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#148 Denksportgruppe Nowak

16. Januar 2020


Mittwoch, 15. Januar 2020

Die Ereignisse holten mich während des Quizabends ein. Erschütternd genug, soll es jetzt zunächst um das Sonnige dieses dunklen Abends gehen.

Mitgefangen! Bastian Till vom Kurt-Magazin aus Gifhorn hatte die Idee, Arni und mich als seine Braunschweiger – und Ex-Gifhorner – Mitstreiter zum Kneipen-Quiz im Riptide zu verpflichten, und lud noch zwei uns beiden unbekannte Gifhorner dazu, das Quintett zu vervollständigen. Mit diesen beiden, Kristin und Harald, einigten wir uns im Vorfeld via Whatsapp – gegen die Einzelstimme des Nachnamensträgers – für die Gruppenbezeichnung „Denksportgruppe Nowak“, trotz attraktiver Alternativvorschläge wie „K-BAHM“ oder „Insanitäter“; so ließ sich die Aktion also schon im Vorfeld vielversprechend an. Der arme Arni geriet damit indes in einen Interessenkonflikt, denn der Illustratorenstammtisch hatte seinerseits seine Teilnahme am Quiz kundgetan, und als Mitglied desselben wäre er eigentlich auch dort eingesetzt gewesen, aber wir blieben geschlossen bei unserer Südheideverbindung.

Dennoch gesellen Arni und ich uns zunächst zum Illustratorenstammtisch, besser: zu Ben, dem Initiatoren und zurzeit noch einzigen Mitglied, das hier im Riptide anwesend ist. Nach und nach trudeln weitere Illustratorinnen ein, nur unsere Denksportgruppe nicht. Einige resümieren Kneipenquizerfahrungen, andere haben noch gar keine; Roberta und ich erinnern uns an das Pub Quiz im Wild Geese, damals, als noch nicht jeder das Internet mit sich herumtrug und das Höchste des Mogelns noch eine heimlich abgesetzte SMS war. Damals gab es auch nicht nur Wissensabfragen, sondern auch Aktionsfragen wie „Wie viele Seepferdchen befinden sich an dem Brunnen auf dem Altstadtmarkt?“, für deren Beantwortung jede Quizzergruppe einen Abgeordneten auf den Platz abkommandierte. Seitdem weiß ich überhaupt erst, dass sich Seepferdchen an dem Brunnen befinden. Quizzen bildet also. Eine andere Illustratorin berichtet von einem Afrika-Quiz, das die Ingenieure ohne Grenzen im Riptide veranstalteten und das sie mit einer Germanisten-Gruppe gewann. Und von der Smartphone-App Quizduell ist kurz die Rede, da teilt Gerrit auch schon die Antwortbögen aus.

Gerrit ist heute der Quizmaster, und er ist dies überhaupt erst zum zweiten Mal beim Riptide-Quiz, nach seinem Einstand im Oktober, als er den Haupt-Quizmaster Sven erstmals vertrat. Gerrit sammelte seine Quizmastererfahrungen vornehmlich privat, und in einem solchen Rahmen sprach ihn Chris einmal darauf an, ob er sich als Einspringer einbringen wollen würde, und Gerrit sagte erfreut zu. Mit einer Einschränkung: „Mein Quiz ist aufwändiger als Svens“, deshalb stünde er leider nicht monatlich zur Verfügung. Was das zu bedeuten hat, erfahre ich ja gleich, wenngleich ich auch Svens Quiz nicht kenne.

Nun trudelt die Denksportgruppe Nowak auch endlich vollständig ein, inklusive der druckfrischen Kurt-Ausgabe. Harald und Kristin entern das Sofa, Bastian Till, Arni und ich hocken uns auf die Würfel davor. Sämtliche Tische um uns herum sind mit Quizgruppen belegt, maximal fünf Ratende stark dürfen diese sein. Während Kristin uns noch kollektiv dazu verführen will, Kurze zu trinken, versucht Imke, unsere Bestellung aufzunehmen, die zunächst aus vier Wolters und einer Limonade besteht. „Hast du die Kurzen auch?“, fragt Kristin. Imke entgegnet: „Ich habe den Ruf gehört, das aber nicht als Bestellung aufgefasst.“ Das ändert sich nun, Kristin ordert vier Mexikaner und Arni für sich einen Tullamore Dew. Außerdem möchte Bastian Til einen Gin Tonic trinken und entscheidet sich bei der verfügbaren grünen Zutat für Gurke, nicht für Limette. Er strahlt: „Ich hab Saufbock, und ihr?“ Arni zuckt die Schultern: „Ich bin nur zum Spaß hier.“

Die Zettel mit den Antwortmöglichkeiten liegen nun auf den Tischen, Gerrit bittet uns, einen „schmissigen Gruppennamen“ darauf zu notieren, und erklärt den Ablauf. Sechs Runden sind vorgesehen, davon drei mit Fragen, zwei mit Bildern und eine mit Musik sowie einer Pause nach drei Runden. Enttäuschtes Jaulen folgt auf seinen Hinweis, es gebe „keine Humorpunkte bei mir mehr“, anders als noch im Oktober sowie bei Sven, denn „das ist viel zu subjektiv“. Er empfiehlt dennoch: „Raten ist immer gut, besser raten als nichts hinschreiben.“ Sobald nach Personen gefragt sei, reichten Nachnamen aus, bis auf bei gekennzeichneten Ausnahmen. Außerdem ordnet er den Abend einem Thema unter: Farben, weil der Januar dunkel und grau sei. „Alles hat irgendwas mit einer Farbe zu tun“, sagt Gerrit, „wenn in der Frage keine Farbe vorkommt, dann in der Antwort.“ Aha! Gut zu wissen.

Und los geht es. Bastian Till notiert unsere Antworten. Welcher Farbstoff ist dafür verantwortlich, dass Blätter grün werden? Wir grübeln in der Gruppe. „Pfefferminz“, schlägt Arni vor. „Pfeffi!“, jubelt Bastian Till, und fragt dann laut: „Der Nachname reicht, ja?“ Klar: Westernhagen. Nach sieben solcher Fragen teilt Gerrit Zettel aus mit Bildern darauf sowie weiteren Fragen dazu. Nicht über Power Point, das gefällt mir. Obwohl Harald dafür mit Blick auf den Glitterball unter der Decke eine gute Lösung hätte: „Über die Kugel projiziert, die dreht sich ja mit.“ Ab jetzt übernimmt Kristin das Schreiben für uns. Bei den Antworten hilft uns der Hinweis mit der Farbe definitiv oft aus der Patsche, so manche schnelle Lösung überdenken wir mit diesem Hinweis. Bastian Till ist skeptisch: Bei der Frage nach einem abgebildeten Himmelskörper sei weder in der Frage noch in der Antwort „Mars“ eine Farbe untergebracht. Doch, er ist doch der Rote Planet. Der Groschen fällt bei ihm laut.

Als nächsten Block teilt Gerrit Textfragen aus, anstatt sie vorzulesen, und gibt uns Quizzenden für die Lösung sieben Minuten Zeit. Die Fragen drehen sich um das Spezialthema Schwarz-Weiß. Während wir an den Antworten knobeln, sinniert Bastian Till darüber, dass nach seinen Erfahrungen sowohl solche Kneipen-Quiz-Veranstaltungen als auch die Fragen vornehmlich männlich dominiert seien. Mit Blick auf die Schwarz-Weiß-Zettel vor uns halte ich mit unseren soeben notierten Lösungen Brooke Shields, Ulrike Meinhof und Rosa Parks dagegen. Auch Harald bemerkt dazu: „Im Baader-Meinhof-Komplex sind beide Geschlechter gleichwertig vertreten.“ Bastian Till nickt und beugt sich noch verschwörerischer zu uns: „Als ich in Gifhorn als Bürgermeister kandidierte, sollte ich einen Fragebogen für die Zeitung ausfüllen, da hab ich sie als politisches Vorbild angegeben.“ Wen, Ulrike Meinhof? Er lacht lauthals: „Ja, die habe ich dann aber wieder durchgestrichen und Rosa Parks hingeschrieben.“

Pause. Gerrit sammelt die Antwortbögen ein. Nach einem notdürftigen Abstecher in die Rip-Lounge gegenüber blickt sich Kristin im Café um und teilt Bastian Till mit: „Ich glaub, ich war doch schon mal im Riptide.“ Der stutzt: „Hast du das am Badezimmer erkannt?“ Kristin wischt den Einwand beiseite und wühlt in ihrer Erinnerung. Ein Treffen mit einer Gruppe in der Lounge kommt dabei zum Vorschein, im Rahmen einer unbestimmten anderen Aktion. „Weißt du, wo die Tourist-Information ist?“, fragt sie Bastian Till. Der wehrt ab: „Nein. Ich war noch nie als Tourist in dieser Stadt.“ Während Emil nun weitere Bestellungen von uns aufnehmen möchte, murmelt Bastian Till noch etwas davon, dass er Kneipen „am Badezimmer erkennen“ könne. Kurz vor Küchenschließung geben Harald und Kristin noch Speisen bei Emil in Bestellung, Hotdog und Fladenbrot, sowie eine weitere Runde Bier für alle. Bastian Till guckt in sein Gin-Glas: „Brauche mir nix zu essen zu bestellen, hab ja noch Gurke.“

Die Teilnehmer sammeln sich nun wieder, denn Gerrit läutet zur zweiten Halbzeit. „Ich bin beeindruckt“, stellt er nach dem Austeilen der korrigierten Antwortzettel fest. „Entweder sind alle Gruppen gut oder meine Fragen schlecht“, sagt er, denn die Teams seien nicht nur makellos, sondern auch weitgehend gleichauf: „Eine Gruppe hat sogar die volle Punktzahl.“ In unserer Denksportgruppe stellen wir fest, dass niemand von uns die Fragen hätte allein beantworten können. Brooke Shields! „Nicht meine Zeit“, sagt Bastian Till, Arni nickt dazu und Harald fragt ihn: „Wann war denn deine Zeit?“ Arni antwortet: „Ich warte eigentlich darauf, dass die noch kommt!“

Während Gerrit die korrekten Antworten durchgibt, bekommt Emil die nächste Bestellung von Bastian Till: „Fünf Mexikaner!“ Denn: „Ich habe gesagt, wenn die Frage falsch ist, gebe ich die aus.“ Er war sich nämlich sicher gewesen, dass die blauen Pferde von Paul Klee waren, doch Gerrit gibt soeben Franz Marc als Lösung an. „Harald hat es gesagt“, ruft Kristin, doch es hilft ja nichts.

Bei der nächsten handelt es sich um eine Musikrunde, mit der Besonderheit, dass wir zwar Songtextauszüge bekommen, zu denen wir Interpret und Titel zu nennen haben, aber dass Gerrit diese Auszüge auch noch selbst singt. Was uns tatsächlich hilft, weil wir manche Lieder erst an der Melodie erkennen. Den „Goldenen Reiter“ von Joachim Witt singen die Quizzenden ringsum kurzerhand mit. Bei zwei Songs müssen wir trotzdem passen, die sagen uns gar nichts. Dann teilt Gerrit wieder Bilderzettel aus. Ein Bild zeigt den Roten Baron, wir grübeln, wie der wohl richtig hieß, und kommen bald auf Richthofen, fragen uns aber nach dem Vornamen. Arni kennt ihn: „Baron von.“ Superheldenfilme liegen nicht allen von uns, Fußballfragen beantworten wir auch eher nach Gefühl, Harry Potter ist eher ein Spezialthema für Einzelne aus der Runde. Dann stellt Gerrit wieder offene Fragen an alle: „Welcher Künstler ist für seine Blaue Periode bekannt?“ Das weiß Bastian Till: „Harald Juhnke.“ Zwei Fragen drehen sich um Körperteile, Gerrit fragt nach dem Gelben Fleck und nach dem Gelbkörper. „Ich weiß, wo der gelbe Fleck sich bei manchen Leuten befindet“, sagt Harald, und Bastian Till konkretisiert: „In der Unterbüx?“ Auf allgemeine Bitte wiederholt Gerrit die erste Frage: „Wo befindet sich der Gelbe Fleck?“, und Bastian Till schlägt vor: „Wollen wir mal nachgucken?“

Sämtliche Antworten sind notiert. Eigentlich ist das Quiz nun beendet, aber Gerrit sieht noch etwas Zeit übrig und schlägt eine weitere Musikrunde vor, nur dieses Mal ohne ausgeteilte Texte. Er singt und wer als erstes „Stop“ ruft, bekommt die Möglichkeit, Interpret oder Titel zu sagen und für beides jeweils einen Punkt zu sammeln. Wer eines nicht weiß, reicht die Chance auf den anderen Punkt an eine andere Gruppe weiter. Ein „Battle“ gewissermaßen, sagt Gerrit, und droht für Falschnennungen sogar Minuspunkte an. Bastian Till guckt uns an: „Spielen wir jetzt auf Sieg oder einfach nur gegen die anderen?“

Mit den anderen, klar. Gerrit singt und aus einer Ecke ertönt ein „Stop“. „Schwarz zu blau“ von Peter Fox war aber die falsche Antwort, und weil es dafür ja Minuspunkte gibt, will Gerrit von der Antwortenden an dem üppig gefüllten Tisch genau wissen: „Gehörst du zu der Gruppe oder zu der?“ Bastian Till antwortet für sie pragmatisch: „Wenn’s falsch war, zu denen!“ Den nächsten Song erkennt Harald nach einer Zeile: „Lady In Red“ von Chris de Burgh, und er fügt auch hinzu, dass ihm das peinlich ist, dass er uns aber den noch schlimmeren Refrain ersparen wollte. Wir danken es ihm. Von Rammstein ist das nächste Lied, rät jemand neben uns, doch so, wie Gerrit es anstimmte, dachte ich zunächst an Roland Kaiser, doch der Punkt geht tatsächlich an Rammstein.

Das Quiz ist nun vorbei. Gerrit sammelt wieder alle Antwortbögen ein und begibt sich damit in Klausur, legt aber noch als Bonus zum Selbstknobeln einen weiteren Bilderzettel aus. „Wir wollen noch Biere“, sagt Bastian Till zu Emil. „Wie viele?“, fragt der, und auf Bastian Tills „vier“ wehre ich ab, ich muss morgen früh raus und weiß, dass das vierte nicht für Kristin vorgesehen ist, die sich anders labt. Doch der Chef insistiert kopfschüttelnd: „Vier.“ Also gut. Harald murmelt Emil nach: „Für mich auch vier.“

In der Pause vor der Siegerehrung widmen wir uns dem dritten Bilderzettel. Ein Bild zeigt einen gezeichneten roten Stier, und Kristin ist überzeugt, dass der aus „Das letzte Einhorn“ stammt, was dazu führt, dass sie und Harald „The Last Unicorn“ anstimmen. Uns ist dabei jedoch nicht klar, was das mit einer Farbe zu tun hat. Deshalb schlägt Bastian Till hell strahlend einen anderen Titel vor: „Ich weiß: ‚A Clockwork Orange‘, ich hab das nämlich verstanden mit den Farben!“ Derweil ermittelt Kristin bei IMDB.com, dass ihre Antwort sehr wohl stimmt. „Üni ist ja auch eine Farbe“, bemerkt Bastian Till. Die beiden bunten Tentakel auf einem der Bilder stammen aus dem alten Computerspiel „Day Of The Tentacle“, und Arni erinnert sich an den Titel des ersten Teils: „Maniac Mansion!“ Auch da ist nirgendwo eine Farbe drin, aber Harald erkennt das Konzept: „Es sind bunte Bilder.“ Gerrit erklärt uns später, dass der Stier tatsächlich „Roter Stier“ heißt und dass die Tentakel „Purpur“ und „Grün“ genannt werden.

Wie nun aber kommen Kristin und Harald überhaupt in diese Runde? Die beiden kennen sich aus der Schulzeit von vor rund 20 Jahren, da war er ihr Lehrer, „und Kristin erkannte mich nach 17, 18 Jahren wieder“, erzählt Harald. Und das war in einem Chorprojekt, an dem sie beide teilnahmen. Kristin nun sah jüngst bei Facebook, dass Bastian Till auf die Veranstaltung zum Quizabend mit „interessiert“ reagiert hatte: „Das fand ich interessant“, so kam diese Denksportgruppe also zustande.

Nun steigt die Spannung, denn Gerrit kehrt mit den Zetteln zurück und gibt zunächst die richtigen Antworten preis. Manfred heißt er, der „Baron von“! Der Gelbe Fleck befindet sich im Auge, genauer: auf der Netzhaut, und Harald bemerkt mit süffisantem Seitenblick: „Einige von uns haben’s gestrichen.“ Alles ist durchgesprochen, jede Gruppe macht sich im Geiste Striche an den ausgefüllten Antwortbögen, die Gerrit nun bis auf die der ersten drei Plätze an die entsprechenden Gruppen zurückgibt. Dazu ruft er deren Namen auf: „Wer waren ‚Die fünf Fragezeichen‘“, er wendet sich an den Tisch neben sich: „Hier?“ Bastian Till deutet irgendwohin: „Nee, die zwei da!“

Zu unserer Überraschung bekommen wir unser Blatt noch nicht ausgehändigt. Wir Chaoten unter den ersten drei Plätzen? Absurd! Für die drei Besten hat Gerrit „Süßigkeitenschmankerl“ dabei, passend zum Thema Farbe eine Tüte Gummibärchen für den dritten Platz. Das ist: „Auskatzeichnet“, also das Team des Illustratorenstammtischs. Huch, immer noch nicht wir! Der Tisch neben uns und wir bleiben jetzt noch übrig. Gerrit tritt in die Mitte dazwischen. „Die haben von uns abgehört“, sagt Kristin vorauseilend rechtfertigend, und Harald ergänzt: „Die haben sogar Sachen gehört, die wir gar nicht gesagt haben!“ Doch Irrtum, nicht wir sind der Zweitplatzierte, sondern das Team nebenan, „#släuftin2020“!

Nicht zu fassen. Ausgerechnet! Wir kennen uns teilweise untereinander noch gar nicht, sind einigermaßen angeheitert und albern herum, haben also den bestmöglichen Spaß, den wir uns bei einem superspannenden Quiz im Riptide vorstellen können. Und dann gewinnen wir auch noch. Die Krönung! Wir bekommen Ritter Sport Minis von Gerrit, die wir untereinander aufteilen, sowie den Hauptpreis vom Riptide, einen Gutschein. Über dessen Verwendung sind wir uns relativ einig, Bastian Till fasst es mit Blick auf folgende mögliche Quizteilnahmen zusammen: „Wir sammeln die und drohen, sobald wir mal nicht gewinnen, lösen wir die ein!“

Wir sind erschöpft und glücklich. Echt, besser kann so ein Abend nicht sein. Dennoch bleibt bei den meisten an unserem Tisch ein Restdurst. Bastian Till blickt sich nach Emil oder Imke um und grübelt: „Ob die noch – ausschenken?“ Kristin versteht das Gemurmel nicht: „Ob die – was?“ Na: Optimal! Arni nickt: „Optimal rumkommen?“ Gelächter. „Wieso habt ihr Spaß?“, fragt Harald. „Das war vorwurfsvoll gemeint.“

Eine Sonne, dieser Abend. Eine notwendige Sonne im Dunkeln, und dieses Dunkle liegt leider nicht allein am Januar. Noch während des Quizabends erhielt ich die Nachricht, dass es für das Riptide an der jetzigen Adresse kurz vor dem 13. Geburtstag nicht mehr weitergeht. Ich bin erschüttert, ich kann mir ein Braunschweig, ein Leben ohne das Riptide nicht vorstellen. Mir ist der Ort so vertraut, und alles ist für mich immer noch so neu, so frisch, so eben gerade, dass ich selbst die mehr als zwölf Jahre nicht begreife. Geschweige denn das Ende des Riptide, wie wir es kennen. Je nun, blicken wir optimistisch in die Zukunft, und nehmen uns vor, mit der „Denksportgruppe Nowak“ noch so oft wie möglich beim Riptide-Quiz anzutreten.

Matthias Bosenick
www.krautnick.de

Fakebook

#147 Wünsch wem was

11. Dezember 2019


Dienstag, 10. Dezember 2019

So ein sonniger Herbsttag, da steckt man die Kälte bereitwillig mit in den Wintermantel. Oder geht einfach ins Riptide, dort ist es schön warm. Und angesichts der Adventszeit steht auch ein bunter Teller auf der Theke, mit Dominosteinen, Spekulatius, Mandarinen und anderen Keksen. Sehr einladend. André gibt in der Küche Geräusche ab, die sehr nach Essenszubereitung klingen, und Chris bestückt die Kühlfächer mit Getränken.

„Die Boardjunkies haben am Wochenende den 20. Geburtstag gefeiert“, erzählt Chris. „Und ich hatte die Ehre, dass ich dort auflegen durfte – ich habe ein krudes Set hingelegt.“ Die Feier fand am Samstag und nur für geladene Gäste in den Geschäftsräumen am Damm statt. „Das war eine besondere Stimmung, in der Fuzo war alles geschlossen, alles schwarz, eine düstere Stimmung, nur ein Laden war erleuchtet, mit einer Discokugel“, berichtet er. Das rief auch die Ordnungshüter auf den Plan: „Die Polizisten dachten, das wäre ein Einbruch.“ Der Damm ist die jüngste in einer Reihe von mehreren Adressen für den Skaterladen. Start war in Wolfenbüttel, berichtet Chris, der die Boardjunkies beinahe von Beginn an begleitet, ebenso wie für die Skaterhalle, Walhalla, „die mittlerweile auch in Braunschweig ist“. So läuft die Zeit: Ich erinnerte mich bei der Ankündigung des runden Geburtstags daran, wie ich seinerzeit am Ziegenmarkt von den Betreibern erfuhr, dass es die Boardjunkies seit 13 Jahren gab – und das ist auch schon wieder sieben Jahre her? De tid löpt.

Selbst konnte ich an den Feiern nicht teilnehmen, da ich an dem Wochenende meinerseits kulturell eingebunden war: Am Freitag debütierten wir mit Rille Elf bei den Stadtfindern, die ausnahmsweise nicht mobil ihre Kultur anboten, sondern stationär im Rebenpark; das machte uns Spaß und weckte bei mir freudige Erinnerungen an die beiden Silver Clubs, die wir auf dem Areal veranstaltet hatten. Und am Samstag war ich Teil von Toddns Lesebühne „Buchbauer Erntefest“ im Kufa-Haus, bei der ich die Ehre hatte, das Riptide literarisch zu repräsentieren. Das war ebenfalls ein großer Spaß und beinahe wie ein schreiberisches Familientreffen. Das Buch zum Ereignis indes war wegen weihnachtlicher Lieferengpässe nicht rechtzeitig fertig geworden, dafür liegen meine Exemplare exakt seit heute im Riptide für mich bereit. Juhu!

Während Chris mir die Bücher aushändigt und sie von der Liste streicht, stelle ich ihm als erstes die Frage, die ich heute allen Gästen stellen mag: Wenn du einen Wunsch für 2020 hast, wem würdest du was wünschen?

Chris: „Einem speziellen Mädchen einen guten Start in einer neuen Stadt.“ Genauer möchte Chris nicht sein, aber er hat noch Ergänzungen: „Ich wünsche dem Nexus alles Gute zum 15. Geburtstag, da war ich von Anfang an dabei, hab gemacht und gebaut, und jetzt wird es schon 15“, staunt er. „Und ich wünsche allen Menschen, dass die AfD nicht mehr gewählt wird und sich auflöst.“

An der Theke bestellen Jakob und Ella nun Tee und Kaffe. Deutlich ist am an der Zungenspitze gerollten R zu erkennen, dass die beiden nicht aus der Gegend sind. „Aus Mittelfranken“, bestätigt Jakob lachend. Da muss ich als Bayernbanause gestehen, dass ich zwar weiß, dass man Franken nicht Bayern nennen darf und dass Franken nicht einfach Franken sind, sondern, Ober-, Mittel- oder Unterfranken, aber welche Stadt jetzt in welchem Franken liegt, das merke ich mir nie. „Nürnberg“, sagt Jakob, und da war ich sogar auch schon einmal, in der Vorweihnachtszeit – aber Mittelfranken, das merke ich mir wohl nie. Bei den beiden handelt es sich um Mutter und Sohn, der im „wunderschönen Braunschweig“, wie er sagt, seine Freundin besucht und zu diesem Behufe seine Mutter kurzerhand mitbrachte. „Meine Freundin hat mir sogar schon mal das Riptide gezeigt“, erzählt er; für ihn ein guter Anreiz, seinen positiven Eindruck weiterzuvermitteln, und für mich eine gute Gelegenheit, meine Frage an sie zu richten. Dafür setze ich mich zu ihnen in die Ecke mit dem Bücherregal neben dem Sofa.

Jakob: „Das ist etwas für dich!“ Ella bestätigt: „Das ist etwas für mich, gell?“ Sie sinniert, ob sie globale oder private Wünsche nehmen soll, und entscheidet: „Mein Wunsch wäre eine Wunschfee, die mir drei Wünsche frei gibt.“ Jakob insistiert: „Das wäre unfair, so, als würde man die Frage gar nicht beantworten.“ Die beiden tauschen sich über die vermeintliche Zugänglichkeit von Braunschweigern und Franken aus und entdecken Unterschiede und Gemeinsamkeiten. Ella will morgen im Harz wandern gehen, sie mag den Brocken, auf dem ich sogar noch gar nicht war. Das kleine Bisschen Gebirge als Akklimatisationsobjekt für die Süddeutschen? Sie lachen, schließlich sind die Alpen von Nürnberg auch noch eine ganze Ecke entfernt. Mit der Brockenbahn den Harzgipfel erklimmen wäre für Ella eine Option, und daraus leitet Jakob seinen Wunsch ab: „Eine pünktliche Bahn wäre als globaler Wunsch schon mal ein Ansatz, das wäre für viele ein kleiner Schritt zum großen Glück.“ Ella ergänzt: „Ich nehme dann das Globale dazu, das Klima.“ Jakob fügt hinzu: „Im näheren Umfeld wäre es Glück für die Familie.“ Seine Mutter ist nämlich bereits Oma, aber nicht von ihm, sondern von seinem Bruder. Jakob deutet auf eine Einkaufstüte neben dem Tisch: „Ich habe Geburtstagsgeschenke zum Einjährigen dabei.“

Das Riptide gefällt beiden gut, und sie finden Vergleiche zu Einrichtungen zu Hause. „In Nürnberg gibt es die Weinerei“, erzählt Jakob: Dort zahlt man für ein Glas eines Getränks, von dem man dann frei nachnehmen darf und am Ende dazu angeregt wird, für den Rest etwas zu spenden. Ella erinnert sich an eine Kneipe, in der die Künstler ihre Zeche mit Gemälden zahlten, die dann dort die Wände zierten. Bis die Kneipe schloss und die Exponate in Nürnberg ins Neue Museum wanderten. „Ich weiß nicht mehr, wie die Kneipe hieß“, bedauert Ella. Die wurde nämlich geschlossen, aber unlängst wiedereröffnet. Unklar ist ihr nun auch, ob die Gemälde nun auch wieder aus dem Museum zurückkehren.

Das gerollte R macht die Franken beinahe zu den Schotten Deutschlands. Zumindest erinnert mich die Aussprache von Ella und Jakob an die der Schotten, die ich kürzlich vor Ort genießen durfte. Noch kurz vor dem Brexit absolvierte ich nämlich jüngst meine erste Reise nach Schottland und setzte damit meinen Fuß mindestens einmal in nunmehr jedes der vier großbritischen Länder, sogar in jede Hauptstadt. Mit Olli reiste ich nach Edinburgh, weil wir in Glasgow unsere neuseeländische Lieblingsband Shihad sehen wollten. Das wiederum, so lernten wir schnell, sollte man dort nicht so laut erwähnen: Glasgow verhält sich nämlich zu Edinburgh wie Hannover zu Braunschweig. Ab dem zweiten Mal sagte ich also immer, dass wir in die Stadt fahren wollten, deren Namen man hier nicht sagen durfte. „Ach so, Edinburgh“, hieß es dann meistens. Im Plattenladen Elvis Shakespeare noch mit dem Zusatz: „Ich wohne genau in der Mitte dazwischen, mir ist das egal.“ Und als ich am letzten Tag vor der Abreise das neue Vier-CD-Livealbum der Glasgower Simple Minds in Edinburgh bei Fopp erwarb, tat ich dies mit dem Bedauern, als Souvenir lediglich Musik aus der falschen Stadt mitzunehmen, und erhielt als diplomatische Antwort: „Es ist ein Souvenir aus Schottland, das zählt!“

Dabei stimmt das so gar nicht, bei Elvis Shakespeare hatten sie Aufsteller mit regionaler Musik, und da griff ich nahezu blind zu, weil der Verkäufer mit meiner Frage nach experimentellem Postrock-Doom-Blackmetal etwas überfordert war. Er empfahl mir die druckfrische EP „Acid Mind Drainage“ Trampled Daisy und „Woodland Casual“ von Dominic Waxing Lyrical, und ich bin zufrieden damit. Selbst bei der Schallplattenkette Fopp prangten überdies auf den entsprechenden Tonträgern Sticker mit dem Hinweis auf lokale Musiker. Auf „Live In The City Of Angels“ von den Simple Minds indes nicht.

Noch eher als Braunschweig-Hannover zieht als Vergleich wohl das Missverhältnis zwischen Düsseldorf und Köln, denn Glasgow ist zwar nicht die Hauptstadt, aber größer als jene, und hat mit der Eröffnung des Musikgroßeventkessels SSE Hydro nun einen Konzertmagneten, der seitdem die Bands und folglich auch das Publikum aus Edinburgh abzieht und somit ein weiteres Argument mindestens für Sticheleien bietet. Dies erklärte uns Bill, Ollis Kontakt vor Ort, der uns außerdem die besten Pubs der Stadt blind aufsagen konnte. Dieser Stadt, also Edinburghs. Und Glasgows. Und vermutlich jeder anderen Stadt auf der Insel. „Eins noch, dann muss ich ins Bett“ wurde an einem Pubabend mit Bill zum geflügelten Wort. Mit ihm erkundeten wir Stockbridge und Leith, zwei atmosphärische Stadtteile von Edinburgh, sowie Glasgow im Vorbeigehen zum Venue, The Garage, in dem Shihad auftraten.

Was uns sofort auffiel, war die Kontaktfreudigkeit der Schotten. Man wurde einfach angesprochen, von irgendwem in irgendwelchen Situationen. Eine rauchende Frau vor dem Smithie’s nahe unseres Hotels etwa raunte mir zu: „Bad habits, I have them all.“ Und eine Kundin in einem Pub, dessen Name mir in der Reihe der von Bill präsentierten Pubs entfiel, erzählte uns wilde Geschichten; Bill berichtete anschließend, dass es sich bei ihr um die Eigentümerin eines anderen Pubs war, nämlich Oxford, gegenüber vom Cambridge, und dass dies der Stammpub von Ian Rankin sei. Ein Schriftsteller, wie er mir erläutern musste. Okay, schnell mal bei eBay ein Buch ersteigert; mal gucken, was der so für Krimis aus Edinburgh schreibt.

Wundervoll finde ich den Akzent in der Gegend dort, mit dem Zungenspitzen- R, wie es viele schottische Musiker auch oft ausrollen, etwa Fish von Marillion. Vor 25 Jahren war Bill überdies mit dem Marillion-Fanclub eng verbandelt; in einem Fish-Soloalbum ist er namentlich erwähnt, sagte er. Und schickte uns per Whatsapp das Cover der „Heart Of Lothian“-Single, dem Song also, den ich ohnehin permanent im Ohr hatte, weil auf allen Bussen „Lothian“ steht, was die Gegend bezeichnet, als wir gerade exakt an der Stelle standen, die das Cover zeigt, nämlich auf dem Calton Hill direkt vor dem Dugald Stewart Monument, das über der Altstadt thront und eben dieses Cover ziert. Das war ein sehr bewegender Moment, quasi: Ich reise meine Plattensammlung ab, Teil 1.

Mit dem gerollten R klingt „Edinburgh“ nicht einmal mehr nach dem „Edinborrouh“, das man sich mühsam aneignet, um es nicht auf „-börg“ enden zu lassen wie dahergelaufene Uneingeweihte, sondern nach „Edinbrrra“. Und häufig fragten wir uns und dann unsere Gesprächspartner, ob der Akzent, den derjenige sprach, nun Schottisch war oder fremdsprachlich, und wunderten uns nicht wenig, allenthalben auf gutgelaunte Menschen aus Griechenland, Norwegen, Spanien oder Rumänien zu stoßen, deren Englisch so ähnlich klang wie das der Schotten und die genau so aufgeschlossen waren wie diese. Sympathisch, auf jeden Fall.

Und dann hörten wir in Glasgow ja auch noch neuseeländisches Englisch. In ihrer Heimat sind Shihad Superstars, die mal eben aus dem Handgelenk ganze Marktplätze von Großstädten mit Fans füllen. Im G2, der kleineren Nebenkammer von The Garage, feierten sie ihr dreißigjähriges Bestehen vor kaum 100 Gästen, ließen sich dies aber nicht anmerken, sondern rockten, was ging, und dies teilweise sogar noch härter, krasser, mitreißender als auf den Alben. Sänger John Toogood überraschte uns kleine Schar sogar damit, plötzlich hinter uns auf der Theke ein Solo zu spielen. Das muss aber auch ein überwältigendes Ereignis sein: Da reist man um den halben Globus und spielt seine selbstkomponierten Lieder vor Leuten, die sie samt und sonders auswendig mitsingen können.

Die komplette Band war nach dem Gig für Autogramme und Selfies zu haben, und ein gutes Viertel der Leute nahm dieses Angebot glücklich an, so glücklich, wie ganz offenkundig die vier Musiker selbst es waren. Schon bald benahmen sich die Mitarbeiter des G2 jedoch wie die bei Clawfinger im WestAnd und fegten alle Leute aus dem Gebäude hinaus – inklusive Band, da machten sie keinen Unterschied. Die Band auch nicht. Wann hat man schon mal die Gelegenheit, mit allen Mitgliedern nach dem Gig zu knuddeln, und ihnen zu erzählen, dass man sie 24 Jahre zuvor auf dem Roskilde-Festival zu lieben gelernt hatte. Autogramme wollten gar nicht so viele der Fans haben, einige hatten CD-Cover dabei, ich nur mein Ticket, und im Gegensatz zur Band auch einen Stift. Weil uns der Rauswurf dazwischenkam, erwischte ich den Drummer auf dem Weg zum Ausgang. Er fragte mich dann draußen, ob ich denn schon alle Unterschriften hätte, stellte mit geübtem Blick auf mein Ticket fest: „Phil fehlt wieder“, und rannte zurück ins G2, um den Säumigen zum Autogramm zu bewegen. Mit Erfolg.

Dieses Konzert dürfte sich in die Top-5 meiner intensivsten Erfahrungen einreihen, zusammen mit den Swans in Hannover, Solbrud in Leipzig, Fixmer/McCarthy in Kopenhagen, Hugo Race in Braunschweig sowie diversen Gigs bei den Festivals, die ich in Roskilde sah. Also in die Top-10, ungefähr. Niemand erwartet die Spanische Inquisition.

Glasgow gefiel uns, aber nicht ganz so gut wie Edinburgh, natürlich. Teile der Altstadt sind quadratisch angelegt, und da Glasgow – wie Edinburgh auch – auf Hügeln gebaut ist, hat man beim Durchmessen der Stadt beinahe eine Anmutung von San Francisco. So wundert es nicht, wenn Bill berichtet, dass viele Hollywoodfilme in Glasgow gedreht werden, etwa „The Fast And The Furrrious“, weil es so aussieht wie in den USA. Bill weiß auch, dass selbst der ausgewiesene Glasgowfilm „Trainspotting“ wiederum zum Teil in Edinburgh gedreht wurde, einige Szenen „angeblich sogar in England“, aber das sagte er eher verstohlen und mit wankelwinkender Hand.

Und: Ich aß Haggis. Und liebe es! Es erinnert mich an die Grütz- oder Wellwurst, die meine Oma früher machte. Mit gestampften Rüben und Kartoffeln ist es wohl das berühmteste schottische Gericht, das die Meinungen spaltet, und das die Schotten erfreut, wenn man ihnen mitteilt, dass man es gern isst. „Minced meat“ probierte ich an anderer Stelle auch, weil ich mich darauf freute, das klassische britische Fleisch mit Minzsoße zu probieren, und atmete auf, als mir gewahr wurde, dass ich lediglich die Vokabel „minced“ für „gehackt“ nicht kannte. Zuletzt probierte ich den Haddock, den schottischen Schellfisch, auf Sauerteigbrot und mit Ei, im Café Toast in Leith, direkt an The Shore, der Häuserzeile an dem Fluss mit dem poetischen Namen Water Of Leith, der in den Firth Of Forth fließt und also eigentlich ins Meer, was man sogar von Calton Hill aus sehen kann. Und Fish and chips hatten wir sowieso jeden Tag. Ganz genüsslich.

Etwas weniger Zeit für das Genüssliche haben hier im Riptide Anna und Wendie, die sich auf dem Platz neben der Theke für einen in Kürze anstehenden Termin stärken. Auch ihre Zunge rollt das R an der Spitze: Die beiden kommen aus Spanien. Und nehmen sich die wenige Zeit, die sie haben, um sich meiner Frage zu widmen.

Wendie: „Gesundheit für alle!“ Kurz und knapp, ebenso wie Annas Antwort: „Ich nehme auch Gesundheit.“ Schließlich, so betont Wendie: „Ohne Gesundheit kannst du gar nichts machen, kein Geld verdienen, keine Liebe machen.“ Dem stimmt Anna umfassend zu, beide lachen und widmen sich wieder ihren eigenen Themen.

Also rücke ich weiter in Richtung Sofa, wo Heinrike und Irene ihre Heißgetränke genießen. Heinrike ist mit ihrer Antwort überraschend schnell: „Ich habe in den Nachrichten gelesen, dass Indien das gefährlichste Land der Welt ist für Frauen, ich würde den indischen Frauen wünschen, dass sie weniger gefährdet sind durch sexuelle Übergriffe.“ Sie setzt kurz nach: „Das würde ich allen wünschen“, doch läge ihr dieser spezifische Wunsch sehr am Herzen. „Es wird Zeit“, bekräftigt Irene diesen Wunsch.

Irene und Heinrike sind Zwillinge, was man nicht sieht, und Heinrikes Name ist selten; beides Erkenntnisse, die den beiden nicht fremd sind. „Es gibt ein Gemälde, da heißt die Porträtierte Heinrike“, sagt Irene. Und zwar Heinrike Dannecker, geborene Rapp, Ehefrau von Johann Heinrich Dannecker, 1802 gemalt von dessen Freund und Schüler Christian Gottlieb Schick. „Das hängt in der Alten Nationalgalerie in Berlin“, weiß Irene nach einem Blick auf ihr Handydisplay. „Und ich habe mal in der Zeitung gestanden mit vollem Namen, da hat mich eine alte Frau angerufen, nur, um mir zu sagen, wie toll sie es findet, dass es noch eine zweite Heinrike in Braunschweig gibt“, erzählt Heinrike. Der Nachname der beiden ist überdies ebenfalls selten, so war sie für die Frau einfach zu ermitteln gewesen.

Aber Irene hat auch noch eine Antwort: „Mir geht es um drei Leute: einen mit psychologischen Problemen, einen krank – Krebs – und einen mit Altersschwäche – dass es im nächsten Jahr sich in eine positive Richtung wendet.“ Bei diesen drei Menschen handelt es sich um Nahestehende, „Verwandte und Nichtverwandte“, sagt sie. Und ergänzt: „Es würde einem vieles einfallen.“ Heinrike nickt: „Klima.“ Irene setzt nach: „Gewalt gegen Polizisten.“ Heinrike führt fort: „Kein Rassismus, weniger Stimmen für die AfD.“ Schon zum zweiten Mal. Eindeutig, wir befinden uns am richtigen Ort.

Auf der entgegengesetzten Seite des Cafés, am Fenster neben den Reinhörplattenspielern, schmökert Mira in einem Braunschweig-Buch. Sie setzt die letzten Anregungen quasi fort: „Ich würde der Welt mehr Frieden wünschen“, sagt sie. „Das ist zwar sehr allgemein, aber das wäre das Wichtigste für alle.“ Sie merkt an, dass sie zunächst glaubte, dass ich zu der Reisegruppe gehörte, die sich hier angekündigt hat. Das nicht, aber dann weiß ich jetzt, wo sich meine spätere Verabredung bis dahin aufhält: Nach der „Stadtführung“ würde er sich uns auf dem Weihnachtsmarkt anschließen, schrieb er bei der Vorababsprache, und die führt ihn vermutlich gleich ins Riptide. Mira blättert weiter und ich kehre an die Theke zurück.

Bei Sound On Screen, der Musikfilmreihe von Universum-Kino und Riptide, läuft am Donnerstag „Aretha Franklin: Amazing Grace“, kündigt Chris an. „Der Film war Ewigkeiten geplant“, weiß er. „Jetzt ist sie tot und jetzt gibt‘s den Film, das ist dramatisch, dass sie das nicht erlebt.“ Laut Internet ist seit 1971 eine Dokumentation über die Soulsängerin in Arbeit gewesen. „Das wird unser Jahresabschluss mit Sound On Screen, sie war eine sehr gute Sängerin“, sagt Chris noch, da kommt tatsächlich meine spätere Verabredung Dirk mit einer großen Runde Teilnehmer seiner Stadtführung im Rahmen von Eat The World ins Café.

Chris umkurvt die Theke und widmet sich der großen Gästegruppe. Er stellt das Café Riptide vor und lädt alle Teilnehmer zu veganem Fingerfood ein, das André bereits in der Küche vorbereitete. Da möchte man mindestens so gern zugreifen wie bei dem bunten Teller an der Theke. Einige der Gäste bestellen sich anschließend Getränke bei Chris. Auch sie bekommen meine Frage zu hören. Nils überlegt noch, während Olli spontan ruft: „Den EM-Titel für Deutschland!“ Stimmt ja, nächstes Jahr spielen die Fußballherren um die Europameisterschaft! Olli wendet sich wieder der Gruppe zu und Nils erklärt, dass es sich dabei um eine Abteilung der „VW-Bank“ handele, und korrigiert: „Volkswagen Financial Services“, und dass alle „aus Umbraunschweig“ kämen. „Ich komme aus Querum, ursprünglich aus Wolfsburg“, sagt er. Aus Sülfeld, genauer, und das verließ er der Liebe wegen. Und außerdem wohnt er in Braunschweig auch näher an seinem Arbeitsplatz. „Hier war ich tatsächlich noch nie drin“, stellt Nils fest und lässt anerkennend seinen Blick durchs Riptide schweifen. „Mich hat‘s mal ins Wild Geese verschlagen, aber durch die Gasse gegangen bin ich noch nicht.“

Weil ihm so spontan noch keine Antwort auf meine Frage einfällt, reicht Nils diese einfach an seine Kollegin Franziska weiter, die sich eben zu uns an die Theke stellt. Ihre Replik kommt schnell: „Ich wünsche allen Gesundheit.“ Nils nickt: „Und Lebensfreude.“ Franziska nimmt ihren Getränkewunsch von Chris entgegen, ergänzt „Alles Schöne!“ und widmet sich wieder der großen Gruppe, die dort um die Stehtische gruppiert in wilde Gespräche vertieft ist. Das inspiriert Nils: „Ich würd der Abteilung an sich mehr gemeinsame Zeit wie diese wünschen.“

Bevor Dirk diese Gruppe nun weiterführt, ringe ich auch ihm eine Antwort ab: „Mögen die Mächte des Lichts gegen die Finsternis gewinnen“, sagt er und entschwindet mit der Abteilung im Gefolge in den Handelsweg. In kaum einer Stunde werden wir uns mit Uwe am Rathaus treffen, auf dem Weihnachtsmarkt heißen Met und Glühwein trinken und uns abschließend von Moni im Belly Button Food mitreißend erklären lassen, warum sie diese Lokalität trotz des großen Zuspruchs aufgeben will.

Doch bis dahin versuche ich noch, André eine Antwort zu entlocken, doch der ist in der Küche so sehr eingespannt, dass ihm die Muße fehlt. Derweil klemmt sich Mira einen Dominostein aus dem bunten Teller zwischen die Zähne und lässt daran vorbeigequetscht ein „Ich liebe Dominosteine“ erahnen, bevor sie bei Chris ihre Rechnung begleicht.

Da tritt Roberta hinter mich. Zunächst erbittet sie sich etwas Zeit für eine Antwort, schließlich sei sie noch den ganzen Abend mit dem Stammtisch im Riptide, aber da ich dies nicht sein werde, insistiere ich behutsam. Also sagt sie: „Ich wünsche meinen Eltern ganz viel Gesundheit, das ist das Wichtigste.“ Kurz denkt sie nach und ergänzt: „Und ich wünsche mir selbst auch Gesundheit – und Liebe.“ Sie nickt: „Das ist das Wichtigste.“ Jetzt interessiert mich, ob meine Ahnung, um welchen Stammtisch es sich nun handelt, richtig liege, und liege richtig: „Der Illustratorenstammtisch“, sagt Roberta und bedient sich am bunten Teller, bevor sie einen Sitzplatz für die im Wachsen begriffene Runde sichert.

Jetzt aber André, der in der Küche Burger vorbereitet. „Dass wir mal gemeinsame Zeit finden, uns außerhalb der Arbeit zu treffen“, wünscht er. Mit „wir“ meint er auch Schepper, mit dem er sich „nicht nur so per Email“ austauschen wollen würde. „Mal zurückblicken und lachen“, sagt André. „Was mal war und gemeinsam nach vorne zu schauen.“

Das leitet nahezu direkt in meinen Wunsch über: Dass das Riptide auch nach dem Sommer 2020 noch genau hier genau dies und noch viel mehr ermöglicht.

Matthias Bosenick
www.krautnick.de

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#146 Relativer Glühwein

15. November 2019


Donnerstag, 14. November 2019

Wie in einer unwirklichen Zwischenjahreszeit sieht es heute im Handelsweg aus. So früh am Nachmittag einsetzende Dämmerung kündet zwar vom nahenden Winter, aber die von Strohpinte bis Tante Puttchen ausgestellten Draußensitzgelegenheiten scheinen den Sommer verlängern zu wollen. Auf allen Tischen flackern Kerzen, im Achteck vor dem Riptide auch Ölfackeln. Alles wirkt so einladend, doch sind sämtliche Tische draußen leer: Mag man den Sommer auch noch so sehr vermissen, einstellige Temperaturen dringen auch durch dicke Jacken – da lässt man sich lieber drinnen nieder.

Heute vergibt das Hermans wieder den Bier-Bachelor, wie es sich für ein Etablissement aus dem Univiertel gehört, und das Café Riptide nimmt erstmals an dieser akademischen Aktion teil. Auf einem Plakat an der Theke sind sämtliche beteiligte Einrichtungen aufgelistet: „Damit die Leute wissen, wo sie hinmüssen“, erklärt Melissa, die zurzeit mit André den Dienst verrichtet. Ich stelle fest, dass ich gar nicht alle genannten Kneipen kenne. Aufgeführt sind außer Riptide und Hermans: Shotz, Shamrock, Roots Sportsbar, dann das Bild von einem Affen mit einem Ast über dem Kopf, eindeutig von Pott gestaltet, das André und ich aber nicht zuordnen können, von dem das Internet mir später aber verrät, dass es sich um das Monkey Island handelt, Klaue, Heat, Flint, Eusebia und Dax. „Wir gucken mal, was passiert“, sagt André neugierig. Im Angebot hat das Riptide „unser Programm“, so André, also Wolters, Bayreuther Hell und Astra Urtyp, zusätzlich einige posthedonistisch als Shots deklarierte Kurze.

Meinen Weg in den Handelsweg startete ich vorhin um die Ecke von zu Hause, im MokkaBär am Frankfurter Platz, wo ich davon erfuhr, dass es im Westen jetzt noch ein neues Café gibt, nämlich mit dem MokkaBär und dem Kufa-Haus ein Dreieck bildend, an der Ecke von Hugo-Luther-Straße und Ringgleis. Dort eröffnete am Samstag nämlich das Spunk. Auf meinem weiteren Weg traf ich danach im Café Bruns auf Micha, der da wie ich Plakate und Flyer deponierte, ich für den nächsten Ball im Bierhaus mit Rille Elf am 13. Dezember, er für das Filmfest in der kommenden Woche. Dafür sind wir ohnehin verabredet, wir wollen mindestens einen Film zusammen sehen, ganz bestimmt „A Dog Called Money“, die Doku über PJ Harvey, die in der Sub-Reihe Sound On Screen läuft, die wiederum das Café Riptide ganzjährig mit dem Universum-Kino ausrichtet. Mit ins Riptide wollte er leider nicht kommen, von dort war er gerade aufgebrochen.

Strahlend gelb von der Filmfest-Werbung wird Braunschweig immer im November, und dieses Gelb erstrahlt auch unterhalb des Riptide-Fensters, an dem man sich im Inneren die Platten anhören kann. Mit einem fragenden Blick stöbert Christine in den Fächern herum, André, der gerade die Neuerscheinungen für morgen auspackt, bietet seine Hilfe an. An Tocotronic ist sie interessiert, sagt Christine, es solle ein Geschenk sein. „Ich kann dir zu denen, die wir haben, etwas sagen“, sagt André und hantiert mit den Verpackungen herum. Vorsichtshalber übernehme ich kurzerhand, obwohl ich nach der zweiten, dritten Platte damals an Tocotronic das Interesse verlor. Ausgerechnet diese Alben hat das Riptide aber ausschließlich im Angebot, welch Glück. Christine kennt eher neuere Songs von den Hamburgern, etwa „This Boy Is Tocotronic“, von denen ich wiederum keine Ahnung habe. Auf dem Debüt „Digital ist besser“ gab es damals die Indie-Hits, die auch heute noch zünden, weil es diese Art von Rockmusik mit deutschen Texten kombiniert vorher nicht gab. Für mich nutzte sich deren Habitus aber schnell ab, die Klagehaltung, die sich im Titel des übernächsten Albums „Wir kommen, um uns zu beschweren“ (im Original indes ohne Komma) manifestiert. Trotzdem mag ich das Debüt – und das nimmt Christine auch mit.

Ein Geschenk soll es sein, aber nicht zu Weihachten oder zum Geburtstag, sondern weil ihr ein Freund während ihrer Prüfungszeit zur Seite stand: Christine schaffte kürzlich ihr Referendariat am Albert-Schweitzer-Gymnasium in Wolfsburg und sucht nun eine Stelle, idealerweise in ihrer Heimatstadt Braunschweig. Das Ref war schwer, sagt sie: „Man kommt an seine Grenzen, man wird ständig kritisiert.“ Dafür brauche man ein starkes Selbstvertrauen. Aber andere haben es auch geschafft: Schließlich gibt es bereits Lehrer. Sie vertraut darauf, dass meine Plattenempfehlung korrekt ist: „Tocotronic waren am Samstag in Braunschweig, das hat er erzählt“, also gehe sie davon aus, dass der zu Beschenkende sich nach wie vor für die Band interessiere. „Jetzt habe ich fast alle Geschenke zusammen“, sagt sie. „In dem neuen italienischen Laden an der Ecke habe ich eine Flasche Wein gekauft.“ Sapori Toscani eröffnete kürzlich in dem früheren Strickwarenladen am Altstadtmarkt. Sie hat weitere zu besorgende Geschenke auf ihrer Liste, daher macht sie sich nun mit dem zweiten erworbenen unter dem Arm auf dem Weg.

Nachdem ich meinen Kafka genüsslich leerte, bietet mir André einen Glühwein an. Merkwürdig, dass er das sagt, ich hatte beim Reinkommen schon so ein unbestimmtes Verlangen nach ebenjenem Heißgetränk. „Strahle ich das ab?“, fragt Melissa. „Vielleicht, weil ich so in Weihnachtsstimmung bin.“ Jetzt schon, noch vor Totensonntag? Sie wägt ab: „Weihnachten nicht direkt, aber ich mag die Lichter.“ Da stimme ich zu, die vertreiben die Winterdüsternis, wenigstens zum Jahresende. „Weihnachtsmarkt ist nicht so mein Fall“, schränkt Melissa dabei ein. „Aber Glühwein gibt‘s ja auch hier, dazu Crêpe“, sie zwinkert, „da muss man auch nicht so lange warten wie auf dem Weihnachtsmarkt.“ Und verschwindet vorübergehend in die Dunkelheit.

Der Glühwein – nicht nur lecker duftend, überdies – bilde den Auftakt für die Winterspecials, die das Riptide anbietet, erklärt mir André: „Apfel-Amaretto-Zimt, 43er-Banane, die kommen am Samstag, und Glühwein, Grog.“ Es gibt also doch Anlass, sich auf die Kälte zu freuen. „Wir wollen nicht länger auf den Winter warten“, bestätigt André, „es sind die Temperaturen da – bevor es im Januar wieder vorbei ist, wollen wir schnell …“ und konzentriert sich nun lieber darauf, die Bierflaschen korrekt in den Kühlschrank zu räumen, als Vorbereitung für nachher.

„Das ist mein zweiter Plattenladen heute“, sagt Alex, der ins Café strömt, sich die Jacke auszieht und sofort mit leuchtenden Augen auf die LP-Auslagen blickt. „Ich habe seit zwei Wochen zu meiner alten Musik zurückgefunden, ich habe vorher zehn Jahre lang nur Techno gehört.“ Alex drapiert Jacke und Schal auf einem Stuhl an den Stehtischen in der Vinyl-Ecke. „Ich komme von Dannenberg, da gibt‘s gar keinen Plattenladen“, erzählt er und stürzt auf ein bestimmtes Fach zu: „Ich habe gefunden, was genau meins ist“, ruft er und zückt eine LP von Joy Division. Seine musikalische Sozialisation begann früh mit Punk, Wizo zum Beispiel, und ging dann über in Richtung Einstürzende Neubauten, die ihm kürzlich beim Wiederhören indes als zu düster erschienen. „Ich bin großgeworden im Heim, ich hatte eine supercoole Erzieherin“, schwärmt er. „Die hat mir Musik mitgebracht.“ Vorher hatte er, wie wir alle, Musik aus dem Radio mitgeschnitten, allerdings mit einem für mich fremden Vorgehen: Die Stellen, an denen der Moderator dazwischenquatschte, löschte er nicht einfach wieder, sondern klebte sie mit Tesafilm über. Diese Erzieherin nun hatte einen speziellen Geschmack: „Die hat mir Relatives Menschsein mitgebracht“, sagt er, und setzt, als ich überrascht lache, grinsend nach: „Mit acht, neun Jahren!“ Alex‘ Vater war zudem Rocker, mit fetten Gürtelschnallen und allem, „der hat selbst Musik gemacht, und so bin ich zu Judas Priest, Whitesnake und diesen Konsorten gekommen.“ Dann zehn Jahre Techno, Electro, Minimal, Dub, Drum And Bass. „Und jetzt höre ich alles“, sagt Alex, und fügt hinzu, wie zur Erklärung: „41 bin ich jetzt.“

Ursprünglich kommt Alex aus dem Saarland, in Braunschweig fand er seine Freundin. „Die arbeitet hier am Theater“, sagt er: „Fernbeziehung.“ Außerdem hat er eine Tochter, die zwei Jahre und sieben Monate alt ist und „Hexenmusik“ macht, wie er mir per Video auf dem Smartphone vorführt: Das Mädchen spielt einige dunkle Töne auf dem Synthesizer und staunt offenbar selbst dazu. „Guck mal auf den Mund“, freut sich Alex. Das Lieblingslied seiner Tochter ist Atmosphere von Joy Division, sagt er strahlend. „Ich hole mir mal was zu trinken“, schiebt er nach und wendet sich an André am Tresen. Dort entscheidet er sich für ein Zwick‘l. „Ich kaufe mir vielleicht auch noch eine Platte“, sagt er, was André freut: „Welche Richtung?“ Alex: „Alle.“ André empfiehlt ihm die Second-Hand-Kisten mit Indie-Platten eines Freundes, die direkt vor der Theke stehen und von denen er weiß, dass sie sich vornehmlich im Bereich Hardcore bewegen. Deshalb kenne ich da so gut wie gar nichts von! Alex wird fündig und borgt sich bei André das Nadelsystem aus, damit er sich am Fenster mit seiner Auswahl akustisch befassen kann.

An dem Fenster mit der Filmfest-Werbung. „Wir haben eine eigene Reihe mit Sound On Screen mittlerweile“, berichtet André von der Riptide-Beteiligung am Filmfest. „Und wir haben die Sound-On-Screen-Filmfest-Party am Freitag nach ‚Rudeboy‘ hier, da legt einer auf von den Bonz-Jungs, einem legendären DJ-Duo, der greift das auf mit Ska, Reggae, Soul – ein bisschen feiern.“ Sechs Filme steuert Sound On Screen zum Filmfest bei: Außer dem über PJ Harvey und „Rudeboy: The Story Of Trojan Records“ sind das „Mr. Jimmy“ über einen Led-Zeppelin-Tribute-Gitarristen aus Japan, „Musica Cubana – A Story To Be Told“ über kubanische Musik an sich, „Once Aurora“ über die Künstlerin Aurora Aksnes und „Show Me The Picture: The Story Of Jim Marshall“ über den Fotografen, nicht den Turmbauer. „Filme gesichtet, für gut befunden, zeigen – und unsere Fete halt“, fasst André zusammen.

Aber es steht ja für das Riptide nicht nur das Filmfest an. „Morgen die nächste Ausgabe von Songs And Whispers mit Alexander Peppler und Band, sehr kurzfristig“, sagt André. Aus der Küche ergänzt Melissa: „Am 8. Dezember das Advents-Brunch, unser beliebtes veganes!“ André grinst: „Ich wollte das in der richtigen Reihenfolge aufzählen“, und fährt mit der Quiz-Night nächste Woche Mittwoch fort, „mit Quizmaster Sven“. Und Bassm kehren ins Riptide zurück: „Am 6. Dezember zu unserem Nikolauskonzert“, listet André auf. „Und genau, am 8. Dezember der Brunch.“

Weil das Riptide wegen des Bier-Bachelors einigen Ansturm erwartet, tritt Chris nun ebenfalls seinen Dienst an. Ich trete ab, es wird Zeit für etwas Sofa. Dieses Mal halte ich nicht an der Einraum-Galerie an – es ist ausnahmsweise einmal niemand vor Ort. Am Samstag stellte sich dort Pott im Rahmen des Braunschweiger Grafik-Tages als Tätowierer vor, morgen eröffnet Denis Stuart Rose in dem Raum eine Ausstellung. Ihn kenne ich noch vom Silver Club, da steuerte er im Rebenpark-Gewölbe gruselige Plastiken zur überwältigenden Atmosphäre bei. Im Rebenpark nun sind wir an Nikolaus mit Rille Elf eingeladen, als Beschaller der nächsten Ausgabe der Stadtfinder, deren Mit-Initiator Stefan wiederum Teilhaber am Einraum ist, und so schließen sich Kreise.

Die Kerzen brennen immer noch auf den Tischen im Handelsweg. Gelegentlich wärmen sich sogar einzelne Raucher oder kleine Rauchergrüppchen an ihnen. So ein Glühwein wärmt aber auch ganz fein, und lecker war er zudem ebenfalls. Der erste in dieser Saison. Ein schöner Auftakt, im Riptide!

Matthias Bosenick
www.krautnick.de

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#145 Lecker Einhorncurry

16. Oktober 2019


Dienstag, 15. Oktober 2019

Dies dürfte der letzte Sommertag des Jahres sein, steht zu mutmaßen. Kein Wunder, dass das Achteck im Handelsweg noch einmal so richtig proppevoll ist, und nicht nur das, überall im Café und in der Rip-Lounge sowie vorm Tante Puttchen und vor der Strohpinte sitzen Menschen in kurzärmeliger Bekleidung und laben sich an Leckereien fester und flüssiger Art. Schepper trinkt eine Fritz-Kola ohne Zucker, Chris bringt mir meinen Milchkaffee: „Weil heute Dienstag ist“, sagt er. Und setzt nach: „Übrigens der letzte diese Woche.“

Das deprimiert uns Sonnenkinder ein bisschen und Schepper sinniert über nichtwiederbringbare besondere Momente, aber da genau dieser für uns ebenfalls ein besonderer Moment ist, der belegbar auf unzählige besondere Momente folgte, sei dies als weiterer Beleg dafür aufgefasst, dass es auch künftig wieder besondere Momente geben wird. Schepper ist überzeugt und betont, dass man für diese auch selbst etwas tun müsse. Oder aufgeschlossen sein und erkennen, was überhaupt ein besonderer Moment ist, das kann ja auch im Kleinen liegen, im vielleicht ansonsten Unbeachteten.

Am Wochenende etwa waren Andrea und ich in Leipzig, in Plagwitz, „Unplugwitz“, wie Schepper vorschlägt, und da erblickten wir ein kryptisches Graffito, das besagte: „Du bist mehr als eine Gurke“, und wie es sich gehört, ist Unsinn nur mit Unsinn zu kontern, und also schrieb jemand darunter: „2 Gurken“. Eine Kleinigkeit am Wegesrand, die uns nachhaltig erheiterte. Google indes verriet mir nachträglich, dass es sich bei dem ersten Satz womöglich um eine Art Liebeserklärung handeln könnte: Es gibt scheinlustige Webseiten, auf denen Frauen darüber diskutieren, warum Salatgurken besser sind als Männer. Das macht den Zusatz zwar auf andere Weise obskur, kann man aber gepflegt ignorieren und sich einfach am Nonsens erfreuen.

Überhaupt war es schön, endlich mal wieder in einer größeren Stadt gewesen zu sein, die das Alternative in einem (und im Falle von Leipzig sogar mehreren) Vierteln bündelt – nicht nur wie Braunschweig in nur einer Straße, dem Handelsweg, und ansonsten insulär über die Stadt verstreut. In Plagwitz entdeckten wir Miniclubs (in einem davon, dem Clubraum Plagwitz, sah ich vor einigen Jahren Solbrud live – ich hätte nie gedacht, dass ich den versteckten Laden nochmal wiedersehen würde), ein selbstverständliches veganes Speisenangebot, bunte Bevölkerung, Sticker, Tags, Plakate, spontane Menschenansammlungen rund um Technobeats oder Punkrockbeschallung, herumliegende Skateboards von Nutzern, die nur mal eben zum Sternikauf von ihnen abgestiegen waren, viele Kinder, lustige Shirts, etwa mit einem Foto der Kinderband Hansons und dem Schriftzug „Nirvana“ darunter darauf, dafür aber merkwürdigerweise keine Plattenläden.

Und Plagwitz empfanden wir als noch nicht so tourifiziert wie die trotzdem reizvolle Schanze in Hamburg, die wir in der Woche davor genossen und uns über den unverklemmten Umgang freuten: Von der gleichalten Verkäuferin im veganen Bekleidungsgeschäft mit „Na, ihr beiden“ angesprochen zu werden, erfrischt die Seele. Ist schon schön, wenn es aufgrund größerer Masse für das Alternative in einer Stadt eine Mindestbesucherzahl einfach gibt: Es fühlt sich so an, als müsste man nur die Tür öffnen und hätte bereits ausreichend Zulauf. Dafür ist Braunschweig nun mal viel zu klein.

Aber es tut sich etwas in Braunschweig. Aus dem früheren Cinemaxx und zwischenzeitlichen C1 ist das Astor geworden, ein Luxuskino, das mit breiteren Sitzen auf zurückgehende Zuschauerzahlen reagiert, damit die Säle bei der derzeitigen Belegung nicht mehr so leer wirken. Außerdem ist Event ein Lockmittel, und also bietet das Astor jetzt mehr an als nur Kino; herauszufinden, worum es sich bei diesem Angebot genau handelt, ist ein nächstes Ziel, und ansprechende Filme gibt es derzeit ja wieder, der Sommer ist schließlich vorbei. Morgen.

Außerdem gibt es jetzt das WestAnd und das Kufa-Haus, beides unter einem Dach, was die Braunschweiger wiederum sehr verwirrt. Untergebracht sind diese Einrichtungen dort, wo einst die Fire-Abend-Halle stand, also hinterm Jolly Joker links unter der Graffiti-Brücke durch, neben Coney-Eisland, vor der Bäckerei Tutscheck. Die Zweiteilung hat gute Gründe: Das WestAnd ist eine Privatinitative, die einen Veranstaltungssaal für 800 Personen anbietet, den Undercover und Paulis bereits nutzen. Die Crossover-Skandinavier Clawfinger gaben dort das erste Konzert, und die Hütte war nicht nur ausverkauft, sondern bestand die Bewährungsprobe mit Bravour. Und überhaupt, die Meute hüpfte, als wäre es noch 1993. Das Kufa-Haus wiederum nimmt den vorderen Bereich des Gebäudes ein und erfüllt den Tatbestand des soziokulturellen Zentrums, wird partiell mit kommunalen Mitteln gefördert und bietet neben einem Veranstaltungssaal für 300 Personen auch eine Cafeteria sowie diverse Workshop- und Arbeitsräume an. Zusammen ergibt das Konstrukt also die Nachfolge dessen, was 2002 mit dem FBZ im Bürgerpark ein unnötiges Aus fand; schwierig ist es lediglich, die Doppelbenennung in der Bevölkerung plausibel zu machen. Werbung etwa könnte da helfen. Wichtiger aber ist das Programm und dass die beiden Läden überhaupt existieren. Braunschweig findet sich nun nach Jahren der Abwesenheit endlich auch auf internationalen Tourplänen wieder.

Und dann gibt es demnächst ja auch in direkter Nachbarschaft des Riptides eine Veränderung: Das frühere Café Drei hat einen neuen Verwendungszweck. Das las ich im Internet und spreche Stecky gleich mal drauf an, denn der neue Wirt des Tante Puttchen ist es, der die Räume gegenüber mit neuem Leben füllen will. „Nächsten Monat“, sagt er an der Theke des Tante Puttchen und zapft Wolters für die Gäste. „Das wollen wir einfach als Überlauf nehmen, falls hier zu viel los ist, es aber hauptsächlich vermieten.“ Für private Feiern etwa stünde „es“ dann zur Verfügung. Einen Namen hat der Raum auch schon: Onkel Puttchen.

Der Name Tante Puttchen geht auf eine frühere Besitzerin zurück, die dort Eis verkaufte. „Nach dem Krieg“, erzählt Stecky, sei der Raum gegenüber bereits als Erweiterung des Tante Puttchen geöffnet worden – „für einen Tag“. Es gab offenbar keine Genehmigung, deshalb musste der Teil nach so kurzer Zeit wieder geschlossen werden, aber Stecky grinst: „Jetzt, nach 60 Jahren, ist es wieder zurückgekommen.“ Er zuckt mit den Schultern: „Wir versuchen’s einfach.“ Zum Beispiel mit einer monatlichen Musikreihe, selbstredend in Absprache mit dem Riptide, um Überschneidungen zu vermeiden, „so mit Straßenmusikern“, sagt er. Gast Charles lacht: „Ob er will, oder nicht“, und deutet pantomimisch an, wie er einen beliebigen Sänger aus der Fußgängerzone in den Handelsweg schleppt.

Einiges, was in der Zeit nach dem „Krieg“ so gegenüber existierte, weiß Stammgast Charles aus eigenem Erleben: „Der Red Pub, der hatte in den Achtzigern seine erfolgreichste Phase, bevor es Red Devil wurde.“ Und Charles kennt sich aus in Braunschweig: „Ich trinke hier mit wenigen Unterbrechungen seit 1985“, betont er mit leichtem englischen Akzent und deutet auf die Theke. Gelegentlich war er weggezogen, erläutert er. In den Achtzigern war Achims Tante Puttchen für ihn eine Alternative zum bis heute populären Magniviertel: „Das ist, wo wir damals hingingen für ein ruhiges Bier, für ein Rede-mit-den-Einheimischen-Bier“, sagt Charles. Der englische Akzent lässt Mutmaßungen zu, woher Charles eigentlich kommt, und auf die Idee eines anderen Gastes, es seien die USA, reagiert er im englischen Ladstyle: aufbrausend. „Es gibt kein richtiges Woher“, sagt er dann. „Ich wurde in einer Militärkaserne geboren.“ Bis er volljährig wurde, war er mehr als ein Dutzendmal umgezogen. Und jetzt lebt er im Tante Puttchen.

Schepper und ich leben eben nebenan im Riptide. André bringt uns neue Getränke in die Lounge, von der aus wir das allerspätestsommerliche Geschehen draußen verfolgen. „Ihr guckt Fernsehen“, nennt André es ganz richtig. Neben uns hängt der Tat-O-Mat, der Kunstautomat der Designgruppe Tatendrang, und Schepper ergänzt den Namen im Sinne um zwei Buchstaben zum „Tattoomat“: Arm hineinhalten und Geld einwerfen. „‘Lassen Sie sich überraschen‘“, liest er vom Aufdruck einer Schublade des Automaten ab, schüttelt seinen Arm, macht Tätowiergeräusche, guckt auf den Arm, sagt mit enttäuschtem Tonfall: „Oh, ein Anker!“, setzt nach mit „Mutti!“, dann mit „Trump“ und richtet den Arm schnell wieder auf den Automaten: „Letztes Fach, acht Euro: Entfernung, dreimal anzuwenden.“

So etwas wie das Riptide wäre in Italien gar nicht möglich, erfuhr ich kürzlich in meinem Urlaub: Davide erzählte mir das, und er hat einen Plattenladen mit Label in Savona, beides Vincebus Eruptum genannt, nach dem Debüt von Blue Cheer, was auch gleich eine Aussage über das Programm von beiden Einrichtungen macht, nämlich psychedelische Rockmusik. Plattenladen, Café, Bühne und Galerie unter einem Dach: In Italien bräuchte man allein für Café und Plattenladen schon je eine Konzession und je einen Betreiber, deshalb seien solche für ihn höchst attraktiven Einrichtungen dort auch so selten. Wehmütig hörte er sich meine Berichte an. Überhaupt, in Italien sei die Szene so klein, dass sich selbst der winzige Plattenladen für ihn kaum lohne. Deshalb öffnet er den auch nur samstags als Hobby neben seinem Hauptjob. Und der ist nicht das Label, obwohl er auf dem grandiose Musik veröffentlicht, auf Vinyl. Sein neuester Streich ist das Solowerk von Gary Lee Conner, dem früheren Gitarristen der Screaming Trees: „Unicorn Curry“ erschien jüngst auf VE Recordings. Auch neu im Programm hat Davide das dritte Album der Psychedelicrocker aus Bari mit dem unschönen Namen Anuseye, „3:33 333“, das ich mir gleich mal einpacken ließ, zusätzlich zum Splitalbum von The Linus Pauling Quartet und Colt38, einem Projekt von Claudio Colaianni, das der 2002 zwischen seiner alten Band That’s All Folks! und Anuseye betrieb.

Davide hatte ich vor vier Jahren kennengelernt, als ich in Savona Urlaub gemacht hatte und zufällig in seinen Laden gestolpert war. Dieses Mal war ich einige Kilometer weiter die Küste entlang untergekommen, in Loano, das landschaftlich und architektonisch etwas weniger spektakulär ist, aber sehr herzliche Bewohner hat. Drumherum fand ich es etwas spektakulärer. Bei den Bahnpreisen dort lohnt es sich, für Erkundungsausflüge in Ligurien das Auto stehen zu lassen; Verspätungen indes muss man gelegentlich in Kauf nehmen, wie in Deutschland nun mal auch.

Mein eigenes Lied dazu klingt so: Vor drei Jahren schon nahm ich von Sanremo aus an einer Whalewatching-Tour aufs Mittelmeer teil, die aber in dem Sinne erfolglos war, dass wir in vier Stunden keine Wale erblickten. Also wollte ich das dieses Mal nachholen und buchte telefonisch einen Platz vom nächstgelegenen Abfahrthafen aus, und das war Andora. Den ersten Termin sagte das Unternehmen jedoch am Vortag wegen schlechten Wetters ab, und also buchte ich einen neuen für meinen letzten kompletten Urlaubstag vor Ort, Abfahrt um erreichbare 12 Uhr.

Nun hält aber nicht jeder Zug auch in Savona. Also musste ich den um 9.28 Uhr ab Loano nehmen. Am Bahnhof funktionierte der Ticketautomat für genau diesen Zug allerdings nicht. Zum Glück war der Schalter besetzt und ich erhielt eben auf diesem Wege meine Fahrkarte. Am Gleis hörte ich beim Warten die Durchsage, dass genau dieser Zug 30 Minuten Verspätung habe. Kein Problem, das reichte immer noch aus, um um 12 Uhr am Schiff zu sein. Nach nur 20 Minuten schon traf der Zug ein und ich nahm erfreut Platz. Bis ich irgendwo im nächsten Tunnel die Durchsage mit der Entschuldigung dafür hörte, dass dieser Zug bereits 54 Minuten Verspätung habe. Moment: Das würde ja bedeuten, dass es sich dabei um den Zug vor meinem handelte, der also gar nicht in Andora anhielt – und schon sah ich durchs Fenster die Bahnsteigschilder meines Zielortes an mir vorbeifliegen.

Super. Der nächste Halt war Diano. Von dort aus erfolgte die nächste Fahrt nach Andora erst um 11.35 Uhr, also viel zu spät, um noch rechtzeitig am Hafen zu sein. Am Bahnhof standen keinerlei Busse herum, nur ein Taxifahrer war zu sehen. Der erzählte mir, dass mich eine Fahrt mit ihm nach Andora etwa 22 bis 25 Euro kosten würde. Das hätte mir aber die Whalewatching-Tour erheblich verteuert, also schlug er mir den Bus vor und beschrieb mir den Weg zur Haltestelle: immer geradeaus bis zum Hotel, dann rechts bis zur Kirche und dann auf der linken Seite. Klang einfach. „Ungefähr zwei Kilometer“, schob er nach. Ach du … Und es war bereits kurz nach halb elf. Also losgeatzt. Zwei Kilometer können sich ganz schön ziehen, wenn es mediterran warm ist und man es eilig hat. Ich stolperte in Richtung Ortsmitte und ohrfeigte mich innerlich dafür, das Taxi nicht wenigstens für diese Strecke genommen zu haben, als es mich auch schon überholte. Wertvolle Zeit verstrich. Da, das Hotel, also die Hauptstraße entlang am Hafen vorbei und auf die Kirche zu. Keine Haltestelle zu sehen. Einige Meter weiter entdeckte ich sie dann. Zwei Leute warteten schon. Der Fahrplan verriet mir, dass der nächste Bus bereits drei Minuten später eintreffen sollte. Schön – bis auf den Umstand, dass man in Italien seine Fahrkarten beim Tabakhändler zu kaufen hat, jedoch keiner in Sichtweite war. Der Bus danach wäre wiederum zu spät dafür gewesen, das Schiff noch zu erreichen.

Also dumm tun und dem Fahrer erst sagen, dass man kein Ticket hat, wenn er schon die Türen geschlossen hat und losgefahren ist. Aber gottlob gab er mir ohne Komplikationen einen Fahrschein aus seiner Tasche. Der Preis dafür indes war höher als erwartet – und reduzierte meine Bargeldmenge dergestalt, dass ich für das Whalewatching, das nämlich zwingend bar zu bezahlen war, genau 60 Cent zu wenig, in Andora also noch eiligst einen Geldautomaten zu finden hatte. Großartig.

Der Bus schaukelte die malerische Küste entlang und ich verspürte beinahe so etwas wie Entspannung. Es war erst kurz nach elf Uhr, also noch Zeit genug. Endstation war genau der Hafen. In einer Infostelle erfuhr ich, dass der Ableger an der entlegensten Mole gelegen war, der nächste Bankautomat hingegen etwa einen halben Kilometer in der entgegengesetzten Richtung. Okay. Die schlug ich ein und rief beim Whalewatching-Anbieter an, um wenigstens mitzuteilen, dass ich quasi vor Ort war und wegen fehlender 60 Cent noch zur Bank musste. „Es ist erst 20 nach elf“, sagte die Frau, „Sie sind ja noch pünktlich, und wenn Sie keine Bank finden, werden uns die 60 Cent auch egal sein.“ Zudem wollte sie den Kapitän informieren, mit der Abfahrt auf mich bis zu fünf Minuten zu warten. Sehr gut.

Es dauerte, bis ich in Andora eine Bank fand. Ich hob Geld ab und eilte zurück zum Hafen. So hatte ich mir meinen letzten kompletten Tag nicht vorgestellt: Eigentlich wollte ich die Wartezeit mit Kaffee und Buch überbrücken, nicht mit Hetze. Aber nun sah ich das Schiff ja bereits. Vom falschen Anleger aus allerdings, das war in dem Segelmastgetümmel nicht so leicht zu erkennen. Schnell umgedreht und schnellen Schrittes die richtige Mole angesteuert – und wortwörtlich um fünf vor zwölf angekommen. Kaum hatte ich meinen Sitzplatz an Deck eingenommen, legte das Schiff auch schon ab.

Um nur 30 Minuten später wieder umzukehren, weil sich das Wetter verschlechterte, das Geld bekämen wir selbstverständlich zurück.

Na, wenigstens war ich überhaupt mal für eine Weile auf dem Meer. Den Rest des Tages verbrachte ich immerhin am Meer, das sich in Andora stürmisch an den Sandstrand stürzte. Und weil der Tag schon so merkwürdig war, dachte er sich für die Rückfahrt auch noch einen Gag aus: Der Bahnhof war etwas abgelegen und ich steuerte ihn mit einem Eis auf der Faust an. Ich schlenderte also den weiten, aber ausgeschilderten Weg entlang, wunderte mich dann aber, dass mir Google bald anzeigte, ich wäre längst am Bahnhof vorbeigelaufen. Gottlob hatte ich den Weg wegen meiner Ortsunkundigkeit viel zu früh begonnen, also warf mich das nicht , haha, aus der Bahn und ich kehrte eben um und schlug den anderen Weg ein. Das Bahnhofsgebäude, das ich Dank Google auch fand, war allerdings verschlossen, die dahinter erkennbaren Schienen waren überwachsen. Ein Rätsel. Die italienische Wikipedia nun ließ mich wissen, dass die Station vor drei, vier Jahren aufgegeben und verlegt wurde. Zum Glück sind bei Wikipedia die Koordinaten hinterlegt, so fand ich dann mit Googles Hilfe die korrekte Adresse, die mir Google selbst nicht ausgab. Und die war nochmal eine halbe Stunde zu Fuß entfernt gelegen.

Immerhin erreichte ich tatsächlich den Zug und erhielt auch ein Ticket am Automaten. Ein schöner letzter Tag. Ja, war es auch, trotz allem, am Meer ist es einfach immer schön, und ich krönte ihn in der Altstadt von Loano mit gegrillten Thunfischsteaks, die in einer Pistazien-Sesam-Tunke mariniert waren. So geht das.

Schepper und ich gehen jetzt auch, erstmal natürlich bei Chris und André bezahlen. Vor der Theke entdecke ich neue Kisten mit Schallplatten. In einer befinden sich hauptsächlich historische Werke aus Schlager und Klassik, und das Riptide schlägt per Schild vor: „Vielleicht anstatt einer Geburtstagskarte?“ Von ganz anderem Kaliber sind die Platten daneben, die haufenweise Neunziger-Indie beinhalten – von dem ich den größten Teil absolut gar nicht kenne. Schlimm! Das ist das Schöne, dass man immer etwas dazulernen kann. Und das Riptide ist ein geeigneter Ort dafür. Nächstes Mal nehme ich mehr Zeit mit und dann vielleicht auch einige Platten aus dieser Kiste mit!

Matthias Bosenick
www.krautnick.de

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#144 Regenbogenpony

11. September 2019


Dienstag, 10. September 2019

Eigentlich bin ich ja mit Karsten Weyershausen verabredet, und wie es sich gehört natürlich im Riptide. Und wie es sich ebenfalls gehört, ist das Riptide an diesem Dienstagnachmittag proppevoll. Nicht allein das Café, sondern auch das vorgelagerte Achteck mit dem Sonnensegel in der Mitte des Handelsweges, und das aus gutem Grunde, schließlich erinnert uns die Sonne heute daran, dass ja trotz niedriger Temperaturen eigentlich noch Sommer ist, und fordert uns freundlichst zum Draußensitzen auf. Uns: Als ich durch den Handelsweg streife und mir einen freien Platz suchen will, entdecke ich diesen an einem mehrfach zusammengeschobenen Tischensemble mit allerlei Bekannten drumherum. Das fasse ich sehr gern als Einladung auf.

Links vor dem Fenster sitzen Schepper und Jörg, die auf Scheppers Tablet gucken und sich dabei psychedelische Rockmusik aus den Sechzigern anhören. Vanilla Fudge scheppert aus den schmalen Lautsprechern des Apparats, und vermutlich ist dies auch genau der Sound, den die Band damals im Ohr hatte, als sie ihre Version von „Bang Bang“ auf Tonträger orgelte. Schepper und Jörg spielen selbst in einer noch unbenannten Band, zusammen mit Christoph improvisieren sie zunächst noch ausufernd vor sich hin. Alle drei haben jahrzehntelange Banderfahrung, erst kürzlich erwarb ich die LP „The Return Of The Fevertree“ von Jörgs alter Band Liquid Zoo aus dem Jahr 2000, und deren Mucke fügt sich nahtlos an das an, was eben aus dem Digitaltablett tönt. Beim Onlinegebrauchttonträgerkauf hatte ich Glück: Nicht nur war das Poster Teil der auf 1000 Exemplare limitierten Platte, auch steckten haufenweise Pressemeldungen zum Album im Sleeve.

Die weiteren Sitzenden sind: einer der vielen Stefans aus der Einraumgalerie gegenüber, Niclas, der den Platz schon bald mit Frust von der Einraumgalerie tauscht, Stecky vom Tante Puttchen nebenan und einer der noch viel mehr Stefans, die nicht zur Einraumgalerie gehören. „Ich habe schon gehört, dass es hier viele Stefans gibt“, sagt der Nichtgalerist-Stefan, und Galerist-Frust, der eigentlich auch Stefan heißt, erklärt: „Bei uns heißen alle Stefan, außer Peter, der heißt Nadine.“

Auch für Karsten findet sich noch ein Platz an dieser Tischgruppe, und mit seiner Sitzposition zwingt der Cartoonist und Autor die Riptide-Chefs Chris und André zu Schlangenlinien, wenn sie mit vollen Tabletts zwischen den Gästen und dem Café pendeln. Karsten bringt mir sein neues Buch mit: „Ist Götterspeise Blasphemie?“, fragt es im Titel, und der Untertitel ergänzt fatalistisch: „Und andere völlig unnütze Gedanken zu Dingen, die sowieso nicht zu ändern sind“. Dazu fällt Nichtgalerist-Stefan eine passende Frage ein, die er kürzlich irgendwo zu lesen bekam: „Schuldet mir der Taxifahrer Geld, wenn er rückwärts fährt?“

Erst am Freitag traf ich Karsten zufällig im Kufa-Haus, bei dessen erster Veranstaltung überhaupt. Was viele Braunschweiger noch gar nicht erfassen: Es gibt jetzt wieder ein neues FBZ, und zwar in einem Neubau an der Stelle des früheren Fire-Abend, also links unter der Brücke hinter dem früheren Jolly Joker, jetzt Jolly-Time, durch und dann rechts, direkt neben Coney Eisland, direkt am Skaterpark. Der Kufa-Verein teilt sich das Gebäude mit der WestAnd-GmbH, die darin einen kommerziellen Veranstaltungssaal für 800 Zuschauer betreibt, während die Kufa im vorderen Gebäudeteil kommunal gefördert soziokulturelle Aufgaben übernimmt und neben einem Bistro auch einen Raum für Shows mit bis zu 300 Gästen vorhält. Das soll mal einer auseinanderhalten, aber gut, die Zeit wird es bringen.

Mit dieser Einrichtungskonstellation wird zumindest eine Lücke gestopft, die seit 2002 besteht, seit nämlich das FBZ teilabgerissen und in ein Luxushotel umgebaut wurde, und spätestens, seit vor einigen Jahren auch das Meier und das Jolly Joker schlossen: Bands von mittlerer Größe, also irgendwo zwischen Jugendzentrum und VW-Halle, finden endlich wieder einen Auftrittsort in Braunschweig. Das schlägt sich schon jetzt nieder: Im Musikexpress sah ich eine Werbung für die Tour von Heather Nova, und da tummelt sich wie selbstverständlich zwischen Hamburg, Leipzig, Berlin und Köln auch wieder, wie früher, Braunschweig, eben mit dem WestAnd. Sieht gut aus, das. Am 2. November spielt sie hier, übrigens.

Chaotisch für die Braunschweiger gestaltet sich auch die Terminlage der Eröffnungen: Vor lauter offiziellen Daten rund um Ende September nahm kaum jemand wahr, dass die Show schon am vergangenen Wochenende losging. Im WestAnd wummerten Drums und Basses und lockten vorrangig eher ein jüngeres Publikum an, und das halte ich für einen gelungenen Schachzug, als erstes die Leute auf sich aufmerksam zu machen, die tatsächlich noch jedes Wochenende unterwegs sind, im Gegensatz zu den meisten Leuten, die seit 17 Jahren betrauern, dass es kein FBZ mehr gibt. Als Ergänzung dazu fand parallel im Kufa-Haus eine Reggae-Party statt, mit dem grandiosen Konzept, damit die Wurzeln von Drum And Bass freizulegen. Das Publikum beider Veranstaltungen mischte sich, und genau so soll es ja auch sein.

Beim Bier im Bistro des Kufa-Hauses erzählte mir Karsten bereits, was es mit der „Edition Wortmax“ auf sich hat, in der sein neues Buch erscheint. Bei Wortmax handelt es sich um einen Blog, den Autoren und Schriftsteller aus dem Bundesgebiet mit Literaturtipps füllen. Ursprung davon waren eine deutschsprachige Webseite für T.C. Boyle und ein Blog für Douglas Adams. Via Book On Demand nutzt Karsten die Edition Wortmax nun als erster aus diesem Kreise, um seine Texte in den Handel zu bringen. Aus Braunschweig und Umgebung sind außer Karsten noch bei Wortmax: Hardy Crueger, der beim Verlag Andreas Reiffer dieser Tage sein gemeinsames Buch „Braunschweig’sche Weihnacht“ mit Till Burgwächter herausbringt, Axel Klingenberg, der in Toddns Buchbauer-Verlag jüngst „Leben nach Mitternacht“ veröffentlichte, und Holger Reichard, mit dem Karsten die Bücher „Kerle im Klimakterium“ und „Stadt. Land. Flucht“ verfasste. Nun also „Ist Götterspeise Blasphemie?“, mit einem herrlich grünen Cover, das auch den anderen am Tisch gefällt.

Für Karsten ist nun aber der Zeitpunkt zum Aufbruch gekommen, für mich auch. Er zahlt an der Theke seinen Kaffee, ich meine Fritz-Karamell-Kola sowie die beiden bestellten Schallplatten, die eingetroffen sind: „South Of Reality“ als pinkes Doppel-Vinyl von The Claypool Lennon Delirium, Scheppers Lieblingsplatte des Jahres, und „Party In The Chaos“ in schwarzrotem Vinyl, eine 12“, die Jaz Coleman von Killing Joke mit dem italienischen Industrial-Duo Deflore aufnahm.

Dabei berichtet mir Chris von der Geburtstagsfeier des Universum-Kinos, das es als Filmfest-Einrichtung nun auch schon seit zehn Jahren gibt. Zu der Gala am vergangenen Wochenende war er eingeladen, weil das Riptide mit dem Kino die Musikfilmreihe Sound On Screen betreibt. Bei den vielen Ansprachen erfuhr Chris, dass das Universum als das erfolgreichste Doku-Kino in Deutschland gilt und dass eben Sound On Screen darin die erfolgreichste Reihe darstellt. „Wir wurden als einzige namentlich erwähnt“, freut sich Chris. Der nächste Film in dieser Reihe ist am 15. September zu sehen: „Wer 4 sind“ über die Fantastischen Vier, mit Jonny S als Aftershow-Show live im Riptide.

Chris nimmt das volle Tablett auf und hat es nun einfacher, die Gäste draußen zu erreichen. Er deutet im Weggehen auf die drei Farbfelder, die in Orange, Rosa und Grün die Riptide-Farben über der Theke aufnehmen, und drückt seine gute Laune motivierend mit „sieh auf das Regenbogenpony“ aus. In der Küche sind André und Iris beschäftigt: Sie ist seit Anfang September neu im Team, die Chefs arbeiten sie ein, und wenn sie draußen unter den Gästen umherstreift und Wünsche aufnimmt, merkt man ihr das Neusein gar nicht an.

Neben der Theke steht nach wie vor die Kiste mit den Jutebeuteln mit den zweifarbigen Aufdrucken, die mir nie so bewusst auffielen, bis ich darunter ein mir sehr vertrautes Motiv entdeckte: ein Katzenkopf im Golddruck auf Schwarz mit konzentrischen Kreisen im Hintergrund. Einen solchen Beutel bekam Andrea einst von ihrem Sohn geschenkt, der ihn auf dem tschechischen Fluff-Fest, einem Hardcore-Festival, entdeckte und dabei feststellte, dass diejenigen, die den Beutel angefertigt hatten, aus seiner Wahlheimat Leipzig stammten. Diesen Beutel nehmen wir mit Vorliebe mit, wenn wir uns beim Kaufmann oder auf dem Wochenmarkt mit Lebensmitteln eindecken, daher ist er mir immens vertraut, und umso merkwürdiger fühlte es sich an, diese vermeintliche Einzigartigkeit nun ausgerechnet in meinem zweiten Zuhause wiederzufinden, im Riptide nämlich. Chris klärte mich auf: Gestalter dieser Beutelserie waren zwei Brüder, die er schon seit Jahren aus der Hardcoreszene kennt und die in Leipzig unter dem Namen Floss Bros eigentlich einen Button-Laden betreiben. Was für ein paneuropäisches Pingpong!

Die Platten und Karstens Buch stecke ich aber in einen anderen Jutebeutel. Die ganze Runde bricht allmählich auseinander, der Nichtgalerist-Stefan muss seine Tochter bei ComiCulture abholen, dem Laden zwei Türen weiter, dessen Inhaber ebenfalls Stefan heißt, wo sie zurzeit Pokémon zockt. Sieh an, ich entsperre mein Mobiltelefon, auf dessen Display sofort Pokémon Go erscheint, und Stefan lacht, weil es sich auf seinem Apparat ebenso verhält. Seine Tochter spielt zwar das Kartenspiel, aber die Go-Variante übernahm er von ihr. Natürlich senden wir uns sofort Freundschaftsanfragen und Geschenke zu. Sein Profilname trägt die Nummer 42 als Appendix: natürlich mit dem Bezug zu Douglas Adams. „Die 42 taucht bei uns überall auf“, sagt Stefan. Dafür habe ich volles Verständnis. Nun muss ich aber los, meine nächste Verabredung wartet im Hermans, und ich bin schon viel zu spät. Bestimmt 42 Minuten.

Matthias Bosenick
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#143 Braunschweigs Dollstes Indiecafé

23. August 2019


Donnerstag, 22. August

Es war Sedan-Bazar und ich war nicht da. Nun, wenn das einzige Patenkind eingeschult wird, gibt es sowas von ganz klare Prioritäten! Aber Chris ist ja jetzt im Riptide, zusammen mit André, und Chris berichtet mir von dem Handelswegfest am vergangenen Samstag. „Wir waren von beiden Seiten flankiert“, steckt er den Rahmen ab, in dem der Bazar stattfand: Gleichzeitig veranstalteten der Kufa-Verein sein „Live im Westen“ an der Skaterrampe sowie das Kultviertel ein Konzert auf dem Friedrich-Wilhelm-Platz. So ist es ja beinahe jedes Mal. Heißt letztlich: Viel Publikum unterwegs, weil es überall etwas Spannendes gibt. Chris fährt fort: „Das Wetter war schön, die Stimmung war toll, es war das erste Mal mit DJ, nicht nur Livemusik, es gab leckeres Essen, die Lissabon-Bar war dabei, wir haben das Fest ums Eck erweitert, es war sehr schön dekoriert, und die Einraumgalerie hatte einen Stand, da haben sie nur Gurkensachen verkauft.“ Das war zumindest der Eindruck, den die Galeristen erwecken wollten, erklärt André: „Weil’s eine Gurkentruppe war, gab’s die Deko, aber verkauft haben sie Wodka mit Melone.“ Und das mit der Gurkentruppe war tatsächlich deren Eigenslogan.

Während André in der Küche die Speisenbestellungen der Gäste zubereitet, die sich allesamt im sonnendurchfluteten Achteck verlustieren, bedient Chris die Gruppe der Eat-The-World-Teilnehmer, die Dirk ins Riptide führt. Für diese Organisation ist Dirk regelmäßig in Braunschweig unterwegs und führt die Teilnehmer zu entlegener, besonderer, alternativer Gastronomieorte. Das Riptide ist ein in diesem Rahmen gern gewähltes Ziel, und Chris kredenzt der Runde nicht nur Informationen über das Café, sondern auch jahreszeitengemäße mediterran orientierte Leckereien zum Probieren. Dirk ergänzt Chris‘ Informationen, indem er ein Exemplar des Buches „Die Stadt ist eine Erbse“ aus dem Regal fischt; da kann ich nur erröten.

Und nachhaken bei den vier Teilnehmern: Wie kommt es, dass sie an dieser sehr speziellen Stadtführung teilnehmen? „Der Wunsch ist entstanden, weil wir das vor ein paar Wochen in Lübeck gemacht haben, mit einem Arbeitsteam“, erklärt Olga für sich und Thomas, die beide aus Lübeck kommen und zurzeit für drei Tage Urlaub in Braunschweig machen. Die beiden Braunschweiger in dieser Runde, Heike und Ronny, fragen sich, wie man ausgerechnet hier Urlaub machen kann, wenn man aus Lübeck kommt; stimmt wohl, hier gibt es nicht mal Meer oder Berge. „Meer haben wir ja selbst“, winkt Thomas ab. Heike meint: „Für andere ist Braunschweig oft ein unsichtbarer Punkt.“ Wenn man gefragt werde, woher man komme, werfe die Antwort meistens nur noch mehr Fragen auf. „Zwischen Berlin und Hannover“, verortet es Ronny dann immer, und Dirk empfiehlt: „Zwischen Jägermeister und VW.“ Lübeck sei aber auch nicht bekannter, finden die beiden Lübecker, und sie unterstreichen ihren Eindruck, Braunschweig habe Schönes zu bieten. Das hat es wohl, was besonders beeindruckt, wenn man berücksichtigt, dass die Innenstadt im Zweiten Weltkrieg zu neunzig Prozent zerbombt war. „Lübeck auch“, nickt Olga, und auch in Punkto Zonenrandgebietslage teilen beide Städte das gleiche Schicksal, stellt sie fest.

Aber nun drängt Dirk zum Aufbruch, die nächste Station wartet: „Das Limonella im Magniviertel“, verrät er. „Das gehört Hasib, der wird aber Hasi genannt, ein irakischer Künstler.“ So kann man also auch als Nochnichtteilnehmer bei Eat The World neue Etablissements in seiner Stadt entdecken: Dirk treffen.

Der Stapel Schallplatten, die Micha Chris zwecks Erwerbs in die Hand drückt, ist bemerkenswert hoch: Imperial State Electric, Madball, Brant Bjork, The Black Keys, Rose Tattoo und Nebula. Nur erstere kenne ich nicht: „Ehemals Hellacopters“, weiß Chris natürlich, und Micha nickt. Er ist regelmäßig im Riptide, wie er sagt: „Einmal im Jahr kommen wir aus Wolfsburg her.“ Er schwärmt vom Riptide: „Das muss man unterstützen, ein kleiner Laden, der Platten verkauft, das finde ich wichtig.“ Stimmt, in Wolfsburg gibt es keinen mehr, dafür aber immerhin kompetente Leute bei Saturn und Müller, dessen Braunschweiger Filiale überdies zufällig genau heute eröffnet, was man an den vielen orangefarbenen Luftballons in der Stadt gut erkennt. Micha ist aber auch lediglich gebürtiger Wolfsburger, seinen Lebensmittelpunkt verlegte er an den Bernsteinsee und wundert sich, dass wir den kennen. Nun, seit 1993 in Wolfsburg berufstätig und in Wesendorf aufgewachsen, da ist mir sowas nicht fremd. Und Chris auch nicht, der in seiner Kindheit viel Zeit „in der Ecke“ verbrachte, in Weißenberge. „Da gibt es doch irgendwo so ein Fischrestaurant“, grübelt Micha, und das kenne ich zumindest vom Vorbeifahren, denn wenn ich früher mit dem Fahrrad nach Groß Oesingen düste, passierte es, dass ich Teichgut passierte. „Genau, Teichgut, da gehen wir manchmal essen“, sagt Micha. Und erzählt von einem Oldtimertreffen in Weißes Moor, an dem er teilnahm. „Da habe ich erst über das Riptide gesprochen“, sagt er und fragt, ob wir einen Musiker kennen, der früher bei Protector war, „der hat auch schon hier gespielt mit seiner neuen Band“, The New Broncos nämlich. Chris ist platt, diese bandhistorische Verbindung war ihm nicht bekannt. Seine Augen leuchten, als er Micha von Protector in den Achtzigern erzählt. Live sind die einst Wolfsburger, jetzt Schwedischen Thrasher inzwischen wieder unterwegs, kürzlich erst im Kulturzentrum Hallenbad. „Da haben auch Destruction gespielt“, erzählt Micha. „Das war wie ein Klassentreffen.“ So wird es bestimmt auch beim „Open Arsch (Closed)“ am 19. Oktober, wenn Paule das alte Festival aus Rümmer wiederbelebt, mit allen Helden von früher. Und so war es auch beim Abschlusskonzert der städtischen Ausstellung „Soundtrack WOB“, was Micha beides verpasste. Halle 54 waren Headliner, und Micha weiß: „Da waren auch Olly Wiebel und Cesare, mit denen bin ich aufgewachsen.“ Stimmt, Olly war mit Intercool und Cesare mit Steamgenerator dort. Kleine Welt wieder. Und kleine Szene in Wolfsburg: Wenn dann mal etwas in der Richtung stattfindet, sind auch so gut wie alle da. Doch alle Schwelgerei ist endlich, Micha muss nun los. „Meine Hunde warten.“

Und à propos Wolfsburger Bands: Kürzlich durfte ich einmal mehr Bandfotos von Cryptic Brood machen – das Ergebnis des ersten Mals war auch in der „Soundtrack WOB“-Ausstellung zu sehen, als Rückseite des Albums „Brain Eater“ –, einem Death-Metal-Trio, dessen Drummer Steffen unter dem Label Lycanthropic Chants entsprechende Musik veröffentlicht und im Jugendhaus Ost Konzerte veranstaltet. Die neuen Fotos nun sollten in Braunschweig entstehen, am liebsten stilecht mit Friedhofsbezug, was sich aber als nicht durchführbar herausstellte, insbesondere, da wir alle viel zu pietätvoll an die Sache herangingen, als dass wir einfach stumpf vor Gräbern posiert hätten, die womöglich anderen etwas bedeuteten. Alternativ schlug ich daher den Handelsweg vor, auf den sich Steffen, Micha und Butzke leicht einließen. Unser erstes Ziel war das Tante Puttchen, weil die Inneneinrichtung so oldschoolig zu unserem Vorhaben passte, aber da kamen wir kaum hin, weil jeder von uns beim Eintreten in den Handelsweg aus Richtung Martino-Katharineum andere Bekannte und Freunde traf, auch aus Wolfsburg. Nach diversen Begrüßungen betraten wir das schön schummrige Tante Puttchen. Stecky zeigte sich sofort einverstanden, seine neue Kneipe als Kulisse für die Bandfotos zur Verfügung zu stellen, und nach der Session bei ihm suchten wir weitere Hintergründe in der Nachbarschaft, darunter auch Stefans Comiculture. Als wir uns zuletzt im Riptide häuslich einrichteten, deutete Steffen durch das große Fenster und stellte fest: „Da kommt meine Freundin!“ Und Micha bemerkte ebenso verdutzt: „Ja – mit meiner Freundin!“

Bei aller Pietät begleitete uns die ganzen Stunden über eines: Wortspielereien rund ums Schänden. Am Ende der Fotosession hatte ich erhebliche Schmerzen im Zwerchfell und erkannte das hohe Schändungsbewusstsein der drei Musiker von Cryptic Brood. Leider sind die analog entstandenen Fotos bis heute nicht fertig entwickelt, weil die Labore dank der Digitalfotografie zahlenmäßig ausgedünnt und somit überlastet sind. Das frustriert schon einigermaßen, schließlich sollte das Cover schon vor drei Wochen in den Druck gehen. Wo meine Filme sich derzeit befinden, ist dabei nicht mal zu eruieren: Es gibt dort keine Schändungsverfolgung.

Mitten im Sommer ist das Ende der Sommerpause auch schon wieder Thema, denn die nächste Staffel der Musikfilmreihe Sound On Screen im Universum-Kino steht bereits fest, erzählt Chris: „Es ist eine bunte Tüte dabei.“ Der Auftakt findet erstmals an einem Sonntag statt, am 15. September nämlich, dem Tag der Deutschlandpremiere von „Wer 4 sind“, dem Film über die Fantastischen Vier: „Das war der persönliche Wunsch der Band“, sagt Chris, „ich vermute, das war der Gründungstag, da hat die Band jedenfalls drauf bestanden.“ Sicher ist, dass das Quartett mit dem Film sein dreißigjähriges Bestehen begeht. Im Anschluss gibt Johnny S im Riptide ein Konzert. Der nächste Film ist am 17. Oktober „Goa – You Are Everything“: „Über die Musikszene, Indien, wo Leute auswandern, den ganzen Tag lang Goa tanzen und Drogen nehmen“, sagt Chris und winkt grinsend ab. Natürlich käme die Betrachtung der Gegend und der Szene nicht ohne Klischees aus, sagt er: „Aber das ist eine spannende Kultur, weltweit, auch in Braunschweig, im Brain gibt es regelmäßig Goa-Partys.“ Der Film falle etwas aus der Reihe, weil er sich nicht um eine konkrete Band oder einen Musiker dreht: „Aber das ist ein ganz toller Film, der ist uns wichtig.“ Nicht minder der dritte, am 8. November ist „Inna De Yard – The Soul Of Jamaica“ zu sehen, „ein ganz toller Film über Jamaica, Reggae und die sechziger Jahre“, sagt Chris. „Es gibt so viele gute Filme darüber, eigentlich keinen schlechten.“ Dabei macht er einen Ausfallschritt in die Büroecke und lässt recherchierend vernehmen: „In der allerersten Staffel hatten wir ‚Rocksteady – The Roots Of Reggae‘“, ruft Chris herüber. Außerdem liefen der „The Doors“-Film und die Dokumentation über die skandinavische Black-Metal-Szene: „So hat Sound On Screen damals angefangen.“

Auch veröffentlicht ist mittlerweile das Jahresrestprogramm des neuen Veranstaltungszentrums WestAnd, das demnächst eröffnet werden soll, und André fragt: „Gehst du auch zu Clawfinger?“ Ja, da habe ich mir sofort für den 4. Oktober zwei Tickets gekauft, schließlich will ich den ersten mittelgroßen Veranstaltungsort in Braunschweig seit dem Ende von FBZ und Meier gebührend begrüßen. Außerdem ist Clawfinger die einzige Band aus dem mir bislang bekannten WestAnd-Programm, die ich auch in meinem Plattenschrank finde; da hoffe ich auf eine künftig größere Überschneidung. Den vorderen Teil der Halle bespielt der Kufa-Verein, und ich freue mich, dass wir in deren Räumen mit Rille Elf gebucht sind, eine Party auszurichten, Ende Oktober: Kaum ist das Gebäude da, dürfen wir dort unsere Laptops aufklappen Und wie es sich gerade wieder fügt, findet einen Tag nach dem Clawfinger-Gig die 25. Indie-Ü30-Party im Nexus statt; da hoffe ich, dass sich das sich überschneidende Publikum nicht zu sehr verausgabt und trotzdem noch ins Nexus kommt. „Wer hat den die ausgebuddelt?“, wundert sich Chris über Clawfinger. „Seit ‚Nigger‘ und ‚The Truth‘ hat man doch nichts mehr von denen gehört!“ Das war 1993, das letzte Album ist von 2007 – man darf gespannt sein, was die Skandinavier dieser Tage auf die Beine stellen wollen.

Die Leute von der Einraumgalerie gegenüber haben Bedürfnisse: Frust fragt, wann er mal wieder mit Spülgut die Riptide-Spülmaschine benutzen darf. „Frag einfach, wenn es so weit ist“, sagt Chris. Frust nickt. „Dann frage ich jetzt mal.“ Guter Moment: „Jetzt passt es sogar“, sagt Chris. Frust dankt und kehrt nach wenigen Momenten mit einem roten Korb voller leerer Gläser zurück: „Dann frage ich doch mal.“

B.D.I. verstehe ich miss, als Christian die LP von Beady Eye bezahlen will. „Das ist Oasis light“, erklärt mir Chris, es sei die Band von einem der beiden Gallagher-Brüder . „Der Kaputte“, ergänzt Christian, und Chris entgegnet: „Jeder sagt, der andere ist der Kaputte.“ Jener andere hat die Band High Flying Birds, und Chris berichtet, dass es kaum Leute gibt, die beide mögen, „der eine mag das, aber das andere nicht“. Wir überlegen noch, wofür „BDI“ stehen könnte: Chris denkt an Satellitenabwehrprogramme und ich an Thrash-Punk-Bands, also SDI und DRI. Wir Kinder der Achtziger.

Meine Karamell-Kaffee-Fritz-Kola ist leer, die Sonne lacht, ich mag noch ein bisschen draußen sein und nehme folglich meinen Hut. Weit komme ich so schnell nicht, Serge bedeutet mir, Platz zu nehmen, aber das ist ja auch das Schöne an Braunschweig allgemein und am Handelsweg besonders. So möge es doch bitte auch noch viele Sommer lang bleiben.

Matthias Bosenick
www.krautnick.de

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#142 Eine imaginäre Nichtfeier

19. Juli 2019


Donnerstag, 18. Juli 2019

Heute hat Arni Geburtstag. Der Plan war zunächst, dass wir beide uns bei ihm treffen, und Arni erweiterte kurzerhand diesen kleinen Kreis, bei dem es sich bis dato nach geometrischer, um Gottes Willen nicht die Jagd betreffender, Definition lediglich um eine Strecke handelte, um eins, also zu einem Dreieck, indem er Schepper dazubat, und verlagerte den Treffort in noch kürzerer Hand von seinem frisch umgestalteten Wohnzimmer ins Café Riptide. Weil Schepper nun angesichts wieder steigender Temperaturen fürchtete, im Achteck des Handelsweges keinen adäquaten Sitzplatz für diese eckige Runde zu bekommen, reservierte er telefonisch einen Tisch für die von Arni angesetzte Uhrzeit.

Davon weiß ich aber noch nichts, weil ich am Anfang des Handelsweges bei Comiculture auf Inhaber Stefan sowie Marion von Fifty-Fifty gegenüber im Bunde mit jeweils zugehörigen Helfern treffe und Marion mir mit einem Kaffeebecher in der Hand vom anstehenden Handelswegfest, dem Sedan-Bazar, erzählt: „Samstag in einem Monat“, sagt sie, also am 17. August, „ab 12 Uhr mit open end.“ Von allem soll es dieses Mal mehr geben: „Mehr zu essen, mehr Musik.“ Außerdem erweitert sich der Handelsweg quasi um die Ecke herum, in die Breite Straße hinein, denn die Lissabon-Bar ist erstmals mit von der Partie: „Ich möchte, dass sie ein bisschen bekannter werden“, sagt Marion. „Ich will sie mit reinholen, dass man weiß, dass es eine neue Bar gibt, mit portugiesischen Spezialitäten und einer Galerie.“ In der zurzeit die Arbeiten des Illustratorenstammtischs aus dem Riptide zu sehen sind, seit der Kulturnacht vor einigen Wochen; ein schöner Abend, überdies, der beinahe den Sedan-Bazar vorwegnahm.

„Das Café Drei ist immer noch leer, leider“, stellt Marion bei der Fortsetzung ihrer Aufzählung fest, und fügt an, dass es für Stecky eine Premiere wird, denn seit er das Tante Puttchen übernommen habe, sei er zum ersten Mal in dieser Rolle am Handelswegfest beteiligt. Hat er? Das ist an mir vorbeigegangen. Marion ist schon weiter: „Ab 18 Uhr gibt es Pulled Pork, das ist lecker, für alle Fleischesser, und im Riptide gibt es Kleinigkeiten“, fährt sie fort. „Wir freuen uns drauf“, sagt sie strahlend. „Wir möchten uns bei Kunden, Freunden und allen, die uns zu schätzen wissen, bedanken.“ Mit einem Nicken in Richtung ihres Ladens ergänzt sie: „Bei mir gibt’s Prosecco ohne Ende und Specials, die Ingenieure ohne Grenzen sind auch wieder dabei.“

Eine Kundin hat Fragen an Marion, ich hab erstmal alle Antworten, und da es noch etwas vor Arnis festgelegter Zeit ist, schlendere ich nach jeweils einem Gruß an Helmut und André kurz bei Achim und Stecky vorbei und horche nach den Hintergründen. Achim sitzt mit einem Getränk in der Hand auf der Bank vor dem Tante Puttchen und Stecky fegt zwischen den Tischen herum. „Du kommst spät“, sagt er auf meine Frage und reicht mir die Ghettofaust. Seit 1. Juni ist das Tante Puttchen nun in seiner Hand: „Hab ich dir doch letztes Mal schon gesagt“, sagt er mir dieses Mal, und ja, ich erinnere mich, hielt das aber für einen Scherz in einem Nebensatz. Und Achim lässt sich davon nicht aus seinem Etablissement wegdenken: „Weil ich auch meine Freunde sehen will“, sagt er und stellt die nun leere Flasche ab. Stecky kehrt heim, fegt nun also in seiner neuen Bleibe, da tippt mir Schepper auf die Schulter, Arnis zweiter Begleiter für heute. Er wusste das auch schon mit dem Inhaberwechsel. „Achim ist Chef, ich bin Berater“, konkretisiert es Stecky: Dies sei zunächst ein Übergang: „Ich kann erstmal nochmal lernen, irgendwann sehen wir weiter, und Achim kann seine Leute sehen.“ Die trudeln auch alsbald ein.

Wir trudeln weiter, Schepper ins Riptide und ich bleibe bei Serge hängen. Der sitzt mit Strohhut auf dem Kopf in der Sonne vor seinem Antiquariat und liest „Allegorien des Lebens“ von Paul de Mar. „Das ist extrem schwierig“, sagt Serge, „aber wunderbar.“ Er zieht Analogien zwischen Leben und Lesen und befindet: „Ich betrauere alle Menschen, die nicht lesen.“ Denn: „Die ganze zweite Ebene des Daseins erreicht sie nicht.“ Serge empfindet diese Form des Daseins als „trostlos“ und fragt sich, wie es dazu kommt, schließlich sei Lesen etwas fürs Leben Inspirierendes. Der weitere Austausch mit Serge wäre wie immer erhellend, doch da die Stunde vorrückt, muss ich mich von ihm lösen, schließlich soll Arnis Geburtstag gleich mal begangen werden.

Doch Arni ist noch gar nicht da. Schepper hat den reservierten Tisch schon in Beschlag genommen und beschäftigt sich mit seinem neuen Tablet. „Lieber Schoko oder lieber Mandel-Marzipan?“, fragt mich Rosalie. Es geht um einen Muffin für Arni und ich entscheide mich in Erinnerung an den kürzlichen Flohmarkt im Handelsweg für Mandel-Marzipan. Rosalie bereitet einen kleinen Teller vor, mit dem Muffin und einer kleinen, viereckigen gelben Kerze mit einem roten A drauf, und stellt ihn an den immer noch leeren für Arni vorgesehenen Platz an dem reservierten Tisch.

Eine Menschenschlange mäandert durch den Handelsweg, der Kopf steuert das Café an: Dirk ist wieder mit Touristen für Eat The World unterwegs. In dieser Eigenschaft treffe ich ihn regelmäßig, auch mal am Samstagmorgen auf dem Wochenmarkt. Nachdem er seine hungrige Schar bei André im Riptide ließ, stellt sich Dirk zu Schepper und mir und fragt, was es mit der Kerze auf sich hat. Wir erklären ihm, dass Arni heute Geburtstag hat. Dirk zieht an seiner Dampfe und Schepper bemerkt, dass die offenbar digital ist, was Dirk bestätigt: „Akkuleistung und Watt“ zeige die Anzeige an. „Eigentlich wollte ich so etwas nicht“, sagt Dirk, „aber meine Nachbarin ist weggezogen und hat es mir geschenkt.“ Er nickt und schließt sich wieder seinen Leuten im Café an. Doch die sind noch mit dem beschäftigt, was sie von André erhielten, und also kehrt Dirk zu uns zurück. „Wo ist denn Arni hin?“, fragt er. Noch nicht da, erklären wir. Dirk grinst: „Wenn er jetzt hier wäre, hätte ich 15 Leute zum Happy-Birthday-Singen da.“ Na, wer weiß, vielleicht klappt es ja noch und Arni ist rechtzeitig zugegen. Wir feixen, das wäre ein Spaß!

Doch als Dirk mit der Menschenschlange im Schlepptau aus dem Café herauskommt und vor unserem Tisch anhält, ist Arnis Platz noch verwaist. Er deutet auf Schepper und mich und richtet das Wort an seine Touristen: „Hier sieht man einen imaginären Geburtstag – zwei Leute, die auf das Geburtstagskind warten.“ Schepper grinst: „Ist halt nicht mehr der Jüngste.“

Gelbes Wachs tropft auf den Tisch, Schepper schiebt ein Taschentuch darunter. Rosalie tritt heran und verzieht mit Blick auf den immer noch leeren Platz den Mund: „Traurig.“ Schepper hat eine Erklärung: „Je älter die Gäste, desto später das Geburtstagskind.“ Sie nimmt unsere Getränkewünsche an, da schreitet Arni tatsächlich und in Person heran. „Herzlichen Glückwunsch“, begrüßt ihn Rosalie, und er staunt, und das noch mehr, als er den Muffin mit der Kerze erblickt: „Oh, ich bin sogar bedient!“ Er setzt sich unter unserem Glückwunschhagel auf den ihm zugewiesenen Platz und blickt auf die Kerze: „Sogar mit einem A!“

Ein anderes A nähert sich, André hebt beide Hände zur jeweils Hohen Fünf und gratuliert Arni. „Mir war nicht nach Feiern“, erläutert der, „und ich dachte, ich gehe zum Nichtfeiern in mein liebstes Wohnzimmer.“ Er hält kurz inne und korrigiert sich: „Obwohl: Mein zweitliebstes, seitdem ich meins zu Hause aufgeräumt habe.“ Kaum dreht André bei, gesellt sich Chris zu uns und richtet seine Glückwünsche aus. „Was für eine Ehre, beide Chefs!“, freut sich Arni.

Und dann kommt Micha vorbei, den ich seit viel zu langer Zeit schon nicht mehr im Riptide traf und der sich den Gratulanten anschließt. Er moniert, dass wir Spaß haben, während er arbeiten muss, und Schepper findet, man könne auch Spaß bei der Arbeit haben, was Micha kopfschüttelnd, aber grinsend negiert: „Ich hab keinen Spaß bei der Arbeit.“ Arni erwidert: „Dann denk mal über deine Arbeit nach!“ Micha kontert: „Oder über den Spaß.“ Damit bringt er uns und Grübeln und zum Schweigen. So kann einem der Spaß dann auch vergehen. Könnte, denn in dieser Konstellation ist das schier unmöglich. Micha holt sich ein dickes Bündel Plakate zum Verteilen aus dem Riptide und setzt seine spaßfreie Arbeit fort, während wir unseren arbeitsfreien Spaß wieder aufnehmen.

Wir haben viel zu besprechen, wir drei. Diese Sorte Spaß könnte glatt in Arbeit ausarten. Und ich darf nicht vergessen, dass meine Bestellung abholbereit ist: „Feuriges Auge“, die 200. Episode der Drei Fragezeichen, als Sechsfachvinyl. Aber das ist grad nicht so wichtig. Heute hat Arni Geburtstag.

Matthias Bosenick
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#141 Blut am Pranger

21. Juni 2019


Donnerstag, 20. Juni 2019

Sommer! Oder so. Zumindest ab morgen, dem längsten Tag des Jahres. Heute ist irgendwoanders im Lande Fronleichnam, also Feiertag. Und die Kulturnacht steht kurz bevor, übermorgen nämlich, was man im Handelsweg nicht übersehen kann: An den Tischen im Achteck entfalten sich nicht nur die Gäste, sondern diese auch die Programme und die Übersichtspläne, und die nahmen sie vermutlich direkt im Riptide mit, denn auf einem runden Tisch neben der Theke sind sämtliche Infomaterialien zu dem stadtumspannenden Ereignis aufgestapelt. Das Riptide selbst nimmt natürlich auch daran teil, und zwar stellt Toddn Kunst aus und hält ab 21 Uhr eine Lesung ab. Erst vorgestern traf ich ihn und Schepper genau hier, als ich zufällig auf eine Kola hereinschneien und den neuen Peter-Grant-Roman von Ben Aaronovitch zuende lesen wollte, „Die Glocke von Whitechapel“; ein schöner Tausch, stattdessen in diese Gesellschaft geraten zu sein.

Schepper sitzt auch heute hier, am nämlichen Platze auf der Bierbank am Fenster der Rip-Lounge, unter dem Segeltuch, das heute ausnahmsweise mal nicht das schlechte, sondern das sonnige Wetter abhält. Auch der Solo-Bassist hat Engagements bei der Kulturnacht, als wohl einer der wenigen Artisten des Abends gleich zwei, aber keinen davon im Handelsweg, sondern zuerst um 19.30 im BBK am Botanischen Garten und dann um 22 Uhr in der Bar Lissabon um die Ecke vom Handelsweg, bei der Ausstellungseröffnung des Illustratorenstammtischs, der sich regelmäßig im Riptide trifft.

Die ganze Bank ist neben ihm noch frei, ich setze mich zu Schepper. Vor uns plaudern zwei Frauen auf Englisch, rechts davon spielt Udo mit jemandem Schach, und Schepper liest im neuen Zeit-Magazin über 50 Jahre Mondlandung. Überall im Handelsweg sind Bänke und Stühle belegt, von Stefans ComiCulture über Helmuts Strohpinte und Serges Antiquariat bis zu Achims Tante Puttchen. Das vormalige Café Drei steht immer noch leer. Aline steuert direkt aus dem Riptide auf uns zu: „Was darf ich dir Gutes bringen?“, fragt sie mich. Des Hungers wegen einen Bonanzaburger mit einer Scheibe Extra-Käse, die sie aussuchen darf, und des Durstes wegen eine Fritz-Kola mit Extra-Koffein. „Das darf ich mir auch aussuchen, ja?“, fragt sie. Selbstredend! Und Schepper erbittet eine Fritz-Kola mit ohne Zucker drin.

Als wir unsere Getränke gerade so einnehmen und uns an ihrem Erfrischungsgehalt laben, erblicken wir Dirk, wie er zielgerichtet vor uns von links nach rechts durch das Achteck steuert. Wir rufen ihm Grüße zu, und er antwortet fröhlich winkend: „Hey, ich muss leider weiter, ich werde verfolgt!“ Das stimmt: Wir sehen, dass er ein rotes Kärtchen an einer Schnur um den Hals trägt, das ihn offenbar als Touristenführer kennzeichnet, und dass ihm im Gänsemarsch ein gutes Dutzend Stadterkunder auf den Fersen ist. Sobald der Letzte in der Reihe unseren Sitzplatz passiert, ist Dirk vermutlich schon auf dem Kohlmarkt, ohne dass die Schlange unterbrochen ist. Leuten Geschichten aus der Stadt erzählen kann er gut, das hat er früher schon als Okerflößer unterhaltsam bestätigt.

In unserer Blickrichtung räumt und wischt Chris Tische ab. Er grüßt Schepper und mich mit Nachnamen und schiebt mir in die Augen guckend und dabei grinsend ein „Na, du Schweinegesicht?“ hinterher. Ich drehe mich um, aber durch die Scheibe hinter mir sehe ich, dass der Platz in der Lounge leer ist. Er muss also doch mich meinen. Worauf spielt er nur an? Da fällt es mir ein: Auf mein T-Shirt, das von Pigface, mit dem reichlich unappetitlichen „Fook“-Motiv. Voll vergessen, was ich trage! Damit revanchiert er sich für meine vergleichbare Aktion vorgestern, als ich ihm eine Hohe Fünf auf den Bauch geben wollte, und er vergessen hatte, dass auf seinem Shirt eine große Hand abgebildet war. Dabei handelte es sich um ein Kleidungsstück einer New Yorker Firma, also aus New York, nicht aus Braunschweig, die Fair-Trade-Motive von Künstlern gestalten lässt, rund um den Themenkomplex „Welthandel und Ungerechtigkeit“, wie Chris erzählt. „Das Motiv hat mir sehr gut gefallen“, sagt er, und spricht Schepper mit „Paul“ an, weil auf dessen T-Shirt der Schriftzug „Lennon“ prangt. Schepper kennt sowas: „Ich spreche gern Leute darauf an, ‚cooles Shirt‘, und die gucken erstmal runter, welches Shirt Mutti heute rausgelegt hat.“

Chris erzählte noch, dass er „The Dead Don’t Die“ gucken wollte, den neuen Film von Jim Jarmusch, einem der größten Regisseure dieser Tage, die mit ihm seit über 30 Jahren anhalten, und ich mag ihm nicht spoilern, dass ich den Film nicht mochte. Und warum. Immerhin lief er im Universum-Kino, also überhaupt in Braunschweig, und dafür bin ich schon dankbar genug. Zuletzt lief dort auch im Rahmen der „Sound On Screen“-Reihe „Chasing Trane“, die Doku über John Coltrane, die ich mit Jörg aus Wolfsburg sah, und den fanden wir auch nicht so geglückt. Ein verfilmter Wikipediaeintrag mit Lobhudeleien. Aber die Mucke, an der Coltrane beteiligt war, ist natürlich großartig, nicht nur die Hits von „Kind Of Blue“ bis „A Love Supreme“. Jörg hatte es hernach eilig, den letzten Zug nach Wolfsburg noch zu erreichen, und hastete zum Hauptbahnhof. Später schrieb er mir, dass seine Mission geglückt sei, die da lautete: „Chasing Train“. Da hörte ich bereits im Riptide das Jazz-Trio Ascension, lauter überraschend junge Leute, die den Geist Coltranes aufnahmen und ansprechend zu etwas Eigenem verwirbelten.

Außerdem holte ich mir kürzlich meine bestellte LP ab: „She Paints Words In Red“ von The House Of Love, hier allerdings ohne Artikel, das neue Album, quasi, das vor sechs Jahren erschien, und zwar zusätzlich zur CD in einer limitierten LP-Fassung mit einem Bonus-Stück, aber als ich davon erfuhr, waren die 350 Exemplare längst vergriffen und werden seitdem zu horrenden Preisen in den bekannten Gebrauchttonträgerverkaufsplattformen im Internet angeboten. Mit leicht neidvollem Blick auf den Braunschweiger Musiker, der eine Kopie davon hat, vermied ich es, die CD zu erwerben und lauerte auf die LP zu bezahlbaren Konditionen. Geduld zahlt sich aus: Ich hatte die LP vielfältig als Suchanfrage eingestellt, und plötzlich erschien sie als Voranmeldung zur Wiederveröffentlichung – musste ich natürlich sofort bestellen. Weitere 1000 Exemplare auf weißem Vinyl, meins trägt die Nummer 77. So. Jetzt können Guy Chadwick und seine Bande auch gern wieder etwas Neues herausbringen.

„Hat es denn geschmeckt?“, fragt Aline, als sie meinen leeren Burger-Teller wieder mitnimmt. Sehr! Schepper blickt auf die beiden Salatgurkenscheiben, die noch unangetastet in der ansonsten leeren Salsasoßenschale stecken: „Aber Gurken mag er nicht.“ Aline weiß, dass auch welche zur Burgerausstattung gehören: „Die Sauren hat er aber gegessen“, stellt sie fest und blickt auf die beiden Reste. „Die leg ich jetzt ein, die gibt’s dann nächstes Mal.“

Vor Schepper liegt kopfüber sein Hut auf dem Tisch. Markus knotet sein Fahrrad irgendwo fest, erblickt die Kopfbedeckung und sagt im Niedersetzen: „Na, Jungs? Nee, Männer! Hab grad kein Kleingeld.“ Na, Scheine tun’s auch, bemerken wir. „Nur zum Schein!“, sagt Markus, und Schepper winkt ab: „Mehr Schein als Sein!“

Es ist Zeit für den Aufbruch. Üblicherweise wäre Schepper noch zum MokkaBär weitergeradelt, aber Ollo ist zurzeit im Urlaub. Und war deshalb auch bedauerlicherweise am Samstag beim Stadtteilfest auf dem Frankfurter Platz nicht zugegen. Da kamen alle Anrainer zusammen, bis hin zum Nexus, und bildeten ein kunterbuntes kleines Straßenfest mit Livemusik von Kurzmal zum Abschluss. Bernd, Carlos und ich nahmen zwischendurch Getränke im Gambit ein. Carlos stammt aus Lissabon, lebte vor 30 Jahren in Braunschweig, ist längst Berliner und hat immer noch Kontakt zu Bernd, der den soziokulturellen Kufa-Teil am WestAnd mitbetreut, dem neuen Veranstaltungsort, der im Sommer seine Türen öffnet. Carlos stellte fest, dass Braunschweig sich positiv veränderte, seit er es verließ, dass nämlich die Leute freundlicher und offener seien. Und, für ihn die größte Überraschung: Die Mülltonnen können einfach so an der Straße stehen – in Berlin sei das unmöglich, weil dann alle Leute ihren Müll dazustellten. Hier sei das ansatzweise ähnlich mit Sperrmüll, erwiderte ich: Einiges kommt weg, anderes dazu, sodass die Menge an Müll über Nacht ungefähr ausgeglichen bliebe. „Weißt du, wie das in Berlin aussieht?“, fragte Carlos unbeeindruckt. Vermutlich häuft sich einfach nur noch mehr an? Carlos schüttelte den Kopf: „Es bleibt ein Jahr so.“

Also zieht Schepper nach Osten und ich begleiche meine Rechnung bei André, der Chris hinter der Theke abgelöst hat. Im Café stehen die Stehtische im früheren CD-Bereich jetzt L-förmig, also mit doppelter Abstellfläche. Ein Ventilator verwirbelt die Luft über den Kulturnachttraktaten. André gießt Roséwein in mit Eiswürfeln bestückte Gläser: „Das wird eine runde Sache“, stellt er zufrieden fest und trägt das Tablett mit den Getränken an seinen Bestimmungsort. Am Fenstergitter vor dem Schallplattenspieler sind die orangefarbenen Durchgedreht-24-Ballons festgebunden. Mein Weg führt mich zurück nach Westen, vorbei an der nun mit Frust ebenfalls besetzten Bank vor der Einraum-Galerie und an Marions indessen geschlossenem Fifty-Fifty-Bekleidungsgeschäft. Noch scheint die Sonne, aber man sieht, dass ein Gewitter aufzieht. Hoffentlich nicht auch übermorgen, wenn die Menschen durch die Kulturnacht flitzen!

Matthias Bosenick
www.krautnick.de

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#140 Aashaalige

10. Mai 2019


Donnerstag, 9. Mai

Endlich Mai! Endlich den Wintermantel wieder auspacken, nachdem wir im Februar und April schon beinahe im T-Shirt im Achteck saßen. Oder, wie es ein Musiker sagte, den Henrik und ich im März bei unserer Flyer-Verteile-Aktion für die Nexus-Indie-Ü30-Party instrumenteschleppend vor dem B58 trafen: „Das ist Frühling in Deutschland, wenn man morgens beim Eiskratzen einen Sonnenbrand bekommt.“ Die Braunschweiger nennen das dieser Tage die Aashaaligen, aber vom Draußensitzen lassen wir Ostfalen uns ja mal gar nicht abhalten. Also, auf ins Riptide!

Dem nähere ich mich von der Breiten Straße aus und schwenke kurz bei Marion ein, die mir durch die Schaufensterscheibe ihres Second-Hand-Bekleidungsgeschäftes Fifty-Fifty zuwinkt. Sie ist mit ihrem Mobiltelefon beschäftigt und postet auf Instagram etwas über neu eingetroffene Schuhe. „Eigentlich habe ich nicht die Zeit dafür“, stellt sie tippend fest. Sie versucht, solche notwendigen Aktivitäten in ihren raren ruhigen Minuten zu bewältigen, wird aber häufig abgelenkt, und sei es nur gedanklich, weil sie schon wieder neue Projekte ersinnt: „Ich springe ständig hin und her“, sagt sie. Und bemerkt: „Ich bräuchte jemanden, der das für mich macht.“ Dann, sagt sie, loggt sie sich mal wieder in ihren Social-Media-Accounts ein und bekommt die Information, einer ihrer Freunde habe nach längerer Zeit mal wieder etwas gepostet: „Das macht mir ein schlechtes Gewissen, ich fühle mich unter Druck gesetzt von den sozialen Medien.“ Doch sie freut: „Es gibt noch Leute, die zum Telefonhörer greifen und fragen, ob man die Siebziger-Kombi noch hat.“ Oder man kommt persönlich vorbei. Marion nickt: „Das ist das Beste!“ Zurzeit hat sie einen großen Zulauf an Swing-Bekleidung und sucht nun Kontakt zur Szene, ich empfehle ihr die Flapper-Swing-Sause, die der Kufa-Verein regelmäßig im Kulturpunkt West veranstaltet. Im Gegenzug leakt Marion den Termin für den nächsten Sedan-Bazar, den der Handelsweg jeden Sommer mit vielen Aktionen feiert: Am 17. August ist der geplant. Kundschaft trudelt ein und probiert Schuhe an, ich kehre aus und bleibe direkt gegenüber bei Comiculture hängen.

Wo wenn nicht hier bekomme ich Infos über Pokémon-Merchandise, denke ich mir, nachdem Andrea und ich den „Pokémon Detective Pikachu“ gestern in der Vorpremiere im C1 sahen und begeistert darüber waren, dass unsere Lieblingsmonster nicht nur fabelhaft animiert waren, sondern uns der Film drumherum auch noch überzeugte. Doch Stefan, der sich mit Jascha im Türrahmen unterhält, meint, dass eine Promotion des Films gar nicht nötig sei: „Die erreichen die Leute, die acht oder neun Jahre alt waren, als das Spiel in Deutschland rauskam, und die drangeblieben sind.“ Dieser Automatismus gewährleiste ein notwendiges Mindestpublikum, und andere Zuschauer könne der Film ohnehin nicht erreichen, weil die Vorkenntnisse fehlen. „Pokémon ist als Lizenz dreimal so erfolgreich wie Star Wars“, weiß Stefan. Jascha erinnert sich noch daran, Mitte der Neunziger mit den ersten Pokémons in Berührung gekommen zu sein. Stefan nickt: „Die waren damals alle Feuer – und sind es heute immer noch.“ Lukas und Ivalu treten aus dem Comiculture in unser Dreieck und erweitern es zum Kreis. Stefan sagt: „Ein guter Einstieg ist, die Leute zu fragen: Was ist dein Lieblings-Pokémon?“ Er dreht sich auffordernd zu den Neuankömmlingen um. „Chelterrar“, sagt Lukas. „Evoli“, sagt Ivalu. „Son Goku“, grinst Jascha. Meins dürfte Phanpy sein. „Gengar“, sagt Stefan. Und löst damit bei Lukas sofort eine Debatte über gelungenes und missglücktes Design bei Pokémon-Monstern aus. Der schließe ich mich nicht an, empfehle aber nochmal schnell den Film und wende mich dem Riptide zu.

Dabei komme ich noch bei Helmut und seiner Strohpinte sowie an der Einraum-Galerie vorbei, vor der zwei der vielen Stefans auf der Bank sitzen. Im Achteck winken dafür schon alte Bekannte: Rainer, Schepper und Frank sitzen um einen Tisch herum, Chris steht mit einem großen Stück Papier und einer Rolle Tesafilm bei ihnen. Für das Konzert der Band Bonefish morgen im Riptide wirbt das Plakat, das Chris an der Wand gegenüber befestigt. „Ich wollte eigentlich gerade gehen“, sagt Frank, erhebt sich und beteuert, dass das nichts mit meinem Eintreffen zu tun habe; das hätte ich auch so gesagt und habe ich auch gar nicht anders erwartet. Er lässt sich nieder und bestellt doch noch einen weiteren Kaffee, ich einen Milchkaffee und Schepper eine Fritz ohne Zucker. Rainer hebt zu einem Vortrag an, den Schepper und Frank schon kennen: „Kennst du Hemingway?“, fragt er. Kenne ich. „Kennst du Ferdinand von Schirach?“, fragt er. Namentlich, ja. Schirach habe ein Buch namens „Kaffee und Zigaretten“ herausgebracht, setzt Rainer an. Ist das geklaut? „Du meinst von Jim Jarmusch?“, fragt Rainer. „Damit hat das nichts zu tun.“ Er will auf etwas anderes hinaus: In dem Buch behauptet Schirach auf Seite 40, Hemingway habe einen zitierten Satz 1964 in seinem Buch „Paris, ein Fest fürs Leben“ geschrieben. Rainer springt beinahe aus seinem Sitz auf: „Pass auf: Hemingway war 1964 schon lange tot!“ Er lehnt sich zurück. „Das Buch wurde 1964 veröffentlicht, geschrieben wurde es früher“, weiß er und echauffiert sich: „Das darf nicht passieren!“ Frank nickt: „Zumal nicht einem Juristen wie Schirach.“ Das hätte auch mindestens dem Verlag auffallen müssen, sind wir uns einig, und auch darin, dass Verlage und Redaktionen heutzutage Lektorate für überflüssig zu halten scheinen. An manchen Grammatikfehlern kann ich erkennen, aus welchem Musikmagazin sie stammen.

Rainer ist schon wieder weiter, der Name Camus fällt. „Von dem hab ich auch mal was gelesen“, sagt Schepper. „Im Studium – das ist laaaaang her!“ Er sinniert: „Irgendwas mit Sisyphos?“ Rainer und Frank nicken, „Der Mythos des Sisyphos“, und führen unisono „Der Fremde“ an. Dazu fällt mir The Cure ein, ich meine, dass sich deren „Killing An Arab“ darauf bezieht. Frank winkt ab: „In Cure bin ich schwach.“ Schepper nickt: „Cure finde ich auch schwach.“ Frank lacht. Ich erinnere mich, dass Robert Smith Anfang der Neunziger in Erklärungsnot kam, als der erste Golfkrieg ausbrach und es hieß, „Killing An Arab“ sei antiarabisch, und er immer erklären musste, dass sich das Lied auf Albert Camus beziehe. Später sang er bei Livekonzerten oft „Kissing An Arab“, um den Dampf aus der Debatte zu nehmen; so habe ich es auch in Roskilde und Berlin gehört. Rainer nickt nun: „Der Fremde erschießt einen Araber.“ Also! Und Frank weiß dazu: „Camus war Algerier.“

Ein Personalwechsel steht an: Rainer verlässt uns, Schlagzeuger Wumme nimmt den Platz neben Bassist Schepper ein. Dabei fällt mir ein, dass ich jüngst Franks Bassisten-Bashing im Rolling Stone las. In der aktuellen Ausgabe veröffentlichte er nämlich einen Artikel über die Geschichte der Stromgitarre und ließ an einer Stelle die Aussage fallen, dass Gitarristen sinngemäß von Natur aus zur Rampensau vorgesehen seien, und wer nur still in der Ecke stehen wolle, wäre eben Bassist geworden. Frank lacht laut los und Schepper grinst. „Was für eine Koinzidenz“, sagt Frank und nippt an seinem Kaffee. „Ich hätte nicht gedacht, dass du das mitbekommst“, sagt er zu Schepper. Der lacht seinerseits und sagt: „Ich hab meine Augen und Ohren überall!“

Da Wumme auch als Schlagzeuger gelegentlich an Scheppers Bassstammtisch teilnimmt, erzählt ihm der Organisator von der jüngsten Zusammenkunft im Riptde. Es gab einen Neuzugang aus Helmstedt, ein Bassist, der mit einer Frau zusammen ein Duo bestreitet. Chris tritt an unseren Tisch und verabschiedet sich in den Feierabend, nicht ohne uns einmal mehr auf das Konzert morgen mit Bonefish hinzuweisen. Dabei fällt Schepper ein, dass er und Frank sich noch über neue Alben unterhielten und davon abgekommen waren, und Frank deutet mit leuchtenden Augen auf mich und gibt preis, dass D.A.D. acht Jahre nach „Dic.Nii.Lan.Daft.Erd.Ark“ ein neues Album herausbringen. Das wusste ich nicht, ich hörte gerade erst die letzte Raritätencompilation „Behind The Seen“ und stellte einmal mehr fest, wie wenig sich die nach Sammlung anhört, vielmehr nach einem geschlossenen Album, was Frank bestätigt. Die neue Platte hat Frank schon gehört, er ist hingerissen: „‘A Prayer For The Loud‘ heißt die, obwohl, so laut ist die gar nicht.“ Er zählt die Vorzüge dieses Albums anschaulich auf – und ich vermerke einen weiteren Posten auf meiner inneren Einkaufsliste.

Schepper erwähnt die letzte Platte von Voivod, „The Wake“, und weckt Franks Interesse. Sie tauschen sich über ihre Lieblingsstücke in der Voivod-Discografie aus. „‘The Outer Limits‘ war sehr geil“, findet Schepper. „Da waren tolle Ideen mit bei.“ Dazu fällt Frank die finnische Band Kaleidobolt ein, die auf ihrem Album „Bitter“ eine Art Garagerock aufführt und unvermittelt in Mathcore fällt, aber mit clean gespielten Gitarren. Frank ist kaum zu halten und erzählt wort- und gestenreich den Bandsound nach: „Hundert pro auf die Eins“, schließt er. Das wollen wir uns merken. Und Schepper kommt nicht von der neuen Platte von The Claypool Lennon Delirium los, von der gelungenen Mixtur aus dem hanebüchenem Unsinn Claypools und Lennons Popgespür. Frank bestätigt: „Lennon hat Popmelodien mit der Muttermilch bekommen.“ Schepper grinst: „Mit der Vatermilch auch.“

Und Schepper hört seit längerer Zeit mal wieder Blue Cheer, „da hat Wumme mich drauf gebracht“. Und mit Wumme haben wir einen Experten zu dem Thema am Tisch: „Wichtige Band“, nickt der nur knapp. Frank erzählt, dass Rockjournalist Lester Bangs über das Debütalbum „Vincebus Eruptum“, was der Bandname auf Latein ist, sagte, Blue Cheer sei die einzige Band, die rückwärts abgespielt so geil sei wie vorwärts: „Und das war ein Lob!“ Zudem gefalle Frank, dass Bandkopf Dickie Peterson betont habe, Musik als etwas Physisches aufgefasst zu haben. Das Album fehlt mir noch in meiner Sammlung, mein einziger Bezug zu „Vincebus Eruptum“ ist bis dato das gleichnamige Label und Schallplattengeschäft von Davide aus Savona, das ich dort einst entdeckte. Wumme spricht von Proto-Metal und erklärt uns, warum das zweite Album den Titel „Outsideinside“ trägt: „Weil es zur Hälfte draußen aufgenommen wurde“, und zwar deshalb, weil die Band drinnen die PA „zerschossen“ habe. Frank ist begeistert von solchen Schnurren aus der Rock’n’Roll-Historie: „Das will ich hören!“

Etwas in Eile schnurrt Serge mit einem jungen Begleiter durch den Handelsweg in Richtung Breite Straße. „Du bist mir noch etwas schuldig“, sagt er, und ich weiß das, habe aber längst eine Rezension zu seinem Buch „Augentrost: Ein Stummfilm“ auf Krautnick veröffentlicht. Das haben seine verinternetzten Vertrauten ihm noch gar nicht mitgeteilt, und ich beginne, meine Eindrücke nachzuerzählen, etwa, dass es sich zunächst liest, als trüge sich die Handlung im Zweiten Weltkrieg zu, was mit später fallen gelassenen Wörtern der Jetztzeit negiert wird. Serge ist lachend entsetzt über meine Fehleinschätzung: „Das spielt heute!“ Ja, aber so ist das mit Rezipienten. Serge betont seine Eile und sagt: „Wir reden, wenn ich das gelesen habe!“ Das machen wir.

Auch unsere Tischrunde löst sich auf. Schepper und ich verweilen noch einen Moment an der Einraum-Galerie und schlendern dann an Achims Tante Puttchen vorbei in Richtung Innenstadt. Ein kurzer Schwatz mit Nils von Guidos Pizzeria, dann trennen wir unsere Wege, vorläufig. Spätestens nächste Woche Samstag sehen wir uns im Café MokkaBär wieder, wenn nicht wie heute zufällig im Riptide. Das hat ja jetzt dem Sommer angepasst die Öffnungszeiten verändert, wie angekündigt: Donnerstags bis samstags öffnet das Café wieder schon um 12 Uhr, nur dienstags bis mittwochs bleibt es bei 16 Uhr als Beginn. Draußen sitzen wieder mehr Gäste, auch heute, das Achteck war voll, den Eisheiligen zum Trotz. Wird schon noch, mit dem Sommer!

Matthias Bosenick
www.krautnick.de

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#139 Weltfrieden

8. April 2019


Sonntag, 7. April 2019

Was für ein Geschenk für Aline und Melissa! Ausgerechnet an dem Wochenende, an dem sie den Handelsweg mit ihrer Aktion Frühlingsgestöber verzaubern, zeigt sich der Frühling von seiner frühlingshaftesten Seite: Die Sonne strahlt, es ist warm und es flanieren schubweise bunte Leute durch die Passage. Bei diesem Frühlingsgestöber handelt es sich um eine Art Flohmarkt, der als Plattform für die Handelsweganrainer sowie befreundete Gewerbetreibende gedacht ist. „Wir haben die Händler angeschnackt, habt ihr Lust, mitzumachen, den Handelsweg wieder ein bisschen zu beleben“, erklärt Aline. Die Aktion stellt ein Alternativprogramm zum parallel sattfindenden verkaufsoffenen Sonntag in der Stadt dar, „nachhaltig, Fair Trade, bio“, so Aline, „um lokale, kleine Läden zu unterstützen“.

Doch nicht nur zum Stöbern kommen Leute, es gibt Livemusik und natürlich Verpflegung, Getränke zumeist, zumindest bei Helmut in der Strohpinte und bei Achim im Tante Puttchen. Im Riptide kaufen die Leute zudem Platten, als gäbe es sie dort sonst gar nicht. Die übrigen Flächen im Café und in der Lounge sind mit gebrauchter Kleidung bestückt. Andrea und ich bestellen uns zwei Kaffee und einen Muffin, Spezialangebot zur Aktion. Wir haben die Wahl: Schokolade oder Mandel-Marzipan? Klare Entscheidung von Andrea: „Mannelmassipan“, darin sind wir uns einig, das geht so flott von der Zunge und erfreut sie zudem geschmacklich. Wir treffen Arni, der sich von unserer Muffinwahl zwar inspiriert fühlt, sich aber doch zunächst für ein alkoholfreies Wolters entscheidet. Andrea zieht schon bald wieder weiter, dafür tritt Schepper zu uns. Wir hocken uns auf die Barhocker am Fernsehfenster, das als solches heute gar nicht fungieren kann, weil einer der vielen Aussteller es mit seinen T-Shirts verhängte. Schepper nimmt sich eine Fritz ohne Zucker mit, Arni greift jetzt ebenfalls zu Kaffee und MMM, Mandel-Marzipan-Muffin. Weiß der Geier, wie die beiden darauf kommen, irgendwas über Berichterstattung und so, jedenfalls sagt Arni gerade, „die schönsten Prügeleien vom Wochenende, präsentiert von“, und Schepper schließt nahtlos an mit „aufdiefresse38“.

Jetzt aber raus an die Sonne und zur Mucke. Guckt man nur gelegentlich hin, was man da hört, hat man den Eindruck, es säßen jedes Mal andere Leute auf den Stühlen im Achteck. Sie spielen Bluesrock und heißen eigentlich The Mojo Circus. Eigentlich, erklärt Gitarrist Luca: „Heute haben wir keinen Namen, heute sind wir individuell, eigentlich Mojo Circus, aber die Mädels nicht, heute also Riptide-Freunde.“ Während die Band eigentlich noch spielt, steht er am Rande: „Ich hab schon ein paar Songs gemacht mit meiner Freundin“, erzählt er. „Wir haben uns immer mal wieder abgewechselt.“ Deshalb also der vielfältige Sound – und deshalb der Eindruck von wechselnden Musikern. Er trifft zu.

Das passt zum vielfältigen Publikum, das sich ganz entspannt durch den Handelsweg schlängelt, gelegentlich verweilt, sich in der Musik wiegt, quatscht, austauscht, ausprobiert, stöbert, den Handelsweg mit Leben füllt. Adela und Dirk ermuntern mich dazu, dass wir drei uns gegenüber von Serges Laden von Ferdinand schnellzeichnen lassen, alle auf einem Bild. „Matze rechts, die Frau in der Mitte“, arrangiert Dirk uns drei. Ferdinand nimmt Augenmaß und kündigt an: „Ich mache alle nacheinander.“ Durcheinander wäre auch lustig, oder ein Porträt aus allen dreien. „Dann pass aber auf, wem du welche Haare gibst“, sagt Adela und guckt mir skeptisch auf die hohe Stirn. Mit dem Stillstehen ist es jedoch schwierig, Stef und Sarah begrüßen mich, die nächste Band schiebt ihre Instrumente an uns vorbei. Marian guckt Ferdinand über die Schulter und sieht, dass ich mir Notizen mache: „Zeichnest du Ferdinand auf?“, fragt er. Genau, nur schriftlich! Serge, der gern für seine Bücher auf Ferdinands illustratorische Künste zurückgreift, wirft einen kritischen Blick auf das Ergebnis mit uns Dreien: „Ferdinand, Frauen liegen dir einfach besser.“ Ach was, wir finden es gut!

Auch Chris schlendert durch den Handelsweg, aber komplett undienstlich heute: „Ich bin nur auf ein Stündchen privat hier.“ Marian greift das auf: „Was machst du denn hier, es ist Flohmarkt!“ Und Chris kontert phonetisch ähnlich: „Ich hab den Flow!“

Dirk schwärmt von den veganen Hanfbällchen, die es am Stand der Hanfbar zu verkosten gibt. „Da musst du schnell zugreifen“, sagt er, denn die gehen ganz gut weg. Also hin da. „Wir bieten alle möglichen Produkte rund um Hanf an“, sagt Denise, die den Stand zusammen mit Saskia bedient. Sie zählt auf: „Aufstriche, Pesto – für Nudeln –, Tee, Energy Balls, in Schoko-Sesam und Kokos-Cashew“, und beginnt, mit einem groben Messer auf einem Holzbrett Brot zu schneiden. „Das Brot ist nicht von uns, das ist nur zum Probieren“, sagt Denise. Dirk erinnern die Energy Balls an diejenigen, die Krishna-Jünger früher verteilten, und Adela stellt fest, dass das Messer nicht eben scharf sei, so mühsam, wie Denise das Schneiden zu fallen scheint. „Es geht“, wehrt Denise aber ab, „nur der Tisch ist wackelig, und ich muss aufpassen, dass ich nix umreiße – da habe ich das Talent für.“

Wir wackeln weiter zur Einraumgalerie. Peter lehnt in der Tür, Künstlerin Ulrike sitzt auf der Bank daneben, alle umringt von Kunst und fröhlichen Leuten. „Ein schön peaciger Sonntagnachmittag“, sagt Peter. „Wenn du den Weltfrieden irgendwo suchst, guck mal im Handelsweg Sonntagnachmittag.“ Recht hat er. Er erblickt die Papiertüte mit Ferdinands Bild in Adelas Hand und greift neugierig danach. Etwas enttäuscht jedoch: „Ich dachte, das ist eine Single.“ Adela wehrt ab: „Nee, nur ein Bild.“ Peter nickt: „Genau, erstmal das Cover machen.“ Findet Adela auch: „Das Drinnen ist nicht so wichtig.“ Dirk unterbricht: „Ich bin hungrig.“ Da springt Ulrike von der Bank auf, sagt „oh, ich habe was“, legt die Zigarette zur Seite und schwirrt in die Galerie, aus der sie nur Augenblicke später mit einer Papiertüte zurückkehrt und sich wieder auf die Bank setzt. Wir dürfen uns bedienen, sagt sie, und Dirk ist dankbar: „Ich nehme mir gleich zwei“, sagt er, und fördert zwei Zigarrenböreks zutage.

Stefans Comiculture ist gar nicht geöffnet, an seinem Schaufenster informieren stattdessen Michael und Mareike über die Initiative Ingenieure ohne Grenzen, eingeladen von Marion, die gegenüber den Second-Hand-Kleidungsladen Fifty-Fifty betreibt. „Wir stellen hier unsere Arbeit vor und machen Werbung dafür“, erklärt Michael. Der Kontakt zu Marion ist schon älter: „Wir sind auch bei der Fashion-Börse dabei, die sie organisiert.“ Ingenieure ohne Grenzen sieht er nicht analog zu Ärzte ohne Grenzen: „Wir haben eine andere Zielsetzung, Ärzte ohne Grenzen leisten Soforthilfe, wir Entwicklungszusammenarbeit, Stichwort: Hilfe zur Selbsthilfe.“ Die Initiative sei da um Nachhaltigkeit bemüht. Wie beispielsweise beim Bau einer Zisterne für eine Schule in Balanka in Togo, die die Ingenieure lediglich konstruierten, „gebaut wurde sie von Ehrenamtlichen vor Ort, damit die das weitergeben können“, so Michael. „Uns ist wichtig, dass nicht eine Abhängigkeit entsteht, dass die Leute sich selbst helfen.“ Mareike und Michael gehören der Regionalgruppe Braunschweig an, als einer von 28, 29 Regionalgruppen in Deutschland. „Jede betreut ein eigenes Projekt, unsere ist die Zisterne“, sagt Mareike. Vor Ort sind einige der Ingenieure trotzdem gelegentlich, um Workshops anzubieten, etwa vom richtigen Umgang mit Wasser, insbesondere für Kinder: „Es ist ja eine Schule, wo wir die Zisterne gebaut haben“, sagt Michael. Auch erarbeiten die Ingenieure dann Möglichkeiten für Verbesserungen und Weiterentwicklungen der Projekte.

Die Resonanz vom Handelsweg-Publikum auf den Ingenieursstand ist zwar zielgruppenbedingt verhalten, aber ignoriert fühlen sich Mareike und Michael nicht: „Es haben schon einige Leute nachgefragt“, sagt er. Außerdem verkaufen sie gegen Spenden Taschen, die eine junge Togoerin aus weggeworfenen Trinkwasserbeuteln herstellt. Sie nennt sie KonoLom, was laut Michael so viel bedeutet wie wiederverwerten, recyclen. Selbst sind die beiden im Handelsweg aber nicht fremd: „Wir sind Braunschweiger, wir sind unterwegs“, sagt Michael. Und Mareike ergänzt: „Wir hatten auch schon ein Treffen im Riptide.“

Und gleich soll ja die zweite Band spielen, You Silence I Bird, die ich gern endlich mal persönlich sprechen wollen würde, weil ich kürzlich mit Paul für das Gifhorner Kurt-Magazin ein telefonisches Interview machte. Die Bühne im Achteck ist leer, aber am Gespräch zweier Leute im Publikum erkenne ich, dass einer der beiden zur Band gehören muss. Richtig, Moses bestätigt meine Annahme und führt mich ums Eck, in die Breite Straße, wo Jonas und Paul mit Getränken in der Sonne sitzen. „Wir ziehen uns vor dem Auftritt gern noch zurück“, erklärt Moses. Und ich habe jetzt ein Gesicht zur Stimme von Paul. You Silence I Bird spielen heute „reduziert“, sagt Jonas, und ich vermisse den vierten Mann. „Das Piano ist nicht dabei“, bestätigt Jonas. „Wir spielen ein Straßenhalbakustikset“, formuliert es Moses. Eines, das sich angenehm in die Stimmung der Veranstaltung fügt, chillig, peacig, fließend, und einige Zuschauer tanzen dazu, von Sonne beschienen.

Die Runde ist gemacht, und das noch nicht mal vollständig. Am Stand vom Selbstfilmfest kam ich nur vorbei, und wer da alles noch Schmuck, Kleidung und CDs verkaufte, habe ich gar nicht in aller Ausführlichkeit eruieren können. Ich kehre zurück zu Schepper und Arni und nehme mir noch eine Getränkebestellung von ihnen mit zur Theke. Dort wartet schon ein anderer Paul mit einem Stapel Schallplatten unter dem Arm darauf, bedient zu werden. „Wer bekommt?“, fragt Max. Ich deute auf Paul, doch der sagt: „Mach du, bei mir dauert es länger.“ Zusätzlich zum Vinyl hätte er nämlich noch gern einen Kaffee. Vorn auf dem Stapel erkenne ich eine Maxi-Single von Peter Schilling, Paul nennt noch Supertramp: „Ich beginne eine Sammlung“, sagt er. Er stellt fest, dass heutzutage zwar jede Musik jederzeit online verfügbar sei, aber: „Wenn du etwas von Vinyl auflegest, das berührt hier“, sagt er – und drückt sich seine Faust aufs Herz.

Matthias Bosenick
www.krautnick.de

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