor es sich Cinemaxx-Gründer Hans-Joachim Flebbe zurückkaufte. Im Rahmen dieser Betriebsfeier habe der Betrieb seine Mitarbeiter mit diesem Film-Wettbewerb überrascht, erklärt Lisa, die zur Betriebsleitung gehört. In drei Gruppen aufgeteilt erhielten alle C1-Kollegen die genanten vier Requisiten und eine Kamera sowie den Auftrag, daraus einen Film zu machen. Im zweiten Teil der Betriebsfeier nächste Woche treten diese drei Filme gegeneinander an. Haupt-Thema ist „Ohne Fleiß kein Preis“, die Achtergruppe suchte sich für ihren Film als Inhalt aus, ehemalige Cinemaxx-Mitarbeiter zu besuchen und zu fragen: „Gibt es ein Leben nach dem Cinemaxx, und ist das lebenswert?“ Lisa: „Da haben wir als erstes an Chris gedacht, er ist ein erfolgreicher Geschäftsmann geworden, und es ist ein Super-Zufall, dass auch Arne da war.“ Das Kind, das sie dabei haben, heißt Philip. „Er ist unser Kinderbonus“, lacht Lisa. „Wir hoffen, damit gewinnen wir, und wir wollten eigentlich noch eine Welpe einbauen.“ Wer nicht am Film beteiligt ist, der parallel im Riptide entsteht, hört Lisa zu und ergänzt und kommentiert. Auch Jasmin steht bei uns und hört zu. Caro will ins Riptide gehen und stutzt, als sie wahrnimmt, was dort geschieht. „Ist gleich vorbei“, schallt es vielstimmig und breit grinsend von allen Seiten. „Wolltest du etwas trinken?“, fragt Jasmin. Doch Caro verneint und hört mit uns, welche Dialoge sich Arne und Chris einfallen lassen. „Die ganzen sozialen Kontakte, das ist alles eingeschlafen“, jammert Arne gerade. Chris muntert ihn auf: „Ich hab da noch ein Geschenk für dich, hab ich dir aus Uruguay mitgebracht.“ Leider ist nicht zu sehen, welche der vier Requisiten er Arne überreicht, jedenfalls kommt der mit der roten Mütze auf dem Kopf und der Taubenschreck-Krähe im Arm zur Tür heraus. Das Gelächter bei der Film-Gruppe ist riesig. Die acht mit Kind und Kamera danken den beiden Impro-Schauspielern und verabschieden sich. Den Film bekommen Arne und Chris beim zweiten Teil der Betriebsfeier im C1 zusehen.

Und Caro bekommt von Chris ihre Frage nach der Vinyl-Version des letzten Freitag erschienenen neuen Interpol-Albums beantwortet: „Die kommt erst nächsten Freitag, die bekommen wir in zwei Versionen, ganz limitiert als Doppel-LP auf 45 aus USA und normal als Einzel-LP.“ Für Caro liegt der Fall klar: „Die Limitierte – wenn, dann das Schmuckstück.“ Chris notiert sich Coras Emailadresse und sichert ihr zu, bescheid zu geben, wenn das Stück eintrifft. Das Gegenteil von Eintreffen trifft bei mir nun ein: Ich will die Flaming-Lips-LP und meine Raute-12“es hören und mache mich auf den Heimweg.


Matze Bosenick
www.krautnick.de

#34 Tief im Westen

15. August 2010


Samstag, 14. August

Die dunklen Wolken tun uns heute den großen Gefallen, um den Ort des Geschehens, also Braunschweig, herumzuziehen. Das ist gut für alles, was an diesem Wochenende in Braunschweig geschieht, und es geschieht eine Menge: Die BBG-Open-Air-Nights am Dowesee, Das 12. Lammer Open Air, die Aktion „Okerwasser”, das LOT-Hoffest, Das Verlagsfest von Andreas Reiffer, Lord Schadts Geburtstag auf der Oker, das zweite Kulturschaufenster 38118 auf dem Frankfurter Platz, das Summer Special Barbecue im Café Riptide und das DFB-Pokalspiel der Eintracht gegen Greuther Fürth. Irgendwo ist auch noch ein Hoffest, berichteten mir Bekannte, auf einem der Braunschweig umgebenden Dörfer, aber man kann sich ja nicht alles so genau merken. Und erstrecht kann man nicht alles wahrnehmen, was so in und um Braunschweig geschieht. Zumindest ich kann das nicht, vielleicht ist es ja doch jemandem gelungen. Auf jeden Fall will ich immerhin zwei der Stationen ansteuern.

Die erste ist der Frankfurter Platz. Letztes Jahr gab’s da erstmals das Kulturschaufenster, bei dem auch die Riptide-Gäste Müller & die Platemeiercombo auftraten. Riptide-Gäste stehen auch dieses Mal auf dem Programm: Play-It-Again-Ben Büttner, der Pianist der Bumsdorfer Auslese, spielt Schlagzeug bei der Band Tatsache, und Toddn liest abends im Gambit aus der Historie des Viertels: von Arbeitern nämlich, die dort gewohnt haben. „Live im Westen“ heißt das Programm, vom dem ich immerhin Le’Band, Tatsache und Culture Pub live mitbekomme. Die Mischung im Publikum gefällt mir: Punks, Prolls – und alles dazwischen. Ein paar minderjährige Halbstarke posieren vor den Irishfolkern Culture Pub und überraschen mich damit, dass sie plötzlich mit Tapdance beginnen. Noch überraschender finde ich, dass sie den mit Streetdance kombinieren, indem sie aus dem Nichts einen Stuhl herbeizaubern, über dessen Lehne hinweglaufen und anschließend auf dem Boden vor den pogenden Punks Handstandüberschläge machen. Außerdem treffe ich viele Bekannte und Freunde, deren Bekannte sich für mich überraschend ebenfalls allesamt untereinander kennen. Dieses Braunschweig ist eben doch eine Erbse.

Das Barbecue im Riptide verpasse ich leider erneut, wie schon im letzten Jahr. Dafür bin ich einfach zu spät aus dem Haus gekommen. Auch Toddns Lesung verpasse ich leider, weil ich mich in der einsetzenden Dunkelheit dann doch auf dem Weg in den Handelsweg mache. Per SMS aus dem Stadion erfahre ich, dass es gegen Fürth noch 0:0 steht. Wo bleibt der Zauber der ersten Spieltage dieser Saison? In Richtung Innenstadt komme ich noch an Christiane Stegats „Spawn“ vorbei, dem illuminierten Froschlaich am Neustadtmühlengraben im Prinzenweg. Der dritte Lichtparcours macht Laune, besonders die Exponatdichte im Bürgerpark. An Wochenenden herrscht dort nachts ein herrlicher Kunsttourismus. Und die „Appearing Rooms“ von Jeppe Hein machen rund um die Uhr und allen Altersstufen Spaß. Vornehmlich kleinen Kindern, die wild tobend durch die Fontänenräume rennen. Da wird mal wieder ein nächtlicher Okerrundgang fällig, wie schon vor fünf und vor zehn Jahren. Mit Verweilen, Fotografieren und mit Leuten ins Gespräch kommen dauert das ungefähr vier äußerst angenehme Stunden.

Von der Breiten Straße biege ich in den Handelsweg ein und höre, dass dort gute Laune herrscht. Alle Tische im Achteck sind belegt, Kerzen illuminieren den Hof anheimelnd. Ganz anders sieht es im Café aus. Alle Tische und Stühle sind weg, lediglich das Sofa steht unterhalb der völlig leeren Wand neben einer Grünpflanze und einer Lampe. Dies soll heute Nacht die Tanzfläche sein. Auf der gegenüberliegenden Seite steht der DJ des Abends, Monsieur LeSupersexuel, und konzentriert sich auf das, was ihm seine Kopfhörer von den rotierenden Plattentellern übermitteln. Hinter der Theke begrüßt mich Sina, André kommt aus der Küche. Dort werkelt Lara an Kundenbestellungen herum. Alle drei tragen vorn DIN-A6-große Aufkleber. Die haben oben und unten einen goldenen Rand, wie im Breitwandfilmformat, und zeigen dazwischen getaggt den Namen des jeweiligen Trägers. „Das war Leif“, sagt André. Live? Bei einem Konzert? Oder was? „Nein, Leif, ein Stammgast.“ Ach so! Aber ich hab gleich einen neuen Namen für die meterlange Liste kurioser Namen: Leif Gig.

Ein Live-DJ-Set bereitet Monsieur LeSupersexuel derweil vor. Er heißt eigentlich Helge und verrät, dass er ein Schwager vom Riptide-Lesereihenveranstalter Frank Schäfer ist. Helges 60’s Beat Partys erfreuen sich im Riptide einiger Beliebtheit, auch wenn Helge ein bisschen beklagt, dass es für reine Soulmusikpartys in Braunschweig keine so richtige Szene gibt. Er schwärmt von Hamburg: „Da gab’s mal einen Club über dem Thalia-Theater, das Nachtasyl, das lag im fünften oder sechsten Stock und man musste zu Fuß die Treppen rauf.“ Dort seien Deko, Kleidung und Musik stilecht wie in den 60ern gewesen. Helge strahlt bei der Erinnerung daran. „Ein Kumpel hat damals in Hamburg gewohnt, einmal im Monat ins Nachtasyl war Pflicht“, erzählt er. Hier in Braunschweig beschallt er ansonsten bisweilen die Haifischbar mit amerikanischem Soul, Northern Soul, Beat und Garage aus den 60ern. Den Plan hat er sich für heute auch vorgenommen – „aber ich habe keine konkrete Playlist“, sagt er. Ob das Stück, das zurzeit auf dem Turntable turnt, auch das Eröffnungsstück ist, weiß er noch nicht, da will er sich vom Moment leiten lassen. Normalerweise habe er im Riptide außerdem immer einen Beamer dabei, der Fotos aus den 60ern an die Wände wirft, aber heute aus organisatorischen Gründen nicht. Am Nachmittag schon unterhielt Helge die Barbecue-Gäste, mit modernem und zeitgenössischem Indie-Sound. „Gegessen habe ich leider nichts, aber es hat gut gerochen“, bedauert Helge.

An der Theke bestellt sich Leif ein Astra. „Ich habe heute früh schon gearbeitet“, erzählt er. „Auf dem Wochenmarkt am Altstadtmarkt, am Bioland-Stand vom Lindenhof.“ Oh, dann müsste ich ihn ja gesehen haben, schließlich gehe ich da auch allsamstäglich einkaufen. „Ich mache das seit zwei Jahren“, sagt Leif. Dann erstrecht, sage ich. „Wir müssen uns mal treffen“, sagt Leif und hebt die Hand zum Highfive. Aber gerne! Ich schlage ein und spreche ihn auf die Namensschilder an. „Willst auch eins haben?“, fragt er. Au ja. Leif holt einen weiteren Aufkleber aus seiner Tasche und setzt den Edding an. Er schreibt „MatZe“, setzt vorn und hinten je ein Sternchen dazu und ein „Yo!“ darüber. Dann zieht er die Folie ab, setzt den Aufkleber auf mein T-Shirt, streicht darüber, zögert ein bisschen, sagt dann entschuldigend: „Das gehört dazu“ und klopft mir einmal auf die Brust. „Danke, darauf hab ich schon gewartet“, sage ich. Leif macht viel in Street Art und Stencils, erzählt er und geht dann mit Getränk und Begleitern zurück ins Achteck.

Die Namensschildern fallen vielen Gästen auf, die sich an der Theke Getränke bestellen. „Was steht da drauf?“, fragt Nora Sina stirnrunzelnd. „Sina“, sagt Sina. „Hätte auch Linda heißen können“, meint Nora. „Nenn mich heute Klaus.“ Christian steht neben ihr und guckt mit verkniffenem Blick auf mein Schild. „Matze…?“, rät er. Stimmt. „So unlesbar ist es also nicht“, sage ich. Nora schüttelt den Kopf: „Er ist Künstler, er ist tag-geprüft.“ Aus der Küche tritt André hinter die Theke. „André!“, ruft Nora. „Ich bin nur deinetwegen hier.“ Sie erkundigt sich auch nach Chris, aber der hat schon Feierabend.

Die nächste Bestellung kommt vom DJ: „Hast du mal eine Gabel und Gaffa-Tape?“, fragt Helge Lara. Habe ich das gerade richtig gehört? Eine Gabel und Gaffa-Tape? Das ist wohl die kurioseste Bestellung, die ich im Riptide je gehört habe. „Du magst die Olsenbande?“, mutmaße ich. „Das auch, ja“, entgegnet er. „Dann hättest du noch einen stinkenden Käse bestellen müssen“, sage ich. „Das wollte ich nur leise sagen“, grinst Helge, „aber wofür ich das brauche, das bleibt mein Geheimnis.“ Er verrät es doch, als Lara ihm zumindest die Gabel überreicht und ihn bittet, sich wegen des Gaffa-Tapes an André zu wenden. Helge legt den Griff der Gabel mit den Zinken auf seinen Bauch gerichtet auf den Tresen und deutet mit einer Handbewegung an, wie er sie quer mit Gaffa-Tape festklebt. „Das wird mein Kopfhörer-Halter“, sagt er. Der Schleier ist gelüftet, ich bin baff. „Schön mit Rundung“, deutet Helge auf die Zinken, „da kann man den Kopfhörer reinhängen.“ Er nimmt die Gabel von der Theke und grübelt: „Was hat sie gesagt, André fragen wegen Gaffa?“ Hat sie.

Zwei Sekt bestellt Iris und deutet auf den untersten Boden der Vitrine: „Was ist das denn Putziges?“ Auf einem Silbertablett stehen gerade noch zwei winzige Alu-Förmchen mit kraterartigem Gebackenem darin. „Keine Ahnung, irgendwas Vanilliges“, sagt Lara. „Möchtest du eins?“ – „Nä“, sagt Iris und geht in Abwehrhaltung einen Schritt zurück. Lara ist verwirrt: „Eben waren sie noch putzig?“ – „Daran ändert sich auch nichts“, versichert Iris. „Aber essen? Nee.“ Ohne das zu begründen, aber mit einem breiten Grinsen nimmt sie ihre Sektgläser und geht ins Achteck. Ich finde, dass die Vanilligen gut aussehen. Wenn nicht gerade so viel los wär, würd ich eines bestellen. Zum Probieren.

Aber die Schlange der ihrerseits Bestellenden reißt gerade gar nicht ab, zum Glück. „Da ist jeweils 50 Cent Pfand drauf“, sagen Lara und Sina bei jedem Getränk, das sie an die Gäste ausgeben. Das wird ab sofort zu ihrem Mantra. Astra geht heute am besten, in Urtyp ebenso wie in Rotlicht. Die beiden mischen Weißweinschorlen und Mojitos. Sie greifen im Kühlschrank nach Wolters, Bionade, Schöffehofer Grapefruit, Fritz-Kola und Beck’s. Jeder geöffnete Kronkorken landet klackend in einem grünen Becher, um den ganz viele rote Gummibänder gewickelt sind. Sie drücken bei der Kaffeemaschine auf den Knopf für Cappuccino. Sogar der Bitte nach einer Zigarette kommt Sina nach. Lara ist müde, ihre Augen sind nur halb geöffnet. „Was ist los?“, frage ich. „Wenig geschlafen“, kommt die wenig überraschende Antwort. „Was war’s“, frage ich nach und mutmaße: „Der Mond?“ Der nimmt gerade zu und ist wegen der Wolken ohnehin nicht zu sehen, ist also zurzeit das unverfänglichste Argument für Müdigkeit. Sie nickt: „Genau, der Mond.“ Also nicht. „Ist schlimm grad, nicht?“, spinne ich weiter. „Ja“, sagt Lara. „Erst der Mond, dann die Sonne. Die wechseln sich ab. Du kommst da nicht raus. Das ist Scheiße.“

Rein kommt dafür Marc, mit einer großen Papprolle in der Hand. Die reicht er Sina über den Tresen und bittet sie, das Plakat aufzuhängen. André kommt aus der Küche und wird sofort neugierig. Er lässt sich vom Sina das Plakat geben, sieht es sich an und verspricht, es noch am Abend aufzuhängen. Worum geht’s? „Rock’n’Roll Wrestling Bash“, klärt Marc mich auf. Was? „Am 4. September in der Skateboardhalle Walhalla, ein Rock’n’Roll-Konzert mit Wrestling-Show“, erklärt er. GTWA nennt sich der Veranstalter, „das steht für Galactic Trash Wrestling Alliance“, sagt Marc. Und fügt berechtigt hinzu: „Das wird die skurrilste Show, die Braunschweig je gesehen hat, das schwör ich!“ Marc ist erster Vorsitzender von Walhalla und veranstaltet das Spektakel zusammen mit Carlos, dem Chef der GTWA. „Ein Mexikaner“, erklärt Marc. „Es wird einiges an Skurrilitäten zu sehen geben, zum Beispiel Fights wie Betty Poo gegen Boris The Butcher, Blutgesplatter und Pyrotechnik, mit Musik abgestimmt.“ Ui. Marc führt weiter aus: „Die Band spielt während des Wrestlings, die Moves sind auf die Musik abgestimmt.“ Für mehr Informationen verweist er auf die Internetseite und das mitgebrachte Plakat, „André wollte das gleich aufhängen.“ Jetzt zieht es Marc aber nach draußen zu seinen Getränken.

Draußen ist es rappelvoll. Wo hat man schon mal Gäste im Außenbereich ihres Lieblingscafés bereitwillig stehen sehen? Die Soul-Party hat sich eben einfach nach draußen verlagert, es sieht dort so aus, wie es drinnen aussehen würde, wäre es draußen kalt. Drinnen rotiert derweil der Ventilator am Eingang, Helge hat die ersten Tunes eingespielt, ein Gast stützt sich mit Getränk in der Hand auf die Holzabdeckungen auf den LP-Regalen. Am Tresen wimmelt es vor trinkfreudigen Gästen. Das Riptide ist längst bereit, zum Tanz zu bitten. In zwei Wochen bittet es außerdem zum Metal: Im Rahmen der Braunschweiger Kulturnacht gibt’s „Read ’em All“ mit Till Burgwächter, Axel Klingenberg und Helges Schwager. Zurzeit geht gottlob eine Menge in Braunschweig. Trotzdem verliert die Eintracht in dieser Nacht, 1:2 in der Verlängerung. Da mag man mit den Nürnbergern einstimmen, die da sagen: „Lieber Fünfter als Fürther.“


Matze Bosenick
www.krautnick.de

#28 Ein ernsthafter Mann

3. Februar 2010


Dienstag, 2. Februar

Vor 20 Uhr kommt zunächst kein Gast ins Café Riptide, denn bis dahin bereiten André und Chris den Raum für die heutige Abendveranstaltung vor. Heute Abend liest Ex-Titanic-Chefredakteur Thomas Gsella im Café, zum bereits zweiten Mal. Für die Gäste, die die Zeit zwischen Cafébetrieb und Abendveranstaltung dennoch in Reichweite des Riptides verbringen wollen, hat sich die Situation immens verbessert: Sie müssen jetzt nicht im kalten Nieselregen stehen, sondern können sich die neue Rip-Lounge setzen. Dort sitzt Sylvia und interviewt Thomas Gsella für Radio Okerwelle. Gerald Fricke und Frank Schäfer setzen sich nach einer Weile dazu. Sie kennen Thomas Gsella, denn sie hatten ihn einmal bei ihrer Literaturshow „Lemmy und die Schmöker“ zu Gast, die sie bis vor ein paar Jahren gemeinsam mit Hartmut El Kurdi im Antiquariat Buch und Kunst veranstaltet hatten. Dort war Sylvia auch immer Gast, deswegen kennt sie auch die beiden Braunschweiger Autoren.

„Hast du reserviert?“ Diese Frage wird Jana an der Kasse heute noch häufiger stellen. Die meisten Gäste bejahen sie. Statt einer Eintrittskarte drückt Jana den Gästen den Riptide-Stempel in die Hand. „Ich bin die Aushilfe für die Aushilfe“, erklärt Jana lachend. „Das mache ich gerne, wenn mal Not an der Frau ist.“ Der nächste Gast kommt an die Kasse. „Hast du reserviert?“

Noch ist im Café nicht viel los. Überall stehen Bierbänke quer im Raum, eine winzige Bühne drängt sich in die LP-Ecke, davor warten die vier schwarzen Hockerwürfel auf Sitzende. Die nehmen zuerst das Sofa am anderen Ende des Raumes ein. André kommt aus Richtung Sofa, Chris kommt von der Leiter herunter. Er hat den Beamer auf einen Lautsprecher gestellt und das Bild von Gsellas neuem Buch „Warte nur, balde dichtest du auch! – Offenbacher Anthologien“ auf die Leinwand neben der Minibühne projiziert. Chris setzt sich auf den Stuhl an dem Tisch auf der Bühne. „Thomas Gsella hat mich gebeten, euch ein paar Geschichten zu erzählen“, spricht er ins Mikrofon. „Er hat keinen Bock“, behauptet er und fügt grinsend hinzu: „Auf euch.“

Ein Relikt aus vergangener Zeit, ein Symbol für die Einzigartigkeit und den liebenswerten Charakter des Café Riptide haben Chris und André zu Grabe getragen: Den Schlüssel für das WC. Er liegt jetzt aufgebahrt in einem Holzsarg auf dem Tresen, beschriftet mit „R.I.P. 16.9.2007 – 16.1.2010“. Seit es in der Lounge Toiletten gibt, wird die Frage „kann ich mal den Schlüssel haben?“ im Riptide ebenso wenig wieder zu hören sein wie die gut gelaunt geäußerte Wegbeschreibung „wenn du hier raus gehst, nach rechts, etwa zehn Meter, dann auf der linken Seite die Glastür, die Treppe hoch“. Eine Ära geht zu Ende. Das sehen offenbar viele Gäste so, denn Chris erzählt eben jemandem, dass ein anderer Gast gesagt hätte, er würde jetzt trotzdem nur mit dem Schlüssel aufs WC gehen wollen. Überdies berichtet Chris, dass es mit der einzigartigen Klingel für die Funk-Verbindung zur Rip-Lounge nicht geklappt hat, und beruhigt: „Die provisorische Klingel funktioniert jetzt immerhin.“

Am Rand der ersten Reihe stapelt Sylvia ihre technischen Dinge und ihre Winter-Sachen auf die Bank. „Hab den Thomas interviewt drüben“, sagt sie, „und mir jetzt einen Platz in der ersten Reihe reserviert.“ Auch Chris setzt sich in die erste Reihe, neben Marcel Pollex vom Ensemble der Bumsdorfer Auslese. Mehr Platz ist im rappelvollen Café auch kaum noch zu bekommen. Aber zu finden: Auch Heike und Jerun zwängen sich noch erfolgreich nach ganz vorne.

Sich umständlich verrenkend nimmt Thomas Gsella den Platz auf der Bühne ein. „Ich darf mich nicht bewegen, sonst rutsche ich von der Bühne“, stellt er um sich blickend fest. „Hinter mir ist ein Graben, zehn Meter tief.“ Vor einem Jahr sei er schon mal im Riptide gewesen, erinnert er sich. „Als ich vor einem Vierteljahr erfuhr, dass ich schon wieder für Braunschweig gebucht bin, stellte ich fest, dass ich noch gar kein neues Programm hatte, da musste ich schnell zwei neue Bücher schreiben.“ Zum Beispiel die „Offenbacher Anthologie“ als Antwort auf die „Frankfurter Anthologie“, die Marcel Reich-Ranicki als Lyrik-Rezensions-Kolumne in der FAZ verfasst. Gsella beschränkte sich jedoch nicht wie Reich-Ranicki auf deutschsprachige Lyrik, sondern ließ prominente Gestalten offenbar ohne deren Wissen weltweit unbekannte Lyrik-Phänomene auftun und beschreiben. Passend dazu warf er immer ein Foto des vermeintlichen Dichters an die Wand. Gsella adaptierte nicht nur absurde Lyrik, sondern nicht minder überzeugend die verbalen Auswüchse der Lyrikrezipienten. Die Genrevielfalt und das damit sehr breit gefächerte Allgemeinwissen brachten immer andere Ecken des Publikums zum Lachen. Freude hatten so alle an der Lesung.

In der Pause wechselten viele Gäste in die Rip-Lounge, nicht nur zum Rauchen. Heike und Jerun gehören dazu. Heike lobt das Riptide. „Eine tolle Atmosphäre hier“, sagt sie. Erst gestern Morgen hatte sie per Mail zwei Plätze für die Veranstaltung vorbestellen wollen. „Abends kam dann Antwort von Chris“, erzählt sie erleichtert. Die beiden gehen rauchen, wie viele andere Gäste auch.

Also haben die Nichtraucher im Riptide mehr Platz, sich in Gruppen zusammenzustellen und zu unterhalten. Mit leuchtenden Augen schwärmt Gerald von „A Serious Man“, dem neuesten Film der Brüder Joel und Ethan Coen. Das Ende habe ihn überrascht, die vielen kleinen Details gefielen ihm. „Das Parkplatz-Gleichnis“, erinnert er sich und muss sofort wieder darüber lachen. Gerald hat den Anspruch, die Filme der Coen-Brüder komplett zu sehen „‚Burn After Reading’ habe ich noch nicht gesehen, ‚Barton Fink’ war mein erster“, erzählt er. Der habe ihn damals auf den Rest erst neugierig gemacht. „Arizona Junior“ fehle ihm noch. Über „Ladykillers“ sagt er jedoch: „Das ist der Verzichtbarste.“

Zwei Gruppen von Gästen bevölkern die Rip-Lounge: Die Raucher, sitzend, und diejenigen, die sonst nach dem Schlüssel fragen würden, schlangestehend. Irgendwo dazwischen macht sich Laura auf den Weg zurück ins Haupt-Café. Laura kellnert im Herman’s, lernt zurzeit aber auch viel fürs Studium. „Ich könnte mir keinen Job vorstellen, bei dem ich nichts mit Leuten zu tun habe“, sagt sie, und erzählt: „Eine Freundin gestaltet Dinge am PC, das könnte ich nicht.“ Sie verlässt die Rip-Lounge. Allmählich leert die sich, auch Heike und Jerun rauchen auf und gehen durch den Nieselregen zurück ins Café.

Am Eingang steht André im Niesel und raucht. „Am 13. haben wir wieder die Party mit dem Superbonz Soundsystem“, sagt er. „Da lassen wir in der Rip-Lounge entspanntere Musik laufen, da können die Leute dann chillen.“ Er zieht an der Zigarette, da kommt Ben den Handelsweg entlang. Der Play-It-Again-Ben der Bumsdorfer Auslese wundert sich, was im Café los ist. „Thomas Gsella hält eine Lesung“, sagt André. „Ich komme nur zufällig vorbei, will mit Arbeitskollegen etwas trinken gehen“, sagt Ben. Er fragt André: „Haste mal Feuer?“ und hält ihm eine Selbstgedrehte hin. André hat Feuer. Ben dankt und verschwindet grüßend und Rauch in die Luft blasend in der nassen Kälte.

Kabel und Mikrofone türmen sich auf Sylvias Platz. Sie schneidet Gsellas Programm auszugsweise mit: „Mal sehen, was noch kommt.“ Den Anfang habe sie jedenfalls mitgeschnitten, berichtet sie, und freut sich: „Besonders Franks Lachen, das hört man ja immer und überall heraus.“

Jetzt ist auch Thomas Gsella aus der Raucher-Lounge zurück an seinen Bühnenplatz gekehrt. „In der Pause haben Leute gesagt, die Lesung wäre scheiße, weil zu wenig Gedichte vorkamen“, setzt er an. Den Missstand behebt er, indem er für Spiegel-Online verfasse Sudel-Gedichte über Städte rezitiert. „Über Braunschweig habe ich auch eines geschrieben auf der Fahrt hierher“, sagt er und liest es vor. Die „Offenbacher Anthologien“ bestimmen danach auch den zweiten Teil der Lesung, obendrauf gibt es Prosa sowie Texte aus der Titanic-Rubrik „Vom Fachmann für Kenner“ zu hören.

„Es ist schön, jemandem zu lauschen, der weiß, was er da macht“, kommentiert Janna an deren Ende die Veranstaltung. Für Gsella erfindet sie das Lob „ich find den krallenett“. Heike, die vor ihr sitzt, bedient sich an Jannas Kleidungsstücken, bis sie bemerkt, dass es gar nicht ihre sind. Beide lachen. „Ich war mal auf einer Party, da haben alle ihre Jacken aufs Bett geworfen, um die 30 Gäste“, erzählt Heike. „Das war im Winter, und als ich nach Hause wollte, musste ich erst meine Jacke suchen – alle waren schwarz“, sagt sie. Im gehen macht sie noch einen Vorschlag: „Im Winter sollte man mal etwas anderes als Schwarz tragen, zum Beispiel Orange.“

Auch Sylvia sucht ihre ganzen Sachen zusammen. „Am Sonntag von zwölf bis 13 Uhr mache ich über Chris eine Sendung“, kündigt sie an. „Den ganzen Werdegang, vom Mailorder bis zum Café, und André sucht die Musik aus.“ Kabel landen in Sylvias Tasche. „Das Interview mit Thomas ist am Donnerstag in ‚Pandora’ zu hören, zwischen 19 und 20 Uhr“, sagt sie. Die Sendung „Pandora“ läuft an jedem Donnerstag auf Radio Okerwelle. Der Sender residiert in der Brunsviga, dort ist Sylvia also oft anzutreffen. „Da kommt Hartmut El Kurdi hin, am 26. Februar, zum Satire-Fest“, sagt Sylvia begeistert. „Und am 27. März kommt er mit The Twang auch in die Brunsviga“, schiebt sie hinterher. Kaum weniger begeistert berichtet sie von der neuen The-Twang-CD: „Klaus Voormann hat das Cover gemacht, die Band in einem Stetson – Voormann hat in der Band von Manfred Mann gespielt und das Cover von der Beatles-LP ‚Revolver’ gestaltet.“ Im Vorbeigehen hat auch Frank, dessen Lache Sylvia so mag, noch einen Veranstaltungstipp: „Am 4. März ist Frank Schulz im Riptide, das stand auch unten im Newsletter zu Gsella.“

Die Show ist lange vorbei, das Riptide leert sich. André klappt Bänke zusammen, Jana gibt an der Theke das Pfandgeld aus. Chris dankt Thomas Gsella an der Bühne für den Abend. Wird Gsella ein drittes Mal ins Riptide kommen? „Wenn ich darf?“, hält er grinsend dagegen. Chris spielt empört: „Aber sicher!“


Matze (van Bauseneick)
www.krautnick.de

#26 Wunsch oder Reim aka Glücklos wuschig

10. Dezember 2009


Mittwoch, 9. Dezember

Zum Geleit: Da es auf Weihnachten zugeht und Weihnachten nach heutiger Auffassung vorrangig das Fest der Wünsche ist, stehen die Gäste des Café Riptide heute vor der Wahl, entweder von einem Wunsch zu berichten, den sie sich bereits erfüllt haben oder noch erfüllen möchten, oder sich ein Gedicht auszudenken.

Chris und André haben im Achteck vor dem Riptide immer noch Tische und Stühle unter dem Schirm stehen, und die werden auch immer noch genutzt, von Rauchern zumeist. Dabei ist es heute wenngleich trocken, so doch recht kalt. Immerhin lässt sich die Sonne gelegentlich blicken. Das ist so ungewöhnlich, dass es sich bei den Gästen deutlich bemerkbar macht. „Alle strahlen heute, die reinkommen“, stellt André daher fest. Und lässt sich seinerseits ansteckend davon anstecken.

„Was ist denn gerade die Suppe der Woche?“, fragt Manu vom Platz vor der Theke aus. „Linsensuppe nach Omas Rezept“, sagt André über die Theke hinweg. Manu bestellt davon. „Weil die Linsen die Flüssigkeit eingezogen haben, ist aus der Suppe ein Eintopf geworden“, erklärt André, als er Manu die Schüssel bringt.

„Sondersendung“ heißt die Silvesterparty, die im Fernmeldeamt steigt und an der auch das Riptide beteiligt ist. André weist auf die entsprechenden Flyer hin, die seit einiger Zeit der Tresen schmücken. Auch weist er darauf hin, dass am Samstag, 19. Dezember, Monsieur LeSupersexuel im Riptide seine „Sinful pleasures a-go-go“ ausleben wird. „Das ist Helge, der hat oft in der Haifischbar aufgelegt, das ist das dritte Mal, dass er das jetzt bei uns macht“, erklärt André. Und schlägt das aktuelle „intro“ auf, da ist „The Ghost That Broke In Half“, das neue Album der Göteborger Band Boy Omega, in der Rubrik „Platten vor Gericht“ auf Platz fünf von zehn. Das Album ist auf dem Riptide-Label erschienen. Außerdem berichtet André von Franzi, der neuen Aushilfe. „Sie macht das Team komplett“, sagt er. Kathi, Sina und Franzi ermöglichen Chris und André jetzt mehr Freiraum, sich um andere Belange des Cafés zu kümmern.

Chris sitzt nämlich auch jetzt wieder in seiner Büroecke. Man hört aus dem Winkel abwechselnd Tastaturklappern, Stuhlknarren und Sichamtelefonverabschieden. Ansonsten hört man recht wenig im Riptide, obwohl es voll ist. Eine beinahe andächtige Stille macht die allgemeine strahlende Entspanntheit greifbar. Jetzt steht Chris auf und sortiert einige Belege in die Schublade am Tresen. Er guckt in den Raum und stutzt: „Sind so viele Leute da – was ich immer nicht mitkriege.“ Er dreht sich zufrieden um und kehrt an seinen Arbeitsplatz zurück.

„Ich habe mir den Wunsch erfüllt, nach erfolgreicher Abschlussarbeit einen Thorens-Plattenspieler zu kaufen“, sagt Manu, als er seine Suppenschüssel geleert hat. „Ich habe mir gesagt: Wenn das gut läuft und ich damit fertig bin, erfülle ich mir den Wunsch.“ Ein TD 147 ist es. „Nicht das Überding“, meint er, „aber ein schönes Ding aus den 80ern.“ Gefunden hat er ihn in einem Laden, dem er bereits seit längerem vertraut: „Neuklang, am Affenfelsen, der Typ ist schon älter, der erklärt einem auch alles, wenn er was heile macht.“ Die Abschlussarbeit hat Manu in seinem Hauptfach Politikwissenschaft geschrieben. „Einen Großteil der Arbeit habe ich im Riptide fertiggestellt“, erzählt er grinsend. „Im Sommer habe ich mich immer draußen hingesetzt mit meinem Minilaptop, und wenn’s gut gelaufen ist, habe ich mir Platten mitgenommen, wenn es nicht gut gelaufen ist, habe ich mir nichts mitgenommen.“ Stressig sei die Zeit gewesen, aber damit habe er sie sich etwas versüßt. „So habe ich mein gesamtes Monatsgeld abgesetzt“, sagt er. Doch ganz vorbei ist es noch nicht: „Jetzt lerne ich für die Abschlussprüfung, das ist noch alter Magisterstudiengang.“ Die Freunde, auf die er gewartet hat, sind inzwischen eingetrudelt. Manu setzt sich zu ihnen, es gibt ein großes Hallo.

Von seinem Tisch in der Ecke geht Dennis nach draußen, um zu rauchen. Ein Wunsch fällt ihm nicht gleich ein, „da muss ich erst überlegen“, sagt er. Und überlegt. Und sagt dann grinsend: „Wie letztes Jahr: Weihnachten nur mit Alkohol.“ Vom Wunsch schweift er ab. Das Fernmeldeamt, in dem auch die Silvester-Sondersendung stattfindet, interessiert Dennis. Zum Silver Club, der dort am vergangenen Samstag stieg, war er jedoch nicht in Braunschweig. „Mal sehen, ob ich es überhaupt mal in den Laden schaffe“, sagt er. Denn er beabsichtigt einen Umzug nach Berlin, außerdem soll das Gebäude im August schon abgerissen werden. „Ich habe gehört, dass im April Schluss ist mit Veranstaltungen“, sagt Dennis und zieht an der Zigarette. „Irgendwann bin ich nur noch zu Besuch in Braunschweig, dann interessiert mich das nicht mehr so.“ Er hat aufgeraucht, nimmt seine Zigaretten vom Tisch und geht an den Tresen, um sich von André einige LP-Schutzhüllen und Innen-Sleeves geben zu lassen, bevor er in die kühle Dezemberluft zurückkehrt.

Mit strahlenden Augen erzählt André von den Movie Days, die kürzlich an zwei Tagen in der Stadthalle stattgefunden haben. „Der Beißer, Jay und Boba Fett waren da, also Richard Kiel, Jason Mewes und Jeremy Bulloch“, schwärmt André. „Ich bin da wie ein kleines Kind herumgelaufen, habe mich in ein Raumschiff gesetzt, und meine Freundin musste alles fotografieren.“ Andrés Augen werden immer größer. „Der Beißer hat meinen Kopf so in die Zange genommen“, sagt er und deutet es mit seinen Händen an. Gregor, der gerade mit beschlagener Brille ins Café kommt, fragt André nach einigen Bestellungen. „Viele Leute sind da auch in Verkleidungen hingekommen“, sagt André noch und reicht Gregor die Califone-LP „All My Friends Are Funeral Singers“ herüber. „Die Califone ist da“, kommentiert André und dreht sich zurück ans Plattenfach neben dem Kühlschrank. Gregor nimmt seine Brille ab, als André ihm mit den Worten „und diese hier“ eine weitere LP reicht. Gregor kann mit beschlagener Brille so wenig sehen wie ganz ohne und braucht etwas Zeit, um „Roots To Grow“ von Stefanie Heinzmann zu erkennen. „Nee, die habe ich nicht bestellt“, wehrt Gregor lachend ab, und ebenso lachend steckt André die Platte zurück ins Fach. „Brauchst du ein Tuch?“, fragt er Gregor. „Nein, das bringt nichts“, antwortet der, „die beschlägt sowieso gleich wieder.“ Er geht an die LP-Fächer und versucht, die Neuheiten zu erkennen.

„Im Film ‚Sneakers – die Lautlosen’ sagt der Blinde: ‚Ich möchte Frieden auf Erden und eine gute Gesinnung für Jedermann’, und der CIA-Mann antwortet: ‚Wir gehören zur Regierung der Vereinigten Staaten von Amerika, wir machen so etwas nicht!’“, antwortet Sebastian auf die Frage nach dem Wunsch. Er sitzt draußen am Tisch und raucht. Janett neben ihm lacht. „Das habe ich auch als Sample in einem Song gehört“, fügt Sebastian hinzu. Das macht Janett neugierig: „Wo denn?“ Doch Sebastian ist sich nicht sicher, tippt vorsichtig auf die Wohlstandskinder und liegt damit richtig. „Die Welt von Mitteleuropa aus“ heißt der Song. „‚Frieden auf Erden und eine gute Gesinnung für Jedermann’ antworte ich immer, wenn mich einer fragt, was ich mir wünsche, wie bei einer Sternschnuppe“, sagt Sebastian. „Das sage ich immer, auch wenn’s was anderes war.“ Janett würde gerne dichten, mag aber die langweiligen Paarreime nicht, die ihr spontan einfallen. Auch Sebastians Angebot, dazu eine Beatbox zu machen, kann sie nicht dazu umstimmen, die Reime dennoch zu nennen. „Ich wünsche mir einen Einfall für unter meinem Hochbett“, sagt sie daher. „Mit McDonald’s-Bällen hinter Plexiglas, so was bräuchte ich für unter meinem Hochbett – oder einen anderen Einfall.“ Sie erklärt, dass sie das alte Sofa, das einmal darunter stand, überraschend auf dem Sperrmüll loswerden konnte, ohne sich rechtzeitig um einen Ersatz dafür kümmern zu können. „Da ist jetzt nichts, ich sitze auf dem Boden, hab schon angefangen, meinen Hocker zu lackieren und eine Werkstat einzurichten“, sagt sie hilflos. Die Sache mit dem Reim lässt sie aber auch nicht los.

Zu einem Nachgespräch über den fünften Silver Club am vergangenen Samstag treffen sich Skapino, der den Löwenanteil der Organisation übernommen hat, und „Soundschwester“ Claudy, die eine Hälfte der DJs stellte, im Riptide. „Hurra, wir leben wieder“, sagt Skapino, während er seine Jacke über die Stuhllehne hängt. „Und wir sind fast fertig mit Abbauen.“ Er setzt sich, Claudy hat ihren Platz auf der gemütlichen Bank gefunden, die seit kurzem im Riptide steht. „Wollt ihr erst mal ankommen?“, fragt André und begrüßt die beiden. „Wir sind da!“, ruft Skapino und bestellt einen Milchkaffee. Claudy überlegt, dass sie gerne Kaffee und etwas Limonadiges tränke, und wirft einen schnellen Blick in die Karte. „Habt Ihr Bionade?“, fragt sie André. Der bestätigt das und ergänzt: „Aber auch Bios.“ Das weckt Claudys Neugier. Sie lässt sich die Sorten aufzählen und entscheidet sich für Lemon Grass und einen Cappuccino. „Ich würde auch gerne Kuchen oder Gebäck bestellen, was habt ihr denn da?“ André beginnt, einige Muffinsorten aufzuzählen, und Claudy wählt einen mit Schokolade. André schreibt mit und wendet sich der Küche zu. „Hast du einen Überblick, wie viele Leute da waren?“, wendet sich Claudy jetzt an Skapino. „Dazu habe ich unterschiedliche Aussagen gehört“, sagt der. „Manche sagen über 500…“ Claudy unterbricht überrascht: „Über 500?“ Skapino nickt: „Im Durchlauf, bei der Party waren es 250 bis 300, bei der Lesung 100 bis 150 vielleicht.“ Sie amüsieren sich darüber, wie schwierig es war, die Leute um fünf Uhr morgens aus dem Fernmeldeamt zu bekommen. „Hinterher haben einige noch mit den herumstehenden Gitarren der Musiker ein Sit-In gemacht“, erinnert sich Skapino. „Das war geil“, fällt Claudy gleich ein. Und zieht Bilanz: „Das war die geilste Party, auf der ich auflegen durfte.“ Und ausnahmsweise einmal die punkig-rockigen Sachen. Mit „Feliz navidad“ von den Voodoo Glow Skulls zum Beispiel hatte sie den meisten Gästen einen nachhaltigen Ohrwurm gezaubert.

Claudy ist geboren in Sachsen, in Aue, im Erzgebirge, und aufgewachsen zwischen Stuttgart und Tübingen. Seit zehn Jahren lebt sie in Niedersachsen, seit sechs Jahren in Braunschweig. „Schwippbögen, so Krempel wie Räuchermändlä, das hab ich auch“, sagt Claudy. Als Skapino überrascht lacht, fügt sie hinzu: „Aber nicht so viele.“ Sie grinst. Das Räuchermändle spricht sie eher schwäbisch als sächsisch aus. „Ich kann viele Dialekte“, sagt sie daher. „Und auch viele Töne – Soundschwester eben.“ Sie lächelt.

Zurück zum Silver Club. Claudy erzählt Muffin essend, wie sie am Samstag kurz bei Pizza Hut um die Ecke etwas essen wollte. „Da gehe ich ja nie hin“, sagt sie. „Und treffe zwei Leute aus Hannover, die sagen: ‚Du legst heute auf, da gehen wir hin!’“ Sie wundert sich. Skapino lacht: „Ich hab deutschlandweit Werbung gemacht, hab ich das nicht erzählt?“ Zumindest bei Radio ffn hatte er eine Ankündigung eingereicht. „Aber ich habe einer Freundin bei ffn eine Einladung geschickt, die hat das dem Verantwortlichen gegeben.“ Und der hat daraufhin für den Silver Club geworben. Doppelt ist sicher.

„Wie findest du den Schweinebärmann?“, fragt Claudy ganz unvermittelt. „Ich finde den knuffig“, sagt Skapino. Das wiederum findet Claudy knuffig. „Da hab ich auch schon aufgelegt, Polkatronics, Partymusik, mit La Cherga, die haben Balkan-Musik gemacht mit Drum & Bass.“ André kommt an den Tisch und fragt: „Möchtet ihr noch etwas trinken?“ Claudys Antwort sorgt für überraschte Stille: „Ich hätt gern’n Schnäpsken.“ André stutzt kurz: „Einen Schnaps?“ Skapino schwindelt: „Sie hat ja auch beim Silver Club ordentlich gebechert.“ Claudy bestätigt das: „Fünf Flaschen Wasser hab ich weggezogen, fünf Flaschen Klaren.“ Sie bleibt beim Auflegen jedoch am liebsten nüchtern und sagt: „Das Auflegen macht doch den Rausch.“ Jetzt bestellt sie sich aber einen Gin Tonic.

Claudy strahlt nicht nur ansteckende Zufriedenheit aus, sie ist auch zufrieden. „Ich hab das perfekte Leben“, sagt die studierte Theater- und Medienwissenschaftlerin und erzählt, dass sie und ihre Freundin zwei Kinder in Pflege haben. „Wir sind wie ein Heim in klein, eine Familie – das ist meine Arbeit“, sagt sie. „Und ich kann alles machen, Musik und Kultur.“ Dabei hat sie ein großes Verantwortungsbewusstsein: „Nächstes Jahr mache ich eine Prüfung zur Erzieherin.“ In sechs Jahren sind die beiden Kinder aus dem Haus. „Vielleicht nehmen wir dann wieder Kinder im schulpflichtigen Alter auf“, sagt Claudy. Sie strahlt, sie schwärmt – „Ein geiles Leben.“

Was sie auch noch macht: Rockabella, die Frauenparty im Jugendzentrum Neustadtmühle, seit zwei Jahren. „Rockabella Riot hieß das früher, aber die Mädels hier sind nicht so auf Riot aus“, grinst Claudy. Auf Radio Okerwelle hat sie außerdem eine Sendung, „Soulseduction“, sonntags ab 23 Uhr. Und sie ist Mitglied der Impro-Theatergruppe „Die Freispieler“. Ans DJen ist sie über ihre Brüder gekommen, die ungefähr zehn Jahre älter sind als sie. „Ich hab immer deren Platten gehört“, erzählt Claudy. Irgendwann sollte sie dann auf den Partys der Brüder auflegen. „Die fanden das gut, so hat’s angefangen – mit 16“. Erst seit zwei Jahren macht die Über-30-Jährige das öffentlich. Ihre Co-DJane beim Silver Club, Ina, kannte sie vorher gar nicht – was nicht so wirkte. „Wir haben nur vorher telefoniert und abgemacht: Ich spiele die rockigen Sachen, sie die elektronischen.“ Und das hat prima funktioniert.

An Skapino richtet Claudy eine Neuentdeckung: den Sampler „No New Tales To Tell“, einem Tribute-Sampler an Love And Rockets, mit Black Francis und Puscifer. Darüber kommen Skapino und Claudy darauf, dass beim Silver Club überwiegend ältere Gäste waren. „Deshalb heißt der auch Silver Club“, behauptet Skapino grinsend. „Echt, ist das der Grund?“, fragt Claudy zu Recht ungläubig. Skapino berichtet: „Nein, wir wollten einfach mal etwas Helles bieten, nicht immer so dunkle Discos – wir haben aber nicht bedacht, wie teuer das ist.“ Er denkt kurz an den roten Molton im Fernmeldeamt: „Obwohl – jetzt müsste er eigentlich Red Club heißen.“

Allmählich muss Claudy aufbrechen, zur Theaterprobe. An die Riptide-Gäste richtet sie einen Reim:

„Ich bin so gern im Riptide und sah Dich manchmal dort –
Ich finde, dies Café ist Braunschweigs schönster Ort!“

An Skapino ist es, zu wünschen: „Ich möchte, dass die Menschen wieder menschlicher werden.“

Bevor auch er geht, erzählt Skapino noch von seiner Wohnungssuche in Braunschweig und davon, wie er begann, hier Netzwerke zu bilden. Er nennt es „WG-Surfen“: „Ich kannte keinen in Braunschweig, hab mir WGs angeguckt, bin eine halbe Stunde da gewesen, hab Tee getrunken, über die Wohnung geredet, weiter zur nächsten – ich dachte mir, da könnte man ein Hobby draus machen.“ Hat er aber nicht, denn: „Irgendwann musste ich ja eine Bleibe finden.“

Als offizieller Flyer-Verteiler des Universum-Kinos strömt Stammgast Micha ins Café. „Guten Tag“, grüßt er André. „Ich komme vom Universum-Kino und möchte die alten Flyer gegen die neuen austauschen.“ André zeigt hinter ihn an die Wand und sagt: „Du kannst die Flyer in die Box stellen.“ Micha dreht sich um: „Ah, vielen Dank.“ Er nimmt die Flyer von letzter Woche aus dem ihm gründlich bekannten Kasten und ersetzt sie durch das Programm für kommende Woche. Weil Michas Tour bis zu fünf Stunden dauert, kann er sich zwar eigentlich nicht lange im Riptide aufhalten, bestellt aber dennoch eine Hausmarke. Und berichtet von seinem Wunsch: „Mit einer attraktiven Frau im Kino sein. Hab ich mir erfüllt.“ Gesehen haben sie „Die Weihnachtsgeschichte“ von Walt Disney. „In 3D“, ergänzt Micha. „Der Film war sekundär. Wenn nicht sogar tertiär, aber der Film war auch gut, deshalb war alles gut.“ Derweil steht Stefan von seinem Tisch auf und fragt André nach einem Kinoprogramm vom Cinemaxx. „Haben wir nicht, aber ich kann im Internet gucken“, sagt André. Stefan druckst herum. „Dann muss ich ja peinlicherweise sagen, welchen Film ich sehen will: ‚Wo die wilden Kerle wohnen’.“ Von Micha bekommt er jedoch sofort Bestätigung: „Ist bestimmt gut, ist von Spike Jonze.“ André findet den Film im Online-Programm nicht, was Stefan wundert. Im aktuellen Subway liest er daraufhin, dass der Film erst am 17. Dezember anläuft, was ihn nicht minder wundert. Ein Wunsch fällt ihm daher schnell ein: „‚Wo die wilden Kerle wohnen’ gucken.“ Beim Blättern in der Subway entdeckt er eine Anzeige vom Kunstmuseum Wolfsburg und fügt hinzu: „In die James-Turrell-Ausstellung gehen – das ist ein Wunsch, den ich mir noch erfüllen möchte.“ Stefan geht zurück an seinen Tisch und berichtet dort, dass der Film erst übernächste Woche anläuft. Micha hat jetzt seine Hausmarke ausgetrunken, verabschiedet sich von Chris und André, geht in die Dunkelheit hinaus und schwingt sich auf sein Fahrrad, Flyer verteilen. Morgen wird im Riptide mit Lord Schadt gewichtelt.


Matze (van Bauseneick)
www.krautnick.de

#24 Silber und Gold

21. Oktober 2009


Samstag, 10. Oktober


Es regnet, und das gefühlt schon immer. Das ist nicht einfach nur Regen, was da vom Himmel stürzt. Besonders nachts sieht der Niederschlag aus wie eine undurchdringliche nasse Wand. Jetzt ist es früher Nachmittag, der Regen ist nur um wenig weniger geworden. Unter dem eigentlich als Sonnenschirm gedachten Wetterschutz vor dem Riptide steht Kathi an einen Stuhl gelehnt und raucht, bei ihr ist eine Freundin. Kathi erzählt, dass sie unterm Dach wohnt und den Regen von allen Seiten auf sich herabprasseln hört. Manchen hindere das am Schlafen, dem anderen helfe es, Schlaf zu finden. Tagsüber hat der Regen einen weiteren Nachteil: Geht man – wie samstags möglich – um die Ecke am Altstadtmarkt über den Wochenmarkt, muss man in den engen Gassen enorm aufpassen, keine Regenschirmspitzen in die Augen zu bekommen. Das Wort „Regenschirmnazis“ fällt. Da fällt Kathi noch eine andere wilde Geschichte ein, wie sie einmal bei grün leuchtender Fußgängerampel über die Straße ging und ihr ein alter Mann mit Stock entgegenkam. „Der hat mit dem Stock vor sich herumgefuchtelt und ihn mir gegen das Schienbein gehauen“, erzählt Kathi, während sie ihre geschützte Deckung unter dem Schirm verlässt und zurück ins Café geht. „Ich war so perplex, ich wusste gar nicht, wie ich reagieren sollte.“

Wenn Skapino neue Mitmacher für den Silver Club gewinnen will, hat er eine pralle Mappe dabei. Darin finden sich Ankündigungen, Fotos, Flyer und Presseberichte über die vier bisherigen Veranstaltungen des mobilen Clubs. Viel Überzeugungsarbeit dürfte Skapino bei seinen Gesprächspartnern kaum aufbringen müssen, denn wer vom Silver Club gehört oder ihn gar selber erlebt hat, ist sofort begeistert. Neben die Mappen auf dem Cafétisch stellt Kathi Kaffee. Skapino kommt aus Hamburg, ist erst vor wenigen Jahren nach Braunschweig gezogen und setzt hier fort, was er dort bereits begonnen hat. Der Silver Club allerdings entspringt nicht alleine seinem geist, sondern einem regelmäßigen Stammtisch, an dem man sich darüber einig war, dass sich einfach nur treffen nicht ausreiche und man das Ganze auch gleich in Produktivität umwandeln könnte. Mit positivem Ergebnis.

Im Frühjahr 2007 gestattete das Haarwerk in der Nussbergstrasse dem Silver-Club-Team, die erste Party zu veranstalten. Ein schräg in den Industrieraum geklebtes Fußballfeld gestaltete den Fußboden unter den an der Decke hängenden Großspiegeln. Das Konzept ging auf, die Braunschweiger nahmen die Party an. „Es gab auch eine Haareschneideaktion“, erzählt Skapino. Denn das sei ein wichtiges Element bei den Partys: „Wir wollen den Ort oder dessen Geschichte thematisieren.“

Dennoch dauerte es zwei Jahre, bis es den Silver Club als Party ein zweites Mal gab. Dieses und auch das dritte Mal bei Marco’s Coffee am Waisenhausdamm, im Frühjahr und Sommer dieses Jahres. Skapino hat Fotos dabei. „Hier haben wir den Einfahrtsbereich zur Lounge gemacht“, erzählt er. Den tschechischen Fotokünstler Jan Saudek konnte er zudem dafür gewinnen, einige Exponate auszustellen. „Beim ersten Mal in Marco’s Coffee hatten wir nicht genug Platz zum Tanzen, das haben viele Gäste bemängelt, doch als wir beim zweiten Mal mit der Lounge genug Platz hatten, hat niemand getanzt.“ Er wundert sich: „Komisch.“ Aber eines freue ihn: „Es ist toll, dass es in Braunschweig so viele Leute gibt, die das annehmen.“

Zwischendurch nimmt Kathi die leere Kaffeetasse mit und bringt Skaipno eine Flasche Fritz-Cola. Skapino dankt und berichtet weiter vom Silver Club, dessen vierte Ausgabe noch nicht so lange zurückliegt. Die fand in der ehemaligen Krabbenkuppel statt, aus der Toddn jetzt die Französische Botschaft macht. „Das war wirklich mal eine“, weiß Skapino. „Wir haben uns mit der Historie des Gebäudes befasst, im 17. Jahrhundert residierte darin die Französische Botschaft“, sagt er. „Die erste Disco Braunschweigs war auch da drin, das passt daher.“ Der vierte Silver Club hatte folgerichtig eine „Französische Indie-Kulturnacht“ als Motto. Chris war daran überdies auch beteiligt, er legte unten im Gewölbekeller auf.

Doch jetzt beschäftigt Skapino der anstehende fünfte Silver Club. Am Samstag, 5. Dezember, soll der stattfinden, Ort: noch unklar. Ein Thema steht zur Debatte: „Es ist eine Drei-Dekaden-Party geplant über die Anfänge des Independent“, überlegt Skapino. „Mit Musik, Kunst und Mode.“ Und dafür sucht er noch Leute, die mitmachen. „Bei uns ist alles vollkommen unkommerziell“, betont er. Niemandem ginge es darum, Gewinne zu machen, und wer seine Hilfe anböte, täte dies ehrenamtlich. So sei auch Michel, der Sänger von Such A Surge, regelmäßig dabei. „Es geht nicht ums Geld, sondern wir machen das für Freunde“, betont Skapino. Wichtig sei ihm zudem, dass der Silver Club niemandem sonst in Braunschweig Konkurrenz mache. „Wir wollen nicht gegeneinander, sondern miteinander arbeiten“, sagt er. Deshalb versuche das Team auch, immer wieder andere Kulturschaffende zu beteiligen. Wie eben letztes Mal Kult-O-Rama, also Toddn. Skapino sammelt seine Unterlagen zusammen und steckt sie zurück in die Mappe.

Offen bleibt bis jetzt allerdings die Frage, warum Skapino so genannt wird, schließlich heißt er eigentlich Sascha. Die Geschichte dazu überrascht, spielt doch die norwegisch-schwedische Crossover-Band Clawfinger eine entscheidende Rolle dabei. „Früher habe ich das viel gemacht, mit einem Freund in den Niederlanden unterwegs sein“, beginnt Skapino die Geschichte zu erzählen. „Da waren wir auf Konzerten und Festivals.“ Dieses eine spezifische Mal war es hinterher wie so oft: wie kommt man zurück? „Der Freund kannte Clawfinger und hat die gefragt, ob wir im Bandbus mitfahren dürfen – Hauptsache, wir kommen nach Hause“, fährt er fort. So saßen die beiden also mit Clawfinger im Bandbus und durchkreuzten die Niederlande auf dem Weg zurück nach Deutschland. „Alle drei Meter kam so ein Plakat, auf dem ‚Skapino’ stand“, sagt Skapino. „Mit Füßen drauf“, vervollständigt er. „Ich fand das lustig, hatte schon was getrunken, und die Clawfinger haben gesagt: ‚You are Skapino!’.“

Heute Abend steigt im Riptide eine Soulparty, „Ein Abend mit Monsieur LeSupersexuel“ lautet das Motto. Doch parallel dazu stehen die Gäste der nächsten Woche heute schon in Wolfsburg auf der Bühne: Müller & die Platemeiercombo werden am 17. Im Riptide spielen und heute im Kulturzentrum Hallenbad der Gruppe Die Trottelkacker Tribut zollen – einer Band also, der Bandchef Müller selbst einmal angehört hatte. Sechzehn Bands haben sich für dieses Großereignis angekündigt. Organisator ist Paul, Schlagzeuger der Gruppe Die Weltenretter, die zurzeit als Foto im Riptide hängt. So schließen sich Kreise.

Noch immer regnet es. Es ist grau und nass mit der Tendenz zu schwarz und nass. Wer das Riptide in Richtung Innenstadt verlässt, kommt an den beiden bunt leuchtenden Stelen vorbei, die darauf hinweisen, dass es im Schaufensterdurchbruch des Geschäftes Möbel Sander eine Straße namens Handelsweg gibt, die wiederum mit attraktiven Lokalen und Geschäften lockt. Es tut den Gewerbetreibenden im Handelsweg sicherlich gut, dass auf sie hingewiesen wird. Das Leuchten der Stelen durchdringt sogar den Regen.

Samstag, 17. Oktober

Pechschwarz ist es draußen, was dieses Mal allerdings nicht alleine am Wetter liegt, sondern an der Tageszeit. Es ist kurz vor halb zehn Uhr – abends. André steht draußen vor dem Riptide am Holzpult und kassiert. Wer heute Abend dafür Eintritt zahlt, dass er das Quartett Müller & die Platemeiercombo live im Riptide spielen sieht, erhält von der Band ein kopiertes Heft mit Songtexten ausgehändigt. Das erinnert angenehm an die „Kot & Wahn & Sock’n’Roll“-Heftchen, die es damals immer beim Open Arsch gab. Erinnerungen werden wach: Einmal pro Jahr fand in Rümmer auf der Schweinewiese das Festival mit dem sehr pubertären Namen Open Arsch statt. Hauptzugpferd waren Die Trottelkacker, weitere gern gesehene Gäste waren Bands wie Dead Shepherd aus Hamburg, Notrufmelder oder Waterman. Die Erinnerungen daran wurden nicht nur wach, sondern erhielten neue Substanz, als all diese Bands und ein gutes Dutzend mehr am vergangenen Samstag in Wolfsburg den Trottelkackern zur Ehre spielten. Auch Die Trottelkacker selbst traten in der Besetzung Krüger-Müller-Knotke auf – sieben Jahre nach dem eigentlichen Ende dieser wahrhaftigen Kultband.

Ebenjener Müller scharte die Platemeiercombo um sich, ergänzt um Heyl, der auch bei Waterman spielte. Und in dieser Besetzung sollen die Musiker jetzt im Riptide spielen. Plate, Müller und Heyl gesellen sich zu André, bevor das Konzert losgeht. Plate bedauert, dass Die Weltenretter parallel im Schweinebärmann spielen. „Das hätte man besser abstimmen können“, sagt er. Schließlich wären sonst beide Bands jeweils der anderen Publikum gewesen. Die drei Musiker gehen zurück ins Café, Meier wartet dort auf sie, das Publikum sowieso.

Müller und Meier tragen Hemden unter hellen Anzügen, Bassist Meier zudem einen Strohhut. Plate drängt sich hinter sein augenscheinliches Minischlagzeug in der hintersten Ecke des Verkaufsraumes. Heyl, in dunklerer Kleidung und als einziger mit Krawatte, geht während des instrumentalen Intros „Trick 17“ im Zuschauerraum umher und begrüßt das Publikum per Handschlag. Dann schnappt auch er sich eine Gitarre und gesellt sich zur Band.

Die ist cool. „Cool Pop“ nennt Müller selbst die Musik, die aus Swing und Jazz, Bossanova, Salsa und Cha Cha besteht, jeweils mit einem Grundgerüst, das die Rockvergangenheit deutlich Gegenwart sein lässt. Meier ganz links grinst unter dem Hut und mit dem Bass, der fast so groß ist wie er selbst; Heyl ganz rechts bedient sein gigantisches Arsenal an Saiten- und Percussion-Instrumenten mit todernster Miene. Dahinter liefert Plate den rhythmischen Unterbau, in der Mitte singt Müller seine Lieder. Müller geht auf die Liederhefte ein, darauf, dass ihm oft gesagt werde, man könne seine Texte nicht verstehen. „Das passiert nur bei deutschsprachigen Texten“, stellt Müller fest. „Bei englischsprachigen Liedern ist das egal, da geht es mehr um die Musik, oder wie!“ Dafür habe die Band eben die Texthefte verteilt. „Jetzt werden wir uns nur noch den Vorwurf anhören müssen, dass das Publikum die Texte nicht lesen kann.“ Für Fehler entschuldigte er sich explizit nicht: „Die sind Folge der Technisierung unserer Welt.“ Wert lege er vorrangig darauf, dass der Name der Gastsängerin Cora Coriander mit C geschrieben werde, nicht mit K.

Zu hören gibt es hauptsächlich Lieder des neuen Albums „Sexy Sockenschuss“, dazu viele bis dato noch gänzlich unveröffentlichte Stücke. Nur wenige alte Songs finden den Weg in die Setlist. Müllers Ansagen und die Publikumsreaktion ergeben so manchen herrlichen Dialog. Müller kündigt ein nächstes Lied an. Eine Frauenstimme von ganz hinten: „Mit welchem Akkord geht’s los?“ Müller, überrascht: „Yps… vierzehn!“

Man merkt der Band nicht nur an, dass es ihr gut geht, sie sagt es auch. „Hier fühlt man sich wie zu Hause“, meint Müller. Dann spielt die Band „Nichtsnutz“, das Stück hat Live-Premiere, wie Müller betont. Meier sagt irgendwann: „Hier geh ich nicht mehr weg, ist schön hier.“ Müller bestätigt: „Ja, nicht? Aber wir haben ja noch Zeit.“ Die füllen sie mit ihren tollen Ohrwürmern. Nach einem Applaus sagt Müller: „Danke, auch an die letzte Reihe: vielen Dank!“ Die Frauenstimme aus der letzten Reihe erwidert: „Gerne, gerne!“

Für einige Lieder wie „Cocktails und Eiscreme“ kommt Cora Coriander auf die Bühne und veredelt die Songs mit ihrer Stimme. Manchmal tanzt sie auch nur beschwingt und tut es damit dem Publikum gleich, nur eben auf der Bühne. Ein deutlich angetrunkener Mann im Publikum fragt Müller: „Ey, wie heißtn du mit Vornamen?“ Müller gibt es preis: „Tobias Walter.“ Es entsteht eine Pause. „Wirklich“, schickt er nach. „Ich kann das bestätigen“, sagt Cora neben ihm.

„Wir sind schon so weit fortgeschritten in der Liste“, sagt Müller mit einem Blick auf die Liste. Nach einem weiteren Blick auf die Uhr sagt er: „Oh, in der Zeit auch.“ Aus der letzten Reihe ist glockenhelles Lachen zu vernehmen. „Da hinten lachen Frauen“, stellt Meier fest. „Du hast alles richtig gemacht, wenn irgendwo Frauen lachen.“ Doch Müller ist nicht überzeugt: „Die lachen über mich.“ Meier kontert: „Du musst deine Schwächen zu deinen Stärken machen.“ Müller nickt: „Dafür bin ich hier.“

Nach alter Open-Arsch-Manier erschallt das Wort „Gabuze“ aus den Zuschauerreihen, als Müller bekannt gibt, das letzte Lied sei auch das letzte des Abends gewesen. „Dass auch Zugaben verlangt werden, verwöhnt uns“, behauptet Müller daraufhin. „Wir müssen aufpassen, dass wir nicht größenwahnsinnig werden.“ Doch da besteht keine Gefahr. Das nächste Lied beschleunigt Plate unbewusst mit schneller werdendem Takt. Hinterher fragt ihn Müller: „Plate! Hast du’s eilig?“ Plate, grinsend: „Da ging das Tier mit mir durch.“

Das Konzert endet unspektakulär: Die vier Musiker verlassen nach einem Abschiedsgruß den als Bühne gedachten teil des Riptides und mischen sich unter ihr Publikum, teils drinnen, teils zum Rauchen draußen. Allen Musikern steckt das glückliche Strahlen vom Trottelkacker-Tribut des letzten Wochenendes im Gesicht. Heyl saß dabei als einer von zwei verbliebenen Waterman-Musikern auf der Bühne des Hallenbads. „Unser letztes Konzert als Waterman haben wir in Trier gegeben“, erzählt Heyl. Eines der Bandmitglieder sei dorthin gezogen. „Das war auch der Grund, weshalb es mit der Band zu Ende ging.“ Auf das Gerücht angesprochen, Waterman haben pro Jahr nur einmal geprobt, nämlich auf dem Open Arsch, wehrt Heyl ab: „Neeee, also, na ja, später vielleicht“, überlegt kurz, „eigentlich stimmt das.“ Er geht auch nach draußen.

Karine und Nikolaus sind Kollegen von Plate im Kulturzentrum Hallenbad. „Das Trottelkacker-Tribut habe ich verpasst“, sagt Nikolaus enttäuscht. Er war an dem Wochenende bei seiner Familie in Süddeutschland. Als Quasi-Ortsfremder ist er von der unterschwelligen Feindschaft zwischen Braunschweig und Wolfsburg überrascht und erzählt: „Karine und Plate haben für Radio Okerwelle ein Interview gegeben, da kam die Konkurrenz deutlich zutage.“ Verstehen könne er das aber nicht.

Überall in der Luft hängen noch die Lieder von Müller & die Platemeiercombo. So schnell bekommt sie niemand aus dem Ohr. Und das ist gut.

Dienstag, 20. Oktober

Kaum zu glauben, aber die Sonne scheint. So sieht der goldene Oktober aus, den man sich ausmalt, sobald man von ihm hört. Es ist früher Nachmittag, heute sind Chris und André im Riptide. Chris sitzt am Computer und telefoniert mit Kunden und Geschäftspartnern, André etikettiert neue LPs und sortiert sie in die entsprechenden Fächer ein. An der Wand hängt die Picture-LP der zwölften Drei-Fragezeichen-Folge „und der seltsame Wecker“, mit der die Sprecher nächste Woche auch nach Braunschweig kommen. Hinter André lugt eine a-ha-12“ aus dem Second-Hand-Kasten.

„Unsere allseits beliebten, leckeren Suppen sind wieder da“, sagt André. „Die Wochensuppen.“ Bereits letzte Woche gab es eine Kürbis-Ingwer-Suppe. „Man musste sie letztlich Ingwer-Kürbis-Suppe nennen, weil der Ingwer durchgezogen ist“, stellt André grinsend richtig. Aktuell steht eine Erbsen-Minzcrème-Suppe „mit einer feinen Chili-Note“ auf der Karte. „Ein bisschen Frische reingebracht durch die Minze, und von hinten kommen Schweißperlen auf die Stirn“, grinst André. Während er für Gäste Kaffee vorbereitet, kündigt André an: „Am 2. November eröffnen wir hier eine neue Kunstausstellung, von Christian Grams, der ist Grafiker und macht auch Schablonenkunst.“ Was André auf dem Monitor seines Computers zeigt, erinnert leicht an Banksy.

André streut Kakaopulver über einen Milchkaffee und legt die „Teufelswerk“-CD von Hell beiseite, die jemand nach dem Kaffeegenuss kaufen möchte. Chris telefoniert immer noch angeregt, André bringt den Kaffee an einen der Tische. Unfassbar, es scheint die Sonne! Man sollte nach draußen gehen. Wenn es dort nicht so viel kälter wäre als im Riptide.


Matze (van Bauseneick)
www.krautnick.de

#22 344

16. August 2009


Sonntag, 16. August

Ort der Handlung: Das Café Riptide im beschaulichen Braunschweig. Es ist Nachmittag, der Himmel ist blau und es ist entsprechend heiß. Arni, ganz in Schwarz, in T-Shirt, kurzen Hosen und Sandalen, und Maren, in schwarzem Jim-Avignon-T-Shirt mit bunten Smileys, blauen Jeans und blauen Crocs, treten auf. Sie gehen kurz ins Café, um Sina, die hinter der Theke steht, bescheid zu sagen, dass sie da sind, holen sich aus dem Spieleschrank den Kniffelblock, den Plastikwürfelbecher mit sechs Würfeln und einen Kugelschreiber, nehmen sich die oberste Zeitschrift vom Zeitschriftenstapel und gehen wieder nach draußen. Vor dem Café öffnet sich ein achteckiger Platz. Das Riptide hat dort Tische und Stühle aufgestellt, mit genügen Platz für den Fußgänger-Durchgangsverkehr. In der Nachbarschaft haben diverse andere Kneipen geöffnet, überall sitzen Leute draußen. Irgendwo läuft, gelegentlich hörbar, Fußball. Arni und Maren setzen sich an den Tisch links vom Ausgang, der jetzt noch im Schatten steht, legen die Zeitschrift auf ihre Vorderseite und beabsichtigen so, die auf die Rückseite gedruckte Vichy-Werbung mit der halbnackten Frau als Kniffelunterlage zu benutzen. Arni und Maren sitzen sich gegenüber.

(Sina) [kommt heraus] Habt ihr schon was gewählt?
(Maren) Ihr habt doch auch Eiskaffe, dafür habt ihr doch auch Eis da – meinst du, dass es möglich ist, dass ich nur Eis bekomme?
(Arni) Also Eiskaffee ohne Kaffee.
(Sina) Muss ich gucken, ich glaube, wir haben nur noch Schoko-Eis da. [geht ab]
(Arni) [blättert in der Zeitschrift und beginnt zu lesen]
(Sina) [kommt heraus] Ich war grad mit dem Kopf in der Truhe, aber das einzige, was ich anbieten kann, ist das Vanilleeis, das wir für den Eiskaffee nehmen.
(Maren) Das ist doch okay.
(Sina) Drei Kugeln, mit Schlagsahne und Schokostreuseln?
(Maren) Nur mit Schokostreuseln!
(Sina) [zu Arni] Und für dich?
(Arni) Ich hätte gerne einen Eiskaffee.
(Sina) [nickt und geht ab]
(Arni) [legt die Zeitschrift mit der Vorderseite nach unten auf den Tisch] Stört’s, wenn ich meine Schuhe ausziehe? [zieht seine Sandalen aus]

(Sina) [bringt einen Eiskaffee und ein Schälchen mit drei Eiskugeln, Schokostreuseln und einer Physalis, bringt das Tablett ins Café zurück und setzt sich zu Arni und Maren an den Tisch, um zu rauchen] Gestern hatten wir hier vegetarisches Barbecue, wart ihr da?
(Arni und Maren) [schütteln die Köpfe]
(Sina) Das war nett, das haben die schon zum zweiten Mal gemacht. Da haben sie dort [zeigt auf die gegenüberliegende Seite des Achtecks] einen großen und zwei kleine Grills aufgebaut. Ich war der Grillmaster, obwohl drei Männer da waren. Chris wollte gar nicht grillen, André später schon, und dann war da noch Lennart, der war mal Praktikant hier, der hat auch mitgegrillt. Aber Chris wollte partout nicht grillen. [zieht an der Zigarette] Der Vorteil: Man kann den ganzen Tag grillen und riecht gut. Ich kenn das von meinem Vater, wenn der grillt, riecht der, als hätte er selber auf dem Grill gelegen.

[Eine Passantin mit einem kleinen Hund geht vorbei}
(Sina) Hunde fangen für mich ab Kniehöhe an.
(Arni) [zieht am Strohhalm seines Eiskaffees] Freunde von uns haben einen Hund, der ist so groß, der liegt auf Partys immer im Wohnzimmer in der Ecke, und wenn der mal aufsteht, ist das ganze Wohnzimmer voll.
[durcheinander redend beklagen sie sich, dass viele Leute mit ihren Hunden nicht umgehen können, und vergleichen das mit überforderten Eltern]
(Sina) Ich habe letzten Fernsehen geguckt, da hatte eine Familie zehn Kinder, beide keine Arbeit und wunderten sich, dass sie kein Geld hatten. Da wundert man sich, dass sie überhaupt so viele Kinder in die Welt gesetzt haben!
(Maren) [löffelt ihr Eis] Stimmt, das hätten sie sich beim [hält kurz inne und gestikuliert vage] siebten Kind schon überlegen können.
(Sina) [ist mit Rauchen fertig und steht auf] Wollt ihr noch was trinken?
(Maren) Ich nehme eine Fritz-Kola ohne Zucker.
(Arni) Und ich mit!

[Fußballgeräusche sind von nebenan aus einem Fernseher zu hören]
(Maren) [gespielt naiv] Bundesliga ist immer wie eine Lotterie. Man weiß nie, was kommt.
[Die Sonne ist inzwischen so weit gewandert, dass Arni und Maren nicht mehr im Schatten sitzen. Sie siedeln mit allem, was sie dabei haben, einen Tisch weiter in Richtung Fußgängerdurchgang um]
(Sina) [kommt mit den Getränken und wundert sich grinsend] Mal sehen, wo ich euch nachher finde!
(Arni) Wir sind Nomaden der Springflut. Die Leute in Braunschweig gucken immer ins Riptide, um die Uhrzeit zu sehen. ‚Schnell nach Hause, ist schon Tisch drei, Tagesschau!’
(Maren) [bereitet endlich den Kniffelblock vor. In die rechte obere Ecke schreibt sie die Zahl 344 und in die Namenszeile zunächst HANS NARR und dann dahinter KARTOFFEL]
(Arni) [beginnt zu würfeln, mit der hohlen Hand, ohne Becher, weil der aus Plastik ist und sehr laut klappert] Ich bin Hans Narr? Na, das passt ja! [Würfelt mit dem zweiten Wurf eine Große Straße auf die Zeitschrift] Tidelding!
(Maren) Ich bin die Kartoffel! [würfelt einen schlechten Wert] Ein mehliger Wurf. [betrachtet die Vichy-Werbung] Dieser Hintern lenkt mich ab!
[beide würfeln abwechselnd, Maren trägt die Werte auf dem Kniffelblock entsprechend ein]
(Maren) [würfelt eine Große Straße]
(Arni) Du hast ‚tidelding’ vergessen! [würfelt, Maren trägt ein]
(Maren) [würfelt drei Einsen, eine Zwei und eine Drei] Ich mach mal nen Kniffel! [schafft ihn jedoch nicht] Bei uns Kartoffeln ist das ein Kniffel!
(Arni) [laut und kurz] Nein! [wieder normal] Ein Kartiffel!
(Maren) Du hast ja Narrenfreiheit, Arni.
(Arni) [über einen guten Wurf] Nice dice! [Will Maren ärgern]
(Maren) Don’t mess with the Kartoffel!
(Arni) [würfelt zwei Fünfen]
(Maren) Fumf!
(Arni) Was mit Fumf. [würfelt keine einzige weitere Fünf] Schade, hätt fast geklappt, ey!
(Maren) [mit Blick auf den fast vollen Block] Wir brauchen beide noch Viererpasch. [Schafft ihn nicht]
(Arni) [schafft ihn auch nicht] Erbärmlich!
(Maren) Niemand hat’s geschafft! [Zählt zusammen, Maren hat 245 Punkte, Arni 231] Die Kartoffel gewinnt! Erster Preis: ne Fritteuse! Oh weh!

[Die Sonne hat Arni und Maren eingeholt, sie wandern in die Ecke weiter, in der tags zuvor noch der Barbecue-Grill gestanden haben muss, und sitzen jetzt genau dem Eingang zum Café gegenüber]
(Arni) [singt, einen russischen Akzent imitierend, zur Melodie von „Mein Hut, der hat drei Ecken“] Mein Chund, der chat drei Beine…
(Maren) [beginnt die zweite Runde] Tidelding!
(Arni) Was ist denn das hier, Straßenbau?
[beide würfeln abwechselnd, Maren notiert wieder die Werte]
(Sina) [kommt heraus] Wollt ihr noch was trinken?
(Maren) Ich hätte gerne eine Bios Holunder-Traube.
(Sina) [zu Arni] Und du?
(Arni) [zeigt auf sein viertelvolles Glas] Ich hab noch, danke!
(Sina) [geht ab]
(Arni) [singt] Mein Chund, der chat drei Köpfe, und kommt aus Tschernobyl…
(Maren) [feststellend] Das singt Arni öfter beim Würfeln.
(Arni) [reicht Maren die Würfel] Wurrrst… Salat.
(Maren) Auch das sagt Arni öfter beim Würfeln.
(Arni) [guckt nach einem miserablen Wurf auf den Kniffelblock, den er nur auf dem Kopf lesen kann, und sucht die Spalte, in der Maren seine Werte eingetragen hat] Wo bin ich?
(Maren) Café Riptide.
(Arni) Mir ist schlecht.
(Maren) Es ist Sonntag. Nachmittag.
(Arni) Schlauberger-Liesel!
(Maren) Ich sag’s nur, wie es ist!!!
(Sina) [kommt aus dem Café heraus genau auf den Tisch zu] Wer ist am führen?
(Maren) [hebt den Finger wie in der Schule] Die Kartoffel! [Arni und Maren haben noch zu trinken, Sina geht wieder ab] Die Kartoffel liegt in Führung, dicht gefolgt vom Narr!
(Arni) [würfelt vier Sechsen]
(Maren) Die Kartoffel kriegt hektische Flecken…
(Arni) Sprossen!
(Maren) [zählt jetzt die Punkte der zweiten Runde zusammen; Arni hat 265, Maren 237 Punkte] Der Narr gewinnt!

[Viele Fußgänger nutzen die Passage als Durchgang, viele werfen Blicke auf das kniffelnde Paar]
(Maren) [bereitet den Block für die dritte Runde vor] Nach wie vor gilt es, die 344 zu knacken. [schreibt ‚waam’ auf den Block, fügt nach kurzem Stutzen ‚sinn’ hinzu]
(Arni) [will eine Große Straße versuchen, aber es klappt nicht]
(Maren) Die Kartoffel zeigt die jetzt, wie’s geht! [würfelt wertlose Zahlen]
(Arni) Aha, so geht das also?
(Maren) Das ist die klassische Kartoffel-Verwirr-Taktik!
(Arni) [gelingt es gleich im nächsten Wurf] Tidelding!
(Maren) Trélegant!
(Arni) Trélegant? Sind das Tiere?
(Maren) Ja. Mit Fühlern. [würfelt fünf Vieren] Kniffel!!!
(Arni) Der erste Kniffel heute! [würfelt vier Vieren] Ich hab oben bis jetzt immer eine mehr. [Das braucht er, um seinen eigenen Rekord, die 344, knacken zu können; Maren würfelt] Für die 344 braucht man oben mindestens einen Kniffel bei Fünfen oder Sechsen, damit das eine kryptische Zahl wie 120 als Summe ergibt. [würfelt fünf Fünfen]
(Maren) Frrrrrrechheit! [würfelt ebenfalls fünf Fünfen, guckt verdutzt auf den Kniffelblock] Kniffel hab ich schon! Das darf man auch nicht oft sagen: Kniffel hab ich schon!
(Arni) Dann streich doch die Chance! [guckt auf den Block] Ich brauch noch ne Große Straße. [würfelt] Tidelding!
(Sina) [kommt raus, setzt sich an den ersten Tisch] Ich bleib mal in der Sonne sitzen. [raucht genüsslich, steht dann auf und räumt Sitzkissen zusammen] Braucht noch jemand ein Kissen?
(Arni) Ja, ich!
(Sina) [bringt es ihm]
(Arni) Danke, und ich hätt auch gerne noch einen freundlichen Kaffee!
(Sina) [steckt Arni ein weiteres Kissen hinter den Rücken] Mit Milch?
(Arni) Bitte. [nickt] Das ist’n Service!
(Maren) [rechnet das Ergebnis der dritten Runde aus; Maren hat 318, Arni 249 Punkte]

(Sina) [bringt die Tasse Kaffee und geht wieder ab]
(Arni) [packt den beigelegten Keks aus der Hülle, beißt ab] Lotte!
(Maren) [deutet Schläge in Arnis Gesicht an] Das gibt gleich Lotte links-rechts!
(Arni) [zeigt ihr kauend den angebissenen Keks, auf dem ‚Lotte’ steht]
(Maren) Whole Lotte Love! Arni fängt an!
(Arni) [beginnt die vierte Runde und würfelt vier Einsen]
(Maren) Arni fängt doch nicht an!
(Arni) [würfelt noch eine Eins] Lautloser Schrei! Haste gehört? [Maren würfelt, Arni ist wieder an der Reihe, würfelt fünf Dreien]
(Maren) Arni fliegt raus! Zwei Runden, zwei Kniffel! [würfelt]
(Arni) [würfelt drei Sechsen, gespielt enttäuscht] Kein Kniffel.
(Maren) Soll ich die Sechsen streichen?
(Arni) Streich den ganzen oberen Bereich.
(Maren) Gerne! [überlegt] Sind Kartoffeln eigentlich automatisch Triebtäter?
(Arni) Je nach Jahreszeit.
(Sina) [kommt aus dem Riptide an den Tisch von Arni und Maren]
(Maren) Ich krieg Hunger!
(Sina) [unterbricht nickend] Einmal. Mit Käse.
(Arni) [lacht] Hunger überbacken!
(Maren) Ich hätte gerne ein Tomate-Mozzarella-Fladenbrot.
(Sina) Gut. [geht ab]
(Maren) [würfelt vier Zweien]
(Arni) Jetzt gibt sie Gas. Jetzt gibt sie Gäschen!
(Maren) Aufgrund meiner Vergäslichkeit…
(Arni) [würfelt und lacht]
(Maren) …muss ich immer schnell machen.
(Arni) [würfelt wertloses Zeug, gespielt erbost] Ooooh!!!! Dich bring ich auch noch mal raus!
(Maren) [würfelt] Ja? Bringst du mich groß raus oder klein?
(Arni) Wenn, dann schon groß! [würfelt erneut wertloses Zeug, guckt auf den Block] Dann streich den Full House!
(Maren) [erkennt besser, was noch offen ist] Du meinst wohl den Viererpasch!
(Arni) Wasse weiße iche!
(Maren) Wasser ist immer unten, weißt du das nicht?
(Arni) Nee! Haste noch nie ne Wolke gesehen?
(Maren) [guckt nach oben in den strahlendblauen Himmel] Nee. Heute nicht.
(Arni) Aber ist doch blau, ist alles Wasser! [grinst] Die Abenteuer von Klein-Maren. Heute: Klein-Maren unter Wasser.
(Maren) [zählt die Punkte zusammen; Arni hat 292, Maren nur 219] Das ist noch nicht mal ein Krokettchen!
(Arni) Ein zufriedenstellendes Resultat!

(Sina) [kommt an Arnis und Marens Tisch]
(Maren) Ich würd gern noch was trinken.
(Sina) Wieder was Limonadiges?
(Maren) [nickt]
(Sina) Kennst du schon die Mate-Cola? Ist wie Mate-Tee, nur eben mit Cola.
(Maren) Die probier ich!
(Sina) [geht ab und kommt mit der Cola wieder; neben Marens fast leerem Glas mit roter Brause steht jetzt eines mit Mate-Cola; Sina geht wieder ab]
(Maren) [stürzt die Bios-Brause hinunter und greift nach dem Cola-Glas] Von Rot zu Schwarz. [trinkt einen Schluck]
Denken kann ich, Gottseidank
mach mir einen Zaubertrank
schütt ihn in mein Köpflein rein
möchte so gern Gewinner sein!
(Arni) [lehnt sich genüßlich zurück] Es ist erstaunlich, wie schön so ein Tag in Braunschweig sein kann, wenn man’s richtig angeht.

[von irgendwo nebenan ist plötzlich Gebrüll zu hören] Tor!!! Nein, Pfosten, das gibt’s ja nicht!!!
(Maren) [dreht ein Kniffelblatt um und zieht darauf Linien]
(Arni) [nimmt den sechsten Würfel hinzu und beginnt die erste Runde Zehntausend] 1.100, ich bin drin!
[sie würfeln abwechselnd. Um ins Spiel zu kommen, müssen sie mit mindestens 1.000 Punkten eröffnen, danach zählen nur die Würfe, die sie mit mindestens 350 Punkten quittiert haben. Gewinner ist, wer als erstes genau 10.000 Punkte erreicht]
(Maren) Auch 1.100, ich bin auch drin!
(Arni) Ich mach… [würfelt fünf Zweien] 20.000!
(Maren) n bisschen drüber! [der Wind weht das Blatt vom Tisch, auf dem Maren die Punkte notiert; sie greift danach, verfehlt es und muss aufstehen, um es aufzuheben; gespielt hysterisch] Keiner hilft mir! Alle sehen, was passiert, aber keiner macht was! [setzt sich, stellt das Colaglas auf das Blatt und würfelt ebenfalls fünf Zweien] Auch 20.000, Mist! Das sind die 10.000 der Verzweifelten, oder was!
[Nach nur sehr wenigen Runden verliert Maren mit geringer Punktzahl. Sie beginnen eine weitere Runde]
(Arni) Wer ist dran? [würfelt] Little dranner boy. [würfelt 1.450 Punkte und ist drin] Nehmich!
(Maren) Nehmich? Wohnt in der Habichschongasse.
(Arni) [würfelt, legt eine Eins heraus, würfelt zwei weitere Einsen, eine Fünf und zwei wertlose Zahlen, hätte also schon 350, die er notieren dürfte, steckt aber den Fünfer-Würfel zu denen, mit denen er erneut würfelt]
(Maren) Der Heeerr möchte mehr!
(Arni) Das reimt sich. Und was sich reimt, ist gut! [würfelt eine weitere Eins und hat also 400] Schrei’ma auf!
(Maren) Schrei ma auf? Uah! [sie braucht viele Runden, um mit 1.050 überhaupt ins Spiel zu kommen, während Arnis Punktekonto wächst] Hätt ich auch nicht mehr mit gerechnet!
(Arni) [hat einen Punktestand von 4.550, würfelt 450, muss quittieren, würfelt 5.000 dazu] Macht 5.450!
(Maren) Dann biste bei… [rechnet] 10.000!
(Arni) Alter! [läst sich überrascht in seinen Stuhl zurückfallen] Das hab ich aber auch noch nie geschafft, bei unter der Hälfte rauszuwürfeln!
[Es geht auf Ladenschluss zu, Sina möchte Feierabend machen]
(Maren) [Räumt die Kniffelzettel zusammen und befördert die sechs Würfel zurück in den Plastikbecher] Das war’s! [Arni und Maren bringen Flaschen und Gläser, Kissen und Kniffelsachen ins Café, bezahlen und verabschieden sich von Sina]


Matze (van Bauseneick)
www.krautnick.de

#20 Die Grenzen der Kontrolle

24. Juni 2009


Donnerstag, 11. Juni

Es ist Abend, was im Sommer erfreulicherweise bedeutet, dass es noch hell ist. Es ist auch warm genug, um draußen zu sitzen, was viele Gäste tun. André ist um diese späte Uhrzeit alleine hinter der Theke, aber bei weitem nicht alleine im Café.

Zu den vielen Gästen gehört auch Marcel, der ehemalige Praktikant Nummer 5. Zu ihm an den Tresen gesellt sich Michael. Wolfsburg ist das Thema: Kann man ironiefrei sagen, dass man die Stadt mag? Das kulturelle Angebot scheint sich zu mausern, doch vom deutschen Fußballmeister ist Michael nicht so überzeugt. „Das ist wie mit der Eintracht“, glaubt er, „die werden nie wieder einen Titel schaffen und dann ihr Leben lang von dem einen reden.“ Doch sei jeder Meister besser als die Bayern, abgesehen von 1860.

Marcel ist mit einer kleinen Gruppe von Freunden da und setzt sich an den Tisch mit dem Sofa. Den teilt sich die Gruppe mit einigen Gästinnen, die dort schon sitzen. Nach einer Weile entdecken sie das Kinderspiel mit dem Flugzeug, das im Spieleschrank des Cafés auf an sich viel jüngere Gäste wartet. Die spontane Spielegemeinschaft hat zumindest den ganzen Abend über Spaß an dem sich drehenden Plastikflugzeug. Immerzu hört man das Klackgeräusch, das ertönt, wenn das Flugzeug auf seiner Runde eine Spielstation erreicht. Dazu erschallt das laute Gelächter der Spieler.

Ermuntert von diesem Treiben, inspizieren zwei andere Gäste den Spieleschrank. Sie fördern ein Schachbrett inklusive Figuren zutage, tragen es nach draußen und dort hochkonzentriert Partie um Partie aus.

Für einen kurzen Augenblick kommt Chris ins Riptide. An sich hat er schon Feierabend, aber auch nur kurz: „Ich lege heute Abend noch auf.“ Und weil die Zeit allmählich eng wird, verabschiedet er sich auch schon wieder.

Für Michael ist das aktuelle Kinogeschehen in Braunschweig ein wichtiges Thema. Seit das „City“ geschlossen ist, bietet das „Cinemaxx“ ein entsprechendes Programm unter dem Namen „Artmaxx“ im eigenen Haus an. Viele Braunschweiger sind verwirrt und glauben nun, im „Artmax“ mit nur einem X gäbe es jetzt ein Kino. Einer der letzten Filme, die Michael im „City“ gesehen hat, war „The Fall“ von Tarsem Singh. „Den kannte ich schon, den habe ich auf Blue Ray“, sagt er. Trotzdem wollte er ihn noch mal im Kino sehen. Im „City“ angekündigt war noch „The Limits Of Control“, der neue Film von Jim Jarmusch, doch das „City“ schloss knapp vor dem Filmstart. Jetzt hofft Michael, dass der wenigstens im „Artmaxx“ laufen wird. Er bestellt bei André einen Kaffee.

Dienstag, 23. Juni (Sankt Hans)

In Braunschweig machen die Geschäfte zu. Es ist nach 20 Uhr, warm und trocken, also ideal, seine Zeit draußen zu verbringen. Michael und Christian kommen gerade aus dem Riptide. Sie haben keine Zeit: „Wir wollen ins ‚Cinemaxx‘, den neuen Jarmusch sehen“, sagt Michael. Wie angekündigt. Es war schon viel Schlechtes über den Film zu hören und zu lesen, aber davon lässt Michael sich nicht beirren. „Ich berichte, wie ich ihn finde“, sagt er und stürmt mit Christian los.

Auch fürs Riptide bedeutet diese Uhrzeit an einem Dienstag Ladenschluss. Ein Gast stöbert trotzdem noch in den Platten herum, André bereitet sich auf seinen Feierabend vor. Von Michaels Vorhaben, „The Limits Of Control“ zu gucken, hat er erfahren. „Den will ich auch noch sehen“, sagt André. Nicht zuletzt wegen der Musik von Boris, die den Score eingespielt haben.

„Gestern hatten wir hier eine Ausstellungseröffnung“, erzählt er. Die Begleitparty hat lange gedauert: „Ich war erst spät zu Hause.“ Tapas gab’s, berichtet er, zubereitet von der Künstlerin Celia selbst. Celia zeigt Gemälde und Zeichnungen, die über den Tischen und dem Sofa an den Wänden hängen. Sie sind farbenfroh und ernst. Genähte Kakteen stehen im Fenster, dem „Fernseher“. „Die sind auch von Celia“, sagt André. Eine genähte Puppe hängt sogar zwischen den Bildern.

Plötzlich stürmt Régine ins Café. Ihre Ausstellung ging gestern zu ende, sie hatte heute ihre Bilder abgeholt. Für den November plant sie eine weitere Lesung im Riptide und freut sich auch schon darauf. Noch mehr freut sie sich über die anstehenden Ferien: „Ich habe endlich alle Klausuren abgegeben.“ Klingt nach Lehrerin. Sie verabschiedet sich und verschwindet in die Passage.

André beginnt jetzt, die Klappschilder und Pflanzen ins Café zu holen. Bevor er die Drahtseile um die Tische und Stühle draußen schlingt, gönnt er sich eine Feierabendzigarette und ein passendes Getränk. Während er so sitzt, radeln und spazieren Leute vorbei, die ihm einen schönen Feierabend wünschen. Ein Paar trudelt ein. „Wir haben leider schon geschlossen“, sagt André. „Aber ihr könnt euch gerne noch die neue Ausstellung angucken.“ Das Angebot nehmen sie an. Nach einer Weile kommen sie zurück und lesen den Infozettel in der Cafétür. „Aus Spanien kommt sie“, stellen sie fest. Sie unterhalten sich noch eine Weile mit André und wollen dann an einem Tag wiederkommen, an dem das Riptide auch nach 20 Uhr noch offiziell geöffnet hat. Das wird am Donnerstag sein. Inzwischen hat André aufgeraucht und ausgetrunken und alle Stühle zusammengeschlossen. Es ist Feierabend, weit nach 21 Uhr, es ist hell und warm und sieht ganz danach aus, dass dieser Abend noch etwas zu bieten hat.


Matze (van Bauseneick)
www.krautnick.de

#17 Spiel’s noch einmal, Ben!

13. März 2009


Ostfälisches Grau drückt nass vom Himmel herab. Es will und will nicht Frühling werden. Glück hat der, der seine Zeit an Orten verbringen kann, an denen es warm ist, farbenfroh und hell, an denen er Menschen treffen kann, an denen er auch einen heißen Kaffee bekommt. Den bekommt Rainer von Marcel. Marcel ist seit Mitte Januar Praktikant im Riptide, der fünfte schon. Er hat gerade sein Abitur in Gifhorn gemacht und will die verbleibende Zeit bis zum Studium sinnvoll nutzen. Gerade sortiert er CDs aus, die wieder an die Vertriebe zurückgehen sollen. Studieren will er, „auf Lehramt, Politik und Deutsch oder Englisch“, sagt er. „Ich will nichts unterrichten, was ich nicht mag“, begründet er die Wahl seiner Fächer. „Ich kenne zu viele Leute, die Jobs haben, die sie nicht gerne machen.“

Rainer hat sich ein Jimi-Hendrix-T-Shirt ausgesucht und legt es auf den Tresen neben sich. „Mit Jimi Hendrix bin ich aufgewachsen“, sagt er. Daneben liegt die neue Version des Hendrix-Albums „Electric Ladyland“, auf CD. „Die Scheibe hab ich schon zwölfmal auf Schallplatte, aus verschiedenen Ländern, mit verschiedenen Covern“, sagt Rainer. „Zum Beispiel das Nude-Cover mit den nackten Frauen drauf.“ Von dem Album kann er nicht genug bekommen, deshalb muss es jetzt auch die neue CD-Ausgabe sein. „Die ist mit DVD, und die kann man aufklappen“, sagt er und klappt das Digipak auf. „Alleine deswegen kaufe ich mir die schon“, fügt er hinzu und grinst kopfschüttelnd.

Hendrix soll aber nicht seine einzige Errungenschaft des Tages sein, also geht Rainer an den Stand mit den Second-Hand-LPs. Dort findet er „Nevermind“ von Nirvana. „Ist die original?“, fragt er Chris. Der hat sich gerade von seinen Buchhaltungsarbeiten losgelöst und ist an den Tresen gekommen. „Ich denke, ja“, sagt Chris. „Jedenfalls weiß ich, wann die gekauft wurde, das war 1995, und raus kam die 1991 – zu meinem 18. Geburtstag!“ Während Chris noch gespielt traurig über Alter und Vergänglichkeit nachdenkt, sagt Rainer: „Ach, die nehm ich auch noch mit“ und legt die LP zu seinen Sachen. „Eines der besten Gitarrenalben der 90er“, findet er.

Rainer erzählt aus seinem Leben. Er ist Braunschweiger, 1950 geboren, war in Lüneburg bei der Bundeswehr, kam nach Wolfsburg zu Volkswagen und ist heute Vorruheständler. Er berichtet von den Schwierigkeiten, die er hier noch 1960 als Flüchtlingskind hatte, und davon, sich bei der Bundeswehr, gelinde gesagt, mit pazifistischen Ansichten unbeliebt gemacht zu haben. Musik war schon immer wichtig für ihn, bis heute bleibt er am Ball. „Zuletzt bin ich immer mit dem Bus nach Wolfsburg gefahren“, sagt er. „Da hab ich einmal die 50-Cent-Biografie gelesen, da kommen drei Rapper rein, gucken so, sehen, was ich lese, und fragen, ‚Alter, biste Rapper?’, und ich sag, ‚nee, ich wollte mal wissen, wie der Kumpel so zu Geld gekommen ist’.“ Er lacht. „Das fanden sie gut, ich war danach hoch angesehen bei den dreien.“ Mit Hip-Hop kenne er sich aus. „Schon durch meinen Sohn“, erklärt Rainer. „Ich hab alle Eminem-Platten.“

Die Riptide-Belegschaft ist heute wieder zu viert. Chris und André sind da, Marcel hilft mit und Marco steht wieder in der Küche. Sie bereiten sich aufs Abendprogramm vor, da kommt nämlich die Bumsdorfer Gerüchteküche zu Besuch und lässt lesen. „Marcel, holst du bitte mit Marco das Podest aus dem Keller?“, fragt André. Stressig ist es nicht, findet Marcel. „Normal. Standardsachen.“ Marco und Marcel verschwinden in Richtung Keller.

Über Hendrix kommt Rainer derweil auf die Band Ramatam. „Die haben zwei klasse Rockscheiben gemacht, Anfang der 70er, da spielte eine Gitarristin, April Lawton, da wollte damals keiner glauben, dass eine Frau so gut Gitarre spielt“, sagt er. „Da haben sie gesagt, sie sei ein Transvestit, aber der Ehemann hat sie vom Gegenteil überzeugt, und dann haben sie gesagt, sie hat bei Hendrix gelernt, hat sie aber nicht.“ Über gute Gitarristen kommt er auf Carl Carlton. „Der heißt eigentlich Buskohl und kommt aus Ostfriesland, das konnte damals auch keiner glauben, ein guter Gitarrist aus Ostfriesland“, erzählt Rainer. Frauen und Ostfriesen in der Rockmusik. Er lacht. „Carlton hat zum Beispiel bei Peter Maffay gespielt, der hat die CD ‚Heute vor 30 Jahren’ produziert, eine gute Platte, hat er sehr gut gemacht, man hört jedes Instrument, jede Gitarre deutlich heraus“, sagt Rainer. „Deutschsprachige Rockmusik hatte ja lange keinen guten Stand“, fügt er hinzu und verweist nach Osten. „Dort hatten sie Rock, die Puhdys, aber auch Blues, Renft, oder Jazz, Uschi Brüning“, zählt er auf. „Die haben dort Free Jazz gemacht, da brauchste starke Nerven, was meinste, wie gut die waren!“ Rainer hat eine riesige Amiga-Plattensammlung zu Hause. „Rund 800 LPs, die hat mir ein DDR-Bürger verkauft, die hat er von anderen zusammengesucht und mir gegeben, die brauchten D-Mark“, erzählt er. „Heute ärgern sie sich darüber, dass sie die Platten nicht mehr haben.“

Rainer landet bei der politphilosophischen Idee vom „guten Diktator“. Marcel hat davon gehört: „Schiller hat gesagt, der Herrscher ist nicht das Problem, aber ein guter Herrscher muss es sein.“ – „Das hat er von Platon“, meint Rainer gleich. Sie lassen sich aber beide nicht von dieser Idee überzeugen. Rainer muss nun allmählich auch los, zahlt, sucht seine Einkäufe zusammen und geht fröhlich grüßend. Marco macht derweil Feierabend, will aber wiederkommen: „Mein Ex-Mitbewohner liest doch!“ Mit Axel von der Gerüchteküche hatte er nämlich mal eine WG. „Bis heute Abend!“

Bis dahin ist noch etwas Zeit. André kündigt an, was sich ab April im Riptide ändert: „Da gibt’s die Aushilfe, und samstags wollen wir früher anfangen, wir wollen ein Frühstück anbieten.“ Außerdem gibt es die Fritz-Cola jetzt auch mit einem weißen Etikett. „Die ist zuckerfrei, hat aber genau so viel Koffein“, sagt André. „Die schmeckt mir sogar besser, da schmeckt man die Zitrone mehr raus“, findet Marcel. „Die gab’s eine Weile nicht“, sagt André. „Komischerweise.“

Sven legt die „For Now“-LP von The Bishops auf den Tresen. Er hat wenig Zeit. „Ich muss gleich los, im Merz auflegen.“ Auf Svens Konto gehen unter anderem die Champagne-Supernova-Partys im Schwanensee. „Erstmal nach Hause, eine halbe Stunde die Beine hochlegen, um neun muss ich da sein, um halb zwölf kommen die Leute – bis dahin kann ich spielen, was ich will, wozu ich Lust hab“, freut er sich, grüßt und geht.

„Hello Kitty?“ Lisa wühlt in der Kiste mit den Buttons, die auf dem Tresen neben der Muffin-Vitrine steht. Sie nimmt den genannten Button heraus. „Die mag mein Bruder, der ist – wie heißen die, Emo?“ Sie holt ihr Handy heraus und zeigt ein Foto von ihrem Bruder. „Ja, Emo“, bestätigt Marcel nach einem Blick auf das Foto. Der Bruder ist 15, also fünf Jahre jünger als Lisa, und steht auf die Farbe Rosa. „Hello Kitty ist nicht pink genug“, sagt sie jedoch. Auf ihrem nächsten Button-Fund prangt Gargamel. „Kennst du den, von den Schlümpfen?“, fragt sie. „Ein Held meiner Jugend“, nickt Marcel. „Ich war immer für die Bösen“, fügt er hinzu. „Cool war, wie er eine Maschine gebaut und die Schlümpfe in Gold verwandelt hat – dann hatten sie wenigstens einen kapitalistischen Mehrwert“, grinst er. Sie unterhalten sich beide übers Altern und über zahlenmäßig weniger werdende Haare. „An unserer Schule gab es einen Lehrer, der trug ein Toupet“, sagt Marcel. „Da haben sie am Türrahmen einen Fliegenfänger angebracht, und als er drunter durch ging, ist das Toupet dran hängen geblieben.“ Sie lachen.

Auf ein Astra ist Stefan ins Ritide gekommen, jetzt will er weiter. „Zum Werbeagenturabend“, sagt er. „Was wir da machen? Bier trinken und erzählen!“ Er erklärt: „Das ist ein Herrenabend, bei dem auch Frauen dabei sind, aber Herrenabend als Bezeichnung klang nicht gut – eigentlich ist es ein Stammtisch.“ Und der findet immer in einer befreundeten Werbeagentur statt. Zwar ist Stefan freiberuflich unterwegs, aber nicht in der Werbung. Er betreibt „Gandula“, ein Online-Portal für Sport in Braunschweig, eine Art „Zeitung im Netz“. „Gandula ist portugiesisch und heißt Balljunge“, erklärt Stefan. „Wir berichten über den ganzen Sport, auch Aerobic und Babykrabbelgruppe“, sagt er. „Alles, worüber man woanders nichts zu lesen bekommt.“ Er muss los, sein Stammtisch wartet.

Nach ihm schließt Marcel die Tür und lässt nur noch Leute herein, die mit dem Abendprogramm zu tun haben. Das sind zunächst Ben, Andreas und Axel. Sie haben Technik dabei, ein Keyboard, Kabel, ein Mikro mit Ständer und Lautsprecher. Axel Klingenberg gehört zur Stamm-Mannschaft der Lesebühne „Bumsdorfer Gerüchteküche“, die sonst immer in der Kaufbar stattfindet, die ihrerseits aber gerade umzieht. „In die Helmstedter Straße 135“, sagt Axel. „Gegenüber vom Marienstift, da, wo der Spanier früher drin war.“ – „Ist da nicht eine Kirche?“, fragt Ben. Axel nickt. „Da ist eine wunderschöne Kirche an der Ecke.“ Die nächste Gerüchteküche steigt dann dort, in den neuen Räumen der Kaufbar, am 9. April.

Ben ist Keyboarder. Er trägt ein AC/DC-T-Shirt und hat Dread-Ansätze auf dem Kopf. „Ich spiele zwischen den Lesungen kleine Einlagen“, sagt er. Seit einiger Zeit schon ist er damit ein festes Mitglied der Gerüchteküche. „Sie nennen mich Play-It-Again-Ben“, erzählt er grinsend. „Einen Kaffe mit Milch“, bestellt er, während Andreas einen Lautsprecher neben Ben auf den Tresen stellt. „Ich mache jetzt Technik“, sagt Andreas, der das ansonsten nämlich nicht macht, „aber ich verlege auch die Sachen der Bumsdorfer“, in seinem eigenen „Verlag Andreas Reiffer“. Der „Punchliner“ erscheint bei ihm, „ich habe auch die letzten acht Lemmy-Hefte verlegt“. Lemmy, das war die Literaturshow „Lemmy und die Schmöker“, die Hartmut El Kurdi, Frank Schäfer und Gerald Fricke früher im Antiquariat Buch und Kunst veranstalteten.

Trotz der latenten Hektik, die aufkommt, weil der Platz für die Lesenden und die Zuhörenden freigemacht werden muss, bleibt immer Zeit zum Scherzen. Chris stellt die Topfpflanzen in eine Ecke des Raumes, der zur Bühne werden soll. „Axel, ich hab euch das ein bisschen grün gemacht in der Ecke“, ruft er. Axel dreht sich um und grinst. „Das ist schön, da stehen wir drauf.“

Marcel öffnet die Tür für Roland Kremer, den Moderator der Gerüchteküche. Roland trägt ein dunkles Sakko mit Buttons über einem lila Hemd und ist in der selben Stimmung wie seine Kollegen. Auf die Frage, was von ihm heute Abend zu erwarten ist, sagt er: „Ich moderiere, ich singe nicht, und es gibt kein Haiku – heute ist Charles-Bukowski-Gedenktag, da gibt’s kein Haiku!“ Haikus hat er nämlich sonst gerne im Programm.

Inzwischen hat Andreas das Mikrofon aufgebaut, ist in den hinteren Bereich des Riptide gegangen und hat Axel gebeten, einen Check zu machen. Axel steht vor dem Mikro und ruft: „Andreas, kannst du mich hören?“ Am anderen Ende kommt trotzdem ein ausdrückliches „Nein.“ von Andreas. Toddn, der erste der drei Gerüchteküche-Gäste, kommt ins Café. Chris: „Tut mir leid, heute ist geschlossene Gesellschaft.“ Toddn stutzt, blickt sich um und sagt dann: „Bin ich zu spät?“

An einem der Tische sitzt Lisa vor einem großen Berg Buttons, die sie alle aus der Kiste gefischt und von denen sie jeden einzelnen betrachtet hat. Einen Button, der für sie infrage kam, hatte sie beiseite gelegt. Sie füllt die Buttons jetzt wieder in die Kiste und bringt sie zurück an den Tresen, zu Marcel. „Ich habe nicht nur keinen neuen Button gefunden, sondern auch den alten verloren“, sagt sie betrübt. „Jetzt kriegt er einen Button mit Miezen und Herzen drauf.“ Geburtstag habe ihr Bruder nicht. „Den kriegt er einfach, weil ich ihn mag – Geschwisterliebe!“ Zur Lesung kann sie nicht bleiben, daher verabschiedet sie sich jetzt.

Am Tresen lehnt jetzt Toddn. Er trägt eine Lederjacke und eine Frisur, die an Marky Ramone erinnert. Gelegentlich hat er eine Sonnenbrille im Haar, die er ab und zu abnimmt. „Am 30. April bin ich wieder hier im Riptide, mit der ‚Please Kill Me’-Lesung, da ist dann auch Hollow Skai mit dabei“, kündigt er an. Seine Show „Toddn Killed The Videostar“ im Studio Ost hat er vorübergehend auf Eis gelegt. „Heute lese ich zum 15. Todestag von Charles Bukowski so’ne – Laudatio, kann man sagen, und noch zwei eigene Geschichten, die da reinpassen“, sagt Toddn. „Wir teilen viel: keine Arbeit, kein Geld – aber Bukowski und ich haben eine Sache nicht gemeinsam: Ich würde nie wie er über Sex schreiben, weil ich finde, dass das niemanden etwas angeht.“ Er schnappt sich sein Getränk und steuert das Sofa an. „Ich setz mich mal zu den anderen.“

Derweil ist Ben noch damit beschäftigt, sich um sein Keyboard zu kümmern. Er entdeckt im Regal die „Feuermond“-LP von den Drei Fragezeichen und fragt André: „Habt ihr die auch auf Kassette?“ André dreht sich um und greift ins Regal hinter sich. „Nur die neuste, ‚Schatten über Hollywood’.“ – „Nee“, sagt Ben, „ich würd den ‚Feuermond’ gerne auf Kassette haben.“ Die Sprecher der Drei Fragezeichen treten im Oktober in der VW-Halle auf, mit dem „Seltsamen Wecker“. „Da hab ich mir Karten für gekauft“, erzählt Ben. „VW-Halle, das kann schon wieder zu groß sein für so was.“ Trotzdem freue er sich auf die Show.

Bald soll es losgehen, aber zwei Gastleser fehlen noch. Eben kommt Till Burgwächter zur Tür herein. Seine Lockenmähne trägt er offen, ein Hemd hat er an mit einem grellgrünen „Heathen“-Bandshirt darunter. „Hey, du bist doch sonst immer der erste?“, begrüßt ihn Axel. „Ich hab mich mit meinem Bruder festgequatscht“, erklärt Till. „Im Auto, direkt vor der Tür quasi, da haben wir eine Viertelstunde erzählt.“ Und Fußball gehört, der HSV spielt gerade gegen Galatasaray. „Eben stand es 1:1“, berichtet Till.

Mit Gerald Fricke ist jetzt auch der dritte Lesegast im Riptide angekommen. Er trägt einen weißen Anzug und ein hellblaues Hemd und erinnert so an John Travolta in „Saturday Night Fever“. „Ich hab schon gedacht, du gehst in die Kaufbar“, scherzt Axel. Kein Gedanke. „Und, habt ihr schon den Rock’nRoll-Dampfer klargemacht für heute Abend?“, hält Gerald dagegen. „Der Dampfer der guten Laune sticht in See?“ Sie besprechen die Sitzreihenfolge auf der Bühne.

Unter die Gäste mischen sich auch Nina und Birte, beide mit einem Glas Wein in der Hand. Nina war schon einmal hier, Birte noch nicht. Sie sehen sich um und entdecken die Ausstellung „FleckchenErde“ von Kati Meden. „Ich muss mir die Bilder noch mal genauer ansehen“, meint Nina. Sie suchen sich aber lieber einen Sitzplatz auf den Bänken, die Chris und Marcel längst aufgebaut haben. Es soll ja bald losgehen. Marco ist inzwischen auch wieder da. Frank Schäfer kommt herein und ruft: „Wichtigste Frage: liest Fricke? Der war ja gestern noch krank!“ Axel beruhigt Frank: „Ja, Gerald liest.“ Frank beugt sich zu André. „Ich hab schon gehört von der Terminüberschneidung“, sagt André. Am selben Tag, an dem der ehemalige Titanic-Chefredakteur Thomas Gsella im Riptide auftritt, am 24. März nämlich, liest Frank aus seinem neuen Buch über Woodstock im Antiquariat Buch und Kunst. „Ich hab einfach nicht dran gedacht“, sagt Frank. Gsella war auch einmal beim Lemmy der Gaststar oder Stargast, da waren sich die Veranstalter nie einig, wie es heißen sollte.

Ben legt los, am Keyboard. Er unterlegt seine Akkorde mit Bontempi-Beats und sorgt mit seinem Spiel für die ersten Lacher. Er sitzt ganz links, noch weiter links hat sich nur Andreas, der zwischendurch Fotos macht, einen Platz gesucht. Rechts von Ben sitzt Toddn, dann Till, Axel und Gerald. Ein kleiner Tisch vor ihnen dient als Unterlage für ihre Unterlagen und Getränke, direkt zwischen Tisch und Zuschauern setzt sich jetzt Roland auf einen Barhocker ans Mikro. Er grinst, während er die Show anmoderiert. „Der Anlass ist, vor genau –“ Er blickt sich kurz zu Toddn um, der sagt: „15 Jahren und vier Tagen –“ Roland: „15 Jahren und vier Tagen ist Charles Bukowski gestorben.“ Die Texte des Abends handeln aber nicht nur von ihm. Und zwischendurch gibt’s Musik, von, so Roland, „unserer Showband Play-It-Again-Ben.“ Großer Applaus, Ben spielt irgendetwas, Frank ruft aus den Zuschauerreihen: „Das ist deine Musik, Till!“ Till macht völlig unbeeindruckt den Metalgruß und tut so, als würde er das Kabel vom Keyboard herausstöpseln.

Als erstes liest Axel, eine Kolumne aus seiner Reihe „Mein Kind, das Ding aus einer anderen Welt“ mit dem Titel „Zahltag“. Als er mittendrin auf Seite zwei weiterlesen will, stellt er fest, dass er den falschen Zettel dabei hat. „Falsches Ende“, ruft er und fischt sich den richtigen vom Tisch. „Ich hätte beinahe wieder den Cut-Up erfunden wie Burroughs, aber heute ist ja Bukowski-Tag.“

Ben dudelt abschließend, Roland kündigt Toddn an, Ben spielt zum Übergang jedoch nur einen etwas kürzeren Ton. „Danke“, sagt Toddn gespielt beleidigt. Toddn hat einen Text vorbereitet, in dem er kurz aus dem Leben und Werk von Charles Bukowski erzählt und dann dazu übergeht, seinen eigenen Bezug zu „Buck“ herzustellen. Roland kommt anschließend kurz nach vorne und sagt: „Ich bin nur hier, um das Ganze in die Länge zu ziehen – Play it again, Ben!“ Und Ben spielt.

Allerdings wieder nur einen Ton, noch kürzer als bei Toddn dieses mal, denn Heavy-Netal-Fan Till ist als nächster Leser an der Reihe. „Das ist nicht Slayer – was ich mir gewünscht habe“, sagt Till entrüstet. Er liest einen ironischen Text über Braunschweig und die umliegenden Städte, „nicht über Fußball oder Heavy Metal“. Als er sich anschließend auf seinen Platz setzt, umreißt Ben das Fanfaren-Intro von Liquidos „Narcotic“, um Till zu besänftigen. Was ihm gelingt. „Die waren mal Death Metal“, sagt Till anerkennend, „unter dem Namen Pyogenesis.“

Als soll Gerald lesen. Er geht an den Lautsprecher auf dem Tresen, greift zu einer Videokamera und bedient sie. „Was’n jetzt?“, fragt Axel. „Ich schalte die Kamera ein“, sagt Gerald. „Ich dachte, du filmst alle?“, entgegnet Axel. „Ja“, bestätigt Gerald stoisch-gelassen. „Ich hab’s vergessen anzuschalten.“ Gerald bildet die Welt, die er wahrnimmt, in den Floskeln und Formulierungen derer ab, die er beschreibt, und schießt damit sozusagen zurück. Der Dampfer der guten Laune, wahrhaftig. Roland stellt abschließend den Bezug zur Lemmy-Show her und sagt: „Lemmy war eigentlich die erste Lesebühne in Braunschweig, auch wenn die drei das nie so genannt hätten – aber Lemmy ist ein Vorbild für uns!“ Und Ben spielt wieder.

Es ist Pause. Viele gehen rauchen, holen sich neue Getränke und reden miteinander. Ben entdeckt auf dem Büchertisch eine Hörspiel-CD mit dem Titel „Halbgötter“ von Hauke Trustorff, erschienen in Andreas’ Verlag. „Die nehm ich mit!“, sagt er, und dabei fällt ihm ein, dass er das Hörbuch von Axel auch schon immer mal haben wollte. „Das hab ich sogar mit“, sagt Axel. Dabei handelt es sich um ein Fantasy-Hörbuch mit dem Titel „Das Schwert des Xanq“, Roland hat es eingelesen.

Allmählich klemmt sich Ben wieder hinter sein Keyboard, um die Zuschauer auf das Pausenende aufmerksam zu machen. Roland startet als erster Leser mit einem kurzen Ausschnitt aus einer Bukowski-Geschichte, danach ist Toddn wieder an der Reihe. Der will aber nicht vorne sitzen, sondern am Tisch. Also muss Till einen Platz nach links rutschen. Toddn liest aber nicht sofort los, sondern holt erst mal Getränke für alle. Als er sich setzt, richtet Roland das Mikro ein. Toddn rückt den Stuhl etwas vor uns rummst mit der Nase ans Mikro. „Das ist immer so bedrohlich“, findet er und dreht das Mikro zur Seite. „Bukowski und ich haben eines gemeinsam: schlecht bezahlte Jobs“, beginnt er. Axel unterbricht: „Ja, aber Bukowski ist schon irgendwann zu Geld gekommen.“ Toddn dreht sich zu ihm um und sagt: „Ja, er hat eine reiche Frau geheiratet – das macht Hoffnung!“ Axel grinst: „Sie hat ihn zum Arbeiten gebracht, das ist der Trick!“ Ums Arbeiten handeln dann auch Toddns Texte, davon, wie aussichtslos es heute ist, ehrliche Jobs zu bekommen, von deren Lohn er seine Stromrechnung bezahlen kann.

Nach einem Ben-Intermezzo ist Axel dran. Er will aber wieder vorne lesen, also schiebt er den Tisch zurück und setzt sich auf den Barhocker. Nach einer Kolumne über Telefonterror angesichts eines zu erwartenden Kindes kündigt er einige Termine ab. Erneut spielt Ben, Till drängt sich nach vorne. „Ich warte auf ‚Highway To Hell’“, grummelt er Ben zu. „Das ist ‚Highway To Hell’“, behauptet Axel. Allmählich schälen sich wirklich Elemente des AC/DC-Stückes aus Bens Keyboardspiel heraus. „Darf ich dich Helmut Zerlett nennen?“, fragt Till jetzt anerkennend. „Mambo Kurt nimmt so was auf CD auf!“ Tills Geschichte handelt vom Moorkater, der alternativen Disco-Kneipen-Legende in Gifhorn, und seiner Heavy-Metal-Sozialisation.

Als Till fertig ist, drückt Ben kurz eine Taste. Roland wartet kurz und fragt dann irritiert: „Das war’s von dir, Ben?“ Roland kündigt Gerald an, der dieses Mal aus seiner Kolumne „Gerald Fricke hat kein Ballgefühl“ einige Texte liest, in denen er den typischen Fußball-Sprachgebrauch aufs Korn nimmt. Gelassen lümmelt er sich auf den Barhocker, eine Hand in der Tasche und in der anderen die Textzettel, und berichtet von Hallenfußball und Trikotwerbung.

Abschließend will Roland noch einmal dran. „Die nächsten Termine hat Axel schon gesagt“, einer fällt ihm wohl noch ein, „ich weiß nicht, hat er das angekündigt…?“ Till: „Ja, hat er!“ Hat er natürlich nicht, den Poetry Slam am 27. März im Roten Saal. Zum Ausklang groovt und swingt Ben auf dem Keyboard herum. „Das nächste Mal wünsche ich mir von dir Volksfestmusik“, sagt Axel.

Die Show ist vorbei, die Lachmuskeln entspannen sich wieder, die Leute finden zusammen, trinken, rauchen draußen, erzählen. Chris, André und Marcel räumen die Bänke weg, Andreas und Ben bringen die Technik beiseite. Frank, Till und Axel hatten zwei Monate zuvor im Riptide die Heavy-Metal-Lesung gehalten und kürzlich in Hamburg ausprobiert, ob das Konzept woanders ebenfalls aufgeht. „Das hat auch sehr gut funktioniert“, bestätigt Frank. „Das war in so’nem Schuppen auf dem Kiez.“ Gerald will sich nun verabschieden und meint grinsend, mit Blick auf Chris, der eine Bank zusammenklappt: „Ich gehe, bevor ich hier noch zum Aufräumen verhaftet werde!“ Axel platzt heraus: „In Hamburg mussten wir aufräumen, bevor wir gelesen haben!“

Die Gerüchteküche verabschiedet sich. Dieser Ausflug hat Herzlichkeit, Harmonie und ganz viel Gelächter ins Riptide gebracht. Auf jeden Fall hat der Restwinter ganz viel Farbe und Wärme bekommen. Das Frühjahr kann kommen.


Matze van Bauseneick
www.krautnick.de

#16 Warm von innen

18. Februar 2009


Dieser Februartag sieht aus, wie man sich einen Februartag wünscht: Strahlendblauer Himmel mit vereinzelten Wolken, aber eiskalten Temperaturen. André steht alleine hinter der Theke, weil Chris zu Hause ist – „er hat sich verlegen und sich was eingeklemmt“, erzählt André. Er selbst hatte erst kürzlich drei Tage auf dem Sofa verbringen müssen, weil er sich einen Infekt eingefangen hatte. „Da bin ich mal richtig zur Ruhe gekommen“, sagt er, und ergänzt: „Ab 1. April wollen wir Hilfe in Anspruch nehmen.“ Kathi, eine Freundin, wolle dann an Wochenenden aushelfen. „Sie ist immer schon mal eingesprungen.“

Markus findet das schade. „Hätte ich das eher gewusst!“ Den Job hätte er nämlich auch gerne übernommen. Aber er hat auch schon andere Job-Pläne, die er nur noch nicht verraten mag. Stattdessen erzählt er von einem Konzert, das er im April oder Mai im Nexus veranstalten will. „‚Der Tante Renate’ spielen, die zweite Band ist noch nicht sicher, vielleicht ‚Juri Gagarin’.“ Diese Gruppe kommt nicht etwa, wie zu erwarten wäre, aus Osteuropa, sondern aus Hamburg. „Die machen Electro und spielen als Einmarschmusik die Hymne der Sowjetunion“, erklärt Markus. André schlägt „Misses Next Match“ vor und lässt Markus in das kommende Album reinhören. Markus wollte eigentlich gerade gehen und zieht noch mal seine Jacke aus, sein Interesse ist geweckt. „Die sind feiertauglich, haben ein paar richtige Smasher“, findet André. Für Markus sind auf dem ersten Eindruck zu viele Gitarren drin. „Ich bin von mehr Electro ausgegangen“, sagt er. „Das kommt noch“, meint André und skippt ein Stück vor. Mit der Konzertgruppe „Kritik & Feierei“ veranstaltet Markus schon seit längerem Konzerte im Nexus, das mit „Der Tante Renate“ soll sein erstes werden, das er ganz alleine auf die Beine stellt. „Immer weniger Leute wollen so etwas machen, aber dann fehlt etwas in Braunschweig“, meint er,

„Im Nexus bin ich aktiv, seit ich in Braunschweig wohne“, erzählt Markus draußen in der Kälte beim Rauchen. Ursprünglich kommt er aus Salzgitter, „aber wir waren schon immer viel in Braunschweig unterwegs“. Gelernt hat er Kaufmann mit Fachbereich Spielwaren. „Ich hab mich schon über meine Wahl geärgert, man findet damit in der Region nichts.“ Und nach München habe er nicht gewollt, „das ist mir zu weit weg, ich hab meine Freunde hier.“ Dabei war das Thema an sich passend, mit Table Decks und Magic-Spielen. „Von 1993 bis 2004 habe ich Magic gespielt“, erzählt Markus. Irgendwann habe das Interesse daran aber nachgelassen. „Hobbys verändern sich.“ Arbeiten raubt Zeit. „Und ich habe eine zweieinhalbjährige Tochter, mit der beschäftige ich mich auch lieber.“ Er geht zurück zum Tresen, auf dem sein Buch noch liegt, „Die dunkle Zeit – Schatten über Ulldart“ von Markus Heitz. „Das ist das beste, was die deutsche Fantasy in den letzten 20 Jahren herausgebracht hat“, schwärmt Markus, schnappt sich seine Jacke und wendet sich zum Gehen: „Jetzt muss ich aber wirklich los!“

Das Buch lag neben dem Stapel mit den Flyern für die Lichterkette, die am nächsten Donnerstag von Braunschweig um die Asse herum bis zum Schacht Konrad reichen soll, 52 Kilometer lang, gegen Atommüll in der Region, gegen Atomkraft allgemein. Jetzt wuchtet André eine Kiste mit Second-Hand-LPs auf den Stapel. Frank blättert den Stapel durch, aber nichts davon spricht ihn sofort an. „Ist halt so Punk“, meint er. „Ich guck die demnächst noch mal durch.“ Ohne Tonträger wird der Sammler das Riptide dennoch nicht verlassen. „Solange es Quellen für Vinyl zum vernünftigen Kurs gibt – ich sehe mich schon dreimal die Woche herkommen“, seufzt Frank. „Ich bin diese Woche schon zum dritten Mal hier.“ André überreicht ihm die Tüte mit zwei Depeche-Mode-Maxi-Singles und dem Album „Harmonia“ von Earthbend. „Die machen hoch angepriesenen Stoner-Psychedelic-Rock“, erklärt Frank. „Das ist ein Doppel-Vinyl, das kaufe ich sogar blind, nach den vielen guten Kritiken.“ Er nimmt die Tüte entgegen. „Das kannst du auch bedenkenlos tun“, bestätigt André. „Es gibt noch ambitionierte junge Musiker, denen es um die Musik geht, und nicht nur – “, Frank reibt Daumen und Zeigefinger aneinander. „Das ist schön anzusehen.“ Er verabschiedet sich. „Ich komme bestimmt noch mal wieder“, sagt er. „Das wäre dann aber das vierte Mal“, ruft ihm André grinsend nach. Frank dreht sich um und sagt: „Ja, macht doch nix.“

Bibbernd kommt Kai zur Tür herein. „Hier ist es warm“, freut er sich. „Das ist die richtige Zeit, um sich mit einem Heißgetränk auch von innen zu wärmen“, sagt André zur Begrüßung. „Habt ihr auch Tee?“, fragt Kai. Ein gutes Dutzend Sorten steht über dem Kaffeeautomaten gestapelt zur Verfügung. „Wenn du die Sorten von da erkennen kannst“, meint André bestätigend. Kai umrundet den Tresen und liest die Packungsaufschriften. „’ne schöne Ostfriesenmischung“, bestellt er. „Schwarztee?“, fragt André. „Im Kännchen?“ Im Kännchen. Kai hatte die Inneneinrichtung des Cafés mitgebaut, demnächst baut er vielleicht eine Sitzecke ein. „Wir reden erst mal drüber“, sagt er. Von ihm sind „der Tresen, das Ding da oben und die Plattenteile“. Mit dem „Ding da oben“ meint er die orange-rosa-grüne Brücke über dem Tresen. „Die musste rein“, erklärt André. „Das ist die Brücke für die Elektrik, ist ein schöner Eyecatcher geworden.“ André erzählt davon, wie das Riptide gestaltet wurde. „Ilka, die auch schon das Nexus mit designt hat, hat ein Modell vom Riptide gebaut, und in Zusammenarbeit mit einer Berliner Grafikdesignerin das Konzept entworfen.“ Die Designerin ist Kati Meden, deren Ausstellung „FleckchenErde“ gerade im Riptide zu sehen ist. Von den beiden stammt also auch das Farbkonzept. „Das Bunte in der Brücke ist beklebtes Plexiglas mit Licht dahinter“, rundet Kai ab, bevor er sich bei André eine Suppe bestellt.

Die nächste Ausstellung steht auch schon fest: „Bilder von Ute Heuser, die das Buch über Turbonegro gestaltet hat“, sagt André. In genau diesem Augenblick legt Luki jenes Buch zum Kauf auf den Tresen. „Das passt ja“, sagt André. „Möchtest du eine Tüte dazu?“ Luki möchte, sein Begleiter Daniel ergänzt fröstelnd: „Und ’ne Jacke!“

Philipp lässt sich von André „Years Of Refusal“, das neue Morrissey-Album, auf CD geben, zum Reinhören. „Vorsicht“, sagt André, „da ist noch eine DVD mit drin.“ Philipp dankt und meint, „okay, dann leg ich die DVD ein.“ Seine Freundin Anna bestellt derweil einen braunen Cookie und einen Chai-Tee. Beides bringt André zu ihr ans Sofa, Philipp kommt vom Morrisseyhören zurück zu ihr. Anna und Philipp spielen in einer Band, „The Roskinski Quartett“. „Wir haben auch schon mal hier im Riptide gespielt“, erzählt Anna. Das Riptide mögen sie beide. Sie blicken sich um, schauen auf die bunten, großformatigen Bilder. „Sind die nicht von der Frau, die das Riptide farblich mitgestaltet hat?“ Sind sie. „Das sieht man, die passen gut hier rein.“

Die Musik ihrer Band bezeichnen Anna und Philipp als „Indie-Pop mit einem bisschen Disco“. Das war bei dem Bandnamen nicht zu erwarten. „Wir machen keinen Jazz, das glauben viele, deswegen auch das ‚The’“, erklärt Anna. Die Band trägt außerdem ihren Nachnamen. „Anna ist die Songwriterin und Sängerin der Band“, sagt Philipp. „Ich spiele Gitarre und mache noch PR.“ Die neue Morrissey habe er sich bei André gleich bestellt, zusammen mit „The Western Lands“ von Gravenhurst. „Ich hab mir drei, vier Lieder von Morrissey angehört, die sind besser als das Album davor, das fand ich nicht so gut wie das vorletzte“, sagt Philipp. „Wir müssen uns noch das Album von Carl Craig kaufen, das mit den Berliner Symphonikern.“ Beide schwärmen von „Versus“, einer Aufführung aus Paris, die sie irgendwo gesehen haben. „Ein Orchester hat Stücke von Carl Craig gespielt“, sagt Anna. „Das war geil“, meint Philipp, „die haben die ganzen Electro-Spielereien umgesetzt, Drum-Aussetzer und so.“ Er steht abrupt auf und verschwindet in Richtung André. „Zuerst hat nur das Orchester gespielt, aber mit der Zeit hat Craig das untermalt“, erzählt Anna weiter.

So ähnlich wie zuletzt bei Polarkreis 18 vielleicht? „Nicht ganz“, meint Anna. Von denen mag sie ein Lied gerne: „Das heißt ‚Somedays Sundays’ und ist noch vom ersten Album, das ist Techno, geht aber gut ab, am Anfang ganz ruhig, dann geht der Beat los, richtig gut zum Abdancen.“ Mit den Jungs von Polarkreis 18 hat sich Anna schon unterhalten, in Köln. „Die sind wie wir in der Soundfoundation, da hat jede Band einen Paten, und die waren unser Pate“, erklärt Anna. Philipp kommt zurück. „‚Recomposed’, Carl Craig und Moritz von…” – „Oswald”, fällt Anna jetzt sofort ein. „Ich hab die grad bestellt“, sagt Philipp. „Als Doppel-LP, ich kaufe immer Vinyl, wenn’s irgendwie geht.“ Allmählich packen beide ihre Sachen zusammen. „Wir müssen los.“

Mit einem ausgeklappten Zollstock, einem Stift, einem Zettel und einem sehr konzentrierten Blick läuft Kai im Riptide herum. André und er diskutieren Ideen und planen, gemeinsam zu Ikea zu fahren. Doch auch Kai hat jetzt nur noch wenig Zeit. „Danke für die Suppe, die war sehr lecker“, sagt er. „Ich muss weg.“ Es wird still im Riptide. André räumt auf, wischt Tische ab, rückt Kissen zurecht. Die nächsten Gäste können kommen.


Matze van Bauseneick
www.krautnick.de

#15 Die Drei Drachenschlachter

17. Januar 2009


Dieser Freitag ist ungemütlich grau und windig. Die Gäste, die es ins Riptide weht, werden von Hanna begrüßt. Sie macht ihr Berufsschulpraktikum im Café und wirkt so souverän, dass man auf diese Idee gar nicht käme. „Mein Fachgebiet ist Ernährungswissenschaften, deshalb musste es im Gastrobereich sein“, erklärt sie. „Das Praktikum ist das letzte, was ich mit der Schule hier mache, danach ziehe ich nach Amsterdam“. Ihr Freund hat dort einen Studienplatz, sie geht mit ihm. „In den Niederlanden geht ein Studium auch ohne Abi“, sagt sie, „ich muss nur ein Jahr zur Hochschule gehen, das mache ich und studiere dann Journalismus.“ Auf Englisch, nicht auf Niederländisch. „Ich habe zwar an der Volkshochschule eine Kurs belegt, aber ich traue es mir noch nicht zu, in der Sprache auch zu studieren“, sagt Hanna und verschwindet in Richtung Küche. „Jetzt mache ich erst mal einen Burger.“

In der Küche hilft Marco täglich für zwei Stunden aus. Ihm gehörte einst der Fasanenkrug. „Er hat mal mit Axel Klingenberg zusammengewohnt“, spannt André den Bogen zur Abendveranstaltung. Axel wird heute Abend nämlich zusammen mit Frank Schäfer und Till Burgwächter die Lesung „Das ist ja wohl die absolute Härte!“ bestreiten. Zu dritt sind sie bislang noch nie aufgetreten, lediglich in allen erdenklichen Zweierkombinationen waren sie schon vorlesend unterwegs. Für Chris und André bedeutet dies, das Café rechtzeitig vorzubereiten. Für eine Stunde soll es daher geschlossen bleiben und pünktlich um acht wieder die Türen öffnen. Aber noch ist das Riptide offen für sein Publikum.

Chris erzählt, dass seine Mutter bis zur Rente an der Schule unterrichtete, auf die Hanna geht. „Ich muss jetzt ganz viele Lehrer grüßen“, sagt Hanna grinsend. „Alle Schüler sind durch ihre Hände gegangen, hat sie immer gesagt“, erzählt Chris und schiebt die „Dust Sucker“-Doppel-LP von Captain Beefheart And The Magic Band in eine Schutzhülle. Sieht schick aus, die Platte. „Sie haben vor kurzem einige Beefheart-Alben neu rausgebracht“, sagt Chris. „Das ist wie bei Zappa: Alle sagen, der ist ein Genie, aber keiner kennt ihn.“ Hanna kennt Zappa. „Seit neustem habe ich das Zappa-Poster überm Bett hängen, auf dem er auf dem Klo sitzt“, sagt sie. „Jeden Morgen, wenn ich aufwache, sehe ich Frank Zappa auf dem Klo – kein schöner Anblick, das muss nicht sein.“ Ihr Freund hatte das Poster aufgehängt. „Sind ja nur noch drei Wochen“, grinst Hanna.

„Kann ich da mal reinhören?“, fragt Moritz und legt André die „Jewels“-CD-Hülle von den Einstürzenden Neubauten vor. „Na klar“, sagt André, sucht die passende CD heraus und gibt sie ihm. „Seit ‚Kollaps’ höre ich die Neubauten“, erzählt Moritz. „Ich hab mit dem Krach angefangen.“ Bei den neueren Alben mag er die Texte nicht mehr so gerne. „Das ist für mich so Pseudo-Lyrik“, findet er. Es habe eine Zeit gegeben, da habe er nichts anderes als die Neubauten gehört. „Weil es einfach nichts Vergleichbares gab – aber heute könnte ich das auch nicht mehr den ganzen Tag hören.“ Er schnappt sich die „Jewels“ und setzt sich an den CD-Player.

Wenn nicht, wie heute, eine Abendveranstaltung geplant ist, wird das Riptide jetzt am Wochenende zur Lounge. „Ab 20 Uhr machen wir einen Umbau, dämpfen das Licht und erzeugen ein bisschen Lounge-Atmosphäre“, sagt André. „Wir legen dann die Tischaufbauten auf das eine CD-Regal und nutzen es so als Tisch, der wird gerne genutzt, da finden auch große Gruppen Platz.“ Außerdem gibt es Cocktails im Riptide. „Das sind eher Zweimischgetränke“, sagt André, „ich weiß nicht, ob man die schon als Cocktails bezeichnen darf.“ Es gibt Schnäpse, Jägermeister, Wodka und Whiskey. „Als Mixgetränke haben wir Highball, das ist Whiskey mit Ginger Ale, oder Screwdriver, das ist Wodka-O“, zählt André auf.

„Neurosis“ steht auf Mathis’ Pullover, „Neurosis“ steht auch auf der einen LP, die er zur Kasse trägt, darunter „The Eye Of Every Storm“. Auf der anderen LP steht „Dummy“ neben dem Namen „Portishead“. „Die Neurosis ist für einen Freund, die habe ich selber schon“, sagt Mathis. Und die „Dummy“ bezahlt gerade sein Begleiter. „Die habe ich auch selber“, grinst Mathis. Er selbst hat sich noch eine ganz andere LP gekauft: „Board Up The House“ von Genghis Tron. „Die machen so Grind-Geballer“, sagt Mathis. „Die treten auch live auf, die haben einen Drumcomputer, zwei Keyboarder und zwei Gitarristen“, erklärt er. Und grinst: „Diese Platte ist verglichen mit der davor schon fast strukturiert.“ Er schiebt seine LP zurück in die Tüte zu den Schutzhüllen, die er ebenfalls hier gekauft hat.

Außer der Bionade hat das Riptide jetzt auch die Limonadenmarke „Bios“ im Repertoire. „Die ist ohne Zuckerzusatz und mit dem Bio-Siegel, das greift sogar stärker als die EU-Norm“, sagt André. „Die Sorten sind ein bisschen an Bionade angelehnt“, meint er und zählt auf: „Holunder-Traube, Orange-Ingwer, Lemon Grass und Red Apple.“

Währenddessen sortiert Chris einige neue LPs in die Fächer und beginnt anschließend damit, schon einmal Kleinigkeiten für den Abend zurechtzurücken. „Habt ihr die ‚Life Won’t Wait’-LP von Rancid hier?“, fragt ihn Sina. Chris sieht im Fach nach. „Wir haben noch eine da, als Picture-Vinyl, davon gibt es nur 500 Stück“, sagt er. „Die hat die Band sogar selber rausgebracht.“ Eine große Freude für Sina. „Ein Glück, dass ich die bekommen habe, da wird er sich freuen!“ Aha, sie kauft das rare Stück nicht für sich selbst? „Das ist ein Geschenk, und genau die fehlt ihm noch.“

Inzwischen werden nicht nur Kleinigkeiten geräumt. André schiebt die CD-Regale beiseite, lehnt die Tischabdeckung daneben, stellt die Pflanze dahinter. Der Zeitschriftenaufsteller kommt auch in die Ecke. Das Café ist zwar eigentlich fürs Publikum nicht mehr geöffnet, leer ist es trotzdem nie. Einige Gäste bieten sogar ihre Hilfe an. Allmählich trudeln die drei Leser ein, Till ist der erste. Er hat eine wilde, lockige Mähne und trägt ein Rob-Halford-T-Shirt und eine Helloween-Jacke. „Ich bin das erste Mal hier“, sagt er, während er seine Blicke anerkennend durch das Café streifen lässt. „Frank hat davon erzählt, dem hat das sofort gefallen.“ Till wohnt seit zehn Jahren in Braunschweig, kommt aber ursprünglich aus Gifhorn. Wie Frank, der aus einem Nachbardorf stammt. Axel kommt aus Bodenteich, das heute Bad Bodenteich heißt. „Stimmt, wir kommen alle beinahe aus einer Gegend“, sagt Till.

Er sieht die neue Eläkeläiset-CD „Humppa United“ auf dem Tresen. „Zu denen haben auf dem Wacken 30.000 Leute Polonäse getanzt“, erzählt er, und geht über zur Band Van Canto. „Die machen Metal mit ihren Stimmen, nur der Schlagzeuger ist echt.“ Auf dem Rockharz-Festival habe er die gesehen, dort hätten sie zur hälfte Covers, zur Hälfte eigene Stücke gespielt. „Für eine halbe, dreiviertel Stunde ist das interessant.“ Gecovert hätten sie alles von Europe bis Slayer – „ungefähr das, was ich auch höre.“ Damit kommt er zum Thema Genres. „Heavy-Metal-Hörer sind Fans für immer“, meint er, „und das wissen die Promoter.“ Als Beispiel nennt er Bon Jovi und Bryan Adams, „die hören sich ja eigentlich gleich an.“ Aber da Bon Jovi ihre erste Tour im Vorprogramm einer Metal-Band gebucht hätten, wären die im Bewusstsein der Fans nach wie vor dem Metal zugeordnet – „Bryan Adams nicht.“ In diesem Augenblick kommt Axel dazu. „Die braucht man heute aber beide nicht“, meint er. Axel trägt ein gestreiftes dunkles Hemd, keine Metal-Insignien. „Ich halte mich offen für alles“, grinst er. Jetzt ist auch Frank da, im Thin-Lizzy-Shirt. „Ich höre alles, was gut ist“, sagt Axel gerade, und Frank ergänzt lachend: „Ich höre alles, was so im Radio läuft.“ Axel: „So Rock Pop, nur nicht die harten Sachen.“ Frank: „Ich mag nur die Balladen von denen.“ Alle drei brechen in schallendes Gelächter aus. Es geht gut los.

Chris bereitet den Lesetisch vor und fragt nach Details: „Wollt ihr ein Mikro oder drei Mikros?“ Darauf Frank: „Also, ich brauche nur ein Mikro.“ Till, Axel und Frank besprechen die Sitzreihenfolge. „Ich habe mal gehört, dass rechts immer der Chef sitzt“, meint Axel grinsend. Till entdeckt die „Feuermond“-Dreifach-LP der Drei Fragezeichen im Fach hinter dem Tisch. „Auf LP – geil, dass es die noch gibt“, staunt er. Um die drei herum stellen Chris und André Lautsprecherboxen auf, verteilen Mikros und bereiten die Bierbänke für das Publikum vor. Chris fragt nach einer Einmarschmusik. „‚Der Hund von Baskerville’ von Cindy und Bert“, schlägt Axel vor. Alle lachen. „Meine Lieblings-Heavy-Metal-Version ist ‚Fuchs geh voran’ von den Scorpions“, sagt Till. „Das ist ‚Fox On The Run’ von den Sweet auf Deutsch.“ Das haben die Scorpions unter dem Namen „The Hunters“ 1975 herausgebracht. „Und du willst uns nicht veräppeln?“, fragt Frank. Will er nicht.

Allmählich rollen die drei ihre Rock’n’Roll-Vergangenheit auf. „Ich habe in Gifhorn bei der Band ‚Cryptic Voices’ Gitarre gespielt“, will Till eigentlich gar nicht erzählen. „Wir haben uns den Proberaum damals mit Gastric Ulcer geteilt“, sagt er. Deren Sänger Marco ist jetzt bei Very Wicked. „Papa Gore hat eine klasse Stimme“, findet Till. Der Bodenteicher Axel kennt natürlich auch die Discothek „Exil“. „Ich war beim Eröffnungsabend dabei, da haben einige Bands gespielt“, erzählt Axel. „Das muss Anfang der 80er gewesen sein, meine ältere Schwester hat mich da mitgenommen.“ Für die Bodenteicher sei es wunderbar gewesen, dass die das Exil im Ort gehabt hätten. „Ich habe zwar am anderen Ende gewohnt, aber es war trotzdem praktisch, dass man nie irgendwo hinfahren musste“, sagt Axel. Frank hat seine Zeit im Gifhorner „Moorkater“ verbracht, auch mit Bandauftritten, mit „Salem’s Law“ und „Operation Daisyland“. „Im Kater waren wir fast nie“, sagt Axel. „Wie, nie im Kater?“, hält Frank entrüstet dagegen. „Wozu“, meint Axel, „Wir hatten’s ja zu Hause.“ Die drei zählen lauter alte Disconamen auf. „Penny Lane, Mausefalle“, meint Axel, „und kennt noch wer das Amazonas in Hankensbüttel?“ Heike kommt dazu. „Jembker Hof und Farmer’s Inn“, wirft sie ein. Von irgendwo fallen noch die Namen Schlucklum und Panopticum.

Es geht los. Mehr als 60 Metalheads und Literaturinteressierte haben sich auf Bierbänken und Stühlen oder an der Theke lehnend eingefunden. Die Stimmung ist heiter und gelöst, sowohl beim Publikum als auch bei den drei Stargästen, die sich zunächst vorstellen. Till schreibt unter anderem für den „Metal Hammer“, Axel beim „Punchliner“. „Außerdem ist er Chef der Bumsdorfer Gerüchteküche“, behauptet Frank. „Hey!“, ruft es da gespielt entrüstet von hinten. Das war Roland, der ebenfalls bei der Bumsdorfer Gerüchteküche mitmischt. Frank liest als erster, und zwar aus seinem Buch „Generation Rock“. Jeder der drei hat als ersten Text einen Bericht über eine Band oder einen Musiker herausgesucht. Frank berichtet von den Hellacopters, Axel von Swantje und Till von Ozzy Osborne. Frank liest in einem langsamen, verschwörerischen, sehr spannungsgeladenen Tonfall, Axel eher munter, beinahe heiter, und Tills Stimme rollt die Geschichten und Glossen, als wäre er selber ein Metal-Growler. Die drei schaffen gekonnte Überleitungen und gehen aufeinander ein. Sie reichen den inhaltlichen Staffelstab weiter, wo manchmal sogar eigentlich keiner ist. „À propos Kindergeburtstag“, heißt es zum Beispiel. Die positive Stimmung der Leser wird vom Publikum aufgenommen. Jeder der drei hat einen anderen Schwerpunkt in der Berichterstattung, doch was sie alle eint, ist die Tatsache, dass man die Inhalte auch losgelöst vom Heavy Metal nachvollziehen und teilen kann. Zahlreiche Juchzer und Quieklacher aus dem Publikum quittieren das. Eine herrliche Mischung. Es gibt eine kurze Pause, die viele rauchend vor der Tür verbringen, dann geht es weiter. Man kommt aus dem Lachen nicht mehr heraus. Man spürt die Zuneigung der drei zueinander, das fließende Miteinander. Am besten sollten sie niemals aufhören zu lesen, zu erzählen, sich ins Wort zu fallen und schlagfertig lustige Seitenhiebe zu kommentieren. Doch irgendwann muss Schluss sein. „Möchte einer meiner Kollegen noch etwas sagen?“, fragt Axel. „Heavy Metal is the law“, meint Till. Und Frank: „Dem schließe ich mich an.“

Wieder strömen die Leute zum Rauchen nach draußen, die drei Stargäste ebenfalls. Frank muss sogar schon nach Hause, Till und Axel mischen sich unters Publikum und sprechen mit Gästen und Bekannten. Ex-Bassist Kui kennt Frank noch aus seiner gemeinsamen Zeit bei den Bands „Operation Daisyland“ und „Salem’s Law“, heute singt er bei „Carbid!“, einer Metal-Cover-Band. „Bei Salem’s Law habe ich noch gesungen und Bass gespielt, bei Operation Daisyland schon nur noch gesungen“, erzählt er. „Ich habe eine Zeitlang beides versucht, aber das ist mir zu viel Arbeit“, gesteht er. „Ich muss auch gleich noch zur Bandprobe“, sagt er. Nach 23 Uhr? „Unser Schlagzeuger kommt mit dem Zug aus Frankfurt“, erklärt Kui. „Er ist länger in der Band, als er in Frankfurt wohnt.“ André steht hinter der Theke und gibt Getränke heraus, Hanna macht sich auf den Heimweg, Marco steht entspannt im Türrahmen der Küche, Chris klappt Bänke zusammen. Überall stehen Leute herum, sprechen, trinken, lachen. Von der Winterkälte ist nichts zu spüren.


Matze van Bauseneick
www.krautnick.de

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