Archiv der Kategorie ‘Musik‘

#88 Lachkönige

27. Februar 2015


Donnerstag, 26. Februar 2015

Wie nennt man das, wenn zu einem Zeitpunkt, der eigentlich dem tiefsten Winter entspricht, die Knospen sprießen, Schneeglöckchen für das einzige Bisschen Schneeartigkeit sorgen, bunte Blumen den Boden mit Farbtupfern bedecken – Vielzufrühling? Und wie ist überhaupt die Mehrzahl von Krokus, frage ich, als ich im Handelsweg mit Serge und Niclas das eigentümliche Jahreszeitenphänomen diskutiere, und zwar nicht in Serges Laden, sondern davor, weil wir die Sonnenstrahlen genießen, obgleich sie es dem Sonnenstand geschuldet noch nicht in das Achteck des Handelswegs schaffen, aber doch für ausreichend Wärme sorgen, so sehr, dass heute allerorts Braunschweiger aus ihren Winterkellern krabbeln und die Straßen bewuseln, noch mit den üblichen verkniffenen Wintergesichtern zwar, aber immerhin doch an der Luft – ist es, dem Latein entsprechend, „Kroki“? „Kroküsse“, sagt Serge, mit einem schelmisch-verschmitzten Lächeln, spitzbübisch fast, und Niclas schlägt trocken vor: „Krokanten.“

Marco schleppt gemächlich und entspannt Getränkekisten an uns vorbei und zwischen Lager und Café Riptide hin und her. Auch vor Comiculture versammeln sich Jugendliche. Eindeutig, da schwingt schon der Frühling mit. Jetzt müsste nur auch noch das Geschäft gegenüber von Serges Antiquariat wieder aufblühen: Das frühere Vabel-Schmucklädchen steht leer.

Im Café ist es für Chris indes leider weniger entspannend: Er hat alle Hände voll zu tun, eigentlich hat er sogar mehr zu tun, als er Hände hat. Am Abend ist das Café für eine private Veranstaltung gebucht, bis dahin muss er Klar Schiff machen. So befasst er sich damit, einerseits die angelieferten LP-Pakete auszupacken, die Platten mit Preisschildern zu etikettieren und sie in die entsprechenden Fächer zu sortieren, und andererseits bereitet er in der Küche die bestellten Speisen zu. Gottlob ist er nicht alleine, Paul übernimmt Bestellungen und Getränke. Paul absolviert sein Schulpraktikum im Riptide, „das ist der vorletzte Tag von drei Wochen“, erklärt er. Ein Déjà-vu für mich, dasselbe sagte mir seine Vorgängerin Vanessa vor fast einem Monat. Paul, gebürtiger Braunschweiger, geht auf die IGS in Querum. „Hier ist ein anderer Ablauf als in der Schule“, sagt Paul. „Auch, weil ich erst ab 12 Uhr anfangen muss – ich kann jeden Tag ausschlafen.“ Auch das war einer der Vorzüge, von denen Vanessa sprach. Verständlich. „Hier hat man nicht so feste Formen wie in der Schule“, sagt Paul zu mir und Niclas, der sich nun zu mir an die Theke stellt. In der Schule fange man mit einem vorgegebenen Fach an und arbeite den dann den Stundenplan ab: „Hier macht man das, was gerade ansteht.“ Niclas nickt: „Zum Beispiel einen grünen Tee servieren.“ Paul grinst und dreht sich zu Tassen und Beuteln um: „Ich mach mal einen grünen Tee.“

Mit dem Musikverkauf sind Praktikanten im Riptide nicht betraut, erläutert Paul, während er Niclas eine Tasse mit Tee und mir eine mit Milchkaffee auf den Tresen stellt: „Ich hab aber geguckt, ob die Platten in den Fächern richtig nach Alphabet sortiert sind.“ Auf das Riptide als Praktikumsplatz kam er, weil er hier gern als Gast herkommt. Vielleicht liegt es daran, dass ihn im Rahmen des Praktikums keine unerwarteten Ereignisse ereilten. „Ich habe versucht, mich grundsätzlich überraschen zu lassen, und keine Erwartungen gestellt“, sagt Paul. Er denkt kurz nach und sagt dann: „Nicht erwartet habe ich, dass hier so viele Mitarbeiter sind, neun oder so, erstaunlich.“ Im Laufe seines Praktikums hat er alle kennen gelernt. Was wird er vermissen, wenn er am Montag in den Schulalltag zurückkehrt? Paul grinst: „Das Ausschlafen auf jeden Fall.“ Jau, genau wie Vanessa.

Der nächste große Termin steht für Chris gleich morgen an: Im Rahmen der Reihe „Sound On Screen“ zeigt das Universum-Kino den Film „Monks – The Transatlantic Feedback“ mit anschließender 60er-Jahre-Party im Riptide. Chris beginnt sofort zu schwärmen: „Die Monks sind eine 60er-Jahre-Band, die gecastet war, im Gegensatz zu den Beatles.“ Die Musiker hatten sich alle eine Mönchstonsur rasiert. „Die Musik war räudig“, sagt Chris. Aber: „Man hat die Band vergessen.“ Bis vor zehn Jahren, als ausgerechnet Henry Rollins sie ins öffentliche Bewusstsein zurückholte. „Er hat sie wieder ausgegraben, und dann ist der Film entstanden“, sagt Chris. Das erste Mal seit Langem laufe bei „Sound On Screen“ keine Premiere, sondern ein älterer Film. Der letzte, „Whiplash“, erhielt sogar vier Oscars, berichtet Chris. Beim Titel „Whiplash“ denke ich eher an den Song von Metallica, als sie noch gut waren, als an den von Hank Levy, nach dem der Film benannt ist. Der handelt von einem ambitionierten Jungen, der der beste Jazz-Schlagzeuger der Welt werden will und sich dafür den Wutausbrüchen eines cholerischen Ensembleleiters aussetzt. Der Trailer wirkte für mich wie eine Mischung aus „Rocky“ und Kriegsfilm. Chris freut sich auf den Monks-Film: „Der ist der Hammer, weil die Typen so geil sind.“

Aus dem nächsten LP-Karton zieht Chris derweil unter anderem „High Hopes“ von Bruce Springsteen heraus. „Das ist ein hoffnungsvoller Nachwuchssänger, aus dem könnte was werden“, kommentiert er mit Kennerblick. Darunter liegt „Shadows In The Night“, Bob Dylans neues Album, sein Tribut an Frank Sinatra. „Oder der“, sagt Chris und zitiert den alten „Switch“-Sketch, „ein türkischer Nachwuchssänger, Bob Dülan.“

Das erinnert mich an die Geschichte, die mir Angela letzte Woche beim Konzert von Seducer, Hoax, TV Smith und den UK Subs in Groß Oesingen erzählte, als Charlie Harper von den UK Subs gerade seine Mundharmonika zückte. Ihr Freund sei mal Instrumentenverkäufer gewesen, und immer, wenn er einem Kunden eine Mundharmonika aushändigte, tat er dies mit dem Reim: „Mit ein bisschen gutem Willen spielst du besser als Bob Dylan.“ Und überhaupt, was war das für ein geiles Konzert in meiner alten Heimat. Hoax, die Groß Oesinger Punkband, war nach zehn Jahren Pause mal wieder live zu sehen, und das wie früher im Gasthaus Zur Linde, auf dem Saal. Weiß der Geier, wie sie das bewerkstelligten, aber sie buchten die englischen Punklegenden UK Subs und TV Smith von den Adverts für den Gig, dazu die Metaller Seducer aus Schweimke. An einem Dienstagabend in der Provinz fanden sich erstaunliche 500 Leute in der scheunenartigen Halle und feierten, pogten, moshten, was das Zeug hielt, und das Zeug hielt viel. Zu meiner Überraschung traf ich viele Braunschweiger dort, gar nicht so viele Leute aus dem Ort selbst. Nun je. Mal ganz abgesehen von den UK-Punkhelden, zu denen ich davor eigentlich gar keinen Bezug hatte, ist es für mich Ehrensache, hinzugehen, wenn Hoax rufen. Deren drei LPs gehörten zum Soundtrack meiner Heideadoleszenz, und obwohl ich sie lange nicht mehr hörte, kamen mir die Songtexte wie selbstverständlich von den Lippen. Dies ist eine erfreuliche Zeit, in der Lokalpunkhelden wieder zusammenfinden: Erst Halle 54 in Wolfsburg, dann Hoax in Groß Oesingen, und jetzt auch die Tanzenden Kadaver hier in Braunschweig. Deren Live-Comback steht indes noch aus – es gibt also etwas, auf das man sich dieses Jahr schon mal freuen kann.

„Tag, Herr Frank!“ – „Tag, Herr Rank!“ Chris und Dennis begrüßen sich nach einer alten Tradition, die sie einst in einer gemeinsamen Sendung auf Radio Okerwelle etablierten. Dennis bestellt nach dem Handschlag eine Fritz-Kola und einen Burger mit tierfreiem Bonanza-Bratling. Die Kola öffnet Chris ihm gleich. Mit dem Getränk in der Hand schlendert Dennis in Richtung Sitzplatz am Fenster. Während Chris in die Küche geht, sagt er: „Den Burger bring ich dir – den mach ich dir heut mal vegan.“ Dennis nickt: „Ja, heute mal ohne Fleisch.“

Neben dem Kücheneingang wirbt die Schiefertafel in dieser Woche für die Erbsen-Dill-Cremesuppe. Das Braunschweiger Trio You & Me, das mir noch als Duo von den Wolfsburger Shows bekannt ist, die Sibylle Schreiber im Café Extrem veranstaltete, bietet seine neue CD „Delightful Terror“ auf dem Tisch feil, auf dem auch der Kasten mit Fehmi Baumbachs Miniprints steht. Im Aufsteller für limitierte Editionen und neue DVDs auf der Theke steckt neuerdings auch die DVD von „20,000 Days On Earth“, dem hervorragenden Film mit Nick Cave, der auch bei „Sound On Screen“ lief.

À propos, der „Whiplash“-Film bei „Sound On Screen“ war der Grund, weshalb Chris leider nicht ins Nexus gehen konnte, zum Auftakt der Zehn-Jahres-Feier – parallel zum Film referierte dort nämlich Apfel, einer der Ersten aus dem Nexus-Team, umfassend über die Hausbesetzerszene allgemein und in Braunschweig speziell sowie die ersten Schritte hin zum Kulturzentrum Nexus, das aus dieser Szene entstanden war. „Das war ein wichtiger Abend“, bedauert Chris. Und ein großartiger dazu: Weit über drei Stunden lang gab Apfel seine hochspannenden Insiderkenntnisse preis, unterlegt mit Fotos und Filmen. Dafür war ich leider nicht bei den anderen wichtigen Festveranstaltungen, darunter Chris‘ wiederbelebter Pleasure-Park-Party, die mit dem Nexus das Zehnjährige beging. „Das war eine Reise“, erzählt Chris mit einem wohligen Seufzer. Er kredenzte dem Publikum nämlich ein Best-Of: „Alles, was die Leute mitgrölen können und was woanders nicht läuft“, sagt er. „Das habe ich beim Plattenpacken gemerkt: Oh, ich muss andere Sachen mitnehmen als sonst.“

Auch Chris ist einer der alten Nexus-Hasen, wie er Dennis, der mit dem Mittagessen fertig ist und der eigentlich zahlen möchte, und mir berichtet. Abgesehen von den Renovierungsarbeiten, an denen sich Chris handfest beteiligte, war er auch Mitglied im Namenskomitee, als einer von dreien. Und er war auch dabei, als die ominöse Newsletter-Signatur „Herr Nexus“ entstand: Als nämlich ein Steinelieferant mit Blick auf seinen Lieferschein die auf der Nexus-Treppe pausierenden Arbeiter fragte, wer von ihnen denn der Herr Nexus sei.

Nicht nur die Radioshow teilen Dennis und Chris als gemeinsame Erlebnisse. Dennis war bis vor rund zehn Jahren noch Schlagzeuger der seitdem stillgelegten Band Tchi. Chris erinnert sich, wie es zu dem Namen kam: „Wir gingen nachts an einem Tchibo-Geschäft vorbei, und das BO war unbeleuchtet.“ Er schwärmt von Tchi und davon, dass deren letztes Album bei Siloh Records erschien, dem Label von Robert Stadlober aus Wien. „Der ist aber nicht mehr dabei“, weiß Dennis. Und dann erzählen sie von ihrer Teilnahme an der Popkomm in Berlin, der ehemaligen riesengroßen Musikmesse. „Gotthilf Fischer war da“, erinnert sich Dennis. Chris zählt noch Tokio Hotel und Juli auf: „Aber die haben nur ihren Preis abgeholt“, so Dennis. „Und die Mädchen mit den Dirndln“, grinst Chris. Dennis weiß: „Das waren fränkische Weinköniginnen.“ Chris fand kürzlich bei einem Bekannten ein vergessenes Foto von sich wieder, auf dem er ein Pleasure-Syndicate-T-Shirt trug und von jenen fünf Mädchen im Dirndl umringt war. „Das war die Verleihung des Goldenen Musiklöwen oder so was von der Bayrischen Landesregierung“, kramt Dennis aus seinem Gedächtnis hervor. Langsam tropfen die Erinnerungen zurück ins Bewusstsein: „Wir wurden da mit Limousinen hingekarrt vom Hotel.“ Und Dennis erhielt dabei vom Chauffeur einen Anranzer, weil er im Fond durchrutschen wollte, um seiner Freundin Platz zu machen – das gehöre sich nicht. Chris lacht: „Das war so bizarr.“ Die beiden waren dort, weil das Label von Tchi sie eingeladen hatte. „Ich habe ein paar Leute auf die Gästeliste gesetzt“, erzählt Dennis. Chris gehörte indes nicht dazu: „Ich war als DJ geladen.“ Die Show fand an zwei Abenden in einem Hotel am Alexanderplatz statt, dem Park Inn. „Ich saß mit Nora Tschirner am Tisch“, trumpft Chris auf. Dennis und er berichten von diesem eigenwilligen Abenteuer mit dem breitesten Grinsen und machen den Eindruck, erst jetzt zu begreifen, wie absurd das Ganze tatsächlich war.

Dennis geht nun, Chris wirft für heute das Handtuch: Er hat Feierabend. Aline übernimmt und schmeißt den Laden vorübergehend allein mit Paul. Auch ich packe meine Sachen und kehre zurück in die Sonne. Schön, dass es wieder so lange hell ist. Hoffentlich bekommen wir nicht doch noch wieder weiße Ostern, wie vor ein paar Jahren.


Matze Bosenick
www.krautnick.de

#87 Wir Vogelmenschen

29. Januar 2015


Donnerstag, 29. Januar

Endlich mal wieder ein Tag mit Micha. Unser Ziel ist zwar das Café Riptide, aber wir starten unsere Zusammenkunft dieses Mal dort, wo wir andere bisweilen enden ließen: im Videobuster, dem DVD-Verleih an der Frankfurter Straße. Micha kennt dort Angestellte, ich inzwischen auch, nicht nur dank der Abende, die wir dort verbrachten, sondern auch andernorts, im Kino etwa. Für mich erweitert sich dort mein Universum. Weil ich mir selbst keine DVDs ausleihe, verbringe ich in vergleichbaren Etablissements zwangsläufig von mir aus keine Zeit. Ein Versäumnis, wie ich neuerdings dankbarerweise erleben darf. Es ist unfassbar unterhaltsam, Micha und seine Bekannten jenseits des Tresens in der eigentlich eher kalten Atmosphäre alles ausleuchtender Leuchtstoffröhren beim Geschmacksabgleich zu observieren. Gelegentlich kommt man dabei dann auch mit anderen Kunden ins Gespräch. Ich höre die unterhaltsamsten Geschichten und fühle mich wie in „Clerks“. Micha trinkt dazu mal einen Durstlöscher Pfirsich oder verspeist ein andermal einen Schokoriegel, oft findet er auch Filme, die ihn interessieren und die er sich dann ausleiht. Er schwärmt heute wie immer von „In The Mood For Love“ von Wong Kar-Wai und außerdem von „Stalker“ von Andrey Tarkovskiy. Hab ich beide nie gesehen, mit „Stalker“ ist es ohnehin schwierig, weiß Micha, da er in Deutschland nicht einfach auf DVD zu finden ist. Wir verabreden uns alle miteinander, demnächst „Birdman“ von Alejandro González Iñárritu im Universum zu sehen. Die Runde, die diesen Film mitgucken will, wächst nun unablässig.

Bei Micha wächst außerdem der Hunger, daher schieben wir los ins Riptide. Dort bestellt er sich bei André einen Burger. „Das dritte Mal, seit es diesen Laden gibt“, stellt Micha fest. Erst das dritte Mal, will er damit zum Ausdruck bringen. Beim zweiten Mal schmeckte ihm der Burger so gut, dass er sich von André heute wünscht, er möge den Burger dieses Mal wieder so zubereiten wie kürzlich. „Also wieder mit Dip zu den Nachos?“, fragt André. „Wie letztes Mal“, bestätigt Micha, der sich bereits von der Theke weg in Richtung Plattenregale fortbewegte. „Micha, Kaffee zu deinem Burger?“, ruft André und startet wissend die Maschine. Ein „Ja“ aus der anderen Ecke des Raumes bestätigt seine seherischen Fähigkeiten.

Heute hat André Gesellschaft von Vanessa, die ihr Schulpraktikum im Riptide absolviert. Engagiert räumt sie Tische ab, nimmt Bestellungen an und springt ihrem Chef zur Seite, wenn Kunden bezahlen wollen. „Alles zusammen?“, fragt André ein Paar an der Theke, und noch bevor er die Zahlen in den Taschenrechner tippen kann, souffliert Vanessa ihm den Gesamtbetrag. André grinst anerkennend: „Ich vertraue meiner Kollegin.“

Mit dem Kaffee in der Hand setzt sich Micha an einen der Tische, auf seinen Burger wartend. Vanessa macht den Tisch für ihr schön. Neben mir steht Dominik, der eine bestellte Platte abholen möchte: „Das Island Manöver“ von Turbostaat, nur echt ohne Bindestriche. André kommt aus der Küche und sucht ihm die LP aus dem Bestellungenfach heraus. „Cool, sogar mit Namensetikett“, stellt Dominik mit Blick auf die Kunststoffhülle erfreut fest. „Damit wir das zuordnen können“, erläutert André. „Wenn du die Platte nach zwei Wochen nicht abgeholt hast, mailen wir dich nochmal an.“ Dominik meint, er sei sich bei seinem Bestellanruf im Riptide nicht ganz sicher gewesen, ob es sich um einen Onlineversand gehandelt habe. André verneint: „Nicht alles, was wir im Laden haben, haben wir auch im Onlineshop, und nicht alles, was wir im Onlineshop haben, haben wir auch im Laden.“ Üblicherweise holen sich die Kunden die Platten, die sie im Laden bestellen, persönlich ab, sofern sie aus Braunschweig kommen, sagt André. Jeder werde ohnehin per Email informiert, sobald die Bestellung eingetroffen ist. Dominik nimmt sich seine neue Platte, er muss nämlich eilig wieder gehen: „Ich habe zwei Kinder in dem Wagen warten“, grinst er.

Es ist inzwischen genau die Zeit zwischen Mittagspausenende und Feierabendbeginn. Eben noch gehen viele Gäste, in kürzerer Zeit sind die nächsten neuen zu erwarten. „Ich wünsche einen unglaublichen Tag“, ruft André zwei Kundinnen nach und bringt sie damit zunächst zum Stutzen und dann zum anerkennenden Lachen. Während André in der Küche zu tun hat, frage ich Vanessa aus.

„Ich habe morgen meinen letzten Tag“, sagt Vanessa. Sie ist Schulpraktikantin und geht auf die Ricarda-Huch-Schule. Aus Braunschweig kommt sie aber nicht, sondern: „Aus Frankfurt.“ Am Main oder an der Oder, um mal den alten Gag von Hape Kerkeling zu zitieren? „Am Main natürlich“, sagt sie augenzwinkernd. Im Zuge der Scheidung ihrer Eltern zog sie vor zwei Jahren mit ihrer Mutter nach Braunschweig, zurück dorthin, wo der Rest ihrer Familie lebt. Besonders bei Leuten, die aus südlicheren Gefilden stammen, interessiert mich, wie sie sich im beinahe sprichwörtlich verschlossenen Braunschweig zurechtfinden. „Mit der Zeit immer besser“, sagt Vanessa. „Die Eingewöhnung hat gedauert, aber wenn man es erst mal akzeptiert, dass man hier lebt, geht es.“ Braunschweig sei nicht so international und vielleicht daher nicht so offen wie Frankfurt. „Aber mir ist aufgefallen, dass es hier freundlicher ist“, sagt sie zu meiner Überraschung. Frankfurt sei sehr hektisch und schnell: „Hier ist es langsamer und freundlicher.“

Den Praktikumsplatz im Riptide habe Vanessa sozusagen auf den letzten Drücker bekommen, denn eigentlich wollte sie zu einer Werbeagentur, „ich möchte auch etwas im journalistischen Bereich studieren“, sagt Vanessa. Sie hatte auch bereits einen Platz bei einer Werbeagentur in Frankfurt. Das sei möglich, weil ein Erziehungsberechtigter, in diesem Falle ihr Vater, dort gemeldet ist. Doch dann gab es Differenzen, nur zwei Wochen vor Antritt, und die Sache platzte. „Dann musste ich in zwei Wochen nach Plan B gucken“, berichtet sie. Ansonsten hätte ihr die Schule einen Platz zugewiesen, das wäre womöglich an einer Stelle gewesen, die ihr nicht zugesagt hätte. Die Plätze bei Werbeagenturen waren aber bereits vergeben. „Da ist mir das Riptide eingefallen, weil ich hier auch als Kundin gerne bin“, sagt Vanessa. Sie schrieb eine Bewerbung, kam zum Gespräch – und ist nun hier. Das Riptide passe gut zu ihr: „Der Umgang ist gechillter zu den Kunden, es ist persönlicher als woanders.“ Sie habe sich gut hier eingelebt, auch wenn es nur drei Wochen waren, und hofft, dass sie in der Sommersaison wieder einspringen kann, da sie erfahren habe, dass es dann großen Bedarf gebe. „In der Sommersaison ist es ja noch etwas anderes als jetzt“, weiß sie. „Ich würde mich freuen, wenn es klappt.“

Während Vanessa spricht, tritt Chris seinen Dienst an und umrundet sie hinter der Theke. André pendelt zwischen Küche und den Tischen hin und her. Ihrem vorerst letzten Arbeitstag und der Zeit danach blickt Vanessa mit einiger Wehmut entgegen. „Das wird voll die Umstellung“, ahnt sie. Wegen der Zeugnisferien hat sie glücklicherweise am Montag und Dienstag noch frei. „Ich bin hier jeden Tag spät aufgestanden, habe Verantwortung gehabt“, resümiert sie. Dabei habe sie vorher noch nie in der Gastronomie gearbeitet. Doch sie stellt fest: „Man fühlt sich erwachsen, wenn man einen Beruf hat – zurück in der Schule merkt man schnell: Du bist ja doch nur ein kleines Schulkind.“ Zum Erstaunen ihrer beiden Chefs betont Vanessa, dass sie dank ihres Praktikums begriffen habe, „die Schule ist fürs Leben wichtig“, dass aber dieser Aspekt in der Schule bei vielen Schülern verloren gehe. Das Berufsleben sei hart und die Schule bereite die Schüler darauf vor: „Das ist wichtig.“

Jetzt interessiert mich doch, wie alt Vanessa ist. Und unglaublicherweise ist sie erst 16. Das überrascht mich, da sie doch, nun, um einiges älter, im Sinne von reifer, wirkt als andere Sechzehnjährige, die nur Chartsmusik hören und ihre Fingernägel lackieren. Für die hat Vanessa aber Verständnis: „Es ist schwer, aus seinem sicheren Leben auszubrechen.“ Doch wenn man dies einmal geschafft habe, stelle man fest, dass es sehr wohl einfach ist, ein individuelleres Leben zu führen, sagt Vanessa. Und ich meine, dass es auch dann einfacher ist, wenn man sich in einer Gesellschaft bewegt, in der Eigenständigkeit normal ist. „Dazu fällt mir eine Filmszene ein“, wirft Chris ein. Und ich weiß sofort, welche er meint: „Ihr seid alle verschieden!“ – „Ich nicht!“ Chris lacht mit und wundert sich dann, woher ich das wusste, dass er genau diese Szene meinte. Naheliegend, finde ich. Vanessa ist verwirrt und wir klären sie darüber auf, dass das eine Szene aus „Life Of Brian“ ist. Vanessa staunt, dass Chris und ich unabgesprochen die selbe Assoziation haben. Chris wandelt einen bekannten Spruch ab: „Zwei gutaussehende intelligente Männer…“ Und ich ergänze: „…und ein geiler Gedanke.“ Was mich über die Brücke zu ähnlich gelagerten Titeln von Filmen mit Bud Spencer und Terrence Hill erinnert und mich wiederum von dort aus direkt zum „Trio mit vier Fäusten“ bringt, was ja zwangsläufig wiederum zurück zum Riptide führt. Vanessa ist erneut verwirrt. Chris sucht zur Erklärung die DVD-Box zu der TV-Serie und erklärt, dass der Originaltitel eben „Riptide“ lautete, wie das Café: „Das fließt zu rund zehn Prozent in den Namen mit ein.“

Während Chris neue Platten auszeichnet, die ab morgen zum Verkauf stehen, räumt André das Café auf, wischt Tische ab, rückt Kissen zurecht. Ich setze mich zu Micha unter die Fehmi-Baumbach-Bilder, die das Café seit kurzer Zeit schmücken. Micha schwärmt von ihrer Kunst, schon immer. Auf unserem Tisch liegt ein Flyer für den nächsten Film der Reihe Sound On Screen: Das Universum-Kino zeigt am 12. Februar ab 19 Uhr den oscarnominierten Jazzfilm „Whiplash“, als Vorpremiere sogar. Anschließend spielt das Blue Moon Trio im Riptide.

Micha und ich schlürfen Fritz-Kola, die uns André mit je einer Physalis am Strohhalm serviert. Ausnahmsweise ist mal nicht Film unser Thema, auch nicht die übliche philosophische Selbst- und Weltbetrachtung, sondern Musik. Beim jüngsten Silver Club spielte Soundmann Matze die Band Something Like Elvis über die Anlage ab, eine polnische Post-Rock-Band, die mich sofort erwischte. Auch Micha steht zurzeit auf Post-Rock, sagt er: die französische Band Ez3kiel, deren neues Album „Lux“ morgen erscheint. „Die sind in Frankreich relativ populär“, sagt Micha. „Die machen aufwändige Bühnenshows, da ist immer ordentlich was los, aber den Weg nach Deutschland finden sie selten.“ Das bedauert Micha. „Ich habe schon überlegt, mal nach Frankreich zu fahren dafür, Paris, Marseille“, sagt er. „Vielleicht heute.“ Kennen lernte Micha die Band, weil sie das Titelstück zu „Requiem For A Dream“ coverte, auf einem Live-Album, „das hab ich auch“, und „Requiem For A Dream“ gehöre mit in Michas Lieblingsfilmliste. Da sind wir nun doch wieder im Kino gelandet. Auch diesen Film kenne ich nicht, und er schwärmt sofort von dem Originalstück, das man seiner Meinung nach aus Werbetrailern kennen müsse. Ich jedoch nicht. Im Original habe es das Kronos Quartet eingespielt. Das wiederum kenne ich, weil Faith No More einmal ein Stück von denen gesampelt haben: In „Malpractice“ auf der „Angel Dust“ verwendeten sie einen Ausschnitt aus dem „Allegro Molto“ von Dimitri Shostakovichs „String Quartet No. 8“, veröffentlicht auf dem Kronos-Quartet-Album „Black Angels“. Auf diese entdeckerische Weise begann ich seinerzeit, meinen musikalischen Horizont zu erweitern. Denn leichte Kost ist „Black Angels“ beim besten Willen nicht. Aber geil.

Während Vanessa die ersten Sitzkissen von den Bänken im Achteck ins Café holt – ja, dies ist ein Januar zum Draußensitzen –, flitzt Niclas mit hinein. Er sieht Micha und mich entspannt sitzen und begrüßt uns. Er selbst sitzt eigentlich nebenan bei Serge und will für ihn und sich Kaffee mitnehmen. Kurz informiert er sich bei uns über den aktuellen Stand zum geplanten soziokulturellen Zentrum K67 in der Kreuzstraße, das der Kufa-Verein ins Leben rufen will. Da stehen noch Genehmigungen von der Verwaltung und vom Stadtrat aus, kann ich ihm mitteilen. „Ich wünsche, dass es klappt“, sagt Niclas.

Vor knapp zwei Wochen stellten wir mit dem Silver Club und dem Kufa-Verein das K67 vor. Wir luden Initiativen, Vereine, Künstler, Bands und DJs ein, dazu Vertreter aus Verwaltung, Politik und anderen Einrichtungen sowie Veranstalter. Ein Riesenprogramm – und der Saal war brechend voll. Das Interesse an einem neuen soziokulturellen Zentrum, nachdem das vergleichbare FBZ vor zwölf Jahren sein Ende gefunden hatte, ist in Braunschweig augenscheinlich enorm groß. Freundlicherweise luden mich eine Woche später Roni und Kabel vom Braunschweiger Internetsender radio-emergency.de dazu ein, in ihrer Sendung „ROck KAffee“ über den Silver Club zu berichten. Live. Zwei Stunden lang. Uha, was war ich aufgeregt. Von den 20 bisherigen Veranstaltungen, vom Team, von der Themenfindung berichtete ich, und die beiden fragten mich auch, wie ich überhaupt dazu gekommen war. Tja: Der Grund war Chris gewesen, der mir seinerzeit angekündigt hatte, dass er bei der „Französischen Indiesound-Kulturnacht“ in der Krabbenkuppel auflegen würde. Das war der vierte Silver Club gewesen, ab dem fünften war ich involviert. Jetzt machen wir wohl erst mal eine kleine Pause – das alles ist doch recht kräftezehrend für uns.

Micha und ich wollen nun zahlen. Chris verrät die ersten Riptide-Pläne für 2015: „Wir feiern unseren achten Geburtstag.“ Der ist im September, aber das ist deshalb schon jetzt so bedeutsam, weil die Feier zum siebten Geburtstag ausfiel. Und Chris schwärmt von Vanessa: „Sie ist die erste und beste Praktikantin des Jahres.“ Vanessa, die hinter ihm die Kaffeemaschine reinigt, dreht sich grinsend um: „Wow, was für’ne Leistung.“ Doch Chris ist es ernst: „Sie war eine der besten und fähigsten in den sieben Jahren, mindestens unter den Top zwei.“

Bevor Micha und ich nun tatsächlich den Heimweg antreten, quatschen wir uns noch nebenan bei Serge fest. Niclas will sich vielleicht unserer „Birdman“-Gruppe anschließen. Wir werden viele sein, oh ja. Irgendwo auf dem Heimweg trennen sich unsere Wege: Micha geht erneut in den Videobuster. Dieses Mal begleite ich ihn nicht, aber nächstes Mal ganz gewiss wieder.


Matze Bosenick
www.krautnick.de

#83 André ist glücklicher Papa und Chris sieht sowieso immer gut aus

24. September 2014


Dienstag, 23. September

Heute vor genau sieben Jahren und einer Woche eröffneten Chris und André das Café Riptide. Genau an jenem Tag und genau an dieser Theke lernte ich damals Micha kennen. Kein Wunder, dass es auch heute nicht lang dauert, bis mir der Kulturbote seine Hände auf die Schultern legt, während ich mich mit André und der neuen Mitarbeiterin Caro unterhalte. André weist Caro in ihre Aufgaben und den Café-Ablauf ein, er erklärt ihr etwa, wie das funktioniert, wenn ein Gutschein verrechnet werden soll. Für André brach vor wenigen Wochen ein neues Leben an: Er wurde Vater, und wenn er jetzt von seiner Tochter Ida spricht, leuchten seine Augenringe. Viel Zeit zum Schwärmen hat er jedoch nicht, da die Gäste aus Café, Rip-Lounge und Achteck hungrig und durstig sind und André in der Küche diverse Burger zuzubereiten hat.

Derweil öffnet Caro Limonadeflaschen und lässt Kaffee in Tassen strömen. Caro heißt eigentlich Carolin, „ohne E, das hängen die meisten hinten dran, aber ich bin keine Caroline“, betont sie. Sie war schon einige Male zum Probe- und Einarbeiten hier, heute wieder. Sie kennt das Riptide als Gast und ließ sich von ihren positiven Eindrücken davon überzeugen, es hier als Mitarbeiterin zu versuchen. Gastro-Erfahrungen hat sie, die sammelte sie während ihrer Abi-Zeit. Sie kommt aus Guxhagen, bei Kassel, „nicht mit Cuxhaven zu verwechseln, was ein bisschen höher liegt“. Vor drei Jahren kam sie nach Braunschweig für eine Ausbildung zur Mediengestalterin, ab Oktober studiert sie Medienwissenschaften, „an der TU und der HBK“. Einen Job braucht sie parallel zum Studium: „Ich wollte etwas machen, was nichts mit meinem Beruf zu tun hat“, sagt sie. „Bei Mediengestaltung hat man kein Ende, man kann nicht sagen: Ich arbeite vier Stunden, denn wenn der Flyer nicht fertig ist, ist er nicht fertig.“ Deshalb Gastronomie. Gastronomy Domine.

„Ab nächsten Monat geht unser Winterprogramm los“, kündigt André an, nachdem er die bestellten Burger an die entsprechenden Tische brachte. „Das heißt, wir haben verkürzte Öffnungszeiten und als Ausgleich Suppen und Winterspecials im Programm.“ Und die Sommerspecials? „Die gehen dafür in Urlaub.“ André verschwindet wieder in der Küche, Caro notiert Bestellungen auf einem Zettel, da legt mir eben Micha hinterrücks die Hände auf die Schultern. Na, das war ja Zeit, wir haben uns die ganze Woche noch nicht gesehen, und die ist schon zwei Tage alt. „Ich hätte gern einen Burger“, wendet er sich an Caro. André steckt den Kopf aus der Küche: „Echt?“ Micha nickt: „Ja, echt, und eine Cola.“ André grinst: „Hast du amerikanische Wochen?“ Ich schließe mich der Colabestellung an: Micha nimmt eine normale Fritz, ich eine ohne Zucker. „André, hast du mal zwei Cola-Gläser?“, fragt Caro in die Küche. Ich brauche keins, werfe ich ein. André ist aus der Küche zu hören: „Micha auch nicht.“

Auch Chris ist heute im Dienst, er bringt in einer schwarzen Kunststoffkiste eine leere Getränkeflasche ins Café. Das ist mal effektiv. „Das ist meine Bürotransferkiste“, erklärt Chris. Damit transportiert er Güter zwischen dem Büro, das im ersten Stock gegenüber liegt, und dem Café hin und her. Dazu gehören nicht nur leere Limonadeflaschen, sondern auch bestellte Tonträger. „Micha, guckst du heute Abend auch Fußball?“, fragt Chris seinen früheren Mannschaftskollegen. „In der Funzel“, erwidert der. Das habe sich bei Micha inzwischen eingespielt, dass er die Spiele der Braunschweiger Eintracht dort verfolgt. Die tritt heute am Millerntor gegen St. Pauli an. „Ich bin in der Eusebia“, sagt Chris, „da gibt’s Essen und es ist rauchfrei.“ Ich bin uninformiert, ich wundere mich über ein Ligaspiel mitten in der Woche und vermute zunächst ein DFB-Pokalspiel. „Im DFB-Pokal spielen wir in Würzburg“, informiert mich Chris. Am 29. Oktober, gegen den FC Würzburger Kickers, die die Fortuna Düsseldorf aus dem Wettbewerb warfen.

Mit einem Teller, auf dem ein Burger thront, kurvt André aus der Küche heraus auf Micha zu, der neben mir an der Theke steht. Sie gehen an den nächstbesten Tisch, André stellt den Teller mit dem Burger ab, „lass ihn dir schmecken“, und kehrt in die Küche zurück. Micha probiert einige Bissen, steht dann auf und sagt in die Küche: „Der Burger ist ein Gedicht.“

Noch bevor er in den Burger biss, zeigte mir Micha ein Foto von einem Bild, das er gerne bei sich im Wohnzimmer hängen hätte: Es stammt aus der Ausstellung „Pforritales 4“ des Hamburger Malers Uli Pforr, die aktuell in der Galerie Hugo 45 in der Hugo-Luther-Straße zu sehen ist. Galerist Achim bescheinigt Pforr eine große Karriere: Pforr bildet das Szeneleben seiner Heimatstadt fehlfarbenfroh und ohne zu beschönigen ab. Der Künstler war auch zu Gast, als Steffi kürzlich in der Galerie an zwei Tagen den ersten Geburtstag ihres Online-Magazins Kult-Tour Braunschweig feierte, mit rund 25 Künstlern, die dazu ihren ehrenamtlichen Beitrag leisteten, mit Kunstwerken, Lesungen, Impro-Theater, Live-Musik und anderen Experimenten. Da hat Steffi etwas wahrhaft unterstützenswertes auf die Beine gestellt, mit ihrem Blog, der eine Lücke füllt, die andere Medien klaffen lassen, indem Steffi nämlich über Subkultur, Alternatives und freie Kunst berichtet, und das in ihrem herzerfrischenden Stil, in dem sie nicht nur schreibt, sondern auch den Menschen begegnet. Kein Wunder, dass sich so viele dazu bereiterklärten, den Geburtstag mitzufeiern, so dass die Veranstaltung letztlich um ein Vielfaches größer wurde, als es die Ur-Idee vorsah. Auch mir war es Ehre und Vergnügen, daran beteiligt zu sein. Das Ergebnis war eine zweitägige Feier, die so harmonisch, reibungslos und familiär verlief, dass man fast gar nicht mehr wahrnahm, dass sie tatsächlich öffentlich war.

Natürlich war auch Micha zu Gast, schließlich ist er mit dem Kult-Tour-Kalender redaktionell an Steffis Magazin beteiligt. Mit Micha, Steffi und Jens erlebte ich zudem einige Wochen später die Braunschweiger Kulturnacht, wir trafen uns im Lot-Theater bei Müller & die Platemeiercombo, die dort sogar einige mir unbekannte neue Songs spielten, die die Vorfreude auf ihr neues Album noch vergrößern, das zurzeit in Produktion ist. In der Nacht waren wir vier unter anderem noch in der Aegidien-Kirche bei einem gregorianischen Chorprojekt. Das war für mich ein ergreifender Moment, als Protestant mit Atheisten und Heiden in einer katholischen Kirche zu stehen und den Gesang zu genießen. Nicht schafften wir leider das Programm im Riptide, darunter die Lesung „Blau-Gelb-Sucht“ mit Axel Klingenberg, Till Burgwächter, Gerald Fricke und Frank Schäfer, die wir bis auf Till immerhin allesamt später beim Müller-Konzert trafen, sowie die Literaturshow „Kopf und Kragen II“ mit Marcel Pollex und Finn Bostelmann. Das ist schade, aber eben dem Konzept geschuldet: Ein Großteil der Veranstaltungen im Rahmen der Kulturnacht beginnt offenbar zeitgleich um 21 Uhr.

Mein Beitrag zu Steffis Feier schloss sich direkt an einen ungeplanten Urlaub an. Ich wollte nach Ligurien, ans Meer, aber nicht so weit nach Süden fahren. Erstes Ziel ist mit diesen Bedingungen eben Genua. Dort, im Vorort Quinto al mare, fand ich über Airbnb ein Domizil, spontan und nach nur einer einzigen Anfrage. Und hatte damit einmal mehr unglaubliches Glück. Meine Gastgeber waren nur unwesentlich älter als ich. Sie arbeiten bei der Flüchtlingshilfe, was in Italien mit Blick auf die Lampedusa-Problematik sicherlich aufreibend ist. Nach Feierabend engagieren sie sich ehrenamtlich bei einem Theater, dem Teatro Altrove, im historischen Zentrum von Genua, er als Koch, sie als Kellnerin. Das Theater hat nicht nur eigen- und fremdproduzierte Schauspielstücke im Programm, sondern auch alternative Filme und Indie-Livemusik – ist also ein Mix aus Riptide, KaufBar und Nexus, wenn man so will. Für mich fühlte sich der Ausflug also weniger an wie Urlaub in der Fremde als wie ein Heimkehren. Meine Gastgeber versorgten mich mit selbstgemachter Pizza, Tipps für touristenfreie Restaurants mit ligurischer Küche sowie Hinweisen auf Lokale, die nicht in Händen der Mafia sind. Und mit neuer Musik: Als ich bei ihnen eintraf, kehrten sie selbst erst aus dem Urlaub zurück, aus dem Valle Maira, einem abgelegenen Tal im Piemont, an der französischen Grenze. Dorthin ziehen sich Zivilisationsflüchtlinge zurück, und mit vielen von ihnen sind meine Gastgeber befreundet. Unter anderem auch mit einer Band, Lou Dalfin, die traditionelle Musik aus dem Tal spielt, aber mit modernen Elementen durchsetzt, was etwas an die ostdeutschen Mittelalterbands erinnert, aber vielfältiger und in dem Dialekt aus dem Tal gesungen ist. Acht Plattenläden brauchte ich in Genua, bis ich einen fand, der die Band überhaupt kannte, und der hatte auch gleich ein Album zum Verkauf; der „Disco Club“ war das. Bei der Suche landete ich vorher noch im Taxi Driver Record Store, dessen Angebot die Spannbreite zwischen Doom Metal und Punkrock abdeckt. Ein wahres Fest. Die Verkäuferin war auch hocherfreut, dass ich mich für das Shopoeuvre interessierte, und ich bat sie um regionale Tipps. Zwei Alben vom hauseigenen Label nahm ich mit, einmal „La tana del sogno lucido“ von 2novembre, einer Stoner-Rock-Band mit italienischen Texten, sowie das selbstbetitelte Debüt von Mope, einem Quartett, dass Doom Metal spielt und die Stimme durch ein warmes Saxophon ersetzt. Großartig, hat für mich neben „Cheval ouvert“ von Monno und „Blank Project“ von Neneh Cherry das Zeug zum Album des Jahres. Und abgesehen von toller Musik, leckerstem Essen, freundlichsten Kontakten und vielen Stunden am und im Mittelmeer gab es noch einen weiteren positiven Effekt, dass ich nach Genua gefahren war: Ich hatte acht Tage mehr Sonne als jeder, der in Braunschweig blieb. Nicht zuletzt ist es für mich immer wieder wundervoll, zu erleben, dass es offenbar überall eine Möglichkeit gibt, mich zuhause zu fühlen.

Wie hier im Riptide. Micha hat aufgegessen und verfällt mit Chris in einen Dialog über die singende Schauspielerin Scarlett Johansson. Sie ist demnächst in ausgewählten Kinos der Republik in „Under The Skin“ zu sehen, einem verwirrenden und umstrittenen Film, in dem sie auch nackt auftreten soll. Chris hat all ihre Filme gesehen, auch „Arac Attack“, „sie hat ein schönes Gesicht“, findet Chris, „aber heute, da gibt sie sich als Schminke-Brust-Tussi, das hat sie gar nicht nötig, das würde ich ihr gerne sagen“. „Ruf sie doch an“, sagt Micha achselzuckend. „Es ist immer besetzt“, grinst Chris. „Außerdem sagt sie immer, es ist schwer, mit einem DJ wie mir zu telefonieren – der legt immer auf.“ Chris berichtet, dass Scarlett Johansson jetzt ein Kind bekommen hat, „das hab ich in der Gala gelesen, beim Zahnarzt“. Zurzeit mache sie viel, sagt Micha, „sie wollte wohl vor der Schwangerschaft nochmal reinhauen“. „Das Kind ist aber schon da“, wendet Chris ein. Auch im Original von „Her“ war sie zu hören, in „Lucy“ zu sehen. „Von dem war ich ein bisschen enttäuscht“, sagt Chris. Von Regisseur Luc Besson habe er „ein bisschen mehr erwartet“. „Es war kein schlechter Film“, räumt Chris ein, „vielleicht lag das aber auch nur an ihr.“ Sehr gut fand Chris hingegen „Sin City 2“, Micha weniger: „Da fehlte mir die Überraschung, es gab keinen Psychopathen wie im ersten Teil Elijah Wood, das war zu vorhersehbar.“ Chris sieht den Film eben voll auf die weibliche Hauptdarstellerin zugeschnitten, und: „Visuell war es klasse, 3D-Comic, Blutspritzer, war schon geil!“

Mindestens geil wird auch der nächste Beitrag in der Reihe Sound On Screen, nämlich „20,000 Days On Earth“, in dem Nick Cave im Auto durch Brighton kurvt und dabei aus seinem Leben erzählt. Nach dem Film, der wie immer im Universum-Kino läuft, gibt’s im Riptide Party. Für uns heute nicht mehr. Micha muss los, den nächsten Ticker für Steffis Blog schreiben, und ich habe für den Silver Club zu tun. Spätestens dort laufen wir uns sowieso wieder über den Weg.


Matze Bosenick
www.krautnick.de

#80 Theatertrainer

15. Juni 2014


Samstag, 14. Juni

Was ist denn heute noch alles: Tag der Altstadt, Straßenfest am Frankfurter Platz, Festival Theaterformen, Sommerfest der Kunstmühle, Fußball-Weltmeisterschaft… Am frühen Nachmittag bauen Leute am Frankfurter Platz noch ihre Pagoden auf, Cem stellt mit Helfern einen schweren Grill vors Gambit. Also auf in den Handelsweg, vorbei am Altstadtmarkt, wo gerade gegenteilige Aktivitäten zu beobachten sind, denn die Marktbeschicker bauen ihre Stände nach verrichteter Verkaufsarbeit schon wieder ab.

Das Segeltuch über dem Achteck zwischen Café Riptide und der Rip-Lounge birgt heute das Versprechen auf Regenschutz, das lassen die grauen Wolken zumindest erhoffen, die die Leute auch in festeres Schuhwerk und wärmere Kleidung zwingen. Ich setze mich zu Dani, die ich vom Silver Club kenne und der ich erst am Vormittag auf dem Heimweg vom Wochenmarkt begegnete. Da war sie auf dem Weg zu einem Workshop, und der macht just nun Mittagspause, daher sitzen vier Teilnehmerinnen mit Bagels, Fladenbroten, Kaffeekreationen und vollen Aschenbechern zwischen sich beim Riptide. Sie müssen gleich wieder zurück ins FamS, zu ihrem Workshop: Marte Meo. Das ist eine Methode zur Erziehungsberatung: „Wir nehmen die Kinder auf Video auf und machen videobasierende Entwicklungsarbeit“, erklärt mir Dani. „Wir filmen uns dabei, wie wir Kindern unter drei Jahren Worte geben für das, was sie tun.“ Oder wie sie die Kinder erzieherisch in ihrem Tun unterstützen, indem sie nicht etwa ein Auto, mit dem ein Mädchen spielt, wegnehmen und es gegen eine „Püppi“, so Dani, austauschen. Kern ist für diesen Workshop aber: „Kindern, die noch nicht im Fluss sind mit der Sprache, Worte geben.“ Sie nennt ein Anwendungsbeispiel: Ein Kind klopft mit einer Masse Knetgummi auf den Tisch. Dann sagt man nicht: „Oh, du klopfst mit der gelben Knete auf den Tisch“, sondern nähert sich über das, was auch das Kind wahrnimmt: „Tock tock tock“. „Man muss das Vokabular aufbauen“, sagt Dani. Erst später sagt man das, was tatsächlich passiert. Man solle auch dem Kind keine Fragen stellen, wie „Ist das Auto blau?“, denn das Kind könne diese Frage noch gar nicht für sich beantworten. Stattdessen solle man konkret sein: „Das ist ein blaues Auto.“

André bringt mir die Fritz-Kola mit Kaffee, Dani isst ihr Fladenbrot, während sie weitererzählt. Im Rahmen von Marte Meo nun schauen sich die Teilnehmer nach solchen Auseinandersetzungen mit Kindern die dabei entstandenen Videos an. Sie werten dann aus, wie sie ein Kind besser stärken und seine Ressourcen nutzen können. „Und ich kann mich selber analysieren: Gehe ich auf das Kind ein? Ich kann aus Kinderaugen gucken: bin ich abgelenkt, habe ich einen falschen Eindruck?“ Dani erläutert, dass Kinder erst ab einem Jahr damit beginnen, Worte zu finden, und dass sie Wörter mindestens 100 Mal gehört haben müssen, bis sie sie wiederholen können: „In einer wortlosen Eltern-Kind-Beziehung können Kinder nichts lernen.“ Manchmal sei es auch bei mehrsprachig aufgewachsenen Kindern erforderlich, für bestimmte Dinge die deutschen Wörter zu finden, für die sie in anderen Sprachen selbstverständlich schon Wörter haben. Eine Kritik am multilingualen Aufwachsen sei diese Feststellung mitnichten: „Das ist super, das ist das Beste, was man Kindern mitgeben kann.“ Es gebe schlichtweg natürliche Lücken, die es zu füllen gelte. Sie selbst habe etwa als Kind eine Strandmatte ausschließlich im Griechenlandurlaub benutzt und deshalb ganz selbstverständlich auch nur das griechische Wort dafür gekannt: „Zassa.“ In Deutschland wunderte sie sich dann später, als sie das Wort erstmals brauchte und sie niemand verstand.

An diesem Workshop nun nehmen Vertreter unterschiedlichster Pädagogik-Spielarten teil. Dani gegenüber erhebt sich gerade mit ihr und den anderen Anja von der Bank, und Anja ist Spezialistin in Zwergensprache. Das lässt mich stutzen. Sie erklärt: „Das ist im Grunde das, was jeder mit Kindern macht“, winkt mit der Hand und sagt: „Winkewinke.“ In der Zwergensprache bediene man sich nun der Gebärdensprache und verbinde sie mit dem gesprochenen Wort: „So verknüpfen sich die Synapsen schneller.“ Das Winken galt mir auch im direkten Sinne, die vier eilen zurück zum FamS, dem Familien-Service-Büro.

Auf der gegenüberliegenden Seite des Achtecks sitzen Nina, Jogi und Steffi, ich geselle mich dazu. Sie haben ebenfalls Aschenbecher und Getränke, aber auch Kirschen und Erdbeeren zwischen sich. Die brachte Steffi vom Markt mit, daher kenne ich sie nämlich auch, sie verkauft dort Obst. Über den Weg läuft sie mir ansonsten auch beim Filmfest als Kartenabreißerin. Und jetzt im Riptide. Der Job als Verkäuferin auf dem Wochenmarkt sei ein Psychologiestudium, sagt Steffi. Kirschkerne und Stiele fallen in die Asche. Heute sei viel los gewesen, sie waren zu sechst und hatten trotzdem kaum Luft. Neben ihr stand Anton, den ich auch aus der Galerie auf Zeit kenne. Ein richtiger Kulturstand, an dem sie da arbeitet. Wir teilen unsere fragwürdigen Beobachtungen von Kunden, die nicht einmal Standards wie Anreden oder Grußformeln beherrschen. „Aber 90 Prozent sind nett“, sagt Steffi. Sonst würde sie den Job auch nicht machen. Vergleichbares erlebe sie bisweilen auch bei ihrem anderen Job in der HBK-Bibliothek, wenn Kunden grundlos unfreundlich sind: „Dann bin ich extra-freundlich“, grinst sie. Jogi stimmt zu: „Zu Tode lieben.“

Außerdem ist Steffi im Kunstverein Jahnstraße aktiv. Sie verteilt uns Flyer von Malte Bartsch und seiner Ausstellung „Warm Up“. „Der hat bei Ólafur Elíasson studiert“, erklärt sie. Vom Kunstverein Jahnstraße sei sie zwar kein Gründungsmitglied, aber damals zur zweiten Ausstellung eingestiegen. „Es macht Spaß, wenn man sich verwirklichen kann“, sagt Steffi. Es entwickelt sich zwischen Steffi, Jogi, Nina und mir ein Ping-Pong aus „Den kenne ich auch, hat der nicht mit jener zusammengearbeitet?“ – „Ja, kenne ich von auch dort.“ Wir stellen fest, dass Braunschweig für uns genau die richtige Größe hat: Jeder, so Steffi, habe sein Metier, in dem er unterwegs sei, aber an den Kanten gebe es Schnittmengen. „Dabei komme ich nicht mal von hier, sondern aus Karlsruhe“, sagt sie. „Ich auch nicht, aus Bremen“, sagt Jogi. „Ich liebe Bremen“, sagt Steffi, und beide geraten ins Schwärmen. Jogi schränkt ein, dass er nicht direkt aus der Hansestadt stamme, sondern aus einem Dorf in der Nähe. „Ich komme auch aus einem Dorf“, sagt Nina. „Winsen an der Aller.“ Nur wenige Kilometer von dem Dorf entfernt, aus dem ich stamme. Auch Steffi kommt eigentlich aus einem Dorf bei Karlsruhe: Rheinstetten, direkt am Rhein, wie der Name schon verrät. Auch Jogis Dorf lag an irgendeinem Fluss, Ninas an der Aller – nur meines knochentrocken irgendwo in der Heide. Immerhin, hier in Braunschweig haben wir die Oker. „Seid ihr schon mal in der Oker geschwommen?“, fragt Steffi. Ich nicht, nicht mal unfreiwillig. Steffi ja, 2010, beim letzten Lichtparcours, nach dem HBK-Sommerfest, weil alle völlig durchgeschwitzt waren und sich nach Abkühlung sehnten. „Ich ja, aber angezogen“, berichtet Nina grinsend. „Ich auch, aber nicht in Braunschweig, sondern im Harz“, sagt Jogi. Wir stellen uns vor, wie er zwischen Eiswürfeln geschwommen sein muss.

Und dann werfen sich Jogi, Nina und Steffi nur so die anstehenden Termine um die Ohren. Morgen Mittag ein Spray-Event mit DJ vom The-Bridge-Verein unter der Brücke am Fireabend. Morgen Abend das Konzert von Automat beim Festival Theaterformen. Morgen Nachmittag die dritte Wasserschuh-WM von Wood am Heidbergsee. Jogi und Nina schwärmen vom Drecksclub am 17. Juli im LOT, das sagt mir gar nichts, es fallen Erklärungen wie „theaterperformativ“, „Projekt“ und „skurril“, für das man zwingen Karten vorkaufen müsse, weil sie so begehrt seien. Am 24. Juni spielen „Kreis“ im Nexus, die eigentlich o heißen. Oder umgekehrt. „Die kommen aus dem Dreiländereck“, sagt Jogi, „und erscheinen auf Antenna Records.“ Das Label kenne ich, von dem bekomme ich immer die Rundmails. „Das macht Timo“, sagt Jogi, „ein Gitarrenschüler von mir – der ist sehr nett.“ Steffi und ich verabreden, dass wir uns heute Abend beim Sommerfest in der Kunstmühle treffen, das Elke und Martin von blackhole-factory organisieren.

Wir müssen umziehen, mahnt André, denn er braucht unseren Platz als Bühne für die Bands, die hier gleich spielen sollten. Eine offene Bühne war angekündigt, aber außer Arjomi hat sich niemand angemeldet. Und Jogi spielt bei Arjomi. Also ziehen wir zurück an den Tisch, an dem ich vorhin startete. Vor dem Auftritt muss Jogi kurz nach Hause, er beauftragt Nina damit, seine Bandkollegen abzufangen. Ein bisschen Regen setzt ein, Nina, Steffi und ich rücken weiter ins Achteck, unter das Segeltuch, das seinen angedrohten Zweck nun tatsächlich erfüllen kann. Lars kommt mit Frau und zwei Kindern durch den vollbesetzten Handelsweg auf Nina und mich zu. Er kennt uns, weil wir mit dem Silver Club schon zweimal bei ihm zu Gast waren – er ist Braunschweigs Jugendpastor und damit Hausherr der Jugendkirche. Zwischen dem Silver Club und ihm war es Liebe auf den ersten Blick: Wir fühlten uns mit dem Club beide Male pudelwohl mit ihm und seinem extrem engagierten Team, und er schätzte, dass wir das Programm in seinem Haus kreativ erweiterten. „Ich mache eine selbstgestaltete Altstadtführung“, sagt Lars mit Blick auf seine Familie. Die Kinder tragen Luftballons und Faltblätter: Sie gehen im Rahmen des Tages der Altstadt von Laden zu Laden. Dort bekommen sie Fragen beantwortet, die sie dann in dem Faltblatt per Aufkleber bestätigt bekommen, sowie die nächste Frage gestellt, für deren Beantwortung sie dann in den nächsten Laden gehen müssen. „Hier müssen wir auch noch rein“, sagt Lars mit Schulterblick und Fingerzeig auf das entsprechende Banner, das auch vor dem Riptide hängt. Nina und ich erzählen ihm, dass Arjomi noch spielen werden. Die kennt er, weil sie bei unserem ersten Silver Club in der Jugendkirche von der Empore herab spielten und beim folgenden Club im Eiskeller Ankes Feuershow untermalten. „Dann müssen wir wiederkommen“, sagt Lars und folgt seiner Familie und dem Faltplan, der sie zur nächsten Station führt.

Jetzt wird der Regen aber immer schlimmer. Eigentlich wollte Steffi mit ihren Erdbeeren nach Hause, kommt aber doch wieder zu uns zurückgewetzt. Durchnässt treffen Falko und Flo ein und setzen sich zu uns: Falko ist der von Jogi erwartete Mitmusiker, und außerdem der Sohn von dem Klaus, der beim Silver Club immer mit seinem Kaffeewagen die Gäste beglückt, und daher kennen wir uns, denn Falko war schon einige Male selbst als Kaffeewart dabei. „Jogi hat gehört, dass hier heute offene Bühne ist“, erklärt Falko den Grund für den Auftritt der Band. „Riptide, nie gehört“, sagt Falko, denn er kommt aus dem Landkreis Peine. Er spielt Darbuka, eine orientalische Blechtrommel. Flo und er haben zudem Flowersticks dabei, die aussehen wie überdimensionierte Wattestäbchen und mit denen sie jonglieren und herumspielen. „Die haben wir selber gebastelt“, sagt Flo und lässt das Gerät über seinen Arm rollen, während es Falko wie einen ausgiebigst gebrauchten Drumstick durch seine Finger rotiert. Der Stick klebt an der Haut: „Das ist Badezimmersilikon, das hilft am besten“, verrät Flo. Jogi setzt sich nun zu uns und erklärt, dass das Konzert wegen des Regens im Café stattfindet. Falko holt einen Umschlag aus seiner Tasche und überreicht Jogi einen bunt bedruckten Papierstreifen. Jogi gerät aus dem Häuschen: Es ist ein Ticket zu „Ancient Trance“, einem Maultrommel- und Weltmusik-Festival in Taucha bei Leipzig Anfang Juli. Was es nicht alles gibt. Für den heutigen Abend sind Falko und Flo zudem fürs UJZ in Peine verbucht: Dort findet eine Psytrance-Veranstaltung statt.

Nina und Steffi bekommen ihr geordertes Essen und stillen damit sofort ihren Hunger. „Die Sonne kommt“, sagt Steffi und beißt in ihr Fladenbrot. Ich blicke in den nur zaghaft nachlassenden Regen und bin verwundert. „Und ein Regenbogen“, sagt Steffi. „Gibt’s auch Regenbögen bei Vollmond?“ Flo sagt ja: „Aber nur ganz selten.“ Ich berichte, dass wir uns kürzlich mit ein paar Leuten fragten, ob der Blitz auch in einen Regenbogen einschlagen kann. Steffi nickt kauend: „So werden Einhörner geboren.“

Arjomi bauen ihre Gerätschaften auf, wir siedeln mit ihnen ins Café-Innere um. Nina, Flo und ich sitzen am Tisch, da kommen Micha und eine andere Dani zu uns. Micha war beim Flohmarkt in der Stadtbibliothek und hat einen Stapel Filme und Bücher unterm Arm, für die er nur wenig Geld bezahlte. Er berichtet vom neuen Film von Jean-Pierre Jeunet, berühmt für „Amélie“, der da heißt „Die Karte meiner Träume“ und den es im Juli auch in 3D geben soll. „Wollen wir den zusammen gucken?“, fragt er mich. Aber sicher!

Arjomi legen los. Mit mehrstimmigem Meditations-Gesang. Die inzwischen vier Musiker benutzen Klangschalen, Akustikgitarren, gedrehte Didgeridoos, Flöten, Regenmacher, Gong. Es klingt indianisch und ist repetetiv und tanzbar. Nina tanzt prompt dazu, wie sie es immer tut, wenn Arjomi spielen. Sie bleibt nicht allein damit. Wie es langsam anbrandete, ebbt das erste Stück auch wieder ab. Die Leute klatschen, und einer der Musiker fragt: „Kann man uns hier hören?“ Flo ruft laut zurück: „Nee. Wir haben einfach mal gehofft, dass es gut war.“

Irgendwann steht dann doch der Rest des Tages an, ich bezahle bei André meine bestellte LP von Numb. Er hat heute Hilfe von der zweiten Nina und Shabnam. Das dritte „12×12“-Heft liegt auf dem Tresen, ich habe es schon, weil Eileen, die mit Marcel die Agentur „Katze Bullshit“ unterhält, die für das Projekt „12×12“ verantwortlich ist, es mir in Wolfsburg zur Verfügung stellte. Normalerweise erscheint „12×12“ immer zum 12. Dezember, dieses Mal, weil’s im letzten Jahr aus organisatorischen Gründen ausfiel, zur Halbzeit, am 6. Juni. Aber nicht halb so groß deshalb, es bleiben zwölf mal zwölf Zentimeter voll mit Texten und Bildern lokaler Künstler.

Micha begleitet mich heraus, wir kommen bei Serge vorbei, oder besser: kommen wir nicht, weil er uns mit Fußballthemen bremst. Erstaunlich: Da sitzen wir am Anfang der Fußball-WM stundenlang im Riptde in wechselnden Personalarrangements beieinander, und wo wird der Proletensport Thema? Beim intellektuellen Philosophen nebenan. Serge sieht darin „L‘art pour l‘art“, wie er sagt: „Ich bin Regisseur, und Regisseur ist der nächstgelegene Beruf zum Trainer.“ Er bringt Theaterensemble und Fußballmannschaft auf einen Nenner: „Alle sind Künstler – es ist identisch.“


Matze Bosenick
www.krautnick.de

#76 Reise zum Metalpunkt der Erde

28. Februar 2014


Freitag, 28. Februar

Eigentlich ist erst in drei Wochen Frühling, aber der Februar gibt schon seit Tagen vor, mindestens April zu sein. Es bleibt zu hoffen, dass da kein Dickes Ende mehr kommt. Weiße Pfingsten etwa. Wenn schon kein dickes Ende, dann kommt zurzeit ganz viel anderes, nämlich haufenweise neue Musik, heute zum Beispiel von Beck und Neneh Cherry, endlich auch der Soundtrack zu „Only Lovers Left Alive“, und schon vor ein, zwei Wochen warfen The Notwist und Les Claypool neue Alben auf den Markt. Man kommt ja gar nicht mehr hinterher. Fies! Und fast alle dieser Alben stehen im Riptide herum. Und dazu noch viele andere höchst interessante Sachen, mein virtuelles Bestellungsfach quillt außerdem über.

André kredenzt mir den wintergemäßen Kafka, der wirklich seine Wunder wirkt, auch im Nichtwinter. Bis auf den neuen Schülerpraktikanten Leander, der gerade außen an den Fenstern die Karriereleiter erklimmt, ist André an diesem Freitagmittag zunächst allein im Café. Von der neuen Beck schwärmt er. Zufällig hörte ich sie schon gestern, als ich in Hamburg in der Schanze bei Zardoz war, einem Plattenladen, in dem sie im Hintergrund lief. Mir kam sie, freundlich gesagt, sehr entspannt vor, verglichen mit dem vorletzten Album „The Information“, für mich eines der besten Beck-Alben überhaupt, sogar eher langweilig. Der Schallplattenhändler schwärmte indes nicht minder davon als André jetzt. „Passt doch zur Stimmung“, sagt er, und hat damit leider recht. Zurzeit ist es für viele um ihn und um mich herum recht dunkel.

Weg mit den Wolken. Marco schleppt unablässig Getränkekisten ins Café, und zwar an den Platz hinter der Theke, an dem zuvor noch das Büro untergebracht war. Es ist jetzt zu einer Art Zwischenlager geworden. „Nur das, was an dem Tag voraussichtlich verbraucht wird“, sagt Marco, stelle er dort ab. Das sei üblich im Gastro-Betrieb, den Mitarbeitern auf diese Weise die Wege zu verkürzen. Er tippt auf die leere Wolters-Kiste in seiner Hand, die er mit nach draußen nehmen will, sagt: „Ich muss noch was tun“, und geht wieder.

Die Tür zum Café öffnet und schließt sich unablässig. Der Raum füllt sich, auch im Achteck draußen sitzen Leute, und regelmäßig kommen Gäste aus der Rip-Lounge herüber und rufen André ihre Bestellungen zu. „Drei Kaffee und einen Bagel“, „Moin, machste mir ’nen Tee?“, Tür wieder zu, und immer erfüllt André diese Wünsche. Auch die, die offene Rechnung bezahlen zu wollen, wie Munir grad. André guckt auf den entsprechenden Zettel und fragt eher als Witz: „Was ist deins – oder lädst du ein?“ Dabei war es für Munir klar: „Ich lade ein.“ Beim Blick über die Thekenauslagen entdeckt er die Stempelkarte für den gesteigerten Kaffeekonsum, und André offeriert: „Du kannst eine anfangen, wenn du magst.“ Munir nimmt sich eine und sagt beiläufig: „Jaaaa – für die zwei Mal im Jahr, die ich in Braunschweig bin.“ Aus Köln ist er angereist, einen Freund zu besuchen, den, für den er die Rechnung mitbeglich. Dann hat er sich ja direkt das Etablissement mit dem größtmöglichen Großstadtflair in Braunschweig ausgesucht, stelle ich fest. „Darum geht es nicht“, stellt Munir allerdings klar. Denn: „Das ist auch ein ganz gemütlicher Laden.“

Das rhythmische Quietschen hat aufgehört, Leander unterbricht also das Fensterputzen für seine Mittagspause. Er holt sich einen Teller und legt sein Paket mit in Alufolie eingepackten Broten darauf, die er jetzt auswickelt. Extra aus Seesen kommt er täglich mit dem Zug angefahren, um hier sein dreiwöchiges Praktikum zu machen, „ich bin seit Montag dabei“. Ursprünglich hatte er sich bei der Polizei beworben, doch musste er das Praktikum aus Termingründen wieder absagen. Seinen Musiklehrer fragte er, ob der nicht etwas wüsste, wo er etwas „mit Musik und Platten“ machen könnte. Der Lehrer empfahl ihm dann unter anderem das Riptide. Und da ist er jetzt. Interessanter Musiklehrer, nebenbei. „Der ist noch relativ jung und interessiert sich für so etwas“, sagt Leander. Beispielsweise habe er einmal seinen Wahlpflichtkurs Musik mit ans Staatstheater Braunschweig zu einer Orchesterprobe genommen. Mit Schallplatten kam Leander über seinen Vater in Berührung: „Der hat 850 Platten und war früher selber mal DJ.“ Aufgelegt habe der Vater in Göttingen in Discos. „Und er hat mit zwei Freunden zusammen selber Boxen gebaut.“ Zwei davon hat Leander selbst zu Hause: „Das ist eine Riesenanlage, voll cool.“ Für ihn selbst sind das Abitur und ein Studium die mittelfristigen Ziele, aktuell freut er sich aber über den Job im Riptide. Zwar seien seine ersten Aufgaben eher reinigender Natur, doch: „Im Service habe ich ab und zu Bestellungen aufgenommen und serviert“, strahlt Leander. Man merkt, dass er daran Spaß hat. An das Thema Schallplatten soll er wohl am Montag herangeführt werden: „Da freue ich mich schon drauf.“ Er selbst hört Underground-Hip-Hop aus Berlin, „keinen Mainstream“, und zwar Morlock Dilemma und Hiob, „das sind meine Faves“, und DJ Suff Daddy, den er „ßaff däddi“ ausspricht. Anders also, als ich es instinktiv immer tat. Die letzten Krümel vom Brot sind vertilgt, die Pause ist vorbei. Er schlängelt sich an Marco vorbei, der gerade eine Kiste Astra bringt, und geht mit ihm zu André in die Küche.

Während André – um sie durchzulassen im Küchendurchgang – eine Tüte mit Lebensmitteln öffnet, sieht er Corinna die LPs durchsuchen. „Ich bin gleich bei dir, wenn du mich brauchst“, ruft er ihr über die Theke hinweg zu und kehrt in die Küche zurück. Dadurch verpasst er Frank, der gerade von draußen herein kommt und schnell noch etwas bestellen möchte. „Die Suppe war verdammt gut“, berichtet er mit Nachdruck. Eine Paprika-Tomatencreme-Suppe ist es in dieser Woche. „Ich schwör“, fügt er lachend hinzu und blickt sich um: „Das sieht alles gut aus hier.“ Auch wenn es so wirkt, sein erster Besuch im Riptide ist dies nicht: „Ich habe ab und zu mal abends hier gesessen.“ Jetzt kommt André und Frank kann sein Fladenbrot bestellen. Und Corinna hat tatsächlich eine Frage an den emsigen Händler: „Habt ihr noch die Platte von den Libertines?“ André kurvt um die Theke herum: „Die müsste noch da sein, ‚Up The Bracket‘?“ Corinna bejaht. „Die müsste im Fach sein, die war vor kurzem noch da.“ Sie gucken zusammen im entsprechenden Fach nach, jedoch beide erfolglos. André verspricht: „Die kommt wieder rein.“ Etwas gefunden hat Corinna trotzdem: „Substance“ von New Order als gebrauchte Doppel-LP. Vermutlich das einzige New-Order-Album, das mir selbst noch fehlt. „Temptation“ und „Ceremony“ sind die Stücke, die sie besonders hervorhebt: Der Rest sei ihr zu typisch 80er, und wenn, dann bevorzuge sie ohnehin Joy Division. Das verstehe ich, aber gerade New Order gehören zu denen, die in den 80ern guten Synthiepop machten. Wir finden in der Tracklist der LP noch einige dies bestätigende Beispiele. „Aber ich stehe zurzeit auf 60er, die Kinks“, sagt Corinna, „und 90er, die Libertines.“ Sie sinniert: „Die Engländer machen die beste Musik, Punk und Rock.“ André nimmt den entsprechenden Betragt für die LPs entgegen und verspricht, dass er ihr eine Mail schickt, sobald ihre Bestellung da ist.

Es ist mal wirklich ziemlich voll im Café. Nett, eine Kundin sitzt allein auf dem Sofa und liest ein Buch, augenscheinlich vergnügt. Ein Baby quietscht nicht minder vergnügt. An einem Tisch sitzen Leute um einen aufgeklappten Laptop herum und sprechen Englisch. „Ich spreche kein Russisch, sie kein Deutsch“, erklärt Maik schulterzuckend, als er kurz zum Bestellen an die Theke kommt. „Also sprechen wir Englisch.“ Maik ist der Kopf der Braunschweiger Ortsgruppe von Peer Leader International, einem „entwicklungspolitischen Netzwerk in Deutschland“, wie er erklärt, das Bildung von Jugendlichen für Jugendliche anbietet und mit verschiedenen Partnern zusammenarbeitet. Die Leute an seinem Tisch kommen aus Weißrussland, der Kontakt kam über die dortige Organisation АСДЕМО – Asdemo – zustande, der wiederum über Janun lief, die gemeinsame Jugendorganisation von Nabu und BUND in Niedersachsen. „Wir bereiten eine Reise nach Weißrussland vor“, erklärt Maik. Thema ist Atomenergie und deren Gefahren, denn die Jugendlichen an seinem Tisch kommen aus Gomel (Гомель), das in der Nähe der Ukrainischen Grenze liegt und 1986 nach der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl einiges an Strahlung abbekam. „Sie besuchen uns und erzählen, wie es dort aussieht“, sagt Maik. Damit bereiten sie den Weg für die Braunschweiger Jugendlichen, die im April den Gegenbesuch vorhaben und dort zum Thema Energiewende, Fukushima und lokalen Problemen diskutieren wollen. Maiks Gäste warten auf ihn, er gibt schnell seine Bestellung auf und kehrt an seinen Platz zurück.

Andrea, Tuija und Lina stehen auf und kommen zum Bezahlen an die Theke. Tuija entdeckt dabei den Aufsteller mit den Drei-Fragezeichen-Kassetten und nimmt staunend die neue Dreifach-Folge „Das Rätsel der Sieben“ vom Stapel. Die Dreifach-Picture-LP dieser Kurzgeschichten-Folge gehört zu den Bestellungen, die noch unabgeholt im Riptide für mich bereit liegen. Andrea, nach eigener Aussage „fast 50“, sowie die zu „Master Of Chess“-Zeiten noch Minderjährigen Tuija und Lina sind große Drei-Fragezeichen-Fans. „Wir haben Tickets für den 2. April“, sagt Andrea. Da sehen wir uns dann wohl wieder: Die Original-Sprecher kommen nämlich mit ihrer dritten Tour „Phonophobia“ auch nach Braunschweig. Die beiden anderen Touren, eben „Master Of Chess“ und „Der seltsame Wecker“, erlebten die drei Fans ebenfalls live. „Bei ‚Master Of Chess‘ war ich noch klein, das habe ich in Bonn gesehen“, sagt Tuija. Seit neun Jahren wohnen sie in Braunschweig, vorher in Remagen, da war Bonn das Nächstgelegene. So alt ist „Master Of Chess“ schon? Andrea bestätigt das und erinnert sich, dass die Show damals in Bonn in einem großen Zelt lief. Bei Andrea war es mit den drei Detektiven so wie bei vielen, die heute über 40 sind: Irgendwann entdeckte man seine alten Kassetten wieder und kam erneut auf den Geschmack. Andrea kaufte die Episoden dann auf CD wieder, auf Flohmärkten oder, sie zeigt auf die beiden Jugendlichen neben sich, „wenn mal ein Zahn raus war“. Zu hören bekamen sie die Folgen dann insbesondere im Auto, und da Andrea selbst nie eins besaß, war das immer nur im Mietwagen im Urlaub, „auf Mallorca“, wie Lina anführt. Die Dreifach-Kassette legen sie zurück, Andrea begleicht die Rechnung für alle drei. Für sie war es der erste Besuch im Riptide. Für Tuija nicht: „Ich war schon öfter hier.“ Andrea schließt: „Ich komme wieder.“

Mit meinen Bestellungen unterm Arm gehe ich jetzt auch, komme aber nicht weit, da im Achteck an einem Tisch unter anderem Corinna und Jakob sitzen. Jakob erzählt mir, dass Uwe und Katrin bei Raute wohl bald die Wiederveröffentlichung des ersten Colour-Haze-Albums bekommen. Auf dem Rückweg schaue ich bei ihnen vorbei. Sie haben zurzeit eine Musikbox aus dem Jahr 1967 zum Verkauf bei sich stehen. Sie ist mit 100 Singles bestückt. Wir drücken diverse der altertümlichen Tasten und entlocken dem wundervollen Gerät die wenigen Perlen inmitten des typischen Jukeboxmülls, etwa Judge Dread, Hamilton Bohannon, Cindy & Bert, Mike Krüger und Torfrock. Katrin lässt mich immer wieder einen Blick auf die Technik im Inneren der Box werfen, die anspringt, wenn man einen Song auswählt, die große Spindel mit den Singles rotieren lässt, mit einem Arm nach der Gewählten greift, sie auf den Plattenteller legt und den Arm darauf herabsenkt. Faszinierend. Ein amerikanisches Modell, dass nur Belgische Francs fraß, wie Uwe erklärt. Zum Abschied hat er noch eine Weisheit für mich: „Der Generationenvertrag ist neu verhandelt“, sagt er. „Gebt der Jugend mehr zum Saufen, damit die Alten mehr Flaschenpfand zum Sammeln haben.“

Ach ja. So schön schlagfertig war Philipp kürzlich, als wir in einer großen Gruppe um Serge herum in der Rip-Lounge saßen und standen und diskutierten. „Wem gehört der Kaffee, der hier kalt wird?“, erkundigte sich Serge nach einer mittelgroßen Lachsalve. „Mir“, sagte Philipp. Serge behauptete, sich wiederholend: „Der wird kalt.“ Philipp widersprach: „Der reift, der zieht Luft.“ Wortspielerisch wiederum ging es jüngst bei einer Geburtstagsfeier zu. Arni sprach von der „Reise zum Metalpunkt der Erde“, und Jörg fragte: „Wo ist das, Wacken?“ Die Pointe nach der Pointe hörte ich ein andermal bei einer Party, als Jogi Axel und mir einen Witz erzählte. Der ging so: Ein Bänker, ein Bild-Leser und ein Asylant sitzen an einem Tisch, in der Mitte eine Schüssel mit zehn Keksen. Der Bänker isst neun und sagt zum Bild-Leser: „Pass auf, der Asylant will deinen Keks.“ So weit, so gut, doch Axel rief laut aus: „Jetzt verstehe ich ihn! Toddn hat vorhin die ganze Zeit versucht, mir den Witz zu erzählen.“


Matze Bosenick
www.krautnick.de

#75 Alles Sense!

20. Januar 2014


Freitag, 17. Januar

Was Braunschweig schon wieder für ein Glück hat. Eigentlich war es vom Verleih anscheinend gar nicht vorgesehen, den Film „Stop Making Sense“ im Kino wiederaufzuführen. Am 27. Februar erscheint Jonathan Demmes 1984 erstmals gezeigter Konzertfilm über die Talking Heads zwar als Neuauflage auf DVD und BluRay, aber nicht für den Kinobetrieb. Außer, man hat es mit dem Universum-Kino zu tun, genauer: mit Beate, die die Sound-On-Screen-Reihe mit dem Riptide organisiert. Für die Januar-Ausgabe der Reihe holte sie sich aus New York die Erlaubnis, „Stop Making Sense“ zum 30. Geburtstag des Films doch noch mal auf großer Leinwand zur vollen Entfaltung zu bringen. Und Braunschweig weiß diese Initiative zu würdigen: Schon Tage im Voraus ist der Film ausverkauft. Das ist erst das ungefähr fünfte Mal, dass ein Sound-On-Screen-Film bis zum letzten Platz belegt ist.

Schon im Vorfeld brennt die Luft, alle haben – mit Verlaub – einen tierischen Bock auf den Film. Interessant ist die wilde Mischung an Leuten, die „Stop Making Sense“ sehen wollen. Die Talking Heads machten eben keine Schubladenmusik. Als CBGB-Geburt würde man sie grob für Punk halten, schließlich, wie Beate in ihrer Anmoderation bemerkte, eröffneten sie seinerzeit in den 70ern mit ihrem ersten Live-Gig für die Ramones. Selbst mit New Wave wird man der Musik nicht gerecht. Funk, Disco, Pop – man findet viel in der Musik, und ebenso viel im Publikum wieder. Auch recherchierte Beate, dass die Opening Credits, wie die Schrift im Vorspann ja nun heißt, von demjenigen gestaltet wurden, der sie auch für „Dr. Stangelove“ von Stanley Kubrick angefertigt hatte. „Pablo Ferro, aber den kennt wahrscheinlich niemand“, stellt Beate wahrscheinlich korrekt fest. Auch ermittelte sie, dass es sich bei Regisseur Jonathan Demme um ebenjenen handelt, der auch „Das Schweigen der Lämmer“ dokumentierte.

Es knistert zwischen den Sitzreihen, der Film startet, die Leute sind gespannt. Und machen dann etwas, das man nun wirklich nicht erwartet: Nach jedem Song applaudieren und jubeln sie, als wäre die Band leibhaftig auf der Bühne. Die Stimmung ist unglaublich, mit dieser Rückmeldung quittieren die Gäste ein- und ausdrücklich, wie sehr sie sich auf den Film gefreut haben. Und über ihn freuen. Am Ende ertönen sogar vereinzelte „Zugabe“-Rufe. So ist Braunschweig!

Den Soundtrack zum Film habe ich seit Ewigkeiten, den Film indes noch nie gesehen. So geht es vielen, doch gibt es auch eine Menge Leute im Publikum, die schon dabei waren, als die Lupe den Film vor 30 Jahren zeigte. Oder sie waren bei einer der vielen Wiederaufführungen danach. Wie gesagt, ich kenne die Musik – und bin überrascht, welchen Dimensionszuwachs sie mit den Bildern erfährt. Die altvertrautren Songs sind nicht mehr länger einfach nur die altvertrauten Songs. Es stellen sich Aberdutzende von Aha-Effekten ein. Und das direkt von Anfang an: David Byrne geht auf die völlig leere Bühne, stellt einen Ghettoblaster neben den Mikroständer, nuschelt „ich mach mal eben ne Kassette an“ und justiert seine Akustikklampfe. Vom Tape ertönt der Beat zu „Psycho Killer“. Kenne ich, denke ich, und stelle fest, dass das gar nicht richtig stimmt. Natürlich ist mir der Song mehr als vertraut, doch war es mir nie bewusst, dass es sich dabei um so eine Art Techno handelt. Schon jetzt ist klar, dass ich den Soundtrack künftig sozusagen mit neuen Ohren hören werde. Byrne zappelt im grauen Anzug ungelenk über die Bühne; das wird sein Markenzeichen den ganzen Konzertfilm über sein. Eine Ausdauer hat der Mann! Und eine Qualität hat der Sound! Ist der wirklich schon 30 Jahre alt?

Tina Weymouth gesellt sich zu Byrne auf die Bühne, mit ihrem Bass. Sie performen zu zweit und ohne Beats die Ode an die Kneipe „Heaven“. Nach und nach schieben schwarzgekleidete Roadies weitere Instrumente auf die Bühne, mit ihnen die dem Ur-Quartett angehörenden Chris Frantz und Jerry Harrison, aber auch noch schwarze Percussionisten, Keyboarder, Gitarristen, Sängerinnen, genau gesagt: Lynn Mabry, Edna Holt, Bernie Worrell (von Parliament und Funcadelic), Steve Scales und Alex Weir, die den zackigen Weiße-Leute-Funk um soulig-groovenden schwarzen Funk anreichern. Auch das ist eine Erkenntnis, die mir einen neuen Zugang zur alten Musik erzwingt. Aus dem New Wave und dem Art Pop wird so Funk und Disco, inklusive „Genius Of Love“ in der Inkarnation als Tom Tom Club, dem Lied, in dem sie ihre Vorbilder aufzählen, wie Kurtis Blow, Hamilton Bohannon und James Brown, also reinrassigen Punkrock, natürlich. Wenn man sich das so ansieht und anhört, weiß man außerdem, wo zeitgenössische handgespielte Tanzmusikkapellen wie !!! oder LCD Soundsystem den Most herholen. Holten, LCD Soundsystem gibt es ja nicht mehr, und die Doku „Shut Up And Play The Hits“ lief vor exakt einem Jahr bei Sound On Screen.

Noch eine Erkenntnis, auf die ich eigentlich auch alleine hätte kommen können, ohne „Stop Making Sense“ gesehen zu haben: Eine meiner Lieblingsszenen in Paolo Sorrentinos „Cheyenne“, der im Original „This Must Be The Place“ heißt, weil David Byrne mitspielt und Hauptfigur Cheyenne in der Mitte des Filmes auf einem Konzert des Musikers ebenjenen titelgebenden Song hört, ist genau diese mit dem Konzert. Man sieht: Eine Frau sitzt auf einem Stuhl und manikürt sich schunkelnd die Finger, während ein Haufen Musiker den Song spielt. Die Leinwand mit der Projektion von der Frau schwingt vor die Band, David Byrne taucht im Blickfeld der Kamera auf, als sei er Eddie von Iron Maiden knapp vor der Verwesung. Großartig. In „Stop Making Sense“ spielen die Talking Heads den Song wie in einem Wohnzimmer, Byrne tanzt akrobatisch mit einer Stehlampe. Rückblickend wirkt es, als habe Sorrentino die Sequenz auf eine moderne Ebene heben wollen. Ebenso großartig. Was beim besten Willen nicht heißt, dass „Stop Making Sense“ unmodern wäre.

Für jeden, der den Soundtrack kennt, ist der ganze Film voller Hits. Natürlich freut man sich besonders über die, die auch in echt Hits sind, wie „Burning Down The House“ und „Once In A Lifetime“, aber selbstverständlich ist es jeder Song wert, ihn stürmisch applaudierend gutzuheißen. „Girlfriend Is Better“ ist, wie auch Beate eingangs erwähnte, das Stück, aus dem die Zeile „Stop Making Sense“ stammt. Natürlich, es gibt keine Atempause, „Take Me To The River“, „Life During Wartime“, man glaubt gar nicht, dass die Talking Heads zum Ende des Films noch furioser werden, als man sie von Anfang an wahrnimmt. Nur schwer hält es uns in den Sitzen. „Ich hätte am liebsten jetzt schon getanzt“, sagt eine Zuschauerin zwei Plätze neben mir.

Erstaunlich ist für einen Musikfilm, dass er nicht in der hektischen MTV-Schnittfolge zusammengesetzt ist. Demme lässt sich Zeit für einzelne Musiker und Impressionen. Bisweilen führt das zu dem Phänomen, dass er Leute fokussiert, die irgendetwas tun, und die Musik gerade Kapriolen schlägt, von denen man sich als Zuschauer wünscht, Demme würde die Kamera auf den Kapriolen-Erzeuger halten. In der Regel aber zeigt er sehr wohl, was man sehen muss, etwa das breite Grinsen auf den Gesichtern der Mitmusiker, die Action, die die beiden Sängerinnen veranstalten, und auch den Umstand, dass Byrne und Weymouth keinen Augenkontakt haben. Das fällt besonders mit dem Wissen um das fragwürdige Ende der Band acht Jahre später auf, als Byrne sie auf eine Art und Weise zu den Akten legte, die die übrigen drei Musiker etwas verschnupft reagieren ließ, etwa damit, unter dem Namen „The Heads“ das Album „No Talking, Just Head“ mit unzähligen Gastsängern herauszubringen. Das war leider nicht besonders gut, Byrnes Stimme fehlte einfach. Und auch sein Bühnengebaren, das er in „Stop Making Sense“ im allseits bekannten übergroßen Sakko darbot. Auch eigenwillig für einen Konzertfilm übrigens: Erst zum Schluss sieht man das bunt zusammengewürfelte glücklich grinsende Publikum wie entrückt mitgrooven. Nun, auf der Leinwand wie vor der Leinwand.

Tja, und nach „Stop Making Sense“ war dann „Road To Nowhere“, für viele Fans der Anfang vom Ende. Ich hingegen lernte sie damals als Radiohörender genau damit erst kennen und mögen. Wie selbstverständlich kaufte ich mir dann auch ältere Alben und wunderte mich gar nicht, dass die so deutlich anders klangen und komponiert waren als die Radiohits von später, zu denen auch der Song gehört, der einer anderen Band den Namen gab: „Radiohead“. So war es für mich zum Beispiel auch bei OMD und den Simple Minds: Ausgehend von ihren Mittachzigerhits, legte ich mir die düsteren, monotonen frühen Alben zu und nahm das, was ich da hörte, als selbstverständlich hin, ohne zu bemerken, dass es sich dabei um keinerlei Chartsmusik mehr handelte. Das waren Zeiten! Denn in die Charts kam solche Musik trotzdem.

Nach dem Film ist vor dem Riptide, wie immer bei Sound On Screen. In dem Café laufen kenntnisreich ausgewählte New-Wave-, Post-Punk- und Indie-Hits, aber die Leute sind zum Reden da, gefeiert wird später. Und es sind, weil der Film ausverkauft war, so viele Leute, dass sich die Party auch im gerade nichtsokalten Januar draußen im Achteck fortsetzt. Ausverkauft ist ein Stichwort, denn Beate gelingt es, den Film ein zweites mal aufführen zu lassen, und zwar am Montag, 27. Januar, ab 21 Uhr. Auch das ist nicht der erste Sound-On-Screen-Film, der eine zweite Chance bekommt. Sogar dritte Chancen gab es schon. Und es gibt schon jetzt das nachfolgende Programm: Am Donnerstag, 6. Februar, zeigt das Universum im Rahmen des Warmen Winters den Film „And You Belong: Scream Club“ über das Hip-Hop-Duo Scream Club. Regie führte Julia Ostertag, frühere HBK-Studentin. Scream-Club-Mitglied Sarah Adorable legt anschließend im Riptide auf. Am 20. Februar folgt dann der nächste reguläre Beitrag: „Scott Walker – 30 Century Man“.

Epilog

Wem habe ich es zu verdanken, dass ich in den proppevollen Saal überhaupt hineingekommen bin? Micha natürlich, er besorgte mir kurz vor knapp ein Ticket. Wie es sich gehört, trafen wir uns zur Ticketübergabe im Riptide, tags darauf auch im Kino, nach dem Film im Riptide und am Samstag erneut ebendort. Dann aber stieß er zu einer bestehenden Runde dazu. Samstag im Riptide, es ist Winter – es hängen viele Leute bei Serge in der Lounge herum. Er hat seinen Laden im Blick, obwohl Jakob „Nathan, der Weise“ lesend darauf aufpasst. Neben Serge bildet Markus wie immer mit ihm eine Laptopgemeinschaft. Kamila erfüllt uns unsere sehnsüchtigsten Getränke- und Speisewünsche und ist dabei mindestens so charmant wie ihr Chef André, der uns durch die Scheibe zuwinkt und seinen Charme dieses Mal nur optisch wirken lässt. Die Runde um Serge pulsiert. Niclas ist da, Philipp kommt und geht und kommt und geht und bleibt das nächste Mal bei uns, nachdem er in Serges Laden ein Buch fand und es bei ihm erstand. Micha tritt in die Runde, Carsten und Iris stoßen dazu, Carsten hat noch einen Auftritt in der Funzel, Dorothea gesellt sich kurzzeitig zu uns. Wir sind immerzu in tiefen Gesprächen versunken, und auch bei abweichender oder gegensätzlicher Haltung eint uns, dass wir einander zugetan sind. Ja, es geht in die Tiefe, ist existentiell. Was macht das Leben aus? Serge hat die radikalste Haltung gefunden, aus Sicht derer zumindest, die sie nicht – oder noch nicht? – haben. Niclas erzählt mir, dass ihm Serge essentielle Denkanstöße gab, sein Leben zu ändern. Niclas wagt einschneidende Schritte, das ist mutig. Ich kann ihn verstehen, und ich sehe auch, welche Wirkung jemand wie Serge auf junge Leute hat; dazu zählen Menschen zwischen 15 und 45, Gleichaltrige bleiben kaum bei dem 68-Jährigen hängen. „Ich sehe einen seidenen Faden in deiner Argumentation“, sagt Serge zu mir gegen Ende des mehrstündigen Beisammenseins. „Denk mal drüber nach.“ Er muss es mir dann doch verraten, weil ich nicht darauf komme, und ich bestätige, dass er tatsächlich eines meiner persönlichen Themen entdeckt hat, was ich in dem Zusammenhang selbst gar nicht ausgemacht hätte. Daraus kann ich wieder eine Menge für mich und über mich ableiten. Die Samstagnachmittage im Riptide. Hör nicht auf, einen Sinn zu machen.


Matze Bosenick
www.krautnick.de

#72 …und der brennende Geist

22. Oktober 2013


Montag, 21. Oktober

Heute bewahrheitet sich wieder die alte ostfälische Weisheit: Die drei klassischen Sommermonate in unserer Gegend sind Februar, April und Oktober. Der Sommer kehrt zurück, während wir aus dem Sommer zurückkehren. Der echte Sommer kam später als sonst und war viel zu abrupt wieder vorbei. Wer heute jedoch im Achteck draußen sitzt, braucht die bereitgelegten Decken nicht und kann sogar seine Jacke ausziehen. Kein Wunder, dass Jasmin die Bestellungen allesamt nach draußen bringen muss. In der Rip-Lounge sitzt noch jemand, im Haupt-Café ist so kurz nach der Mittagspause nichts los. Draußensein ist das Gebot des Augenblicks, nicht nur beim Riptide, auch vor Comiculture, wo Inhaber und Kunden rauchen. Die anderen Läden haben erstaunlicherweise geschlossen. Wie schade, ich wollte noch in die Einraumgalerie schauen, denn Steffi, die den sehr lebendigen Blog „Kult-Tour Braunschweig“ befüllt, schwärmte von der aktuellen Ausstellung. Das müsste „By The Way“ von Sonja Wegener sein, die sich beim Handelsweg-Sommerfest schon angekündigt hatte, als Teilnehmerin der Atelier-Aktion „Kunst… hier und jetzt“ des Allgemeinen Konsumvereins. Die habe ich leider nicht wahrnehmen können, aber sobald Steffi darüber geschrieben haben wird, kann auch ich darin abtauchen.

„Sommer? War doch gestern und vorgestern auch schon“, wundert sich Jasmin darüber, dass ich mich wundere. Weiß ich gar nicht, da musste ich arbeiten. „Das kriegt man doch trotzdem mit“, meint Jasmin nicht ganz unberechtigt. „Ich war nicht draußen und weiß es trotzdem.“ Ich war auch ab und zu draußen und hab auf anderes geachtet, aber jetzt, wo sie’s sagt: doch, stimmt, ich habe es mitbekommen. Drinnen war ich im Rahmen meines Dienstes unter anderem im Schloss Wolfsburg beim Kunstverein. Dort läuft seit einer Weile die Ausstellung „Erfinde dich selbst!“ über Realitäten und Identitäten. Einen großen Teil nehmen überraschenderweise Devotionalien der Gruppe Fraktus ein, erfunden von Studio Braun, inklusive des T-Shirts mit dem Fehldruck „Fratus“. Kunstvereins-Leiter Justin Hoffmann erzählte mir, dass er kürzlich mit seiner Band F.S.K. unterwegs war und jemand aus der deutlich jüngeren Vorband fragte, ob F.S.K., da es sie doch schon so lange gibt, früher auch schon mit Fraktus zu tun hatten. Nun, wenn schon renommierte Medien drauf hereingefallen sind.

Draußen wird es immer voller, sodass Gäste automatisch ins Café kommen müssen. Teilweise kommen sie, um in den LPs zu blättern, meistens, um etwas zu trinken. „Hast du mal den W-Lan-Code?“, fragt jemand Jasmin, der kurz aus der Rip-Lounge herüberkam. Sie nennt ihn ihm. Jemand anders fragt nach Kuchen: „Den gibt’s nur freitags und samstags“, muss sie ihn enttäuschen. Einer von den großen, dunkelbraunen Muffins tut’s auch. „Kannst du mir nochmal das W-Lan-Passwort sagen?“, fragt ein anderer Gast. Jasmin tut es und kassiert bei gehenden Gästen ab. Für einen Augenblick muss sie den Laden alleine schmeißen, weil Chris zurzeit beim Einkaufen ist. Ich würde ja einspringen, habe aber noch nie in der Gastronomie gearbeitet. „Noch nie Theke gemacht?“, fragt Jasmin verwundert und bringt ein volles Tablett an einen Tisch. Bei der Rückkehr sagt sie: „Ich finde, jeder sollte so’nen Job mal gemacht haben – und die Welt wäre besser.“

Auf der Theke steht die DVD-Box von LCD Soundsystem, „Shut Up And Play The Hits“, dem Film, der auch bei Sound On Screen lief. Und den ich umständlich beim Label bestellte, weil ich dachte, ihn nicht in der Drei-Disc-Box in Deutschland zu bekommen. Jetzt steht er für nur zwei Drittel des Preises hier, und zwar neben der neuen Drei-Fragezeichen-Dreifach-Kassette „…und der fünfte Advent“. Vor einem Jahr gab es im Dezember jeden Tag bis Weihnachten einen Track zum Download, der einen Drei-Fragezeichen-Fall quasi in Echtzeit voranbrachte, und diese Drei-Stunden-Episode veröffentlichte das Label jetzt auch auf Tonträger. Leider nicht wie in den Vorjahren als Dreifach-LP, seltsamerweise. Uns Fans fiel mal auf, dass sich die Titel der neueren Episoden kaum noch auseinanderhalten lassen. Alles war schon mal da, jetzt drehen die Autoren schlicht die Phrasendreschmaschine und erfinden so die neuen Buchtitel. Mit Arni kam ich kürzlich versehentlich auf den möglichen Drei-Fragezeichen-Titel „…und der brennende Geist“, den gab es noch nicht, und sofort steckte mein Kopfhörspiel ein Gespenst in Brand. Doch Janna meinte später, sie habe es sich im übertragenen Sinne vorgestellt, also als entflammte Seele. Auch fein. Da geht was, werte Autoren!

Mit Arni hatte ich kürzlich außerdem beim Blick in die Zeitung einen uns selbst überraschenden Dialog. An sich war ich dabei, mit dem Finger auf der Zeitung den alten Gag à la „Kentucky schreit ficken“ von „RTL Samstag Nacht“ auf eine Wortkombination anzuwenden, die halt irgendwelchen Unsinn ergab, sobald man die Anfangslaute vertauschte, und Arni glaubte, ich deutete auf die Kombination „Costa Concordia“, und stellte korrekt fest: „Bei Costa Concordia geht das nicht.“ Ich stimmte zu und ergänzte, dass das auch nicht möglich sei bei Brigitte Bardot und Micky Maus. Arni fragte: „Wer ist Micky Maus?“ Ich sagte, na, dieser Elch da. Arni: „Ach, der in dem Aquarium.“ Genau, bestätigte ich, der von Astrid Lindgren. Arni: „Ja, richtig. ‚Winnetou‘.“

Nach diesem RTL-Muster hatte Schepper zuvor versehentlich mit dem „Fliegenleser“ amtlich vorgelegt. Und im aktuellen „Punchliner“-Magazin treibt es Lasse Samström auf die Spitze, indem er ganze Texte ausschließlich nach dem Muster anlegt. Spätestens bei „der abendgang des unterlandes“ zerriss es mich. À propos Schepper, vor seinem Auftritt in Mannheim beim der „Feel The Bass“-Messe des Magazins „Bass-Professor“ leitete der nunmehr bundesweit renommierte Solo-Bassist den Bass-Stammtisch im Riptide. Wegen des anstehenden Auftritts verließ er die viersaitige Runde vorzeitig und kam draußen bei Micha und mir vorbei, die wir gerade den beeindruckenden Film „Gravity“ nachbesprachen. Wir waren alle drei recht albern, nur so lässt es sich erklären, dass wir plötzlich bei zweideutigen Ortsnamen aus der Region landeten, und das auch noch lustig fanden, ausgehend vom althergebrachten Autobahndreieck der Verdauung: Essen, Darmstadt, Pforzheim. Der alte Bromer Schepper führte aus seiner früheren Nachbarschaft die Dörfer Voitze und Benitz an, mir fielen Klötze und Hodenhagen ein. Wir lachten, auch darüber, dass wir solchen Quatsch überhaupt lustig fanden, und bemühten noch die Braunschweiger Straßennamen Sackring und Hintern Brüdern, als Schepper schon im Gehen schloss mit: „Und es gibt ja noch Langwedel.“

Zwischen all denen, die bei Jasmin bestellen oder bezahlen, ist auch Jessey, der sich ein Beck’s geben lässt und der dann berichtet, dass seine Eltern Briten und US-Amerikaner sind und dass er vor fast 53 Jahren in Berlin zu Welt kam. Er hat eine durchsichtige Plastiktüte mit Leerkassetten darin dabei. Die Kassetten sind unbespielt, er hat sie für sehr wenig Geld bei einem Second-Hand-Laden gefunden. „Die CD stirbt, aber Kassetten und Schallplatten werden halten“, sagt er. Über 1000 Stück hat er, und noch jetzt nimmt er Lieder aus dem Musikfernsehen auf Kassetten auf und wandelt sie am PC um. „Man hat was zu tun, die Kinder sind groß“, sagt er. Früher habe er mit Freunden Hörspiele aufgenommen, sagt Jessey. So etwas kenne ich auch noch, aber nicht so, wie er es beschreibt: Sie zeichneten in freier Wildnis Geräusche auf, zerschnitten die Bänder, klebten sie in der erforderlichen Reihenfolge wieder zusammen und überspielten das Ergebnis dann auf ein neues Band. „So wie die da“, sagt er und deutet auf die Drei-Fragezeichen-Kassetten.

So ähnlich hat es Helge Schneider vermutlich mit seinen uralten Hörspielen auch gemacht. Bei den Trottelkackern gab es auch mal Hörspiele, ich denke da gerne an „McBregenwurst“ über einen McDonald’s-Besuch, zu finden auf der Schallplattenkassette „Pünktlichkeit kennt keine Grenzen“: „Möchten Sie Eis in ihre Cola?“ – „Ja.“ – „Erdbeer, Vanille oder Schoko?“ Helge Schneiders neuer Film „00 Schneider – Im Wendekreis der Eidechse“ läuft völlig unverständlicherweise nicht in Braunschweig, nicht in Wolfsburg – sondern in Goslar. Da Micha und ich uns verabredet hatten, den zusammen zu sehen, fuhren wir eben zusammen nach Goslar. Es gab noch einen weiteren Grund, die Stadt zu besuchen: Nur einen Tag zuvor hatte Ólafur Elíasson dort den Kaiserring erhalten, das Mönchehausmuseum zeigt dazu noch bis zum 26. Januar die Ausstellung „Eine Feier, elf Räume und ein gelber Korridor“. Eine prima Kombination. Die Schau ist zwar klein, aber eindrucksvoll. Natürlich wäre es noch opulenter, wenn das Museum sein angestammtes größeres Gebäude zur Verfügung hätte; die Ausstellung im Kunstmuseum Wolfsburg etwa war seinerzeit überwältigend. Aber die Exponate in Goslar sind anregend genug, wenn man sich auf den Raum, den sie erschaffen, einlässt. Es lohnt sich, dafür nach Goslar zu fahren. Und auch für Helge, der neue Film ist womöglich sein bester, nach „Texas“. Helge ließ und hyperventilieren und nach Luft schnappen. Es hielt uns vor Lachen kaum in den Sitzen.

Mit zwei blauen Sitzen kommt Chris ins Café. Die gab es im Angebot und die sind für das neue Büro vorgesehen, auf das Chris und André seit Anfang Oktober zugreifen dürfen. Sie versprechen sich Entlastung bei ihrer administrativen Arbeit, wenn sie sie nicht mehr im Cafégeschehen verrichten müssen. „Wir beziehen das Büro, wenn das Netzwerk funktioniert“, sagt Chris voller Vorfreude. „Und es gibt Wasserkocher und Mikrowelle für die Lebensqualität.“ Er stellt die Stühle vor der Theke ab und bringt Kleinkram in die Küche. Ein dreitägiger Kurztrip habe ihn sich angenehm erholen lassen, sagt Chris, und bemerkt, dass man so etwas viel öfter machen sollte. Stimmt, selbst eintägige Kurztrips sind schon sehr hilfreich. Wie etwa der nach Goslar. Oder kürzlich war ich für ein paar Stunden an der Nordsee, in Butjadingen, habe mir von jemandem lebende Taschenkrebse auf die Hand setzen, auf dem Deich sitzend die Sonne ins Gesicht braten und im Restaurant gebratene Scholle servieren lassen. Das tat mindestens so gut wie mein zehntägiger Solo-Italienurlaub im Sommer, an den mich jetzt auch die steigenden Temperaturen wieder denken lassen. Das war eine wundervoll entspannende Zeit in Levanto, nur ein Dorf nördlich von Cinque Terre, zwar auch voller Touristen, aber nicht solcher ignoranten wie den Welterbespottern nebenan. Mal abgesehen vom Essen – viva la Wampe, mit Fischravioli, vegetarisch gefüllter Pasta mit Walnusssauce, einer Art Schupfnudeln mit hausgemachtem Pesto, Focaccia mit Anchovis (acciughe), Fischlasagne, Schwertfischsteak mit Pinienkernen, Feigeneis, Feigeneis mit Mandeln –, überraschte mich auch die Musik, die dort lief. Im nächstnördlichen Ort Bonassola etwa aß ich mittags einen gemischten Salat – Insalata mista, oder, wie ein Kellner in Levanto zu einem Gast sagte: „Insalata mistica“ – und weilte länger als gedacht, weil dort das komplette „Alice“-Album von Tom Waits lief. Bei knallender Sonne so düsterer Jazz, das war ein so passender Kontrast, dass ich nicht gehen mochte. Anschließend spielten die ein Live-Album von Bob Dylan, ein weiterer Grund zu Verweilen zwar, aber ich wollte näher ans Meer. Zurück in Levanto hörte ich am selben Tag im Vorbeigehen in einem Restaurant Johnny Cash. Unerwartet war auch das, was Straßenmusiker in der Gegend spielten. Ein paar Jugendliche mit Streichinstrumenten intonierten in Monterosso al mare unter anderem „Kashmir“ von Led Zeppelin. In Levanto gaben fünf alternativ aussehende Musiker ein akustisches Prog-Folk-Konzert mit mediterranen Instrumenten. Auf der CD, die ich ihnen sofort abkaufte, konnte ich nichts lesen – außer dem Bandnamen The Sailing Tomatoes war alles auf Griechisch geschrieben. Einen Abend später spielten die Lokalhelden Illustri Cugini vergleichsweise angepassten Alternative-Folkrock. Hat sich was mit Sommerhits. Aus den Gaststätten waren ansonsten eher 80er-Hits zu hören, die besseren gar, insbesondere natürlich Italo-Pop, darunter Raritäten wie „Happy Children“ von P.Lion, fantastisch. Und, was sie ständig überall spielten, von La Spezia bis Framura: „Get Lucky“ von Daft Punk. Ich mag den Song. Ich mag 70er-Disco-Musik, der man die Herkunft aus Jazz, Funk und Soul noch anhört, und Nile Rogers mit Chic war einer der Besten, ist es eben immer noch, wie auf „Get Lucky“ zu hören. Damit schloss sich zudem so etwas wie ein Kreis: Als ich vor 14 Jahren in der Toscana unterwegs gewesen war, war überall „Around The World“ vom ersten Daft-Punk-Album gelaufen. Das hatte ich gehasst, war ihm aber nicht entkommen. Abend für Abend mit den anderen vom Campingplatz hatte ich es hören müssen. Steter Tropfen ist aller Laster Anfang: Schon bald hatte ich das Lied geliebt. Und damit die Band. We‘re up all night to get lucky.

Jemand mit Gastroerfahrungen, der deswegen nicht namentlich genannt werden will, teilt an der Riptide-Theke eine Beobachtung mit mir, die ich höchst aufschlussreich finde. „Gastro-Regel“, sagt dieser Mensch: Alles ist sauber, aber neue Gäste setzen sich an den einzigen Tisch, der nicht abgeräumt ist. Egal, wo dieser Tisch steht: Es ist der unabgewischte mit Flaschen und Gläsern darauf, an den sie sich setzen. Warum nur? Ist es, weil ein ex-besetzter Tisch attraktiver sein muss als jeder andere? Oder ist es, wie Gast Franzi später mutmaßen wird, dass man als Gast weiß, dass auf jeden Fall ein Ober kommt, der abräumen will, und bei dem man dann gleich bestellen kann? Diese Beobachtung ist es jedenfalls wert, sie im Auge zu behalten.

Auf das neue Regal weist mich Chris hin. Das steht bei der Kaffeemaschine und birgt Gläsern Platz. Ich hätte gar nicht wahrgenommen, dass es neu ist. „So etwas wird notwendig, wenn das Glasregal nach sechs Jahren von einem Tag auf den anderen zusammenbricht und wir kein Geschirr mehr haben“, erläutert Chris wie beiläufig. Katastrophe! „Das war ein Polterabend“, untertreibt Chris. „Wir haben den Kaffee zwei Tage lang in komischen Gefäßen ausgeschenkt.“ Ich erinnere mich, das war mir auch widerfahren, als ich mal mit Arni hier war. „Aber jetzt haben wir beides wieder, Geschirr und Regal, und das selbstgebaut.“

Für mich ist es Zeit, zu gehen. Es steht noch einiges an. Auf dem Rückweg schaue ich noch bei Raute Records vorbei. Am Montag ist der Laden zwar geschlossen, aber wer weiß, vielleicht werkeln Uwe und Katrin ja trotzdem in sichtbarer Reichweite herum. Und siehe da, die Tür ist nicht verschlossen. „Montag ist Ruhetag“, donnert mir Uwe entgegen und wirft mich doch nicht hinaus. Trotzdem will ich weiter, noch ein bisschen den ostfälischen Sommer genießen. Bevor das endgültig eintritt, was ein Wolfsburger Piraten-Politiker in seinem Whatsapp-Profil schreibt: „Es ist Herbst. Alles stirbt ♥“.


Matze Bosenick
www.krautnick.de

#71 Champagner aus den Ardennen

15. September 2013


Samstag, 14. September

Wie man einen ohnehin einladenden Ort noch einladender macht, zeigt der Handelsweg heute. Die Gewerbetreibenden dieser kleinen Passage feiern unter dem Motto „Sedan-Bazar“ gemeinsam Sommerfest, und was diese kleine Feststellung bedeutet, ist in ihrer Großartigkeit kaum zu beschreiben. So gut wie alle Läden haben geöffnet, viele stellen ihre Waren in den Handelsweg, manche haben Gäste dabei, die ihrerseits etwas anbieten oder ausstellen, überall stehen Tische und Stühle, und im Achteck inmitten des Café Riptide ist genug Platz für Livemusik. Girlanden überspannen die Passage, Luftballons stehen senkrecht in den nicht wie erhofft klaren Himmel, ein riesiges Segeltuch hält viele Draußensitzende trocken. Und wer seinen Laden nicht geöffnet hat, trägt in anderer Form zum Fest bei, wie man sich auf dem Handelsweg erzählt.

Trotz des nicht eben sommerlichen Wetters ist auf dem Handelsweg nur beschwerliches Durchkommen, gottlob. Durch die Glasfassade von Möbel Sander hindurch, an den belegten Tischen von Tante Puttchen und Bierteufel vorbei, ist Serges Laden gleich die erste Station mit Unvorhergesehenem. Vorhersehbar ist vielleicht die große Zahl an Leuten, die bei ihm sitzen; nicht aber, was einige von ihnen tun: Jakob ist unter ihnen, er spielt Akustikgitarre. Ein weiterer Jugendlicher bläst die Posaune, ein deutlich Älterer spielt Mundharmonika. Zusammen machen sie Jazz. Serge wispert verschwörerisch, dass das Methode sei, eine Masche von ihm, Vorsatz: „Leute zusammenziehen, die sich nicht kennen, Alt und Jung.“ Sie nicht nur zusammenzuziehen, sondern auch spontan und ungeplant zusammen kreativ sein zu lassen, ist die hohe Kunst, der man außerhalb von Szeneläden wie der Bassgeige oder Barnaby’s Blues Bar in Braunschweig eher nicht begegnet. Serge behält sein verschwörerisches Lächeln bei und isst weiter von dem Salat, den er wohl im Riptide bekam. Stefan von Comiculture schlängelt sich an uns und den vielen anderen Gästen vorbei zu seinem Laden neben der Strohpinte. Ich folge ihm ein Stückchen.

Gegenüber bei Piou steht die Tür offen, Jenny steht an der Essensausgabe vom Riptide, im Achteck, gegenüber der Bühne, und hört wie viele andere Gäste den beiden Musikern mit schwarzen Dreadlocks zu, die dort mit E-Gitarre und Cajón eine Art Reggae machen, den chilligen Soundtrack zum Event. André übernimmt eben den Posten an der Ausgabe und verteilt Bratwurst, Burger, Salat und mehr an die Hungrigen, alles vegan. Chris und Raze sind unter den Zuhörern, sie nehmen Schlucke aus ihren Getränkeflaschen. Die beiden Musiker seien nur eine Nacht lang in Braunschweig und stammen aus Brasilien, berichtet Chris. „Ganz spontan“ schoben sie sich in die Liste derer, die an der Rip-Lounge zu jeder vollen Stunde Programm machen. Sie gehören zu einer Capoeira-Gruppe, es sind noch mehr im Handelsweg unterwegs, Chris ist beeindruckt davon, dass einige über 50 Jahre alt sind und trotzdem diese hochanspruchsvolle Sportart ausüben. Der eine, den Chris meint, macht gerade Fotos von seinen musizierenden Freunden. Er steht an dem Tisch, an den Torben sich jetzt setzt, mit zwei Gläsern Whisky, eines gibt er seinem Begleiter Leif. „Was ist das für einer?“, fragt der. „Irgendwas mit Tullamore“, sagt Torben. „Das ist in Ordnung“, sagt Leif.

Den Whisky hat Torben aus dem Riptide, in dem heute außer den beiden Chefs noch Anne, Moni und Nina die Wünsche der Gäste erfüllen. Bei dem Andrang ist die Übervollbesetzung auch nötig, alle haben mehr als gut zu tun. Eine Mitarbeiterin ist noch da, eine zweite Nina, aber heute nicht als Mitarbeiterin, sondern mit einer Schmuckkollektion, die sie mit ihrer Schwester Svenja unter dem Namen „Lütt Lütt“ designt. Nina ist gerade mit Jenny im Gespräch, die sich jetzt aber wieder in Richtung Piou verabschiedet und grinsend ein „ich habe Kuchen gebacken“ zurücklässt. „Und wie viel Kuchen“, ergänzt Nina anerkennend. Sie steht neben dem Eingang zum Riptide an einer Pinnwand, in der Nadeln stecken, die Ohrringe paarweise halten, und einem trockenen Geäst daneben, an dem Ketten hängen. „‘Lütt Lütt‘ ist unser kleines Mini-Schmucklabel“, erklärt Nina. „Da ich hier arbeite, dachte ich, ich nutze die Chance.“ Abends, so sagt sie, sitzen Svenja und sie zusammen und entwerfen diverse Schmuckstücke. „Wir verwerfen auch viel“, sagt sie und zeigt auf die Pinnwand, „aber das kommt dabei heraus.“ Svenja und Nina kaufen unterschiedliches Material, „uns wir versuchen, uns etwas einfallen zu lassen“. Das sei „schwierig“, weil sie doch unterschiedliche Meinungen hätten, aber: „Wenn einer es schön findet, dann schafft es es auch hierher.“ Schließlich seien die Geschmäcker ja auch bei den Kunden so unterschiedlich wie bei den beiden. Nicht nur Ohrringe, Ketten und Armbänder stehen zum Verkauf, auch veganen Lipbalsam bieten die beiden neuerdings an. Erhältlich ist die „Lütt Lütt“-Kollektion „im Moment nur im Riptide“, sagt Nina. Aber sie haben eine Emailliste angefangen. Mit Blick auf die Flaneure, Sitzenden und Musizierenden strahlt Nina untertreibend, aber mit leuchtenden Augen: „Das Fest ist voll schön, ich habe mich sehr darauf gefreut, es ist sehr ansprechend.“

Je weiter in Richtung Martino-Katharineum ich gehe, desto mehr Tische säumen die Schaufenster der nächsten Läden. Das ist vor der Einraumgalerie so, vor dem Second-Hand-Modeladen Fifty Fifty, selbst vor Comiculture. Ein großer Schirm überspannt die Auslegware, die nicht zwingend auch an Wochentagen in den jeweiligen Geschäften erhältlich ist, weil überall Gäste das Programm ergänzen. Die Tische der Strohpinte mischen sich wie immer in das Mobiliar und das Getränkekonsumverhalten. Wie alle Geschäftsbetreiber ist auch Stefan von der Einraumgalerie mit dem Fest mehr als zufrieden. Er drückt es so aus: „Wir haben die Viererkette gut aufgestellt, hinten steht die Null, die Resonanz hat uns überwältigt, alles ist gut.“ Oder, wie er es dann beschreibt: „Es ist super, ich find’s gut – und trotz der vielfältigen anderen Aktivitäten, die es heute in der Stadt gibt, haben wir richtig viele Leute hier.“ Und was nicht alles noch los ist: Der „Tag der Sitzgelegenheiten“ in der Friedrich-Wilhelm-Straße ist um diese späte Nachmittagszeit bereits vorbei, der vegane Markt auf dem Platz der Deutschen Einheit, also vor dem Rathaus, läuft noch, ebenso das fünfte Kulturschaufenster im Madamenweg. Das Improtheater „Jetzt & Hier“ tritt später noch auf. Und selbst das ist nur ein Auszug aus dem Programm heute.

In der Einraumgalerie läuft eine neue Ausstellung, „die haben wir gestern eröffnet“, sagt Stefan. Christian Niwa zeigt Fotografien, die er digital bearbeitete, und zwar nimmt er von einen Architekturansichten einen horizontalen Strich und zieht den zur Seite weg, sodass daraus unendliche Linien werden, die sich an die fotografierten Gebäude anschließen, aus ihnen also beinahe herauswachsen. „Die Wiederholung ist sein Ding“, bemerkt Stefan. „Unsere nächsten Ausstellungen ist alles Fotografie, was jetzt kommt“, stellt er fest. Etwa die Sachen von Sonja Wegener, die mir wie aufs Stichwort eine Postkarte in die Hand drückt: „Hier, eine Einladung“. Ihre Werke sind am 12. und 13. Oktober in der Reihe „Kunst… Hier und jetzt“ in der Einraumgalerie zu sehen. Das ist eine Veranstaltung, bei der alle zwei Jahre diverse Ateliers in Braunschweig öffnen, höchst interessant jedes Mal, initiiert vom Konsumverein, sagt Stefan. Und: „Sogar ein Künstler aus Osnabrück ist heute gekommen.“ Vacek nämlich, eigentlich Frank Marek, der seinen Spitznamen von dem polnischen Klavier-Duo „Marek & Vacek“ hat. „Der macht so Fußballsachen“, sagt Stefan und deutet auf drei kleine Leinwände, die auf dem Boden stehen und von denen eine Paul Breitner im Eintracht-Trikot zeigt. „Der hat auch hier mal ausgestellt“, sagt Stefan. Nicht als einziger Gast dieses Festes: „Femi ist als Künstlerin hier, Johanna auch – es sind viele heute hier, die bei uns schon in der Galerie waren.“ Femi Baumbach unterhält sich gerade draußen mit einigen anderen von der Galerie. „Johanna Schott ist die Freundin von Jens Müller“, sagt Stefan. Den kenne ich, zumindest per Email, der ist Pressesprecher bei Undercover. Stefan weiß: „Der macht das Restorchester mit Sascha Dettbarn, die haben auf dem Magnifest und hier auch schon gespielt, ihre CD-Premiere bei der Finissage von Jens und Johanna.“ Stefan kommt aus dem Schwärmen gar nicht heraus und erzählt noch von der Live-Street-Art, die Till „draußen“ macht, „darauf sind die Kids ganz heiß“, und auch Till war schon in der Galerie.

Bei Fifty Fifty komme ich kaum bis an die Kasse, so viel ist hier los. An fast allen Kleidungsständern stöbern Leute in der Ware. Inhaberin Marion überlässt das Bedienen kurz ihren Mitarbeiterinnen und gönnt sich etwas zu essen. „Superlecker, vegetarische Cevapcici und vegetarischer Salat, vom Riptide“, sagt sie und führt die Gabel erneut mitten hinein in die Leckereien auf ihrem Teller. „Heute ist es superbombe“, freut sie sich über das Sommerfest, „es hat eine ganz tolle Atmosphäre.“ Ihr Laden beteiligt sich mit einigen anderen aus der Passage an einer Spendenaktion, „Motto: Den Preis bestimmst du.“ Auf ihren Tischen draußen hat sie Second-Hand-Ware, „die Kunden entscheiden, was sie dafür bezahlen, und den Erlös spenden wir für krebskranke Kinder“, erklärt Marion. Die Kleidungsstücke stammen von Kunden, die ihre Ware nicht wieder abgeholt haben, „Kommittenten, die Second-Hand-Ware hier abgeben.“ Was heute übrigbleibt, spendet Marion dann wiederum an Oxfam. Wer nicht ständig vor Ort auf das Angebot bei Fifty Fifty aufmerksam wird, den informiert die Inhaberin über Facebook, „was hier los ist“. Ihr Sortiment sei grundsätzlich sehr gemischt, betont Marion, es sei für jeden etwas dabei, denn: „Ich gehe nicht nach Menschen, ich suche nach schön aus.“ Auch Musterkollektionen aus der aktuellen Saison biete sie an, „für fast 50 Prozent weniger, man kann hier Schnäppchen machen“. Ein Stück veganen Cevapcicis nimmt kurz ihre Aufmerksamkeit in Anspruch. Die Reggaemusik ist immer noch zu hören. „Wichtig ist, dass die Leute sich hier wohlfühlen und ein entspanntes Shopping-Erlebnis haben“, sagt Marion. „Ich habe auch immer etwas zu trinken da – man muss schon mit Zeit herkommen und in Stöberlaune sein.“ Das teilt ihr Laden auf angenehme Weise mit vielen in der Passage. Neuware haben sie auch, sagt Marion, „ein dänisches Label habe ich drin, das achtet sehr auf schadstoffarme Kleidung“, wenngleich alle Labels das tun müssten, aber jenes täte das noch genauer.

Im Februar ist Marion mit Fifty Fifty zwei Jahre im Handelsweg, ich kenne den Laden abgesehen vom Vorbeigehen ins Riptide lediglich von der Kinowerbung vor Sound On Screen. Marion verschluckt sich fast vor Begeisterung für diese Filmreihe von Riptide und Universum-Kino. „Ich bin ansonsten bei jeder Veranstaltung im Ritpide danach“, sagt sie. Die Filme selbst könne sie seltener sehen. „Aber Sound On Screen sponsere ich so gerne.“ Das ist ein schöner Beleg für die Heterogenität hier im Handelsweg. Marion nickt und gibt weitere Beispiele: „Die Männer gehen in den Comicladen, die Frauen kommen zu mir.“ Es wird noch enger, das Netz: „Stefan von Comiculture kenne ich von früher vom Flohmarkt, und Stefan von der Einraumgalerie hat Fotos auf meiner Hochzeit gemacht.“ Ihr Teller ist jetzt leer. „Mittlerweile sind wir wirklich eine große Familie.“

Am Ausgang des Handelswegs bietet Till seine Live-Street-Art nicht mehr an, aber Olaf Lupin zeigt unter einem großen Schirm vor Comiculture seine Kunst und Andrea betreut noch die Buttonmaschine. Die Kinder an dem Tisch sehen fast so bunt aus wie die Kartoffeldrucke, die sie gestalten und zu Buttons machen. „Ich habe Stoffe geschnitten, wir drucken darauf und daraus werden Buttons gemacht“, erklärt Andrea. Sie schwärmt: „Die Leute haben echt schöne Sachen geschnitzt, Katze, Smiley“. Sie zeigt die Kartoffelhälften mit den entsprechenden Mustern, die sich in Blau, Rot, Grün vom Gelb des Kartoffelkörpers abheben. „Hier“, ein Button an ihrer Jacke zeigt einen Smiley auf geblümtem Stoff. Eine Kinderschmink-Aktion habe es auch gegeben, sagt Andrea, und zeigt auf das Rankenmuster an ihrer Schläfe. „Das ist frugale Malerei“, sagt sie. Während sie die Druck- und Button-Utensilien allmählich zusammenräumt, schwärmt sie weiter: „Es ist sehr schön hier, das Fest ist gelungen, es sind viele Menschen hier und es ist abwechslungsreich.“ Irgendjemand schiebt plötzlich einen formatfüllenden Anhänger vom Passageneingang aus an ihren Tisch. „Das ist die Band für die Strohpinte“, stellt Andrea erfreut fest. „Up‘n Down!“

Die Musiker schleppen ihr Equipment an Comiculture vorbei in Helmuts Kneipe. Der steht am Eingang neben der Kiste mit gebrauchten CDs, die er verkauft, und begrüßt die Band herzlich. „Das Fest ist doch in Ordnung“, sagt Helmut und unterdrückt mit viel Mühe seinen Impuls, seine Begeisterung nicht zurückzuhalten. Einzig: „Scheißwetter war.“ Den Schleppenden klopft er auf die Schultern. „Es spielt eine Superband noch heute“, stellt er klar. „Up‘n Down, Spitzenband.“ Um die kümmert er sich jetzt und kehrt in die Strohpinte zurück.

Im Achteck hat Schepper inzwischen die beiden Brasilianer abgelöst. Der vielseitige Viersaitige weiß sein Publikum mitzureißen, auch mit seiner nicht eben massentauglichen Musik. Die Leute zollen ihm Respekt und feiern die schweren progressiven Stücke. Vom Riptide-Grill aus höre ich Schepper zu. Lennart lehnt im Türrahmen, Gerald vom Nexus kommt dazu. „Hunger?“, fragt ihn André von der anderen Seite der Essenstheke aus. „Ich lad dich ein.“ Gerald stellt sein Getränk ab: „Na, gerne!“

Nicht nur als Musiker, auch als Bassstammtisch-Initiator im Riptide sowie Mitglied und Moderator im Eiko-Verein ist Schepper aktiv. Der Eiko-Verein steht im Zentrum des nächsten Silver Clubs am kommenden Samstag. „Eiko? Unser Sohn heißt so“, sagt Hanne mit Blick auf den Silver-Club-Flyer in ihrer Hand irritiert. Sie und ihr Mann Peter sitzen an einem der Tische und hören Schepper zu. Eiko sei ein ostfriesischer Name, sagt Hanne. Sie zeigt auf Peter: „Er ist auch ein alter Musiker, bei What’s Up oder Bamautzky.“ Peter ist Bassist, deswegen konzentriert er sich mehr auf Scheppers Spiel als auf die Unterhaltung. Von der Eiko-Show „Musikschöpfungen“ indes hat auch Peter schon etwas mitbekommen: „Werner, der Gitarrist aus meiner Band, hat bei denen im Hansa gespielt.“ Redhouse heißt die Band, und wenn im Hansa, dann war das bei Eiko Goes Loud, was wiederum Schepper organisiert. „Und Werner macht die Jam-Session im Barnaby’s“, ergänzt Peter, bevor er sich wieder auf die Musik konzentriert.

Mit Obst guckt ein weiterer Bassist Schepper auf die Finger. Obst spielt unter anderem bei Splandit und hat mit dem Akustikskapunktrio auch schon einmal die Meute beim Silver Club so richtig zum Kochen gebracht. Bei Splandit gebe es Neuerungen, erzählt Obst, etwa einen neuen Schlagzeuger, der auch mal statt des bislang üblichen Cajón ein echtes Drumset benutzt, und Obst selbst hat angefangen, Kontrabass zu spielen. Er zeigt grinsend die Blasen an seinen Fingerkuppen. Ein neues Album gibt es von Splandit aktuell noch nicht. „Wahnsinn, was der macht“, sagt Obst wieder mit Blick und Gehör auf Schepper. Er seufzt: „Das mit dem Tappen – da kann ich mir einige Bass-Skills abgucken.“ Am Freitag spielen Splandit im Americano, kündigt Obst an: „Es macht neu auf, mit neuem Betreiber.“ Das sei derselbe Betreiber wie von der Luke 6, und dort arbeitet der neue Splandit-Drummer. Außer Splandit spielen noch zwei Bands im Americano. Auch seine Aufmerksamkeit richtet sich schnell wieder auf Schepper.

Der spielt alte und neue Stücke, solche von seinem neuen Album „Bass Trip“, das gerade seit einer Woche draußen ist, solche von seiner ersten CD „Plus Bass“ und auch solche, die auf keinem der beiden Tonträger zu hören sind. Der „Bass Trip“ ist wunderbar. Scheppers Spielzeit ist jetzt eigentlich abgelaufen, aber die Leute fordern Zugaben. „Soll ich noch eins spielen?“, fragt er grinsend. Sicher, niemand will ihn gehen lassen. Also nimmt er sein Instrument in Anschlag, spielt eine Linie, tippt mit dem Fuß auf ein Pedal und macht dann das, womit er immer die Lacher auf seiner Seite hat: Er nimmt die Arme hoch und die Musik läuft weiter. „Du spielst ja gar nicht“, schallt dann auch der übliche erheiterte Ruf aus dem Publikum. Zwei, drei weitere Bassläufe programmiert Schepper ein, bevor er den Song mit seinem Gesang und einer Bassmelodie abrundet. Das war jetzt aber wirklich das letzte Lied, die nächsten Musiker warten auf ihren Auftritt. Während Schepper sein Instrumentarium zusammenfaltet, nähert sich ihm Tilda. Die Dreijährige reicht ihm einen Grashalm. „Weil du das so schön gemacht hast“, sagt sie verschämt, aber stolz. „Den darfste nicht verlieren.“ Schepper ist überwältigt. Sein Pedalbrett ist mit Kunststoffblumen dekoriert, eine davon nimmt er ab und gibt sie Tilda. „Siehst du“, sagt ihre Mutter, „Es ist gut, dass du den Mut hattest.“

Mit dem waghalsigen Unterfangen, sein Fahrrad durch den Handelsweg zu bekommen, erscheint Dirk in der Menge. „Ich will eigentlich zum Kulturschaufenster“, sagt er. Der attraktive Betrieb im Handelsweg lässt ihn sein Vorhaben überdenken. Er winkt ab: „Lassen wir uns mal überraschen, was der Tag noch bringt.“


Matze Bosenick
www.krautnick.de

#70 Zerschmettert von den Rädern der Industrie

23. August 2013


Donnerstag, 22. August

Heiß: Das Sommerloch ist vorbei, und das äußert sich wie in jedem Jahr auch jetzt wieder darin, dass pro Wochenende mehr als nur eine attraktive Veranstaltung stattfindet. Nicht nur pro Wochenende, auch pro Tag: Allein heute gibt es ein Arjomi-Konzert in der Neunraumkunst, eine „Blau-Gelb-Fieber“-Lesung unter anderem mit Buchinitiator Axel Klingenberg bei Graff und die Finissage der Ausstellung „Long gone promises – sculptural showdown Part I“ mit dem Atelier Space Ensemble gegenüber des Café Riptide in der Einraumgalerie. Im September geht es gnadenlos mit Veranstaltungen weiter: Magnifest vom 6. bis 8., Silver Club am 21. – und am Wochenende dazwischen gleich mindestens vier tolle Aktionen: fünftes Kulturschaufenster vom 13. bis 15. im Madamenweg, zweites Friedrich-Wilhelm-Straßen-Sit-In am 14., am selben Tag das Vegan-Life-Festival am Schlossersatzplatz und, erstmals, ein Sommerfest im Handelsweg. „Wir sind jetzt seit sechs Jahren hier und haben es endlich mal geschafft, ein Passagenfest zu machen“, freut sich André über den Termin. „Es gibt einen Kunstflohmarkt, Kinderschminken, Veggie-Grill – und Musiker spielen.“ Von Schepper weiß ich bereits, dass er auftritt. Außer ihm noch Martin Kroner, Sänger und Chef der nach seinem Nachnamen benannten Band, und Riptide-Mitarbeiter Lennart, der ansonsten hinter dem Tresen rockt und das Riptide schon einmal mit einem Gig in Wallung brachte. „Er tritt mit einem Mädel auf, das eine Superstimme hat“, sagt André. Drei weitere Musik-Beiträge sind in Planung, alle sollen immer zur vollen Stunde auftreten. Das wird ein harter Tag, so viel steht jetzt schon fest. Es gilt, kilometertaugliches Schuhwerk zu tragen. Wann ist eigentlich Kulturnacht?

Überhaupt, die herrlichen Verstrickungen in dieser winzigen Stadt: Beim nächsten Silver Club am 21. September im Eiskeller im Rebenring haben wir erstmals einen veganen Imbiss dabei. Den betreiben seit kurzem Kerstin und Christian, die auch maßgeblich den Braunschweig-Vegan-Stammtisch im Riptide betreuen. Der findet an jedem ersten Donnerstag des Monats ab 18.30 Uhr statt, der nächste am 5. September. Immer einen Tag später trifft sich im Riptide der Bass-Stammtisch, am ersten Freitag des Monats ab 21 Uhr, der nächste also am 6. September, initiiert von Schepper, der wiederum beim nächsten Silver Club eine wichtige Rolle spielt, indem er zum Kopf des Vereins gehört, der im Mittelpunkt der Silver-Club-Veranstaltung steht und deren Programm gestaltet, nämlich der Eiko-Verein. Wir sind doch alle eine Familie.

Das Gefühl beschleicht mich im Handelsweg ohnehin recht häufig. Von der Brabandtstraße kommend, schaffe ich es einmal mehr nicht bis ins Riptide, sondern bleibe bei Serge und seinem Besuch hängen. Serge sortiert seine LPs nach Genres, Carsten – ebenfalls Eiko-Mitglied – macht aus den ungewöhnlichsten Perspektiven Fotos von Serges Auslegeware sowie von Sylvia, die sich eigentlich gerade im Aufbruch befindet. Sie hatte erst kürzlich bei der Firma Ameno die Ausstellung „Naturgewalten“ mit ihren abstrakten Gemälden, zumeist Gouache auf Leinwand, und will sich mit dem dazugehörigen Katalog in der Einraumgalerie bewerben. „Ich habe ihn im Riptide hinterlegt“, sagt sie. „Man hat mir gesagt, dass das der kleine Briefkasten der Galerie ist.“ Während Carsten vor ihr kniet, um ihr Gesicht im Profil und in Aktion auf Microchips festzuhalten, erklärt sie: „Ich mache Kunst und Schrott und Entrümpelungen.“ Überraschende Mischung. Sie hat Flyer ihrer Firma „Obalix & Cleopatra“ dabei und einen ihrem Betätigungsfeld entsprechend angenehm festen Händedruck, als sie sich verabschiedet.

Ihren Platz nehme ich ein. Carsten widmet sich einem metallenen Modellauto auf dem Tisch, der zum Tante Puttchen gehört, Serge zieht Langspielplatten aus ihren Covers, um uns herum bringen Lieferanten Getränke in die benachbarten Gastronomieetablissements. Stellen sie ein Bierfass auf dem Boden ab, klingt es angenehm wie die Bassdrum eines Industrialstücks. Die Tür von Piou gegenüber steht offen, man hört Jennys Nähmaschine den Beitrag dazu leisten, dass sich bald weitere Verkaufsobjekte im Schaufenster oder auf der Sitzbank vor dem Laden auftürmen. Lukas bindet sein Fahrrad neben dem Piou fest und grüßt uns im Vorbeigehen auf dem Weg ins Riptide. „Die Platters“, sagt Serge mit Blick auf das Label einer LP. „Sowas kennt doch heute keiner mehr.“ Er steckt das Vinyl zurück in die Hülle, stellt die LP in eine Reihe mit anderen und greift sich aus einem seiner vielen Stapel ein anderes Exemplar. Ein blonder Mann mit Sonnenbrille ziert das Cover. „‘Blau blüht der Enzian‘, mein Gott“, sagt Serge und stellt auch diese LP wieder weg, irgendwo hinter den Stuhl, auf dem Carsten jetzt sitzt. Serge greift sich einen neuen Stapel. „Worunter fallen die Simple Minds?“, fragt er. Zu ihrer Hochphase sicherlich irgendwo zwischen Rock und Pop, da hat Carsten Recht, doch Serge hält das Debüt „Life In A Day“ in der Hand, da hörte man noch, dass sie früher Punk machten. „Und danach New Wave“, sagt Carsten. Serge nimmt das nächste Album und mutmaßt, dass es niemand kennt. Irrtum, es ist „The Luxury Gap“ von Heaven 17, also Synthiepop. Eine von mindestens drei Bands, die nach einem Begriff aus „A Clockwork Orange“ benannt sind. In dem Film hörten die Protagonisten in einem Plattenladen eine Band namens „The Heaven Seventeens“. Mir fallen noch Tolchok und Moloko ein, die sich von „A Clockwork Orange“ zu ihrem Bandnamen inspirieren ließen. Serge stellt den Stapel so zurück, dass eine Tina-Turner-LP vorn steht. „Eine Powerfrau“, sagt Carsten anerkennend. Serge stimmt zu, dass sie insbesondere aus Sicht eines Bühnen- und Performance-Experten etwas Besonderes sei. Der nächste Stapel offenbart Jazzperlen, etwa von Markus Stockhausen, den ich nicht kenne. „Das ist der Sohn von Karlheinz Stockhausen“, weiß Carsten. Ich kenne nur den Vater. „Es ist erstaunlich“, findet Serge, dass ich mich im Jazz nicht fließend auskenne. Den Jazz habe ich erst spät im Leben für mich entdeckt, über die Standards John Coltrane und Miles Davis. Das war bei mir wie mit Oliven, die habe ich jahrelang nicht gemocht, jetzt liebe ich sie. „So ist es bei mir mit Tomaten“, sagt Carsten. Serge hingegen bekam als 15-Jähriger in Süddeutschland den Jazz im Radio anerzogen, von dem Journalisten Joachim-Ernst Berendt. Der spielte nach dem Krieg immer ab 23 Uhr Jazz aus den USA. „Das habe ich ein Jahr lang gehört, dann kante ich mich aus“, erzählt Serge. Von der nächsten LP schwärmt Carsten: „Wenn ich Platten sammeln würde, würde ich sie nie verkaufen“, sagt er über „Inside Lookin‘ Out“, unter anderem von Ed Schuller und John Betch. Die haben erst kürzlich in der Bassgeige gespielt, weiß Carsten. Serge dreht das Album in seinen Händen, er kennt es nicht: „Ich muss da unbedingt reinhören – dann weiß ich endlich, ob du was von Musik verstehst“, grinst er in Richtung Carsten.

Der verabschiedet sich, im fliegenden Wechsel setzt sich Wolf auf dessen Platz, wie gewohnt seine 14-jährige Hündin Maja im Schlepptau, besser: ohne Schlepptau, aber dabei. Sie macht es sich auf dem Pflaster gemütlich, Radfahrer umrunden sie. „Ich wollte eigentlich in die Stadt“, sagt Wolf, dem Serge aber noch eine Geschichte erzählen will. Wolf lenkt ein: „Auf eine Zigarettenlänge.“ Er holt den Tabak aus seiner Tasche und beginnt zu drehen. Dann könne er uns auch gleich zu einer Ausstellungseröffnung einladen, am Samstag, ab 18 Uhr, in seinem „Werkschauraum“ in der Ernst-Amme-Straße 5, „schräg gegenüber vom Bier- und Wurst-Kontor“, mit, so Wolf, „malerischen“ Werken von Martin Seidel, Titel: „Animals“. Serge lässt von den Schallplatten ab und nimmt den Platz auf seinem Regiestuhl ein. Lukas bindet sein Rad wieder los und düst in Richtung Innenstadt, während Serge erzählt, warum er kürzlich an Wolfs Künstlerfrühstück nicht wie vereinbart teilnehmen konnte: Er verbusselte seinen Haustürschlüssel. Nach langer Suche entdeckte er ihn einem Impuls folgend rätselhafterweise im Müll. Serge springt auf, sich abtastend, und stürmt in seinen Laden: „Schon wieder suche ich was, wo sind meine Zigaretten?“

Kaum findet er sie, zündet sich eine an und setzt sich wieder, kommt Dorothea angeradelt, mit einer Gitarrentasche auf dem Rücken, und fragt, ob Serge seinen PC dabeihat. Den holt er aus einer Jutetasche auf einem Fahrradgepäckträger neben sich, steht auf, setzt sich mit ihr auf eine Bank beim Tante Puttchen und versinkt in angeregten Gesprächen mit ihr. Sie arbeiten an einem Projekt, mehr verraten sie nicht. „Über Dorothea findest du seitenweise Einträge im Internet“, erläutert mir Serge. „Sie ist eine stadtbekannte Künstlerin.“ An der HBK studierte sie Malerei. „Ich habe gerade eine Ausstellung im ‚Fräulein Wunder‘ in der Ratsbleiche 1“, sagt sie. Das ist das frühere Café Grec, da bin ich manchmal, das muss ich mir anschauen. Die beiden Schöpfenden versinken wieder in ihrer Tätigkeit und ich in den Sitzkissen meines Stuhls.

Wolf raucht noch und schwärmt gerade von einer Polemik zum Schlossmuseum, die Lord Schadt auf Braunschweig-Spiegel veröffentlichte, da gesellt sich ebenjener zu uns, in seiner Okerflößermontur mit entsprechendem T-Shirt und Indiana-Jones-Hut. Dirk bescherte mir vor zwei Wochen den wohl schönsten Urlaubsstart, den ich mir denken kann. Ich las in der Okercabana ein Buch, als er mit dem Floß andockte. Da seine gebuchte Belegschaft entgegen anderer Pläne nicht mit zurück zur Floßstation fuhr, fragte er mich, ob ich mitwollte. Na, selbstverständlich! So schipperten wir zu zweit auf dem Kahn über die stille, grün umwachsene Oker. Herrlich. „Ich habe gerade Werbung gemacht für deine Polemik“, sagt Wolf, während sich Dirk auf die Stufe zu Serges Laden setzen will. Dirks Blick fällt auf eine leere Kaffeetasse. „Habt ihr den Kaffee im Riptide oder hier getrunken?“, fragt er. Ins Riptide, so weit bin ich heute noch gar nicht gekommen, auch nicht zum Kaffeetrinken. „Aber ich mache das“, sagt Dirk. „Ich auch“, Wolf schließt sich an. „Aber mit viel Milch.“ Dirk will auch mir nebenan einen Kaffee bestellen und geht los.

Das nächste Fahrrad hält bei uns, Jörg steigt ab und begrüßt Wolf abklatschend. Dirk ebenso, als der vom Bestellen zurückkehrt und sich auf die Stufe setzt. Jörg bleibt bei Wolf stehen und unterhält sich mit ihm, da klingelt sein Telefon und er setzt sich mit dem Anrufer auseinander. André kommt mit einem vollen Tablett zu uns und fragt: „Männer, was ist Phase? Wer ist der mit viel Milch?“ Dirk und ich zeigen auf Wolf. Auf dessen Kaffeetassenunterteller steht ein Extrakännchen mit Milch neben dem in Folie eingeschweißten Karamellkeks, den alle bekommen. Wolf packt das Gebäck aus und singt in Anlehnung an das Misheared-Lyrics-Video zu „Git hadi git“ von Ismael Yks: „Keks, alter Keks, ist der mit Ohrsand.“ Da nimmt Jörg verblüfft das Telefon vom Ohr: „Das gibt’s jetzt nicht“, sagt er zu Wolf, „wir sprechen grad über Ohrsand.“

Nach und nach leert sich der Platz vor Serges Laden. Dorothea schultert ihre Gitarre, Dirk bricht zur Flößerarbeit auf, Wolf macht sich mit Maja davon, Jörg radelt weg. Allmählich will ich ins Riptide hinübergehen. Dort sortiert André neue Schallplatten in die Fächer, außer ihm ist noch Shabnam beschäftigt. Sie macht gerade eine Kiste mit Altpapier fertig und bringt es weg. Es liegt viel an im September, sagt André, auch über das Passagenfest hinaus. Stimmt, ich sehe das Plakat für die nächste Staffel der Reihe Sound On Screen mit dem Universum-Kino. André nickt, „aber vorher haben wir noch ein Special, und zwar am Donnerstag, 29. August, ‚Power Of Soul‘, das ist hauptsächlich eine Doku über James Brown.“ Ein Braunschweiger hat den Film mitgedreht: „Marc Fehse, den werden wir zu Gast haben“, freut sich André. „Der hat früher Trash-Splatter-Filme gemacht und an dem Film mehrere Jahre gearbeitet.“ Ein weiterer Gast ist an dem Tag DJ Pari, „der hat früher im Napo aufgelegt.“ Das Napoleon kenne ich nur vom Namen. „Er ist Ur-Braunschweiger, aber jetzt amerikanischer Staatsbürger, der auch mal Opener für Curtis Mayfield macht“, sagt André. Markus Schmidt heißt DJ Pari eigentlich. Die neue Staffel von Sound On Screen startet am 12. September mit „Big Easy Express“, einer Dokumentation über eine Konzertreise, die Mumford & Sons, Edward Sharpe und Magnetic Zeroes mit dem Zug unternahmen. „Danach werden Niila spielen“, sagt André. Die waren bei der VW-Soundfoundation, sagt André, „und Claus Grabke, ein alter Rollbrettfahrer, hat die unter seine Fittiche genommen“. Grabke war Chef der Gütersloher Crossover-Band Thumb. „Niila spielen semi-akustisch“, kündigt André an. „Außerdem haben wir Ende des Monats die großartigen Woog Riots zu Gast.“ Am 26. September treten die beiden Darmstädter im Riptide auf.

Einen Kafka bestellt sich Jenny bei André, bevor sie ihre Pause beendet und ins Piou zurückkehrt. Auch sie hat Ankündigungen: „Ich bin nächste in Riddagshausen beim Dorfmarkt dabei.“ Der findet am 31. August und 1. September rund ums Kloster statt. „Zum ersten Mal unter neuer Leitung“, sagt Jenny. „Ich bin gespannt, ich bin zum ersten Mal dabei.“ Außerdem gibt es im Riptide jetzt vegane Kuchen, betont Jenny, immer freitags und samstags. „Oh, ja“, bestätigt André LPs sortierend, als hätte er diese Speisekartenerweiterung selbst vergessen. Ich habe bereits davon gehört, dass Gäste ebenjene Kuchen besonders gut fanden. Jenny freut sich darüber, nimmt ihr Getränk und geht. In Andrés Neuheiten-Stapel finden sich „I Hate Music“, das neue Album von Superchunk. „Schon das zweite neue Album“, so André. Außerdem viele Rereleases, wie „Goodbye Horses“ von Q Lazzarus als 12“ oder „Wrong“, das zweite Album von NoMeansNo. „Für mich ganz wichtig“, so André, sei „Presumed Insolent“, das neue Album der Adolescents. André beschriftet die LPs mit Preisen, bevor er sich den neu eintreffenden Kunden widmet. Shabnam kommt vom Altpapierwegbringen zurück und unterstützt ihn. Ich schaue mal, was der Sommer draußen zurzeit so treibt. Lange nichts von ihm gehört.


Matze Bosenick
www.krautnick.de

#68 Heiliger Hans, Hexenjäger

23. Juni 2013


Sonntag, 23. Juni

Seit das Café Riptide am Sonntag nicht mehr geöffnet hat, muss ich mir für jenen Wochentag andere Freizeitverbringungsmöglichkeiten ausdenken. Gar nicht so einfach. Was tun, im Sommer, bei halbwegs gutem Wetter und mit einem mobilen Telefonapparat voller Namen und Nummern? Leute fragen? Ah ja, gute Idee. Einmal erwischte ich dabei zufällig den Tag, an dem „Klassik im Park“ im Park stattfand, guter Platz für eine Veranstaltung mit diesem Namen. Und bei „Klassik im Park“ war ich noch nie, es lag immer etwas anderes an. Bei dem riesigen Leuteaufkommen fand ich meine Peergroup erstaunlich schnell, nämlich sofort, auf Decken an der Oker sitzend und so etwas in der Art wie picknickend. Um uns herum hatten findige Händler ihre Buden errichtet, ich wollte uns Kaffee vom mobilen Kaffeewagen holen. Die Schlange davor war als solche nicht recht zu erkennen, die Leute standen vereinzelt ungeordnet an dem Wagen. „Bist du noch Schlange?“, fragte ich die Frau vor mir. Sie war. „Bist du noch Schlange?“, fragte ich den Mann neben mir. „Nein“, sagte der, „ich stehe hier und sehe fern.“ Er blickte nämlich versonnen auf die Großleinwand, die das übertrug, was auf der Millionen Meilen entfernten Bühne für uns unerkennbar stattfand. Wir sahen, dass ein Dirigent das befrackte Orchester dirigierte, der ein Eintracht-Trikot trug. Braunschweig ist seit dem Erstligaaufstieg so angenehm irre.

Und heute? Ich könnte bereit seit einer Weile im zunächst noch abgesoffenen Scheeßel sein und hätte mir dort am Freitag Portishead und Sigur Rós angeguckt. Sollen beide gut gewesen sein, sagt mein Whatsapp. Heute ist tatsächlich gar nichts auf der Liste, das ich mir dringendst angeguckt hätte. Ein paar Bands vielleicht aus Neugier, aber niemand aus Überzeugung. Immerhin hätte ich dort bestimmt Chris oder André getroffen, die regelmäßig mit diversen LP-Kisten beim Hurricane ihre Zelte aufbauen. Ich bin schon gespannt, was sie dieses Mal zu berichten haben.

Heute könnte ich auch nach Hannover fahren. Zurzeit findet dort das Festival Theaterformen statt, mit dem tollen kostenlosen Open-Air-Liveprogramm. Heute Nacht spielt dort Bernadette La Hengst. Aber so recht packt mich nicht die Lust, mich dafür ins Auto zu setzen. Nein, nicht wegen Hannover, mir ist das ganze Anti-96-Gewese völlig egal, besser: Mir geht es auf den Keks, wenn die Leute es ernst meinen damit. Als Spaß ist es okay, auch wenn sich der Witz schnell abnutzt; viele meinen es leider so, wie sie es sagen. Solche kameradschaftlichen Feindschaften gibt es zwar überall, zwischen Köln und Düsseldorf ebenso wie zwischen Wesendorf und Wahrenholz, warum also nicht auch zwischen Hannover und Braunschweig, wenn’s im Rahmen bleibt. Und dann gibt es ja auch noch Wolfsburg. Dort fragte mich jüngst ein VfL-Fan: „Warum fährt die Eintracht so viel Fahrrad? Sie übt schon mal das Absteigen.“ Viel schöner fand ich den Kommentar eines Eintracht-Fans zum Aufstieg: „Jetzt kann ich endlich mit dem Bus zu Auswärtsspielen fahren.“ Die 230 pendelt zwischen Wolfsburg und Braunschweig. So ist es nett!

Eine noch viel weitere Fahrt könnte ich heute auf mich nehmen: Irgendwo an einen Strand in Dänemark, heute ist Sankt Hans. Am 23. Juni schichten die Dänen Holzhaufen am Strand auf, entzünden sie und verjagen damit die Hexen auf den Blocksberg, also fast zu uns. So eine Feier habe ich noch nie mitgemacht, aber wahrscheinlich ist es so ähnlich wie im Harz mit Walpurgis: Die offiziellen Veranstaltungen haben den sinnlichen Charme einer Ballermannparty, zu den inoffiziellen Feiern fehlen einem Unbedarften die Kontakte. Auf der Insel Poel luden mich mal Einwohner zu ihrem privaten Osterfeuer ein. Da war ich zur Dämmerung am Ostersamstag mit meinem Fotoapparat unterwegs, um einige Langzeitbelichtungen zu machen, und erblickte auf einem Grundstück das lodernde Feuer. Schön, dachte ich, das macht sich bestimmt gut, und positionierte die Kamera. Nach einer Weile schlenderte jemand bierflaschenbewaffnet vom Grundstück auf mich zu. „Was machst du da?“, fragte er. „Bist du von den Grünen?“ Er stellte sich zu mir, betrachtete mit mir das lodernde Feuer auf seinem Grundstück, trank ab und zu aus seinem praktischen Gefäß und hörte sich meine schmale Erklärung an. Dann erläuterte er, warum er die Grünen fürchtete, die hatten wohl in der Nachbarschaft häufig die Entzünder privater Osterfeuer angeschwärzt. Es nährte sich uns eine Frau aus Richtung des Feuers und fragte: „Was macht ihr denn da? Kommt doch zu uns.“ Okay, danke. Am Feuer saßen und standen lauter Leute, ich stellte mich kaum dazu, da hatte ich schon ein offenes Bier in der Hand. „Was machst denn du hier so?“ Tja, Urlaub, und wie so oft mit positiven Erlebnissen mit Einheimischen. Dabei waren sie das gar nicht alle: Ein Teil der Feiernden bestand aus Touristen aus dem Westen, die die Familie Jahre zuvor einmal am Hafen kennen gelernt und sich mit ihnen angefreundet hatte. So mag ich verreisen, so mag ich Osterfeuer, so stelle ich mir auch gelungene Walpurgis- und Sankt-Hans-Feiern vor.

Wenn sie nicht ins Wasser fallen. Es sieht zurzeit ständig nach Regen aus. Gestern hatten wir mit einer entspannten Geburtstagsfeierrunde am Heidbergsee Glück, bis uns die flutbedingten Mückenhorden verjagten. Irgendwas ist immer. Zum Beispiel erfuhr ich dabei, dass es das neue Album von The House Of Love auf 500 Exemplare limitiert als LP in rotem Vinyl gab, mit einem Lied mehr als auf CD. Das Ding ist natürlich ausverkauft, sagt das Internet, und gebraucht ab 70 Euro zu haben. Da muss ich also im Riptide nachhaken, morgen am besten, wenn sie wieder geöffnet haben, manchmal stehen ansonsten ausverkaufte Sachen dort noch herum, wie im vergangenen Jahr die „Mitleid Lady“-12“ von Bohren & der Club Of Gore oder aktuell die „In Concert“-Dreifach-Live-LP von Dead Can Dance, die noch vor Veröffentlichung im Internet für den doppelten Preis weiterverkauft wurde und im Riptide zum Normalpreis erhältlich ist. So richtig gut ist das Ding leider nicht, „Towards The Within“ war deutlich besser, weil weniger synthetisch, weil organischer, und es ist außerdem das komplette mittelmäßige Comeback-Album „Anastasis“ darauf enthalten. Noch am Mittwoch hörte ich Dead Can Dance live, sah sie aber nicht, und zwar picknickend im Hamburger Stadtpark, da spielten sie auf der benachbarten und dank Hecken blickgeschützten Freilichtbühne. Tolle Stimmen, tolle Songs, aber die Musik war enttäuschend flachbrüstig. Auch da hatte ich Glück mit dem Regen: Die ersten Tropfen fielen erst nach dem letzten Ton, das folgende vierstündige Gewitter flashte uns dann auf dem Balkon. Guido meinte später dazu: „In Hamburg regnet es bei jedem Wetter.“

Gut, bei Regen könnte ich heute auch einfach mal die letzte Portion Spargel des Jahres kochen. Schließlich endet morgen die Saison, je nach dem zumindest, wen man fragt; viele nennen auch den 17. Juni. Schade, dass es schon wieder vorbei ist, ich erhielt gerade erst jüngst eine gute Zubereitungsidee: Spargel in Stücke schneiden und kochen, dann Kräuterbutter in einer Pfanne erhitzen, Spargel hinzu, Eier darüberschlagen und alles verrühren, mit Salz und Pfeffer würzen. Ich hab’s mit Kartoffeln dazu probiert, geht auch gut. Nächstes Mal im April 2014 wieder.

Aber noch halten sich ja die Wolken zurück. Ein Eis essen? Das Giallo-Rosso heißt nicht mehr so, sondern Bacio, weil es laut Bedienung nicht mehr zu Linos Großfamilie gehört, sondern einem neuen Pächter. Schade drum. „Bacio ist doch besser“, meinte die Bedienung zwinkernd. Da ist was dran. Aber gerade die Farben von AS Rom als Lokalnamen zu nehmen und dann wenige Häuser weiter mit Giallo-Blu den Eintracht-Pendant zu eröffnen, war eine witzige Geste.

Aber wie schön wär’s jetzt, wieder im Handelsweg zu chillen. Im Riptide haben sie eine Kniffelschachtel aus Blech, die entdeckten wir neu, als wir da kürzlich zum Feierabend bei kühlstem Wolters unsere Kniffelfähigkeiten austesteten. Als wir die benutzten Kniffelblockrückseiten für einige Runden Zehntausend verwenden wollten, stellten wir fest, dass vor uns bereits Leute die Idee hatten, aber darauf statt Zehntausend Stadt-Land-Fluss spielten. Bei der Kategorie „Pflanze“ hatten die Spieler beim Buchstaben H nur fünf Punkte erzielt: Beide nannten „Hanf“. Dabei wäre „Hirse“ im Riptide genauso naheliegend gewesen. À propos, die neuen Speisekarten sind jetzt fertig, und es stimmt, das Frühstück ist weiterhin aufgeführt, wenn auch mit einem Fragezeichen versehen, und man kann neben dem Lemmy-Frühstück auch das Schwarze Frühstück noch bestellen, das ist dasselbe, nur ohne Whisky, also nur mit Zigarette und Kaffee. Kaffee! Wäre auch eine gute Idee jetzt, im Achteck, wie jüngst an einem Nachmittag, als ich nur mal eben einen Kaffee im Riptide haben wollte und so viele Leute traf, dass ich erst nachts nach Hause kam. Das geht an keinem anderen Ort so gut wie im Riptide. Morgen wieder, nach Feierabend.

Tja, und heute? Mal sehen, was mein Adressbuch so hergibt.


Matze Bosenick
www.krautnick.de

Stadtplan

Kontakt

Handelsweg 11
38100 Braunschweig

Telefon: 0531/ 2254177

E-Mail: info@cafe-riptide.de

Die Buslinien 411, 412, 416, 418, 422 und 443
halten am Altstadtmarkt

Öffnungszeiten ab dem 1.Mai 2019:
MO: Ruhetag
DI + MI: 16.00 bis 23.00 Uhr*
DO – SA: 12.00 bis 1.00 Uhr*
SO:  geschlossen!

  • bei wenig Betrieb schließen wir eher!