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#90 Sammlerstunde

19. April 2015


Samstag, 18. April

Frühling es ist! Dafür gibt es diverse Anzeichen: Die Sonne scheint länger als sonst, die Temperatur steigt gelegentlich in den zweistelligen Bereich, die Mandel- und Kirschbäume strotzen vor opulenter Blütenpracht, der Spargel kommt aus der Gegend und kostet pro Kilo nur noch unter zehn Euro, die Leute haben weniger dicke Kleidung an, am dritten Samstag im April ist im Café Riptide zur Ladenöffnung um 12 Uhr kein Durchkommen. Es ist Record Store Day. Der Tag, den die Schallplattenindustrie vor ein paar Jahren in den USA erfand, um kleine und unabhängige Plattenläden mit exklusiven Sonderveröffentlichungen zu bevorzugen, die es nur dort und zunächst nur an diesem Tag zu erwerben gibt. Nach kurzer Zeit schwappte die Bewegung auch nach Europa, und das Café Riptide ist einer der Läden, die die Voraussetzungen erfüllen und mit diesen Exklusivitäten bestückt werden. 500 bis 600 verschiedene Produkte in verschieden hohen Auflagen werden weltweit auf die Läden verteilt; vorher ist nie klar, wo was landet. Der RSD, wie er sich unter Sammlern abkürzt, ist also ein guter Grund, sich trotz des ansehnlichen Wetters und der mittlerweile auch aufkommenden Kritik an der Aktion in einem Plattenladen herumzudrücken. Wenn man denn reinkommt heute.

Schon auf dem Altstadtmarkt begegnet mir um kurz nach 12 Uhr der RSD: Marcus radelt mit einer grünen Cargo-Records-Riptide-Plastiktüte im vertrauten Zwölf-Zoll-Format am Lenker auf mich zu. „Ich war früh da, eine halbe Stunde vorher schon haben zehn Leute vor der Tür gewartet“, erzählt er. Sein Ziel war die 10“ von den Foo Fighters, „die habe ich sogar gekriegt“. Im Café Riptide sei es jedoch so voll gewesen, dass man sich nicht hätte bewegen können. Ich bin gespannt. Für seine frühe Uhrzeit im Riptide sei eine nun folgende Verabredung der Grund gewesen, sagt Marcus, verabschiedet sich und radelt mit der flatternden grünen Plattentüte davon.

Als ich im Café eintreffe, ist der allergrößte Ansturm offenbar schon verflogen. Ich komme leicht zwischen den Tischen im Achteck des Handelswegs hindurch und ins Café hinein. Dort aber ist die Kistenzeile mit den RSD-Objekten nach wie vor stark umlagert, da ist kein Durchkommen für mich Neuankömmling, und auch im restlichen Laden blättern die Kunden Schulter an Schulter in den LP-Fächern. An der Tür steht Torben. „Ich bin hier, um André zu helfen“, erklärt er. An sich hätte er hinter der Theke beim Kassieren unterstützen sollen, doch traue er sich das nicht zu, vor allem bei diesem Aufkommen. Deshalb achte er an der Tür darauf, dass nur Kunden hinausgehen, deren LPs in einer grünen Tüte stecken; dann sei klar, dass sie die guten Stücke nicht versehentlich unentgeltlich mitnähmen, was durchaus im Eifer des Gefechts passieren könnte: „Es ist unübersichtlich“, sagt Torben. Außer ihm sind Aline und Vicky zu Andrés Unterstützung da, die beiden kümmern sich in einer Freundlichkeit und Zuverlässigkeit um die gastronomischen Belange, als gäbe es den Orkan um sie herum gar nicht.

„Die Leute sind hier reingestürmt“, berichtet Torben mit einem latent fassungslosen und grundsätzlich begeisterten Ton. „Es standen schon 20 bis 25 Leute vor 12 vor der Tür, es wurden stetig mehr.“ Seine Miene zeigt einen Mix aus Verwirrung und Faszination. „Morgens, als wir gefegt haben, haben die ersten schon gefragt, und einige sind sogar bis zur Öffnung geblieben.“ Um Punkt 12 Uhr seien die Massen dann in den Laden gewirbelt: „Wie beim Sommerschlussverkauf oder wenn es bei Aldi einen neuen PC gibt.“

Manche Kunden seien jedoch enttäuscht, weil sie ihr gesuchtes Sammlerstück nicht fänden, berichtet Torben. Im Internet gibt es eine Seite, die sämtliche RSD-Veröffentlichungen im Vorfeld auflistet. „Chris und André wissen aber selbst nicht, was alles mitkommt“, sagt er. Er wisse von einem Kunden, der jetzt nach Hannover zu 25 Music fahren wolle, weil das von ihm begehrte Vinyl von Amon Tobin nicht mitgekommen sei. „Ursprünglich war der RSD ein Projekt, dass die Leute wieder in die Läden kommen“, sagt Torben, blickt auf die in allen Boxen Stöbernden und bemerkt: „Was auch funktioniert, die Leute gucken auch in die normalen Fächer.“

Die morgendlichen Eindrücke lassen Torben nicht los. „Es war krass, richtig voll, man hat nichts gesehen“, staunt er noch immer. Und wird auch etwas kritisch: „Es geht oft nur um Seltenheitswerte und darum, die Dinger hinterher wieder gewinnbringend zu verkaufen.“ Das ist sein Ding nicht: „Es muss gehört werden – egal, wie selten das Ding ist, es gehört auf den Plattenteller.“

Doch nicht wie angekündigt auf dem Weg nach Hannover ist Simon, der Amon Tobin nicht fand. „Ich habe einen Freund beauftragt, dass er sich drum kümmert“, sagt er und bestellt sich einen Burger. „Ich habe noch Zeit, bis meine Bahn kommt.“ Nach Goslar muss der gebürtige Peiner zurück; er ist nicht der einzige heute, der für den RSD einen längeren Weg nach Braunschweig auf sich nimmt. Eine grüne Tüte liegt dennoch an seinem Platz, den er zwecks Burgerverköstigung unter dem Jägermeistergemälde eingenommen hat: „John Hopkins hab ich mir geholt – ich hab gar nicht mitgekriegt, dass der was macht am RSD.“ Der Burger kommt. „Und ich habe nicht gewusst, dass nicht jeder Laden das gesamte Sortiment bekommt.“ Er beißt in seinen Burger und sinniert: „Gibt es einen Laden, der alle hat?“ Wenn, dann vermutlich nur in den USA, schätze ich. Simon ist Sammler: „Künstler, für die ich wirklich etwas übrig habe, kaufe ich mir auf Vinyl.“ Lieber Vinyl als CD, denn: „Das wird nicht vom CD-Schimmelpilz angefallen.“ Oha, ich hab auch einige Exemplare, die solche Flecken haben. Unschön.

Alex und Olli rauchen draußen an einem der Tische ihre Entspannungszigaretten zum Entspannungsgetränk. Eine grüne Tüte liegt zwischen ihnen auf dem Tisch. „Das ist meine, aber es ist nichts drin vom RSD“, sagt Alex beinahe entschuldigend. „Aber bei mir“, sagt Olli, der seine grüne Tüte erst aus seiner Tasche holen muss. Darin finden sich Werke von Metronomy und Noel Gallagher. „Ich habe leider nicht alles bekommen – aber das ist ja normal“, sagt Olli achselzuckend und an seiner Zigarette ziehend. Alex hingegen ist in Sachen LP-Konsum ein Novize: „Ich fange gerade erst an“, erzählt er. „Mein erster Plattenspieler, ich höre mir Sachen an, die man reinschmeißen und durchhören kann.“ In seiner Tüte stecken Mumford & Sons und Enter Shikari. „Ich bin noch nicht so weit, dass ich mir eine Platte mit nur zwei Songs kaufe“, sagt Alex. Noch sei er kein Sammler: „Ich hoffe, das wird jetzt.“ So ganz hat er deshalb den RSD noch nicht aufgegeben: „Ich werd gleich nochmal durchgucken, es ist nur zu schwierig, wenn alle die Platten gleichzeitig in der Hand halten.“ Die beiden sind auch schon seit vor Ladenöffnung da. Alex erzählt weitere Details aus dem frühen Sammlertsunami: „Sie wollten noch gar nicht aufmachen, sie wollten nur eine Mitarbeiterin reinlassen, da sind alle mit rein – um zehn vor 12.“

Mir fällt auf, dass sich an den Kisten mit den Exoten fast ausschließlich Männer tummeln. „Der Frauenanteil ist gering“, bestätigt mir André. „Und die zwei, drei, die ich heute hatte, da hab ich mitgekriegt, dass sie für andere hier waren.“ Er drückt mir eine Koffeinkola in die Hand und stellt relativierend fest: „Das ist auch so im Ladengeschäft, überwiegend Jungs.“

Eben noch war Daniel in den RSD-Kisten am Wühlen, jetzt widmet er sich der Punk-Abteilung am Fenster. „Eine soll da sein, ist aber nicht aufzufinden, die ich haben wollte“, sagt er resigniert über seine RSD-Ausbeute. „Der Rest ist schon weg.“ Er durchsucht die Punkplatten. „Das ist ein bisschen blöd, aber das kann ich nicht ändern.“ Alternativen zum Riptide sind rar: In Braunschweig sei auf der RSD-Seite im Internet ausschließlich das Riptide gelistet, „das nächste ist in Hannover 25 Music, das ist auch gut, aber zu weit weg“. Drei Sachen suchte Daniel: das erste Album von Placebo auf farbigem Vinyl, „da würde ich aber erstmal nach dem Preis gucken“, eine EP von Stone Sour, „darauf haben sie ihre Lieblingssongs gecovert“, und eine EP von den Foo Fighters, „vier Lieder, drei sind bekannt – ich sterbe nicht davon“. Anders sei es bei Placebo und Stone Sour. „Ich werde heute Abend mal im Netz suchen“, sagt er zerknirscht. „Irgendwer wird die für 50 Euro verkaufen.“ Wenn das mal reicht bei manchen Exemplaren. Manchmal werden RSD-Produkte sogar vorher schon bei eBay angeboten. Daniel nickt: „Ich habe spaßeshalber geguckt, es sind vorher schon ein paar Sachen aufgetaucht.“

Alex und Olli kehren zurück ins Café. Alex widmet sich sofort den inzwischen etwas weniger stark umlagerten RSD-Boxen. Olli bringt die leergetrunkenen Flaschen zurück an die Theke und gesellt sich dann zu Alex. Hinter ihnen an den Second-Hand-Kisten blättert Benny durch die LPs, mit einer kleinen RSD-Single-Auswahl in der anderen Hand. „Wir sind zu zweit hier und extra wegen des RSD hergekommen“, erzählt Benny. „Ich habe mir einen groben Überblick verschafft vorher, aber dabei nix gefunden.“ Auf gut Glück habe er dann den 7“-Kasten durchgeblättert und sei dabei überraschend fündig geworden. „Die anderen Kisten gucke ich auch noch durch, da werde ich auch noch was finden“, ist er zuversichtlich. Das wäre ich auch, in der Tat. Die drei Singles in seiner Hand sind von The Who, Dire Straits und Jimi Hendrix, die von The Who in blauem Vinyl mit weiß-rotem Kreis als Label. Sieht gut aus. „Das hab ich mir auch gedacht“, sagt Benny, „deswegen, schnappste dir mal schnell.“

Eigentlich nicht wegen des RSD ist Rainer da, aber trotzdem neugierig: „Vielleicht sind ein paar interessante Sachen dabei.“ Er lässt die Singles durch seine Finger flippen. „Ich hab gar nicht gewusst, dass das heute ist – ich habe sonst bei jedem RSD Platten gekauft und bin ganz überrascht heute; ich will mal gucken, was es alles gibt hier.“ Der nächste Kunde ist ebenfalls an den Singles interessiert: „Darf ich?“ Rainer ist längst mit dem Fach durch und wendet sich den LPs zu: „Ja, ja.“ Bei dem neuen Kunden vergaß ich dummerweise, nach dem Namen zu fragen. „Ich konnte noch nicht um 12 hier sein – weil ich meine Tochter zum Mittagsschlaf ins Bett bringen sollte“, erzählt er. Rainer fragt: „Bist du allein?“ Der Mann schüttelt den Kopf: „Nein, meine Frau ist auch noch da, aber wir haben einen Sohn, erst drei Wochen alt.“ Und damit allemal ein Grund, ihm zu gratulieren. Er dankt und wird dabei fündig: Eine 7“ von Mumford & Sons gesellt sich zu der 12“ von Florence & The Machine in seiner Hand.

Mit für seine Verhältnisse offenbar spärlicher Beute verlässt Robert nach dem Bezahlen den Thekenbereich. „Ich bin generell des Öfteren hier, heute auch mal wegen RSD – gefunden habe ich aber noch nichts“, sagt er enttäuscht. Er hatte nämlich einige Favoriten, derer er jedoch nicht habhaft wurde: „So richtig zufrieden bin ich heute nicht.“ Ihm ist klar: „Sie wissen selber nicht, was sie zugeschickt kriegen – das war nicht so gut dieses Mal“, findet Robert. Und verrät: „Ich habe aber gerade gehört, dass noch einiges nachkommen soll, was nicht rechtzeitig da war.“ In seiner grünen Tüte stecken trotzdem zwei RSD-Platten: Herbie Hancock und Courtney Barnett, „ganz unterschiedlich“, wie er dabei bemerkt. Von Hancock hat er die „Maiden Voyage“ in grünem Vinyl mitgenommen: „Die ist echt cool, ich hab noch keine grüne Platte bisher.“ Da müsste ich überlegen – von Skinny Puppy hab ich die „Mythmaker“, die ist in einem unangenehmen Kotzgrün. Robert lacht: „Diese hier wird freundlicher sein.“ Mit Sicherheit!

Als eine der wenigen Frauen guckt Ute in eine der RSD-Kisten, eher beiläufig. „Ich bin nur zufällig in Braunschweig“, wiegelt sie ab – Interesse am RSD hat sie eigentlich nicht, obgleich sie sich einen entsprechenden Flyer mitgenommen hat. „Ich will nur gucken, was ich hier hinbringen kann.“ Offenbar will sie sich von ihren eigenen Schallplatten trennen. In den Kisten wird sie indes nicht fündig und verabschiedet sich. Auch Olli und Alex wollen zahlen und gehen. Alex bleibt ohne RSD-Beute, Olli legt einmal mehr zu: „Ich habe die Florence & The Machine noch gefunden.“ Alex grinst: „Ich nichts.“

Es ist gerade mal eine Stunde vergangen, der große Ansturm ist abgeebbt. Für Observator Torben bedeutet dies eine Verschnaufpause an der Theke. Die Pause macht ihn einfallsreich: „Ich schlage André gleich mal vor, einen persönlichen Betreuer beim RSD anzubieten: Möchten Sie sich setzen, darf ich einen Kaffee bringen?“ Er grinst: „Wie bei Pretty Woman.“ Man könne eine gute Kundenbetreuung mit solchen Aktionen verbinden, findet er: „Das kann man ja machen, ein Special-Tag, da wird dem Kunden so richtig schön Honig um den Bart geschmiert.“ Wie er selbst es kürzlich beim Anzugkauf erlebte, nur eben in einem Plattenladen.

Noch etwas zögerlich umrundet Denise die begehrten Kisten. Sie ist speziell wegen des RSD hier: „Ich wollte eigentlich gern die Olli Schulz haben, habe sie aber noch nicht gefunden“, stellt sie leicht betrübt fest. Auch sie ist Sammlerin: „Ich hab sogar zu Hause einen Plattenspieler zu stehen.“ Also könnte ihr auch durchaus etwas anderes als Olli Schulz über den Weg laufen? „Ja, natürlich“, sagt sie nachdrücklich und widmet sich dem Angebot.

Der ganz große Ansturm auf die RSD-Spezialitäten ist mittlerweile vorbei, zwischenzeitlich sind die Kisten sogar komplett frei, dafür tummeln sich massenhaft Kunden an den Kisten mit dem ständigen Angebot. Das Konzept ging also auf. Ohne Interesse bleiben die RSD-Angebote selbstverständlich nicht, immer wieder kommen Kunden, um sich Raritäten zu sichern. „Der Tag ist gerettet“, ruft etwa Rainer, mindestens der zweite Rainer heute. Andächtig hebt er ein Album von The Heads aus der Kiste, einer Band aus Bristol, wie er erklärt, „die haben absoluten Kultstatus, die machen Stoner-Space-Rock“. Daher der Name also. Deren andere Alben seien teilweise vergriffen: „Das muss man als Geldanlage ansehen“, sagt Rainer. The Heads brächten viele limitierte CDs heraus, „die kosten 70, 80 Euro – CDs!“, ruft er aus.

Torben hat seine Aufgabe erfüllt, er kann gehen, ich schließe mich ihm an. Auf dem Heimweg stoppe ich bei Uwe und Katrin von Raute Records, die in den zurückliegenden Jahren auch immer wieder RSD-Angebote in ihrem Sortiment hatten. Dieses Mal nicht: „Das machen wir nicht mit“, sagt Uwe entspannt. „Alles Hype.“ Katrin schränkt ein: „Dieses Jahr nicht – wie’s nächstes Jahr ist, wissen wir nicht.“ Trotzdem hätten sich vor den Ladenöffnung heute die Kunden an der Tür gestapelt: „Lange Schlangen haben wir auch ohne sowas.“ Zum Beispiel am 2. Mai bei der Feier zum siebten Geburtstag.

„Sowas“, also der Record Store Day, hat inzwischen auch einige Kritiker gefunden, nicht nur wegen der Leute, die sich die Raritäten für den lukrativen eBay-Handel unter den Nagel reißen und sie so den wahren Sammlern wegnehmen. Nicht nur Kunden, auch Shopbetreiber äußern mitunter Kritik. So müssen sich beteiligte Läden offenbar an der RSD-Werbung finanziell beteiligen, werden also zunächst nicht wirklich von der Aktion begünstigt. Zudem gebe es Schwierigkeiten mit der Zurücknahme unverkaufter Exemplare, und davon gibt es einige, denn nicht immer stimmen anscheinend die vermeintlich geringen Limitierungszahlen. Zudem seien an der als solche deklarierten Indie-Aktion fast nur die drei Major-Labels beteiligt, was dem Sinn der Sache entgegenlaufe. Unter den 500 bis 600 Raritäten seien darüberhinaus überwiegend Wiederveröffentlichungen längst und reichlich erhältlicher Musik, nur dieses Mal auf farbigem Vinyl; der Anteil tatsächlicher musikalischer Exklusivitäten sei vergleichsweise gering. Nicht zuletzt seien die RSD-Exemplare ungerechtfertigt teuer.

Aber Sammler wie ich werden immer etwas finden. Ich muss mir die Kisten im Riptide auch nochmal durchblättern. Mal sehen, was am Montag noch vom Festschmaus übrig ist. Als ich ging, standen im Riptide noch die Live-LP „Psycho Candy“ von The Jesus And Mary Chain, eine dicke Singles-Box von The Beat und die EP mit der ersten neuen Musik seit 1998 von den Violent Femmes in den Kisten. Und das sind nur Beispiele.


Matze Bosenick
www.krautnick.de

#89 Zwölf Uhr Mittags

24. März 2015


Dienstag, 24. März

Punkt 12 Uhr. Chris fährt die Rollläden hoch, dreht im Fenster neben der Tür das „Open“-Schild, eine Picture-LP von Cargo Records, um, so dass das Wort „Closed“ jetzt nur noch von der Caféseite aus zu sehen ist, schaltet im Café, an der Vitrine und am Kühlschrank das Licht an und sagt: „Nur noch drüben aufschließen und die Lüftung ausmachen.“ Marco hat auch noch etwas zu erledigen: „Ich bringe jetzt den Müll weg.“ Das Café Riptide inklusive Rip-Lounge steht damit dem Gästeansturm bereit. Wie jeden Tag. Der erste Kaffee geht an Stefan von der Einraum-Galerie schräg gegenüber.

Klingt gut, sieht so einfach aus. Doch bis es so weit ist, hat Chris schon drei Stunden Arbeit hinter sich. Und diese Zeit war mitnichten einfach, vielmehr stand Chris unter dem altbekannten Hochdruck, mit dem er mit Marcos Hilfe seine Pflichten exakt getaktet verrichtete. Und ich begleitete ihn dabei.

Kurz nach 9 Uhr, Chris kommt mit seinem Mountainbike in den Handelsweg gerollt. Sein Fahrrad stellt er vorübergehend im Café unter und schließt dies dann wieder hinter sich ab. Sein Bike steht jetzt zwischen vielen Dingen, die man als Gast nur draußen stehend kennt: Ein Ölfass mit Blumentopf und Windlicht darauf, zwei aufeinander gestellte Bänke, drei Stapel Sitzkissen, zwei große Topfpflanzen, zwei Ölfackeln. Im Morgengrau des unbeleuchteten Cafés sieht alles so fremdartig unglamourös aus – aber das wird sich schon noch ändern.

Chris schließt die Tür gegenüber dem Riptide auf, neben dem neuen Schmuckladen, denn dort im ersten Stock richteten sich André und er vor einiger Zeit ein geräumiges und abgeschiedenes Büro ein. Dort beginnt für die beiden Chefs jeweils der Arbeitstag, noch vor den Angestellten und den Gästen sind sie für den Betrieb auf Achse. Hier macht Chris den Tagesabschluss von gestern und die Tagespläne von morgen und kontrolliert die von heute ein letztes Mal. Konto- und Buchführung sind die nächsten Aufgaben. Dann checkt er Emails. „Wir haben 150 bis 240 Emails am Tag“, sagt Chris. Er sortiert den Spam heraus, der trotz wirksamer Filter im Posteingang landet, und bearbeitet dann die Kundenbestellungen. Einige davon kann er schon im Büro erledigen, anderes geht nur von unten im Café mit direkter Verbindung zu den Händlern: „Das mache ich später.“

Mit diesen Büroaktivitäten ist Chris sage und schreibe anderthalb Stunden lang beschäftigt. Muße hat er für diese Arbeit indes nicht, sein Vormittag ist durchchoreographiert. „Um 12 Uhr muss der Laden so fertig sein, dass es egal ist, ob ein Gast oder 100 kommen“, erklärt Chris. Gegen halb 11 Uhr lässt er das Büro hinter sich und geht ins Café, dessen Tür er sorgsam hinter sich abschließt, und streift als erstes grob durch den Laden. Er schaltet die Reinhör-Anlage am Fenster ein, hängt den Kopfhörer gerade auf, begradigt ein Schild, geht durch die LP-Fächer und bringt die Tonträger exakt auf Reihe, zieht einen schwarzen Vorhang vor den Lagerboxen komplett zu. „Das machen wir den ganzen Tag über immer wieder“, sagt Chris. Als nächstes will er die Küche vorbereiten: „Das dauert 20 Minuten.“

Doch es klopft. Normalerweise hat vor 12 Uhr niemand Zutritt, doch dieses Mal ist es anders: Michael steht vor der Tür, er ist Tischler und betreut das Mobiliar und die Einrichtung im Riptide. „Der darf rein“, grinst Chris. Er unterbricht seine begonnenen Abläufe in der Küche, trocknet sich die Hände ab und geht mit Michael nach gegenüber in die Lounge. „Ich hab die Schablonen fertig“, sagt Michael. Es geht um Tischplatten für die beiden Tonnen, die im Café und in der Lounge stehen, und die Frage, ob diese fest installiert werden oder beweglich bleiben sollen. Davon hängt auch die Verzierung der Wand in der Lounge ab. Details soll Michael am Donnerstag mit André klären, wenn der vor Ort ist. Chris überlegt, eine dritte Tonne zu organisieren. „Das sind Standard-Ölfässer, die gibt’s bei jedem Autohändler“, sagt Michael. Schwarz anmalen sei das kleinste Problem. Er betont, dass die Tischplatten mit zwei Magneten an den Tonnen befestigt sind: „Die haben 86 Kilo Zugkraft, die kriegt man nur zu zweit ab.“ Damit sei verhindert, dass die sich im normalen Betrieb lösen, aber gewährleistet, dass man die so entstandenen Tische auch umnutzen kann. Jetzt ist zunächst alles Klärbare geklärt. „Kaffee?“, fragt Chris, der seinen engen Zeitplan einhalten will. „Milchkaffee“, nickt Michael. Chris schließt die Lounge hinter uns ab und nimmt uns mit ins Café. Michael setzt sich auf die umgedrehte Bank zwischen Theke und Plattenfächern und nimmt den Milchkaffee entgegen.

Tischlermeister Michael ist eigentlich von Anfang an fürs Riptide im Einsatz. „Die Tresenanlage hat Kai gemacht“, erzählt er mir. „Da war ich schon dabei und habe die Arbeiten ab da ergänzt.“ Chris wirft ein, dass Michael auch DJ ist, in einem Zweietrteam. „Wir heißen ‚Freunde von uns‘“, bestätigt der. Seinen alten DJ-Namen legte er vor einiger Zeit ab: DJ Fur, mit umgedrehten R, also FUЯ. Fur wie Pelz, denn das ist sein Nachname. „DJ für elektronische Musik“, fügt er hinzu. Die Zusammenarbeit mit den Riptide-Chefs ist sogar älter als das Café: „Wir kennen uns schon ewig und drei Tage“, sagt Chris. „Mindestens zehn Jahre.“ Michael ergänzt: „Und André kenne ich, seit ich 16 bin.“

In der Küche sorgt Chris dafür, dass die Abläufe nachher im laufenden Betrieb so kurz wie möglich gehalten werden können. Er reinigt Tomaten, Gurken und Salat, den er sogar schleudert, und schneidet das Gemüse sowie die Zitronen vor. „Das ist der erste Schwung, im Laufe des Tages muss ich nachschneiden“, sagt Chris.

Mein Blick fällt auf das Fahrrad, das zwischen der Tonne und der Theke parkt. „Ich komme immer mit dem Fahrrad und stelle es hier morgens rein“, erklärt Chris. „Mit dem Auto komme ich nur, wenn ich muss, zum Beispiel montags für den Einkauf.“ Gurken- und Tomatenscheiben verschwinden in Behältern. „Ich liebe es, mit dem Fahrrad zu fahren“, sagt Chris mit Nachdruck. „Dieses Mountainbike ist älter als unsere Gäste manchmal“, stellt er fest: „Es ist von 1991, 24 Jahre alt, und schnurrt wie ein Kätzchen.“ Damals sei es auf dem neuesten Stand der Technik gewesen. Michael, der eigentlich gerade zwischen den LP-Boxen unterwegs ist, wirft einen Blick auf das farbenfrohe Rad: „So etwas wäre eine Sonderlackierung heute.“ Heute gäbe es nur noch zwei verschiedene Farben an Fahrrädern, alles andere koste Aufpreis. „Das ist ein Rahmen von Mannesmann, bevor sie zu Mobilfunk gewechselt sind“, erläutert Chris. „In Norddeutschland gab es mit dem Lack nur zwei Fahrräder, hat man mir gesagt.“ Kürzlich habe er sein Mountainbike in einem Fahrradladen vorgezeigt und dort habe man ihm bescheinigt, dass die Technik zwar nicht mehr auf dem aktuellen Stand sei, aber dennoch überraschend „tip top“.

Mein nächster Blick fällt auf die Tische und Stühle, die draußen im Achteck zwischen Lounge und Café zusammengebunden stehen. „Anfangs haben wir die auch reingenommen“, bestätigt Chris meinen Gedanken. „Aber dann haben wir uns gesagt: Was soll das? Jedes Mal gehen Tische und Stühle rein und raus.“ Seitdem bleiben die wetterfesten Möbel eben draußen. „Darum kümmere ich mich aber später, die Küche ist wichtiger“, sagt Chris. „Als nächstes mache ich die Lounge, um 11 Uhr kommt Marco.“

Wie auf Kommando klopft ebenjener an die Tür. Ich öffne ihm. Chris unterbricht seine Arbeit in der Küche erneut und drückt Marco einen Kurzzeitwecker in die Hand, den er von der Theke greift, und nimmt sein Fahrrad mit, als er Marco in die Lounge begleitet. Dort stellt er sein Bike in die Abstellkammer neben den Toiletten und gibt Marco Besen, Handfeger und Kehrblech. Diese Zeit nutzt Michael, um murmelnd mit einem Zollstock den Thekenbereich auszumessen.

Nun hat Marco seine Aufgaben und Chris eilt zurück in die Küche. Er sortiert die Behälter im Kühlschrank und legt Backpapier im Backofen aus. Michael und ich unterhalten uns über die Kreativität junger Bands im Vergleich zu den Endsiebzigern sowie Frühachtzigern und heute und stellen fest, dass junge Leute heutzutage eher zum Imitieren neigen als dazu, selbst musikalische Wagnisse einzugehen. Und: „Was in Braunschweig fehlt, sind bezahlbare Übungsräume“, stellt Michael fest. „Es macht einen Unterschied, Musik, die man macht, unter Livebedingungen im Übungsraum zu hören – oder über Kopfhörer oder die Heimanlage.“ Eine Band habe er nicht, das gelte auch fürs Auflegen, sagt Michael, während Chris Teigkleckse aufs Backpapier legt, die nach dem Backen zu Cookies werden. Fertige Muffins taut er auf und legt sie auf Tabletts, die er dann in die Vitrine an der Theke stellt. Er schlägt ein Ei in einen Behälter, ruft „es wird laut“ und schaltet den Mixer an. „Ja, laut ist auch besser“, sagt Michael, der Chris‘ Satz auf seine Einschätzung zu Auflegen in Übungsräumen bezieht. Wir lachen gegen den Mixer an. Michael legt mit seinem Co-DJ bevorzugt „back to back“ auf, wie er es bezeichnet: Jeder spielt einen Song und der andere reagiert darauf. Das mag ich wiederum nicht so gerne wie halbstündige Wechsel, er jedoch liebt es, nur knapp zweieinhalb Minuten Zeit zu haben, auf den Track des Partners zu reagieren. „Das liebe ich beim Auflegen“, brummt auch Chris aus der Küche. So haben Chris und ich das einmal auch beim Silver Club gemacht, in der Wichmannhalle. Das war sehr spannend, was dabei herauskam, aber mich strengt es an, ich kann mich besser einbringen, wenn ich eine halbe Stunde Zeit für mich habe.

„Der Kaffee ist leer“, stellt Michael fest und dabei die Tasse auf die Theke. So schnell wird er Chris nicht wiedersehen, wenn er sich jetzt verabschiedet, denn der geht noch in dieser Woche in Urlaub. Chris schließt hinter Michael die Cafétür ab. Er blickt in die Küche und resümiert seine Taten. „Ich glaube, die Küche ist fertig“, entscheidet er und streift erneut in die Ecke mit dem Schallplatten. „Hier oben fehlt noch eine Platte“, stellt Chris mit Blick auf die Auslage über den LP-Fächern fest. „Da kommt eine schöne Platte hin“, sagt er und fischt „Girls In Peacetime Want To Dance“ von Belle & Sebastian für diesen Zweck aus dem Fach. „Dann ist hier fertig“, sagt er und geht in den Cafébereich. Dort schaltet er als erstes die Stehlampe neben dem Sofa ein und stellt dann fest, dass die weißen Sitzquader nicht so stehen wie gewohnt. „Was haben die denn hier gemacht?“, sinniert er und dreht einen der Quader längs in den Raum. Er rückt Tische zurecht, arrangiert Karte, Vase, Zuckerstreuer und Flyer auf allen Tischen exakt identisch und legt die Kissen an den Sitzflächen ausgerichtet zurecht. „Marco macht hier noch sauber und fegt alles durch“, sagt Chris und überlegt, was er als nächstes machen soll. Er wirft einen Blick auf sein Mobiltelefon: „Sieben Minuten hab ich noch, dann klingeln die Cookies.“

Also macht sich Chris noch nicht wie beabsichtigt an die Toiletten, sondern stellt als erstes die beiden Klappbänke draußen vor die Fenster. Er nimmt den Blumenkübel von dem Ölfass und hängt ihn an die Zunftwappenstange draußen an der Wand links vom Eingang, die Tonne mit dem Windlicht stellt er direkt darunter. Die Ölfackeln stellt er rechts und links vom Eingang auf, die beiden Pflanzen links zwischen Tonne und Tür. „Die haben ein bisschen gelitten“, bedauert Chris und geht in die Küche. Mit einer Schale voller Wasser für Hunde kehrt er zurück, er stellt sie neben den Pflanzen ab. Rechts vom Eingang und auf der Tafel neben der Theke ist die aktuelle Suppe angeschlagen: Schmorpaprika-Tomaten-Suppe. Ein erneuter Blick auf die Uhr mahnt Chris: „Die Cookies sind gleich fertig.“ Er holt ein Tablett voller leerer Aschenbecher aus dem Café und bringt es in die Lounge. Auf dem Weg grüßt er die Nachbarn von der Strohpinte und der Einraumgalerie, die sich miteinander unterhalten.

In der Lounge fegt Marco den Boden, Handfeger und Kehrblech liegen einsatzbereit auf der Tonne. „Vorsicht“, warnt mich Marco davor, nicht in den Haufen zu treten, den er vor mir angefegt hat. Chris ist in der Abstellkammer, es läuft bereits Musik hier. Die von außen so unscheinbare Abstellkammer ist deutlich größer, als ich gedacht hätte. Ich sehe allerlei abstellkammerntypisches Zeug, wie Sackkarre, Gelbe Tonne, Klappleiter, Toilettenpapier, Chris‘ Mountainbike, Deko und wer weiß was noch. Stefan kommt kurz in die Lounge und fragt etwas wegen der für heute geplanten Wanderschafts-Veranstaltung, die ihren Ausklang am Abend im Handelsweg nehmen will und an der sie beide daher beteiligt sein werden. Die gefragten Details hätte jedoch deren Veranstalter klären müssen, sagt Chris, und eilt ins Café, denn der Cookieton erklingt. „Okay, dann komme ich später wieder“, sagt Stefan und steuert seine Galerie an.

Als nächste Aufgabe steht für Chris an, die WCs in der Lounge zu reinigen: „Das mache ich jeden Morgen.“ Der Wecker tickt auf dem Tisch am Fenster, Marco rückt Stühle herum, um dahinter besser fegen zu können. Die Sonne rückt ebenfalls, und zwar allmählich etwas aus dem Dunst heraus, und hellt die Passage auf. Marco hat früher Musik gemacht, hat mir sein früherer Mitmusiker erzählt: Jens, der mit Steffi das Online-Magazin „Kult-Tour Braunschweig“ maßgeblich befüllt. Das Projekt hieß „Evolution Error“ und ich habe mir fast alle Tracks im Internet angehört. Oldschool-Industrial ohne Schnörkel, aber mit Atmosphäre. „Das waren Gitarren… und Krach“, sagt Marco zwischen zwei Besenstößen. „Und wir haben Drums präpariert“, erinnert er sich. Der Wecker klingelt, ich höre Chris‘ Stimme undeutlich aus dem WC-Bereich ertönen. „Jo, jo“, antwortet Marco und konzentriert sich wieder auf die Musik: „Ich glaube, wir haben auch ein paar Streicher reingemixt – es war ziemlich krachig.“ Das stimmt, und ich mag es. Er zuckt mit den Schultern und grinst: „Wenn’s jemandem gefällt, ist doch gut.“

Chris erscheint mit dem Lappen im Anschlag auf der Schwelle zu den Aborten und erklärt, dass er die Lüftung morgens immer „eine Stunde auf volle Pulle“ stellt und dann ausmacht, „weil tagsüber ist es zu laut“. Die Postzustellerin bremst im Achteck, nimmt etwas aus der Fahrradtasche und steuert das Café an. Chris macht sich bei ihr mit Loungefensterklopfen bemerkbar, sie treffen sich im Eingang. „Hallo“, sagen beide, und Chris nimmt ihr seine Post ab. Schnell schiebt sie ihr Rad weiter, Chris widmet sich wieder seinem Tagewerk. „Bei Gelegenheit könntest du mal einen neuen Besen kaufen“, sagt Marco, während er umständlich Fussel aus den Borsten des umgedrehten Reinigunsgerätes pult. „Das notier ich mir im Hinterkopf“, sagt Chris. „Hier ist sonst noch einer.“ Er holt die Papierkörbe aus den WCs, Marco stellt sie in die Abstellkammer und fegt weiter. Für einen Moment stellt sich konzentrierte Stille ein. Ich höre neben der Musik Marcos Fegegeräusche und zwischendurch die Klospülung. Marco ist fertig und schiebt den Staubhaufen aufs Kehrblech. Es ist kurz nach halb 12: „Eine Minute, Marco, noch, dann müssen wir rüber“, höre ich Chris. Er kommt aus dem WC und sortiert die Dinge auf den Loungetischen. „Ich fülle Seife, Handtuchspender und Klopapier auf“, berichtet er mir von den Details seiner Sanitäraktivitäten. „Ich wechsle das Handtuch und wische alle Oberflächen ab, damit alles gut aussieht.“ Ich höre, dass Marco in der Abstellkammer lautstark und schwungvoll Mülltüten entfaltet. Er bestückt damit die Abfalleimer neu, die Chris danach auf die WCs verteilt. Chris nimmt ein überzähliges Schild, das die Suppe der Woche anpreist, von dem Tisch am Fenster und murmelt: „Wo fehlt dieses Schild?“ Ein Blick, und er weiß: „Hier fehlt dieses Schild“, und er stellt es auf den entsprechenden Platz. „Es ist wichtig, dass die Schichten ineinandergreifen“, sagt Chris und untermalt diese Aussage, indem er seine Finger verzahnt. „Die Spätschicht muss passen, ich habe nur ein Zeitfenster von einer Stunde.“ Wir verlassen die Lounge, Chris schließt hinter uns ab.

„Was machen wir mit den Polsterstühlen?“, fragt Marco Chris auf dem Weg ins Café. „Das mache ich gleich“, sagt der. Im Café stellt Marco den Wecker erneut und ihn auf den Tisch neben der Theke. „Also, ich habe die Küche fertig und die Ecken fertig, Marco fegt noch und saugt den Teppich, ich mache nur noch den Tresen fertig, muss den Computer einstellen, die Kasse zählen und draußen fertigmachen – was sagt die Zeit?“ Chris guckt auf die Uhr. „Ein bisschen drüber“, bemerkt er. Er nimmt ein großes vollgekritzeltes Buch aus dem Fach an der Theke: „Ich checke, ob es Reservierungen gibt.“ Er schiebt das Buch zurück: „Heute gibt es keine.“

Kassen zählen bedeutet, dass Chris die Inhalte der beiden Kellnerportemonnaies und der Hauptkasse nachrechnet. „Es wird abends gezählt und morgens“, sagt Chris. „Lieber doppelt, weil, es kann sich ja jemand verzählen.“ In beiden Kellnerportemonnaies ist immer gleich viel Geld. „Hier fehlen zwei Euro“, stellt er beim ersten fest. „Das muss ich auffüllen, sonst schleppt es sich durch den Tag.“

Vor der offiziellen Öffnung läuft im Riptide keine Musik, weil Chris den ganzen Tag lang beschallt wird und vorher Ruhe braucht. Er weiß, dass Marco, der gerade mit dem Besen in der Ecke zugange ist, gerne Musik hören würde, und es tut ihm auch leid, dass er ihm den Gefallen nicht tun kann. „Es gibt ja symphonische Musik, nicht Klassik, aber“, schlägt Marco vor. Chris nickt: „Ich höre auch ruhige Musik zu Hause, da brauche ich das.“ Er stellt fest, dass in der Hauptkasse genau die zwei Euro fehlen, die er eben ins Kellnerportemonnaie legte: „Das fülle ich aus meinem privaten Portemonnaie auf, sonst fehlt’s hier.“ Chris schiebt die Kassenlade zu: „Hier ist alles fertig. Ich gehe jetzt raus und mache hier Marco ein bisschen Musik an.“

Draußen setzt sich Chris auf den erstbesten Stuhl. Er hat eine Plastikschale und Schlüssel mitgebracht. Der Schlüssel passt zu dem Vorhängeschloss, mit dem das Drahtseil verschlossen ist, das die Stühle an den Tisch kettet. Die Schlösser aller Tischgruppen sammelt er in der Plastikschale, die Seile in der Hand. Nebenan, vor der Einraumgalerie, spricht Kulturbote Micha mit Stefan und grüßt uns. „Heute soll es trocken bleiben“, sagt Chris zu mir, als er die Sitzkissen von vor der Theke auf die Stühle verteilt. „Ich checke das morgens, davon ist abhängig, Kissen ja – nein; wenn’s regnen soll, keine Kissen, so lange das Dach nicht zu ist.“ Zurzeit ist das Sonnensegel zusammengerollt im Achteck gespannt. „In letzter Zeit lassen wir’s immer zu erstmal“, sagt Chris. „Es sind noch Windböen angekündigt.“ Wenn Chris die Kissen verteilt, immer zwei pro Stuhl, für Sitzfläche und Lehne, achtet er darauf, dass dabei die Nähte aufeinanderstoßen. „Wir haben da Schilder abgeschnitten, das soll man nicht sehen“, erklärt er. Als nächstes bringt er mit einem Tablett aus dem Café die Schilder, Karten und Zuckerstreuer auf die Tische draußen, als Micha sich zu uns gesellt. „Ich habe mir ‚Kingsmen‘ jetzt angeguckt“, erzählt ihm Chris. „Ich finde ihn auch gut“, sagt Micha. „Ich habe sehr gelacht.“ Chris kurvt um uns herum: „Das war eine Hommage an James Bond.“ Micha bestätigt das, sie tauschen sich Details zum Film aus.

Micha verteilt heute Flyer und Poster für die Dokfilm-Reihe, die er sehr empfiehlt. Ebenso die Show von „Tiere streicheln Menschen“, die am Freitag im Riptide gastiert: „Die sind großartig, da gehe ich hin“, sagt Micha. „Ich war fast jedes Mal da, wenn die hier waren, ich find die super, trockener Humor.“ Chris flitzt hinter die Theke und bindet sich eine Schürze mit einem Kellnerportemonnaie um. Eine Aufgabe hat sich für ihn so kurz vor 12 Uhr draußen doch noch herausgestellt: Auf einem der Tische ist wohl ein Flyer festgetrocknet. Er poliert daran herum, vergeblich: „Ich hole Reinigungsbenzin.“ Auch das hilft nicht, sein Fingernagel aber schon. „Ich komme gleich wieder“, sagt Micha und kehrt zurück zu Stefan, der lässig mit seinem Smartphone in der Hand am Eingang der Galerie lehnt. Chris kratzt weiter an dem Kleberest herum: „Ich weiß nicht, ob ich das im laufenden Betrieb schaffe – wenn die Gäste kommen, soll es perfekt und gründlich sein.“ André kommt heute erst um 14 Uhr, bis dahin ist Chris allein im Café und die Zeit für solche Maßnahmen knapp. Es gelingt ihm, der Tisch ist sauber. „Ich stelle noch auf den gereinigten Tisch das bereitstehende Zubehör“, sagt er und stellt auf den gereinigten Tisch das bereitstehende Zubehör.

Marco fegt gerade noch hinter dem Tresen. „Ich nehme schon mal die Uhr weg“, sagt Chris im Vorbeigehen. Gerade, als er sie vom Tisch nimmt, schrillt sie. Marco ist fertig, Chris steht am PC: „In einem Minute mache ich auf, sagt mir die Atomuhr.“ Also geht er an den Schalter am Fenster und fährt die Rollläden hoch. Er dreht das grüne Cargo-Records-Vinyl-Schild um, damit es von außen auf „Open“ steht, und drückt auf dem Weg zur Theke diverse Schalter: „Licht an, Licht an, Licht an.“ Im Café wird es hell, die Vitrine ist beleuchtet, der Kühlschrank ebenfalls. „So, ich bringe jetzt den Müll weg“, kündigt Marco bepackt aus der Küche kommend an. Chris öffnet ihm die Tür und sagt: „Jetzt muss ich drüben aufschließen und die Lüftung ausmachen.“ Das tut er, und als er zurückkehrt, ist es Punkt 12 Uhr und das Riptide geöffnet.

Stefan ist, wie angekündigt, der erste Gast. Er bestellt einen Kaffee. Micha kehrt zurück und nimmt auch einen Kaffee. Ich schließe mich an. Chris stellt uns die Tassen mit den Karamellkeksen hin und beklebt dann neue LPs mit Preisschildern. Der Tag beginnt. Klingt so einfach: Der Tag beginnt. Ist es aber nicht. Für die Riptide-Chefs ist der Arbeitstag schon drei Stunden alt, bevor noch der erste Gast eintrudelt. Uff. Eigentlich wäre jetzt eine Pause angebracht…


Matze Bosenick
www.krautnick.de

#88 Lachkönige

27. Februar 2015


Donnerstag, 26. Februar 2015

Wie nennt man das, wenn zu einem Zeitpunkt, der eigentlich dem tiefsten Winter entspricht, die Knospen sprießen, Schneeglöckchen für das einzige Bisschen Schneeartigkeit sorgen, bunte Blumen den Boden mit Farbtupfern bedecken – Vielzufrühling? Und wie ist überhaupt die Mehrzahl von Krokus, frage ich, als ich im Handelsweg mit Serge und Niclas das eigentümliche Jahreszeitenphänomen diskutiere, und zwar nicht in Serges Laden, sondern davor, weil wir die Sonnenstrahlen genießen, obgleich sie es dem Sonnenstand geschuldet noch nicht in das Achteck des Handelswegs schaffen, aber doch für ausreichend Wärme sorgen, so sehr, dass heute allerorts Braunschweiger aus ihren Winterkellern krabbeln und die Straßen bewuseln, noch mit den üblichen verkniffenen Wintergesichtern zwar, aber immerhin doch an der Luft – ist es, dem Latein entsprechend, „Kroki“? „Kroküsse“, sagt Serge, mit einem schelmisch-verschmitzten Lächeln, spitzbübisch fast, und Niclas schlägt trocken vor: „Krokanten.“

Marco schleppt gemächlich und entspannt Getränkekisten an uns vorbei und zwischen Lager und Café Riptide hin und her. Auch vor Comiculture versammeln sich Jugendliche. Eindeutig, da schwingt schon der Frühling mit. Jetzt müsste nur auch noch das Geschäft gegenüber von Serges Antiquariat wieder aufblühen: Das frühere Vabel-Schmucklädchen steht leer.

Im Café ist es für Chris indes leider weniger entspannend: Er hat alle Hände voll zu tun, eigentlich hat er sogar mehr zu tun, als er Hände hat. Am Abend ist das Café für eine private Veranstaltung gebucht, bis dahin muss er Klar Schiff machen. So befasst er sich damit, einerseits die angelieferten LP-Pakete auszupacken, die Platten mit Preisschildern zu etikettieren und sie in die entsprechenden Fächer zu sortieren, und andererseits bereitet er in der Küche die bestellten Speisen zu. Gottlob ist er nicht alleine, Paul übernimmt Bestellungen und Getränke. Paul absolviert sein Schulpraktikum im Riptide, „das ist der vorletzte Tag von drei Wochen“, erklärt er. Ein Déjà-vu für mich, dasselbe sagte mir seine Vorgängerin Vanessa vor fast einem Monat. Paul, gebürtiger Braunschweiger, geht auf die IGS in Querum. „Hier ist ein anderer Ablauf als in der Schule“, sagt Paul. „Auch, weil ich erst ab 12 Uhr anfangen muss – ich kann jeden Tag ausschlafen.“ Auch das war einer der Vorzüge, von denen Vanessa sprach. Verständlich. „Hier hat man nicht so feste Formen wie in der Schule“, sagt Paul zu mir und Niclas, der sich nun zu mir an die Theke stellt. In der Schule fange man mit einem vorgegebenen Fach an und arbeite den dann den Stundenplan ab: „Hier macht man das, was gerade ansteht.“ Niclas nickt: „Zum Beispiel einen grünen Tee servieren.“ Paul grinst und dreht sich zu Tassen und Beuteln um: „Ich mach mal einen grünen Tee.“

Mit dem Musikverkauf sind Praktikanten im Riptide nicht betraut, erläutert Paul, während er Niclas eine Tasse mit Tee und mir eine mit Milchkaffee auf den Tresen stellt: „Ich hab aber geguckt, ob die Platten in den Fächern richtig nach Alphabet sortiert sind.“ Auf das Riptide als Praktikumsplatz kam er, weil er hier gern als Gast herkommt. Vielleicht liegt es daran, dass ihn im Rahmen des Praktikums keine unerwarteten Ereignisse ereilten. „Ich habe versucht, mich grundsätzlich überraschen zu lassen, und keine Erwartungen gestellt“, sagt Paul. Er denkt kurz nach und sagt dann: „Nicht erwartet habe ich, dass hier so viele Mitarbeiter sind, neun oder so, erstaunlich.“ Im Laufe seines Praktikums hat er alle kennen gelernt. Was wird er vermissen, wenn er am Montag in den Schulalltag zurückkehrt? Paul grinst: „Das Ausschlafen auf jeden Fall.“ Jau, genau wie Vanessa.

Der nächste große Termin steht für Chris gleich morgen an: Im Rahmen der Reihe „Sound On Screen“ zeigt das Universum-Kino den Film „Monks – The Transatlantic Feedback“ mit anschließender 60er-Jahre-Party im Riptide. Chris beginnt sofort zu schwärmen: „Die Monks sind eine 60er-Jahre-Band, die gecastet war, im Gegensatz zu den Beatles.“ Die Musiker hatten sich alle eine Mönchstonsur rasiert. „Die Musik war räudig“, sagt Chris. Aber: „Man hat die Band vergessen.“ Bis vor zehn Jahren, als ausgerechnet Henry Rollins sie ins öffentliche Bewusstsein zurückholte. „Er hat sie wieder ausgegraben, und dann ist der Film entstanden“, sagt Chris. Das erste Mal seit Langem laufe bei „Sound On Screen“ keine Premiere, sondern ein älterer Film. Der letzte, „Whiplash“, erhielt sogar vier Oscars, berichtet Chris. Beim Titel „Whiplash“ denke ich eher an den Song von Metallica, als sie noch gut waren, als an den von Hank Levy, nach dem der Film benannt ist. Der handelt von einem ambitionierten Jungen, der der beste Jazz-Schlagzeuger der Welt werden will und sich dafür den Wutausbrüchen eines cholerischen Ensembleleiters aussetzt. Der Trailer wirkte für mich wie eine Mischung aus „Rocky“ und Kriegsfilm. Chris freut sich auf den Monks-Film: „Der ist der Hammer, weil die Typen so geil sind.“

Aus dem nächsten LP-Karton zieht Chris derweil unter anderem „High Hopes“ von Bruce Springsteen heraus. „Das ist ein hoffnungsvoller Nachwuchssänger, aus dem könnte was werden“, kommentiert er mit Kennerblick. Darunter liegt „Shadows In The Night“, Bob Dylans neues Album, sein Tribut an Frank Sinatra. „Oder der“, sagt Chris und zitiert den alten „Switch“-Sketch, „ein türkischer Nachwuchssänger, Bob Dülan.“

Das erinnert mich an die Geschichte, die mir Angela letzte Woche beim Konzert von Seducer, Hoax, TV Smith und den UK Subs in Groß Oesingen erzählte, als Charlie Harper von den UK Subs gerade seine Mundharmonika zückte. Ihr Freund sei mal Instrumentenverkäufer gewesen, und immer, wenn er einem Kunden eine Mundharmonika aushändigte, tat er dies mit dem Reim: „Mit ein bisschen gutem Willen spielst du besser als Bob Dylan.“ Und überhaupt, was war das für ein geiles Konzert in meiner alten Heimat. Hoax, die Groß Oesinger Punkband, war nach zehn Jahren Pause mal wieder live zu sehen, und das wie früher im Gasthaus Zur Linde, auf dem Saal. Weiß der Geier, wie sie das bewerkstelligten, aber sie buchten die englischen Punklegenden UK Subs und TV Smith von den Adverts für den Gig, dazu die Metaller Seducer aus Schweimke. An einem Dienstagabend in der Provinz fanden sich erstaunliche 500 Leute in der scheunenartigen Halle und feierten, pogten, moshten, was das Zeug hielt, und das Zeug hielt viel. Zu meiner Überraschung traf ich viele Braunschweiger dort, gar nicht so viele Leute aus dem Ort selbst. Nun je. Mal ganz abgesehen von den UK-Punkhelden, zu denen ich davor eigentlich gar keinen Bezug hatte, ist es für mich Ehrensache, hinzugehen, wenn Hoax rufen. Deren drei LPs gehörten zum Soundtrack meiner Heideadoleszenz, und obwohl ich sie lange nicht mehr hörte, kamen mir die Songtexte wie selbstverständlich von den Lippen. Dies ist eine erfreuliche Zeit, in der Lokalpunkhelden wieder zusammenfinden: Erst Halle 54 in Wolfsburg, dann Hoax in Groß Oesingen, und jetzt auch die Tanzenden Kadaver hier in Braunschweig. Deren Live-Comback steht indes noch aus – es gibt also etwas, auf das man sich dieses Jahr schon mal freuen kann.

„Tag, Herr Frank!“ – „Tag, Herr Rank!“ Chris und Dennis begrüßen sich nach einer alten Tradition, die sie einst in einer gemeinsamen Sendung auf Radio Okerwelle etablierten. Dennis bestellt nach dem Handschlag eine Fritz-Kola und einen Burger mit tierfreiem Bonanza-Bratling. Die Kola öffnet Chris ihm gleich. Mit dem Getränk in der Hand schlendert Dennis in Richtung Sitzplatz am Fenster. Während Chris in die Küche geht, sagt er: „Den Burger bring ich dir – den mach ich dir heut mal vegan.“ Dennis nickt: „Ja, heute mal ohne Fleisch.“

Neben dem Kücheneingang wirbt die Schiefertafel in dieser Woche für die Erbsen-Dill-Cremesuppe. Das Braunschweiger Trio You & Me, das mir noch als Duo von den Wolfsburger Shows bekannt ist, die Sibylle Schreiber im Café Extrem veranstaltete, bietet seine neue CD „Delightful Terror“ auf dem Tisch feil, auf dem auch der Kasten mit Fehmi Baumbachs Miniprints steht. Im Aufsteller für limitierte Editionen und neue DVDs auf der Theke steckt neuerdings auch die DVD von „20,000 Days On Earth“, dem hervorragenden Film mit Nick Cave, der auch bei „Sound On Screen“ lief.

À propos, der „Whiplash“-Film bei „Sound On Screen“ war der Grund, weshalb Chris leider nicht ins Nexus gehen konnte, zum Auftakt der Zehn-Jahres-Feier – parallel zum Film referierte dort nämlich Apfel, einer der Ersten aus dem Nexus-Team, umfassend über die Hausbesetzerszene allgemein und in Braunschweig speziell sowie die ersten Schritte hin zum Kulturzentrum Nexus, das aus dieser Szene entstanden war. „Das war ein wichtiger Abend“, bedauert Chris. Und ein großartiger dazu: Weit über drei Stunden lang gab Apfel seine hochspannenden Insiderkenntnisse preis, unterlegt mit Fotos und Filmen. Dafür war ich leider nicht bei den anderen wichtigen Festveranstaltungen, darunter Chris‘ wiederbelebter Pleasure-Park-Party, die mit dem Nexus das Zehnjährige beging. „Das war eine Reise“, erzählt Chris mit einem wohligen Seufzer. Er kredenzte dem Publikum nämlich ein Best-Of: „Alles, was die Leute mitgrölen können und was woanders nicht läuft“, sagt er. „Das habe ich beim Plattenpacken gemerkt: Oh, ich muss andere Sachen mitnehmen als sonst.“

Auch Chris ist einer der alten Nexus-Hasen, wie er Dennis, der mit dem Mittagessen fertig ist und der eigentlich zahlen möchte, und mir berichtet. Abgesehen von den Renovierungsarbeiten, an denen sich Chris handfest beteiligte, war er auch Mitglied im Namenskomitee, als einer von dreien. Und er war auch dabei, als die ominöse Newsletter-Signatur „Herr Nexus“ entstand: Als nämlich ein Steinelieferant mit Blick auf seinen Lieferschein die auf der Nexus-Treppe pausierenden Arbeiter fragte, wer von ihnen denn der Herr Nexus sei.

Nicht nur die Radioshow teilen Dennis und Chris als gemeinsame Erlebnisse. Dennis war bis vor rund zehn Jahren noch Schlagzeuger der seitdem stillgelegten Band Tchi. Chris erinnert sich, wie es zu dem Namen kam: „Wir gingen nachts an einem Tchibo-Geschäft vorbei, und das BO war unbeleuchtet.“ Er schwärmt von Tchi und davon, dass deren letztes Album bei Siloh Records erschien, dem Label von Robert Stadlober aus Wien. „Der ist aber nicht mehr dabei“, weiß Dennis. Und dann erzählen sie von ihrer Teilnahme an der Popkomm in Berlin, der ehemaligen riesengroßen Musikmesse. „Gotthilf Fischer war da“, erinnert sich Dennis. Chris zählt noch Tokio Hotel und Juli auf: „Aber die haben nur ihren Preis abgeholt“, so Dennis. „Und die Mädchen mit den Dirndln“, grinst Chris. Dennis weiß: „Das waren fränkische Weinköniginnen.“ Chris fand kürzlich bei einem Bekannten ein vergessenes Foto von sich wieder, auf dem er ein Pleasure-Syndicate-T-Shirt trug und von jenen fünf Mädchen im Dirndl umringt war. „Das war die Verleihung des Goldenen Musiklöwen oder so was von der Bayrischen Landesregierung“, kramt Dennis aus seinem Gedächtnis hervor. Langsam tropfen die Erinnerungen zurück ins Bewusstsein: „Wir wurden da mit Limousinen hingekarrt vom Hotel.“ Und Dennis erhielt dabei vom Chauffeur einen Anranzer, weil er im Fond durchrutschen wollte, um seiner Freundin Platz zu machen – das gehöre sich nicht. Chris lacht: „Das war so bizarr.“ Die beiden waren dort, weil das Label von Tchi sie eingeladen hatte. „Ich habe ein paar Leute auf die Gästeliste gesetzt“, erzählt Dennis. Chris gehörte indes nicht dazu: „Ich war als DJ geladen.“ Die Show fand an zwei Abenden in einem Hotel am Alexanderplatz statt, dem Park Inn. „Ich saß mit Nora Tschirner am Tisch“, trumpft Chris auf. Dennis und er berichten von diesem eigenwilligen Abenteuer mit dem breitesten Grinsen und machen den Eindruck, erst jetzt zu begreifen, wie absurd das Ganze tatsächlich war.

Dennis geht nun, Chris wirft für heute das Handtuch: Er hat Feierabend. Aline übernimmt und schmeißt den Laden vorübergehend allein mit Paul. Auch ich packe meine Sachen und kehre zurück in die Sonne. Schön, dass es wieder so lange hell ist. Hoffentlich bekommen wir nicht doch noch wieder weiße Ostern, wie vor ein paar Jahren.


Matze Bosenick
www.krautnick.de

#87 Wir Vogelmenschen

29. Januar 2015


Donnerstag, 29. Januar

Endlich mal wieder ein Tag mit Micha. Unser Ziel ist zwar das Café Riptide, aber wir starten unsere Zusammenkunft dieses Mal dort, wo wir andere bisweilen enden ließen: im Videobuster, dem DVD-Verleih an der Frankfurter Straße. Micha kennt dort Angestellte, ich inzwischen auch, nicht nur dank der Abende, die wir dort verbrachten, sondern auch andernorts, im Kino etwa. Für mich erweitert sich dort mein Universum. Weil ich mir selbst keine DVDs ausleihe, verbringe ich in vergleichbaren Etablissements zwangsläufig von mir aus keine Zeit. Ein Versäumnis, wie ich neuerdings dankbarerweise erleben darf. Es ist unfassbar unterhaltsam, Micha und seine Bekannten jenseits des Tresens in der eigentlich eher kalten Atmosphäre alles ausleuchtender Leuchtstoffröhren beim Geschmacksabgleich zu observieren. Gelegentlich kommt man dabei dann auch mit anderen Kunden ins Gespräch. Ich höre die unterhaltsamsten Geschichten und fühle mich wie in „Clerks“. Micha trinkt dazu mal einen Durstlöscher Pfirsich oder verspeist ein andermal einen Schokoriegel, oft findet er auch Filme, die ihn interessieren und die er sich dann ausleiht. Er schwärmt heute wie immer von „In The Mood For Love“ von Wong Kar-Wai und außerdem von „Stalker“ von Andrey Tarkovskiy. Hab ich beide nie gesehen, mit „Stalker“ ist es ohnehin schwierig, weiß Micha, da er in Deutschland nicht einfach auf DVD zu finden ist. Wir verabreden uns alle miteinander, demnächst „Birdman“ von Alejandro González Iñárritu im Universum zu sehen. Die Runde, die diesen Film mitgucken will, wächst nun unablässig.

Bei Micha wächst außerdem der Hunger, daher schieben wir los ins Riptide. Dort bestellt er sich bei André einen Burger. „Das dritte Mal, seit es diesen Laden gibt“, stellt Micha fest. Erst das dritte Mal, will er damit zum Ausdruck bringen. Beim zweiten Mal schmeckte ihm der Burger so gut, dass er sich von André heute wünscht, er möge den Burger dieses Mal wieder so zubereiten wie kürzlich. „Also wieder mit Dip zu den Nachos?“, fragt André. „Wie letztes Mal“, bestätigt Micha, der sich bereits von der Theke weg in Richtung Plattenregale fortbewegte. „Micha, Kaffee zu deinem Burger?“, ruft André und startet wissend die Maschine. Ein „Ja“ aus der anderen Ecke des Raumes bestätigt seine seherischen Fähigkeiten.

Heute hat André Gesellschaft von Vanessa, die ihr Schulpraktikum im Riptide absolviert. Engagiert räumt sie Tische ab, nimmt Bestellungen an und springt ihrem Chef zur Seite, wenn Kunden bezahlen wollen. „Alles zusammen?“, fragt André ein Paar an der Theke, und noch bevor er die Zahlen in den Taschenrechner tippen kann, souffliert Vanessa ihm den Gesamtbetrag. André grinst anerkennend: „Ich vertraue meiner Kollegin.“

Mit dem Kaffee in der Hand setzt sich Micha an einen der Tische, auf seinen Burger wartend. Vanessa macht den Tisch für ihr schön. Neben mir steht Dominik, der eine bestellte Platte abholen möchte: „Das Island Manöver“ von Turbostaat, nur echt ohne Bindestriche. André kommt aus der Küche und sucht ihm die LP aus dem Bestellungenfach heraus. „Cool, sogar mit Namensetikett“, stellt Dominik mit Blick auf die Kunststoffhülle erfreut fest. „Damit wir das zuordnen können“, erläutert André. „Wenn du die Platte nach zwei Wochen nicht abgeholt hast, mailen wir dich nochmal an.“ Dominik meint, er sei sich bei seinem Bestellanruf im Riptide nicht ganz sicher gewesen, ob es sich um einen Onlineversand gehandelt habe. André verneint: „Nicht alles, was wir im Laden haben, haben wir auch im Onlineshop, und nicht alles, was wir im Onlineshop haben, haben wir auch im Laden.“ Üblicherweise holen sich die Kunden die Platten, die sie im Laden bestellen, persönlich ab, sofern sie aus Braunschweig kommen, sagt André. Jeder werde ohnehin per Email informiert, sobald die Bestellung eingetroffen ist. Dominik nimmt sich seine neue Platte, er muss nämlich eilig wieder gehen: „Ich habe zwei Kinder in dem Wagen warten“, grinst er.

Es ist inzwischen genau die Zeit zwischen Mittagspausenende und Feierabendbeginn. Eben noch gehen viele Gäste, in kürzerer Zeit sind die nächsten neuen zu erwarten. „Ich wünsche einen unglaublichen Tag“, ruft André zwei Kundinnen nach und bringt sie damit zunächst zum Stutzen und dann zum anerkennenden Lachen. Während André in der Küche zu tun hat, frage ich Vanessa aus.

„Ich habe morgen meinen letzten Tag“, sagt Vanessa. Sie ist Schulpraktikantin und geht auf die Ricarda-Huch-Schule. Aus Braunschweig kommt sie aber nicht, sondern: „Aus Frankfurt.“ Am Main oder an der Oder, um mal den alten Gag von Hape Kerkeling zu zitieren? „Am Main natürlich“, sagt sie augenzwinkernd. Im Zuge der Scheidung ihrer Eltern zog sie vor zwei Jahren mit ihrer Mutter nach Braunschweig, zurück dorthin, wo der Rest ihrer Familie lebt. Besonders bei Leuten, die aus südlicheren Gefilden stammen, interessiert mich, wie sie sich im beinahe sprichwörtlich verschlossenen Braunschweig zurechtfinden. „Mit der Zeit immer besser“, sagt Vanessa. „Die Eingewöhnung hat gedauert, aber wenn man es erst mal akzeptiert, dass man hier lebt, geht es.“ Braunschweig sei nicht so international und vielleicht daher nicht so offen wie Frankfurt. „Aber mir ist aufgefallen, dass es hier freundlicher ist“, sagt sie zu meiner Überraschung. Frankfurt sei sehr hektisch und schnell: „Hier ist es langsamer und freundlicher.“

Den Praktikumsplatz im Riptide habe Vanessa sozusagen auf den letzten Drücker bekommen, denn eigentlich wollte sie zu einer Werbeagentur, „ich möchte auch etwas im journalistischen Bereich studieren“, sagt Vanessa. Sie hatte auch bereits einen Platz bei einer Werbeagentur in Frankfurt. Das sei möglich, weil ein Erziehungsberechtigter, in diesem Falle ihr Vater, dort gemeldet ist. Doch dann gab es Differenzen, nur zwei Wochen vor Antritt, und die Sache platzte. „Dann musste ich in zwei Wochen nach Plan B gucken“, berichtet sie. Ansonsten hätte ihr die Schule einen Platz zugewiesen, das wäre womöglich an einer Stelle gewesen, die ihr nicht zugesagt hätte. Die Plätze bei Werbeagenturen waren aber bereits vergeben. „Da ist mir das Riptide eingefallen, weil ich hier auch als Kundin gerne bin“, sagt Vanessa. Sie schrieb eine Bewerbung, kam zum Gespräch – und ist nun hier. Das Riptide passe gut zu ihr: „Der Umgang ist gechillter zu den Kunden, es ist persönlicher als woanders.“ Sie habe sich gut hier eingelebt, auch wenn es nur drei Wochen waren, und hofft, dass sie in der Sommersaison wieder einspringen kann, da sie erfahren habe, dass es dann großen Bedarf gebe. „In der Sommersaison ist es ja noch etwas anderes als jetzt“, weiß sie. „Ich würde mich freuen, wenn es klappt.“

Während Vanessa spricht, tritt Chris seinen Dienst an und umrundet sie hinter der Theke. André pendelt zwischen Küche und den Tischen hin und her. Ihrem vorerst letzten Arbeitstag und der Zeit danach blickt Vanessa mit einiger Wehmut entgegen. „Das wird voll die Umstellung“, ahnt sie. Wegen der Zeugnisferien hat sie glücklicherweise am Montag und Dienstag noch frei. „Ich bin hier jeden Tag spät aufgestanden, habe Verantwortung gehabt“, resümiert sie. Dabei habe sie vorher noch nie in der Gastronomie gearbeitet. Doch sie stellt fest: „Man fühlt sich erwachsen, wenn man einen Beruf hat – zurück in der Schule merkt man schnell: Du bist ja doch nur ein kleines Schulkind.“ Zum Erstaunen ihrer beiden Chefs betont Vanessa, dass sie dank ihres Praktikums begriffen habe, „die Schule ist fürs Leben wichtig“, dass aber dieser Aspekt in der Schule bei vielen Schülern verloren gehe. Das Berufsleben sei hart und die Schule bereite die Schüler darauf vor: „Das ist wichtig.“

Jetzt interessiert mich doch, wie alt Vanessa ist. Und unglaublicherweise ist sie erst 16. Das überrascht mich, da sie doch, nun, um einiges älter, im Sinne von reifer, wirkt als andere Sechzehnjährige, die nur Chartsmusik hören und ihre Fingernägel lackieren. Für die hat Vanessa aber Verständnis: „Es ist schwer, aus seinem sicheren Leben auszubrechen.“ Doch wenn man dies einmal geschafft habe, stelle man fest, dass es sehr wohl einfach ist, ein individuelleres Leben zu führen, sagt Vanessa. Und ich meine, dass es auch dann einfacher ist, wenn man sich in einer Gesellschaft bewegt, in der Eigenständigkeit normal ist. „Dazu fällt mir eine Filmszene ein“, wirft Chris ein. Und ich weiß sofort, welche er meint: „Ihr seid alle verschieden!“ – „Ich nicht!“ Chris lacht mit und wundert sich dann, woher ich das wusste, dass er genau diese Szene meinte. Naheliegend, finde ich. Vanessa ist verwirrt und wir klären sie darüber auf, dass das eine Szene aus „Life Of Brian“ ist. Vanessa staunt, dass Chris und ich unabgesprochen die selbe Assoziation haben. Chris wandelt einen bekannten Spruch ab: „Zwei gutaussehende intelligente Männer…“ Und ich ergänze: „…und ein geiler Gedanke.“ Was mich über die Brücke zu ähnlich gelagerten Titeln von Filmen mit Bud Spencer und Terrence Hill erinnert und mich wiederum von dort aus direkt zum „Trio mit vier Fäusten“ bringt, was ja zwangsläufig wiederum zurück zum Riptide führt. Vanessa ist erneut verwirrt. Chris sucht zur Erklärung die DVD-Box zu der TV-Serie und erklärt, dass der Originaltitel eben „Riptide“ lautete, wie das Café: „Das fließt zu rund zehn Prozent in den Namen mit ein.“

Während Chris neue Platten auszeichnet, die ab morgen zum Verkauf stehen, räumt André das Café auf, wischt Tische ab, rückt Kissen zurecht. Ich setze mich zu Micha unter die Fehmi-Baumbach-Bilder, die das Café seit kurzer Zeit schmücken. Micha schwärmt von ihrer Kunst, schon immer. Auf unserem Tisch liegt ein Flyer für den nächsten Film der Reihe Sound On Screen: Das Universum-Kino zeigt am 12. Februar ab 19 Uhr den oscarnominierten Jazzfilm „Whiplash“, als Vorpremiere sogar. Anschließend spielt das Blue Moon Trio im Riptide.

Micha und ich schlürfen Fritz-Kola, die uns André mit je einer Physalis am Strohhalm serviert. Ausnahmsweise ist mal nicht Film unser Thema, auch nicht die übliche philosophische Selbst- und Weltbetrachtung, sondern Musik. Beim jüngsten Silver Club spielte Soundmann Matze die Band Something Like Elvis über die Anlage ab, eine polnische Post-Rock-Band, die mich sofort erwischte. Auch Micha steht zurzeit auf Post-Rock, sagt er: die französische Band Ez3kiel, deren neues Album „Lux“ morgen erscheint. „Die sind in Frankreich relativ populär“, sagt Micha. „Die machen aufwändige Bühnenshows, da ist immer ordentlich was los, aber den Weg nach Deutschland finden sie selten.“ Das bedauert Micha. „Ich habe schon überlegt, mal nach Frankreich zu fahren dafür, Paris, Marseille“, sagt er. „Vielleicht heute.“ Kennen lernte Micha die Band, weil sie das Titelstück zu „Requiem For A Dream“ coverte, auf einem Live-Album, „das hab ich auch“, und „Requiem For A Dream“ gehöre mit in Michas Lieblingsfilmliste. Da sind wir nun doch wieder im Kino gelandet. Auch diesen Film kenne ich nicht, und er schwärmt sofort von dem Originalstück, das man seiner Meinung nach aus Werbetrailern kennen müsse. Ich jedoch nicht. Im Original habe es das Kronos Quartet eingespielt. Das wiederum kenne ich, weil Faith No More einmal ein Stück von denen gesampelt haben: In „Malpractice“ auf der „Angel Dust“ verwendeten sie einen Ausschnitt aus dem „Allegro Molto“ von Dimitri Shostakovichs „String Quartet No. 8“, veröffentlicht auf dem Kronos-Quartet-Album „Black Angels“. Auf diese entdeckerische Weise begann ich seinerzeit, meinen musikalischen Horizont zu erweitern. Denn leichte Kost ist „Black Angels“ beim besten Willen nicht. Aber geil.

Während Vanessa die ersten Sitzkissen von den Bänken im Achteck ins Café holt – ja, dies ist ein Januar zum Draußensitzen –, flitzt Niclas mit hinein. Er sieht Micha und mich entspannt sitzen und begrüßt uns. Er selbst sitzt eigentlich nebenan bei Serge und will für ihn und sich Kaffee mitnehmen. Kurz informiert er sich bei uns über den aktuellen Stand zum geplanten soziokulturellen Zentrum K67 in der Kreuzstraße, das der Kufa-Verein ins Leben rufen will. Da stehen noch Genehmigungen von der Verwaltung und vom Stadtrat aus, kann ich ihm mitteilen. „Ich wünsche, dass es klappt“, sagt Niclas.

Vor knapp zwei Wochen stellten wir mit dem Silver Club und dem Kufa-Verein das K67 vor. Wir luden Initiativen, Vereine, Künstler, Bands und DJs ein, dazu Vertreter aus Verwaltung, Politik und anderen Einrichtungen sowie Veranstalter. Ein Riesenprogramm – und der Saal war brechend voll. Das Interesse an einem neuen soziokulturellen Zentrum, nachdem das vergleichbare FBZ vor zwölf Jahren sein Ende gefunden hatte, ist in Braunschweig augenscheinlich enorm groß. Freundlicherweise luden mich eine Woche später Roni und Kabel vom Braunschweiger Internetsender radio-emergency.de dazu ein, in ihrer Sendung „ROck KAffee“ über den Silver Club zu berichten. Live. Zwei Stunden lang. Uha, was war ich aufgeregt. Von den 20 bisherigen Veranstaltungen, vom Team, von der Themenfindung berichtete ich, und die beiden fragten mich auch, wie ich überhaupt dazu gekommen war. Tja: Der Grund war Chris gewesen, der mir seinerzeit angekündigt hatte, dass er bei der „Französischen Indiesound-Kulturnacht“ in der Krabbenkuppel auflegen würde. Das war der vierte Silver Club gewesen, ab dem fünften war ich involviert. Jetzt machen wir wohl erst mal eine kleine Pause – das alles ist doch recht kräftezehrend für uns.

Micha und ich wollen nun zahlen. Chris verrät die ersten Riptide-Pläne für 2015: „Wir feiern unseren achten Geburtstag.“ Der ist im September, aber das ist deshalb schon jetzt so bedeutsam, weil die Feier zum siebten Geburtstag ausfiel. Und Chris schwärmt von Vanessa: „Sie ist die erste und beste Praktikantin des Jahres.“ Vanessa, die hinter ihm die Kaffeemaschine reinigt, dreht sich grinsend um: „Wow, was für’ne Leistung.“ Doch Chris ist es ernst: „Sie war eine der besten und fähigsten in den sieben Jahren, mindestens unter den Top zwei.“

Bevor Micha und ich nun tatsächlich den Heimweg antreten, quatschen wir uns noch nebenan bei Serge fest. Niclas will sich vielleicht unserer „Birdman“-Gruppe anschließen. Wir werden viele sein, oh ja. Irgendwo auf dem Heimweg trennen sich unsere Wege: Micha geht erneut in den Videobuster. Dieses Mal begleite ich ihn nicht, aber nächstes Mal ganz gewiss wieder.


Matze Bosenick
www.krautnick.de

#83 André ist glücklicher Papa und Chris sieht sowieso immer gut aus

24. September 2014


Dienstag, 23. September

Heute vor genau sieben Jahren und einer Woche eröffneten Chris und André das Café Riptide. Genau an jenem Tag und genau an dieser Theke lernte ich damals Micha kennen. Kein Wunder, dass es auch heute nicht lang dauert, bis mir der Kulturbote seine Hände auf die Schultern legt, während ich mich mit André und der neuen Mitarbeiterin Caro unterhalte. André weist Caro in ihre Aufgaben und den Café-Ablauf ein, er erklärt ihr etwa, wie das funktioniert, wenn ein Gutschein verrechnet werden soll. Für André brach vor wenigen Wochen ein neues Leben an: Er wurde Vater, und wenn er jetzt von seiner Tochter Ida spricht, leuchten seine Augenringe. Viel Zeit zum Schwärmen hat er jedoch nicht, da die Gäste aus Café, Rip-Lounge und Achteck hungrig und durstig sind und André in der Küche diverse Burger zuzubereiten hat.

Derweil öffnet Caro Limonadeflaschen und lässt Kaffee in Tassen strömen. Caro heißt eigentlich Carolin, „ohne E, das hängen die meisten hinten dran, aber ich bin keine Caroline“, betont sie. Sie war schon einige Male zum Probe- und Einarbeiten hier, heute wieder. Sie kennt das Riptide als Gast und ließ sich von ihren positiven Eindrücken davon überzeugen, es hier als Mitarbeiterin zu versuchen. Gastro-Erfahrungen hat sie, die sammelte sie während ihrer Abi-Zeit. Sie kommt aus Guxhagen, bei Kassel, „nicht mit Cuxhaven zu verwechseln, was ein bisschen höher liegt“. Vor drei Jahren kam sie nach Braunschweig für eine Ausbildung zur Mediengestalterin, ab Oktober studiert sie Medienwissenschaften, „an der TU und der HBK“. Einen Job braucht sie parallel zum Studium: „Ich wollte etwas machen, was nichts mit meinem Beruf zu tun hat“, sagt sie. „Bei Mediengestaltung hat man kein Ende, man kann nicht sagen: Ich arbeite vier Stunden, denn wenn der Flyer nicht fertig ist, ist er nicht fertig.“ Deshalb Gastronomie. Gastronomy Domine.

„Ab nächsten Monat geht unser Winterprogramm los“, kündigt André an, nachdem er die bestellten Burger an die entsprechenden Tische brachte. „Das heißt, wir haben verkürzte Öffnungszeiten und als Ausgleich Suppen und Winterspecials im Programm.“ Und die Sommerspecials? „Die gehen dafür in Urlaub.“ André verschwindet wieder in der Küche, Caro notiert Bestellungen auf einem Zettel, da legt mir eben Micha hinterrücks die Hände auf die Schultern. Na, das war ja Zeit, wir haben uns die ganze Woche noch nicht gesehen, und die ist schon zwei Tage alt. „Ich hätte gern einen Burger“, wendet er sich an Caro. André steckt den Kopf aus der Küche: „Echt?“ Micha nickt: „Ja, echt, und eine Cola.“ André grinst: „Hast du amerikanische Wochen?“ Ich schließe mich der Colabestellung an: Micha nimmt eine normale Fritz, ich eine ohne Zucker. „André, hast du mal zwei Cola-Gläser?“, fragt Caro in die Küche. Ich brauche keins, werfe ich ein. André ist aus der Küche zu hören: „Micha auch nicht.“

Auch Chris ist heute im Dienst, er bringt in einer schwarzen Kunststoffkiste eine leere Getränkeflasche ins Café. Das ist mal effektiv. „Das ist meine Bürotransferkiste“, erklärt Chris. Damit transportiert er Güter zwischen dem Büro, das im ersten Stock gegenüber liegt, und dem Café hin und her. Dazu gehören nicht nur leere Limonadeflaschen, sondern auch bestellte Tonträger. „Micha, guckst du heute Abend auch Fußball?“, fragt Chris seinen früheren Mannschaftskollegen. „In der Funzel“, erwidert der. Das habe sich bei Micha inzwischen eingespielt, dass er die Spiele der Braunschweiger Eintracht dort verfolgt. Die tritt heute am Millerntor gegen St. Pauli an. „Ich bin in der Eusebia“, sagt Chris, „da gibt’s Essen und es ist rauchfrei.“ Ich bin uninformiert, ich wundere mich über ein Ligaspiel mitten in der Woche und vermute zunächst ein DFB-Pokalspiel. „Im DFB-Pokal spielen wir in Würzburg“, informiert mich Chris. Am 29. Oktober, gegen den FC Würzburger Kickers, die die Fortuna Düsseldorf aus dem Wettbewerb warfen.

Mit einem Teller, auf dem ein Burger thront, kurvt André aus der Küche heraus auf Micha zu, der neben mir an der Theke steht. Sie gehen an den nächstbesten Tisch, André stellt den Teller mit dem Burger ab, „lass ihn dir schmecken“, und kehrt in die Küche zurück. Micha probiert einige Bissen, steht dann auf und sagt in die Küche: „Der Burger ist ein Gedicht.“

Noch bevor er in den Burger biss, zeigte mir Micha ein Foto von einem Bild, das er gerne bei sich im Wohnzimmer hängen hätte: Es stammt aus der Ausstellung „Pforritales 4“ des Hamburger Malers Uli Pforr, die aktuell in der Galerie Hugo 45 in der Hugo-Luther-Straße zu sehen ist. Galerist Achim bescheinigt Pforr eine große Karriere: Pforr bildet das Szeneleben seiner Heimatstadt fehlfarbenfroh und ohne zu beschönigen ab. Der Künstler war auch zu Gast, als Steffi kürzlich in der Galerie an zwei Tagen den ersten Geburtstag ihres Online-Magazins Kult-Tour Braunschweig feierte, mit rund 25 Künstlern, die dazu ihren ehrenamtlichen Beitrag leisteten, mit Kunstwerken, Lesungen, Impro-Theater, Live-Musik und anderen Experimenten. Da hat Steffi etwas wahrhaft unterstützenswertes auf die Beine gestellt, mit ihrem Blog, der eine Lücke füllt, die andere Medien klaffen lassen, indem Steffi nämlich über Subkultur, Alternatives und freie Kunst berichtet, und das in ihrem herzerfrischenden Stil, in dem sie nicht nur schreibt, sondern auch den Menschen begegnet. Kein Wunder, dass sich so viele dazu bereiterklärten, den Geburtstag mitzufeiern, so dass die Veranstaltung letztlich um ein Vielfaches größer wurde, als es die Ur-Idee vorsah. Auch mir war es Ehre und Vergnügen, daran beteiligt zu sein. Das Ergebnis war eine zweitägige Feier, die so harmonisch, reibungslos und familiär verlief, dass man fast gar nicht mehr wahrnahm, dass sie tatsächlich öffentlich war.

Natürlich war auch Micha zu Gast, schließlich ist er mit dem Kult-Tour-Kalender redaktionell an Steffis Magazin beteiligt. Mit Micha, Steffi und Jens erlebte ich zudem einige Wochen später die Braunschweiger Kulturnacht, wir trafen uns im Lot-Theater bei Müller & die Platemeiercombo, die dort sogar einige mir unbekannte neue Songs spielten, die die Vorfreude auf ihr neues Album noch vergrößern, das zurzeit in Produktion ist. In der Nacht waren wir vier unter anderem noch in der Aegidien-Kirche bei einem gregorianischen Chorprojekt. Das war für mich ein ergreifender Moment, als Protestant mit Atheisten und Heiden in einer katholischen Kirche zu stehen und den Gesang zu genießen. Nicht schafften wir leider das Programm im Riptide, darunter die Lesung „Blau-Gelb-Sucht“ mit Axel Klingenberg, Till Burgwächter, Gerald Fricke und Frank Schäfer, die wir bis auf Till immerhin allesamt später beim Müller-Konzert trafen, sowie die Literaturshow „Kopf und Kragen II“ mit Marcel Pollex und Finn Bostelmann. Das ist schade, aber eben dem Konzept geschuldet: Ein Großteil der Veranstaltungen im Rahmen der Kulturnacht beginnt offenbar zeitgleich um 21 Uhr.

Mein Beitrag zu Steffis Feier schloss sich direkt an einen ungeplanten Urlaub an. Ich wollte nach Ligurien, ans Meer, aber nicht so weit nach Süden fahren. Erstes Ziel ist mit diesen Bedingungen eben Genua. Dort, im Vorort Quinto al mare, fand ich über Airbnb ein Domizil, spontan und nach nur einer einzigen Anfrage. Und hatte damit einmal mehr unglaubliches Glück. Meine Gastgeber waren nur unwesentlich älter als ich. Sie arbeiten bei der Flüchtlingshilfe, was in Italien mit Blick auf die Lampedusa-Problematik sicherlich aufreibend ist. Nach Feierabend engagieren sie sich ehrenamtlich bei einem Theater, dem Teatro Altrove, im historischen Zentrum von Genua, er als Koch, sie als Kellnerin. Das Theater hat nicht nur eigen- und fremdproduzierte Schauspielstücke im Programm, sondern auch alternative Filme und Indie-Livemusik – ist also ein Mix aus Riptide, KaufBar und Nexus, wenn man so will. Für mich fühlte sich der Ausflug also weniger an wie Urlaub in der Fremde als wie ein Heimkehren. Meine Gastgeber versorgten mich mit selbstgemachter Pizza, Tipps für touristenfreie Restaurants mit ligurischer Küche sowie Hinweisen auf Lokale, die nicht in Händen der Mafia sind. Und mit neuer Musik: Als ich bei ihnen eintraf, kehrten sie selbst erst aus dem Urlaub zurück, aus dem Valle Maira, einem abgelegenen Tal im Piemont, an der französischen Grenze. Dorthin ziehen sich Zivilisationsflüchtlinge zurück, und mit vielen von ihnen sind meine Gastgeber befreundet. Unter anderem auch mit einer Band, Lou Dalfin, die traditionelle Musik aus dem Tal spielt, aber mit modernen Elementen durchsetzt, was etwas an die ostdeutschen Mittelalterbands erinnert, aber vielfältiger und in dem Dialekt aus dem Tal gesungen ist. Acht Plattenläden brauchte ich in Genua, bis ich einen fand, der die Band überhaupt kannte, und der hatte auch gleich ein Album zum Verkauf; der „Disco Club“ war das. Bei der Suche landete ich vorher noch im Taxi Driver Record Store, dessen Angebot die Spannbreite zwischen Doom Metal und Punkrock abdeckt. Ein wahres Fest. Die Verkäuferin war auch hocherfreut, dass ich mich für das Shopoeuvre interessierte, und ich bat sie um regionale Tipps. Zwei Alben vom hauseigenen Label nahm ich mit, einmal „La tana del sogno lucido“ von 2novembre, einer Stoner-Rock-Band mit italienischen Texten, sowie das selbstbetitelte Debüt von Mope, einem Quartett, dass Doom Metal spielt und die Stimme durch ein warmes Saxophon ersetzt. Großartig, hat für mich neben „Cheval ouvert“ von Monno und „Blank Project“ von Neneh Cherry das Zeug zum Album des Jahres. Und abgesehen von toller Musik, leckerstem Essen, freundlichsten Kontakten und vielen Stunden am und im Mittelmeer gab es noch einen weiteren positiven Effekt, dass ich nach Genua gefahren war: Ich hatte acht Tage mehr Sonne als jeder, der in Braunschweig blieb. Nicht zuletzt ist es für mich immer wieder wundervoll, zu erleben, dass es offenbar überall eine Möglichkeit gibt, mich zuhause zu fühlen.

Wie hier im Riptide. Micha hat aufgegessen und verfällt mit Chris in einen Dialog über die singende Schauspielerin Scarlett Johansson. Sie ist demnächst in ausgewählten Kinos der Republik in „Under The Skin“ zu sehen, einem verwirrenden und umstrittenen Film, in dem sie auch nackt auftreten soll. Chris hat all ihre Filme gesehen, auch „Arac Attack“, „sie hat ein schönes Gesicht“, findet Chris, „aber heute, da gibt sie sich als Schminke-Brust-Tussi, das hat sie gar nicht nötig, das würde ich ihr gerne sagen“. „Ruf sie doch an“, sagt Micha achselzuckend. „Es ist immer besetzt“, grinst Chris. „Außerdem sagt sie immer, es ist schwer, mit einem DJ wie mir zu telefonieren – der legt immer auf.“ Chris berichtet, dass Scarlett Johansson jetzt ein Kind bekommen hat, „das hab ich in der Gala gelesen, beim Zahnarzt“. Zurzeit mache sie viel, sagt Micha, „sie wollte wohl vor der Schwangerschaft nochmal reinhauen“. „Das Kind ist aber schon da“, wendet Chris ein. Auch im Original von „Her“ war sie zu hören, in „Lucy“ zu sehen. „Von dem war ich ein bisschen enttäuscht“, sagt Chris. Von Regisseur Luc Besson habe er „ein bisschen mehr erwartet“. „Es war kein schlechter Film“, räumt Chris ein, „vielleicht lag das aber auch nur an ihr.“ Sehr gut fand Chris hingegen „Sin City 2“, Micha weniger: „Da fehlte mir die Überraschung, es gab keinen Psychopathen wie im ersten Teil Elijah Wood, das war zu vorhersehbar.“ Chris sieht den Film eben voll auf die weibliche Hauptdarstellerin zugeschnitten, und: „Visuell war es klasse, 3D-Comic, Blutspritzer, war schon geil!“

Mindestens geil wird auch der nächste Beitrag in der Reihe Sound On Screen, nämlich „20,000 Days On Earth“, in dem Nick Cave im Auto durch Brighton kurvt und dabei aus seinem Leben erzählt. Nach dem Film, der wie immer im Universum-Kino läuft, gibt’s im Riptide Party. Für uns heute nicht mehr. Micha muss los, den nächsten Ticker für Steffis Blog schreiben, und ich habe für den Silver Club zu tun. Spätestens dort laufen wir uns sowieso wieder über den Weg.


Matze Bosenick
www.krautnick.de

#80 Theatertrainer

15. Juni 2014


Samstag, 14. Juni

Was ist denn heute noch alles: Tag der Altstadt, Straßenfest am Frankfurter Platz, Festival Theaterformen, Sommerfest der Kunstmühle, Fußball-Weltmeisterschaft… Am frühen Nachmittag bauen Leute am Frankfurter Platz noch ihre Pagoden auf, Cem stellt mit Helfern einen schweren Grill vors Gambit. Also auf in den Handelsweg, vorbei am Altstadtmarkt, wo gerade gegenteilige Aktivitäten zu beobachten sind, denn die Marktbeschicker bauen ihre Stände nach verrichteter Verkaufsarbeit schon wieder ab.

Das Segeltuch über dem Achteck zwischen Café Riptide und der Rip-Lounge birgt heute das Versprechen auf Regenschutz, das lassen die grauen Wolken zumindest erhoffen, die die Leute auch in festeres Schuhwerk und wärmere Kleidung zwingen. Ich setze mich zu Dani, die ich vom Silver Club kenne und der ich erst am Vormittag auf dem Heimweg vom Wochenmarkt begegnete. Da war sie auf dem Weg zu einem Workshop, und der macht just nun Mittagspause, daher sitzen vier Teilnehmerinnen mit Bagels, Fladenbroten, Kaffeekreationen und vollen Aschenbechern zwischen sich beim Riptide. Sie müssen gleich wieder zurück ins FamS, zu ihrem Workshop: Marte Meo. Das ist eine Methode zur Erziehungsberatung: „Wir nehmen die Kinder auf Video auf und machen videobasierende Entwicklungsarbeit“, erklärt mir Dani. „Wir filmen uns dabei, wie wir Kindern unter drei Jahren Worte geben für das, was sie tun.“ Oder wie sie die Kinder erzieherisch in ihrem Tun unterstützen, indem sie nicht etwa ein Auto, mit dem ein Mädchen spielt, wegnehmen und es gegen eine „Püppi“, so Dani, austauschen. Kern ist für diesen Workshop aber: „Kindern, die noch nicht im Fluss sind mit der Sprache, Worte geben.“ Sie nennt ein Anwendungsbeispiel: Ein Kind klopft mit einer Masse Knetgummi auf den Tisch. Dann sagt man nicht: „Oh, du klopfst mit der gelben Knete auf den Tisch“, sondern nähert sich über das, was auch das Kind wahrnimmt: „Tock tock tock“. „Man muss das Vokabular aufbauen“, sagt Dani. Erst später sagt man das, was tatsächlich passiert. Man solle auch dem Kind keine Fragen stellen, wie „Ist das Auto blau?“, denn das Kind könne diese Frage noch gar nicht für sich beantworten. Stattdessen solle man konkret sein: „Das ist ein blaues Auto.“

André bringt mir die Fritz-Kola mit Kaffee, Dani isst ihr Fladenbrot, während sie weitererzählt. Im Rahmen von Marte Meo nun schauen sich die Teilnehmer nach solchen Auseinandersetzungen mit Kindern die dabei entstandenen Videos an. Sie werten dann aus, wie sie ein Kind besser stärken und seine Ressourcen nutzen können. „Und ich kann mich selber analysieren: Gehe ich auf das Kind ein? Ich kann aus Kinderaugen gucken: bin ich abgelenkt, habe ich einen falschen Eindruck?“ Dani erläutert, dass Kinder erst ab einem Jahr damit beginnen, Worte zu finden, und dass sie Wörter mindestens 100 Mal gehört haben müssen, bis sie sie wiederholen können: „In einer wortlosen Eltern-Kind-Beziehung können Kinder nichts lernen.“ Manchmal sei es auch bei mehrsprachig aufgewachsenen Kindern erforderlich, für bestimmte Dinge die deutschen Wörter zu finden, für die sie in anderen Sprachen selbstverständlich schon Wörter haben. Eine Kritik am multilingualen Aufwachsen sei diese Feststellung mitnichten: „Das ist super, das ist das Beste, was man Kindern mitgeben kann.“ Es gebe schlichtweg natürliche Lücken, die es zu füllen gelte. Sie selbst habe etwa als Kind eine Strandmatte ausschließlich im Griechenlandurlaub benutzt und deshalb ganz selbstverständlich auch nur das griechische Wort dafür gekannt: „Zassa.“ In Deutschland wunderte sie sich dann später, als sie das Wort erstmals brauchte und sie niemand verstand.

An diesem Workshop nun nehmen Vertreter unterschiedlichster Pädagogik-Spielarten teil. Dani gegenüber erhebt sich gerade mit ihr und den anderen Anja von der Bank, und Anja ist Spezialistin in Zwergensprache. Das lässt mich stutzen. Sie erklärt: „Das ist im Grunde das, was jeder mit Kindern macht“, winkt mit der Hand und sagt: „Winkewinke.“ In der Zwergensprache bediene man sich nun der Gebärdensprache und verbinde sie mit dem gesprochenen Wort: „So verknüpfen sich die Synapsen schneller.“ Das Winken galt mir auch im direkten Sinne, die vier eilen zurück zum FamS, dem Familien-Service-Büro.

Auf der gegenüberliegenden Seite des Achtecks sitzen Nina, Jogi und Steffi, ich geselle mich dazu. Sie haben ebenfalls Aschenbecher und Getränke, aber auch Kirschen und Erdbeeren zwischen sich. Die brachte Steffi vom Markt mit, daher kenne ich sie nämlich auch, sie verkauft dort Obst. Über den Weg läuft sie mir ansonsten auch beim Filmfest als Kartenabreißerin. Und jetzt im Riptide. Der Job als Verkäuferin auf dem Wochenmarkt sei ein Psychologiestudium, sagt Steffi. Kirschkerne und Stiele fallen in die Asche. Heute sei viel los gewesen, sie waren zu sechst und hatten trotzdem kaum Luft. Neben ihr stand Anton, den ich auch aus der Galerie auf Zeit kenne. Ein richtiger Kulturstand, an dem sie da arbeitet. Wir teilen unsere fragwürdigen Beobachtungen von Kunden, die nicht einmal Standards wie Anreden oder Grußformeln beherrschen. „Aber 90 Prozent sind nett“, sagt Steffi. Sonst würde sie den Job auch nicht machen. Vergleichbares erlebe sie bisweilen auch bei ihrem anderen Job in der HBK-Bibliothek, wenn Kunden grundlos unfreundlich sind: „Dann bin ich extra-freundlich“, grinst sie. Jogi stimmt zu: „Zu Tode lieben.“

Außerdem ist Steffi im Kunstverein Jahnstraße aktiv. Sie verteilt uns Flyer von Malte Bartsch und seiner Ausstellung „Warm Up“. „Der hat bei Ólafur Elíasson studiert“, erklärt sie. Vom Kunstverein Jahnstraße sei sie zwar kein Gründungsmitglied, aber damals zur zweiten Ausstellung eingestiegen. „Es macht Spaß, wenn man sich verwirklichen kann“, sagt Steffi. Es entwickelt sich zwischen Steffi, Jogi, Nina und mir ein Ping-Pong aus „Den kenne ich auch, hat der nicht mit jener zusammengearbeitet?“ – „Ja, kenne ich von auch dort.“ Wir stellen fest, dass Braunschweig für uns genau die richtige Größe hat: Jeder, so Steffi, habe sein Metier, in dem er unterwegs sei, aber an den Kanten gebe es Schnittmengen. „Dabei komme ich nicht mal von hier, sondern aus Karlsruhe“, sagt sie. „Ich auch nicht, aus Bremen“, sagt Jogi. „Ich liebe Bremen“, sagt Steffi, und beide geraten ins Schwärmen. Jogi schränkt ein, dass er nicht direkt aus der Hansestadt stamme, sondern aus einem Dorf in der Nähe. „Ich komme auch aus einem Dorf“, sagt Nina. „Winsen an der Aller.“ Nur wenige Kilometer von dem Dorf entfernt, aus dem ich stamme. Auch Steffi kommt eigentlich aus einem Dorf bei Karlsruhe: Rheinstetten, direkt am Rhein, wie der Name schon verrät. Auch Jogis Dorf lag an irgendeinem Fluss, Ninas an der Aller – nur meines knochentrocken irgendwo in der Heide. Immerhin, hier in Braunschweig haben wir die Oker. „Seid ihr schon mal in der Oker geschwommen?“, fragt Steffi. Ich nicht, nicht mal unfreiwillig. Steffi ja, 2010, beim letzten Lichtparcours, nach dem HBK-Sommerfest, weil alle völlig durchgeschwitzt waren und sich nach Abkühlung sehnten. „Ich ja, aber angezogen“, berichtet Nina grinsend. „Ich auch, aber nicht in Braunschweig, sondern im Harz“, sagt Jogi. Wir stellen uns vor, wie er zwischen Eiswürfeln geschwommen sein muss.

Und dann werfen sich Jogi, Nina und Steffi nur so die anstehenden Termine um die Ohren. Morgen Mittag ein Spray-Event mit DJ vom The-Bridge-Verein unter der Brücke am Fireabend. Morgen Abend das Konzert von Automat beim Festival Theaterformen. Morgen Nachmittag die dritte Wasserschuh-WM von Wood am Heidbergsee. Jogi und Nina schwärmen vom Drecksclub am 17. Juli im LOT, das sagt mir gar nichts, es fallen Erklärungen wie „theaterperformativ“, „Projekt“ und „skurril“, für das man zwingen Karten vorkaufen müsse, weil sie so begehrt seien. Am 24. Juni spielen „Kreis“ im Nexus, die eigentlich o heißen. Oder umgekehrt. „Die kommen aus dem Dreiländereck“, sagt Jogi, „und erscheinen auf Antenna Records.“ Das Label kenne ich, von dem bekomme ich immer die Rundmails. „Das macht Timo“, sagt Jogi, „ein Gitarrenschüler von mir – der ist sehr nett.“ Steffi und ich verabreden, dass wir uns heute Abend beim Sommerfest in der Kunstmühle treffen, das Elke und Martin von blackhole-factory organisieren.

Wir müssen umziehen, mahnt André, denn er braucht unseren Platz als Bühne für die Bands, die hier gleich spielen sollten. Eine offene Bühne war angekündigt, aber außer Arjomi hat sich niemand angemeldet. Und Jogi spielt bei Arjomi. Also ziehen wir zurück an den Tisch, an dem ich vorhin startete. Vor dem Auftritt muss Jogi kurz nach Hause, er beauftragt Nina damit, seine Bandkollegen abzufangen. Ein bisschen Regen setzt ein, Nina, Steffi und ich rücken weiter ins Achteck, unter das Segeltuch, das seinen angedrohten Zweck nun tatsächlich erfüllen kann. Lars kommt mit Frau und zwei Kindern durch den vollbesetzten Handelsweg auf Nina und mich zu. Er kennt uns, weil wir mit dem Silver Club schon zweimal bei ihm zu Gast waren – er ist Braunschweigs Jugendpastor und damit Hausherr der Jugendkirche. Zwischen dem Silver Club und ihm war es Liebe auf den ersten Blick: Wir fühlten uns mit dem Club beide Male pudelwohl mit ihm und seinem extrem engagierten Team, und er schätzte, dass wir das Programm in seinem Haus kreativ erweiterten. „Ich mache eine selbstgestaltete Altstadtführung“, sagt Lars mit Blick auf seine Familie. Die Kinder tragen Luftballons und Faltblätter: Sie gehen im Rahmen des Tages der Altstadt von Laden zu Laden. Dort bekommen sie Fragen beantwortet, die sie dann in dem Faltblatt per Aufkleber bestätigt bekommen, sowie die nächste Frage gestellt, für deren Beantwortung sie dann in den nächsten Laden gehen müssen. „Hier müssen wir auch noch rein“, sagt Lars mit Schulterblick und Fingerzeig auf das entsprechende Banner, das auch vor dem Riptide hängt. Nina und ich erzählen ihm, dass Arjomi noch spielen werden. Die kennt er, weil sie bei unserem ersten Silver Club in der Jugendkirche von der Empore herab spielten und beim folgenden Club im Eiskeller Ankes Feuershow untermalten. „Dann müssen wir wiederkommen“, sagt Lars und folgt seiner Familie und dem Faltplan, der sie zur nächsten Station führt.

Jetzt wird der Regen aber immer schlimmer. Eigentlich wollte Steffi mit ihren Erdbeeren nach Hause, kommt aber doch wieder zu uns zurückgewetzt. Durchnässt treffen Falko und Flo ein und setzen sich zu uns: Falko ist der von Jogi erwartete Mitmusiker, und außerdem der Sohn von dem Klaus, der beim Silver Club immer mit seinem Kaffeewagen die Gäste beglückt, und daher kennen wir uns, denn Falko war schon einige Male selbst als Kaffeewart dabei. „Jogi hat gehört, dass hier heute offene Bühne ist“, erklärt Falko den Grund für den Auftritt der Band. „Riptide, nie gehört“, sagt Falko, denn er kommt aus dem Landkreis Peine. Er spielt Darbuka, eine orientalische Blechtrommel. Flo und er haben zudem Flowersticks dabei, die aussehen wie überdimensionierte Wattestäbchen und mit denen sie jonglieren und herumspielen. „Die haben wir selber gebastelt“, sagt Flo und lässt das Gerät über seinen Arm rollen, während es Falko wie einen ausgiebigst gebrauchten Drumstick durch seine Finger rotiert. Der Stick klebt an der Haut: „Das ist Badezimmersilikon, das hilft am besten“, verrät Flo. Jogi setzt sich nun zu uns und erklärt, dass das Konzert wegen des Regens im Café stattfindet. Falko holt einen Umschlag aus seiner Tasche und überreicht Jogi einen bunt bedruckten Papierstreifen. Jogi gerät aus dem Häuschen: Es ist ein Ticket zu „Ancient Trance“, einem Maultrommel- und Weltmusik-Festival in Taucha bei Leipzig Anfang Juli. Was es nicht alles gibt. Für den heutigen Abend sind Falko und Flo zudem fürs UJZ in Peine verbucht: Dort findet eine Psytrance-Veranstaltung statt.

Nina und Steffi bekommen ihr geordertes Essen und stillen damit sofort ihren Hunger. „Die Sonne kommt“, sagt Steffi und beißt in ihr Fladenbrot. Ich blicke in den nur zaghaft nachlassenden Regen und bin verwundert. „Und ein Regenbogen“, sagt Steffi. „Gibt’s auch Regenbögen bei Vollmond?“ Flo sagt ja: „Aber nur ganz selten.“ Ich berichte, dass wir uns kürzlich mit ein paar Leuten fragten, ob der Blitz auch in einen Regenbogen einschlagen kann. Steffi nickt kauend: „So werden Einhörner geboren.“

Arjomi bauen ihre Gerätschaften auf, wir siedeln mit ihnen ins Café-Innere um. Nina, Flo und ich sitzen am Tisch, da kommen Micha und eine andere Dani zu uns. Micha war beim Flohmarkt in der Stadtbibliothek und hat einen Stapel Filme und Bücher unterm Arm, für die er nur wenig Geld bezahlte. Er berichtet vom neuen Film von Jean-Pierre Jeunet, berühmt für „Amélie“, der da heißt „Die Karte meiner Träume“ und den es im Juli auch in 3D geben soll. „Wollen wir den zusammen gucken?“, fragt er mich. Aber sicher!

Arjomi legen los. Mit mehrstimmigem Meditations-Gesang. Die inzwischen vier Musiker benutzen Klangschalen, Akustikgitarren, gedrehte Didgeridoos, Flöten, Regenmacher, Gong. Es klingt indianisch und ist repetetiv und tanzbar. Nina tanzt prompt dazu, wie sie es immer tut, wenn Arjomi spielen. Sie bleibt nicht allein damit. Wie es langsam anbrandete, ebbt das erste Stück auch wieder ab. Die Leute klatschen, und einer der Musiker fragt: „Kann man uns hier hören?“ Flo ruft laut zurück: „Nee. Wir haben einfach mal gehofft, dass es gut war.“

Irgendwann steht dann doch der Rest des Tages an, ich bezahle bei André meine bestellte LP von Numb. Er hat heute Hilfe von der zweiten Nina und Shabnam. Das dritte „12×12“-Heft liegt auf dem Tresen, ich habe es schon, weil Eileen, die mit Marcel die Agentur „Katze Bullshit“ unterhält, die für das Projekt „12×12“ verantwortlich ist, es mir in Wolfsburg zur Verfügung stellte. Normalerweise erscheint „12×12“ immer zum 12. Dezember, dieses Mal, weil’s im letzten Jahr aus organisatorischen Gründen ausfiel, zur Halbzeit, am 6. Juni. Aber nicht halb so groß deshalb, es bleiben zwölf mal zwölf Zentimeter voll mit Texten und Bildern lokaler Künstler.

Micha begleitet mich heraus, wir kommen bei Serge vorbei, oder besser: kommen wir nicht, weil er uns mit Fußballthemen bremst. Erstaunlich: Da sitzen wir am Anfang der Fußball-WM stundenlang im Riptde in wechselnden Personalarrangements beieinander, und wo wird der Proletensport Thema? Beim intellektuellen Philosophen nebenan. Serge sieht darin „L‘art pour l‘art“, wie er sagt: „Ich bin Regisseur, und Regisseur ist der nächstgelegene Beruf zum Trainer.“ Er bringt Theaterensemble und Fußballmannschaft auf einen Nenner: „Alle sind Künstler – es ist identisch.“


Matze Bosenick
www.krautnick.de

#76 Reise zum Metalpunkt der Erde

28. Februar 2014


Freitag, 28. Februar

Eigentlich ist erst in drei Wochen Frühling, aber der Februar gibt schon seit Tagen vor, mindestens April zu sein. Es bleibt zu hoffen, dass da kein Dickes Ende mehr kommt. Weiße Pfingsten etwa. Wenn schon kein dickes Ende, dann kommt zurzeit ganz viel anderes, nämlich haufenweise neue Musik, heute zum Beispiel von Beck und Neneh Cherry, endlich auch der Soundtrack zu „Only Lovers Left Alive“, und schon vor ein, zwei Wochen warfen The Notwist und Les Claypool neue Alben auf den Markt. Man kommt ja gar nicht mehr hinterher. Fies! Und fast alle dieser Alben stehen im Riptide herum. Und dazu noch viele andere höchst interessante Sachen, mein virtuelles Bestellungsfach quillt außerdem über.

André kredenzt mir den wintergemäßen Kafka, der wirklich seine Wunder wirkt, auch im Nichtwinter. Bis auf den neuen Schülerpraktikanten Leander, der gerade außen an den Fenstern die Karriereleiter erklimmt, ist André an diesem Freitagmittag zunächst allein im Café. Von der neuen Beck schwärmt er. Zufällig hörte ich sie schon gestern, als ich in Hamburg in der Schanze bei Zardoz war, einem Plattenladen, in dem sie im Hintergrund lief. Mir kam sie, freundlich gesagt, sehr entspannt vor, verglichen mit dem vorletzten Album „The Information“, für mich eines der besten Beck-Alben überhaupt, sogar eher langweilig. Der Schallplattenhändler schwärmte indes nicht minder davon als André jetzt. „Passt doch zur Stimmung“, sagt er, und hat damit leider recht. Zurzeit ist es für viele um ihn und um mich herum recht dunkel.

Weg mit den Wolken. Marco schleppt unablässig Getränkekisten ins Café, und zwar an den Platz hinter der Theke, an dem zuvor noch das Büro untergebracht war. Es ist jetzt zu einer Art Zwischenlager geworden. „Nur das, was an dem Tag voraussichtlich verbraucht wird“, sagt Marco, stelle er dort ab. Das sei üblich im Gastro-Betrieb, den Mitarbeitern auf diese Weise die Wege zu verkürzen. Er tippt auf die leere Wolters-Kiste in seiner Hand, die er mit nach draußen nehmen will, sagt: „Ich muss noch was tun“, und geht wieder.

Die Tür zum Café öffnet und schließt sich unablässig. Der Raum füllt sich, auch im Achteck draußen sitzen Leute, und regelmäßig kommen Gäste aus der Rip-Lounge herüber und rufen André ihre Bestellungen zu. „Drei Kaffee und einen Bagel“, „Moin, machste mir ’nen Tee?“, Tür wieder zu, und immer erfüllt André diese Wünsche. Auch die, die offene Rechnung bezahlen zu wollen, wie Munir grad. André guckt auf den entsprechenden Zettel und fragt eher als Witz: „Was ist deins – oder lädst du ein?“ Dabei war es für Munir klar: „Ich lade ein.“ Beim Blick über die Thekenauslagen entdeckt er die Stempelkarte für den gesteigerten Kaffeekonsum, und André offeriert: „Du kannst eine anfangen, wenn du magst.“ Munir nimmt sich eine und sagt beiläufig: „Jaaaa – für die zwei Mal im Jahr, die ich in Braunschweig bin.“ Aus Köln ist er angereist, einen Freund zu besuchen, den, für den er die Rechnung mitbeglich. Dann hat er sich ja direkt das Etablissement mit dem größtmöglichen Großstadtflair in Braunschweig ausgesucht, stelle ich fest. „Darum geht es nicht“, stellt Munir allerdings klar. Denn: „Das ist auch ein ganz gemütlicher Laden.“

Das rhythmische Quietschen hat aufgehört, Leander unterbricht also das Fensterputzen für seine Mittagspause. Er holt sich einen Teller und legt sein Paket mit in Alufolie eingepackten Broten darauf, die er jetzt auswickelt. Extra aus Seesen kommt er täglich mit dem Zug angefahren, um hier sein dreiwöchiges Praktikum zu machen, „ich bin seit Montag dabei“. Ursprünglich hatte er sich bei der Polizei beworben, doch musste er das Praktikum aus Termingründen wieder absagen. Seinen Musiklehrer fragte er, ob der nicht etwas wüsste, wo er etwas „mit Musik und Platten“ machen könnte. Der Lehrer empfahl ihm dann unter anderem das Riptide. Und da ist er jetzt. Interessanter Musiklehrer, nebenbei. „Der ist noch relativ jung und interessiert sich für so etwas“, sagt Leander. Beispielsweise habe er einmal seinen Wahlpflichtkurs Musik mit ans Staatstheater Braunschweig zu einer Orchesterprobe genommen. Mit Schallplatten kam Leander über seinen Vater in Berührung: „Der hat 850 Platten und war früher selber mal DJ.“ Aufgelegt habe der Vater in Göttingen in Discos. „Und er hat mit zwei Freunden zusammen selber Boxen gebaut.“ Zwei davon hat Leander selbst zu Hause: „Das ist eine Riesenanlage, voll cool.“ Für ihn selbst sind das Abitur und ein Studium die mittelfristigen Ziele, aktuell freut er sich aber über den Job im Riptide. Zwar seien seine ersten Aufgaben eher reinigender Natur, doch: „Im Service habe ich ab und zu Bestellungen aufgenommen und serviert“, strahlt Leander. Man merkt, dass er daran Spaß hat. An das Thema Schallplatten soll er wohl am Montag herangeführt werden: „Da freue ich mich schon drauf.“ Er selbst hört Underground-Hip-Hop aus Berlin, „keinen Mainstream“, und zwar Morlock Dilemma und Hiob, „das sind meine Faves“, und DJ Suff Daddy, den er „ßaff däddi“ ausspricht. Anders also, als ich es instinktiv immer tat. Die letzten Krümel vom Brot sind vertilgt, die Pause ist vorbei. Er schlängelt sich an Marco vorbei, der gerade eine Kiste Astra bringt, und geht mit ihm zu André in die Küche.

Während André – um sie durchzulassen im Küchendurchgang – eine Tüte mit Lebensmitteln öffnet, sieht er Corinna die LPs durchsuchen. „Ich bin gleich bei dir, wenn du mich brauchst“, ruft er ihr über die Theke hinweg zu und kehrt in die Küche zurück. Dadurch verpasst er Frank, der gerade von draußen herein kommt und schnell noch etwas bestellen möchte. „Die Suppe war verdammt gut“, berichtet er mit Nachdruck. Eine Paprika-Tomatencreme-Suppe ist es in dieser Woche. „Ich schwör“, fügt er lachend hinzu und blickt sich um: „Das sieht alles gut aus hier.“ Auch wenn es so wirkt, sein erster Besuch im Riptide ist dies nicht: „Ich habe ab und zu mal abends hier gesessen.“ Jetzt kommt André und Frank kann sein Fladenbrot bestellen. Und Corinna hat tatsächlich eine Frage an den emsigen Händler: „Habt ihr noch die Platte von den Libertines?“ André kurvt um die Theke herum: „Die müsste noch da sein, ‚Up The Bracket‘?“ Corinna bejaht. „Die müsste im Fach sein, die war vor kurzem noch da.“ Sie gucken zusammen im entsprechenden Fach nach, jedoch beide erfolglos. André verspricht: „Die kommt wieder rein.“ Etwas gefunden hat Corinna trotzdem: „Substance“ von New Order als gebrauchte Doppel-LP. Vermutlich das einzige New-Order-Album, das mir selbst noch fehlt. „Temptation“ und „Ceremony“ sind die Stücke, die sie besonders hervorhebt: Der Rest sei ihr zu typisch 80er, und wenn, dann bevorzuge sie ohnehin Joy Division. Das verstehe ich, aber gerade New Order gehören zu denen, die in den 80ern guten Synthiepop machten. Wir finden in der Tracklist der LP noch einige dies bestätigende Beispiele. „Aber ich stehe zurzeit auf 60er, die Kinks“, sagt Corinna, „und 90er, die Libertines.“ Sie sinniert: „Die Engländer machen die beste Musik, Punk und Rock.“ André nimmt den entsprechenden Betragt für die LPs entgegen und verspricht, dass er ihr eine Mail schickt, sobald ihre Bestellung da ist.

Es ist mal wirklich ziemlich voll im Café. Nett, eine Kundin sitzt allein auf dem Sofa und liest ein Buch, augenscheinlich vergnügt. Ein Baby quietscht nicht minder vergnügt. An einem Tisch sitzen Leute um einen aufgeklappten Laptop herum und sprechen Englisch. „Ich spreche kein Russisch, sie kein Deutsch“, erklärt Maik schulterzuckend, als er kurz zum Bestellen an die Theke kommt. „Also sprechen wir Englisch.“ Maik ist der Kopf der Braunschweiger Ortsgruppe von Peer Leader International, einem „entwicklungspolitischen Netzwerk in Deutschland“, wie er erklärt, das Bildung von Jugendlichen für Jugendliche anbietet und mit verschiedenen Partnern zusammenarbeitet. Die Leute an seinem Tisch kommen aus Weißrussland, der Kontakt kam über die dortige Organisation АСДЕМО – Asdemo – zustande, der wiederum über Janun lief, die gemeinsame Jugendorganisation von Nabu und BUND in Niedersachsen. „Wir bereiten eine Reise nach Weißrussland vor“, erklärt Maik. Thema ist Atomenergie und deren Gefahren, denn die Jugendlichen an seinem Tisch kommen aus Gomel (Гомель), das in der Nähe der Ukrainischen Grenze liegt und 1986 nach der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl einiges an Strahlung abbekam. „Sie besuchen uns und erzählen, wie es dort aussieht“, sagt Maik. Damit bereiten sie den Weg für die Braunschweiger Jugendlichen, die im April den Gegenbesuch vorhaben und dort zum Thema Energiewende, Fukushima und lokalen Problemen diskutieren wollen. Maiks Gäste warten auf ihn, er gibt schnell seine Bestellung auf und kehrt an seinen Platz zurück.

Andrea, Tuija und Lina stehen auf und kommen zum Bezahlen an die Theke. Tuija entdeckt dabei den Aufsteller mit den Drei-Fragezeichen-Kassetten und nimmt staunend die neue Dreifach-Folge „Das Rätsel der Sieben“ vom Stapel. Die Dreifach-Picture-LP dieser Kurzgeschichten-Folge gehört zu den Bestellungen, die noch unabgeholt im Riptide für mich bereit liegen. Andrea, nach eigener Aussage „fast 50“, sowie die zu „Master Of Chess“-Zeiten noch Minderjährigen Tuija und Lina sind große Drei-Fragezeichen-Fans. „Wir haben Tickets für den 2. April“, sagt Andrea. Da sehen wir uns dann wohl wieder: Die Original-Sprecher kommen nämlich mit ihrer dritten Tour „Phonophobia“ auch nach Braunschweig. Die beiden anderen Touren, eben „Master Of Chess“ und „Der seltsame Wecker“, erlebten die drei Fans ebenfalls live. „Bei ‚Master Of Chess‘ war ich noch klein, das habe ich in Bonn gesehen“, sagt Tuija. Seit neun Jahren wohnen sie in Braunschweig, vorher in Remagen, da war Bonn das Nächstgelegene. So alt ist „Master Of Chess“ schon? Andrea bestätigt das und erinnert sich, dass die Show damals in Bonn in einem großen Zelt lief. Bei Andrea war es mit den drei Detektiven so wie bei vielen, die heute über 40 sind: Irgendwann entdeckte man seine alten Kassetten wieder und kam erneut auf den Geschmack. Andrea kaufte die Episoden dann auf CD wieder, auf Flohmärkten oder, sie zeigt auf die beiden Jugendlichen neben sich, „wenn mal ein Zahn raus war“. Zu hören bekamen sie die Folgen dann insbesondere im Auto, und da Andrea selbst nie eins besaß, war das immer nur im Mietwagen im Urlaub, „auf Mallorca“, wie Lina anführt. Die Dreifach-Kassette legen sie zurück, Andrea begleicht die Rechnung für alle drei. Für sie war es der erste Besuch im Riptide. Für Tuija nicht: „Ich war schon öfter hier.“ Andrea schließt: „Ich komme wieder.“

Mit meinen Bestellungen unterm Arm gehe ich jetzt auch, komme aber nicht weit, da im Achteck an einem Tisch unter anderem Corinna und Jakob sitzen. Jakob erzählt mir, dass Uwe und Katrin bei Raute wohl bald die Wiederveröffentlichung des ersten Colour-Haze-Albums bekommen. Auf dem Rückweg schaue ich bei ihnen vorbei. Sie haben zurzeit eine Musikbox aus dem Jahr 1967 zum Verkauf bei sich stehen. Sie ist mit 100 Singles bestückt. Wir drücken diverse der altertümlichen Tasten und entlocken dem wundervollen Gerät die wenigen Perlen inmitten des typischen Jukeboxmülls, etwa Judge Dread, Hamilton Bohannon, Cindy & Bert, Mike Krüger und Torfrock. Katrin lässt mich immer wieder einen Blick auf die Technik im Inneren der Box werfen, die anspringt, wenn man einen Song auswählt, die große Spindel mit den Singles rotieren lässt, mit einem Arm nach der Gewählten greift, sie auf den Plattenteller legt und den Arm darauf herabsenkt. Faszinierend. Ein amerikanisches Modell, dass nur Belgische Francs fraß, wie Uwe erklärt. Zum Abschied hat er noch eine Weisheit für mich: „Der Generationenvertrag ist neu verhandelt“, sagt er. „Gebt der Jugend mehr zum Saufen, damit die Alten mehr Flaschenpfand zum Sammeln haben.“

Ach ja. So schön schlagfertig war Philipp kürzlich, als wir in einer großen Gruppe um Serge herum in der Rip-Lounge saßen und standen und diskutierten. „Wem gehört der Kaffee, der hier kalt wird?“, erkundigte sich Serge nach einer mittelgroßen Lachsalve. „Mir“, sagte Philipp. Serge behauptete, sich wiederholend: „Der wird kalt.“ Philipp widersprach: „Der reift, der zieht Luft.“ Wortspielerisch wiederum ging es jüngst bei einer Geburtstagsfeier zu. Arni sprach von der „Reise zum Metalpunkt der Erde“, und Jörg fragte: „Wo ist das, Wacken?“ Die Pointe nach der Pointe hörte ich ein andermal bei einer Party, als Jogi Axel und mir einen Witz erzählte. Der ging so: Ein Bänker, ein Bild-Leser und ein Asylant sitzen an einem Tisch, in der Mitte eine Schüssel mit zehn Keksen. Der Bänker isst neun und sagt zum Bild-Leser: „Pass auf, der Asylant will deinen Keks.“ So weit, so gut, doch Axel rief laut aus: „Jetzt verstehe ich ihn! Toddn hat vorhin die ganze Zeit versucht, mir den Witz zu erzählen.“


Matze Bosenick
www.krautnick.de

#75 Alles Sense!

20. Januar 2014


Freitag, 17. Januar

Was Braunschweig schon wieder für ein Glück hat. Eigentlich war es vom Verleih anscheinend gar nicht vorgesehen, den Film „Stop Making Sense“ im Kino wiederaufzuführen. Am 27. Februar erscheint Jonathan Demmes 1984 erstmals gezeigter Konzertfilm über die Talking Heads zwar als Neuauflage auf DVD und BluRay, aber nicht für den Kinobetrieb. Außer, man hat es mit dem Universum-Kino zu tun, genauer: mit Beate, die die Sound-On-Screen-Reihe mit dem Riptide organisiert. Für die Januar-Ausgabe der Reihe holte sie sich aus New York die Erlaubnis, „Stop Making Sense“ zum 30. Geburtstag des Films doch noch mal auf großer Leinwand zur vollen Entfaltung zu bringen. Und Braunschweig weiß diese Initiative zu würdigen: Schon Tage im Voraus ist der Film ausverkauft. Das ist erst das ungefähr fünfte Mal, dass ein Sound-On-Screen-Film bis zum letzten Platz belegt ist.

Schon im Vorfeld brennt die Luft, alle haben – mit Verlaub – einen tierischen Bock auf den Film. Interessant ist die wilde Mischung an Leuten, die „Stop Making Sense“ sehen wollen. Die Talking Heads machten eben keine Schubladenmusik. Als CBGB-Geburt würde man sie grob für Punk halten, schließlich, wie Beate in ihrer Anmoderation bemerkte, eröffneten sie seinerzeit in den 70ern mit ihrem ersten Live-Gig für die Ramones. Selbst mit New Wave wird man der Musik nicht gerecht. Funk, Disco, Pop – man findet viel in der Musik, und ebenso viel im Publikum wieder. Auch recherchierte Beate, dass die Opening Credits, wie die Schrift im Vorspann ja nun heißt, von demjenigen gestaltet wurden, der sie auch für „Dr. Stangelove“ von Stanley Kubrick angefertigt hatte. „Pablo Ferro, aber den kennt wahrscheinlich niemand“, stellt Beate wahrscheinlich korrekt fest. Auch ermittelte sie, dass es sich bei Regisseur Jonathan Demme um ebenjenen handelt, der auch „Das Schweigen der Lämmer“ dokumentierte.

Es knistert zwischen den Sitzreihen, der Film startet, die Leute sind gespannt. Und machen dann etwas, das man nun wirklich nicht erwartet: Nach jedem Song applaudieren und jubeln sie, als wäre die Band leibhaftig auf der Bühne. Die Stimmung ist unglaublich, mit dieser Rückmeldung quittieren die Gäste ein- und ausdrücklich, wie sehr sie sich auf den Film gefreut haben. Und über ihn freuen. Am Ende ertönen sogar vereinzelte „Zugabe“-Rufe. So ist Braunschweig!

Den Soundtrack zum Film habe ich seit Ewigkeiten, den Film indes noch nie gesehen. So geht es vielen, doch gibt es auch eine Menge Leute im Publikum, die schon dabei waren, als die Lupe den Film vor 30 Jahren zeigte. Oder sie waren bei einer der vielen Wiederaufführungen danach. Wie gesagt, ich kenne die Musik – und bin überrascht, welchen Dimensionszuwachs sie mit den Bildern erfährt. Die altvertrautren Songs sind nicht mehr länger einfach nur die altvertrauten Songs. Es stellen sich Aberdutzende von Aha-Effekten ein. Und das direkt von Anfang an: David Byrne geht auf die völlig leere Bühne, stellt einen Ghettoblaster neben den Mikroständer, nuschelt „ich mach mal eben ne Kassette an“ und justiert seine Akustikklampfe. Vom Tape ertönt der Beat zu „Psycho Killer“. Kenne ich, denke ich, und stelle fest, dass das gar nicht richtig stimmt. Natürlich ist mir der Song mehr als vertraut, doch war es mir nie bewusst, dass es sich dabei um so eine Art Techno handelt. Schon jetzt ist klar, dass ich den Soundtrack künftig sozusagen mit neuen Ohren hören werde. Byrne zappelt im grauen Anzug ungelenk über die Bühne; das wird sein Markenzeichen den ganzen Konzertfilm über sein. Eine Ausdauer hat der Mann! Und eine Qualität hat der Sound! Ist der wirklich schon 30 Jahre alt?

Tina Weymouth gesellt sich zu Byrne auf die Bühne, mit ihrem Bass. Sie performen zu zweit und ohne Beats die Ode an die Kneipe „Heaven“. Nach und nach schieben schwarzgekleidete Roadies weitere Instrumente auf die Bühne, mit ihnen die dem Ur-Quartett angehörenden Chris Frantz und Jerry Harrison, aber auch noch schwarze Percussionisten, Keyboarder, Gitarristen, Sängerinnen, genau gesagt: Lynn Mabry, Edna Holt, Bernie Worrell (von Parliament und Funcadelic), Steve Scales und Alex Weir, die den zackigen Weiße-Leute-Funk um soulig-groovenden schwarzen Funk anreichern. Auch das ist eine Erkenntnis, die mir einen neuen Zugang zur alten Musik erzwingt. Aus dem New Wave und dem Art Pop wird so Funk und Disco, inklusive „Genius Of Love“ in der Inkarnation als Tom Tom Club, dem Lied, in dem sie ihre Vorbilder aufzählen, wie Kurtis Blow, Hamilton Bohannon und James Brown, also reinrassigen Punkrock, natürlich. Wenn man sich das so ansieht und anhört, weiß man außerdem, wo zeitgenössische handgespielte Tanzmusikkapellen wie !!! oder LCD Soundsystem den Most herholen. Holten, LCD Soundsystem gibt es ja nicht mehr, und die Doku „Shut Up And Play The Hits“ lief vor exakt einem Jahr bei Sound On Screen.

Noch eine Erkenntnis, auf die ich eigentlich auch alleine hätte kommen können, ohne „Stop Making Sense“ gesehen zu haben: Eine meiner Lieblingsszenen in Paolo Sorrentinos „Cheyenne“, der im Original „This Must Be The Place“ heißt, weil David Byrne mitspielt und Hauptfigur Cheyenne in der Mitte des Filmes auf einem Konzert des Musikers ebenjenen titelgebenden Song hört, ist genau diese mit dem Konzert. Man sieht: Eine Frau sitzt auf einem Stuhl und manikürt sich schunkelnd die Finger, während ein Haufen Musiker den Song spielt. Die Leinwand mit der Projektion von der Frau schwingt vor die Band, David Byrne taucht im Blickfeld der Kamera auf, als sei er Eddie von Iron Maiden knapp vor der Verwesung. Großartig. In „Stop Making Sense“ spielen die Talking Heads den Song wie in einem Wohnzimmer, Byrne tanzt akrobatisch mit einer Stehlampe. Rückblickend wirkt es, als habe Sorrentino die Sequenz auf eine moderne Ebene heben wollen. Ebenso großartig. Was beim besten Willen nicht heißt, dass „Stop Making Sense“ unmodern wäre.

Für jeden, der den Soundtrack kennt, ist der ganze Film voller Hits. Natürlich freut man sich besonders über die, die auch in echt Hits sind, wie „Burning Down The House“ und „Once In A Lifetime“, aber selbstverständlich ist es jeder Song wert, ihn stürmisch applaudierend gutzuheißen. „Girlfriend Is Better“ ist, wie auch Beate eingangs erwähnte, das Stück, aus dem die Zeile „Stop Making Sense“ stammt. Natürlich, es gibt keine Atempause, „Take Me To The River“, „Life During Wartime“, man glaubt gar nicht, dass die Talking Heads zum Ende des Films noch furioser werden, als man sie von Anfang an wahrnimmt. Nur schwer hält es uns in den Sitzen. „Ich hätte am liebsten jetzt schon getanzt“, sagt eine Zuschauerin zwei Plätze neben mir.

Erstaunlich ist für einen Musikfilm, dass er nicht in der hektischen MTV-Schnittfolge zusammengesetzt ist. Demme lässt sich Zeit für einzelne Musiker und Impressionen. Bisweilen führt das zu dem Phänomen, dass er Leute fokussiert, die irgendetwas tun, und die Musik gerade Kapriolen schlägt, von denen man sich als Zuschauer wünscht, Demme würde die Kamera auf den Kapriolen-Erzeuger halten. In der Regel aber zeigt er sehr wohl, was man sehen muss, etwa das breite Grinsen auf den Gesichtern der Mitmusiker, die Action, die die beiden Sängerinnen veranstalten, und auch den Umstand, dass Byrne und Weymouth keinen Augenkontakt haben. Das fällt besonders mit dem Wissen um das fragwürdige Ende der Band acht Jahre später auf, als Byrne sie auf eine Art und Weise zu den Akten legte, die die übrigen drei Musiker etwas verschnupft reagieren ließ, etwa damit, unter dem Namen „The Heads“ das Album „No Talking, Just Head“ mit unzähligen Gastsängern herauszubringen. Das war leider nicht besonders gut, Byrnes Stimme fehlte einfach. Und auch sein Bühnengebaren, das er in „Stop Making Sense“ im allseits bekannten übergroßen Sakko darbot. Auch eigenwillig für einen Konzertfilm übrigens: Erst zum Schluss sieht man das bunt zusammengewürfelte glücklich grinsende Publikum wie entrückt mitgrooven. Nun, auf der Leinwand wie vor der Leinwand.

Tja, und nach „Stop Making Sense“ war dann „Road To Nowhere“, für viele Fans der Anfang vom Ende. Ich hingegen lernte sie damals als Radiohörender genau damit erst kennen und mögen. Wie selbstverständlich kaufte ich mir dann auch ältere Alben und wunderte mich gar nicht, dass die so deutlich anders klangen und komponiert waren als die Radiohits von später, zu denen auch der Song gehört, der einer anderen Band den Namen gab: „Radiohead“. So war es für mich zum Beispiel auch bei OMD und den Simple Minds: Ausgehend von ihren Mittachzigerhits, legte ich mir die düsteren, monotonen frühen Alben zu und nahm das, was ich da hörte, als selbstverständlich hin, ohne zu bemerken, dass es sich dabei um keinerlei Chartsmusik mehr handelte. Das waren Zeiten! Denn in die Charts kam solche Musik trotzdem.

Nach dem Film ist vor dem Riptide, wie immer bei Sound On Screen. In dem Café laufen kenntnisreich ausgewählte New-Wave-, Post-Punk- und Indie-Hits, aber die Leute sind zum Reden da, gefeiert wird später. Und es sind, weil der Film ausverkauft war, so viele Leute, dass sich die Party auch im gerade nichtsokalten Januar draußen im Achteck fortsetzt. Ausverkauft ist ein Stichwort, denn Beate gelingt es, den Film ein zweites mal aufführen zu lassen, und zwar am Montag, 27. Januar, ab 21 Uhr. Auch das ist nicht der erste Sound-On-Screen-Film, der eine zweite Chance bekommt. Sogar dritte Chancen gab es schon. Und es gibt schon jetzt das nachfolgende Programm: Am Donnerstag, 6. Februar, zeigt das Universum im Rahmen des Warmen Winters den Film „And You Belong: Scream Club“ über das Hip-Hop-Duo Scream Club. Regie führte Julia Ostertag, frühere HBK-Studentin. Scream-Club-Mitglied Sarah Adorable legt anschließend im Riptide auf. Am 20. Februar folgt dann der nächste reguläre Beitrag: „Scott Walker – 30 Century Man“.

Epilog

Wem habe ich es zu verdanken, dass ich in den proppevollen Saal überhaupt hineingekommen bin? Micha natürlich, er besorgte mir kurz vor knapp ein Ticket. Wie es sich gehört, trafen wir uns zur Ticketübergabe im Riptide, tags darauf auch im Kino, nach dem Film im Riptide und am Samstag erneut ebendort. Dann aber stieß er zu einer bestehenden Runde dazu. Samstag im Riptide, es ist Winter – es hängen viele Leute bei Serge in der Lounge herum. Er hat seinen Laden im Blick, obwohl Jakob „Nathan, der Weise“ lesend darauf aufpasst. Neben Serge bildet Markus wie immer mit ihm eine Laptopgemeinschaft. Kamila erfüllt uns unsere sehnsüchtigsten Getränke- und Speisewünsche und ist dabei mindestens so charmant wie ihr Chef André, der uns durch die Scheibe zuwinkt und seinen Charme dieses Mal nur optisch wirken lässt. Die Runde um Serge pulsiert. Niclas ist da, Philipp kommt und geht und kommt und geht und bleibt das nächste Mal bei uns, nachdem er in Serges Laden ein Buch fand und es bei ihm erstand. Micha tritt in die Runde, Carsten und Iris stoßen dazu, Carsten hat noch einen Auftritt in der Funzel, Dorothea gesellt sich kurzzeitig zu uns. Wir sind immerzu in tiefen Gesprächen versunken, und auch bei abweichender oder gegensätzlicher Haltung eint uns, dass wir einander zugetan sind. Ja, es geht in die Tiefe, ist existentiell. Was macht das Leben aus? Serge hat die radikalste Haltung gefunden, aus Sicht derer zumindest, die sie nicht – oder noch nicht? – haben. Niclas erzählt mir, dass ihm Serge essentielle Denkanstöße gab, sein Leben zu ändern. Niclas wagt einschneidende Schritte, das ist mutig. Ich kann ihn verstehen, und ich sehe auch, welche Wirkung jemand wie Serge auf junge Leute hat; dazu zählen Menschen zwischen 15 und 45, Gleichaltrige bleiben kaum bei dem 68-Jährigen hängen. „Ich sehe einen seidenen Faden in deiner Argumentation“, sagt Serge zu mir gegen Ende des mehrstündigen Beisammenseins. „Denk mal drüber nach.“ Er muss es mir dann doch verraten, weil ich nicht darauf komme, und ich bestätige, dass er tatsächlich eines meiner persönlichen Themen entdeckt hat, was ich in dem Zusammenhang selbst gar nicht ausgemacht hätte. Daraus kann ich wieder eine Menge für mich und über mich ableiten. Die Samstagnachmittage im Riptide. Hör nicht auf, einen Sinn zu machen.


Matze Bosenick
www.krautnick.de

#72 …und der brennende Geist

22. Oktober 2013


Montag, 21. Oktober

Heute bewahrheitet sich wieder die alte ostfälische Weisheit: Die drei klassischen Sommermonate in unserer Gegend sind Februar, April und Oktober. Der Sommer kehrt zurück, während wir aus dem Sommer zurückkehren. Der echte Sommer kam später als sonst und war viel zu abrupt wieder vorbei. Wer heute jedoch im Achteck draußen sitzt, braucht die bereitgelegten Decken nicht und kann sogar seine Jacke ausziehen. Kein Wunder, dass Jasmin die Bestellungen allesamt nach draußen bringen muss. In der Rip-Lounge sitzt noch jemand, im Haupt-Café ist so kurz nach der Mittagspause nichts los. Draußensein ist das Gebot des Augenblicks, nicht nur beim Riptide, auch vor Comiculture, wo Inhaber und Kunden rauchen. Die anderen Läden haben erstaunlicherweise geschlossen. Wie schade, ich wollte noch in die Einraumgalerie schauen, denn Steffi, die den sehr lebendigen Blog „Kult-Tour Braunschweig“ befüllt, schwärmte von der aktuellen Ausstellung. Das müsste „By The Way“ von Sonja Wegener sein, die sich beim Handelsweg-Sommerfest schon angekündigt hatte, als Teilnehmerin der Atelier-Aktion „Kunst… hier und jetzt“ des Allgemeinen Konsumvereins. Die habe ich leider nicht wahrnehmen können, aber sobald Steffi darüber geschrieben haben wird, kann auch ich darin abtauchen.

„Sommer? War doch gestern und vorgestern auch schon“, wundert sich Jasmin darüber, dass ich mich wundere. Weiß ich gar nicht, da musste ich arbeiten. „Das kriegt man doch trotzdem mit“, meint Jasmin nicht ganz unberechtigt. „Ich war nicht draußen und weiß es trotzdem.“ Ich war auch ab und zu draußen und hab auf anderes geachtet, aber jetzt, wo sie’s sagt: doch, stimmt, ich habe es mitbekommen. Drinnen war ich im Rahmen meines Dienstes unter anderem im Schloss Wolfsburg beim Kunstverein. Dort läuft seit einer Weile die Ausstellung „Erfinde dich selbst!“ über Realitäten und Identitäten. Einen großen Teil nehmen überraschenderweise Devotionalien der Gruppe Fraktus ein, erfunden von Studio Braun, inklusive des T-Shirts mit dem Fehldruck „Fratus“. Kunstvereins-Leiter Justin Hoffmann erzählte mir, dass er kürzlich mit seiner Band F.S.K. unterwegs war und jemand aus der deutlich jüngeren Vorband fragte, ob F.S.K., da es sie doch schon so lange gibt, früher auch schon mit Fraktus zu tun hatten. Nun, wenn schon renommierte Medien drauf hereingefallen sind.

Draußen wird es immer voller, sodass Gäste automatisch ins Café kommen müssen. Teilweise kommen sie, um in den LPs zu blättern, meistens, um etwas zu trinken. „Hast du mal den W-Lan-Code?“, fragt jemand Jasmin, der kurz aus der Rip-Lounge herüberkam. Sie nennt ihn ihm. Jemand anders fragt nach Kuchen: „Den gibt’s nur freitags und samstags“, muss sie ihn enttäuschen. Einer von den großen, dunkelbraunen Muffins tut’s auch. „Kannst du mir nochmal das W-Lan-Passwort sagen?“, fragt ein anderer Gast. Jasmin tut es und kassiert bei gehenden Gästen ab. Für einen Augenblick muss sie den Laden alleine schmeißen, weil Chris zurzeit beim Einkaufen ist. Ich würde ja einspringen, habe aber noch nie in der Gastronomie gearbeitet. „Noch nie Theke gemacht?“, fragt Jasmin verwundert und bringt ein volles Tablett an einen Tisch. Bei der Rückkehr sagt sie: „Ich finde, jeder sollte so’nen Job mal gemacht haben – und die Welt wäre besser.“

Auf der Theke steht die DVD-Box von LCD Soundsystem, „Shut Up And Play The Hits“, dem Film, der auch bei Sound On Screen lief. Und den ich umständlich beim Label bestellte, weil ich dachte, ihn nicht in der Drei-Disc-Box in Deutschland zu bekommen. Jetzt steht er für nur zwei Drittel des Preises hier, und zwar neben der neuen Drei-Fragezeichen-Dreifach-Kassette „…und der fünfte Advent“. Vor einem Jahr gab es im Dezember jeden Tag bis Weihnachten einen Track zum Download, der einen Drei-Fragezeichen-Fall quasi in Echtzeit voranbrachte, und diese Drei-Stunden-Episode veröffentlichte das Label jetzt auch auf Tonträger. Leider nicht wie in den Vorjahren als Dreifach-LP, seltsamerweise. Uns Fans fiel mal auf, dass sich die Titel der neueren Episoden kaum noch auseinanderhalten lassen. Alles war schon mal da, jetzt drehen die Autoren schlicht die Phrasendreschmaschine und erfinden so die neuen Buchtitel. Mit Arni kam ich kürzlich versehentlich auf den möglichen Drei-Fragezeichen-Titel „…und der brennende Geist“, den gab es noch nicht, und sofort steckte mein Kopfhörspiel ein Gespenst in Brand. Doch Janna meinte später, sie habe es sich im übertragenen Sinne vorgestellt, also als entflammte Seele. Auch fein. Da geht was, werte Autoren!

Mit Arni hatte ich kürzlich außerdem beim Blick in die Zeitung einen uns selbst überraschenden Dialog. An sich war ich dabei, mit dem Finger auf der Zeitung den alten Gag à la „Kentucky schreit ficken“ von „RTL Samstag Nacht“ auf eine Wortkombination anzuwenden, die halt irgendwelchen Unsinn ergab, sobald man die Anfangslaute vertauschte, und Arni glaubte, ich deutete auf die Kombination „Costa Concordia“, und stellte korrekt fest: „Bei Costa Concordia geht das nicht.“ Ich stimmte zu und ergänzte, dass das auch nicht möglich sei bei Brigitte Bardot und Micky Maus. Arni fragte: „Wer ist Micky Maus?“ Ich sagte, na, dieser Elch da. Arni: „Ach, der in dem Aquarium.“ Genau, bestätigte ich, der von Astrid Lindgren. Arni: „Ja, richtig. ‚Winnetou‘.“

Nach diesem RTL-Muster hatte Schepper zuvor versehentlich mit dem „Fliegenleser“ amtlich vorgelegt. Und im aktuellen „Punchliner“-Magazin treibt es Lasse Samström auf die Spitze, indem er ganze Texte ausschließlich nach dem Muster anlegt. Spätestens bei „der abendgang des unterlandes“ zerriss es mich. À propos Schepper, vor seinem Auftritt in Mannheim beim der „Feel The Bass“-Messe des Magazins „Bass-Professor“ leitete der nunmehr bundesweit renommierte Solo-Bassist den Bass-Stammtisch im Riptide. Wegen des anstehenden Auftritts verließ er die viersaitige Runde vorzeitig und kam draußen bei Micha und mir vorbei, die wir gerade den beeindruckenden Film „Gravity“ nachbesprachen. Wir waren alle drei recht albern, nur so lässt es sich erklären, dass wir plötzlich bei zweideutigen Ortsnamen aus der Region landeten, und das auch noch lustig fanden, ausgehend vom althergebrachten Autobahndreieck der Verdauung: Essen, Darmstadt, Pforzheim. Der alte Bromer Schepper führte aus seiner früheren Nachbarschaft die Dörfer Voitze und Benitz an, mir fielen Klötze und Hodenhagen ein. Wir lachten, auch darüber, dass wir solchen Quatsch überhaupt lustig fanden, und bemühten noch die Braunschweiger Straßennamen Sackring und Hintern Brüdern, als Schepper schon im Gehen schloss mit: „Und es gibt ja noch Langwedel.“

Zwischen all denen, die bei Jasmin bestellen oder bezahlen, ist auch Jessey, der sich ein Beck’s geben lässt und der dann berichtet, dass seine Eltern Briten und US-Amerikaner sind und dass er vor fast 53 Jahren in Berlin zu Welt kam. Er hat eine durchsichtige Plastiktüte mit Leerkassetten darin dabei. Die Kassetten sind unbespielt, er hat sie für sehr wenig Geld bei einem Second-Hand-Laden gefunden. „Die CD stirbt, aber Kassetten und Schallplatten werden halten“, sagt er. Über 1000 Stück hat er, und noch jetzt nimmt er Lieder aus dem Musikfernsehen auf Kassetten auf und wandelt sie am PC um. „Man hat was zu tun, die Kinder sind groß“, sagt er. Früher habe er mit Freunden Hörspiele aufgenommen, sagt Jessey. So etwas kenne ich auch noch, aber nicht so, wie er es beschreibt: Sie zeichneten in freier Wildnis Geräusche auf, zerschnitten die Bänder, klebten sie in der erforderlichen Reihenfolge wieder zusammen und überspielten das Ergebnis dann auf ein neues Band. „So wie die da“, sagt er und deutet auf die Drei-Fragezeichen-Kassetten.

So ähnlich hat es Helge Schneider vermutlich mit seinen uralten Hörspielen auch gemacht. Bei den Trottelkackern gab es auch mal Hörspiele, ich denke da gerne an „McBregenwurst“ über einen McDonald’s-Besuch, zu finden auf der Schallplattenkassette „Pünktlichkeit kennt keine Grenzen“: „Möchten Sie Eis in ihre Cola?“ – „Ja.“ – „Erdbeer, Vanille oder Schoko?“ Helge Schneiders neuer Film „00 Schneider – Im Wendekreis der Eidechse“ läuft völlig unverständlicherweise nicht in Braunschweig, nicht in Wolfsburg – sondern in Goslar. Da Micha und ich uns verabredet hatten, den zusammen zu sehen, fuhren wir eben zusammen nach Goslar. Es gab noch einen weiteren Grund, die Stadt zu besuchen: Nur einen Tag zuvor hatte Ólafur Elíasson dort den Kaiserring erhalten, das Mönchehausmuseum zeigt dazu noch bis zum 26. Januar die Ausstellung „Eine Feier, elf Räume und ein gelber Korridor“. Eine prima Kombination. Die Schau ist zwar klein, aber eindrucksvoll. Natürlich wäre es noch opulenter, wenn das Museum sein angestammtes größeres Gebäude zur Verfügung hätte; die Ausstellung im Kunstmuseum Wolfsburg etwa war seinerzeit überwältigend. Aber die Exponate in Goslar sind anregend genug, wenn man sich auf den Raum, den sie erschaffen, einlässt. Es lohnt sich, dafür nach Goslar zu fahren. Und auch für Helge, der neue Film ist womöglich sein bester, nach „Texas“. Helge ließ und hyperventilieren und nach Luft schnappen. Es hielt uns vor Lachen kaum in den Sitzen.

Mit zwei blauen Sitzen kommt Chris ins Café. Die gab es im Angebot und die sind für das neue Büro vorgesehen, auf das Chris und André seit Anfang Oktober zugreifen dürfen. Sie versprechen sich Entlastung bei ihrer administrativen Arbeit, wenn sie sie nicht mehr im Cafégeschehen verrichten müssen. „Wir beziehen das Büro, wenn das Netzwerk funktioniert“, sagt Chris voller Vorfreude. „Und es gibt Wasserkocher und Mikrowelle für die Lebensqualität.“ Er stellt die Stühle vor der Theke ab und bringt Kleinkram in die Küche. Ein dreitägiger Kurztrip habe ihn sich angenehm erholen lassen, sagt Chris, und bemerkt, dass man so etwas viel öfter machen sollte. Stimmt, selbst eintägige Kurztrips sind schon sehr hilfreich. Wie etwa der nach Goslar. Oder kürzlich war ich für ein paar Stunden an der Nordsee, in Butjadingen, habe mir von jemandem lebende Taschenkrebse auf die Hand setzen, auf dem Deich sitzend die Sonne ins Gesicht braten und im Restaurant gebratene Scholle servieren lassen. Das tat mindestens so gut wie mein zehntägiger Solo-Italienurlaub im Sommer, an den mich jetzt auch die steigenden Temperaturen wieder denken lassen. Das war eine wundervoll entspannende Zeit in Levanto, nur ein Dorf nördlich von Cinque Terre, zwar auch voller Touristen, aber nicht solcher ignoranten wie den Welterbespottern nebenan. Mal abgesehen vom Essen – viva la Wampe, mit Fischravioli, vegetarisch gefüllter Pasta mit Walnusssauce, einer Art Schupfnudeln mit hausgemachtem Pesto, Focaccia mit Anchovis (acciughe), Fischlasagne, Schwertfischsteak mit Pinienkernen, Feigeneis, Feigeneis mit Mandeln –, überraschte mich auch die Musik, die dort lief. Im nächstnördlichen Ort Bonassola etwa aß ich mittags einen gemischten Salat – Insalata mista, oder, wie ein Kellner in Levanto zu einem Gast sagte: „Insalata mistica“ – und weilte länger als gedacht, weil dort das komplette „Alice“-Album von Tom Waits lief. Bei knallender Sonne so düsterer Jazz, das war ein so passender Kontrast, dass ich nicht gehen mochte. Anschließend spielten die ein Live-Album von Bob Dylan, ein weiterer Grund zu Verweilen zwar, aber ich wollte näher ans Meer. Zurück in Levanto hörte ich am selben Tag im Vorbeigehen in einem Restaurant Johnny Cash. Unerwartet war auch das, was Straßenmusiker in der Gegend spielten. Ein paar Jugendliche mit Streichinstrumenten intonierten in Monterosso al mare unter anderem „Kashmir“ von Led Zeppelin. In Levanto gaben fünf alternativ aussehende Musiker ein akustisches Prog-Folk-Konzert mit mediterranen Instrumenten. Auf der CD, die ich ihnen sofort abkaufte, konnte ich nichts lesen – außer dem Bandnamen The Sailing Tomatoes war alles auf Griechisch geschrieben. Einen Abend später spielten die Lokalhelden Illustri Cugini vergleichsweise angepassten Alternative-Folkrock. Hat sich was mit Sommerhits. Aus den Gaststätten waren ansonsten eher 80er-Hits zu hören, die besseren gar, insbesondere natürlich Italo-Pop, darunter Raritäten wie „Happy Children“ von P.Lion, fantastisch. Und, was sie ständig überall spielten, von La Spezia bis Framura: „Get Lucky“ von Daft Punk. Ich mag den Song. Ich mag 70er-Disco-Musik, der man die Herkunft aus Jazz, Funk und Soul noch anhört, und Nile Rogers mit Chic war einer der Besten, ist es eben immer noch, wie auf „Get Lucky“ zu hören. Damit schloss sich zudem so etwas wie ein Kreis: Als ich vor 14 Jahren in der Toscana unterwegs gewesen war, war überall „Around The World“ vom ersten Daft-Punk-Album gelaufen. Das hatte ich gehasst, war ihm aber nicht entkommen. Abend für Abend mit den anderen vom Campingplatz hatte ich es hören müssen. Steter Tropfen ist aller Laster Anfang: Schon bald hatte ich das Lied geliebt. Und damit die Band. We‘re up all night to get lucky.

Jemand mit Gastroerfahrungen, der deswegen nicht namentlich genannt werden will, teilt an der Riptide-Theke eine Beobachtung mit mir, die ich höchst aufschlussreich finde. „Gastro-Regel“, sagt dieser Mensch: Alles ist sauber, aber neue Gäste setzen sich an den einzigen Tisch, der nicht abgeräumt ist. Egal, wo dieser Tisch steht: Es ist der unabgewischte mit Flaschen und Gläsern darauf, an den sie sich setzen. Warum nur? Ist es, weil ein ex-besetzter Tisch attraktiver sein muss als jeder andere? Oder ist es, wie Gast Franzi später mutmaßen wird, dass man als Gast weiß, dass auf jeden Fall ein Ober kommt, der abräumen will, und bei dem man dann gleich bestellen kann? Diese Beobachtung ist es jedenfalls wert, sie im Auge zu behalten.

Auf das neue Regal weist mich Chris hin. Das steht bei der Kaffeemaschine und birgt Gläsern Platz. Ich hätte gar nicht wahrgenommen, dass es neu ist. „So etwas wird notwendig, wenn das Glasregal nach sechs Jahren von einem Tag auf den anderen zusammenbricht und wir kein Geschirr mehr haben“, erläutert Chris wie beiläufig. Katastrophe! „Das war ein Polterabend“, untertreibt Chris. „Wir haben den Kaffee zwei Tage lang in komischen Gefäßen ausgeschenkt.“ Ich erinnere mich, das war mir auch widerfahren, als ich mal mit Arni hier war. „Aber jetzt haben wir beides wieder, Geschirr und Regal, und das selbstgebaut.“

Für mich ist es Zeit, zu gehen. Es steht noch einiges an. Auf dem Rückweg schaue ich noch bei Raute Records vorbei. Am Montag ist der Laden zwar geschlossen, aber wer weiß, vielleicht werkeln Uwe und Katrin ja trotzdem in sichtbarer Reichweite herum. Und siehe da, die Tür ist nicht verschlossen. „Montag ist Ruhetag“, donnert mir Uwe entgegen und wirft mich doch nicht hinaus. Trotzdem will ich weiter, noch ein bisschen den ostfälischen Sommer genießen. Bevor das endgültig eintritt, was ein Wolfsburger Piraten-Politiker in seinem Whatsapp-Profil schreibt: „Es ist Herbst. Alles stirbt ♥“.


Matze Bosenick
www.krautnick.de

#71 Champagner aus den Ardennen

15. September 2013


Samstag, 14. September

Wie man einen ohnehin einladenden Ort noch einladender macht, zeigt der Handelsweg heute. Die Gewerbetreibenden dieser kleinen Passage feiern unter dem Motto „Sedan-Bazar“ gemeinsam Sommerfest, und was diese kleine Feststellung bedeutet, ist in ihrer Großartigkeit kaum zu beschreiben. So gut wie alle Läden haben geöffnet, viele stellen ihre Waren in den Handelsweg, manche haben Gäste dabei, die ihrerseits etwas anbieten oder ausstellen, überall stehen Tische und Stühle, und im Achteck inmitten des Café Riptide ist genug Platz für Livemusik. Girlanden überspannen die Passage, Luftballons stehen senkrecht in den nicht wie erhofft klaren Himmel, ein riesiges Segeltuch hält viele Draußensitzende trocken. Und wer seinen Laden nicht geöffnet hat, trägt in anderer Form zum Fest bei, wie man sich auf dem Handelsweg erzählt.

Trotz des nicht eben sommerlichen Wetters ist auf dem Handelsweg nur beschwerliches Durchkommen, gottlob. Durch die Glasfassade von Möbel Sander hindurch, an den belegten Tischen von Tante Puttchen und Bierteufel vorbei, ist Serges Laden gleich die erste Station mit Unvorhergesehenem. Vorhersehbar ist vielleicht die große Zahl an Leuten, die bei ihm sitzen; nicht aber, was einige von ihnen tun: Jakob ist unter ihnen, er spielt Akustikgitarre. Ein weiterer Jugendlicher bläst die Posaune, ein deutlich Älterer spielt Mundharmonika. Zusammen machen sie Jazz. Serge wispert verschwörerisch, dass das Methode sei, eine Masche von ihm, Vorsatz: „Leute zusammenziehen, die sich nicht kennen, Alt und Jung.“ Sie nicht nur zusammenzuziehen, sondern auch spontan und ungeplant zusammen kreativ sein zu lassen, ist die hohe Kunst, der man außerhalb von Szeneläden wie der Bassgeige oder Barnaby’s Blues Bar in Braunschweig eher nicht begegnet. Serge behält sein verschwörerisches Lächeln bei und isst weiter von dem Salat, den er wohl im Riptide bekam. Stefan von Comiculture schlängelt sich an uns und den vielen anderen Gästen vorbei zu seinem Laden neben der Strohpinte. Ich folge ihm ein Stückchen.

Gegenüber bei Piou steht die Tür offen, Jenny steht an der Essensausgabe vom Riptide, im Achteck, gegenüber der Bühne, und hört wie viele andere Gäste den beiden Musikern mit schwarzen Dreadlocks zu, die dort mit E-Gitarre und Cajón eine Art Reggae machen, den chilligen Soundtrack zum Event. André übernimmt eben den Posten an der Ausgabe und verteilt Bratwurst, Burger, Salat und mehr an die Hungrigen, alles vegan. Chris und Raze sind unter den Zuhörern, sie nehmen Schlucke aus ihren Getränkeflaschen. Die beiden Musiker seien nur eine Nacht lang in Braunschweig und stammen aus Brasilien, berichtet Chris. „Ganz spontan“ schoben sie sich in die Liste derer, die an der Rip-Lounge zu jeder vollen Stunde Programm machen. Sie gehören zu einer Capoeira-Gruppe, es sind noch mehr im Handelsweg unterwegs, Chris ist beeindruckt davon, dass einige über 50 Jahre alt sind und trotzdem diese hochanspruchsvolle Sportart ausüben. Der eine, den Chris meint, macht gerade Fotos von seinen musizierenden Freunden. Er steht an dem Tisch, an den Torben sich jetzt setzt, mit zwei Gläsern Whisky, eines gibt er seinem Begleiter Leif. „Was ist das für einer?“, fragt der. „Irgendwas mit Tullamore“, sagt Torben. „Das ist in Ordnung“, sagt Leif.

Den Whisky hat Torben aus dem Riptide, in dem heute außer den beiden Chefs noch Anne, Moni und Nina die Wünsche der Gäste erfüllen. Bei dem Andrang ist die Übervollbesetzung auch nötig, alle haben mehr als gut zu tun. Eine Mitarbeiterin ist noch da, eine zweite Nina, aber heute nicht als Mitarbeiterin, sondern mit einer Schmuckkollektion, die sie mit ihrer Schwester Svenja unter dem Namen „Lütt Lütt“ designt. Nina ist gerade mit Jenny im Gespräch, die sich jetzt aber wieder in Richtung Piou verabschiedet und grinsend ein „ich habe Kuchen gebacken“ zurücklässt. „Und wie viel Kuchen“, ergänzt Nina anerkennend. Sie steht neben dem Eingang zum Riptide an einer Pinnwand, in der Nadeln stecken, die Ohrringe paarweise halten, und einem trockenen Geäst daneben, an dem Ketten hängen. „‘Lütt Lütt‘ ist unser kleines Mini-Schmucklabel“, erklärt Nina. „Da ich hier arbeite, dachte ich, ich nutze die Chance.“ Abends, so sagt sie, sitzen Svenja und sie zusammen und entwerfen diverse Schmuckstücke. „Wir verwerfen auch viel“, sagt sie und zeigt auf die Pinnwand, „aber das kommt dabei heraus.“ Svenja und Nina kaufen unterschiedliches Material, „uns wir versuchen, uns etwas einfallen zu lassen“. Das sei „schwierig“, weil sie doch unterschiedliche Meinungen hätten, aber: „Wenn einer es schön findet, dann schafft es es auch hierher.“ Schließlich seien die Geschmäcker ja auch bei den Kunden so unterschiedlich wie bei den beiden. Nicht nur Ohrringe, Ketten und Armbänder stehen zum Verkauf, auch veganen Lipbalsam bieten die beiden neuerdings an. Erhältlich ist die „Lütt Lütt“-Kollektion „im Moment nur im Riptide“, sagt Nina. Aber sie haben eine Emailliste angefangen. Mit Blick auf die Flaneure, Sitzenden und Musizierenden strahlt Nina untertreibend, aber mit leuchtenden Augen: „Das Fest ist voll schön, ich habe mich sehr darauf gefreut, es ist sehr ansprechend.“

Je weiter in Richtung Martino-Katharineum ich gehe, desto mehr Tische säumen die Schaufenster der nächsten Läden. Das ist vor der Einraumgalerie so, vor dem Second-Hand-Modeladen Fifty Fifty, selbst vor Comiculture. Ein großer Schirm überspannt die Auslegware, die nicht zwingend auch an Wochentagen in den jeweiligen Geschäften erhältlich ist, weil überall Gäste das Programm ergänzen. Die Tische der Strohpinte mischen sich wie immer in das Mobiliar und das Getränkekonsumverhalten. Wie alle Geschäftsbetreiber ist auch Stefan von der Einraumgalerie mit dem Fest mehr als zufrieden. Er drückt es so aus: „Wir haben die Viererkette gut aufgestellt, hinten steht die Null, die Resonanz hat uns überwältigt, alles ist gut.“ Oder, wie er es dann beschreibt: „Es ist super, ich find’s gut – und trotz der vielfältigen anderen Aktivitäten, die es heute in der Stadt gibt, haben wir richtig viele Leute hier.“ Und was nicht alles noch los ist: Der „Tag der Sitzgelegenheiten“ in der Friedrich-Wilhelm-Straße ist um diese späte Nachmittagszeit bereits vorbei, der vegane Markt auf dem Platz der Deutschen Einheit, also vor dem Rathaus, läuft noch, ebenso das fünfte Kulturschaufenster im Madamenweg. Das Improtheater „Jetzt & Hier“ tritt später noch auf. Und selbst das ist nur ein Auszug aus dem Programm heute.

In der Einraumgalerie läuft eine neue Ausstellung, „die haben wir gestern eröffnet“, sagt Stefan. Christian Niwa zeigt Fotografien, die er digital bearbeitete, und zwar nimmt er von einen Architekturansichten einen horizontalen Strich und zieht den zur Seite weg, sodass daraus unendliche Linien werden, die sich an die fotografierten Gebäude anschließen, aus ihnen also beinahe herauswachsen. „Die Wiederholung ist sein Ding“, bemerkt Stefan. „Unsere nächsten Ausstellungen ist alles Fotografie, was jetzt kommt“, stellt er fest. Etwa die Sachen von Sonja Wegener, die mir wie aufs Stichwort eine Postkarte in die Hand drückt: „Hier, eine Einladung“. Ihre Werke sind am 12. und 13. Oktober in der Reihe „Kunst… Hier und jetzt“ in der Einraumgalerie zu sehen. Das ist eine Veranstaltung, bei der alle zwei Jahre diverse Ateliers in Braunschweig öffnen, höchst interessant jedes Mal, initiiert vom Konsumverein, sagt Stefan. Und: „Sogar ein Künstler aus Osnabrück ist heute gekommen.“ Vacek nämlich, eigentlich Frank Marek, der seinen Spitznamen von dem polnischen Klavier-Duo „Marek & Vacek“ hat. „Der macht so Fußballsachen“, sagt Stefan und deutet auf drei kleine Leinwände, die auf dem Boden stehen und von denen eine Paul Breitner im Eintracht-Trikot zeigt. „Der hat auch hier mal ausgestellt“, sagt Stefan. Nicht als einziger Gast dieses Festes: „Femi ist als Künstlerin hier, Johanna auch – es sind viele heute hier, die bei uns schon in der Galerie waren.“ Femi Baumbach unterhält sich gerade draußen mit einigen anderen von der Galerie. „Johanna Schott ist die Freundin von Jens Müller“, sagt Stefan. Den kenne ich, zumindest per Email, der ist Pressesprecher bei Undercover. Stefan weiß: „Der macht das Restorchester mit Sascha Dettbarn, die haben auf dem Magnifest und hier auch schon gespielt, ihre CD-Premiere bei der Finissage von Jens und Johanna.“ Stefan kommt aus dem Schwärmen gar nicht heraus und erzählt noch von der Live-Street-Art, die Till „draußen“ macht, „darauf sind die Kids ganz heiß“, und auch Till war schon in der Galerie.

Bei Fifty Fifty komme ich kaum bis an die Kasse, so viel ist hier los. An fast allen Kleidungsständern stöbern Leute in der Ware. Inhaberin Marion überlässt das Bedienen kurz ihren Mitarbeiterinnen und gönnt sich etwas zu essen. „Superlecker, vegetarische Cevapcici und vegetarischer Salat, vom Riptide“, sagt sie und führt die Gabel erneut mitten hinein in die Leckereien auf ihrem Teller. „Heute ist es superbombe“, freut sie sich über das Sommerfest, „es hat eine ganz tolle Atmosphäre.“ Ihr Laden beteiligt sich mit einigen anderen aus der Passage an einer Spendenaktion, „Motto: Den Preis bestimmst du.“ Auf ihren Tischen draußen hat sie Second-Hand-Ware, „die Kunden entscheiden, was sie dafür bezahlen, und den Erlös spenden wir für krebskranke Kinder“, erklärt Marion. Die Kleidungsstücke stammen von Kunden, die ihre Ware nicht wieder abgeholt haben, „Kommittenten, die Second-Hand-Ware hier abgeben.“ Was heute übrigbleibt, spendet Marion dann wiederum an Oxfam. Wer nicht ständig vor Ort auf das Angebot bei Fifty Fifty aufmerksam wird, den informiert die Inhaberin über Facebook, „was hier los ist“. Ihr Sortiment sei grundsätzlich sehr gemischt, betont Marion, es sei für jeden etwas dabei, denn: „Ich gehe nicht nach Menschen, ich suche nach schön aus.“ Auch Musterkollektionen aus der aktuellen Saison biete sie an, „für fast 50 Prozent weniger, man kann hier Schnäppchen machen“. Ein Stück veganen Cevapcicis nimmt kurz ihre Aufmerksamkeit in Anspruch. Die Reggaemusik ist immer noch zu hören. „Wichtig ist, dass die Leute sich hier wohlfühlen und ein entspanntes Shopping-Erlebnis haben“, sagt Marion. „Ich habe auch immer etwas zu trinken da – man muss schon mit Zeit herkommen und in Stöberlaune sein.“ Das teilt ihr Laden auf angenehme Weise mit vielen in der Passage. Neuware haben sie auch, sagt Marion, „ein dänisches Label habe ich drin, das achtet sehr auf schadstoffarme Kleidung“, wenngleich alle Labels das tun müssten, aber jenes täte das noch genauer.

Im Februar ist Marion mit Fifty Fifty zwei Jahre im Handelsweg, ich kenne den Laden abgesehen vom Vorbeigehen ins Riptide lediglich von der Kinowerbung vor Sound On Screen. Marion verschluckt sich fast vor Begeisterung für diese Filmreihe von Riptide und Universum-Kino. „Ich bin ansonsten bei jeder Veranstaltung im Ritpide danach“, sagt sie. Die Filme selbst könne sie seltener sehen. „Aber Sound On Screen sponsere ich so gerne.“ Das ist ein schöner Beleg für die Heterogenität hier im Handelsweg. Marion nickt und gibt weitere Beispiele: „Die Männer gehen in den Comicladen, die Frauen kommen zu mir.“ Es wird noch enger, das Netz: „Stefan von Comiculture kenne ich von früher vom Flohmarkt, und Stefan von der Einraumgalerie hat Fotos auf meiner Hochzeit gemacht.“ Ihr Teller ist jetzt leer. „Mittlerweile sind wir wirklich eine große Familie.“

Am Ausgang des Handelswegs bietet Till seine Live-Street-Art nicht mehr an, aber Olaf Lupin zeigt unter einem großen Schirm vor Comiculture seine Kunst und Andrea betreut noch die Buttonmaschine. Die Kinder an dem Tisch sehen fast so bunt aus wie die Kartoffeldrucke, die sie gestalten und zu Buttons machen. „Ich habe Stoffe geschnitten, wir drucken darauf und daraus werden Buttons gemacht“, erklärt Andrea. Sie schwärmt: „Die Leute haben echt schöne Sachen geschnitzt, Katze, Smiley“. Sie zeigt die Kartoffelhälften mit den entsprechenden Mustern, die sich in Blau, Rot, Grün vom Gelb des Kartoffelkörpers abheben. „Hier“, ein Button an ihrer Jacke zeigt einen Smiley auf geblümtem Stoff. Eine Kinderschmink-Aktion habe es auch gegeben, sagt Andrea, und zeigt auf das Rankenmuster an ihrer Schläfe. „Das ist frugale Malerei“, sagt sie. Während sie die Druck- und Button-Utensilien allmählich zusammenräumt, schwärmt sie weiter: „Es ist sehr schön hier, das Fest ist gelungen, es sind viele Menschen hier und es ist abwechslungsreich.“ Irgendjemand schiebt plötzlich einen formatfüllenden Anhänger vom Passageneingang aus an ihren Tisch. „Das ist die Band für die Strohpinte“, stellt Andrea erfreut fest. „Up‘n Down!“

Die Musiker schleppen ihr Equipment an Comiculture vorbei in Helmuts Kneipe. Der steht am Eingang neben der Kiste mit gebrauchten CDs, die er verkauft, und begrüßt die Band herzlich. „Das Fest ist doch in Ordnung“, sagt Helmut und unterdrückt mit viel Mühe seinen Impuls, seine Begeisterung nicht zurückzuhalten. Einzig: „Scheißwetter war.“ Den Schleppenden klopft er auf die Schultern. „Es spielt eine Superband noch heute“, stellt er klar. „Up‘n Down, Spitzenband.“ Um die kümmert er sich jetzt und kehrt in die Strohpinte zurück.

Im Achteck hat Schepper inzwischen die beiden Brasilianer abgelöst. Der vielseitige Viersaitige weiß sein Publikum mitzureißen, auch mit seiner nicht eben massentauglichen Musik. Die Leute zollen ihm Respekt und feiern die schweren progressiven Stücke. Vom Riptide-Grill aus höre ich Schepper zu. Lennart lehnt im Türrahmen, Gerald vom Nexus kommt dazu. „Hunger?“, fragt ihn André von der anderen Seite der Essenstheke aus. „Ich lad dich ein.“ Gerald stellt sein Getränk ab: „Na, gerne!“

Nicht nur als Musiker, auch als Bassstammtisch-Initiator im Riptide sowie Mitglied und Moderator im Eiko-Verein ist Schepper aktiv. Der Eiko-Verein steht im Zentrum des nächsten Silver Clubs am kommenden Samstag. „Eiko? Unser Sohn heißt so“, sagt Hanne mit Blick auf den Silver-Club-Flyer in ihrer Hand irritiert. Sie und ihr Mann Peter sitzen an einem der Tische und hören Schepper zu. Eiko sei ein ostfriesischer Name, sagt Hanne. Sie zeigt auf Peter: „Er ist auch ein alter Musiker, bei What’s Up oder Bamautzky.“ Peter ist Bassist, deswegen konzentriert er sich mehr auf Scheppers Spiel als auf die Unterhaltung. Von der Eiko-Show „Musikschöpfungen“ indes hat auch Peter schon etwas mitbekommen: „Werner, der Gitarrist aus meiner Band, hat bei denen im Hansa gespielt.“ Redhouse heißt die Band, und wenn im Hansa, dann war das bei Eiko Goes Loud, was wiederum Schepper organisiert. „Und Werner macht die Jam-Session im Barnaby’s“, ergänzt Peter, bevor er sich wieder auf die Musik konzentriert.

Mit Obst guckt ein weiterer Bassist Schepper auf die Finger. Obst spielt unter anderem bei Splandit und hat mit dem Akustikskapunktrio auch schon einmal die Meute beim Silver Club so richtig zum Kochen gebracht. Bei Splandit gebe es Neuerungen, erzählt Obst, etwa einen neuen Schlagzeuger, der auch mal statt des bislang üblichen Cajón ein echtes Drumset benutzt, und Obst selbst hat angefangen, Kontrabass zu spielen. Er zeigt grinsend die Blasen an seinen Fingerkuppen. Ein neues Album gibt es von Splandit aktuell noch nicht. „Wahnsinn, was der macht“, sagt Obst wieder mit Blick und Gehör auf Schepper. Er seufzt: „Das mit dem Tappen – da kann ich mir einige Bass-Skills abgucken.“ Am Freitag spielen Splandit im Americano, kündigt Obst an: „Es macht neu auf, mit neuem Betreiber.“ Das sei derselbe Betreiber wie von der Luke 6, und dort arbeitet der neue Splandit-Drummer. Außer Splandit spielen noch zwei Bands im Americano. Auch seine Aufmerksamkeit richtet sich schnell wieder auf Schepper.

Der spielt alte und neue Stücke, solche von seinem neuen Album „Bass Trip“, das gerade seit einer Woche draußen ist, solche von seiner ersten CD „Plus Bass“ und auch solche, die auf keinem der beiden Tonträger zu hören sind. Der „Bass Trip“ ist wunderbar. Scheppers Spielzeit ist jetzt eigentlich abgelaufen, aber die Leute fordern Zugaben. „Soll ich noch eins spielen?“, fragt er grinsend. Sicher, niemand will ihn gehen lassen. Also nimmt er sein Instrument in Anschlag, spielt eine Linie, tippt mit dem Fuß auf ein Pedal und macht dann das, womit er immer die Lacher auf seiner Seite hat: Er nimmt die Arme hoch und die Musik läuft weiter. „Du spielst ja gar nicht“, schallt dann auch der übliche erheiterte Ruf aus dem Publikum. Zwei, drei weitere Bassläufe programmiert Schepper ein, bevor er den Song mit seinem Gesang und einer Bassmelodie abrundet. Das war jetzt aber wirklich das letzte Lied, die nächsten Musiker warten auf ihren Auftritt. Während Schepper sein Instrumentarium zusammenfaltet, nähert sich ihm Tilda. Die Dreijährige reicht ihm einen Grashalm. „Weil du das so schön gemacht hast“, sagt sie verschämt, aber stolz. „Den darfste nicht verlieren.“ Schepper ist überwältigt. Sein Pedalbrett ist mit Kunststoffblumen dekoriert, eine davon nimmt er ab und gibt sie Tilda. „Siehst du“, sagt ihre Mutter, „Es ist gut, dass du den Mut hattest.“

Mit dem waghalsigen Unterfangen, sein Fahrrad durch den Handelsweg zu bekommen, erscheint Dirk in der Menge. „Ich will eigentlich zum Kulturschaufenster“, sagt er. Der attraktive Betrieb im Handelsweg lässt ihn sein Vorhaben überdenken. Er winkt ab: „Lassen wir uns mal überraschen, was der Tag noch bringt.“


Matze Bosenick
www.krautnick.de

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Handelsweg 11
38100 Braunschweig

Telefon: 0531/ 2254177

E-Mail: info@cafe-riptide.de

Die Buslinien 411, 412, 416, 418, 422 und 443
halten am Altstadtmarkt

Öffnungszeiten ab dem 1.Mai 2019:
MO: Ruhetag
DI + MI: 16.00 bis 23.00 Uhr*
DO – SA: 12.00 bis 1.00 Uhr*
SO:  geschlossen!

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